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Literatur Politik

Licht aus, Spott an

Wie kann man heut­zu­ta­ge in Deutsch­land eigent­lich noch wirk­lich pro­vo­zie­ren? In Zei­ten, in denen schon jeder und alles mit irgend­wel­chen Nazi-Sachen ver­gli­chen wur­de, muss man sich was neu­es ein­fal­len las­sen: den Kohl-Ver­gleich.

Erfun­den hat ihn Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent Wolf­gang Thier­se in der „Leip­zi­ger Volks­zei­tung“. Zumin­dest zitiert die­se ihn wie folgt:

Mün­te­fe­ring geht, weil ihm Pri­va­tes in einer ent­schei­den­den Lebens­pha­se wich­ti­ger als alles ande­re ist. Ein Ein­schnitt?

Es ist eine unpo­li­ti­sche Ent­schei­dung, dass Franz Mün­te­fe­ring sei­ne Frau in der letz­ten Pha­se ihres Lebens direkt beglei­ten will. Sei­ne Frau im Dun­keln in Lud­wigs­ha­fen sit­zen zu las­sen, wie es Hel­mut Kohl gemacht hat, ist kein Ide­al. Ohne dass das ver­gleich­bar wäre. Die Poli­tik ist nicht das Aller­wich­tigs­te. Man soll­te sich in sol­chen Pha­sen das Recht neh­men, auch ein­mal still zu hal­ten. Es ist nicht so, dass man ein Schwäch­ling ist, wenn man nicht immer sofort in die­sen unmensch­li­chen Ent­schei­dungs­druck ver­fällt.

Zitat: lvz-online.de

Zur Erin­ne­rung: Han­ne­lo­re Kohl, die Frau von Ex-Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl, litt schon wäh­rend des­sen Amts­zeit an einer schwe­ren Licht­all­er­gie, die sie zuletzt dazu zwang, in einem völ­lig abge­dun­kel­ten Haus zu leben, und nahm sich im Juli 2001 das Leben (vgl. dazu auch die­ses geschmack­vol­le „Spiegel“-Titelbild).

So, wie Thier­se von der „Leip­zi­ger Volks­zei­tung“ zitiert wird, wäre das natür­lich eine etwas unglück­li­che, viel­leicht auch schlicht­weg geschmack­lo­se Äuße­rung. Thier­se sah sei­ne Aus­füh­run­gen zunächst ein­mal als „falsch und ver­kürzt“ wie­der­ge­ge­ben und schrieb dem Alt­kanz­ler einen per­sön­li­chen Brief, in dem er bedau­er­te, dass „ein fal­scher Ein­druck ent­stan­den sei“. (Man beach­te dabei den alten PR-Trick und bedaue­re nicht sei­ne Äuße­run­gen, son­dern den Ein­druck, der durch sie ent­stan­den sein könn­te.)

Unter­des­sen schrien Poli­ti­ker aller Par­tei­en schon Zeter und Mor­dio und ver­such­ten, die Num­mer zu einem Rie­sen­skan­dal hoch­zu­ju­beln, in des­sen Wind­schat­ten die heu­ti­ge Diä­ten­er­hö­hung medi­al unter­ge­hen könn­te.

Wer ver­ste­hen will, wie Poli­tik und Medi­en heut­zu­ta­ge funk­tio­nie­ren, muss nur die­sen Arti­kel bei n‑tv.de lesen:

„Die Äuße­run­gen von Herrn Thier­se sind für mich mensch­lich zutiefst unver­ständ­lich. Sie gren­zen für mich an Nie­der­tracht“, sag­te Mer­kel der „Bild“.

[…]

Uni­ons-Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der (CDU) sprach von einem „Tief­punkt im Umgang“ unter Kol­le­gen. CSU-Lan­des­grup­pen­chef Peter Ram­sau­er sag­te, ein Bedau­ern rei­che „hin­ten und vor­ne nicht“. „Das ist des Deut­schen Bun­des­tags nicht wür­dig. FDP-Chef Gui­do Wes­ter­wel­le hat recht, wenn er sagt, er kann sich durch einen sol­chen Vize­prä­si­den­ten nicht reprä­sen­tiert füh­len.“ Wes­ter­wel­le sprach im „Köl­ner Stadt-Anzei­ger“ von „unter­ir­di­schen“ Äuße­run­gen.

Sie sehen schon: Die reden alle über­ein­an­der und mit der Pres­se, aber in kei­nem Fall mit­ein­an­der – und das Volk sitzt dane­ben wie das Kind geschie­de­ner Eltern, die nur noch über ihre Anwäl­te mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

Im „Bild“-Artikel kom­men noch ein paar wei­te­re Hoch­ka­rä­ter zu Wort:

Hes­sens Minis­ter­prä­si­dent Roland Koch (CDU) empört: „Schä­big und geschmack­los!“ Jun­ge-Uni­on-Chef Phil­ipp Miß­fel­der: „Par­tei­chef Kurt Beck muss Thier­se sofort zur Ord­nung rufen.“

Und weil die Luft lang­sam dünn wur­de, schal­te­te Thier­se einen Gang höher und ent­schul­dig­te sich heu­te mor­gen per Brief „in aller Form“ bei Hel­mut Kohl. Rich­ti­ger noch: Er bat um Ent­schul­di­gung, was ja heut­zu­ta­ge auch eine sprach­li­che Sel­ten­heit ist.

Wie reagiert eigent­lich Kohl auf den Brief sei­nes alten Freun­des und das gan­ze Thea­ter drum her­um? Mit der ihm übli­chen staats­män­ni­schen Grö­ße und Gelas­sen­heit:

„Ich neh­me die­se Ent­schul­di­gung an. Zum Vor­gang selbst will ich sonst nichts sagen.“

Ich weiß schon, war­um der Mann auf ewig „mein“ Kanz­ler blei­ben wird.

