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Leben Gesellschaft

Die Ursachenvermutung von Köln

Ges­tern hat ein Haus in Köln das getan, was Häu­ser nicht tun soll­ten, wozu sie aber doch immer mal wie­der nei­gen: Es ist ein­ge­stürzt. Über den Ver­such, das Gan­ze medi­al zu fea­turen, habe ich mich bereits in mei­nem Blog auf freitag.de aus­ge­las­sen.

Sta­tis­tisch gese­hen ist die zweit­häu­figs­te Beschäf­ti­gung von Häu­sern nach „Rum­ste­hen“ wohl „Ein­stür­zen“. Die Geschich­te, ja sogar die Lite­ra­tur­ge­schich­te ist voll von Mau­ern, Tür­men und Häu­sern, die ein­ge­stürzt sind. Meis­tens fand sich irgend­ein Grund, der nicht sel­ten recht banal war.

Ges­tern hat­te sich der Staub noch nicht gelegt, da mut­maß­ten die ers­ten Men­schen schon, es kön­ne ja eigent­lich nur am Bau der neu­en Köl­ner U‑Bahn-Linie lie­gen. Es war von Tages­brü­chen die Rede (die sich bis­her nicht bestä­tigt zu haben schei­nen) und von schie­fen Kirch­tür­men.

Nun ist die Geschich­te der Köl­ner Nord-Süd-Bahn tat­säch­lich eine Geschich­te vie­ler, vie­ler Zwi­schen­fäl­le, die die Fra­ge auf­kom­men las­sen, ob da eigent­lich vor­her mal jemand nach­ge­guckt hat, durch was für ein Erd­reich man die Tun­nel zu schla­gen gedenkt und ob das mög­li­cher­wei­se Fol­gen haben könn­te (Grund­was­ser, Ver­drän­gung, man kennt das ja).

Trotz­dem habe ich mit der sofor­ti­gen Schuld­zu­wei­sung so mei­ne Pro­ble­me, was dar­an lie­gen könn­te, dass ich einer Fami­lie ent­stam­me, die seit Gene­ra­tio­nen Land­schaf­ten unter­höhlt und Häu­ser baut. Mil­li­me­ter­brei­te Ris­se in den Wän­den kön­nen die Vor­bo­ten einer nahen­den Kata­stro­phe sein – oder mil­li­me­ter­brei­te Ris­se, die sich bis zur Wie­der­kehr Chris­ti kaum ver­än­dern. Hin­ter­her weiß man es immer genau.

Es ver­wun­dert, dass nie­mand (nicht ein­mal der auf­ge­kratz­te Mode­ra­tor bei n‑tv) die Fra­ge stell­te, ob ein Ter­ror­an­schlag aus­zu­schlie­ßen sei. Immer­hin gäbe es doch gute Grün­de, 2000 Jah­re Stadt­ge­schich­te einer erz­ka­tho­li­schen Stadt, in der im letz­ten Jahr ein Anti-Islam-Kon­gress statt­fin­den soll­te, ein­fach mal so eben weg­zu­pus­ten. Aber Ter­ro­ris­mus, das war die Welt A.O. (Ante Oba­ma), heut­zu­ta­ge hat die Bun­des­re­gie­rung ja ein viel wir­kungs­vol­le­res Schreck­ge­spenst gefun­den, um Grund­rech­te ein­zu­schrän­ken: Kin­der­por­no­gra­phie. Die hat auch den Vor­teil, dass man da nicht mehr mit „Kul­tu­ren“ und „Unter­drü­ckung“ argu­men­tie­ren muss und es selbst in lin­ken Krei­sen unüb­lich ist, damit auch nur heim­lich zu sym­pa­thi­sie­ren. Jeder, der die Ver­brei­tungs­we­ge von Kin­der­por­no­gra­phie nicht bru­talst­mög­lich ein­schrän­ken will, ist selbst ein hal­ber Kin­der­schän­der – sagt zumin­dest Ilse Falk, die ein­zi­ge Poli­ti­ke­rin der Welt, die sich auch heu­te noch traut, Geor­ge W. Bush zu zitie­ren.

