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Coffee And TV empfiehlt: Layabout auf Tour

Manch­mal wird man über merk­wür­di­ge Umwe­ge auf Nach­wuchs­bands auf­merk­sam. Zum Bei­spiel, weil man mal Musik­re­dak­teur bei einem Cam­pus­ra­dio war und einen die Musi­ker per E‑Mail fra­gen, ob man nicht ihre Musik spie­len wol­le. Edward „Tex“ Mil­ler aus Los Ange­les schrieb mich an (inter­es­san­ter­wei­se auf deutsch) und stell­te mir sei­ne Band Laya­bout vor.

Die aktu­el­le Musik­re­dak­ti­on nahm einen Song auf Rota­ti­on und die CD fand ihren Weg in mein CD-Regal. Laya­bout machen Pop mit deut­li­chen Jazz-Ein­flüs­sen, der an Stee­ly Dan, Lamb­chop und Jamie Cul­lum erin­nert. Man könn­te auch sagen: Musik, die sich spit­zen­mä­ßig ver­kau­fen wür­de, wenn nur mal jemand einen „Von ‚Bri­git­te‘ empfohlen“-Aufkleber auf die Hül­le pap­pen wür­de. Bis­her macht sich vor allem Arnd Zeig­ler in sei­ner Bre­men-Vier-Sen­dung „Zeig­lers wun­der­ba­re Welt des Pop“ um die Band ver­dient.

Damit das mit der Kar­rie­re in Deutsch­land auch was wird, wird Tex nächs­te Woche drei Solo­kon­zer­te spie­len:

14. Dezem­ber, 22:00 Uhr: Ber­lin (Acud Kan­ti­na)
17. Dezem­ber, 21:00 Uhr: Dort­mund (Q‑Bar)
19. Dezem­ber, 21:00 Uhr: Bre­men (No-OK)

Hof­fent­lich kom­men vie­le Leu­te vor­bei, vor allem die „Brigitte“-Musikredakteure.

Offi­zi­el­le Band­web­site
Band­sei­te bei MySpace

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Radio Musik Fernsehen Rundfunk

Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht

Am Don­ners­tag wur­de in der Welt­stadt Bochum die „Eins Live Kro­ne“, der “größ­te deut­sche Radio­preis” ver­lie­hen. Weil die Kili­ans als bes­te New­co­mer nomi­niert waren, fühl­te ich mich genö­tigt, mir das Spek­ta­kel anzu­hö­ren.

Da die Ver­lei­hung zwar live im Radio lief, im Fern­se­hen aber erst mit 25-stün­di­ger Verpä­tung, muss­te Max von Malot­ki das Gesche­hen für die Hörer beschrei­ben. Das führ­te oft zu dezen­tem Cha­os, wenn zu zwei bis drei Stim­men noch der Kom­men­tar dazu­kam – mal davon ab, dass es schon ein biss­chen, äh: wirr ist, bei der Ver­lei­hung eines Radioprei­ses im Radio stän­dig zu hören: „Ja, das könnt Ihr jetzt nicht sehen, dann müsst Ihr mor­gen Fern­se­hen gucken!“

Der Preis für den bes­ten New­co­mer war zum Glück der Drit­te. Viel län­ger hät­te ich das Elend von schlecht geschrie­be­nen und durch Mir­ja Boes und Olli Briesch noch schlech­ter vor­ge­tra­ge­nen Mode­ra­ti­ons­tex­ten und die unsicht­ba­ren Video­ein­spie­ler (Radio!) auch nicht ertra­gen. Dass der Preis aus­ge­rech­net an Boundzound ging, des­sen Sin­gle „Lou­der“ ich bekannt­lich für einen der schlech­tes­ten Songs des Gen­res „nerv­tö­ten­de, repe­ti­ti­ve Par­tymu­cke“ hal­te, hob mei­ne Lau­ne nicht gera­de und so war ich froh, das Radio aus­schal­ten zu kön­nen.

Die TV-Aus­strah­lung ges­tern (wir erin­nern uns: „High­lights“, “Mehr­wert der Bil­der”) war dann in man­cher Hin­sicht erhel­lend. So war die Bild­re­gie zum Bei­spiel exakt so, wie man sie von einer Radio­sen­dung erwar­ten wür­de: Die Bochu­mer Jahr­hun­dert­hal­le wirk­te abwech­selnd wie ein schwar­zes Loch und wie ein völ­lig über­füll­tes Tan­ten-Café; stän­dig sah man, wie sich Mode­ra­to­ren, die sich längst im Off wähn­ten, über ihre feh­ler­frei­en Ansa­gen freu­ten, und bei den Nomi­nier­ten …

Nun ist man eigent­lich von jeder Feld‑, Wald- und Wie­sen­ga­la gewohnt, dass bei der Vor­stel­lung der Nomi­nier­ten, meis­tens sogar beim Auf­ruf der Gewin­ner, die­se auch im Bild sind. Ent­we­der hat­te der WDR kei­ne fünf Hand­ka­me­ras zur Ver­fü­gung, die man auf die Gäs­te hät­te rich­ten kön­nen, oder man hielt es ernst­haft für anspre­chen­der und auf­schluss­rei­cher, Bal­ken­dia­gram­me zu zei­gen, deren Aus­sa­ge­kraft ich im Übri­gen hef­tig bezweif­le 1, und dann in eine schlecht aus­ge­leuch­te­te Tota­le zu wech­seln und zu hof­fen, dass der oder die Gewin­ner schon irgend­wo im Bild sein wür­den. Falls letz­te­res der Plan war, fragt man sich aller­dings, wozu es Licht­dou­bles bei den Pro­ben gebraucht hat. Dass die Sport­freun­de Stil­ler fünf mal so lang wie jede ande­re Band im Bild waren, ist ein sub­jek­ti­ver Ein­druck, den ich nicht mit Mes­sun­gen bele­gen kann. Viel­leicht waren die auch nur immer in den Sze­nen zu sehen, die man beim WDR für die „High­lights“ hielt.

Doch hal­ten wir uns nicht an sol­chen Äußer­lich­kei­ten auf: Die teil­wei­se recht auf­wän­dig pro­du­zier­ten Video­ein­spie­ler waren durch­aus nett gemeint und manch­mal sogar unter­halt­sam. Auch die Idee, „Let’s Dance“-Juror Joa­chim Llam­bi zwi­schen­durch Wer­tungs­tä­fel­chen hoch­hal­ten zu las­sen, war wit­zig. Wohl­ge­merkt: die Idee, nicht ihre Umset­zung. Dass man für beson­ders gelun­ge­ne Mode­ra­ti­ons­übergän­ge (Haha, Sie ver­ste­hen …) Bruce Dar­nell das Mikro wei­ter­rei­chen ließ (Radio!!!1) kom­plet­tier­te dann mei­nen Ein­druck, dass man die Pla­nungs­kon­fe­renz nach dem ers­ten „ein­fach mal drauf los“-Brainstorming been­det und die dort vor­ge­tra­ge­nen Ideen zu Pro­gramm­punk­ten erklärt hat­te. Ich kann lei­der nicht schrei­ben, dass mei­ne eige­ne offi­zi­el­le Abi­fei­er lus­ti­ger gewe­sen sei, denn das wäre eine furcht­ba­re Lüge.

