Schattenkinder

Von Lukas Heinser am Samstag, 24. November 2007 1:43
Kategorie: Social Distortion, TV On The Radio

Aus aktuellem Anlass lief gerade in der ARD die Dokumentation “Schattenkinder” von Uta König. Es geht um Kinder in Hamburg-Jenfeld, die aus kaputten Familien kommen: Bei der einen trinkt der Vater, beim anderen sitzen die Eltern den ganzen Tag vor dem Computer – man hat das so oft gehört, dass es genau solche Allgemeinplätze geworden sind wie die neuesten Opferzahlen aus dem Irak.

Uta Königs Film gibt den Allgemeinplätzen Gesichter. Da ist ein kleines, dickes Mädchen, das nichts hat außer seiner sprechenden und tanzenden Barbiepuppe. Ein Junge, der in viel zu kleinen Schuhen herumläuft und sich nichts wünscht außer passende Schuhe und ein UNO-Spiel. Zwei Schwestern, neun und elf, deren Mutter am Alkohol gestorben ist und deren Vater säuft und rumschreit.

Da steht dann der Vater betrunken vor der Tür der (ebenfalls alkoholkranken) Lebensgefährtin, zu der die Töchter geflohen sind, und randaliert. Die Reporterin versteckt sich mit den Kindern. Draußen poltert es, die Kamera ist nur noch auf das angsterfüllte Gesicht der Elfjährigen gerichtet und der Popkultur-geschädigte Zuschauer ertappt sich dabei, wie er “Wie ‘Blair Witch Project’ …” denkt, weil er sonst die hoffnungslose Realität dahinter anerkennen müsste und in Tränen ausbrechen würde, während die Kinder da zusammengekauert hocken und nicht weinen.

Das Jugendamt hielt es zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht für nötig, einzugreifen: Der Vater sei zwar gewalttätig, aber (noch) nicht gegen die Kinder. Da erscheint es einem als Zuschauer unmöglich, amtliche Vorschriften auf der einen und gesunden Menschenverstand und menschliche Seele auf der anderen Seite irgendwie zusammenzupacken. Als der Vater schließlich seine letzte Chance verspielt und die Mädchen zu einer Pflegefamilie kommen, weigert sich das Amt wiederum, der christlichen Organisation “Arche”, die sich als einzige um die Kinder gekümmert hat und wo die Beiden Freunde hatten, einen Kontakt zu ihnen zu ermöglichen.

Überhaupt: Diese “Arche” hält alles zusammen. Die Kinder kriegen dort eine warme Mahlzeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung – all das, was für Kinder in einer Industrienation selbstverständlich sein sollte. Einige der Kinder sind hochgradig verstört, andere wirken schon mit zehn unglaublich lebensklug und können sich besser artikulieren als ihre Eltern. Aber natürlich wäre es viel schöner, naive, fröhliche, alberne, nervige Zehnjährige zu sehen.

“Schattenkinder” ist aus mindestens zwei Gründen beeindruckend und wichtig: Zum einen zeigt der Film anhand von Einzelschicksalen, wie es in ungezählten Familien aussehen muss und wovon man als Außenstehender nichts mitkriegt. (Als Mittelklasse-Kind bekommt man ja eh meist nur in der Grundschule einen Einblick in sozial schwache Familien, in denen sich niemand um die Kinder kümmert. Das deutsche Schulsystem sorgt ja sehr schnell dafür, dass die Kinder, die sich aus Gründen wie den oben genannten nicht auf die Schule konzentrieren können, sehr schnell den Anschluss verpassen und so nie aus dem System werden ausbrechen können.) Zum anderen sieht man, wie wichtig die Arbeit solcher Organisationen wie der “Arche” ist, die sich zu 95% über Spenden und staatliche Fördermittel finanziert.

