Was läuft da eigentlich im Online-Angebot der deutschen „Vanity Fair“ schief? Also, von den üblichen Problemen mal ab.

(Die Startseite von vanityfair.de im Firefox)

(Die gleiche Seite im Internet Explorer)
Was läuft da eigentlich im Online-Angebot der deutschen „Vanity Fair“ schief? Also, von den üblichen Problemen mal ab.

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Der Umstand, dass heute Sonntag ist, ermöglicht es mir, mal Branchendienst zu spielen und quasi eine Exklusivmeldung rauszuhauen: Tomte-Schlagzeuger Timo Bodenstein hat die Band nach über zehn Jahren verlassen.
Timo Bodenstein und Tomte haben beschlossen, von nun an getrennte Wege zu gehen. Timo übergibt das Staffelholz an Max, Simon Frontzek (a.k.a. Sir Simon Battle) wird uns künftig als Keyboarder begleiten. Einiges wird anders, und wir machen weiter wie bisher. Alles Gute für alle.
Eure Tomte
Damit ist Sänger Thees Uhlmann jetzt das letzte aktuelle Bandmitglied, das schon beim Debütalbum „Du weißt, was ich meine“ dabei war.
Da schreibe ich gestern noch über die Musikindustrie und die tolle Idee, zahlenden Kunden funktionslose „Tonträger“ zu verkaufen, und was mache ich quasi zeitgleich? Gehe zu Saturn und kaufe an einer idiotischen SB-Kasse eine CD mit Kopierschutz.
Das allerdings fiel mir erst auf, als ich die CD zum Anhören in den heimischen Computer schob: iTunes wollte die Scheibe in keinem der beiden Laufwerke wiedergeben und nicht mal Windows konnte das Ding erkennen. Das ist für ein Endanwender-Produkt neuer Rekord, bisher kannte ich derartigen Digitalmüll nur als Rezensionsexemplare für die schwerkriminellen Musikjournalisten. Das Kopierschutz-Logo war übrigens erstaunlich gut getarnt, die CD „The Singles“ von Basement Jaxx aus dem Jahr 2005 (was den Kopierschutz im Nachhinein erklärt). Da an eine gemeinsame Zukunft aus naheliegenden Gründen nicht zu denken war, schleppte ich die CD zurück zu Saturn.
An der Infotheke im Erdgeschoss musste ich nur drei Minuten warten, dann füllte die (wirklich freundliche) Dame einen „Mitbringschein“ aus, kopierte meinen Kassenbon von gestern und schickte mich an die Information der CD-Abteilung im zweiten Stock.
Die dortige Information, an der ich zunächst vorsprach, war die falsche, man schickte mich zu einer weiteren am anderen Ende des Gebäudes. Dort trug ich mein Anliegen ein drittes Mal vor:
Ich: „Guten Tag, ich habe gestern diese CD gekauft. Da ist ein Kopierschutz drauf und ich kann sie nicht hören!“
Typ: „Auf dem Computer …“
Ich: „Äh, ja.“
Typ: „Das steht da aber auch drauf, nicht?“
Ich: „Oh Gott, Sie wollen doch auch nicht, dass ich hinterher im Blog so Sachen wie ‚meine Halsschlagader schwoll an‘ oder ‚dürfte ich bitte Ihren Vorgesetzten sprechen‘ schreiben muss, oder? Ich habe ein paar Dutzend CDs zuhause, auf denen Kopierschutzlogos drauf sind. Bisher konnte ich jede einzelne davon hören – und auf einigen war noch nicht mal wirklich ein Kopierschutz drauf.“
Typ: (murmelt unverständlich)
Im Folgenden wurde ich gebeten, meinen Namen und meine Anschrift zu nennen. Ich war natürlich viel zu verwirrt, irgendwelchen Blödsinn zu erzählen, und wusste auch nicht, ob mir das Geld nicht vielleicht bar per Post zugestellt werden sollte. Wurde es aber nicht: Es wurde ein weiteres Blatt Papier bedruckt (der Laden muss eine beeindruckende Öko-Bilanz haben) und mir mit den Worten „Damit gehen Sie jetzt wieder zur Kasse und kriegen Ihr Geld!“, in die Hand gedrückt wurde.
Noch einmal kurz zum Mitschreiben: Um einen Tonträger umzutauschen, der die Töne zwar tragen mag, aber nicht mehr hergeben will, musste ich bei drei Personen (vier, wenn man die falsche Info-Theke mitzählt, was ich gerne mache, denn die war ja nicht mein Fehler) auf zwei Etagen vorsprechen und bekam nach nur einer Viertelstunde meine 8,99 Euro zurück.
Und jetzt will ich keine Argumente für die CD mehr hören. Die Zukunft gehört der MP3!
In Sachen Nokia läuft gerade ein Fass über. Und die Verantwortlichen in der Politik – allen voran der Ministerpräsident Rüttgers – täten gut daran, jetzt kein Öl mehr ins Feuer zu gießen.
Nach der Ankündigung von Nokia, das Werk in Bochum dicht zu machen, überbieten sich die Politiker in Populismus. Djure von „blog.50hz.de“ tritt einen Schritt zurück und nennt das Verhalten von Nokia „konsequent“.
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Während hierzulande Nikotinfreunde unter dem Kneipen-Rauchverbot ächzen, greifen kalifornische Behörden richtig hart durch. Die Kleinstadt Calabasas sollen in Zukunft qualmfrei sein – auch in den eigenen vier Wänden.