Aber, hey: Der WDR ist ja immer­hin auch der Sen­der, der für „Schmidt & Pocher“ 2 ver­ant­wort­lich ist, inso­fern muss man davon aus­ge­hen, dass das dor­ti­ge Unter­hal­tungs­res­sort, äh: nicht exis­tiert. Dass man den Toten Hosen, die den Preis für ihr Lebens­werk beka­men, anschei­nend die hal­be Lau­da­tio (durch Jan Wei­ler) und die hal­be Dan­kes­re­de weg­ge­schnib­belt hat, lag sicher dar­an, dass es sich dabei nicht um die „High­lights“ han­del­te – dazu gehör­te ja schon die Come­dy (im schlimms­ten Wort­sin­ne) „Lukas‘ Tage­buch“.

Es war ja trotz­dem nicht alles schlecht bei der „Kro­ne“: Der Auf­tritt von Cul­cha Can­de­la mit der WDR Big Band war zum Bei­spiel wirk­lich gelun­gen, obwohl ich „Ham­ma“ nach wie vor für die zweit­däm­lichs­te Sin­gle des Jah­res hal­te. Kate Nash spiel­te sehr char­mant und ver­huscht ihren Hit „Foun­da­ti­ons“ und klang dabei wie auf Plat­te. Wir Sind Hel­den gaben „Kaputt“ akus­tisch zum Bes­ten. Die Toten Hosen haben sich sehr ehr­lich und auf­rich­tig gefreut und ihr Auf­tritt mit „Wort zum Sonn­tag“ war auch ange­mes­sen. 3 Dar­über hin­aus bleibt noch die Fest­stel­lung, dass die Eins-Live-Mode­ra­to­rin­nen und ‑Mode­ra­to­ren gar nicht mal so schlecht aus­se­hen, wie man es bei Radio­leu­ten erwar­ten wür­de 4 und man die Ver­an­stal­tung mit einem bes­se­ren Buch und ande­ren Mode­ra­to­ren sicher­lich schon geschau­kelt gekriegt hät­te.

Fürs nächs­te Jahr wün­sche ich mir dann mehr Klar­heit, ob es sich um eine Radio- oder eine TV-Ver­an­stal­tung han­deln soll. Viel­leicht klappt das ja mal mit einer Live-Aus­strah­lung im WDR Fern­se­hen.

Und wenn Sie jetzt der Mei­nung sind, ich sei irgend­wie sehr klein­lich und mie­se­pe­trig an die Ver­an­stal­tung ran­ge­gan­gen: Die Wie­der­ho­lung der „Eins Live Kro­ne“ kann man sich heu­te Abend um 23:00 Uhr im WDR Fern­se­hen anse­hen. Dann angeb­lich sogar eine Vier­tel­stun­de län­ger als ges­tern.

  1. Lei­der gibt es (bis­her) kei­ne Zah­len zu den Hörer-Abstim­mun­gen, aber wenn die Ärz­te 72.000 Stim­men für „Jun­ge“ bekom­men haben und das wirk­lich so viel mehr als für die ande­ren Nomi­nier­ten war, dann hät­te ihr Bal­ken ja auch deut­lich län­ger sein müs­sen.[]
  2. „Schmidt & Pocher“ waren übri­gens in der Kate­go­rie „Bes­te Come­dy“ nomi­niert, was auch schon des­halb erstaun­lich ist, da die Nomi­nie­run­gen am 28. Sep­tem­ber bekannt gege­ben wur­den – vier Wochen vor der ers­ten Sen­dung.[]
  3. Wobei Cam­pi­no natür­lich inzwi­schen schon irgend­wie nah an der Sech­zig ist.[]
  4. Ich darf das sagen, ich habe schließ­lich sel­ber mal Radio gemacht.[]
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Musik Rundfunk Digital

Die „exklusive“ Heimsuchung

Sa-gen-haft!

Kei­ne 24 Stun­den nach dem gro­ßen Fina­le bei „Pop­stars On Stage“ ist die ers­te Sin­gle abge­mischt und das Video zusam­men­ge­schnit­ten. „Haun­ted“ von Room 2012 gibt es jetzt „exklu­siv auf BILD.de“ zu sehen – oder eben bei MyVi­deo oder You­Tube:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Den Song gibt’s übri­gens schon was län­ger, nur hieß er damals noch „My Love“ und war von Jus­tin Tim­ber­la­ke.

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Musik

Listenpanik 11/​07: Torschlusspanik

Der Dezem­ber ist erfah­rungs­ge­mäß der Monat, in dem die Plat­ten­fir­men mit Best Ofs, Live­al­ben und Rari­tä­ten­samm­lun­gen am Weih­nachts­ge­schäft par­ti­zi­pie­ren wol­len. Die letz­ten nor­ma­len Alben erschei­nen des­halb meist im Novem­ber. Und selbst in mei­ne wie üblich sub­jek­ti­ve und will­kür­li­che Lis­te haben sich die Geld­ma­cher­plat­ten gescho­ben, die eben nicht immer Geld­ma­cher­plat­ten sind:

Alben
1. The Wom­bats – A Gui­de To Love, Loss & Despe­ra­ti­on
Kurz vor Ende des Musik-Jah­res und dem damit ver­bun­de­nen Lis­ten­schluss schiebt sich noch eine Band recht weit nach vor­ne ins Getüm­mel und brüllt „Hier sind wir!“ bzw. „Let’s Dance To Joy Divi­si­on“. Wer hät­te gedacht, dass die elf­mil­li­ons­te Indiepop­band mit tanz­ba­ren Rhyth­men und lus­ti­gen Tex­ten noch ein­mal eine sein wür­de, die rich­tig gut ist? The Wom­bats klin­gen wie eine Mischung aus viel Rakes und etwas Weezer und haben mit besag­tem „Let’s Dance To Joy Divi­si­on“ und „Back­fi­re At The Dis­co“ zwei bril­lan­te Sin­gles auf dem Album. Manch­mal lohnt es sich eben zu war­ten.

2. The Kil­lers – Saw­dust
Die Rari­tä­ten-Samm­lung der größ­ten Enter­tai­ner im heu­ti­gen Pop­busi­ness braucht ein wenig Zeit, ist aber toll. [aus­führ­li­che Bespre­chung folgt]

3. Bei­rut – The Fly­ing Club Cup
Ehr­lich gesagt bedurf­te es erst eines Kom­men­tars von Dani­el und eines Ein­sat­zes bei „Weeds“, ehe ich mich mich Bei­rut beschäf­tigt habe. Inzwi­schen lie­be ich die­se Mischung aus Indiepop und ver­schie­dens­ten Folk­lo­re-Ein­flüs­sen. Des­halb wei­se ich auch ger­ne auf die­ses famo­se zwei­te Album hin, das eigent­lich schon im Okto­ber erschie­nen ist.