Doch zurück zum Ter­ro­ris­mus, zurück zum U‑Bahn-Bau: Nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 sei aus einem Volk von 80 Mil­lio­nen poten­ti­el­len Fuß­ball­bun­des­trai­nern eines von 80 Mil­lio­nen Islam- und Ter­ro­ris­mus­exper­ten gewor­den, hat der Kaba­ret­tist Vol­ker Pis­pers mal gesagt. Heu­te sind es ver­mut­lich 80 Mil­lio­nen Tun­nel­bau-Inge­nieu­re, die alle ganz genau wis­sen, war­um das schief gehen muss­te.

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Musik

Mr. Jones and me

Das zwei­te Rock­kon­zert, das ich in mei­nem Leben besuch­te, war ein Auf­tritt von Tom Jones in der Are­na Ober­hau­sen im Mai 2000. 1

Jones tour­te damals mit sei­nem sehr guten Album „Rel­oad“, das mir unter ande­rem sei­ne Duett-Part­ner Ste­reo­pho­nics und The Divi­ne Come­dy näher­brach­te, und es war genau die Sor­te hoch­pro­fes­sio­nel­le, kom­pro­miss­lo­se Fami­li­en­un­ter­hal­tung, die ich spä­ter auch bei Rob­bie Wil­liams und den Kil­lers bewun­dert habe. 2

Von sei­nen letz­ten Alben habe ich nicht mehr viel mit­be­kom­men, höchs­tens die Nach­richt, dass der wali­si­sche Tiger sein Haupt­haar nicht mehr färbt, war zu mir durch­ge­drun­gen. Aber jetzt war er bei den „Tiny Desk Con­certs“, einer inti­men Kon­zert­rei­he von „All Songs Con­side­red“-Macher Bob Boi­len zu Gast.

Eine etwas über­ra­schen­de Kom­bi­na­ti­on, wie auch Pro­du­zent Robin Hil­ton im Begleit­text zum Mit­schnitt zugibt:

When a publi­cist for Tom Jones cont­ac­ted us and said the sin­ger wan­ted to do a „Big Desk Con­cert“ for us, the thought of Jones‘ rather sub­stan­ti­al voice fil­ling our office left us laug­hing… and dying to do it.

Nur von sei­nem musi­cal direc­tor Bri­an Mon­ro­ney auf der Gitar­re beglei­tet, gibt Jones auch vor ein paar Dut­zend NPR-Mit­ar­bei­tern alles, so als wür­de er gera­de eine rie­si­ge Mehr­zweck­are­na bespie­len. Und doch ist vie­les anders: Statt ein­stu­dier­ter Moves weiß der Mann kaum, wohin mit sei­nen Hän­den; sei­ne Stim­me klingt zwar noch immer voll, bricht aber manch­mal ein biss­chen weg, und statt dem Las-Vegas-erprob­ten Damen­kränz­chen-Bespa­ßer, über den sich alle lus­tig machen, sieht man plötz­lich einen ech­ten Musi­ker vor sich.

Es lohnt sich, das Video mit den vier Songs anzu­se­hen. Vor allem „Green, Green Grass Of Home“ hat bei mir durch­aus für Gän­se­haut gesorgt.

Tom Jones bei den „Tiny Desk Con­certs“

  1. Das ers­te war ein Kon­zert der Prin­zen 1994, das drit­te – und da nähern wir uns dem Begriff „Rock­kon­zert“ – eines der Smas­hing Pump­kins.[]
  2. Jones mach­te das damals mehr als 30 Jah­re, von Rob­bie Wil­liams hat man län­ger nichts gehört.[]
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Digital Print

Der „Spiegel“ muss in Zweifelhaft

Natür­lich sieht das immer ein biss­chen komisch aus, wenn man den eige­nen Arbeit­ge­ber lobt, aber die­ses Titel­bild hät­te ich auch dann gut gefun­den, wenn ich nicht stu­den­ti­sche Hilfs­kraft beim „Frei­tag“ wäre:

Merkels neues Gesicht

Frü­her hät­te man sol­che Titel­gra­fi­ken auf dem „Spie­gel“ gefun­den – und da wäre die Umset­zung zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch noch ein biss­chen bes­ser gewe­sen.

