Nimm mein Mixtape, Babe

Von Lukas Heinser, 25. Februar 2009 0:09

Die Neunziger sind ein trauriges Jahrzehnt, denn sie mussten ohne die ganz großen, prägenden Teenager-Filme auskommen. Allenfalls „American Pie“ (von 1999) hatte einen vergleichbaren Einfluss auf die Popkultur wie „Say Anything“, „Ferris Bueller’s Day Off“, „Fast Times At Ridgemont High“ oder „Sixteen Candles“. Vor allem hatten die Neunziger keinen John Cusack.

Oh, glückliche Nuller, denn die haben Michael Cera, der in „Superbad“ schon von erstaunlicher Lloyd-Dobler-Haftigkeit war, der in „Juno“ die Rolle des liebenswerten, höflichen Jungen ohne Eigenschaften erneut spielte und jetzt mit gerade mal 20 schon sein „High Fidelity“-Pendant drehen durfte: „Nick and Norah’s Infinite Playlist“.

Nick ist ein Schüler, der nicht über die Trennung von seiner Freundin Tris hinwegkommt, ihre Mailbox vollquasselt und ihr unablässig Mix-CDs brennt.1 Die CDs, die Tris wegwirft, sammelt Norah (Kat Dennings) ein und verliebt sich über die Musik in den ihr unbekannten Absender. Dann treffen sich die Beiden erstmals in der Realität, mögen sich nicht, stolpern durch eine chaotische Nacht und Richtung Happy End.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, dass bei einem Film von der Atmosphäre über die Darsteller bis zur Musik alles stimmt, aber das Drehbuch leider völliger Quark ist. Vielleicht bei Cameron Crowes „Elizabethtown“ und ein bisschen bei „Garden State“.2 Man kann im Sinne der Drehbuchautoren eigentlich nur hoffen, dass da ein Zweistünder ganz brutal auf 89 Minuten zusammengekürzt wurde, denn vieles passt nicht so recht zusammen und gerade das Verhalten der beiden Hauptpersonen wirkt oft völlig unmotiviert.

„Nick and Norah’s Infinite Playlist“3 ist trotzdem ein wunderbarer Film — und das liegt an allem, was nicht Drehbuch ist.4 Für einen Musikliebhaber5 sind der Film und sein Soundtrack6 wie ein Besuch bei Freunden: Viele kennt man schon und die anderen sind auch nett. Bishop Allen treten live auf und Devendra Banhart latscht als Supermarkt-Kunde durchs Bild, dazu kommen Songs von unter anderem Vampire Weekend, The Dead 60s, We Are Scientists, Shout Out Louds, Band Of Horses und Rogue Wave.

Die Schauspieler spielen ihre Charaktere auf eine für einen Teenie-Film überraschend zurückhaltende und damit sehr angenehme Art. New York zeigt sich abseits der 5th-Avenue-Klischees von seiner sympathischsten Seite. Und hatte ich erwähnt, wie großartig die ganze Atmosphäre ist?

Und so kommt es, dass ich ein paar Stunden nach dem Kinobesuch ((Und beim Hören des Soundtracks, den iTunes freundlicherweise auch nach Ladenschluss noch vorrätig hatte.) mit wohliger Erinnerung an einen Film zurückdenke, während dessen Sichtung ich fast die Leinwand angeschrien hätte, um die Autoren zu verfluchen.

Billy Wilder hat einmal gesagt, für einen guten Film brauche man drei Dinge: 1. Ein gutes Drehbuch, 2. Ein gutes Drehbuch und 3. Ein gutes Drehbuch. Ich würde dem Meister nie widersprechen, aber vielleicht ist „Nick and Norah’s Infinite Playlist“ ja einfach die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Trailer
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  1. Ein bizarrer Anachronismus — sowohl Mixtapes als auch MP3-Listen würde man verstehen, aber CDs?! []
  2. Dessen Drehbuch allerdings nicht völliger Quark, sondern nur ein bisschen unstrukturiert war. []
  3. Oder „Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“, wie der eher so mittelgute deutsche Titel lautet. []
  4. Das Drehbuch hat übrigens auch ein paar hübsche Einfälle an den Rändern, aber die zentrale Handlung ist halt völlig verunglückt. []
  5. Oder auch Musiknerd. []
  6. Im Abspann werden 37 Songs aufgeführt, nur ein paar weniger als bei „High Fidelity“ und „Almost Famous“. []

20 Kommentare

  1. Kunar
    25. Februar 2009, 1:25

    „High Fidelity“ ist aus dem Jahr 2000, was streng genommen noch 90er ist. Außerdem gab es in dem Jahrzehnt den Film „Eiskalte Engel“ mit ganz hervorragenden Liedern. Stilprägend für die 1990er war auch der Soundtrack von „Pulp Fiction“.

  2. Lukas
    25. Februar 2009, 1:30

    „High Fidelity“ ist aber doch wohl eher ein Thirtysomething-Film für die mitgealterte „Say Anything“-Generation (so wie „Singles“ ein Twentysomething-Film ist), oder?

  3. blavont
    25. Februar 2009, 6:58

    is so, lukas

  4. matthias
    25. Februar 2009, 7:43

    Gut zusammengefaßt, hab den Film zufällig im Flieger gesehen und genau das gleiche gedacht.

  5. Johanna
    25. Februar 2009, 8:26

    Habe mich grade in den Trailer verliebt!!!
    Bin auch nicht so anspruchsvoll, was Drehbücher angeht… mit Elizabethtown hatte ich z. B. keine Probleme.