4. Sigur Rós – Hvarf-Heim
Die Islän­der beglü­cken uns in die­sem Jahr nicht nur mit der sicher phan­tas­ti­schen, aber lei­der noch nicht gese­he­nen Tour-Doku­men­ta­ti­on „Hei­ma“, sie wer­fen auch noch ein Dop­pel­al­bum mit unver­öf­fent­lich­ten Songs und Akus­tik­ver­sio­nen auf den Markt. Das unter­schei­det sich musi­ka­lisch nicht all­zu sehr von den letz­ten Alben, aber das macht ja nichts, denn es ist natür­lich trotz­dem toll. Genau die rich­ti­ge Musik, um an einem nass­kal­ten Dezem­ber­nach­mit­tag auf dem Bett zu lie­gen, die Decke anzu­star­ren und von bes­se­ren Tagen zu träu­men.

5. New Young Pony Club – Fan­ta­stic Play­ro­om
Die (durch­aus char­man­te) Sin­gle „Ice Cream“ hat­te ich irgend­wie immer für was neu­es von Pea­ches gehal­ten. Das Album vom New Young Pony Club klingt ins­ge­samt nach Tal­king Heads und Blon­die (oder in heu­ti­gen Dimen­sio­nen The Sounds oder eben Pea­ches) und ist eben ziem­lich genau das, was man von New Wave mit Sän­ge­rin erwar­tet. Mein Gott, das klingt wie ein Ver­riss, ist aber durch­aus nett gemeint. Rein­hö­ren lohnt sich!

Songs
1. The Wom­bats – Let’s Dance To Joy Divi­si­on
Hat­te ich nicht oben schon geschrie­ben, wie toll das Album ist und wie posi­tiv es sich auf mei­ne Lau­ne aus­wirkt? „Let’s Dance To Joy Divi­si­on“ ist die Essenz des Gan­zen und passt natür­lich nur rein zufäl­lig zum aktu­el­len Joy-Devi­si­on-Re-Hype.

2. Bloc Par­ty – Flux
Es scheint dann wohl Tra­di­ti­on wer­den zu sol­len, dass Bloc Par­ty ihren Alben immer noch eine Non-Album-Track-Sin­gle hin­ter­her­schmei­ßen. War es vor zwei Jah­ren das gefäl­li­ge „Two More Years“, ist es dies­mal das erheb­lich sper­ri­ge­re „Flux“, das man so irgend­wie nicht erwar­tet hät­te und das einen trotz­dem nicht groß ver­wun­dert. Bei Bloc Par­ty muss man anschei­nend mit allem rech­nen, vor allem aber mit durch­weg guten Songs.

3. Nada Surf – See The­se Bones
Der ers­te Vor­bo­te des neu­en Nada-Surf-Albums, den man sich hier kos­ten­los her­un­ter­la­den kann, blieb letz­te Woche lei­der unge­spielt (in Bie­le­feld war er hin­ge­gen zu hören). Das Lied macht da wei­ter, wo die Band auf „The Weight Is A Gift“ auf­hör­te und über­brückt die War­te­pau­se bis zum neu­en Album „Lucky“ im Febru­ar.

4. Lin­kin Park – Shadow Of The Day
Als ich die Sin­gle zum ers­ten Mal hör­te (pas­sen­der­wei­se auf WDR 2), dach­te ich, Bono von U2 habe sich irgend­wie die Stim­me rui­niert. Es waren aber fas­zi­nie­ren­der­wei­se Lin­kin Park, von denen ich nie so recht weiß, wie ich sie fin­den soll. Das Video sieht auch ver­däch­tig nach U2 aus, aber ich glau­be, das macht den Charme die­ses Songs aus.

5. The Hoo­siers – Worried About Ray
Zuge­ge­ben: Eigent­lich ist das Video mit sei­ner groß­ar­ti­gen Hom­mage an Ray Har­ry­hau­sen ein Stück bes­ser als der Song selbst. Trotz­dem haben wir es auch hier wie­der mit einem Zwei-Minu­ten-Fünf­zig-Indie­schla­ger zu tun, der nie­man­dem weh tut und die Tanz­flä­chen fül­len dürf­te. Das Lied auf dem Radio­we­cker und der Tag begön­ne gut.

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Musik

Über Listen

Jedes Jahr im Dezem­ber ist es das glei­che Elend: Musik­zeit­schrif­ten und Web­sei­ten-Betrei­ber rufen ihre Leser zum Ein­sen­den derer per­sön­li­chen Jah­res­hit­pa­ra­den auf und ich sit­ze mit zer­wühl­ten Haa­ren und wir­rem Blick vor mei­nem Com­pu­ter und einem Berg von Noti­zen und ver­su­che, Ord­nung in das Musik­jahr zu brin­gen.

Den­ke ich wäh­rend des Jah­res immer, es sei­en ja dies­mal nicht soooo vie­le gute Songs und Alben erschie­nen, zwi­schen denen ich mich ent­schei­den müs­se, wird die­se Ein­schät­zung spä­tes­tens beim Anblick der extra dafür ange­leg­ten iTu­nes-Play­list bzw. der eige­nen Sta­tis­tik bei last.fm zunich­te gemacht. Immer­hin weiß ich jetzt, wel­che Songs ich am häu­figs­ten gehört habe – aber waren das auch die bes­ten? Und wie defi­nie­re ich „die bes­ten“? Nach pseu­do-objek­ti­ven Kri­te­ri­en oder danach, wie viel Spaß ich beim Hören habe? Wür­de ich ein­fach mei­nen häu­figs­ten und pene­tran­tes­ten Ohr­wurm zum „Song des Jah­res“ ernen­nen, wäre das „Umbrel­la“ von Rihan­na – aber auch nur, weil „Durch den Mon­sun“ von Tokio Hotel, der mir nach den EMAs drei Wochen lang im Hirn kleb­te, schon zwei Jah­re alt ist.

Dabei trägt es nicht gera­de zur schnel­len Fin­dung bei, wenn der eige­ne Musik­ge­schmack immer eklek­ti­scher wird und sich auf der Long­list mun­ter Indierock­bands, Girl­groups, Hip-Hop­per, Main­stream-Pop­per, Deutsch­punks und Elek­tro­ni­ker tum­meln. Denn, mal im Ernst: Wie soll ich „Love Me Or Hate Me“ mit „Don’t Stop Now“ ver­glei­chen, wie „D.A.N.C.E.“ mit „Imi­ta­tio­nen“?