„Spiegel Online“ berichtet über das geplante Rauchverbot in Mietwohnungen in Calabasas, CA („LA Daily News“ zum selben Thema).
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Heute bange ich um das Leben jedes Opas, der in der Tram die Augen rollt, wenn eine Clique 15-Jähriger die Belastbarkeit der Scheiben mit Schlagringen testet. Das Entrüstungspotential älterer Menschen wird ja immer mehr zum Sicherheitsrisiko im öffentlichen Raum. Ich greife dann sofort ein und verwickle den sich in Rage denkenden Mittsiebziger in ein Gespräch über Stauffenberg, die Wehrmacht oder die Segnungen von Essen auf Rädern.
Daniel Haas hat bei „Spiegel Online“ eine wunderbare … ja, was eigentlich: Polemik, Satire? Er hat jedenfalls einen wunderbaren Text über die aktuell heraufbeschworenen Gefahren in U‑Bahnen verfasst.
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„Riechen Sie die U‑Bahn?“, frage ich. Wir steigen ein, fahren durch die Problemviertel Berlins. Drei Betrunkene steigen zu, sie haben Bierflaschen in den Händen. Ich habe keinen Augenkontakt mit den Biertrinkern. Frau Zypries auch nicht. Wir sprechen über die Architektur der Großstädte, die auch Gewalt auslöst, über Hochhäuser.
Gonzo-Journalismus bei „Bild.de“: Franz Josef Wagner und Brigitte Zypries fahren U‑Bahn. Mit Video!
Passend dazu: „In zehn einfachen Schritten: Schreiben wie Franz Josef Wagner“ bei medienlese.com
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When history was written, the final page will say …
Auch deutsche Politiker sagen mitunter merkwürdige Dinge. Aber niemand ist so merkwürdig wie George W. Bush – und niemand nimmt das besser auseinander als die eine „Daily Show“.
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„Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ wirkt eigentlich vergleichsweise ungefährlich gegenüber „Big Brother“ oder vielen Talkshows und Doku-Soaps, weil die Teilnehmer keine naiven Laien sind, sondern Profis, die wissen könnten, worauf sie sich einlassen, und Berater an ihrer Seite haben. Doch mit Blick auf Teile des Personals und ihr Verhalten im Dschungel muss man daran zweifeln, ob die Teilnahme für alle rein subjektiv wirklich so freiwillig ist.
Stefan Niggemeier macht sich in der „FAZ“ Gedanken darüber, was die Kandidaten zu ihrer Teilnahme bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ getrieben haben könnte.
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The episode is the latest in which bloggers and others have used the Internet to force Chinese authorities to investigate beatings and other abuses by government officials.
Die Online-Ausgabe der „New York Times“ berichtet darüber, wie Blogger in China die genauere Untersuchung eines mysteriösen Todesfalls anstoßen konnten.
Speaking of Zukunftsvisionen und Angestellte einsparen: Bei „Saturn“ in Bochum gibt es sogenannte SB-Kassen, bei denen ich meine Ware selbst Scannen darf. Auch gebe ich mein Geld einem plappernden Automaten und nicht einer unfreundlichen Kassiererin in die Hand.
Allein: Die Automaten sind tierisch langsam, störungsanfällig und brauchen pro Gerät einen eigenen Mitarbeiter, der aufpasst, dass der Kunde alles richtig macht, und bei Fehlern eingreift.
Sind sicher wahnsinnig ökonomisch, die Teile.
(Jarvis Cocker – Running The World)

Vorgestern verkündete der angeschlagene Musikkonzern EMI, er werde weltweit zwischen 1500 und 2000 Stellen streichen und damit wohl ein Drittel seiner Angestellten feuern. Der private-equity-Konzern Terra Firma, der das Traditionsunternehmen im vergangenen Sommer übernommen hatte, will aus EMI binnen kurzer Zeit ein profitables Unternehmen machen.
Das allein klingt schon mal nach einer ziemlich dämlichen Idee, denn jedes Kind weiß, dass Plattenfirmen so ziemlich die schlechteste Wahl sind, wenn man auf schnelles Geld aus ist. Oder überhaupt auf Geld. Man könnte sich genauso gut in eine Fabrik für elektrische Schreibmaschinen oder in einen Zeitungsverlag einkaufen.
Das Beispiel EMI zeigt was passiert, wenn global player nicht mehr von weltfremden Trotteln, sondern von geldgeilen Volltrotteln geführt werden: Die Musiker, meinen laienhaften Wirtschaftsvorstellungen zufolge nicht unbedingt der unwichtigste Teil eines Musikkonzerns, waren nämlich mit den Ansagen der neuen Chefs (viele Kreative reagieren beispielsweise auf Zeitdruck allergisch) gar nicht gut zu sprechen und kündigten eine Art Veröffentlichungsboykott an. Robbie Williams, Coldplay und die wiedervereinigten The Verve wollen angeblich erst mal nichts mehr rausbringen, mit Paul McCartney, Radiohead und jetzt wohl auch den Rolling Stones haben Künstler, die teils über mehrere Jahrzehnte Zugpferde bei EMI waren, dem Konzern den Rücken gekehrt oder dies angekündigt. Und egal, ob die Verträger einen Musiker-Streik wirklich zulassen und ob aus den Resten der EMI wirklich ein profitabler Konzern werden kann: Ich glaube, wir erleben damit das letzte Kapitel der Musikindustrie im alten Sinne und es wird ein Ende mit Schrecken.
