Kategorien
Print Digital

Eine Woche voller Freitage

Wenn Sie sich rudi­men­tär für Medi­en inter­es­sie­ren, wer­den Sie es mög­li­cher­wei­se schon mit­be­kom­men haben: Die Wochen­zei­tung „Frei­tag“ hat sich einen Arti­kel (die Wort­art, nicht die Text­sor­te), ein neu­es Lay­out und einen neu­en Inter­net­auf­tritt gegönnt.

Bei freitag.de sol­len die Leser alles kom­men­tie­ren, aber auch sel­ber blog­gen kön­nen. Beson­ders bemer­kens­wer­te Leser­bei­trä­ge lan­den dann auch in der gedruck­ten Zei­tung und wer­den ent­spre­chend ent­lohnt.

Ich bin beim neu­en freitag.de als „Netz­wer­ker“ dabei, was bedeu­tet, dass ich mich mit eini­gen ande­ren um eine Ver­zah­nung der Sei­te mit der Blogo­sphä­re küm­me­re, ein biss­chen auf die Com­mu­ni­ty schaue und dort ein eige­nes Blog zum The­ma Medi­en füh­re.

Ich fin­de das Kon­zept sehr gut (sonst wür­de ich dort nicht mit­ma­chen) und wür­de mich freu­en, wenn Sie in Zukunft auch regel­mä­ßig beim „Frei­tag“ vor­bei­schau­en wür­den.

Kategorien
Print Digital

Das Stillleben von dpa

Man muss sich das bei der Deut­schen Pres­se-Agen­tur (dpa) ver­mut­lich so vor­stel­len: Da kommt eine Poli­zei­mel­dung rein, die von einer neu­en rie­si­gen Ope­ra­ti­on (man kennt das) gegen Kin­der­por­no­gra­phie berich­tet.

Dar­in:

Die auf­ge­fun­de­nen Beweis­mit­tel – Spei­cher des Han­dy und schrift­li­che Auf­zeich-nun­gen – wie­sen aus, dass der Mann kin­der­por­no­gra­phi­sche Schrif­ten in Form von Bil­dern und Video­se­quen­zen nicht nur emp­fan­gen hat und besitzt, son­dern sol­che auch umfang­reich ver­brei­tet hat. In sei­ner Beschul­dig­ten­ver­neh­mung war der 33jährige gestän­dig. Als Tat­mit­tel benutz­te der Mann aus­schließ­lich ein Han­dy. Die Datei­en wur­den per „MMS“ (mul­ti­me­dia mes­sa­ging ser­vice) ver-sandt.

In die­sem Moment ruft der CvD: „Wir brau­chen drin­gend ein Sym­bol­fo­to, wenn die Mel­dung raus­geht! Mach, mach, mach!“

Und so nimmt irgend­je­mand (der Bild­chef, ein Prak­ti­kant, die Putz­frau) eine Digi­tal­ka­me­ra zur Hand und sucht sich auf den Schreib­ti­schen der Kol­le­gen zusam­men, was er braucht: ein Han­dy, einen Lap­top, einen CD-Roh­ling und einen Foli­en­stift.

Zwei Minu­ten spä­ter geht ein Bild über die Ticker, das nur wenig spä­ter in den Online-Auf­trit­ten der Zei­tun­gen auf­taucht:

Stillleben mit Laptop, Handy und CD-Rohling (Künstler unbekannt)

(gefun­den bei taz.de, aber auch beim „Naum­bur­ger Tage­blatt“)

Für alle Mit­ar­bei­ter in der dpa-Zen­tra­le bleibt zu hof­fen, dass der Roh­ling mit der Auf­schrift „Kin­der­por­no­gra­phie“ ordent­lich geschred­dert wur­de, bevor er ent­sorgt wur­de.

Das gewähl­te Tele­fon, das Sie­mens S56, kann übri­gens offen­bar MMS anzei­gen, auch wenn es nicht so aus­sieht.

„Spie­gel Online“ und „RP Online“ war das Bild trotz­dem zu doof und so ent­schied man sich dort für fol­gen­de Alter­na­ti­ven:

Stillleben mit Blackberry (Künstler unbekannt)

Mann mit Samsung-Handy (Künstler unbekannt)

Inter­es­sant ist der aktu­el­le Fall mit dem MMS-Ver­sand vor allem vor dem Hin­ter­grund, dass Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en gera­de eine Sper­re kin­der­por­no­gra­phi­scher Web­sei­ten durch­ge­boxt hat. Denn hier zeigt sich, dass ihr völ­lig ahnungs­lo­ses Vor­ge­hen in etwa so viel bringt wie ein Kor­ken, wenn das Klo über­läuft.

Kategorien
Print Gesellschaft

Was unternehmen für Unternehmen

Anschreiben der Jungen Presse NRW und Broschüre zum Wettbewerb "Enterprize"

Die „Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft“ (INSM) ist eine Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on, die vom Arbeit­ge­ber­ver­band Gesamt­me­tall betrie­ben wird. Ihr Name ist ziem­lich irre­füh­rend, denn ihre Posi­tio­nen las­sen sich gut unter dem Rubrum „Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus“ zusam­men­fas­sen: So tritt sie für eine Redu­zie­rung des Sozi­al­staats ein, for­dert „fle­xi­ble­re“ Löh­ne, „mehr Effi­zi­enz und mehr Tem­po“ in der Bil­dungs­po­li­tik und Steu­er­sen­kun­gen.