Aber der „Spie­gel“ ist schon lan­ge das, was offen­bar jede Medi­en­le­gen­de hier­zu­lan­de („Tages­schau“, das „Mit­tags­ma­ga­zin“ auf WDR 2, Tho­mas Gott­schalk, Harald Schmidt) wer­den muss: ein Schat­ten sei­ner selbst. Und des­halb sieht sein Cover heu­te so aus:

Fremde Freunde - Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen

Ob und inwie­fern social net­works unser Leben und unse­ren Umgang mit­ein­an­der beein­flus­sen, ist ja ein The­ma, an dem ich mich das ein oder ande­re Mal abzu­ar­bei­ten ver­sucht habe.

Mein grund­sätz­li­ches Inter­es­se war aber bei der Über­schrift (ein Wun­der, dass sie nicht „Fal­sche Freun­de“ lau­te­te) recht schnell ver­raucht. Ich muss­te den Arti­kel aber gar nicht erst lesen und mich dar­über auf­re­gen, denn bei­des hat Tho­mas Knü­wer dan­kens­wer­ter­wei­se schon über­nom­men.

PS: Mar­kus Becke­dahl von netzpolitik.org hat­te schon ges­tern auf den Arti­kel ver­wie­sen und ihn für nicht ganz so schei­ße befun­den. Er ver­weist zusätz­lich auf ein Inter­view mit dem Lei­ter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, in dem die­ser sich mit der Aus­sa­ge zitie­ren lässt, er sei „so gut wie gar nicht im Netz unter­wegs“ und kön­ne des­halb kei­ne gute Web­site emp­feh­len.

PPS: Ich habe ges­tern mit einer Über-Sieb­zig­jäh­ri­gen Ver­wand­ten tele­fo­niert, die mei­nes Wis­sens noch nie vor einem Com­pu­ter geses­sen hat, und die trotz­dem eine sehr viel dif­fe­ren­zier­te­re und posi­ti­ve­re Mei­nung zu Blogs (sie benutz­te wirk­lich das Wort „Blog“) und Inter­net hat­te, als ich sie beim „Spie­gel“ je erlebt habe.

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Alltägliche, aber allerliebste Alliterationen

Viel­leicht muss ich dem­nächst noch ein Toch­ter­blog auf­ma­chen: das für schö­ne Über­schrif­ten.

Nach­dem die Lokal­re­dak­teu­re aus Dins­la­ken letz­te Woche gut vor­ge­legt hat­ten, woll­ten die Zei­tungs­ma­cher einer ande­ren Stadt nicht hint­an­ste­hen:

Bald blühen bunte Blumen

Wo man der­art lieb­li­che Stab­rei­me mit „B“ aus dem Ärmel schüt­telt?

Na, in Bochum natür­lich!

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Bringing Down The House

Als im letz­ten Jahr mit dem Bar­Cam­pRuhr in Essen das ers­te Bar­Camp für das Ruhr­ge­biet statt­fand, stand das alte Kar­stadt-Stamm­haus noch zum Teil.

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Foto: Frei­ga­be von nero­tu­nes

Eini­ge Zeit spä­ter wur­de das Gebäu­de dem Erd­bo­den gleich gemacht. Auf­ge­zeich­net wur­de das Gan­ze von einer auf dem Dach des Unper­fekt­hau­ses ste­hen­den Kame­ra, die Bil­der wur­den jetzt in einen Zeit­raf­fer­film ver­wan­delt. Bis Minu­te 1:30 pas­siert rela­tiv wenig, danach geht’s aber ab.

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In vier Wochen fin­det das zwei­te Bar­Cam­pRuhr wie­der im Unper­fekt­haus statt, in die­sem Jahr wer­den die Teil­neh­mer nicht mehr auf das alte Kar­stadt-Haus schau­en, son­dern auf die Bau­stel­le der zwei­ten Hälf­te des Ein­kaufs­zen­trum am Lim­be­cker Platz.

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Musik

Die Kilians-Festspiele 2009 sind eröffnet

Kilians beim Haldern Pop 2008.

Das groß­ar­tigs­te Urteil, das ich je über die Kili­ans gehört oder gele­sen habe, ist die­ses hier:

Das ist die lang­wei­ligs­te auf­ge­setz­te Lan­ge­wei­le die ich seit lan­gem gese­hen UND gehört habe.