Nachtrag 26. November, 23:45 Uhr: Wegen des großen Interesses an dem Film, das sich auch in meinen Suchanfragen wiederspiegelt, hat sich der NDR entschlossen, “Schattenkinder” zu wiederholen. Und zwar gerade eben

13 Kommentare

  1. 1

    ich hab die doku gestern auch gesehen und fand es ziemlich erschreckend, vor allem, als der vater fast die tür aufgebrochen hat.. zwischendurch hab ich auch überlegt, ob es wirklich okay ist, wenn man die ängstlichen kinder so zeigt, aber wahrscheinlich war es schon nötig um die bedrückende situation rüberzubringen.
    schade, scheint wohl keine wiederholung zu geben.

  2. 2

    ich habs durch Zufall auch gesehen – und ich fand es unmöglich. Jede kritische Distanz der Reporterin fehlte, und dass auch Kinder ein Recht auf Persönlichkeitsschutz haben, ist scheinbar völlig egal. Das Gegenteil von gut? Gut gemeint.

    Ich kann verstehen, dass die Macher der Reportage den Kindern helfen wollen. Aber das macht man nicht, in dem man die Kinder öffentlich vorführt. Ich finde es schlimm, wenn Dokumacher keinen Respekt vor den Leuten haben, die sie in ihren Filmen zeigen.

    Unglaublich, dass die ARD sowas ausgestrahlt hat. Natürlich muss man diesen Kindern helfen. Aber das, was da gezeigt wurde, war einfach nur effektheischend zusammengeschnitten und voyeuristisch. Ich kann mir nicht vorstellen, wer dafür die Dreh- und vor allem Ausstrahlungsgenehmigung gegeben hat. Der Alkoholiker-Vater? Das Jugendamt?

    Bei aller Liebe: Ein gut ausgebildeter Sozialpädagoge ist da wesentlich hilfreicher als einen Reporterin, die für ihre beobachtende Doku ständig selber ins Geschehen eingreift.

    (Und ganz nebenbei: Zur Arbeit der Arche gibt es durchaus auch kritische Stimmen.)

  3. 3

    ich habe den film auch gesehen und war sehr schockiert wie es den kindern geht.ob es nun ein vorführen der kinder war kann ich nicht sagen,auf jeden fall gehört der mann vom jugendamt erstmal verklagt auf unterlassene hilfeleistung.er sollte eigentlich sensibler reagieren und nicht dem alkoholkranken vater immer wieder eine chance geben.in erster linie geht es um den schutz der kinder und die zwei mädchen wären ohne den film bstimmt immer noch bei ihrem vater.

  4. 4

    Der Beitrag hat mal gezeigt wie es in vielen Familien ausschaut, das war die Realität und die is nun mal hart. Mittlerweile muss man so etwas auch so klar zeigen, da es immer noch Menschen gibt die es nicht glauben wollen. Der eine Mann der meinte den Kindern gehts ja eigentlich gut is das beste Beispiel….

    Die Arche leistet wichtige Arbeitet…was würden die Kinder ohne sie machen…

  5. Hildegunde Grabenmeier
    Montag, 26. November 2007 11:08
    5

    Ein sehr eindrucksvoller, aufklärerischer Beitrag, der nicht nur zur Nachtstunde gesendet werden sollte.

    Allerdings: Innerhalb der Dokumentation wurde seitens der Reporterin erklärt, dass die fünfköpfige Familie von 900 Euro leben müsste. Das ist irreführend und m.E. falsch! Nach Hartz IV müsste diese Familie in Hamburg 1312,00 Euro/NETTO aus der Regelleistung/Hartz IV zuzüglich 607,00 Euro Miete/Heizung erhalten.
    Leider ist immer wieder festzustellen, dass in den Medien falsche Beträge angegeben werden.

