Posh The Button

Von Lukas Heinser, 12. Januar 2008 2:30

Die ersten zehn Tage des Januars waren die großen Macher und Entscheider wohl noch im Weihnachtsurlaub, am elften kehrten sie an ihre Schreibtische zurück und machten und entschieden: Jürgen Klinsmann wird Trainer beim FC Bayern München, Jens Lehmann nicht Torwart bei Borussia Dortmund, Burda stellt seine Zeitschrift „Max“ ein und Ulf Poschardt verlässt „Vanity Fair“. Die erste Ausgabe in der preiswerteren Rückendrahtheftung war damit wohl die letzte, die „Posh“ mit einem seiner einzigartigen Editoriale („prägnant, unverhohlen, unangepasst“, so ein Leserbriefschreiber) eröffnen durfte. Und so musste ich mir trotz anders lautender Vorsätze doch noch mal ein Heft kaufen.1

Ulf Poschardt: Ein verschenktes JahrAls die deutsche Ausgabe des renommierten People-Magazins im letzten Februar mit großem Tamtam anlief, wurde die Startauflage von angeblich 500.000 Exemplaren fast ausschließlich von Medienjournalisten aufgekauft. Wie es danach mit den Verkaufszahlen aussah, wusste man längere Zeit nicht. Als es dann überraschend doch noch Zahlen gab, lagen die mit 172.000 verkauften Exemplaren im 3. Quartal 2007 (s. die IVW-Auflagenliste, S. 170) deutlich höher, als die meisten Beobachter erwartet hätten. So ganz ernst genommen wurden die Zeitschrift und ihr Chefredakteur nie, dafür hatte man sich im Vorfeld („das Magazin für Mover und Shaker“, die komplett weiße Inneneinrichtung der Redaktion) zu peinlich verhalten. Und auch Aktionen wie das Interview von Michel Friedman (der für „Vanity Fair“ einige interessante Reportagen geschrieben hat) mit Horst Mahler unter der Überschrift „So spricht man mit Nazis“ brachte dem Blatt eher Spott und Kritik als journalistisches Renommee ein und die ständige Kampfpreis-Verramschung für einen Euro gab dem Leser auch nicht gerade das Gefühl, ein hochwertiges Produkt in der Hand zu haben. Egal, ob gerade Lindsay Lohan, George Clooney, der Papst, Angela Merkel oder Knut auf dem Titelbild waren: „Vanity Fair“ hat es nicht mal ins Wartezimmer meines Friseurs geschafft.

Auf Zugfahrten habe ich „Vanity Fair“ trotzdem hin und wieder gerne gelesen durchgeblättert – auch weil man, wie Daniel Fiene richtig bemerkt, kaum sonst so viel Heft für so wenig Geld bekam. Aber irgendwann nervte mich die permanente Nichtigkeit des Blattes und ich konnte das wirtschaftsliberale, neokonservative Geschwurbel in den Editorials von Ulf „die FDP wählen ist Punk“ Poschardt nicht mehr sehen:

In Deutschland war es ein verschenktes Jahr. Politisch eines der Idiotie. Sein Triumphator hieß Oskar Lafontaine. Mit der Gründung der Linken und ihrem schnellen politischen Erfolg auch in Westdeutschland hat er die Agenda des Jahres bestimmt. Anstatt über die Zukunft zu sprechen, über die Chancen der Globalisierung und die Herausforderungen der Wissensgesellschaft, diskutierte das Land abwechselnd über Fragen des 19. Jahrhunderts oder der 70er-Jahre. Das Land führte selbstbetrunken einen inneren Monolog über Gerechtigkeit und Gleichheit. Und das so, als wäre der angelsächsische „Raubtierkapitalismus“ über die Deutschen wie eine Seuche hereingebrochen.

Nun ist Poschardt nicht mal ein Jahr nach dem Start freiwillig gegangen (oder er wurde es gar). Ironischerweise findet sich in seiner letzten Ausgabe ein Interview mit Matthias Matussek, ebenfalls frisch geschasster Kulturchef des „Spiegels“. Die beiden reden über die Vorteile des Katholizismus. Es ist ein Witz. Und Poschardt reicht damit seine Bewerbung für die Nachfolge Stefan Austs ein.

  1. Dass auf dem Cover „Exklusiv: Natalie Portman über ihre ersten Nacktszenen“ stand, hat mit meiner Kaufentscheidung nichts zu tun. []

4 Kommentare

  1. Fragen kostet ja nix
    12. Januar 2008, 15:37

    Hallo! Ich kann dir nur zustimmen: Vanity Fair Deutschland, das war bislang nur ein großer Name und viel heiße Luft. Allerdings wundert es mich nicht, dass aus dem Blatt bis heute nichts Lesenswertes geworden ist: Erst machen die ein Riesentamtam und dann ist Til Schweiger (mit Kuschel-Ziege!) auf dem Cover der ersten Ausgabe, also der kleinste gemeinsame Promi-Nenner in Deutschland. Innovativ ist das nicht.
    Übrigens, wenn Du schon über scheidende Chefredakteure schreibst: Ich habe jede Woche aufs neue Tränen in den Augen, wenn ich die jeweils neue „Zeit Magazin Leben“ durchblättere. Der Chef Names Christoph Amend (oder so) schafft es Woche für Woche, sich beim Versuch, das geniale SZ-Magazin kopieren zu wollen, zu verheben und jede Leben-Ausgabe ist einfach nur randvoll mit schwurbeligem Möchtergern-Edelfeder-Geseier (Ausnahme: Worte, die leider nicht gesagt wurden).
    Warum machen die Martenstein nicht zum Chef?

  2. SvenR
    14. Januar 2008, 15:32

    Schöner Artikel. Mal wieder. Einzig „frisch geschasster Ex-Kulturchef“ geht nicht, entweder „frisch geschasster Kulturchef“ oder „Ex-Kulturchef“.

  3. Lukas
    14. Januar 2008, 17:25

    Da haben Sie natürlich recht. Ich hab’s mal geändert.

  4. Coffee And TV: » Nicht intelligent genug
    13. Dezember 2009, 23:29

    […] Launch der deutschen Ausgabe der “Vanity Fair”, die er nach nicht mal einem Jahr wieder verließ. Seitdem hatte ich erfrischend wenig von ihm gehört, aber er fungiert jetzt offenbar als […]