Bis hier­hin könn­te man noch von einem ganz nor­ma­len Inter­es­sen­ver­band spre­chen, der die Inter­es­sen sei­ner Mit­glie­der (eben der Arbeit­ge­ber) ver­tritt. Aber auch vie­le Poli­ti­ker gehö­ren zum „Bera­ter­kreis“ oder zum För­der­ver­ein der INSM, der von der INSM ent­wor­fe­ne Slo­gan „Sozi­al ist, was Arbeit schafft“ war auch schon Wahl­kampf­mot­to von CDU/​CSU und FDP. Es kann durch­aus schon mal vor­kom­men, dass in einer Fern­seh­talk­show die Hälf­te der Gäs­te die­sem Ver­ein nahe­ste­hen und sei­ne Posi­tio­nen ver­tre­ten. Der Zuschau­er erfährt von alle­dem nichts.

Das Pro­blem sind ja nicht pri­mär Orga­ni­sa­tio­nen, die bestimm­te Posi­tio­nen ver­tre­ten und PR-Fach­leu­te zur Ver­brei­tung ein­set­zen – das Pro­blem sind die Medi­en, die die­se Posi­tio­nen nicht kri­tisch hin­ter­fra­gen, ihre Leser und Zuschau­er nicht über die Hin­ter­grün­de auf­klä­ren oder gleich gemein­sa­me Sache mit sol­chen Orga­ni­sa­tio­nen machen. Und das gelingt der INSM meis­ter­haft: laut Wiki­pe­dia gab es bis­her „Medi­en­part­ner­schaf­ten“ mit der „Finan­cial Times Deutsch­land“, „Wirt­schafts­wo­che“, der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“, „Focus“, „Han­dels­blatt“ und der „Ful­da­er Zei­tung“. Mit der „FAS“ zeich­net die INSM ein­mal im Jahr den „Refor­mer des Jah­res“ aus, im Jahr 2003 gab es sogar den „Blo­ckie­rer des Jah­res“ – zufäl­li­ger­wei­se den Chef der IG Metall, Jür­gen Peters. (Noch mal zum Mit­schrei­ben: der Arbeit­ge­ber­ver­band Gesamt­me­tall ver­leiht über Ban­de einen Schmäh­preis an den Arbeit­nehm­er­füh­rer der Metall­in­dus­trie und die Pres­se schreibt das völ­lig kri­tik­los auf.)

Vor mehr als drei Jah­ren berich­te­te der „Frei­tag“ (für des­sen neu­en Inter­net­auf­tritt ich arbei­te) in einem mitt­ler­wei­le zum Klas­si­ker avan­cier­ten Arti­kel, wie die INSM kri­ti­sche Jour­na­lis­ten in Miss­kre­dit zu brin­gen ver­sucht, und auch die­ser etwa gleich alte Bei­trag von „Zapp“ (Tran­skript hier) lie­fert einen ganz guten Über­blick über die Arbeit der „Initia­ti­ve“. Es gibt also genü­gend Grün­de, die­sem Ver­ein kri­tisch gegen­über zu ste­hen.

Ent­spre­chend … äh: „über­rascht“ war ich, als ich von der Jun­gen Pres­se NRW, bei der ich seit knapp fünf Jah­ren Mit­glied bin, Unter­la­gen zu einem „Wett­be­werb für jun­ge Redak­teu­re“ geschickt bekam, der von der INSM und dem Jugend­me­di­en­zen­trum Deutsch­land ver­an­stal­tet wird.

In der Bro­schü­re wird der Wett­be­werb „Enter­pri­ze“ wie folgt beschrie­ben:

Hast Du schon mal in Dei­nen Schulbüchern das Kapi­tel über Unter­neh­mer­tum gefun­den? Wir auch nicht! In den meis­ten deut­schen Schulbüchern kom­men Unter­neh­men prak­tisch nicht vor. Dabei spie­len sie in unse­rem All­tag eine wich­ti­ge Rol­le: Vor allem den klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men ist es zu ver­dan­ken, dass die Arbeits­lo­sig­keit zuletzt so stark gesun­ken ist. Daher ist es wich­tig, sich näher mit der Bedeu­tung von Unter­neh­men und deren Arbeit zu beschäf­ti­gen.

Hier setzt der Wett­be­werb des Jugend­me­di­en­zen­trums Deutsch­land e.V. und der Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft (INSM) an. Ziel ist es, Dich als jun­gen Redak­teur für die Arbeit von Unter­neh­men zu inter­es­sie­ren. Tag für Tag ent­wi­ckeln sie neue Pro­duk­te, bie­ten inno­va­ti­ve Dienst­leis­tun­gen an und schaf­fen dabei viel­leicht auch Dei­nen zukünftigen Arbeits­platz. Was genau sie tun, sollst Du her­aus­fin­den! Was treibt die Unter­neh­mer an? Was ärgert sie, was freut sie?

Ja, was ärgert die­se inno­va­ti­ven Unter­neh­mer, die die Arbeits­lo­sig­keit so toll gesenkt haben?

Mög­li­che Ant­wor­ten bekommt man viel­leicht, wenn man die „mög­li­chen Leit­fra­gen“ aus der Bro­schü­re stellt:

  • Beschrei­be das Unter­neh­men (Grö­ße, Bran­che, Pro­dukt etc.).
  • Schil­de­re die Existenzgründung (Moti­va­ti­on des Unter­neh­mers, Idee, Ver­lauf der Gründung, För­de­rung etc.).
  • Stel­le dar, wie das Unter­neh­men sei­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit in der Zukunft sichern möch­te (Aus-/Fort­bil­dung, Kon­zen­tra­ti­on auf Markt­ni­schen etc.).
  • Erklä­re, was dem Unter­neh­mer an sei­ner Selbst­stän­dig­keit gefällt und was nicht.
  • Fra­ge, wel­che wirt­schafts­po­li­ti­sche Ver­än­de­rung dem Unter­neh­men am meis­ten hel­fen würde.

