Was unternehmen für Unternehmen

Von Lukas Heinser, 23. Januar 2009 0:41

Anschreiben der Jungen Presse NRW und Broschüre zum Wettbewerb "Enterprize"

Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine Lobbyorganisation, die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall betrieben wird. Ihr Name ist ziemlich irreführend, denn ihre Positionen lassen sich gut unter dem Rubrum „Wirtschaftsliberalismus“ zusammenfassen: So tritt sie für eine Reduzierung des Sozialstaats ein, fordert „flexiblere“ Löhne, „mehr Effizienz und mehr Tempo“ in der Bildungspolitik und Steuersenkungen.

Bis hierhin könnte man noch von einem ganz normalen Interessenverband sprechen, der die Interessen seiner Mitglieder (eben der Arbeitgeber) vertritt. Aber auch viele Politiker gehören zum „Beraterkreis“ oder zum Förderverein der INSM, der von der INSM entworfene Slogan „Sozial ist, was Arbeit schafft“ war auch schon Wahlkampfmotto von CDU/CSU und FDP. Es kann durchaus schon mal vorkommen, dass in einer Fernsehtalkshow die Hälfte der Gäste diesem Verein nahestehen und seine Positionen vertreten. Der Zuschauer erfährt von alledem nichts.

Das Problem sind ja nicht primär Organisationen, die bestimmte Positionen vertreten und PR-Fachleute zur Verbreitung einsetzen — das Problem sind die Medien, die diese Positionen nicht kritisch hinterfragen, ihre Leser und Zuschauer nicht über die Hintergründe aufklären oder gleich gemeinsame Sache mit solchen Organisationen machen. Und das gelingt der INSM meisterhaft: laut Wikipedia gab es bisher „Medienpartnerschaften“ mit der „Financial Times Deutschland“, „Wirtschaftswoche“, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, „Focus“, „Handelsblatt“ und der „Fuldaer Zeitung“. Mit der „FAS“ zeichnet die INSM einmal im Jahr den „Reformer des Jahres“ aus, im Jahr 2003 gab es sogar den „Blockierer des Jahres“ — zufälligerweise den Chef der IG Metall, Jürgen Peters. (Noch mal zum Mitschreiben: der Arbeitgeberverband Gesamtmetall verleiht über Bande einen Schmähpreis an den Arbeitnehmerführer der Metallindustrie und die Presse schreibt das völlig kritiklos auf.)

Vor mehr als drei Jahren berichtete der „Freitag“ (für dessen neuen Internetauftritt ich arbeite) in einem mittlerweile zum Klassiker avancierten Artikel, wie die INSM kritische Journalisten in Misskredit zu bringen versucht, und auch dieser etwa gleich alte Beitrag von „Zapp“ (Transkript hier) liefert einen ganz guten Überblick über die Arbeit der „Initiative“. Es gibt also genügend Gründe, diesem Verein kritisch gegenüber zu stehen.

Entsprechend … äh: „überrascht“ war ich, als ich von der Jungen Presse NRW, bei der ich seit knapp fünf Jahren Mitglied bin, Unterlagen zu einem „Wettbewerb für junge Redakteure“ geschickt bekam, der von der INSM und dem Jugendmedienzentrum Deutschland veranstaltet wird.

In der Broschüre wird der Wettbewerb „Enterprize“ wie folgt beschrieben:

Hast Du schon mal in Deinen Schulbüchern das Kapitel über Unternehmertum gefunden? Wir auch nicht! In den meisten deutschen Schulbüchern kommen Unternehmen praktisch nicht vor. Dabei spielen sie in unserem Alltag eine wichtige Rolle: Vor allem den kleinen und mittelständischen Unternehmen ist es zu verdanken, dass die Arbeitslosigkeit zuletzt so stark gesunken ist. Daher ist es wichtig, sich näher mit der Bedeutung von Unternehmen und deren Arbeit zu beschäftigen.

Hier setzt der Wettbewerb des Jugendmedienzentrums Deutschland e.V. und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) an. Ziel ist es, Dich als jungen Redakteur für die Arbeit von Unternehmen zu interessieren. Tag für Tag entwickeln sie neue Produkte, bieten innovative Dienstleistungen an und schaffen dabei vielleicht auch Deinen zukünftigen Arbeitsplatz. Was genau sie tun, sollst Du herausfinden! Was treibt die Unternehmer an? Was ärgert sie, was freut sie?

Ja, was ärgert diese innovativen Unternehmer, die die Arbeitslosigkeit so toll gesenkt haben?

Mögliche Antworten bekommt man vielleicht, wenn man die „möglichen Leitfragen“ aus der Broschüre stellt:

  • Beschreibe das Unternehmen (Größe, Branche, Produkt etc.).
  • Schildere die Existenzgründung (Motivation des Unternehmers, Idee, Verlauf der Gründung, Förderung etc.).
  • Stelle dar, wie das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft sichern möchte (Aus-/Fortbildung, Konzentration auf Marktnischen etc.).
  • Erkläre, was dem Unternehmer an seiner Selbstständigkeit gefällt und was nicht.
  • Frage, welche wirtschaftspolitische Veränderung dem Unternehmen am meisten helfen würde.

Für alle, die nicht nachfragen wollen, um welche „wirtschaftspolitischen Veränderungen“ es sich handeln könnte: Ich hätte da so eine Idee

Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass die Broschüre der Zielgruppe („bundesweit für Schülerzeitungsredakteure ausgeschrieben“) keineswegs verschweigt, wer diesen Wettbewerb ausrichtet. Ob die Informationen allerdings wirklich hilfreich sind, steht auf einem anderen Blatt (das dem Infomaterial nicht beiliegt):

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist eine überparteiliche Bewegung von Bürgern, Unternehmen und Verbänden für marktwirtschaftliche Reformen. Getragen wird sie von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektro-Industrie.

Nun weiß ich nicht, ob ich da vielleicht etwas überempfindlich bin, aber ich halte es für grenzwertig, wenn ein Journalistenverband gemeinsam mit einer Lobby-Gruppe einen Schreibwettbewerb veranstaltet — erst recht, wenn sich daran junge Schreiber beteiligen sollen. Viele von ihnen werden sich gar nicht groß mit dem Co-Ausrichter befassen (was man ihnen – anders als ihren großen Kollegen – auch nicht wirklich vorwerfen kann), den Namen INSM aber als etwas diffus Positives in ihrem Unterbewusstsein abspeichern. Und das ist ja Sinn und Zweck der Aktion.

Ich habe bei der Jungen Presse und beim Jugendmedienzentrum (die übrigens beide unter der selben Essener Adresse zu erreichen sind) nachgefragt, ob man dort meine Bauchschmerzen teilt.

Felix Winnands, Vorsitzender der Jungen Presse NRW, schrieb mir, man sei dort „auf die Zusammenarbeit mit Partnern angewiesen“, um die Leistungen und Veranstaltungen finanzieren zu können.

Zum konkreten Fall schrieb er:

Sicher ist die INSM nicht unumstritten, dies trifft jedoch auch auf andere Partner der Junge Presse zu. Aus diesem Grund regen wir zu unabhängiger Berichterstattung an und lassen natürlich auch kritische Beiträge zu unseren Partnern zu (beim VISA Nachwuchsjournalistenpreis „Eine bargeldlose Welt“ haben in der Auswahl der unabhängigen Jury auch kritische Beiträge gewonnen und darauf legen wir erhöhten Wert).

Zu diesen „nicht unumstrittenen“ Partnern gehört auch die GEMA, die letztes Jahr beim von der Jungen Presse veranstalteten Jugendmedienevent einige „GEMA-Scouts“ unter die Teilnehmer gemischt hatte. Till Achinger, der wie ich Referent beim Jugendmedienevent war, hatte damals recht ausführlich darüber gebloggt.

Das Jugendmedienzentrum, das den Wettbewerb gemeinsam mit der INSM ausrichtet und dem ich ebenfalls die Möglichkeit einer Stellungnahme geben wollte, hat auch nach mehr als einer Woche nicht auf meine E-Mail reagiert. Genauso wenig wie das Jury-Mitglied Ralf-Dieter Brunowsky, Vorsitzender der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft.

13 Kommentare

  1. Anna
    23. Januar 2009, 8:50

    Autsch, die Bauchschmerzen kann ich nachempfinden.

  2. Vetter Itt
    23. Januar 2009, 10:47

    Ich denke, nicht allein die positive Konnotation der INSM bei jungen Schreibern ist das Ziel, die freundlicherweise angehängten möglichen Leitfragen suggerieren vielmehr, dass hier unter dem Deckmantel des Journalismus eine hübsche kleine (und kostenlose!) Meinungsumfrage gemacht wird, um, im übertragenen Sinn, die „Kundenansprache zu verbessern“.

    [möglicher netter Nebeneffekt: höhere Validität, da Auftraggeber unbekannt…]

  3. Frontbumpersticker
    23. Januar 2009, 10:56

    Dieses Vorgehen ist sicherlich fragwürdig und wirft ein nicht allzu gutes Licht auf den Verband, die Problematik hinter der Geschichte ist aber auch nicht zu vernachlässigen. Tatsächlich ist es doch so, dass in den Schulbüchern häufig ein stark verzerrtes Bild der Wirtschaft festgehalten ist (spontan erinnere ich mich an einen Beitrag aus der Foreign Policy von vor einem Jahr zu diesem Thema: http://www.foreignpolicy.com/s.....ry_id=4095). Das Anliegen ist also nicht völlig daneben, die Herangehensweise allerdings schon eher.

