Hitl, hitler, am hitlsten

Von Lukas Heinser, 23. Januar 2008 15:14

So, da hatte also DJ Tomekk, der zunächst wahnsinnig unsympathische, dann aber immer knuffiger werdende Dschungelcamp-Bewohner, vor zehn Tagen in einer australischen Hotelhalle den rechten Arm gehoben und die erste Strophe des Deutschlandlieds (die übrigens nicht „verboten“ ist, liebe Viva-Mitarbeiter) angestimmt. Gestern tauchte das Video dann urplötzlich auf und wurde von „Bild.de“ veröffentlicht. Dass man die Erstveröffentlichung des Videos mit dem Off-Kommentar „Dieses Skandalvideo schockiert Deutschland!“ versehen hatte, spricht entweder für eine Lücke im Raum-Zeit-Kontinuum oder für das Selbstverständnis von „Bild“.

Und „Bild“ sollte recht behalten: Schon im eigenen Artikel hatte man die gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang gebracht. Gut möglich, dass Dieter Graumann, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, weder wusste, wer DJ Tomekk war, noch das Video gesehen hatte, als „Bild“ ihn anrief und um einen Kommentar bat. Aber „Wer Hitler feiert, muss geächtet werden“, kann man ja immer sagen.

Nun, es mag sicher einigermaßen geschmacklos sein, als Deutscher im Ausland den Hitler-Gruß zu zeigen, aber … Moment, „Deutscher“? Tomekk wurde als Tomasz Kuklicz in Krakau geboren, sein Mutter ist Polin, sein Vater Marokkaner – für Roland Koch und erst recht für Neonazis macht ihn das wohl zu einem „Ausländer“. Deswegen sind Überschriften wie „Nazi-Skandal im Dschungel-Camp“ gleich doppelter Unfug.

Der „Skandal“ findet nämlich außerhalb des Camps statt, in lautstark empörten Medien, deren Leser und Zuschauer bis vor zwei Wochen nicht mal wussten, dass es einen DJ namens Tomekk geben könnte. Als wären die deutschen Medienkonsumenten zu doof, Geschmacklosigkeiten selbst zu erkennen, wird ihnen von möglichst vielen Fachleuten für Entrüstung erklärt, warum dieses oder jenes „nicht geht“. Über kurz oder lang kann das allerdings dazu führen, dass die Leute irgendwann eben nicht mehr selbständig wissen, was „schlimm“ ist.

Jan Feddersen hat bei taz.de einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht, dem ich nicht in allen Punkten zustimmen würde, der aber die Lektüre dennoch lohnt:

In Deutschland geht Nazi gar nicht. Niemals und auf ewig nicht. Ist schlimm. Politisch, ästhetisch, kulturell, unterschichtstrashig. Jeder muss wissen, dass jede semiotische Andeutung mindestens fünf Tanklaster Tränen der Empörung und der Wut und des Abscheus provoziert. Solidaritätserklärungen von Zentralräten, Gewerkschaftskreisen, Zirkeln der Opfer und Vereinen der Auchbetroffenheit in allgemeiner Hinsicht.

Klar, dass das den Lesern sauer aufstößt:

Gerade in der Taz ein Plädoyer für solche völlig unangebrachten „Scherze“ zu finden, irritiert mich gerade ziemlich.

Oder:

Ich wusste gar nicht, dass die TAZ das Bildungsfernsehen RTL und ihre trashige-debile Dschungelsenung anschaut!

Und damit wird vielleicht auch die Marschrichtung Intention der ganzen Kampagne angesprochen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ ist ja eh „Unterschichtenfernsehen“. Wenn ein dort mitmachender HipHop-Proll (HipHop ist ja eh böse, s. Bushido) also zum Nazi taugt, kann sich das Bürgertum entspannt zurücklehnen und gleich drei Sachen auf einmal scheiße finden. Das ist einfacher, als sich mit den echten Neonazis vor der eigenen Haustür zu beschäftigen.

Die wirklich spannende Frage, die Feddersens Artikel aufwirft, ist die, warum man in Deutschland eigentlich immer noch keine Witze über Nazis machen soll:

DJ Tomekk mag uns der Beweis sein: 75 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland darf über den Führer, darf über Goebbels, Hitler, über all das Nazig’schwurbel gelacht und gelästert werden.

Ich bin mir nicht ganz sicher, welche „Witze“ man über Nazis machen sollte und welche nicht. Aber werden Verbrechen der Nationalsozialisten etwa „weniger schlimm“, wenn man sich über die Anführer von damals lustig macht? Fast scheint es, als würden diese Arschlöcher heute ernster genommen als je im „Dritten Reich“.

