Not looking for a new England

Von Lukas Heinser, 8. Februar 2009 18:45

„Also, Shakespeare hatte auf alle Fälle ’n paar krasse Probleme. Der war bestimmt schwul!“, diagnostizierte ein pickliger 16-Jähriger, der mit seiner ganzen Klasse zum Theaterbesuch genötigt worden war, beim Herausgehen. Was war geschehen?

Als Lehrer – gerade als einer, der sich für seine Schüler interessiert – ist es nicht die schlechteste Idee, mit ihnen eine Inszenierung von David Bösch zu besuchen. Der gerade 30-jährige Regisseur, dessen „Romeo und Julia“ am Bochumer Schauspielhaus mir vor vier Jahren sehr gefallen hat, hat die Popkultur mit so großen Löffeln gefressen, dass auch die angestaubtesten Klassiker bei ihm zu einem bunten, lauten Reigen werden, der gerade die jüngeren Besucher anspricht.

Die allerdings werden bei seinem „Was Ihr wollt“ auch nicht mehr so ganz mitgekommen sein, denn heutige Schüler erkennen weder ein Roy-Black-Medley noch die größten Hits des Jahres 1993, wenn sie ihnen vorgesungen werden. Für sie ist die Jugend ihrer älteren Geschwister (wenn überhaupt) ungefähr so weit weg wie Shakespeares Zeit selbst. Und somit stehen sie doch wieder weitgehend ungebrochen vor dem Werk des Schwans von Avon.

Und damit vor Viola und ihrem Zwillingsbruder Sebastian, die bei einem Schiffbruch getrennt werden. Viola wird in Illyrien angespült, wo der Herzog Orsino seit Jahren der Gräfin Olivia den Hof macht, die wiederum von ihrem Onkel Sir Toby mit dessen Saufkumpan Andrew verkuppelt werden soll und darüber hinaus von ihrem Haushofmeister Malvolio begehrt wird. Viola verkleidet sich mit Hilfe eines Narren als Mann und wird als Cesario Diener bei Orsino, woraufhin sich Olivia in Cesario (also Viola) verliebt.

Wenn man es so aufschreibt, klingt die Geschichte deutlich mehr nach einer Vorabendserie im deutschen Fernsehen als nach Shakespeare, und in der Tat wirkt es auf der Bühne des Essener Grillo-Theaters auch so. Es ist ein unübersichtliches Wirrwarr, bei dem die einzelnen Charaktere am allerwenigsten wissen, was um sie herum passiert. Ob sie deshalb gleich wie Sir Toby und Andrew, die direkt der White-Trash-Hölle eines Hooliganblocks zu entstammen scheinen, betrunken herumkaspern müssen, ist eine gute Frage. Aber Konflikte scheinen im modernen Theater eh daraus zu bestehen, dass Menschen auf einer riesigen Bühne aneinander vorbeirennen.

David Bösch hat viele Details in seine Inszenierung eingebaut. Manche wirken durchdacht, andere nur aufgepfropft. Warum zum Beispiel singt das Dienstmädchen Maria an einer zentralen Stelle ausgerechnet „New England“ (in dem es ja eben nicht um eine gesellschaftliche Utopie wie Illyrien, sondern „just“ um das Finden einer neuen Liebe geht)? Wirklich nur, weil Karsten Riedel, seit längerem Böschs treuer Musikant am Bühnenrand, so ein großer Billy-Bragg-Fan ist? Auch der Umstand, dass Nicola Mastroberardino als Sir Andrew eins zu eins aussieht wie Matt Dillon in Cameron Crowes Kultkomödie „Singles“, kann eine Bedeutung haben. Aber welche?

„Was Ihr wollt“ wirkt wie eine lose Ansammlung von Zitaten, bei der sich der Regisseur nicht so recht entscheiden konnte, was er damit eigentlich bezwecken wollte. Malvolio (Roland Riebeling) ist die groteske Karikatur einer tragischen Figur, die irgendwann nur noch nervt. Inmitten dieser ganzen Überzeichnungen sticht ausgerechnet die Hauptfigur Viola mit einer Unauffälligkeit hervor, die man Sarah Viktoria Frick angesichts der Über-Performance ihrer Kollegen hoch anrechnen muss.

Und so schlingert die Inszenierung an der Zielgruppe vorbei. Dass die Schüler den Kuss zweier Männer mit lautem Ekel kommentieren, während kurz zuvor der Kuss zweier Frauen geräuschlos über die Bühne ging, sagt vielleicht etwas über die jugendlichen Zuschauer aus, aber nichts über das Stück. Aus dem Kreise der Schüler kam dann auch das Todesurteil, dem man sich freilich nicht vollumfänglich anschließen muss: „Ich find das nicht komisch, da guck ich mir lieber Mario Barth an!“

„Was Ihr wollt“ im Schauspiel Essen
Nächste Termine: 13. Februar, 21. März, 4. April

8 Kommentare

  1. Hauke
    8. Februar 2009, 21:45

    Theaterbesuch mit Schulklassen – was kann schöner sein?

    (Genau – ein Besuch bei Mario Barth… schlimmer gehts dann aber auch nichtmehr)

    in diesem Sinne

    ein schöner Artikel.

  2. Sven E.
    9. Februar 2009, 3:38

    Ich versuche mir gerade auszumalen, wie schlecht eine Shakespeare-Aufführung sein muss um tatsächlich schlechter als Mario Barth zu sein. Sollte es wirklich möglich sein, hoffe ich, dass ich eine solche Adaption nie zu Gesicht bekomme.

  3. Stitch
    9. Februar 2009, 10:31

    Och, das deutsche Regietheater ist zu so einigen Verrenkungen in der Lage. Ob das Ergebnis dann unbedingt schlechter als Barth wird, weiss ich nicht, aber einen ähnlichen Grad an Schlechtheit kann es auf jeden Fall erreichen…

  4. ruhrpottjunge
    9. Februar 2009, 11:01

    Ich find’s immer schade, wenn „angestaubte Klassiker“ von irgendwelchen berufsjugendlichen Regisseuren als Anbiederung an ein jugendliches Publikum verschandelt werden.

    Ich glaube übrigens auch, dass die so etwas merken. Die wissen sehr wohl, von wann das ist und was passt und was nicht. Vielleicht könnte eine klassische Inszenierung Wunder wirken – allein schon weil das Publikum vielleicht merkt und zu schätzen weiß, wenn man es ernst nimmt.

  5. Lukas
    9. Februar 2009, 12:03

    Um Gottes Willen: schlechter als Barth war’s nun wirklich nicht. Nur etwas unausgegoren und an der Zielgruppe vorbei (wobei auch etliche Schülerinnen das Stück gut fanden).

    „Berufsjugendlich“ würde ich Bösch auch nicht nennen, 30 ist für einen so erfolgreichen Regisseur tatsächlich noch jung. Auch finde ich sein Vorgehen, Hoch- mit Popkultur zu verbinden, eigentlich gar nicht schlecht (s. sein brillantes „Romeo und Julia“), weil er damit normalerweise auch junge Leute für das Theater begeistern kann. Schwach wird’s erst, wenn die Zitate und Anspielungen unmotiviert wirken.

    Eine klassische Inszenierung würde ich übrigens nicht sehen wollen. Kostümreigen gehören nicht zu dem, was das Theater meiner Meinung nach heutzutage leisten soll.

  6. Britta
    9. Februar 2009, 13:15

    Um klassische Literatur auf der Bühne umzusetzen und einem aktuellen Publikum zugänglich machen zu können, bedarf es eines Regisseurs, der die Materie aus dem Blickwinkel einer neuen Generation verarbeitet. Dass das nicht jedem gefallen kann ist völlig klar, jedoch sollte man nicht vergessen – es wird darüber diskutiert und gesprochen – also bleibt es im Gedächtnis.

  7. Hirngabel
    9. Februar 2009, 13:39

    „Was Ihr wollt“ kann man jedenfalls durchaus vernünftig mit zeitgenössischen Anspielungen inszenieren. War damals auf unserer Schule jedenfalls ein ziemlich großer Erfolg.

    Von daher schade, dass die Inszenierung scheinbar nicht so ganz funktioniert.

    [Und es war immer noch eine meiner absoluten Lieblingsrollen, den Junker Tobias zu spielen, wo ich dann schön mit Bierdosen auf der Bühne stehen und rumpöbeln durfte. =)]

  8. Philip S.
    10. Februar 2009, 2:17

    Und da gibt es Leute die meinen Theater seie schlichtweg ausreichend subventioniert…

    Manche Interpretationen gehen einfach zu weit und klassische Stücke sterben an dem Kompromiss, zwischen modern, aber immernoch Theater.
    Dass Interpreationen für Schulklassen auf Dauer lieblos ausfallen verwundert im Endeffekt wenig…und ich muss irgendwie an die Szene aus dem Anhalter durch die Galaxis denken in der Ford Prefect versucht der Vorgonen Wache etwas über Kultur beizubringen. Ford fällt nichts prägnantes ein außer die ersten paar Töne aus Beethoven’s Fünfter. Die Vorgonen Wache kann damit allein nichts anfangen und bleibt bei dem was es kennt (laut rumbrüllen).

    Schüler in deren ganzen Leben Kultur nur eine Randrolle gespielt hat und hauptsächlich mit Mario Barth (laut Rumbrüllen) aufwachsen lassen sich von ein paar Zeilen Shakespeare nur sehr, sehr schwer begeistern.

    Vielleicht sollte man Schüler einfach erst Douglas Adams lesen lassen bevor man sie auf Shakespeare loslässt.