Nun wird der Außen­ste­hen­de viel­leicht den­ken: „War­um tut sich die­ser jun­ge Mann das an? War­um ver­schwen­det er sei­ne Zeit mit so unbe­deut­sa­men Über­le­gun­gen? Er soll lie­ber was gegen den Treib­haus­ef­fekt tun oder der CDU die Herd­prä­mie aus­re­den!“ Das Erstel­len per­sön­li­cher Bes­ten­lis­ten nimmt sich gegen das Elend in Dar­fur oder auch nur das vor der eige­nen Haus­tür natür­lich lächer­lich und klein aus, aber in die­sen Dimen­sio­nen den­ken Pop­kul­tur­fans nicht. Und selbst wenn: Es wür­de kaum etwas ändern.

Wer „High Fide­li­ty“ gele­sen und sich dar­in wie­der­ge­fun­den hat, ist von einem inne­ren Zwang getrie­ben, das Unsor­tier­ba­re sor­tie­ren zu wol­len und die gro­ße Unord­nung, die Rock’n’Roll nun mal ist, in geord­ne­te Bah­nen len­ken zu müs­sen. Dabei müs­sen auch so ver­schie­de­ne Dimen­sio­nen wie der Song, bei dem man das ers­te Mal ein Mäd­chen geküsst hat, und das Lied, das man als ers­tes gehört hat, als Elliott Smith sich umge­bracht hat, irgend­wie mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den kön­nen.

Genau die­sem Dilem­ma bin ich jetzt aus­ge­setzt. Aber ich kann Ihnen ver­si­chern: Sie wer­den es auch noch!

PS: Da ich kei­ne pas­sen­de Stel­le in die­sem Ein­trag gefun­den habe, wo ich den wun­der­ba­ren jüngs­ten Bei­trag in Phil­ipp Hol­steins Pop­kul­tur­blog bei „RP Online“ hät­te ver­lin­ken kön­nen, mache ich es ein­fach geson­dert hier.

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Kein Wellenreiten in der Gruft

Es gibt Tage, an denen füh­le ich mich sehr alt. Zum Bei­spiel, wenn es bei „Yes­ter­day“ auf WDR 2 um die 90er Jah­re geht oder wenn ich auf die Fra­ge nach der Uhr­zeit mit „Vier­tel vor Nes­quik“ ant­wor­te und mich die jun­gen, schö­nen Men­schen um mich her­um fas­sungs­los anstar­ren. Oder wenn ich den­ke, dass ich eigent­lich nicht mehr auf Rock­kon­zer­te gehen soll­te.

Ges­tern ver­an­stal­te­te das Musik­ma­ga­zin „Visi­ons“ eine sei­ner „Visi­ons Par­tys“ (nur echt ohne Bin­de­strich und mit fal­schem Plu­ral), die frü­her ein­mal im Monat im Dort­mun­der „Sabo­ta­ge“ statt­fan­den, inzwi­schen aber an jedem Wochen­en­de in jeder deut­schen Stadt, die nicht Grä­fen­ton­na oder Dins­la­ken ist. Im „Sabo­ta­ge“ indes fin­den sie nicht mehr statt, der Laden wur­de (mut­maß­lich wegen feu­er­po­li­zei­li­cher Män­gel) geschlos­sen.

Da ich Nada Surf sehr mag und span­nen­de Kon­zer­te in Bochum auch nicht gera­de an der Tages­ord­nung sind, schlepp­te ich mich zur gest­ri­gen Par­ty mit eben jenen Nada Surf, Minus The Bear und Esca­pa­do – auch wenn sie in der „Matrix“ in Lan­gen­d­re­er statt­fand. Die Matrix ist eine völ­lig unüber­sicht­li­che Gothic-Groß­raum­dis­co 1 unter der Erde und der mit Abstand schlech­tes­te Ort für Kon­zert­ver­an­stal­tun­gen, den ich ken­ne. Die eigent­li­che Kon­zert­hal­le liegt am Ende eines lan­gen Laby­rinth­ar­ti­gen Raum­ver­bun­des, ist schlauch­för­mig und zeich­net sich vor allem durch gro­ße Hit­ze und Luft­ar­mut aus. Schon bevor Esca­pa­do anfin­gen, hat­te ich eigent­lich kei­nen Bock mehr.

Esca­pa­do machen Hard­core mit deut­schen Tex­ten, von denen man live lei­der nicht all­zu viel mit­be­kommt, weil sich die Kon­zep­te „Hard­core“ und „Tex­te ver­ste­hen“ irgend­wie aus­schlie­ßen. Da fiel mir auch wie­der ein, dass ich deren aktu­el­les Album „Initia­le“ noch irgend­wo unge­hört rum­flie­gen habe, was ich drin­gend ändern soll­te, denn schlecht fand ich die Band nicht, obwohl Hard­core (oder „Lärm“, wie mein Vater sagen wür­de) nicht unbe­dingt mei­ne Musik ist. Wer wie ich gedacht hat­te, Hard­core-Kon­zer­te müs­se man sich aus siche­rer Ent­fer­nung vom Hal­le­nen­de aus anse­hen, wur­de ges­tern aller­dings ent­täuscht: die Mas­se ließ sich nicht bewe­gen. Wenigs­tens war der Sound in der Hal­le nicht so schlecht wie bei mei­nem letz­ten Besuch dort.

Minus The Bear mach­ten net­ten Indie­rock, aber die Bedin­gun­gen in der Hal­le und mein Rücken (Alter, s.o.) sorg­ten dafür, dass ich mich lie­ber mit ein paar Freun­den an eine der Bars zurück­zog, wo man sich aller­dings auch nicht unter­hal­ten konn­te, weil dort die vor­her­seh­bars­ten Indie­hits der letz­ten 25 Jah­re sehr laut lie­fen.

Nada Surf woll­te ich mir eigent­lich aus der Nähe anse­hen, aber mei­ne Klaus­tro­pho­bie und Abnei­gung gegen­über gro­ßen Men­schen­mas­sen ver­stärkt sich noch, wenn die­se Men­schen­mas­se an der lin­ken und der rech­ten Sei­te von mas­si­ven Back­stein­wän­den ein­ge­schlos­sen ist. Ich soll­te mehr in Jazz­clubs gehen. Mein gan­zer Hass auf den Laden, den ich schließ­lich auf die Lis­te „Orte, an denen Ben Folds spie­len könn­te, und wo ich trotz­dem nie mehr hin­ge­hen wür­de“ setz­te 2, ver­flog aber mit den ers­ten Tak­ten von „Hap­py Kid“.

Die drei New Yor­ker zeig­ten sicht­li­che Spiel­freu­de Man merk­te, dass die Band Spaß hat­te, mal wie­der in Deutsch­land zu spie­len. Die meis­ten Stü­cke waren einen Tacken schnel­ler und rocki­ger als sonst, Matthew Caws und Ira Elli­ot quak­ten zwi­schen den Songs mun­ter durch­ein­an­der und es gab mit „I Like What You Say“ (eigent­lich vom „John Tucker Must Die“-Soundtrack) und „Who­se Aut­ho­ri­ty“ auch noch zwei Songs aus ihrem neu­en Album „Lucky“, das im Febru­ar 2008 erschei­nen soll. Schließ­lich spiel­ten sie auf beson­de­ren Wunsch eines Label-Mit­ar­bei­ters (und sicher nicht zum Miss­fal­len des Publi­kums) ihren ver­se­hent­li­chen Hit „Popu­lar“ und an die­ser Stel­le hät­te die Men­ge auch gekocht, wenn das Kon­zert irgend­wo im Pack­eis und nicht in die­sem Stein­ofen statt­ge­fun­den hät­te. Wie Matthew Caws den Text in den Stro­phen so schnell spre­chen kann, wer­de ich aller­dings nie ver­ste­hen.

