Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Von Stephan Flory
Veröffentlicht: 12. Februar 2007 10:02

Noch auf dem Paris-Trip (mitsamt entsprechender Tastatur – diese paar Sätze zu tippen wird wieder Stunden dauern), geht mir doch schon wieder das kulturelle Leben in Deutschland durch den Kopf. Zum Beispiel die Veröffentlichung der ersten deutschen Ausgabe von “Vanity Fair”, mit der ich mich die erste Hälfte meiner Herfahrt über im Zug beschäftigte. Einen Euro kostet das dicke Heft nur. Bis man beim Inhaltsverzeichnis angelangt ist, weiß man jedoch schon, dass dieser Preis völlig gerechtfertigt ist. Bis zum ersten Wort der Redaktion kämpft man sich durch vierzehn Seiten Werbung, bis zum Inhalt sind es noch einmal vier. Jede Woche soll das Teil erscheinen – wer hat eigentlich jede Woche Zeit, so einen Schinken zu lesen? Und vor allem: Wann soll man dann noch bei all den Designer-Shops auf der Champs Elysée vorbeischauen um die beworbenen Luxusgüter auch zu erwerben? Oder gehen die Bourgeoisie etwa zum zeitsparenden Online-Shopping über?

Im Editorial zeigt sich “Vanity Fair” dann auch direkt stolz darauf, sich im Jahr 2002 trotz aller Kritik “patriotisch” zur Regierung Bush bekannt zu haben. Wie recht sie doch hatten und wie unrecht der Rest der Welt! Die Regierung Bush leistet ja nach wie vor hervorragende Arbeit und ich finde, wir sollten uns alle einmal wieder patriotisch zu ihr bekennen. Einfach incredible, dieses Gespür für Trends! Und dieser schonungslose Enthüllungsjournalismus erst! Auf Seite 42 bleibt kurz mein Herz stehen, als ich erfahren muss, dass 70% aller Jugendlichen gefälschte Software besitzen. Gefälschte Software! Heißt das etwa, dass das Windows XP auf meinem PC aller Wahrscheinlichkeit nach nicht echt ist? Haben eifrige Chinesen ohne jeden Respekt für Urheberrecht etwa ein Fake-Windows nachprogrammiert und in Umlauf gebracht? In der Tat ein Skandal, vor dem das Familienministerium warnen sollte – es geht schließlich um unsere Jugend.

Ansonsten blieb mir nur noch ein prätentiöses Robert-De-Niro-Interview in Erinnerung, offensichtlich aus der US-Ausgabe übernommen. An den dortigen Stil, Artikel zu verfassen, wird man sich wohl gewöhnen müssen, so als Abonnent oder so. Ich überlege noch, einer zu werden, immerhin gefielen mir während der Zugfahrt die Sudokus in drei Schwierigkeitsgraden sowie das angenehm knifflige Rätsel doch ziemlich gut.

9 Kommentare

  1. Lukas
    12. Februar 2007, 16:20

    Ich wollte mich ja eigentlich auch erst zur Vanity Fair äußern, aber ich wusste nicht, was ich diesem Chor der Meinungen noch hinzufügen sollte – zumal ich mir gar nicht sicher bin, was ich eigentlich von dem Magazin halten soll. Titelbild (Til Schweiger mit Lämmchen) und Titelstory (Til Schweiger im Interview) sind natürlich ganz schrecklich (und warfen in mir sogar die Frage auf, ob ich jemals ein schlechteres, nichtssagenderes Interview gelesen habe), dafür ist z.B. die “Friedman bei der NPD”-Reportage erstaunlich gelungen und lesenswert.

    Ich warte mal ab, wie mir die nächste Ausgabe (vielleicht Heike Makatsch mit Baby auf dem Titelbild?) so zusagt. Solange löse ich erst mal die Sudokus zu Ende – aber was da “schwer” sein soll, ist in der “Welt am Sonntag” allenfalls “mittel”.