Es ist fast acht Jahre her, dass Metallica-Drummer Lars Ulrich dem US-Senat vorheulte, dass die Musik seiner Band bei Napster aufgetaucht sei. Die Politik reagierte auf dieses völlig neuartige Phänomen mit immer neuen Gesetzen, die es nun auch in Deutschland wieder verlockender erscheinen lassen, CDs direkt im Laden zu klauen anstatt sie illegal herunterzuladen. Die Musikkonzerne reagierten unter anderem damit, dass sie ihren verbliebenen zahlenden Kunden High-Tech-Müll verkauften, der auf vielen Abspielgeräten nicht lief (besonders lustig beim Musikkonzern und Elektronikhersteller Sony) oder die Computer-Sicherheit des Käufers gefährdeten. Später versuchten sie, den Wert von Musik dadurch zu vermitteln, dass sie einsame CDs ohne Booklet (BMG, inzwischen heimlich, still und leise wieder vom Markt verschwunden) oder in billigen Pappschubern (Universal) zu vermeintlichen „Sonderpreisen“ auf den Markt warfen.
Zugegeben: Auch ich habe keinen brillanten Plan, wie man auf die fehlende Bereitschaft eines Teils (möglicherweise sogar tatsächlich eines Großteils) der Bevölkerung, für die ständige Verfügbarkeit von Musik Geld zu zahlen, reagieren sollte. Womöglich würde ich nicht mit der Beleidigung und Schikanierung der Rest-Kundschaft beginnen. Aber ich bin auch nicht die Musikindustrie, ich muss gar keinen brillanten Plan haben.
Vielleicht ist das Wort „Musikindustrie“ alleine (Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie, spricht sogar von „Kreativwirtschaft“) schon ein Irrtum, ein schreckliches Missverständnis. Musik ist (wie Film, Literatur, Theater, bildende Kunst) in erster Linie Kunst und somit weder unter „Industrie“ noch unter „Wirtschaft“ einzusortieren. Die Tatsache, dass Großkonzerne ein paar Jahrzehnte gut von der Vermarktung dieser Kunst leben konnten, ist historisch betrachtet eine Ausnahme, eine Art Versehen. Beethoven, van Gogh und Goethe haben ihre Kunst nicht geschaffen, um damit irgendwelchen Unternehmern zu Geld und Ruhm zu verhelfen – im Falle von van Gogh hat es zu Lebzeiten nicht mal zu eigenem Geld und Ruhm gereicht.
Natürlich soll das im Umkehrschluss nicht heißen, dass alle Künstler hungern und verarmt sterben sollen. Selbst über die Frage, ob ein Künstler wie Robbie Williams einen 120-Millionen-Euro-Vertrag wert sein sollte, lässt sich noch diskutieren – zumindest, wenn die Plattenfirma durch die Vermarktung von dessen Musik ein Vielfaches einnimmt. Ich glaube aber, dass es eine irrige Idee ist, mit der Vermarktung von Kunst auch noch jedes Jahr fette Rendite erwirtschaften zu können. Theater und Museen werden subventioniert, es gibt die Buchpreisbindung und die Filmförderung – was sagt uns das über die Wirtschaftlichkeit von Kultur, Stichwort „Kreativwirtschaft“?
Einer der Grundsätze von Wirtschaft ist die Sache mit Angebot und Nachfrage. Was aber tun, wenn die Nachfrage nach kostenpflichtiger Musik wirklich nachlässt? Es wäre eine Möglichkeit, das Konzept „Songs gegen Kohle“ zu beerdigen, aber das muss vielleicht nicht mal sein. Eine neue Idee aber braucht es: Einerseits wäre es wünschenswert, jungen Menschen, die fünf Euro für einen Becher Kaffee mit Geschmack zahlen, klar zu machen, dass auch das Erdenken, Einspielen, Produzieren und Veröffentlichen von Musik harte Arbeit ist, andererseits erscheint es mir einigermaßen begreiflich, dass kein normaler Mensch 18 Euro für eine aktuelle CD zahlen will, wenn diese vor ein paar Jahren noch 15 Euro gekostet hätte. Ich mag CDs wirklich – ich mag es, das Booklet durchzublättern und die Scheibe selbst in den Händen zu halten -, aber die Differenz von bis zu acht Euro zum legalen Download lässt mich immer häufiger zum Download schwenken – zumal ich mir da die oftmals erfolglose Suche bei „Saturn“ sparen und die Musik sofort hören kann.
Ich könnte grundsätzlich werden, ein fehlgeleitetes Wirtschaftssystem geißeln und das Fass mit dem Grundeinkommen aufmachen. Das sollte nicht aus den Augen gelassen werden, hilft aber im Moment auch nicht weiter. Im Moment droht 2000 Menschen die Arbeitslosigkeit, die selbst bei dem Versuch, Künstler wie Lisa Bund oder Revolverheld an den Mann zu bringen, noch Engagement zeigen: die Ansprechpartner bei den Plattenfirmen für Presse und Künstler, die schon in der Vergangenheit so häufig wechselten wie sonst nur beim Speed Dating. Die einfachen Mitarbeiter, die bei Meetings auf Kaffee und Gebäck verzichten müssen, während die Manager in der Business Class um die Welt jetten und überall zeigen, wie wenig Ideen sie selbst noch haben. Und natürlich geht es auch weniger um die Zukunft von Robbie Williams und den Rolling Stones, als vielmehr um die Chancen möglicher Nachwuchsstars.