Heu­te spie­len Nada Surf übri­gens in Bie­le­feld. Sie ahnen nie, wel­che Band noch dabei ist …

  1. Nur alter­na­ti­ve Reg­gae-Kul­tur­zen­tren lau­fen noch weni­ger Gefahr, von mir besucht zu wer­den.[]
  2. Falls es Sie inter­es­siert: Auf der Lis­te stand bis­her nur das Immer­gut-Fes­ti­val in Neu­stre­litz.[]
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Musik Kultur

Ohne Ecken und Kanten

Ich mag Musik, wirk­lich. Ich mag Musik so sehr, dass ich jedes Jahr ein Hei­den­geld für Ton­trä­ger und Kon­zer­te aus­ge­be. Ger­ne wür­de ich den Musi­kern das Geld, das sie mei­ner Mei­nung nach dafür ver­dient haben, dass sie schö­ne wie trau­ri­ge Momen­te mei­nes Lebens unter­ma­len, selbst in die Hand drü­cken. Aber zwi­schen die Musi­ker und mich hat irgend­je­mand die Musik­in­dus­trie gesetzt.

Die Musik­in­dus­trie mag die Men­schen, von denen sie ihr Geld bekommt und die man anders­wo „Kun­den“ nennt, nicht so sehr. Sie kri­mi­na­li­siert sie, sie will sie aus­spio­nie­ren und sie will ihre Woh­nun­gen ver­schan­deln.

CD-Hülle (hinten), merkwürdiges Teil (vorne)

Im ver­gan­ge­nen Jahr kamen EMI und Uni­ver­sal in Euro­pa auf die absur­de Idee, Ton­trä­ger nicht mehr wie bis­her in die­sen ecki­gen Plas­tik­hül­len, den soge­nann­ten Jewel Cases, aus­zu­lie­fern, son­dern dafür Hül­len mit abge­run­de­ten Ecken zu neh­men, die Super Jewel Boxes. Die­se sol­len angeb­lich sta­bi­ler sein, haben aber den Nach­teil, dass man nicht ver­nünf­tig an das Book­let her­an­kommt, dass man die Hül­len nicht so leicht erset­zen kann, wenn sie doch mal kaputt gehen, und dass sie vor allem ziem­lich däm­lich aus­se­hen.

Im Regal wird die durch­ge­hen­de Kan­te, die alle neben­ein­an­der ste­hen­den CD-Hül­len sonst bil­de­ten, plötz­lich unschön unter­bro­chen von den neu­en Hül­len, die mit ihren Run­dun­gen aus­se­hen wie Kin­der­spiel­zeug für Drei­jäh­ri­ge.

Das war mir bis­her alles rela­tiv egal, denn bei CD Wow kann man die inter­na­tio­na­len Ver­sio­nen der CDs kau­fen. Zu Zei­ten des soge­nann­ten Kopier­schut­zes, der auf mei­nen Gerä­ten immer ein Abspiel­schutz war, bekam man dort ech­te CDs, die man sogar hören konn­te, spä­ter dann wei­ter­hin CDs in ecki­gen Hül­len. „Bekam“, denn heu­te kam die ers­te Lie­fe­rung von CD Wow mit run­den Ecken.

Oasis 1997 (eckig, hinten), Rihanna 2007 (abgerundet, vorne)

Wo Sie grad „Don’t judge a book by its cover“ sagen: Auch auf dem Buch­markt gibt es schlech­te Nach­rich­ten. Nach­dem man uns jah­re­lang mit extrem edlen, mat­ten Taschen­buch­co­vern beglückt hat­te, schwen­ken nun die ers­ten Ver­la­ge wie­der zu den extrem bil­lig aus­se­hen­den, Fin­ger­ab­druck­freund­li­chen Ein­bän­den in Hoch­glanz­op­tik zurück.

In was für einer Welt leben wir eigent­lich, wo schon die Mit­ar­bei­ter der Kul­tur­in­dus­trie jed­we­des ästhe­ti­sches Gespür ver­mis­sen lassen?????ß

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Gesellschaft Musik

Die Vergangenheit der Musikindustrie

Die wenigs­ten Jugend­li­chen, die heu­te Musik hören (und das sind laut neu­es­ten Umfra­gen 98% der Euro­pä­er), wer­den wis­sen, wel­ches Jubi­lä­um die­ser Tage began­gen wird: Vor 25 Jah­ren schloss Sony­Uni­ver­sal, die letz­te Plat­ten­fir­ma der Welt, ihre Pfor­ten. Ein Rück­blick.

Es war ein wich­ti­ger Tag für Deutsch­land, als der Bun­des­tag der Musik­in­dus­trie im Jahr 2009 das Recht ein­räum­te, soge­nann­te „Ter­ror­ko­pie­rer“ (die Älte­ren wer­den sich viel­leicht auch noch an den archai­schen Begriff „Raub­ko­pie­rer“ erin­nern) selbst zu ver­fol­gen und bestra­fen. Als unmit­tel­ba­re Fol­ge muss­ten neue Gefäng­nis­se gebaut wer­den, da die alten staat­li­chen Zucht­häu­ser dem Ansturm neu­er Insas­sen nicht Herr wer­den konn­ten. Dies war die Geburts­stun­de der Pri­so­nia AG, dem Kon­sor­ti­um von Bau- und Musik­in­dus­trie und heu­te wich­tigs­tem Unter­neh­men im EuAX. Die Wie­der­ein­füh­rung der Todes­stra­fe schei­ter­te im Jahr dar­auf nur am Veto von Bun­des­prä­si­dent Fischer – die gro­ße Koali­ti­on aus FDP, Links­par­tei und Grü­nen hat­te das Gesetz gegen die Stim­men der Pira­ten­par­tei, damals ein­zi­ge Oppo­si­ti­ons­par­tei im Bun­des­tag, ver­ab­schie­det.

Im Jahr 2011 fuhr der frisch fusio­nier­te Major War­ne­rE­MI den höchs­ten Gewinn ein, den je ein Unter­hal­tungs­kon­zern erwirt­schaf­tet hat­te. Kri­ti­ker wie­sen schon damals dar­auf hin, dass dies vor allem auf die völ­li­ge Abschaf­fung von Steu­ern für die Musik­in­dus­trie und die Tat­sa­che zurück­zu­füh­ren sei, dass die soge­nann­ten „Klin­gel­tö­ne“, klei­ne Musik­frag­men­te auf den damals so belieb­ten „Mobil­te­le­fo­nen“, für jede Wie­der­ga­be extra bezahlt wer­den muss­ten – eine Pra­xis, die War­ne­rE­MI zwei Jah­re spä­ter auch für sei­ne MP5-Datei­en ein­führ­te.

Die Anzei­chen für einen Stim­mungs­um­schwung ver­dich­te­ten sich, wur­den aber von den Unter­neh­men igno­riert: Der erfolg­reichs­te Solo-Künst­ler jener Tage, Jus­tin Tim­ber­la­ke, ver­öf­fent­lich­te sei­ne Alben ab 2010 aus­schließ­lich als kos­ten­lo­se Down­loads im Inter­net und als Delu­xe-Vinyl-Ver­sio­nen im „Apple Retro Store“. Heu­te fast ver­ges­se­ne Musi­ker wie Madon­na, Rob­bie Wil­liams oder die Band Cold­play folg­ten sei­nem Vor­bild. Hohn und Spott gab es in allen Medi­en für den dama­li­gen CEO von War­ne­rE­MI, als der in einem Inter­view mit dem Blog „FAZ.net“ hat­te zuge­ben müs­sen, die Beat­les nicht zu ken­nen.

Die­se öffent­li­che Häme führ­te zu einem umfas­sen­den Pres­se­boy­kott der Musik­kon­zer­ne. Renom­mier­te Musik­ma­ga­zi­ne in Deutsch­land und der gan­zen Welt muss­ten schlie­ßen, Musik­jour­na­lis­ten, die nicht wie die Redak­teu­re des deut­schen „Rol­ling Stone“ direkt in Ren­te – wie man es damals nann­te – gehen konn­ten, grün­de­ten eine Bür­ger­rechts­be­we­gung, die schnell ver­bo­ten wur­de. Die Lun­te aber war ent­facht.

Im Herbst 2012 kün­dig­te Prof. Die­ter Gor­ny, damals Vor­sit­zen­der der „Kon­sum-Agen­tur für Run­de Ton­trä­ger, Elek­tri­sche Lie­der und Licht­spie­le“ (K.A.R.T.E.L.L.), sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur an, wor­über der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Gui­do Wes­ter­wel­le alles ande­re als erfreut war. Er setz­te neue Kom­mis­sio­nen für Medi­en- und Kul­tur­in­dus­trie ein und kün­dig­te eine mög­li­che Zer­schla­gung der Musik­kon­zer­ne an. Die­se fusio­nier­ten dar­auf­hin in einer „freund­li­chen feind­li­chen Über­nah­me“ am Euro­päi­schen Kar­tell­amt vor­bei zum Kon­zern Sony­Uni­ver­sal­EMI und droh­ten mit einer Abwan­de­rung in die Mon­go­lei und damit dem Ver­lust der rest­li­chen 300 Arbeits­plät­ze.

Aber weder Kanz­ler Wes­ter­wel­le noch das deut­sche Volk lie­ßen sich erpres­sen: Zum 1. Janu­ar 2013 muss­te MTVi­va den Sen­de­be­trieb ein­stel­len. Die neu­ge­grün­de­te Bun­des­me­di­en­auf­sicht unter Füh­rung des par­tei­lo­sen Ste­fan Nig­ge­mei­er hat­te dem Fern­seh­sen­der, der als soge­nann­ter Musik­ka­nal galt, die Sen­de­li­zenz ent­zo­gen, da die­ser weni­ger als die gesetz­lich gefor­der­ten drei Musik­vi­de­os täg­lich gespielt hat­te. Die Cas­ting­show „Euro­pa sucht den Super­star“ erwies sich für Sony­Uni­ver­sal­EMI als über­ra­schen­der Mega-Flop, der Wert des Unter­neh­mens brach um ein Drit­tel ein, das „EMI“ ver­schwand aus dem Namen.

Im Ber­li­ner Unter­grund grün­de­te sich die Deut­sche (heu­te: Euro­päi­sche) Musi­can­ten­gil­de. Deren heu­ti­ger Ehren­vor­sit­zen­de Thees Uhl­mann erin­nert sich: „Es war ja damals schon so, dass die klei­nen Bands ihr Geld aus­schließ­lich über Kon­zer­te machen konn­ten, die ja dann auch noch ver­bo­ten wer­den soll­ten. Erst haben wir unse­re CDs ja selbst raus­ge­bracht, aber als die Musik­kon­zer­ne dann die Her­stel­lung von CDs außer­halb ihrer Fabri­ken unter Stra­fe stel­len lie­ßen, muss­ten wir auf Kas­set­ten aus­wei­chen.“ Heu­te kaum vor­stell­bar: Das Magnet­band galt damals als so gut wie aus­ge­stor­ben, nur die klei­ne Manu­fak­tur „Tele­fun­ken“ pro­du­zier­te über­haupt noch Abspiel­ge­rä­te, die ent­spre­chend heiß begehrt waren.

Am 29. Novem­ber 2013, heu­te vor 25 Jah­ren, war es dann soweit: Der Volks­zorn ent­lud sich vor der Sony­Uni­ver­sal-Zen­tra­le am Ber­li­ner Reichs­tags­ufer. Das Medi­en­ma­ga­zin „Cof­fee & TV“ hat­te kurz zuvor auf­ge­deckt, dass die Musik­in­dus­trie jah­re­lang hoch­ran­gi­ge Mit­ar­bei­ter gedeckt hat­te, die durch „Ter­ror­ko­pie­ren“ auf­ge­fal­len waren. Wäh­rend der nor­ma­le Bür­ger für sol­che Ver­bre­chen bis zu sechs Jah­re ins Gefäng­nis muss­te, waren die Mana­ger und Pro­mo­ter straf­frei aus­ge­gan­gen. Als nun die Mut­ter des drei­jäh­ri­gen Tim­mie zu einem hal­ben Jahr Arbeits­dienst ver­ur­teilt wer­den soll­te, weil sie ihrem Sohn ein Schlaf­lied vor­ge­sun­gen hat­te, ohne die dafür fäl­li­gen Lizenz­ge­büh­ren von 1.800 Euro zah­len zu kön­nen, zogen die Bür­ger mit Fackeln und selbst gebas­tel­ten Gal­gen zum „Die­ter-Boh­len-Haus“ am Spree­bo­gen.

Das Gebäu­de brann­te bis auf die Grund­mau­ern nie­der, dann zog der Mob unter den Augen von Feu­er­wehr und Poli­zei wei­ter zur Zen­tra­le der „GEMA“ am Kur­fürs­ten­damm (der heu­ti­gen Toyo­ta-Allee). Wie durch ein Wun­der wur­de an die­sem Tag nie­mand ernst­lich ver­letzt. Die meis­ten Füh­rer der Musik­in­dus­trie konn­ten ins nord­ko­rea­ni­sche Exil flie­hen, den „klei­nen Fischen“ wur­de Straf­frei­heit zuge­si­chert, wenn sie ein Berufs­ver­bot akzep­tier­ten und einer drei­jäh­ri­gen The­ra­pie zustimm­ten.

Drei Tage spä­ter fand im Ber­li­ner Tier­gar­ten ein gro­ßes Kon­zert statt, die ers­te öffent­li­che Musik­auf­füh­rung in Euro­pa seit vier Jah­ren. Die Kili­ans, heu­te Rock­le­gen­den, damals noch jun­ge Män­ner, spiel­ten vor zwei Mil­lio­nen Zuhö­rern, wäh­rend die Bil­der von gestürz­ten Die­ter-Gor­ny-Sta­tu­en um die Welt gin­gen.

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Musik Leben

Was geht

Am Sams­tag schloss der Tra­di­ti­ons­plat­ten­la­den „Elpi“ in Bochum für immer sei­ne Pfor­ten. Nach lan­ger Zeit (ich hab ver­ges­sen, noch mal nach­zu­fra­gen, mei­ne aber, mich an die Zahl von 28 Jah­ren erin­nern zu kön­nen) zieht sich damit ein tra­di­ti­ons­rei­cher Ein­zel­händ­ler zurück, ein fast schon pro­to­ty­pi­scher Plat­ten­la­den wie in „High Fide­li­ty“.

Ich war das ers­te Mal vor grob vier Jah­ren bei „Elpi“, an mei­nem ers­ten Tag in Bochum, dem Tag mei­ner Ein­schrei­bung. Ich kauf­te mir damals „Sea Chan­ge“ von Beck im Ange­bot, pack­te die CD in mei­nen Disc­man und weil sie so unend­lich trau­rig ist, ich vom ers­ten Ein­druck Bochums ziem­lich depri­miert war und es auch noch anfing zu reg­nen, mach­te ich sie wie­der aus und habe sie die­ses Jahr am Abend vor mei­ner Examens­fei­er zum ers­ten Mal an einem Stück gehört.

Ich war ger­ne bei „Elpi“ und habe vie­le CDs gekauft, aber ehr­lich gesagt nur weni­ge neue. Da konn­te der Laden, der zu kei­ner gro­ßen Ket­te gehör­te, nicht mit den Prei­sen der Elek­tronik­kauf­häu­ser und Inter­net-Ver­sand­hä­suer mit­hal­ten. Und nicht nur ich zuck­te bei Prei­sen von sieb­zehn, acht­zehn Euro immer wie­der zusam­men, auch vie­le ande­re kauf­ten nicht mehr in dem klei­nen Laden in der Fuß­gän­ger­zo­ne.

Des­halb war jetzt Schluss. Nicht wegen „Saturn“, wie mir die Mit­ar­bei­ter erzähl­ten, aber die Per­spek­ti­ve eines rie­si­gen CD-Ange­bots zu Kampf­prei­sen in der Nach­bar­schaft beschleu­nig­te die Ent­schei­dung wohl. So war immer­hin noch ein wür­de­vol­ler Abschied mög­lich und der Laden muss­te nicht leer blei­ben, wäh­rend die alten Kun­den mit schlech­tem Gewis­sen zur Kon­kur­renz schli­chen. Der Name und die Mit­ar­bei­ter blei­ben immer­hin im „Elpi-Ticket­shop“ erhal­ten, der im neu­en „Saturn“ neben der CD-Abtei­lung im zwei­ten Stock liegt.

Die letz­ten Wochen waren natür­lich die übli­che Lei­chen­fled­de­rei mit Aus­ver­kauf und Rabat­ten von 25 bis 50 Pro­zent. „Soll man da über­haupt noch mal hin­ge­hen?“, frag­te ich mich und mein ima­gi­na­ry fri­end sag­te: „Doch, klar. Ers­tens hast Du ja schon frü­her da gekauft und zwei­tens neh­men die so wenigs­tens noch was Geld ein.“ Und so kauf­te ich noch mal CDs: The Clash, Suga­ba­bes und Ran­dy New­man, als aller­letz­tes „Neon Gol­den“ von The Notwist.

Und auf der heißt es ja:

Fail with con­se­quence, lose with elo­quence and smi­le.

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Musik Digital

Brains N‘ Blödsinns

Es ist ja nicht so, dass Feh­ler nur „Bild“ oder „Spie­gel Online“ unter­lau­fen und immer gleich wahn­sin­nig schlimm sein müs­sen. Manch­mal pas­sie­ren sie auch Musik­jour­na­lis­ten, die Pres­se­mit­tei­lun­gen blind ver­trau­en und zu faul sind, in der Wiki­pe­dia nach­zu­schau­en. Ich wer­de zum Bei­spiel nie ohne Nach­zu­schla­gen den Namen des Bright-Eyes-Sän­gers kor­rekt schrei­ben kön­nen, aber des­halb guck ich ja auch immer wie­der nach. „Brain Out­sour­cing“ nennt man das, glau­be ich.

So begann ich ges­tern einen Ein­trag, in dem ich mich über den „visions.de-Newsflash“ von Diens­tag Abend lus­tig machen woll­te. Dar­in hieß es, Sebas­ti­an Bach, der Ex-Sän­ger von Skid Row, wer­de am Frei­tag sein neu­es Solo­al­bum „Angel Down“ ver­öf­fent­li­chen und auf dem Album wer­de Axl Rose auf drei Lie­dern zu hören sein.

Bis dahin war ja alles rich­tig, aber dann stand da:

Das Beson­de­re dar­an: Es sind die ers­ten Auf­nah­men, die seit 13 Jah­ren von Axl Rose ver­öf­fent­licht wer­den.

Die­ser Satz ist natür­lich falsch, war aber kom­plett aus der Pres­se­mit­tei­lung der Pro­mo-Agen­tur raus­ko­piert. Von daher woll­te ich die armen Online-Prak­ti­kan­ten bei visions.de jetzt auch nicht aus­schimp­fen.

Heu­te leg­ten sie aber einen neu­en „News­flash“ vor, in dem es plötz­lich hieß:

Der Guns N’Ro­ses-Front­mann ist dabei zum ers­ten Mal seit dem Jahr 1997 auf einer Auf­nah­me zu hören.

Jetzt woll­te ich doch mal wider­spre­chen, denn natür­lich erschien 1999 „Oh My God“, der ers­te (und bis heu­te ein­zi­ge) neue Guns‑N‘-Roses-Song, der nach „Use Your Illu­si­on“ ver­öf­fent­licht wur­de.1 Und das ist weder drei­zehn noch zehn, son­dern acht Jah­re her.

Aber dann fiel mir auf: Der Blöd­sinn war wie­der nur kopiert – von bild.de. Die haben näm­lich ein exklu­si­ves Pre­lis­tening zu „Angel Down“ und über­schrei­ben das so:

bild.de: “Hören Sie exklusiv in die neuen Songs von Axl Rose rein!”