Für alle, die nicht nach­fra­gen wol­len, um wel­che „wirt­schafts­po­li­ti­schen Ver­än­de­run­gen“ es sich han­deln könn­te: Ich hät­te da so eine Idee

Es soll an die­ser Stel­le nicht ver­schwie­gen wer­den, dass die Bro­schü­re der Ziel­grup­pe („bun­des­weit für Schü­ler­zei­tungs­re­dak­teu­re aus­ge­schrie­ben“) kei­nes­wegs ver­schweigt, wer die­sen Wett­be­werb aus­rich­tet. Ob die Infor­ma­tio­nen aller­dings wirk­lich hilf­reich sind, steht auf einem ande­ren Blatt (das dem Info­ma­te­ri­al nicht bei­liegt):

Die Initia­ti­ve Neue Sozia­le Markt­wirt­schaft ist eine überparteiliche Bewe­gung von Bürgern, Unter­neh­men und Ver­bän­den für markt­wirt­schaft­li­che Refor­men. Getra­gen wird sie von den Arbeit­ge­ber­ver­bän­den der Metall- und Elek­tro-Indus­trie.

Nun weiß ich nicht, ob ich da viel­leicht etwas über­emp­find­lich bin, aber ich hal­te es für grenz­wer­tig, wenn ein Jour­na­lis­ten­ver­band gemein­sam mit einer Lob­by-Grup­pe einen Schreib­wett­be­werb ver­an­stal­tet – erst recht, wenn sich dar­an jun­ge Schrei­ber betei­li­gen sol­len. Vie­le von ihnen wer­den sich gar nicht groß mit dem Co-Aus­rich­ter befas­sen (was man ihnen – anders als ihren gro­ßen Kol­le­gen – auch nicht wirk­lich vor­wer­fen kann), den Namen INSM aber als etwas dif­fus Posi­ti­ves in ihrem Unter­be­wusst­sein abspei­chern. Und das ist ja Sinn und Zweck der Akti­on.

Ich habe bei der Jun­gen Pres­se und beim Jugend­me­di­en­zen­trum (die übri­gens bei­de unter der sel­ben Esse­ner Adres­se zu errei­chen sind) nach­ge­fragt, ob man dort mei­ne Bauch­schmer­zen teilt.

Felix Winnands, Vor­sit­zen­der der Jun­gen Pres­se NRW, schrieb mir, man sei dort „auf die Zusam­men­ar­beit mit Part­nern ange­wie­sen“, um die Leis­tun­gen und Ver­an­stal­tun­gen finan­zie­ren zu kön­nen.

Zum kon­kre­ten Fall schrieb er:

Sicher ist die INSM nicht unum­strit­ten, dies trifft jedoch auch auf ande­re Part­ner der Jun­ge Pres­se zu. Aus die­sem Grund regen wir zu unab­hän­gi­ger Bericht­erstat­tung an und las­sen natür­lich auch kri­ti­sche Bei­trä­ge zu unse­ren Part­nern zu (beim VISA Nach­wuchs­jour­na­lis­ten­preis „Eine bar­geld­lo­se Welt“ haben in der Aus­wahl der unab­hän­gi­gen Jury auch kri­ti­sche Bei­trä­ge gewon­nen und dar­auf legen wir erhöh­ten Wert).

Zu die­sen „nicht unum­strit­te­nen“ Part­nern gehört auch die GEMA, die letz­tes Jahr beim von der Jun­gen Pres­se ver­an­stal­te­ten Jugend­me­di­en­event eini­ge „GEMA-Scouts“ unter die Teil­neh­mer gemischt hat­te. Till Achin­ger, der wie ich Refe­rent beim Jugend­me­di­en­event war, hat­te damals recht aus­führ­lich dar­über gebloggt.

Das Jugend­me­di­en­zen­trum, das den Wett­be­werb gemein­sam mit der INSM aus­rich­tet und dem ich eben­falls die Mög­lich­keit einer Stel­lung­nah­me geben woll­te, hat auch nach mehr als einer Woche nicht auf mei­ne E‑Mail reagiert. Genau­so wenig wie das Jury-Mit­glied Ralf-Die­ter Bru­now­sky, Vor­sit­zen­der der Köl­ner Jour­na­lis­ten­schu­le für Poli­tik und Wirt­schaft.

Kategorien
Print Digital

Wo ist Walter?

Screenshot: nytimes.com

Es ist ver­mut­lich kein Geheim­nis, dass ich den Online-Auf­tritt der „New York Times“ – neben dem des eng­li­schen „Guar­di­an“ – für das abso­lu­te Non­plus­ul­tra hal­te. Die Sei­te ver­bin­det die qua­li­ta­tiv oft sehr hoch­wer­ti­gen Tex­te der Zei­tung mit einem anspre­chen­den Lay­out und so ziem­lich allem, was die moder­ne Tech­nik her­gibt.

Die neu­es­te Idee: ein rie­si­ges Foto von der Ehren­tri­bü­ne bei der gest­ri­gen Ver­ei­di­gung (oder „Inau­gu­ra­ti­on“, um das neue Lieb­lings­wort voka­bel­schwa­cher deut­scher Jour­na­lis­ten­dar­stel­ler zu ver­wen­den) von Barack Oba­ma.

Aber es ist nicht nur ein rie­si­ges (zusam­men­ge­setz­tes) Foto, man kann auch hin­ein­zoo­men, über die Köp­fe der dort sit­zen­den Per­so­nen fah­ren und sich bei vie­len Per­so­nen anzei­gen las­sen, wie sie hei­ßen. Dar­über hin­aus kann man direkt auf eine bestimm­te Stel­le des Fotos ver­lin­ken (falls man z.B. wie John Cusack selbst im Bild ist und damit vor all sei­nen Freun­den rum­prot­zen will) und nach allen iden­ti­fi­zier­ten Per­so­nen suchen. Und das alles bei Inter­es­se auch noch im Voll­bild­mo­dus.

Ist es das, was die Welt unbe­dingt gebraucht hat? Nein. Ist es trotz­dem toll? Auf alle Fäl­le.

Nur einen Wal­ter habe ich nir­gend­wo fin­den kön­nen.

Nach­trag, 15:52 Uhr: Dank tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung von Stitch habe ich doch noch einen Wal­ter gefun­den: Wal­ter Mon­da­le, Vize­prä­si­dent von 1977 bis 1981.

Kategorien
Print

Wir können auch Meta

Wol­len Sie mei­ne ehr­li­che Mei­nung hören? Das, was dem Schwei­zer „Blick“ da als Titel­schlag­zei­le für heu­te ein­ge­fal­len ist, ist gar nicht schlecht. Zumin­dest ist es wit­zi­ger als „Wir sind Papst“:

Barack Obama endlich im Amt: Jetzt we can!

[Ein­ge­sandt von Leser Ben­ja­min Sch.]

Ich wür­de wirk­lich ger­ne schrei­ben, dass die­se Kari­ka­tur von Tho­mas Plaß­mann aus der „NRZ“ einen wür­di­gen Abschluss für unse­re klei­ne Rei­he bil­det. Aber ich fürch­te, da wird noch eini­ges kom­men:

Yes we can!

[Ent­deckt von Mut­ti, mal wie­der]

Kategorien
Print Politik

Ich bin nur zugezogen, holt mich hier raus!

Die pein­li­che Absa­ge der Love­pa­ra­de, die die­ses Jahr eigent­lich in Bochum statt­fin­den soll­te, bestimmt in den letz­ten Tagen die Lokal­pres­se:

Nein, von einem Image­scha­den kön­ne kei­ne Rede sein, gab Stadt­rat Paul Aschen­bren­ner (SPD) zu Pro­to­koll. „Weil wir eine ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Ent­schei­dung getrof­fen haben.“

(„Ruhr­nach­rich­ten“)

Gut, dass Bochum kein Image hat, was zu Scha­den kom­men könn­te. Und wen inter­es­sie­ren schon jun­ge Men­schen, die Krach hören und Rausch­gift kon­su­mie­ren?

Die SPD jeden­falls nicht:

So hat­te etwa der SPD-Orts­ver­ein Bochum-Ham­me, der schon Wolf­gang Cle­ment poli­tisch weit­ge­hend über die Klin­ge sprin­gen ließ, einen Antrag für den Rat vor­be­rei­tet, wegen dro­hen­der Ver­mül­lung der Anlie­ger­stra­ßen vom Raver-Tanz­ver­gnü­gen ganz abzu­las­sen.

In dem Antrag vom 31. Juli 2008 heißt es wört­lich: „Der SPD-Orts­ver­ein Bochum-Ham­me sieht in der Aus­rich­tung der Love­pa­ra­de 2009 in Bochum kei­nen kul­tu­rel­len bzw. nach­hal­ti­gen Bei­trag zur Ver­bes­se­rung des Images des Ruhr­ge­bie­tes bzw. für das Kul­tur­haupt­stadt­jahr 2010. Die im Rah­men der Orga­ni­sa­ti­on ent­ste­hen­den Kos­ten und Nach­fol­ge­schä­den ste­hen in kei­nem Ver­hält­nis zum Nut­zen die­ser Ver­an­stal­tung und sind öffent­lich nicht ver­tret­bar.” Bochum sol­le des­halb die Ver­an­stal­tung zurück­ge­ben.

(„WAZ“)

Aber die sehr end­li­che Kom­pe­tenz der SPD mani­fes­tiert sich bis ins kleins­te Detail:

Im Som­mer 2008 ver­ab­schie­de­te der Orts­ver­ein den Antrag an den Rat, die Love­pa­ra­de in Bochum abzu­bla­sen, wegen Gefahr der Ver­mül­lung und ande­rer Schä­den. Zwar wur­de der Antrag nie abge­schickt, doch in den SPD-Gre­mi­en wie Rats­frak­ti­on und Unter­be­zirks­par­tei­tag sicker­te die Ableh­nung gleich­wohl durch.

(Noch mal die „WAZ“)

Ent­spre­chend gut lässt sich die­ser Eier­tanz kom­men­tie­ren:

Wie eine Nach­ge­burt kom­men nun Ein­schät­zun­gen zu Tage, die dar­auf hin­wei­sen, dass die Macher der Bochu­mer Poli­tik mit der Love­pa­ra­de wenig am Hut hat­ten. Statt­des­sen ging die Sor­ge um, das The­ma spal­te und kön­ne im Super­wahl­jahr 2009 Wäh­ler­stim­men kos­ten.