Immer­hin passt das Video in sei­ner auf­ge­styl­ten rough­ness, die die ange­schraub­te Weh­mut die­ser jam­mer­lap­pi­gen Luschen unter­streicht zur Seie­rig­keit des Songs.
Trotz­dem: Why?
Nie­mand wird gezwun­gen, Musik zu machen und es gibt vie­le Wege, die schmerz­haf­te Abwe­sen­heit von Per­sön­lich­keit, Cha­ris­ma und Talent zu kom­pen­sie­ren.
Macht doch was mit Holz oder im sozia­len Bereich oder betrinkt euch. Habt Sex, bloggt, wech­selt mal den Stadt­be­zirk oder den Arzt oder, der Song­ti­tel legt es nah: geht nach Hau­se!

Die­se Wor­te ent­stam­men einem Kom­men­tar von Tan­ja Haeus­ler bei Spree­blick und obwohl ich mich ihr natür­lich nicht anschlie­ßen kann, fin­de ich die­sen klei­nen Aus­bruch sehr sym­pa­thisch. Allein schon, weil Tan­ja die Band offen­bar ein­fach so doof fand und sie nicht den Umweg über Dins­la­ken, Thees Uhl­mann oder die Strokes gehen muss­te.

Ich kann mich in kei­ner Wei­se objek­tiv über die Kili­ans äußern: Ich ver­eh­re die Band län­ger, als ich mit ihren Mit­glie­dern befreun­det bin, ich war schon mal mit auf Tour und ich habe dar­über­hin­aus auch noch die Band­in­fo zum neu­en Album geschrie­ben. (Es ist übri­gens eine sehr inter­es­san­te Erfah­rung, eige­ne For­mu­lie­run­gen plötz­lich in den Mel­dun­gen irgend­wel­cher Musik­ma­ga­zi­ne zu lesen.)

Ges­tern Vor­mit­tag habe ich die neue Sin­gle „Said And Done“ zum ers­ten Mal im Radio gehört (natür­lich auf CT das radio), ges­tern Nach­mit­tag war dann Video­pre­mie­re (sowas fin­det mitt­ler­wei­le im Inter­net statt) und jetzt ist das Video auch schon offi­zi­ell bei You­Tube online:

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Ja, das ist durch­aus pop­pi­ger gewor­den. Klingt wie die klei­ne, nied­li­che Schwes­ter von „When Will I Ever Get Home“. Mich erin­nert der Song auch ein wenig an die Shout Out Louds, Star­sail­or und Fee­der. Auch das Video ist noch eine Spur opu­len­ter aus­ge­fal­len als die bis­he­ri­gen – Occi­dent-Bas­sist Ben­ja­min Klimc­zak fühl­te sich glatt an den Clip zu „Novem­ber Rain“ erin­nert, was mich aller­dings ein biss­chen rat­los zurück­lässt.

Ver­su­chen wir es trotz­dem für einen Moment mit der Objek­ti­vi­tät: Ja, das ist ein tol­ler Song, der auch bei jeder ande­ren Band toll gewe­sen wäre. Und nach allem, was ich bis­her vom neu­en Album gehört habe (natür­lich unter den übli­chen Sicher­heits­vor­keh­run­gen und Straf­an­dro­hun­gen), bin ich mir sicher: da wird auch eini­ges gehen.

Charts? War­um nicht? Am 27. März erscheint die Sin­gle, am 3. April das Album „They Are Cal­ling Your Name“.

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Musik

Kinder, die Charts sind gar nicht so schlimm!

Vor genau einem Jahr hat­te das taz-Pop­b­log über die „schlech­tes­ten Charts aller Zei­ten“ berich­tet – und für­wahr: mit Schnuf­fel auf 1, 3 mal DJ Ötzi und 2 mal De Höh­ner in den Top 20 klang das tat­säch­lich eher nach der irren Phan­ta­sie eines akus­ti­schen Sadis­ten als nach irgend­was, was ent­fernt mit Musik zu tun gehabt hät­te.