  6. BAM!
    25. Februar 2009, 11:37

    Garden State, hach ja. Schade, dass ich ihn kurz vor dem Ende immer ausmachen muss.

    (Besten Dank für den Tipp)

  7. Sebastian S.
    25. Februar 2009, 11:45

    Ich fand Kids schon sehr prägend, wenn man das Genre Teenie-Film mal ein wenig weiter als locker-flockig fasst. Der hat die 90er unglaublich gut und für mich nachvollziehbar eingefangen, obwohl er in New York spielt.

    Aber wart’s nur ab, wir kriegen noch unser Whigfield-Biopic!

  8. Susanne
    25. Februar 2009, 12:31

    Ich persönlich mochte ja „Reality Bites“ sehr gerne, der müsste doch aus den 90ern sein…

  9. Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative
    25. Februar 2009, 12:58

    Burn, Baby…

    Der Lukas hat “Nick and Norah’s Infinite Playlist” gesehen* und eine nur so mittelmotivierende Kritik geschrieben. In einer Fußnote bezeichnet er dabei Mix-CDs als “bizarren Anachronismus”, und dem muss ich mal energisch …

  10. Christian
    25. Februar 2009, 16:09

    Also ich mache sehr gerne Mix-CDs. Klar, Tapes sind geiler, aber bevor ich eine Playlist mache – immer noch lieber eine Mix-CD. Außerdem kann man da auch wieder schön Cover basteln.

  11. Nick and Norah’s Infinite Playlist 7/10 « Stern liest ab und an Foucault
    26. Februar 2009, 0:21

    […] Coffeandtv hatte den Film Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht – empfohlen, drum nahm ich mir Zeit und sah ihn mir auch an. […]

  12. Fred
    26. Februar 2009, 0:50

    „Ein bizarrer Anachronismus — sowohl Mixtapes als auch MP3-Listen würde man verstehen, aber CDs?!“

    Ja nee, is klar. Welche Uschi von heute hat denn noch nen Walkman rumliegen?

    „Du….äh….ich….ähm….also ich hab dir hier mal ein….naja….ein Mixtape, von dem ich dachte….naja ich weiss auch nicht……ähm……also…….vielleicht gefällt’s dir ja. Aber vorsicht mit dem Band, das leiert schon ein bisschen!“

    Und wie peinlich ist es denn bitte, mit ein paar Dateien um die Ecke zu kommen? Neenee, so ’ne handgebrannte CD mit schickem Cover macht da eindeutig mehr her und das Ding bekommt SIE nun wirklich überall zum Laufen.

  13. Fred
    26. Februar 2009, 0:56

    Ach, und wehe es kommt einer mit dem Hinweis, dass viele Musik-CD im Grunde auch nur Dateien enthalten.

  14. Lukas
    26. Februar 2009, 1:08

    @Susanne: Was ist eigentlich so unverständlich an dem von mir verwendeten Wort „Teenager-Film“? „Reality Bites“ ist doch auch eher über Twenty- bis Thirtysomethings, oder?

    @Fred:

    Welche Uschi von heute hat denn noch nen Walkman rumliegen?

    Du kennst die falschen Frauen. ;-)

  15. Kunar
    2. März 2009, 22:13

    Als ich „High Fidelity“ gesehen habe, war ich noch lange in meinen 20ern. Kann also kein reiner Film für die Ü30-Fraktion sein.

    Ganz vergessen in der Aufzählung der Filme aus den 1990ern: „Romeo + Juliet“. Der Soundtrack enthält Radiohead, The Cardigans und Garbage.

  16. Lukas
    3. März 2009, 1:02

    @Kunar: Ich war 16. Aber John Cusack nicht mehr.

    Habt Ihr Euch eigentlich abgesprochen oder ist meine Auffassung des Begriffs „Teenager-Film“ (gerade in räumlicher Nähe zu den expliziten Beispielen „Say Anything“, „Ferris Bueller’s Day Off“, „Fast Times At Ridgemont High“ oder „Sixteen Candles“) so abwegig? ;-)

    Also: Was ich meinte, sind Komödien, in denen Teenager die Hauptrolle spielen (oder die Hauptcharaktere Teenager sein sollen), deren Zielgruppe Teenager sind, und die eine ganze Generation geprägt haben. (Von Zuschauern, nicht von Theater-Regisseuren wie bei „Romeo & Julia“.)

  17. Christian
    3. März 2009, 8:56

    Romeo & Julia könnte man da schon dazu zählen, der hattte schon gerade wegen seiner teenager-Ausrichtung einen gewissen Effekt.

  18. Kunar
    3. März 2009, 20:16

    „Große, prägende Teenagerfilme“ kann auch Popcornkino der jeweiligen Zeit sein. Aber gut, wenn denn nur Teenagerkomödien gemeint sind, fliegt „Romeo + Julia“ raus.

    Kann man denn „Clueless“ (1995) mit Alicia Silverstone noch als Teenagerkomödie bezeichnen oder hat es schon zuviel Tiefgang? „Ich kann’s kaum erwarten!“ (Can’t Hardly Wait) aus dem Jahr 1998 hatte zwar die üblichen Zutaten (aktuelle Musik, junge Darsteller), war aber nicht sehr erfolgreich und ist meiner Erinnerung nach nicht prägend gewesen.

  19. Susanne
    9. März 2009, 21:44

    @Lukas Ich weiß nicht, mich sprach Reality Bites schon ziemlich an… und ich war da irgendwas zwischen 12 und 15. Vielleicht bin ich auch nur komisch.

  20. Nick & Norah’s Infinite Playlist (2008) « of bastards and dwarves
    14. August 2011, 15:22

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