Das aller­dings ist nicht von der Hand zu wei­sen. Zu auf­fäl­lig, wie ein­drucks­voll und wort­mäch­tig sich Bochu­mer Poli­ti­ker über Kon­zert­haus­bau, Cross-Bor­der-Deal und Gott und die Welt ver­brei­tet haben, das The­ma Love­pa­ra­de aber fast gänz­lich mie­den. […]

Und dann die Kos­ten: 130 000 Euro allein durch den Ein­satz der Feu­er­wehr und Ret­tungs­diens­te. Ganz zu schwei­gen von hun­der-ten Extrabus­sen. Und der befürch­te­ten Ver­mül­lung. Das wirkt doch sehr wie ein run­des bestell­tes Gut­ach­ten. Von Leu­ten, die nicht wirk­lich wol­len.

(Kom­men­tar in der „WAZ“)

Ins­ge­heim dürf­ten spä­tes­tens seit dem Erfolg der Love­pa­ra­de in Essen klar gewe­sen sein: Bochum ist dem nicht gewach­sen. Da das nie­mand sagen will, fehl­te nur ein Grund für die Absa­ge.

Zum Glück gibt es die Gleis­bau­ar­bei­ten der Bahn.

(Kom­men­tar in den „Ruhr Nach­rich­ten“)

Der publi­zis­ti­sche Todes­stoß kam aller­dings aus der alten Hei­mat der Love­pa­ra­de. Ein Pro­vinz­por­trät in zwei­ein­halb Sät­zen:

Her­bert Grö­ne­mey­er hat Bochum groß gemacht, aber nicht groß genug. Die Love­pa­ra­de – Älte­re wer­den sich erin­nern – kann dort in die­sem Jahr man­gels Kapa­zi­tät nicht statt­fin­den: Bahn­hof zu klein, Miet­toi­let­ten aus­ge­bucht, zu wenig Papier­kör­be, so etwa.

(„Der Tages­spie­gel“)

Der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Bochu­mer Stadt­rat wird von der „WAZ“ übri­gens wie folgt zitiert:

Es wur­de der Ein­druck erweckt, als wären nur Dep­pen am Werk.

Wie jetzt? „Ein­druck“? „als“?

Kategorien
Print

Verunglückte Vergleiche (317)

Nun wucher­ten Anfein­dun­gen und Intri­gen wie Fuß­pilz auf alten Bulet­ten.

Der Arti­kel von Lydia Har­der auf Sei­te 4 wirft heu­te unbe­ab­sich­tigt die Fra­ge auf, wie es eigent­lich in der Kan­ti­ne der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ (online nur kos­ten­pflich­tig ver­füg­bar) aus­sieht.

[Ein­ge­sandt von Mut­ti.]

Kategorien
Print Leben

Uschi Blum macht Lokalredakteure schwach

Hape Ker­ke­lings neue Komö­die „Ein Mann, ein Fjord“ läuft am 21. Janu­ar um 20:15 Uhr im ZDF. Für den Film hat der Komi­ker ein alte Rol­le reak­ti­viert, die auch schon in „Kein Par­don“ zu sehen war: die der Schla­ger­sän­ge­rin Uschi Blum.

Weil man das eben heut­zu­ta­ge so macht, bekam Uschi Blum eine Art Viral­kam­pa­gne spen­diert. Das ist zwar bei einem kos­tü­mier­ten Pro­mi­nen­ten ein wenig albern, aber mit eige­nem MySpace-Pro­fil, offi­zi­el­ler und Agen­tur-Web­site (vor dem Ankli­cken die Laut­spre­cher run­ter­dre­hen!) durch­aus auf­wen­dig und mit … äh: Lie­be zum Detail gemacht.

Natür­lich hat man auch an eine fik­ti­ve Bio­gra­phie gedacht und die besagt, dass Uschi Blum als Hil­de­gard Ster­c­zinski in Dins­la­ken gebo­ren wur­de, sie 1978 4. bei der Wahl zur „Miss Dins­la­ken“ war und sie eini­ge Jah­re das Hun­de-Nagel­stu­dio „Uschi’s Pföt­chen-Salon“ in der Din­kel­gas­se in Dins­la­ken betrieb.

Nun ist es offen gestan­den nur so mit­tel­ab­surd, ein Schla­ger­stern­chen aus­ge­rech­net aus Dins­la­ken kom­men zu las­sen, wenn doch schon der König des Pop­schla­gers dort zuhau­se ist. Aber als inof­fi­zi­el­ler Stadt­blog­ger Dins­la­kens habe ich natür­lich trotz­dem ver­sucht, über sein Manage­ment Kon­takt mit Hape Ker­ke­ling auf­zu­neh­men. Dass der im Moment flei­ßig Pro­mo macht und nicht auf die Anfra­gen jedes Feld‑, Wald- und Wie­sen­blog­gers reagiert, kann ich durch­aus ver­ste­hen. Offen­bar ist es aber auch den Kol­le­gen in der Lokal­re­dak­ti­on der „Rhei­ni­schen Post“ (für die ich frü­her geschrie­ben habe) nicht gelun­gen, eige­ne O‑Töne des belieb­ten Komi­kers zu bekom­men, wes­we­gen man dort den Helb­sei­ter, der wohl unbe­dingt in die Sams­tags­aus­ga­be soll­te, irgend­wie anders fül­len muss.

Sie kön­nen den Arti­kel ger­ne selbst mit der offi­zi­el­len „Bio­gra­phie“ und den wei­te­ren Pro­mo­tex­ten ver­glei­chen, ich hab Ihnen aber die wich­tigs­te Eigen­krea­ti­on des Autors hier mal kurz rüber­ko­piert:

Die [Inter­net­sei­te] von Uschi ist der Ham­mer.