Dabei wird aber übersehen, dass der hochdotierte Major-Vertrag, der lebenslangen Reichtum garantiert, längst schon Ausnahme statt Regel ist – vor allem aber ist er kein Muss mehr. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten, Hörer (und damit potentielle Käufer und Fans) zu finden, aber auch um die Vermarktung selbst in die Hand zu nehmen. Zwar gehen Kreativität und Marketing- oder gar Finanzgeschick selten Hand in Hand, aber das wird sich auch noch finden. Das nächste oder übernächste „Internetphänomen“ (und damit der Nachfolger von den Arctic Monkeys und Lily Allen) wird seine Musik vielleicht gar nicht mehr bei einer regulären Plattenfirma und auf CD herausbringen.
Ich jedenfalls würde den Musikern, deren Werk ich schätze, meine finanzielle Anerkennung gerne direkt zukommen lassen. Ich war durchaus noch bereit, mit dem Kauf einer Coldplay-CD zur Gegenfinanzierung kleinerer Bands beizutragen. Aber ich habe wenig Bock, irgendwelchen geldgeilen, menschen- und kulturverachtenden hedge-fonds-Teilhabern bei der Aufbesserung ihrer Rendite zu helfen.
Wir machen mal wieder ein kleines Rätsel:
Aus wie vielen Artikeln bei n‑tv.de habe ich die folgenden Screenshots zusammengestellt?
Da haben wir ein Symbolbild …

… ein Video …

… und diese Überschrift:

Na, was glauben Sie? Wie viele Artikel waren das?
Drei? Sind Sie sich sicher?
Nun, die drei Screenshötte stammen aus …
*Trommelwirbel*
… ein und demselben Artikel.
Das ist Blödsinn, sagen Sie? Und fragen sich, worum es denn in einem Artikel gehen soll, der mit Löwen bebildert ist, ein Video von Roland Koch zeigt und in der Überschrift von Liebe und Frühstück faselt?
Mein Gott, sind Sie phantasielos: Um die Stimmung in der großen Koalition, natürlich!
Manchmal frage ich mich schon, ab wann eine Meldung für dieses oder jenes Medium relevant ist:

Nachtrag 19:40 Uhr: Was für eine doofe Überschrift! Mit ein bisschen Nachdenken wäre mir bestimmt „Fernglas“ von Schrottgrenze (MP3) eingefallen:
Und einer ruft von hinten rein:
Kinder, lasst die Drogen sein!
Manche Dinge sind nur schwer zu erklären: die Abseitsregel angeblich, der Erfolg von Modern Talking oder alles, was mit dem sogenannten Web 2.0 zu tun hat. Wer einmal versucht hat, seinen Großeltern das Konzept eines Blogs oder gar die Funktionsweise von Twitter zu erklären, kennt danach alle Metaphern und Synonyme der deutschen Sprache.
Zu den Dingen, die für Außenstehende (aber nicht nur für die) unverständlich erscheinen, gehört die Bereitschaft junger Menschen, privateste Dinge im World Wide Web preiszugeben. Bei MySpace, Facebook, LiveJournal, StudiVZ und ähnlichen Klonen teilen sie theoretisch der ganzen Welt ihr Geburtsdatum, ihre Schule und ihre sexuelle Orientierung mit und bebildern das Ganze mit jeder Menge Fotos, auf denen sie – wenn man der Presse glauben schenken darf – mindestens betrunken oder halbnackt sind, meistens sogar beides.
In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ von gestern war ein großer Artikel von Patrick Bernau zu dem Thema – interessanterweise im Wirtschaftsteil. Dort geht es hauptsächlich um die personalisierten Werbeanzeigen, die StudiVZ, Facebook und die „Hallo Boss, ich suche einen besseren Job!“-Plattform Xing zum Teil angekündigt, zum Teil eingeführt und zum Teil schon wieder zurückgenommen haben. Bernau montiert die Auskunftsfreudigkeit der User gegen die Proteste gegen die Volkszählung vor zwanzig Jahren, er hätte aber ein noch größeres scheinbares Paradoxon finden können: die Proteste gegen die Vorratsdatenspeicherung.
Gelegentlich frage ich mich selbst, warum ich einerseits so entschieden dagegen bin, dass Polizei und Staatsanwaltschaft im Juli nachgucken könnten, wen ich gestern angerufen habe (sie brauchen nicht nachzugucken: niemanden), ich aber andererseits bei diversen Plattformen und natürlich auch hier im Blog in Form von Urlaubsfotos (also Landschaftsaufnahmen), Anekdoten und Meinungen einen Teil meines Lebens und meiner Persönlichkeit einem nicht näher definierten Publikum anbiete. Aber erstens halte ich Auskünfte über meine Lieblingsbands und ‑filme oder die Tatsache, dass ich Fan von Borussia Mönchengladbach bin, für relativ unspektakulär (ich drücke diese Präferenzen ja auch durch das Tragen von entsprechenden T‑Shirts öffentlich aus), und zweitens gebe ich diese Auskünfte freiwillig, ich mache von meinem Recht auf informationelle Selbstbestimmung Gebrauch.
Wenn also beispielsweise die Juso-Hochschulgruppe Bochum auf einem Flugblatt angesichts der personalisierten Werbung im Web 2.0 fragt:
Muss der Staat eingreifen? Wie weit darf die „Marktwirtschaft 2.0“ gehen?
und dann auch noch „SchnüffelVZ“ und Vorratsdatenspeicherung bei einer Podiumsdiskussion gemeinsam behandeln will, weiß ich schon mal, welcher Liste ich bei der Wahl zum „Studierendenparlament“ nächste Woche meine Stimme nicht gebe. 1
Ich habe ein wenig Angst, wie die FDP zu klingen, aber: Die Mitgliedschaft in der Gruschelhölle oder beim Freiberufler-Swingerclub Xing ist freiwillig, niemand muss dort mitmachen, niemand muss dort seine Daten angeben. Sie ist darüberhinaus aber auch kostenlos (Xing gibt’s gegen Bares auch als Premium-Version, aber das soll uns hier nicht stören) und wird dies auf lange Sicht nur bleiben können, wenn die Unternehmen über die Werbung Geld verdienen. Und warum personalisierte Werbung effektiver (und damit für den Werbeflächenvermieter ertragreicher) ist, erklärt der „FAS“-Artikel in zwei Sätzen:
Wenn zum Beispiel nur die angehenden Ingenieure die Stellenanzeigen für Ingenieure bekommen, bleiben die Juristen von den Anzeigen verschont. Wenn ein beworbenes Rasierwasser schon zur Altersgruppe passt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es dem Nutzer tatsächlich gefällt.
Ob ich nun nach der einmaligen postalischen Bestellung bei einem Musikinstrumentenversand unaufgefordert die Probeausgabe einer Musikerzeitschrift im Briefkasten habe, oder ein wenig automatisch erzeugte Digitalwerbung auf meinem Monitor, macht qualitativ kaum einen Unterschied. Wenn mich das nervt oder mir meine hinterlegten Daten zu ungeschützt erscheinen, kann ich mich ja bequem zurückziehen – dann allerdings sollte ich auch die Möglichkeit haben, meine Daten Rückstandslos entfernen zu lassen, diese Mindesterwartung habe ich an den Plattform-Anbieter.
Wir brauchen also viel weniger einen staatlichen Eingriff (obwohl die Vorstellung, dass Bundesjustizministerin Brigitte Zypries im Fernsehen erklären soll, was denn so ein „social network“ ist, durchaus einen erheblichen Trash-Charme hat) und viel mehr Medienkompetenz. Die kommt freilich nicht von selbst, wie man auch am Super-RTL-Kritiker Günther „Scheiß Privatfernsehen!“ Oettinger sehen kann. Medienkompetenz könnte auch nicht verhindern, dass von ein paar Millionen Computerspielern und Horrorfilm-Zuschauern zwei, drei Gestörte auf die Idee kommen, das Gesehene nachzuahmen, aber sie könnte Jugendliche wenigstens so weit bringen, dass diese das Für und Wider von Betrunken-in-Unterwäsche-im-Internet-Fotos abwägen könnten.
Aber auch bei dem Thema sehe ich noch Verständnisschwierigkeiten: Wenn Mädchen und junge Frauen in ihren Fotogalerien bei MySpace oder Facebook Bikini- oder Unterwäschebilder von sich reinstellen, heißt das ja noch lange nicht, dass sie von einer Karriere im Pornogeschäft träumen, wie es für manche Beobachter aussehen mag. Zwar lässt sich bei ein paar Millionen Mitgliedern nicht ausschließen, dass darunter auch ein paar Perverse sind, aber die Bilder dienen ja ganz anderen Zwecken: sich selbst zu zeigen 2 und den Herren in der peer group gefallen.
Nacktfotos von sich selbst hat bestimmt jede zweite Frau, die heute zwischen 18 und 30 ist, schon mal gemacht – mindestens, denn die Digitaltechnik vereinfacht auch hier eine Menge. Ob sie die ins Internet stellt und vielleicht sogar bei SuicideGirls oder ähnlichen Seiten Karriere macht 3, sollte sie natürlich auch vor dem Hintergrund der angestrebten Berufslaufbahn („Frollein Meier, mein großer Bruder hat sie nackt im Internet gesehen!“), ihres Selbstverständnisses und des Risikos der Belästigung gut abwägen. In jeder Kleinstadt gibt es ein Fotostudio, das im Schaufenster mit schwarz-weißen Aktfotos irgendeiner Dorfschönheit wirbt – diese Bilder sind oft von geringer künstlerischer Qualität und sind Lehrern, Nachbarn und gehässigen Mitschülern oft viel leichter zugänglich als MySpace-Fotos.
Auch Bilder von Alkoholgelagen gibt es, seit die erste Kleinbildkamera auf eine Oberstufenfahrt mitgenommen wurde. Ob Kinder ihren betrunkenen Vater mit Papierkorb auf dem Kopf im Wandschrank einer Münchener Jugendherberge 4 nun zum ersten Mal sehen, wenn er zum fünfzigsten Geburtstag von seinen Alten Schulfreunden ein großes Fotoalbum bekommt 5, oder sie die Fotos jederzeit im Internet betrachten können, ist eigentlich egal. Nicht egal ist es natürlich, wenn die Abgebildeten ohne ihre Einwilligung im Internet landen oder die Bilder jemandem zum Nachteil gereichen könnten.