Weiterführende Links
DJ Tomekks Reaktion und Entschuldigung im Wortlaut
Das Hitler-Blog der taz zum Thema

8 Kommentare

  1. Sebastian
    23. Januar 2008, 15:20

    Meine Beobachtung ist, dass außerhalb der Medien und Verbände solche Scherze ganz genau niemanden interessieren. Das findet keiner toll, keiner schlimm. Ganz einfach, weil jeder denkende Mensch nachvollziehen kann, aus welchen Situationen heraus solche Gedankenlosigkeiten passieren.

  2. juliaL49
    23. Januar 2008, 16:28

    Also ich finde mal wieder erstaunlich, wie das Ganze verzerrt dargestellt wird. Erstens die Zeitverzögerung und zweitens der weggelassene Hintergrund (bis vor ein paar Minuten wusste ich nicht mal, dass der DJ ja selber „Ausländer“ ist).

    Insofern, danke Lukas, für diese wirklich nötige Aufklärung :-)

  3. FelixN
    23. Januar 2008, 20:06

    Neben all den durchaus richtigen Aussagen zum Thema finde ich es aber nicht in Ordnung, dass Tomekk quasi nen Freifahrtschein bekommt, nur weil er selber „Ausländer“ ist. Sicher ist er kein Nazi und hat nur nen blöden „Scherz“ gemacht, aber wer nur einen Funken Intelligenz besitzt sollte wissen, dass das Echo auf so einen „Spaß“ extrem laut werden kann, egal wie ulkig man das eigentlich gemeint hat. Und insbesondere jemand, der in der Öffentlichkeit steht, bzw. durchs Dschungelcamp wieder in selbige zurückkehren möchte, sollte vorsichtig sein.

  4. Sebastian K.
    23. Januar 2008, 22:11

    Der beste Beitrag zur Diskussion, den ich bisher gelesen habe.

  5. oldman
    25. Januar 2008, 7:52

    .. und hinter der Kamera stand ein „Berater“ der an dem Marionettenfaden zerrte, der Tomekks Arm in die Höhe zog.
    (meldeten gestern meine Bürgerreporter)

  6. Torsten
    25. Januar 2008, 9:47

    Was mich noch irritiert, ist , warum genau in dem Moment das Video auftaucht, als die mediale Aufmerksamkeitskurve für das Dschungelcamp außerhalb der RTL-Welt die Nulllinie schon deutlich nach unten durchschritten hatte.

    Irgendwie ist es doch auffallend prima, dass nun in allerlei Medien, die sich sonst wohl kaum diesem grenz debilen Format zugewandt hätten, der Titel der Sendung auftaucht. Zudem kann Bild aus 10 Sekunden Video mindestens eine Woche lang täglich einen Artikel destillieren.

  7. Nils
    25. Januar 2008, 9:59

    Ich würde ja gerne mal das ganze Video sehen. Ist doch schon auffällig, dass „Bild“ keinerlei Kontext hat stehen lassen. Wer so genau schneidet, will wahrscheinlich nicht alles zeigen…

  8. el-flojo
    25. Januar 2008, 11:58

    Als Ersttagskäufer der Adolf-Comics von Walter Moers und Historiker (hust) kann ich das Ganze auch nicht so ganz nachvollziehen und sehe die Diskussion mal wieder mit Besorgnis und MItleid für die Schreihälse (Bild und KOnsorten).

    Man kann über Hitler und Co lachen. Man muss sogar. Nur darf man anscheinend nicht.

    Was ich immer wieder erschreckt ist, dass keiner der Berufsempörten die kleinen aber feinen Unterschiede berücksichtigt. Wenn die Person Hitlers, Himmlers etc verulkt, verarscht und bloßgestellt wird, ist das eine völlig andere Sache als wenn deren Taten verharmlost oder gar geleugnet werden.
    Das sich-lustig-machen über den Führer und seine Kumpanei ist ein wichtiger Bestandeil der Aufbereitung des Geschehenen. Weil man sich im besten Fall (geht auch ohne, ich weiß) mit etwas beschäftigt haben muss, um sich darüber lustig machen zu können. Der Betroffenheitsreflex verlangt dergleichen nicht. Dafür wird er verlangt, vorausgesetzt.

    Sicher, Tommek ist keine Intelligenzbestie, aber es ist mir tausendmal lieber, jemand macht sich über die Arschlöcher der Vergangenheit lustig als dass sie nur immer wieder in den Schrein der unantastbaren Tabus gestellt werden.
    Man muss sich lustig machen. Diese Geister der Vergangenheit haben es nicht anders verdient als bloßgestellt, verhöhnt und vor allem entzaubert zu werden. Ihre Taten kann solches Verhalten nicht verharmlosen und will es auch gar nicht.

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