Nun ist es viel­leicht etwas ande­res, ob man eine (fik­ti­ve) Künst­ler­bio­gra­phie in wei­ten Tei­len für einen redak­tio­nel­len Text über­nimmt, oder ein­fach Wer­be­tex­te für Unter­neh­men abschreibt (wie „RP Online“ das ja schon mal macht).

Trotz­dem hat der Arti­kel aus der „Rhei­ni­schen Post“ in mei­nen Augen wenig mit Jour­na­lis­mus zu tun. Sein Autor Ralf Schrei­ner ver­säumt es, auch nur ein Mal auf die Pres­se­info hin­zu­wei­sen. Nach einer Ein­lei­tung, in der Ker­ke­lings Ver­klei­dung erklärt, folgt über sechs Absät­ze der leicht modi­fi­zier­te Pro­mo­text. Sowas kann man machen, wenn man Kon­zer­te von Berg­ar­bei­ter­chö­ren oder Nach­wuchs­bands ankün­di­gen will – aber nicht, wenn man aus eige­nem Antrieb ein gro­ßes Por­trät für die Sams­tags­aus­ga­be schreibt.

Die „Neue Rhein Zei­tung“, das ande­re Blatt mit Dins­la­ke­ner Lokal­re­dak­ti­on, hat am Sams­tag eben­falls einen gro­ßen Arti­kel über Uschi Blum gebracht – der aller­dings im Super-Duper-Online­por­tal Der Wes­ten nicht zu fin­den ist. Dort steht im Wesent­li­chen das Sel­be drin (Dins­la­ken, „Miss Dins­la­ken“, „Uschi’s Pföt­chen-Salon“), aber wesent­lich kür­zer und sogar anmo­de­riert:

Außer­dem hat Uschi im Inter­net ihren lesens­wer­ten Lebens­lauf ver­öf­fent­licht. Dar­aus:

Auch dass die „NRZ“ bei der Kon­takt­auf­nah­me mit Ker­ke­ling geschei­tert ist, erfährt der Leser. Ver­packt in einen Info­kas­ten, der zumin­dest eine nähe­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Gegen­stand nahe­legt:

Warum ausgerechnet Dinslaken? Im vergangenen Jahr ließen ein Ehepaar, das sich mit einem anderen aus Dinslaken ein Hotelzimmer teilen musste und dafür Rabatt bekam (Cartoon "Hippenstocks Strategen", Süddeutsche Zeitung), ein weiterer Cartoon und eine Äußerung von Roger Willemsen die Frage aufkommen: Warum ausgerechnet Dinslaken? Hat Dinslaken einen lustigen Klang? Steht Dinslaken für etwas Besonderes? Für das Nirgendwo? Das Kleinstädtische? Das Geheimnisvolle? Oder für das Ende der Welt? Zumindest Hape Kerkeling konnte es uns nicht beantworten. Er sei bis Ende 2010 zu ausgebucht, um derartigen Anfragen nachzukommen, teilte sein Büro mit.

Ich glau­be, ich soll­te mich bei Roger Wil­lem­sen ent­schul­di­gen

Mit Dank auch an Micha­el M. für den Hin­weis und an mei­ne Mut­ter für den Scan!

Kategorien
Print Gesellschaft

Seinen oder nicht Seinen

Wir müs­sen noch mal auf die Num­mer mit der gemein­sa­men Wer­be­ak­ti­on von Tchi­bo und Esso unter dem Slo­gan „Jedem den Sei­nen“ zurück­kom­men. Zwar hat sie es nicht auf die Titel­sei­te von „Bild“ geschafft, aber die media­le Auf­merk­sam­keit, die die „Frank­fur­ter Rund­schau“ in bes­ter „Bild“-Manier selbst gene­riert hat­te, hat mich dann doch ein wenig über­rascht.

Beson­ders inter­es­sant fand ich die Ansich­ten, mit denen sich Vol­ker Nickel, der Spre­cher des Deut­schen Wer­be­rats, von der „taz“ zitie­ren lässt:

„Offen­sicht­lich haben alle Fil­ter ver­sagt, weil kein Wis­sen vor­han­den war, dass dahin­ter irgend­et­was ande­res ste­cken könn­te.“ Er glaubt, dass die fehl­ge­lei­te­te Kaf­fee­kam­pa­gne nur ein Sym­ptom für die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung ist. „In 40 Jah­ren wis­sen wahr­schein­lich noch weni­ger Men­schen über die Bedeu­tung sol­cher Sät­ze Bescheid“, sagt er. „Des­we­gen ist es Auf­ga­be der Schu­len und Medi­en, dass die Ereig­nis­se wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus in unse­ren Köp­fen wach blei­ben.“

Herr Nickel ver­tritt damit die gegen­tei­li­ge Posi­ti­on der Mei­nung, die hier in den Kom­men­ta­ren vor­herrsch­te, und wünscht sich offen­sicht­lich eine schwar­ze Lis­te der Sät­ze und Wör­ter, die seit 1945 und für alle Zeit nicht mehr ver­wend­bar sind. (Oder, wie der gro­ße Nazi-Wör­ter-Exper­te Johan­nes B. Ker­ner sagen wür­de: die „nicht gehen“. Gar nicht.)