Doch auch das wird auf lange Sicht egal werden, wie Kolumnist Mark Morford letztes Jahr im „San Francisco Chronicle“ schrieb:
For one thing, if everyone in Generation Next eventually has their tell-all MySpace journals that only 10 friends and their therapist are forced to read, then soon enough the whole culture, the entire workforce will mutate and absorb the phenomenon, and it will become exactly no big deal at all that you once revealed your crazy love of pet rats and tequila shooters and boys‘ butts online, because hell, everyone revealed similar silliness and everyone saw everyone else’s drunken underwear and everyone stopped giving much of a damn about 10 years ago.
Es wird zukünftigen Politikern vermutlich nicht mehr so gehen wie Bill Clinton, der irgendwann mit nicht-inhalierten Joints konfrontiert war, oder Joschka Fischer, dessen Steinwurf-Fotos nach über dreißig Jahren auftauchten: Über wen schon alles bekannt (oder zumindest theoretisch zu ergoogeln) ist, der muss keine Enthüllungen oder Erpressungen fürchten. Auch die Bigotterie, mit der Menschen, die ihre eigenen Verfehlungen geheimhalten konnten, anderen dieselben vorhalten, könnte ein Ende haben. Und das Internet könnte über Umwege tatsächlich zur Gleichmachung der Gesellschaft beitragen.
Nachtrag 16. Januar: Wie es der Zufall so will, hat sich „Frontal 21“ dem Thema gestern angenommen. Wenn man die übliche Weltuntergangsstimmung und die Einseitigkeit der Expertenmeinungen ausklammert, ist es ein recht interessanter Beitrag, den man sich hier ansehen kann.
Man muss „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ nicht lustig, unterhaltsam oder gar gut finden, es gibt im deutschen Fernsehen (wenn auch nicht unbedingt auf RTL) sicherlich ein paar bessere Eigenproduktionen.
Man muss nicht mal die großartig-boshaften Dialoge zwischen Dirk Bach und Sonja Zietlow großartig finden, man kann sie auch als „ziemliches Trauerspiel“ beschreiben, wie Dennis Kayser bei „Spiegel Online“ tut. Das ist ja alles Geschmackssache.
Man fragt sich natürlich schon, warum der Online-Ableger eines Nachrichtenmagazins, das gerne ernst genommen werden möchte, denn überhaupt 3.000 Zeichen und eine siebenteilige Bildergalerie auf die Nacherzählung dieser offenbaren Nichtigkeit verschwendet, aber vielleicht dient die Verwendung von Worten wie „Porno-Plaudereien“ und „Bumserfahrungen“ ja der qualitätsjournalistischen Abgrenzung Klickgenerierung.
Noch mehr aber frage ich mich, was diese Flash-Animation mitten in dem Text zu suchen hat:

Werbung kann es nicht sein, dann müsste ja „Werbung“ oder „Anzeige“ darüber stehen und die Animation müsste mindestens Titel und Sender nennen oder einen Link zu RTL beinhalten. So aber zeigt nur die Uhr die Sendezeit von „IBESHMHR“ (Insider-Abkürzung) und Bach und Zietlow versinken im Schlamm. Und wenn man anschließend auf die Animation klickt, geht das von vorne los.
Irgendwelche Ideen?
Die ersten zehn Tage des Januars waren die großen Macher und Entscheider wohl noch im Weihnachtsurlaub, am elften kehrten sie an ihre Schreibtische zurück und machten und entschieden: Jürgen Klinsmann wird Trainer beim FC Bayern München, Jens Lehmann nicht Torwart bei Borussia Dortmund, Burda stellt seine Zeitschrift „Max“ ein und Ulf Poschardt verlässt „Vanity Fair“. Die erste Ausgabe in der preiswerteren Rückendrahtheftung war damit wohl die letzte, die „Posh“ mit einem seiner einzigartigen Editoriale („prägnant, unverhohlen, unangepasst“, so ein Leserbriefschreiber) eröffnen durfte. Und so musste ich mir trotz anders lautender Vorsätze doch noch mal ein Heft kaufen. 1
Als die deutsche Ausgabe des renommierten People-Magazins im letzten Februar mit großem Tamtam anlief, wurde die Startauflage von angeblich 500.000 Exemplaren fast ausschließlich von Medienjournalisten aufgekauft. Wie es danach mit den Verkaufszahlen aussah, wusste man längere Zeit nicht. Als es dann überraschend doch noch Zahlen gab, lagen die mit 172.000 verkauften Exemplaren im 3. Quartal 2007 (s. die IVW-Auflagenliste, S. 170) deutlich höher, als die meisten Beobachter erwartet hätten. So ganz ernst genommen wurden die Zeitschrift und ihr Chefredakteur nie, dafür hatte man sich im Vorfeld („das Magazin für Mover und Shaker“, die komplett weiße Inneneinrichtung der Redaktion) zu peinlich verhalten. Und auch Aktionen wie das Interview von Michel Friedman (der für „Vanity Fair“ einige interessante Reportagen geschrieben hat) mit Horst Mahler unter der Überschrift „So spricht man mit Nazis“ brachte dem Blatt eher Spott und Kritik als journalistisches Renommee ein und die ständige Kampfpreis-Verramschung für einen Euro gab dem Leser auch nicht gerade das Gefühl, ein hochwertiges Produkt in der Hand zu haben. Egal, ob gerade Lindsay Lohan, George Clooney, der Papst, Angela Merkel oder Knut auf dem Titelbild waren: „Vanity Fair“ hat es nicht mal ins Wartezimmer meines Friseurs geschafft.