  6. 6

    Ich habe den Beitrag auch gesehen und finde nicht, dass diese Kinder vorgeführt wurden. Es gibt viel zuwenige solcher Beiträge im Fernsehen. Alle glauben immer, nur sozialschwache Menschen hätten solche Probleme im Leben aber das stimmt nicht. Gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, soll man wieder Spenden, besonders nach Afrika. Das ist ja alles gut und schön aber wir sollten endlich anfangen erstmal in unserem Land das Elend zu bekämpfen. Nach dem Film hatte ich Magenschmerzen weil ich selbst hier, in unserem Mietshaus, so ein Elend erlebt habe und dass, obwohl der Hausmeister das Jugendamt informiert hatte. Leider fühlte sich niemand zuständig und der Junge, damals 5 Jahre alt..litt lange still vor sich hin bis er endlich in eine Pflegefamilie kam. Da war aber schon viel zuviel Zeit verstrichen..ich glaube er wird nie wieder ein sorgloses Kind sein können was mit großem Vertrauen in die Welt blickt..

  7. 7

    ich schaue gerade ihren film und ich bin – wie auch immer wieder in unserer kanzlei – schockiert. ich hoffe, vielen anderen geht es ebenso … und er rüttelt uns wach …

  8. 8

    Ich hatte beim NDR nach einer möglichen Wiederholung des Filmes gefragt, bis jetzt aber noch keine Antwort bekommen…, jetzt habe ich ihn schon wieder verpasst!
    @Seba: Wo findet man denn kritische Stimmen zur Arbeit der Arche, bislang habe ich nur positive Berichte gefunden? Bevor ich spende, möchte ich mich aber gerne genau informieren.

  9. 9

    Hallo! ich habe die Dokumentation auch gesehen und ich war sehr schockiert! in meinem Soziologie-Leistungskurs behnadeln wir gerade das Thema Kinder in Armut und die Konsequenzen!!! es wäre toll wenn ich den Film Schattenkinder zeigen könnte, allerdings habe ich es verpasst, diese Dokumentation aufzunehmen!!! Es wäre nett wenn mir irgend jemand einen Tipp geben könnte wie ich an den Film gelange!!! liebe grüße

  10. 10

    Hallo!

    Habe auch zufällig die Wiederholung im Januar über die “Schattenkinder” gesehen und war schockiert, vor allem über die Aussage von dem Direktor des Jugendamtes (sie erinnert mich irgenwie an die Aussage von Arnold Schwarzenegger bezüglich der Hinrichtung von Tookie Williams).

    Die “Arbeit” der Jugendämter scheint nur eine Beschäftigungstherapie für die Angestellten zu sein.

    Den Kommentar von Seba kann ich nicht teilen. Das der NDR den Film gezeigt hat fand ich richtig und wichtig.

    Zitat von Seba:
    “ich habs durch Zufall auch gesehen – und ich fand es unmöglich. Jede kritische Distanz der Reporterin fehlte, und dass auch Kinder ein Recht auf Persönlichkeitsschutz haben, ist scheinbar völlig egal. Das Gegenteil von gut? Gut gemeint …”

    schöne Grüße!

  11. 11

    Hallo,
    wir sind eine Pflegefamilie und haben unserem Jugendamt mitgeteilt, das die Mutter unseres Pflegekindes wieder trinkt.(Mutter war 15 jahre abhängig-multiplen Substanzgebrauch)Jugendamt will die sache nicht prüfen und das Kind ohne wenn und aber baldmöglichst zurückführen.

  12. 12

    [...] einem halben Jahr schrieb ich über den Dokumentarfilm “Schattenkinder”, der mich ziemlich beeindruckt [...]

  13. 13

    selbst lebe und arbeite ich auf den Balearen, werde nicht mit Schattenkindern konfrontiert, sondern…, finde es aber Gut und Informell das so etwas (SWR) ausgestrahlt wird.
    Darum denke ich, “wir” und unsere Residenten, “Wahlmollorquinern” sollten zu einer Benefiz- Veanstaltung einladen und Denen, Welche unter anderen Lebensweisen ihre Zeit verbringen die Augen oeffnen, das Kinder, Familien unverschuldet durch Misswirtschaft in Ihrer Heimat zurueck bleiben muessen zu helfen, zu einer Spende bewegen um daran etwas Aendern.

Diesen Beitrag kommentieren: