Schon wieder das Vergessen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 13. Januar 2009 16:42

Vor lauter Obamanie ist eine andere Liste etwas in Vergessenheit geraten.

Aber irgendeine PR-Agentur findet sich ja immer wieder, die den Karren in den braunen Dreck steuert:

Tchibo und Esso haben nach einer Anfrage der Frankfurter Rundschau eine gemeinsame PR-Aktion gestoppt, die bundesweit an rund 700 Tankstellen unter dem Slogan “Jedem den Seinen” für Kaffeesorten warb.

berichtet die “Frankfurter Rundschau” heute ein ganz klein wenig wichtigtuerisch.

Auch um den obligatorischen Empörten musste sich die Zeitung selbst kümmern:

Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte der FR, das Plakat sei entweder eine “nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit” oder ein Beispiel “totaler Geschichtsunkenntnis”. Solange es noch einen einzigen Menschen gebe, der bei der Redewendung an Buchenwald denke, sei es unmöglich, sie zu verwenden.

Dafür waren die Redakteure so freundlich, noch ein paar weitere Unternehmen aufzuschreiben, die mit “Jedem das Seine” geworben hatten — oder hatten werben wollen. Von Rewe, Burger King und der Merkur-Bank hatte ich in dem Zusammenhang auch noch nicht gehört.

22 Kommentare

  1. Sebastian S.
    13. Januar 2009, 17:13

    Da greift Herr Korn ein bisschen zu hoch, oder? Mir fallen da andere Geschmacklosigkeiten ein, die das locker überbieten.
    Von totaler Geschichtsunkenntnis kann auch nicht wirklich die Rede sein, wenn man sieht, wie sehr der Begriff inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch rübergewandert ist (ich zum Beispiel habe auch erst hier gelernt, dass “jedem das seine” vorbelastet ist).

  2. Bernie
    13. Januar 2009, 17:32

    Das erinnert mich an das ungleich originellere “Räder müssen rollen für den Siegi”:

    http://blogs.taz.de/hitlerblog.....den_siegi/

  3. SvenR
    13. Januar 2009, 17:35

    Kaffe ist braun. Echt problematisch.

    “Jedem den Seinen” ist aber schon auch ein bisschen was anderes, als “Jedem das Seine”. Und “Jedem das Seine” ist nicht zu vergleichen mit “Arbeit macht frei”.

    In meinem Kopf spukt auch noch Sanssouci und der alten Fritz herum:

    “Suum Cuique”

    heißt doch auch, “Jedem das Seine”, und ist m. K. nach keinster Weise vorbelastet, oder?

    Alberto hilf!

  4. Alberto Green
    13. Januar 2009, 17:37

    Der alte Cato!

  5. SvenR
    13. Januar 2009, 17:46

    Ja aber steht das nicht irgendwo auf SANS SOUCI in Stein gemeißelt?

    (NB: Was hattest Du eigentlich vorhin kommentiert?)

  6. shd
    13. Januar 2009, 17:57

    Find auch das da ziemlich übertrieben wird. Das ‘suum cuique’ (= “jedem das seine”) stammt übrigens ursprünglich von höchsten Preußischen orden, dem “Schwarzen Adlerorden”. http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Adlerorden.
    Auch die Feldjäger der Bundeswehr haben den Orden mit ‘suum cuique’ als Abzeichen auf dem Barett stehen.
    Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Suum_cuique

  7. ruhrpottjunge
    13. Januar 2009, 18:56

    Ich seh’s andersherum: Ich würde mir ehrlich gesagt – trotz Anerkenntnis einer irgendwie gearteten “historischen Verantwortung” – durchaus wünschen, dass demnächst in Deutschland wieder Menschen leben können, die beim Wort “Buchenwald” aus einen Wald aus Buchen denken.

    Kenntnis über das Geschehene ist das eine, berechtigtes Entsetzen an ein paar Worten festzumachen etwas ganz anderes.

    Hat der Zentralrat eigentlich eine zentrale Empörungskommission, die von morgens bis abends nach Anlässen für derartige Stellungnahmen fandet?

  8. alligator
    13. Januar 2009, 19:21

    “Hat der Zentralrat eigentlich eine zentrale Empörungskommission, die von morgens bis abends nach Anlässen für derartige Stellungnahmen fandet?”
    Ja, ganz furchtbar, Juden die sich über Slogans aufregen, die ganz klar mit dem NS in Zusammenhang stehen. Skandalös -.-

  9. Fabian
    13. Januar 2009, 19:32

    “Jedem das seine” ist vorbelastet?
    Wusste ich bisher nicht und verwende es eigentlich ziemlich oft o.O

    lg Fabian ( 18 Jahre. Möglicherweise also einfach die falsche Generation ums zu kennen? )

  10. Mathis
    13. Januar 2009, 19:39

    Warum der Zentralrat seine (nachvollziehbare) Empörung immer in so harsche Worte kleidet, verstehe ich nicht. Einknicken tut die andere Seite ja sowieso, oder? Natürlich sind die Gefühle von Holocaust-Opfern und deren Angehörigen absolut zu respektieren, aber “absolute Geschichtsunkenntnis” scheint mir etwas übertrieben.

    Die meisten “Junior-PR-Berater” oder “Junior-Texter” in den Agenturen kennen vermutlich weder Cato noch die Architektur von Buchenwald … was auch keine Todsünde ist, denke ich.

    (Ich wusste übrigens auch nicht, dass diese Redewendung einen Hintergrund außerhalb des antiken Rom hat.)

  11. Serenity
    13. Januar 2009, 19:57

    Ich finde sowas übertrieben. Letztlich sind es nur Worte. Und ich finde, dass diese ständigen Empörungen/”Skandale” geschmackloser sind, als Sprüche wie “Jedem das Seine”, die nun, meiner Meinung nach, nicht eindeutig dem NS-Regime zugeordnet werden können.
    Wer solche Empörungen infltionär benutzt, wertet die Geschichte mehr ab und macht sie lächerlicher, als die, die beschuldigt werden es zu tun.
    Bezüglich des gewünschten Geschichtsverständnisses bin ich ganz der Meinung von ruhrpottjunge.

  12. Der Postillon
    13. Januar 2009, 20:10

    Kleiner Tipp: 3. Zeile “braunen” statt “brauen”

  13. Lukas
    13. Januar 2009, 20:15

    Vielleicht hilft es, Salomon Korns Rethorik zu verstehen, wenn man sich diese kurze Passage von “Spiegel Online” vor Augen hält:

    Ein “völlig überzogenes Vorhaben” kritisierte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, heute. Die Kritik sei “unangemessen und im Tenor völlig inakzeptabel”.

    Bei Herrn Korn gibt es offenbar keine Abstufungen, alles ist “völlig” oder “absolut”.

  14. ruhrpottjunge
    13. Januar 2009, 21:09

    “Wer solche Empörungen infltionär benutzt, wertet die Geschichte mehr ab und macht sie lächerlicher, als die, die beschuldigt werden es zu tun.”

    Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich bin mir sicher: Jedem Opfer ist ein würdevolles Gedenken wichtiger als Wortklauberei und mechanistisches Aufschreien.

    Es waren die Ziele und Taten der Nationalsozialisten, die verachtenswert waren. Die Worte spiegelten dies alles nur wider und wurden dadurch beschmutzt. Ich denke, wir sollten beginnen, die Worte wieder reinzuwaschen. Lasst uns ihnen diesesm Triumph nicht gönnen.

  15. Verstand in Gefahr?!
    14. Januar 2009, 9:11

    Jedem das Seine…

    "Jedem den Seinen" – diesen Werbespruch haben Tchibo und Esso nun zurückgezogen, da er als Abwandlung von "Jedem das Seine" die Gefühle der ca. 100 000 Juden in Deutschland verletzen könnte. Schließlich stand der Originalspruch …

  16. Oliver
    14. Januar 2009, 12:18

    Blöde Werbung, blöder Spruch! Nun können Tchobo & Esso beweisen, dass sie es besser machen können :-)

  17. maternus
    14. Januar 2009, 13:10

    @ alligator: “Ja, ganz furchtbar, Juden die sich über Slogans aufregen, die ganz klar mit dem NS in Zusammenhang stehen. Skandalös”

    Ich denke, umgekehrt sollte ein Schuh draus werden. Die Zeitzeugen und die ein, zwei nachfolgenden Generationen werden solche Zitate stets mit der braunen Zeit verbinden, aber auf Dauer wird sich das applanieren. Und das ist zu begrüßen. Sollen wir jede Formulierung, jedes Wort, das die Nazis für ihre perverse Ideologie mißbraucht haben, als für alle Zeiten & auf ewiglich kontaminiert in den Giftschrank stellen? Das wäre ein zweiter Sieg für Goebbels’ Propagandaabteilung.

    Außerdem tut sich der ZdJ mit seinem Daueralarmismus, ganz egal bei welchem Thema, keinen Gefallen. Er erreicht damit auch bei wohlmeinenden Zeitgenossen wie mir ab einer bestimmten Grenze nur noch ein unwilliges “ach, die schon wieder”. Und wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, hört niemand mehr hin.

  18. Christian
    14. Januar 2009, 15:05

    ich kann die Aufregung hier auch nicht wirklich nachvollziehen. Jedem das Seine ist nun wirklich nicht so eindeutig wie Ein Volk Ein Reich Ein Führer, als dass man eine absichtliche Geschmackslosigkeit / Antisemitismus unterstellen könnte.

  19. Alberto Green
    14. Januar 2009, 15:35

    Ich möchte einen Gedanken, den mathis vorbrachte unterstreichen. Es ist wichtig, dass nicht vergessen wird, dass die Leute eben bei “Buchenwald” eben nicht an Buchen denken, sondern zusammenzucken.
    Diese keifende Pofallaigkeit des Zentralrats der Juden wirkt aber doch selbst nur noch wie ein Reflex, ein hysterisch lautes Schulterzucken. Ein: “Och Mensch, Tchibo, lies dir doch nochmal durch, was du da geschrieben hast und überleg mal” fände ich auch bedeutend wirkungsvoller.

  20. Matthias
    14. Januar 2009, 17:59

    Ausgerechnet Esso! Die haben doch ihre Filialen direkt an der Autobahn…

  21. Coffee And TV: » Seinen oder nicht Seinen
    16. Januar 2009, 17:16

    [...] mit der gemeinsamen Werbeaktion von Tchibo und Esso unter dem Slogan “Jedem den Seinen” zurückkommen. Zwar hat sie es nicht auf die Titelseite von “Bild” geschafft, aber die mediale [...]

  22. Jan II
    21. Januar 2009, 15:48

    Damit wir wissen, über was wir reden und abschätzen, was noch kommen könnte (Vincent Raven und sein Brück’ bei Uri Geller) hier was aus amazon, was sehr, sehr wichtig wär’: Sachverstand von jemand, der wirklich Ahnung vom und Meinung zum Thema hatte: “Victor Klemperers LTI (Lingua Tertii Imperii – Sprache des dritten Reichs) ist ein Buch, das eigentlich jeder gelesen haben sollte, der sich mit der deutschen Sprache beschäftigt. Man entdeckt in diesem Buch viele Beispiele für die Manipulation durch Sprache, die im Nationalsozialismus üblich gewesen ist und die sich tatsächlich in allen Bereichen durchsetzen konnte. … Das Buch ist absolut empfehlenswert und lässt einen auch über den heutigen und nicht zuletzt den eigenen Sprachgebrauch weiterdenken, schließlich hat sich erstaunlich vieles aus dieser Zeit bis heute erhalten”

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