Der groß­ar­ti­ge und oft über­se­he­ne Song­wri­ter Dan Bern hat 2002 die „Swas­tika EP“ ver­öf­fent­licht, auf der sich auch der Song „My Litt­le Swas­tika“ („Mein klei­nes Haken­kreuz“) befin­det. Im Text heißt es unter ande­rem:

the chi­ne­se had it for 20,000 years
the nazis took it and made it spell tears
still has power to hurt a litt­le bit
but now I’m deco­ra­ting my house with it

Dan Bern darf das: er ist Jude (sei­ne Begleit­band heißt The Inter­na­tio­nal Jewish Ban­king Con­spi­ra­cy), sei­ne Eltern haben den Holo­caust knapp über­lebt. In einem Inter­view erklär­te er aus­führ­lich, war­um er das Haken­kreuz als Sym­bol umdeu­ten will und wie dies gesche­hen soll.

Nun liegt Berns Posi­ti­on unge­fähr in der Mit­te zwi­schen „from­mer Wunsch“ und „etwas welt­fremd“ und lässt sich auch schlecht ver­all­ge­mei­nern: Natür­lich wären die Irri­ta­tio­nen berech­tigt, die die Bun­des­agen­tur für Arbeit aus­lö­sen wür­de, wenn sie mor­gen „Arbeit macht frei“ zu ihrem Slo­gan erwähl­te. Und wenn Ange­la Mer­kel ein­mal kei­ne Lust mehr auf ihre unge­bro­che­ne Popu­la­ri­tät bei den deut­schen Wäh­lern haben soll­te, müss­te sie nur dar­auf bestehen, fort­an als „Füh­re­rin“ ange­spro­chen zu wer­den.

Der grund­sätz­li­che Gedan­ke, dass man sich bestimm­te Berei­che des All­tags nicht von irgend­wel­chen Arsch­lö­chern weg­neh­men las­sen soll­te, ist aber ein klu­ger. Wer sich ernst­haft an Wor­ten wie „Füh­rer­schein“ reibt, der bewahrt damit nicht das Andenken der Opfer, son­dern der ver­hilft der Nazi-Ban­de von damals zum post­hu­men letz­ten Sieg – mal ganz davon ab, dass das Ver­bot oder die Selbst­zen­sur bei bestimm­ten Begrif­fen inhalt­lich sehr viel näher am Drit­ten Reich dran wäre als die Ver­wen­dung der Begrif­fe selbst.

Es ist schwer zu über­bie­ten­der Zynis­mus, eine anti­ke Gerech­tig­keits­for­mel auf das Tor eines Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers zu schrei­ben – die Losung aber des­halb zum unzi­tier­ba­ren bösen Wort ernen­nen zu wol­len, ist unge­fähr so däm­lich, wie ein Ver­bot von Toten­köp­fen, schwar­zen Leder­män­teln und Pech­fa­ckeln zu for­dern.

Situa­tio­nen wie die­se erfor­dern etwas, was dem deut­schen Volk (hihihi) seit jeher fehlt: Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Es muss etwas geben zwi­schen dem „Schluss­strich“, den man­che for­dern, und der abso­lu­ten Empö­rung, die noch immer irgend­je­mand emp­fin­det, wenn ihn ein Jour­na­list anruft und um eine Stel­lung­nah­me zu die­sem oder jenem „Nazi-Skan­dal“ bit­tet, von dem der Empör­te oft genug in die­sem Moment zum ers­ten Mal hört.

Und damit sind wir wie­der bei „Jedem den Sei­nen“: Eine selt­sam alter­tüm­li­che For­mu­lie­rung, fin­den Sie nicht?

Ich fin­de es viel merk­wür­di­ger als sonst etwas, dass ein solch sper­ri­ger Slo­gan im Jahr 2009 an Tank­stel­len für Kaf­fee wer­ben soll. Mich wür­de wirk­lich inter­es­sie­ren, wie die­se Kam­pa­gne aus­ge­se­hen hat, was sich die Macher dabei gedacht haben und was mit dem Spruch über­haupt gemeint war. Aber im Inter­net fin­de ich nir­gends ein Foto von den Pla­kat­mo­ti­ven, fast alle Arti­kel zu dem The­ma sind mit dem Tor aus Buchen­wald bebil­dert. Mir fehlt der Kon­text um zu ent­schei­den, ob die Kam­pa­gne nun wirk­lich eine „nicht zu über­bie­ten­de Geschmack­lo­sig­keit“ war, wie Salo­mon Korn sie (natür­lich nur bis zur nächs­ten, nicht zu über­bie­ten­den Geschmack­lo­sig­keit) nann­te, ob dahin­ter eine ori­gi­nel­le Idee steck­te, oder ob sie ein­fach nur banal und doof war. Und die Frei­heit, sol­che Urtei­le selbst fäl­len zu dür­fen, hät­te ich als mün­di­ger Bür­ger eigent­lich schon ganz ger­ne.

Kategorien
Print Gesellschaft

Schon wieder das Vergessen

Vor lau­ter Oba­manie ist eine ande­re Lis­te etwas in Ver­ges­sen­heit gera­ten.

Aber irgend­ei­ne PR-Agen­tur fin­det sich ja immer wie­der, die den Kar­ren in den brau­nen Dreck steu­ert:

Tchi­bo und Esso haben nach einer Anfra­ge der Frank­fur­ter Rund­schau eine gemein­sa­me PR-Akti­on gestoppt, die bun­des­weit an rund 700 Tank­stel­len unter dem Slo­gan „Jedem den Sei­nen“ für Kaf­fee­sor­ten warb.

berich­tet die „Frank­fur­ter Rund­schau“ heu­te ein ganz klein wenig wich­tig­tue­risch.