Auf Zugfahrten habe ich „Vanity Fair“ trotzdem hin und wieder gerne gelesen durchgeblättert – auch weil man, wie Daniel Fiene richtig bemerkt, kaum sonst so viel Heft für so wenig Geld bekam. Aber irgendwann nervte mich die permanente Nichtigkeit des Blattes und ich konnte das wirtschaftsliberale, neokonservative Geschwurbel in den Editorials von Ulf „die FDP wählen ist Punk“ Poschardt nicht mehr sehen:
In Deutschland war es ein verschenktes Jahr. Politisch eines der Idiotie. Sein Triumphator hieß Oskar Lafontaine. Mit der Gründung der Linken und ihrem schnellen politischen Erfolg auch in Westdeutschland hat er die Agenda des Jahres bestimmt. Anstatt über die Zukunft zu sprechen, über die Chancen der Globalisierung und die Herausforderungen der Wissensgesellschaft, diskutierte das Land abwechselnd über Fragen des 19. Jahrhunderts oder der 70er-Jahre. Das Land führte selbstbetrunken einen inneren Monolog über Gerechtigkeit und Gleichheit. Und das so, als wäre der angelsächsische „Raubtierkapitalismus“ über die Deutschen wie eine Seuche hereingebrochen.
Nun ist Poschardt nicht mal ein Jahr nach dem Start freiwillig gegangen (oder er wurde es gar). Ironischerweise findet sich in seiner letzten Ausgabe ein Interview mit Matthias Matussek, ebenfalls frisch geschasster Kulturchef des „Spiegels“. Die beiden reden über die Vorteile des Katholizismus. Es ist ein Witz. Und Poschardt reicht damit seine Bewerbung für die Nachfolge Stefan Austs ein.
01:42 Uhr in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist vielleicht nicht unbedingt der glamouröseste Zeitpunkt, um eine Pop-Karriere zu starten. So spät war es heute früh, als bei Stefan Raabs kleinem Talentwettbewerb die Siegerin feststand: die achtzehnjährige Stefanie Heinzmann aus Eyholz in der Schweiz. Die Sendung und vor allem die Kandidaten hätten einen weit besseren Sendeplatz verdient gehabt als den im Anschluss an Sonya Kraus‘ Trash-Parade „Simply The Best“.
Doch worum ging es eigentlich? Im April des letzten Jahres stieg Max Buskohl freiwillig bei „Deutschland sucht den Superstar“ aus, weil er lieber mit seiner Band Empty Trash musizieren wollte. Wegen bestehender Verträge durfte er aber zunächst nirgendwo mehr auftreten, auch nicht bei „TV Total“, wohin Stefan Raab ihn sofort eingeladen hatte. Raab zettelte erst einen „TV-Skandal“ („Bild“) an, indem er Buskohl als RTL-„Geisel“ inszenierte, dann kündigte er einfach seine eigene Castingshow an: „Stefan sucht den Superstar, der singen soll was er möchte und gerne auch bei RTL auftreten darf“ („kurz“: SSDSDSSWEMUGABRTLAD).
Raab hatte Erfahrung mit Castingshows: Im Jahr 2004 hatte er mit „Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“ („SSDSGPS“) den letzten ernst zunehmenden Versuch sabotiert, aus dem deutschen Vorentscheid zum Schlager-Grand-Prix doch noch eine zeitgemäße Veranstaltung zu machen. Dafür verhalf er dem Sänger Max Mutzke über Nacht zum Nummer-Eins-Hit, holte mit ihm in Istanbul den bis heute letzten deutschen Top-Ten-Platz beim Grand Prix und bekam für all das auch noch den Grimmepreis. Dann hatte Raab genug vom Grand Prix und rief den „Bundesvision Song Contest“ ins Leben, der sich aus dem Stand heraus zu einer der wichtigsten Veranstaltungen der deutschen Musikszene entwickelte. Raab selbst mutmaßte in einem „Behind the scenes“-Special zum aktuellen Wettbewerb, es hätten sich deshalb so viele interessante Musiker beworben, die nie in eine reguläre Castingshow gegangen wären, weil sie sich bei ihm und seinem Team sicher sein konnten, ernst genommen zu werden und sie selbst bleiben zu dürfen.
Und in der Tat: Was da an Kandidaten in den ersten Entscheidungsshows auflief, hätte jeden RTL-„Superstar“ in Grund und Boden singen können. Darunter jede Menge echte Typen, die man nicht nur wegen ihres Exoten-Faktors mit reingenommen hatte. Die von Anfang an hohe Qualität machte die Jury-Urteile von Raab, Buskohl-Papa Carl Carlton und wechselnden Gästen wie Ange Engelke, Sasha oder gestern Universal‑A&R Jochen Schuster dann natürlich ein bisschen langweilig, wie Christoph Cadenbach bei „Spiegel Online“ bemerkt:
Da wünschte man sich, so traurig das scheint, eine Lederhaut wie Dieter Bohlen herbei, der die Kandidaten mal so richtig vor den Kameras scharfrichtet.
Wer sich darüber wundert, dass ausgerechnet dem immer noch als „Großmaul“ verschrienen Stefan Raab eine kuschlige Castingshow und damit die vermeintliche Quadratur des Kreises gelungen ist, hat die Entwicklung der letzten Jahre verpasst: Raab hat aus Schnapsideen Großereignisse wie die „Wok-WM“ entwickelt, er hat mit „Schlag den Raab“ die große (und ewig lange) Samstagabendshow wieder zum Leben erweckt und dürfte in der Retrospektive irgendwann als einer der wichtigsten Fernsehmacher der Nuller Jahre gesehen werden. Und wenn seine Autoren ihm nicht jedesmal, wenn das Thema Frauenfußball zur Sprache kommt, gänzlich unsägliche Lesbenwitze aus der untersten Schublade kramen würden, hätte er vielleicht auch einen allgemein besseren Ruf.