Es folgt noch ein mit­tel­lan­ger Text, der sich vor allem bei­na­he aus­schließ­lich um Axl Rose dreht und unter ande­rem fol­gen­des behaup­tet:

Erst 1997 mel­de­te er sich mit einem Song zum Schwar­zen­eg­ger-Film „End of Days“ zurück, anschlie­ßend mach­te er sich an die Arbeit zum Album „Chi­ne­se Demo­cra­cy“.

Das ist natür­lich ziem­li­cher Unfug, denn „End Of Days“ lief 1999 an und Rose arbei­tet unge­fähr seit 1994 an dem Album.

Die Auf­nah­men zum Sebas­ti­an-Bach-Album haben nicht lan­ge gedau­ert. Ein gutes oder ein schlech­tes Omen?

Wohl vor allem ein Omen dafür, dass es schnel­ler geht, bei drei Songs mit­zu­sin­gen (und davon einen mit­zu­schrei­ben), als im Allein­gang ein epo­cha­les Meis­ter­werk schaf­fen zu wol­len.

War­um erwar­te ich über­haupt, dass in einem bild.de-Artikel sinn­vol­le Sachen über Rock­bands drin­ste­hen? Guns N‘ Roses schei­nen ja mitt­ler­wei­le so exo­tisch und ver­ges­sen, dass man nicht mal von einem Musik­ma­ga­zin Fach­kennt­nis­se erwar­ten kann.

1 Auf „The Spa­ghet­ti Inci­dent?“ waren ja aus­schließ­lich Cover­ver­sio­nen, die zäh­len nicht als „neue Songs“ und sind auch schon 14 Jah­re alt.

Nach­trag 20:02 Uhr: Damit hät­te ich nun wirk­lich nicht gerech­net:

Update 15:35 Uhr: Der Guns N’Ro­ses-Front­mann ist dabei natür­lich nicht zum ers­ten Mal seit dem Jahr 1997 auf einer Auf­nah­me zu hören, wie Bild dort fälsch­lich schreibt, son­dern seit 1999, als er den Song „Oh My God“ für den „End Of Days“-Soundtrack bei­steu­er­te. Dar­auf mach­te uns das Blog Cof­fee And TV auf­merk­sam und erin­nert uns dar­an, dass Feh­ler über­alls pas­sie­ren und man der Bild-Zei­tung wirk­lich nie trau­en darf.

(visions.de)

All­machts­phan­ta­sien! Haha­ha­ha­ha!

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Musik

Nur ein Wochentag

Eine kur­ze Mel­dung nur. Ein neu­er Song von Slut tauch­te kürz­lich auf deren Myspace-Sei­te auf. Er heißt „Wed­nes­day“ und ist – natür­lich – wun­der­bar.

Slut - Wednesday

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Musik

Lieder für die Ewigkeit: U2 – Beautiful Day

See the bird (with no leaf in her mouth)

Es gibt unge­fähr gleich vie­le Grün­de, U2 zu lie­ben, wie sie zu has­sen. Man muss das Pathos mögen, das sie fast unent­wegt ver­brei­ten, sonst hat man kei­ne Chan­ce. Man muss damit klar kom­men, dass Sän­ger Bono sich mit­un­ter auf­führt wie der unehe­li­che Sohn von Mut­ter The­re­sa und Al Gore, aber immer­hin schö­ner sin­gen kann. Aber man muss nur mal das lang­ge­zo­ge­ne Intro von „Whe­re The Streets Have No Name“ hören, um das Prin­zip Sta­di­on­rock zu ver­ste­hen.

U2 hat­ten in mei­ner musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung nur eine Neben­rol­le gespielt, im Plat­ten­schrank mei­ner Eltern fin­det sich bis heu­te kein ein­zi­ges Album der Iren. 1998 wünsch­te ich mir das „Best Of 1980–1990“ zu Weih­nach­ten und hör­te die nächs­ten Wochen und Mona­te „I Still Haven’t Found What I’m Loo­king For“, „Sun­day Bloo­dy Sun­day“ und „With Or Wit­hout You“. U2 waren die ers­te Rock­band in mei­nem Regal.

Im Herbst 2000 erschien dann „All That You Can’t Lea­ve Behind“, der von den Fans heiß erwar­te­te „Pop“-Nachfolger. Da mir die Expe­ri­men­te der Neun­zi­ger Jah­re qua­si kom­plett unbe­kannt waren, war der Über­gang vom Acht­zi­ger-Best-Of flie­ßend. Es war die Zeit, wo man CDs am Don­ners­tag nach Erschei­nen kauf­te (weil der ört­li­che Elek­tronik­händ­ler dann sei­ne Ange­bo­te raus­brach­te) und erst­mal fünf- bis zwan­zig­mal hin­ter­ein­an­der hör­te.

Auf „All That You Can’t Lea­ve Behind“ ist mit „Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of“ der viel­leicht bes­te Song der gan­zen Band­ge­schich­te ent­hal­ten, aber nach­hal­ti­ger hat mich das eupho­ri­sche „Beau­tiful Day“ beein­druckt. Der Rhyth­mus, den Lar­ry Mullen dort klopft, war damals noch neu – heu­te kommt er in jedem zwei­ten Song von Cold­play, Snow Pat­rol oder Jim­my Eat World vor. Das Gitar­ren­spiel von The Edge hat mich damals tage­lang in mei­nem Zim­mer fest­ge­hal­ten, wo ich ver­such­te, die­se neben­säch­li­che Ele­ganz auf der Kon­zert­gi­tar­re mei­ner Schwes­ter nach­zu­emp­fin­den. Der Text grub sich durch das unzäh­li­ge Noch­mal-Hören tief in mei­ne Gehirn­win­dun­gen ein, obwohl ich bis heu­te nicht genau weiß, was er eigent­lich aus­sa­gen soll. Und dann war da noch die­ses Video von Meis­ter­re­gis­seur Jonas Åker­lund:

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Wann immer ich danach in einem Flug­zeug saß und mir kurz vor dem Start doch ein wenig mul­mig wur­de, summ­te ich die­sen Song vor mich hin und stell­te mir vor, wir wür­den jetzt direkt über die auf der Start­bahn rocken­de Band flie­gen.

Ich wür­de mich bis heu­te nicht als U2-Fan bezeich­nen. Ich kau­fe mir die Alben, ich mag fast alles, was die Band macht, aber es fehlt trotz­dem noch etwas bis zu der kul­ti­schen Ver­eh­rung, die ich bei­spiels­wei­se R.E.M. oder Tra­vis ent­ge­gen­brin­ge. Trotz­dem: Als „Beau­tiful Day“ auf mei­ner Fahrt nach Ber­lin im ICE-Bord­ra­dio lief, wur­de ich plötz­lich so ent­spannt und gut gelaunt, dass mir das gan­ze Thea­ter drum­her­um egal wur­de. Da wuss­te ich: das Lied ist ein Fall für die­se Rubrik.