Auch um den obli­ga­to­ri­schen Empör­ten muss­te sich die Zei­tung selbst küm­mern:

Salo­mon Korn, Vize­prä­si­dent des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land, sag­te der FR, das Pla­kat sei ent­we­der eine „nicht zu über­bie­ten­de Geschmack­lo­sig­keit“ oder ein Bei­spiel „tota­ler Geschichts­un­kennt­nis“. Solan­ge es noch einen ein­zi­gen Men­schen gebe, der bei der Rede­wen­dung an Buchen­wald den­ke, sei es unmög­lich, sie zu ver­wen­den.

Dafür waren die Redak­teu­re so freund­lich, noch ein paar wei­te­re Unter­neh­men auf­zu­schrei­ben, die mit „Jedem das Sei­ne“ gewor­ben hat­ten – oder hat­ten wer­ben wol­len. Von Rewe, Bur­ger King und der Mer­kur-Bank hat­te ich in dem Zusam­men­hang auch noch nicht gehört.

Kategorien
Print

Der schwarze Gürtel im Nervensägen

Als ich noch ein klei­ner Jun­ge war und mit mei­ner Fami­lie in der Innen­stadt von Dins­la­ken wohn­te, fuhr die Stra­ßen­bahn­li­nie 903 direkt hin­ter unse­rem Haus ent­lang. Mit mei­nem bes­ten Freund habe ich oft an den Glei­sen gespielt (was man natür­lich, lie­be Kin­der an den Bild­schir­men zuhau­se, nie tun soll­te) und ein, zwei Mal bin ich auch (natür­lich in Beglei­tung Erwach­se­ner) mit der Stra­ßen­bahn nach Duis­burg und von da aus wei­ter in den Zoo gefah­ren.

War­um erzäh­le ich Ihnen das? Ralf Birk­han hat für die „NRZ“ eine Repor­ta­ge über die Linie 903, mit der man durch halb Duis­burg juckeln kann, geschrie­ben. Es ist eine sehr atmo­sphä­ri­sche Schil­de­rung gewor­den, die sprach­li­chen Bil­der sind manch­mal etwas zu bemüht, aber man­che Sät­ze sind auch ganz groß­ar­tig in ihrer Schlicht­heit:

An der Hal­te­stel­le „Fischer­stra­ße” in Hoch­feld ist der Mit­tag gekom­men, sonst nie­mand.

Und weil hier ja viel zu oft über schlech­ten Jour­na­lis­mus geme­ckert und guter viel zu sel­ten gelobt wird, möch­te ich Ihnen die Repor­ta­ge mit dem lei­der fürch­ter­lich ver­un­glück­ten Titel „Stra­ßen­bahn-Linie 903: mit­tags beim „Kua­för” – abends das Arbei­ter-Bier“ hier­mit ans Herz legen – auch, wenn Sie noch nie in Duis­burg waren.

Kategorien
Digital Print

Brüste – Jetzt auch in Deutschland!

Face­book fin­det stil­len­de Müt­ter obs­zön und löscht Bil­der von Brust und Baby.

schrieb die „taz“ ges­tern. Aus­lö­ser war ver­mut­lich eine Pro­test­ak­ti­on von stil­len­den Müt­tern vor der Haupt­ver­wal­tung von Face­book, die von etwa 11.000 Men­schen online beglei­tet wur­de, indem die­se Still­fo­tos zu ihren User­bild­chen mach­ten. Face­book hat­te näm­lich immer mal wie­der Fotos, auf denen zu viel Brust zu sehen gewe­sen war, ein­fach gelöscht. Und in die­sem „immer mal wie­der“ liegt der Knack­punkt, den der „taz“-Artikel ver­schweigt.

Anders als bei­spiels­wei­se heise.de am 31. Dezem­ber 2008 schrieb, hat­te die Platt­form damit näm­lich nicht „im Herbst die­ses Jah­res ange­fan­gen“, son­dern bereits im Jahr 2007 – ein Blick in die Face­book-Grup­pe „Hey, Face­book, breast­fee­ding is not obs­ce­ne!“ hät­te da aus­ge­reicht.

Aber „taz“ und Hei­se sind nicht die ein­zi­gen deut­schen Medi­en, die erst durch die Berich­te eng­lisch­spra­chi­ger Medi­en über die Pro­test­ak­ti­on auf­ge­wacht sind: Stern.de, das „Netz­ge­flüs­ter“ der „Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung“, der Medi­en­dienst Mee­dia, „RP Online“ natür­lich und Zoomer.de („Doch was sich die inter­ne Zen­sur des Online­netz­wer­kes jetzt geleis­tet hat, geht über­haupt nicht“) – sie alle tun so, als sei der Umstand, dass Face­book sol­che Bil­der löscht, eine Neu­ig­keit.

Bild.de, wo es natür­lich eine Bil­der­ga­le­rie mit stil­len­den Müt­tern gibt, schreibt:

Aus­ge­löst hat den Wir­bel Kel­li Roman (23) aus Kali­for­ni­en.

Gemeint ist damit jene Kel­li Roman, die das „Time“-Magazin kürz­lich zu der gan­zen Sache inter­viewt hat­te, und neben deren Foto die „Time“-Redakteure fol­gen­den Satz geschrie­ben hat­ten:

This pho­to­graph of Kel­li Roman breast­fee­ding her baby was remo­ved from Face­book a year and a half ago.

Und wenn Sie das Gefühl haben, über die­se gan­ze Face­book-löscht-Still­fo­tos-Num­mer schon mal vor län­ge­rer Zeit gele­sen zu haben: das kann natür­lich sein …