  4. Bernie
    23. Januar 2009, 12:48

    Ich habe überlegt und überlegt, doch Bauchschmerzen wollen sich bei mir nicht einstellen. Ich glaube, das liegt daran, dass ich stärker als Du das Ziel der Aktion gutheiße: Mehr Wirtschaft (und ein positiveres Unternehmerbild) in den Unterricht. (Ich habe ein 1994er NRW-Abi, das war schlimm, vielleicht ist es ja zwischenzeitlich auch besser geworden.) Und deshalb frage ich andersherum: Hättest Du diese Bauchschmerzen auch, wenn bei einem solchen Wettbewerb eine Lobbyguppe mitmischen würde, die Dir näher steht? Greenpeace etwa?

  5. Corny
    23. Januar 2009, 13:09

    @bernie: 1. warum sollte lukas greenpeace näherstehen? nur weil er mal vom grünen parteitag gebloggt hat?

    2. ist das ein schiefes bild; greenpeace ist ja kein unternehmen, das gewinne erwirtschaften will, sondern ein umweltverband. ich teile die bachschmerzen mit lukas (soviel zu scheifen bildern…) wenn sich ein interessenverband in die pressearbeit einmischen will.

    dass viele deutsche, auch aufgrund fehlender vermittlung in der schule, schräge vorstellungen von der wirtschaft haben, ist da nochmal etwas anderes.

  6. Bernie
    23. Januar 2009, 14:04

    @Corny: Okay, das mit Greenpeace ist natürlich Spekulation. Es sollte nur ein Beispiel sein für eine „ehrenwerte“ (bzw. weithin als solche betrachtete) Lobbyvereinigung. Die INSM ist übrigens auch kein Unternehmen, das Gewinne erwirtschaften will, sie setzt sich allerdings für solche ein, bzw. für deren Ansehen in der Öffentlichkeit. Ob das ein schlechteres Ziel ist als das, was Greenpeace so macht, ist Ansichtssache. Jedenfalls versuchen beide Organisationen politische Einflussnahme, insofern ist das Bild vielleicht doch nicht so schief?

  7. Lukas
    23. Januar 2009, 14:26

    @Bernie:

    Die INSM ist übrigens auch kein Unternehmen, das Gewinne erwirtschaften will

    Sie ist aber eine Art „Tarnorganisation“ der Metallindustrie — und die will sicher Gewinn machen.

    Davon ab halte ich persönlich Umweltschutz für ein sehr viel ehrenwerteres Ziel als Gewinnmaximierung und Arbeiterausbeutung.

    Greenpeace (oder die Aidshilfe, irgendwelche Organspende-Organisationen oder ähnliches) fände ich also weit weniger schlimm, ja. Trotzdem würde ich mir auch da wünschen, dass die oft noch sehr jungen Teilnehmer des Wettbewerbs auch zum Hinterfragen dieser Organisationen aufgefordert werden.

    Das Thema Wirtschaft hat übrigens meinen sog. Englisch-LK fast vollständig bestimmt, weswegen ich da vielleicht auch etwas voreingenommen bin.

  8. karatekater
    23. Januar 2009, 16:24

    Hi Lukas und alle anderen Leser…

    …ich empfehle euch allen regelmäßig die Nachdenkseiten.de zu lesen, sollten euch solche Hintergründe interessieren.

    Es ist sehr erschreckend was hinter der wahrgenommenen Öffentlichkeit für Dinge geschehen.

  9. KK
    23. Januar 2009, 23:10

    Die Junge Presse NRW hatte schon viele fragwürdige Partner in der Vergangenheit. Haben die nicht sogar einmal mit „Crossmedia“ gemeinsame Sache gemacht?

  10. Alvar Hanso
    25. Januar 2009, 5:01

    „“Freitag” (für dessen neuen Internetauftritt ich arbeite)“

    Glückwunsch.
    Dann hat sich doch der Grünenparteitag und die Bekanntschaft mit Teresa gelohnt.

  11. Lukas
    25. Januar 2009, 13:43

    @Alvar Hanso: Danke.

    Hat aber mit dem Grünen-Parteitag nix zu tun, das stand schon vorher fest.

  12. zoom
    25. Januar 2009, 18:52

    Ich finde den Artikel von Lukas sehr interessant und informativ. Dafür vielen Dank :-)

    @Lukas: Ich würde gerne etwas von Dir über die Bertelsmann-Stiftung und ihren Einfluß auf die Politik lesen. Das ist ernst gemeint. Ich würde mich freuen.
    Ich weiß nicht, welchen Anteil Du am Online-Auftritt von „Der Freitag“ hast, aber ich bin schon sehr gespannt.

  13. Lukas
    25. Januar 2009, 23:44

    Ui, ins Thema Bertelsmann-Stiftung müsste ich mich erst mal einarbeiten. Wobei: einmal hatten wir die ja schon im Blog.

    Zum „Freitag“: Was ein kleiner Disclosure-Nebensatz so auslösen kann. Ich denke, ich kann sagen, dass es toll wird, aber das ist das Verdienst anderer Menschen.