Neu­lich stieß ich dann ver­se­hent­lich beim Zap­pen auf eine Viva-Sen­dung, in der fünf okay bis groß­ar­ti­ge Songs hin­ter­ein­an­der lie­fen: „Human“ von den Kil­lers, „Allein allein“ von Polar­kreis 18, „Hot N Cold“ von Katy Per­ry, „Dance With Some­bo­dy“ von Man­do Diao und „Bro­ken Strings“ von James Mor­ri­son und Nel­ly Fur­ta­do. Wie sich her­aus­stell­te, hat­te ich gera­de die Top 5 der deut­schen Sin­gle­charts gese­hen.

Die deutschen Single- und Albumcharts.

Dass all das, was mal „Indie“ war, inzwi­schen Main­stream ist, wis­sen wir spä­tes­tens seit Cold­play, My Che­mi­cal Romance und Franz Fer­di­nand. Trotz­dem war ich hoch­gra­dig über­rascht, als im ver­gan­ge­nen Herbst „Allein allein“ über Wochen Platz 1 der deut­schen Charts blo­ckier­te. Gewiss: Der Mar­ke­ting­auf­wand (Trai­ler­mu­sik für das „TV Total Turm­sprin­gen“ und „Kra­bat“, mas­si­ver Air­play bei MTVi­va) war hoch gewe­sen, hat­te sich aber offen­bar aus­ge­zahlt und aus dem eins­ti­gen Indie-Geheim­tipp Polar­kreis 18 qua­si über Nacht eine gro­ße Num­mer gemacht, die beim „Bun­des­vi­si­on Song Con­test“ prompt Platz 2 hin­ter dem unein­hol­ba­ren Peter Fox beleg­te. 1

Man­do Diao schlu­gen mit „Dance With Some­bo­dy“ auf Platz 3 der deut­schen Sin­gle­charts ein und gin­gen dann auf 2, wo sie sich seit fünf Wochen hal­ten, wäh­rend ihr Album „Give Me Fire“ wie selbst­ver­ständ­lich auf Platz 1 lan­de­te. Zwar wer­den sie ver­mut­lich nächs­te Woche von U2 ver­drängt wer­den, aber mit Peter Fox, Bruce Springsteen und Mor­ris­sey sieht es auf den fol­gen­den Rän­gen auch gar nicht so schlecht aus. Lily Allen steht plötz­lich in den deut­schen Top 20, die Kil­lers schaff­ten es mit „Day & Age“ auf Platz 8 – und lagen damit zwei Plät­ze hin­ter der bes­ten Plat­zie­rung von „Sam’s Town“.

Völ­lig gro­tesk wird es, wenn man sich das Track­lis­ting der aktu­el­len „Bra­vo Hits“ 2 ansieht: Man­do Diao, The Kil­lers, Razor­light, Snow Pat­rol, Cold­play, Franz Fer­di­nand, Kings Of Leon, MGMT, Deich­kind, Ingrid Micha­el­son und Peter Fox tum­meln sich da zwi­schen Queens­ber­ry, Brit­ney Spears, The Ras­mus und Sido. 3

Hat die Jugend plötz­lich Musik­ge­schmack 4 oder ist irgend­was ande­res pas­siert?

Ver­mut­lich han­delt es sich um eine Mischung aus Bei­dem: Wäh­rend sich Tei­le der Jugend Songs ent­we­der an den Zähl­wer­ken von Media Con­trol vor­bei beschafft oder als Klin­gel­ton kauft, 5 kau­fen ein ande­rer Teil und vie­le älte­re Men­schen – wobei ich in die­sem Fall schon zu den „Älte­ren“ gehö­re – plötz­lich Man­do-Diao-Sin­gles bei iTu­nes und ver­schafft den Schwe­den somit mal eben einen Platz knapp hin­ter der Chart­spit­ze.

Treue Fans kau­fen nach wie vor die Alben ihrer Lieb­lings­bands (wes­we­gen Tom­te in der ers­ten Woche auf Platz 9 der Album­charts knal­len), Musik­fern­se­hen gibt es in Deutsch­land ja eh kei­nes mehr, die Haupt­ver­brei­tungs­ka­nä­le für neue Musik hei­ßen You­Tube und MySpace, zahl­rei­che eher alter­na­ti­ve Acts lau­fen im Radio rauf und run­ter, und so kommt eines zum Ande­ren und am Ende sehen die Charts eben aus, als habe jemand den Indie-Bal­ler­mann über den Top 10 aus­ge­gos­sen.