  2. stephan
    12. Februar 2007, 19:01

    Äh ja sorry, wollte Dir das Thema nicht klauen. War aber bei der Lektüre so zwischen Ärger und völliger Gleichgültigkeit hin- und hergerissen, dass ich einfach etwas schreiben musste.
    Das Schweiger-Interview habe ich mal übersprungen – wollte ja nicht, dass die Leute im Zug ob der Illustrationen sonstwas von mir denken, und den Friedman bei der NPD fand ich…naja…unoriginell.
    Alles in allem aber fand ich die letzte Spex (musste erkennen, dass es in dieser Form sogar wirklich die letzte gewesen sein soll) noch schlimmer. (Sorry für den Vergleich zwischen VF und Spex, aber ich hab eben beide am Bahnhofskiosk erstanden.) Die haben den Inhalt vergessen bzw. hatten wohl keine Lust mehr. Schade. Hoffentlich taugt wenigstens die CD.

  3. Lukas
    12. Februar 2007, 21:20

    I wo: gar kein Themenklau. Mir fiel ja gar nichts ein, was noch nicht geschrieben war. Friedman bei der NPD find ich schon spannender als Schweiger auf dem Bauernhof. Dafür liest sich das Obama-Porträt eher wie eine Presseschau denn wie eine echte Begegnung mit dem Mann. Das de-Niro-Interview hab ich immer noch nicht gefunden …

    Spex hab ich noch nie lesen können. Ich finde es einfach unpraktisch, bei der Lektüre eines Musikmagazins Fremdwörterduden und “Hegel/Adorno/Luhmann für Dummies” immer in Griffweite haben zu müssen.

  4. irish
    16. Februar 2007, 1:35

    oh jeeez fällt mir dazu ein – muss ganz ehrlich gestehen, dass ich das ding heute zum ersten mal in der hand hielt und das auch nur durch zufall. über die qualität will ich kein wort verlieren, sonst müsste ich selbst ein magazin von doppelter grösse und doppelt so intelligent rausbringen, um zu beweisen, dass es besser geht … aber leute, was will man für einen euro erwarten???? allenfalls seichte unterhaltung, von der nichts hängen bleibt, man aber die zugfahrt zur uni trotzdem nicht gelangweilt durchstehen muss… da lobe ich mir z.b. die neon, die extra auf sparten hinweist wie 10 dinge, die man nicht wissen muss, die aber interessant sind…

  5. Lukas
    16. Februar 2007, 19:29

    Da tust Du der Vanity Fair aber unrecht, wenn Du sie mit NEON vergleichst. Außerdem hat VF wenigstens das Ulf-Poschardt-Neocon-Siegel – bei NEON warnt ja außen nichts vor dem Inhalt.

  6. irish
    18. Februar 2007, 0:33

    ich lese sowas eh nur zur leichten unterhaltung, nehme da eh nichts sonderlich ernst, von daher…. ist es mir relativ schnurz ob neon oder vanity fair…

  7. Coffee And TV: » Law And Order
    2. September 2008, 20:03

    […] war, geleert. Dann überlegte ich , ob ich eigentlich noch die ersten zehn Ausgaben der deutschen “Vanity Fair”, die ersten 30 Ausgaben “Galore”, sowie je mehrere Jahrgänge “Visions”, […]

  8. Coffee And TV: » Die gute Nachricht: Karneval fällt aus …
    18. Februar 2009, 12:21

    […] toppt. Und zweitens haben wir uns bei Coffee And TV immer besonders mit “Vanity Fair” verbunden gefühlt — schließlich sind wir fast am gleichen Tag […]

  9. Noch ein Anstreicher | Die Sockenseite
    26. Oktober 2013, 22:23

    […] ist ja keine neue Erkenntnis, dass der klägliche Versuch, der deutschen Ausgabe von “Vanity Fair”, eine […]

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