Doch zurück zum gestrigen Finale, bei dem vier mehr oder weniger unwahrscheinliche potentielle Popstars zur Wahl standen: Mario, ein zwanzigjähriger Cowboy, der ausschließlich Country-Songs gesungen und es damit immer wieder in die nächste Runde geschafft hatte; Steffi, eine sympathische Fränkin, die überall sonst das Label „Rockerbraut“ verpasst bekommen hätte, wenn sie mit 32 überhaupt noch hätte teilnehmen dürfen; Gregor, der ab der zweiten Show mit selbst geschriebenen, deutschsprachigen Balladen angetreten war, und Stefanie, eine achtzehnjährige Schweizerin, die anspruchsvolle und mitunter abwegige Soul- und Funksongs schmetterte, als habe sie nie etwas anderes gemacht, und die sich selbst immer am meisten über ihr Weiterkommen zu wundern schien. Diese Kandidaten hatten bis gestern alle keine Nachnamen, keine Familie, die in Einspielfilmen erzählen musste, dass die Kinder ja noch „total auf dem Boden geblieben“ seien, und kein Privatleben, das in der „Bild am Sonntag“ ausgebreitet wurde. Die Kandidaten und ihre Songs reichten völlig aus, was im Gegenzug leider auch hieß, dass der Wettbewerb fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand – und ich hab ja auch bisher nie darüber geschrieben.
Dass Stefanie schließlich vor Gregor und Steffi das Finale gewinnen würde (Mario war bereits nach dem ersten von zwei Songs ausgeschieden), zeichnete sich schon an den Zuschauerreaktionen ab: das Studiopublikum hörte kaum noch auf zu toben, nachdem sie „Only So Much Oil In The Ground“ von Tower Of Power zum Besten gegeben hatte. Leider ist „My Man Is A Mean Man“, das ihr die schwedischen Autoren Markus Sepehrmanesh, Tommy Tysper und Gustav Jonsson geschrieben haben, nicht so spannend geraten – schon gar nicht in der Studioversion.
Denn bereits heute kann man eine Single kaufen, auf der praktischerweise alle vier Finalisten mit ihren neuen Songs vertreten sind – bei iTunes zum Beispiel schon seit Ende der Sendung. Und da wollen wir doch noch mal ganz kurz reinhören:
Stefanie Heinzmann – My Man Is A Mean Man (Livevideo aus der Sendung)
Eine gefällige Soulpop-Nummer, die ein wenig an Joss Stone, die neueren Christina-Aguilera-Sachen oder die Supremes erinnert. Nett, aber bei der Stimme wäre viel mehr drin gewesen.
Gregor Meyle – Niemand (Livevideo)
Gregor ist der Einzige der Finalisten, der seinen Song selbst geschrieben hat. „Niemand“ hatte er schon während der Entscheidungsshows im Dezember gespielt und es ist fürwahr ein erstaunlich guter Song. Zwar ist das Gerede von Carlton und Raab, man habe den besten deutschsprachigen Songwriter seit Jahren entdeckt, schon ziemlich übertrieben, anderseits stellt man sich natürlich auch die Frage, welche neuen deutschsprachigen Songwriter es in den letzten Jahren denn wohl überhaupt so gab – zumindest keinen, der derart lyrisch und dennoch unpeinlich über die ganz großen Gefühle gesungen hätte. Mit der U2-Instrumentierung ist das dann schon recht großer Sport. Nach den anderen Eigenkompositionen, die der Mann in der Show gespielt hat, kann man da ein erstaunliches Album erwarten.
Steffi List – Break The Silence (Livevideo)
Das Lied, das in der Studioversion am sattesten geraten ist. Die klangliche Nähe zu K’s Choice liegt vor allem daran, dass Steffis Stimme ordentlich nach der von Sarah Bettens klingt. Der Song könnte sonst aber auch von Heather Nova, Sophie B. Hawkins oder Sheryl Crow sein – was ich jetzt merkwürdigerweise als Kompliment meine.
Mario Strohschänk – Don’t Feel Sorry For Me (Livevideo)
Na, das höre ich ja schon bei WDR2 rauf und runter laufen. Klingt wie die Songs, die Gregg Alexander für Ronan Keating geschrieben hat, oder das Comeback-Album von Take That: Schon ein wenig arg glatt und mainstreamig, aber doch grad noch so, dass man es eher als „eingängig“ denn als „cheesy“ bezeichnen würde. Raab hat schon recht, wenn er meint, dass man Mario den Südstaaten-Amerikaner glatt abnehmen würde.
Kurzum: Die Single ist Pop im besten Sinne. Ob Stefan Raab bei seiner Suche nun wirklich einen „Superstar“ gefunden hat, wird sich (wie bei jeder Castingshow) noch zeigen. Die Voraussetzungen (Talent und eine Zielgruppe, die möglicherweise loyaler ist als die Horden kreischender Teenies, die jedes Jahr für ein anderes One-Hit-Wonder jubeln) sind jedenfalls gut. Man sollte RTL sehr dankbar sein, dass sie Max Buskohl unter Verschluss gehalten haben.