Wobei wir uns da nicht ver­tun soll­ten: Man­do Diao erschie­nen schon immer bei einem Major (frü­her EMI, jetzt Uni­ver­sal), Lily Allen hat­te schon bei einer EMI-Toch­ter unter­schrie­ben, als ihr MySpace-Hype los­ging, und von den „ech­ten“ Indie-Acts ver­kau­fen nicht mal gro­ße Namen wie …And You Will Know Us By The Trail Of Dead in Deutsch­land viel mehr als 10.000 Exem­pla­re. Das mit der Nach­wuchs­för­de­rung ist hier­zu­lan­de nach wie vor Glücks­sa­che und leben kön­nen die aller­we­nigs­ten Musi­ker von ihrer Musik allein.

Aber für den Moment kön­nen wir uns ja ein­fach mal freu­en, wenn die Charts mal nicht die schlech­tes­ten aller Zei­ten sind.

  1. Wenn ich bei den Recher­chen nichts über­se­hen habe, war „Allein allein“ übri­gens der ers­te Num­mer-Eins-Hit einer deut­schen, aber eng­lisch­spra­chi­gen Band seit „Wind Of Chan­ge“ 1991 „Lemon Tree“ 1996 – trotz sei­nes deut­schen Titels.[]
  2. Num­mer 64, that is.[]
  3. Wun­dern Sie sich aber nicht zu stark: auf „Bra­vo Hits 52“ waren Tom­te und Wir Sind Hel­den ver­tre­ten.[]
  4. Also das, was wir als arro­gan­te Musik­snobs mit „Musik­ge­schmack“ gleich­set­zen: unse­ren.[]
  5. Bit­te wer­fen Sie einen Blick in die Klin­gel­ton­charts, um rasch auf den har­ten Boden der Tat­sa­chen zurück­zu­keh­ren![]
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Gesellschaft

Haben Sie das auch in braun?

Über den gan­zen Oba­ma-Wahn hät­te ich fast ver­ges­sen, dass wir in die­sem Blog ja noch eine ganz ande­re Lis­te am Lau­fen hat­ten: die der Nazi-Ver­glei­che.

Und weil in der Katho­li­schen Kir­che das The­ma Holo­caust grad so herz­lich ver­han­delt wird, dass ein wei­te­rer faux­pas in die­ser Rich­tung kaum auf­fal­len dürf­te, hat sich der Augs­bur­ger Bischof Wal­ter Mixa (den wir lus­ti­ger­wei­se schon mal in die­ser Rubrik begrü­ßen durf­ten) halt ein biss­chen aus dem Fens­ter gelehnt und gesagt, dass ja inzwi­schen wohl mehr Kin­der abge­trie­ben wor­den als Juden ver­gast wor­den sei­en. (Natür­lich hat er das hin­ter­her ganz anders gemeint: Die „Nen­nung der unter­schied­li­chen Zah­len in ver­schie­de­nen Sach­zu­sam­men­hän­gen“ sei „kei­ne Rela­ti­vie­rung des Holo­causts“, wie ein Bis­tums­spre­cher erklär­te.)

Ja, hui – und seit Erfin­dung des Rades dürf­te die Zahl der Ver­kehrs­to­ten welt­weit auch bei über sechs Mil­lio­nen lie­gen. Und?

Viel­leicht schie­be ich mein Buch­pro­jekt „Schlim­mer als Hit­ler­krebs“ erst­mal auf die lan­ge Bank und bie­te Rhe­to­rik­se­mi­na­re für katho­li­sche Wür­den­trä­ger an. Das scheint ein ech­ter Wachs­tums­markt zu sein.

[Mit Dank an Felix D. für den Hin­weis]

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Unterwegs

Oslog (7)

Kom­men wir nun zu einem abschlie­ßen­den Nach­klapp zum by:Larm-Festival und dem damit ver­bun­de­nen Oslo-Trip:

How to look at by:Larm (Montage: Lukas Heinser)

Eigent­lich hät­te ich so durch die Gegend lau­fen müs­sen, denn gro­tes­ke Napo­le­on-Dyna­mi­te-Bril­len und Iro­nie-Schnauz­bär­te schei­nen im Moment der Ren­ner unter den Musik-nahen Skan­di­na­vi­ern zu sein. Ansons­ten mach­ten die­se aber einen ganz nor­ma­len und höf­li­chen Ein­druck.

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Print

Versackzentrum

Beim gro­ßen Dins­la­ke­ner Kar­ne­vals-Über­schrif­ten-Wett­be­werb war die „Rhei­ni­sche Post“ bekannt­lich vor­ges­tern in Füh­rung gegan­gen.

Das konn­te die „Neue Rhein Zei­tung“ natür­lich nicht auf sich sit­zen las­sen und leg­te heu­te nach:

Architektur: In der Altstadt versackt. NRZ, Niederrhein, 25.02.2009, Andreas Gebbink

Aber auch hier gilt wie­der: Alles ganz anders gemeint.

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Musik

Ein Kessel Buntes

Mal ein kur­zes Update, was mei­ne Lieb­lings­künst­ler eigent­lich so im Moment machen:

Star­sail­or ver­öf­fent­li­chen am 9. März ihr vier­tes Album „All The Plans“, die Vor­ab­sin­gle „Tell Me It’s Not Over“ ist bereits eine Woche frü­her erhält­lich.

Beson­ders cra­zy: Bran­don Flowers von den Kil­lers hat einen „Remix“ des Songs ange­fer­tigt (er hat ein biss­chen Hall und Effek­te in den Hin­ter­grund gemischt und beim Refrain mit­ge­sun­gen), der bereits jetzt ver­füg­bar ist – und zwar kos­ten­los.

[via visions.de]

***

Sin­gle-Down­loads haben ja schon vie­le Bands und Künst­ler ver­schenkt, aber nur weni­ge so schlicht wie Phoe­nix: Bit­te ein­mal auf die Web­site gehen, die Ani­ma­ti­on laden las­sen und „1901“ her­un­ter­la­den. Ganz ohne Regis­trie­rung, E‑Mail-Adres­se oder Fin­ger­ab­druck.

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Tom­te

haben „Wie sieht’s aus in Ham­burg?“ als drit­te Sin­gle aus ihrem Album „Heu­re­ka“ aus­ge­kop­pelt und mit einem Video ver­se­hen:

Hier kli­cken, um den Inhalt von Vimeo anzu­zei­gen.
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TOMTE – Wie siehts aus in Ham­burg from Kay Otto on Vimeo.

[via Tom­te Blog]

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Ein Video gibt’s auch zu „Love Etc.“, der neu­en und lei­der nicht sehr guten Sin­gle der Pet Shop Boys:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
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Bereits vor zwei Wochen hat­te EMI den Song bei You­Tube ein­ge­stellt – und weil es damals noch kein Video gab, lief zur Musik eben eine schlich­te Ani­ma­ti­on des Album­art­works. Falls noch jemand Fra­gen hat­te, was die wich­tigs­te Anlauf­sta­ti­on zum Musik­hö­ren ist …

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Film Musik

Nimm mein Mixtape, Babe

Die Neun­zi­ger sind ein trau­ri­ges Jahr­zehnt, denn sie muss­ten ohne die ganz gro­ßen, prä­gen­den Teen­ager-Fil­me aus­kom­men. Allen­falls „Ame­ri­can Pie“ (von 1999) hat­te einen ver­gleich­ba­ren Ein­fluss auf die Pop­kul­tur wie „Say Any­thing“, „Fer­ris Bueller’s Day Off“, „Fast Times At Rid­ge­mont High“ oder „Six­teen Cand­les“. Vor allem hat­ten die Neun­zi­ger kei­nen John Cusack.

Oh, glück­li­che Nuller, denn die haben Micha­el Cera, der in „Super­bad“ schon von erstaun­li­cher Lloyd-Dobler-Haf­tig­keit war, der in „Juno“ die Rol­le des lie­bens­wer­ten, höf­li­chen Jun­gen ohne Eigen­schaf­ten erneut spiel­te und jetzt mit gera­de mal 20 schon sein „High Fidelity“-Pendant dre­hen durf­te: „Nick and Norah’s Infi­ni­te Play­list“.

Nick ist ein Schü­ler, der nicht über die Tren­nung von sei­ner Freun­din Tris hin­weg­kommt, ihre Mail­box voll­quas­selt und ihr unab­läs­sig Mix-CDs brennt. 1 Die CDs, die Tris weg­wirft, sam­melt Norah (Kat Den­nings) ein und ver­liebt sich über die Musik in den ihr unbe­kann­ten Absen­der. Dann tref­fen sich die Bei­den erst­mals in der Rea­li­tät, mögen sich nicht, stol­pern durch eine chao­ti­sche Nacht und Rich­tung Hap­py End.

Ich weiß nicht, wann ich das letz­te Mal das Gefühl hat­te, dass bei einem Film von der Atmo­sphä­re über die Dar­stel­ler bis zur Musik alles stimmt, aber das Dreh­buch lei­der völ­li­ger Quark ist. Viel­leicht bei Came­ron Cro­wes „Eliza­beth­town“ und ein biss­chen bei „Gar­den Sta­te“. 2 Man kann im Sin­ne der Dreh­buch­au­to­ren eigent­lich nur hof­fen, dass da ein Zwei­stün­der ganz bru­tal auf 89 Minu­ten zusam­men­ge­kürzt wur­de, denn vie­les passt nicht so recht zusam­men und gera­de das Ver­hal­ten der bei­den Haupt­per­so­nen wirkt oft völ­lig unmo­ti­viert.

„Nick and Norah’s Infi­ni­te Play­list“ 3 ist trotz­dem ein wun­der­ba­rer Film – und das liegt an allem, was nicht Dreh­buch ist. 4 Für einen Musik­lieb­ha­ber 5 sind der Film und sein Sound­track 6 wie ein Besuch bei Freun­den: Vie­le kennt man schon und die ande­ren sind auch nett. Bishop Allen tre­ten live auf und Deven­dra Ban­hart latscht als Super­markt-Kun­de durchs Bild, dazu kom­men Songs von unter ande­rem Vam­pi­re Weekend, The Dead 60s, We Are Sci­en­tists, Shout Out Louds, Band Of Hor­ses und Rogue Wave.

Die Schau­spie­ler spie­len ihre Cha­rak­te­re auf eine für einen Tee­nie-Film über­ra­schend zurück­hal­ten­de und damit sehr ange­neh­me Art. New York zeigt sich abseits der 5th-Ave­nue-Kli­schees von sei­ner sym­pa­thischs­ten Sei­te. Und hat­te ich erwähnt, wie groß­ar­tig die gan­ze Atmo­sphä­re ist?

Und so kommt es, dass ich ein paar Stun­den nach dem Kino­be­such ((Und beim Hören des Sound­tracks, den iTu­nes freund­li­cher­wei­se auch nach Laden­schluss noch vor­rä­tig hat­te.) mit woh­li­ger Erin­ne­rung an einen Film zurück­den­ke, wäh­rend des­sen Sich­tung ich fast die Lein­wand ange­schrien hät­te, um die Autoren zu ver­flu­chen.

Bil­ly Wil­der hat ein­mal gesagt, für einen guten Film brau­che man drei Din­ge: 1. Ein gutes Dreh­buch, 2. Ein gutes Dreh­buch und 3. Ein gutes Dreh­buch. Ich wür­de dem Meis­ter nie wider­spre­chen, aber viel­leicht ist „Nick and Norah’s Infi­ni­te Play­list“ ja ein­fach die Aus­nah­me, die die Regel bestä­tigt.

Trai­ler
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  1. Ein bizar­rer Ana­chro­nis­mus – sowohl Mix­tapes als auch MP3-Lis­ten wür­de man ver­ste­hen, aber CDs?![]
  2. Des­sen Dreh­buch aller­dings nicht völ­li­ger Quark, son­dern nur ein biss­chen unstruk­tu­riert war.[]
  3. Oder „Nick und Norah – Sound­track einer Nacht“, wie der eher so mit­tel­gu­te deut­sche Titel lau­tet.[]
  4. Das Dreh­buch hat übri­gens auch ein paar hüb­sche Ein­fäl­le an den Rän­dern, aber die zen­tra­le Hand­lung ist halt völ­lig ver­un­glückt.[]
  5. Oder auch Musik­nerd.[]
  6. Im Abspann wer­den 37 Songs auf­ge­führt, nur ein paar weni­ger als bei „High Fide­li­ty“ und „Almost Famous“.[]