Nach­trag 17. Novem­ber: Gera­de erst fest­ge­stellt, dass die­se ers­te öffent­li­che Erwäh­nung des Namens Hel­mut Kohl seit Mona­ten zufäl­li­ger­wei­se mit der Prä­sen­ta­ti­on des drit­ten Bands von Kohls Auto­bio­gra­fie zusam­men­fiel …

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Digital

Charlotte Roche las BILDblog

Die Maß­ein­heit für ver­spä­tet vor­ge­tra­ge­ne Zeit­geist­the­men heißt „Poly­lux“. Ent­spre­chend unan­ge­nehm ist es mir, mei­nen eige­nen klei­nen Film mit ein paar Impres­sio­nen der BILD­blog-Lesung erst jetzt, nach vol­len sie­ben Tagen, prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Er hing so lan­ge hin­ter den sie­ben Har­den­ber­gen, bei den sie­ben Har­den­zwer­gen fest. Oder auf deutsch: Es gab erheb­li­che tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten, die zu 85% auf mei­ner gerin­gen Weit­sicht beruh­ten.

Aber jetzt ist er ja end­lich da und Sie sol­len ohne wei­te­re zu Gesicht bekom­men, wie es war, als Char­lot­te Roche, die in Wirk­lich­keit noch char­man­ter, aber auch noch ein biss­chen klei­ner ist als im Fern­se­hen, BILD­blog las:

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Literatur Gesellschaft

Don’t party like it’s 1999

Kürz­lich blät­ter­te ich mal wie­der in „Tris­tesse Roya­le“, dem Rea­der der deutsch­spra­chi­gen Pop­li­te­ra­tur der 1990er Jah­re, dem Zeit­do­ku­ment der ers­ten Tage der Ber­li­ner Repu­blik. Und mir wur­de klar: Wer ver­ste­hen will, wie sehr sich unse­re Gesell­schaft und unse­re Welt im letz­ten Jahr­zehnt ver­än­dert haben, der muss nur die­se Pro­to­kol­le der Gesprä­che lesen, die Joa­chim Bes­sing, Chris­ti­an Kracht, Eck­hart Nickel, Alex­an­der von Schön­burg und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re im spä­ten April des Jah­res 1999 im frisch wie­der­eröff­ne­ten Ber­li­ner Hotel „Adlon“ geführt haben.

Neh­men wir nur einen kur­zen Aus­schnitt, der eigent­lich alles sagt:

JOACHIM BESSING Gibt es denn eigent­lich über­haupt noch soge­nann­te gesell­schaft­li­che Tabus?
ALEXANDER V. SCHÖNBURG Die katho­li­sche Kir­che zu ver­tei­di­gen ist zum Bei­spiel ein moder­nes Tabu. Es ist ein All­ge­mein­platz, für die Anti­ba­by­pil­le und gegen die Fami­li­en­po­li­tik des Paps­tes zu sein. Wer heu­te, wie ich, sagt: Ich bin für den Papst und gegen die „Pil­le danach“, bricht ein gesell­schaft­lich ver­ein­bar­tes Tabu. Viel­leicht ist es auch ein ähn­li­cher Tabu­bruch, wenn eine Frau sagt: Ich gehö­re hin­ter den Herd und möch­te ger­ne mei­ne Kin­der erzie­hen. Ich möch­te gar nicht in die Drei-Wet­ter-Taft-Welt ein­tre­ten.

„Tris­tesse Roya­le“, S. 118

Lesen Sie die­se Aus­füh­run­gen ruhig mehr­mals. Und ver­su­chen Sie dann, sich vor­zu­stel­len, dass es eine Welt gab, in der „wir“ noch nicht Papst waren und in der Eva Her­man nur die Nach­rich­ten vor­ge­le­sen hat. Es war eine Welt, in der alles noch so war, wie es war, bevor nichts mehr so war, wie es zuvor gewe­sen war. Eine Welt in einem ande­ren Jahr­tau­send – aber wer heu­te aufs Gym­na­si­um kommt, war damals schon gebo­ren.

Natür­lich ist „Tris­tesse Roya­le“ kein Pro­to­koll einer tat­säch­li­chen Gesell­schaft. Die welt­män­ni­schen Posen der fünf jun­gen, kon­ser­va­ti­ven Her­ren lie­ßen sich auch damals nur schwer­lich mit der Welt­sicht der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung auf eine Line brin­gen. Aber sie pass­ten sti­lis­tisch in die Eupho­rie des Auf­bruchs. Das Buch ist des­halb eine gute Erin­ne­rung an die­se ers­ten Tage der soge­nann­ten Ber­li­ner Repu­blik, als es so aus­sah, als wür­den Ger­hard Schrö­der und die rot-grü­ne Koali­ti­on Deutsch­land allei­ne aus der Kri­se füh­ren. In gewis­ser Wei­se haben sie das getan, aber das Volk hat es ihnen nicht gedankt, weil die als gro­ße „Reform“ anmo­de­rier­te Agen­da 2010 weh tat und sie zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil auch unso­zi­al war. Nie­mand fragt, war­um es Deutsch­land unter einer Kanz­le­rin Mer­kel, die bis­her kei­ne ein­zi­ge innen­po­li­ti­sche Ent­schei­dung grö­ße­rer Trag­wei­te getrof­fen hat, plötz­lich so gut gehen soll, wie lan­ge nicht mehr. Nie­mand ist erstaunt, wenn die SPD unter dem Pfäl­zer Ted­dy Kurt Beck plötz­lich wie­der Sozi­al­de­mo­kra­tie der 1960er Jah­re betrei­ben will. Aber alle jam­mern über die­se wahn­sin­ni­gen Teue­rungs­ra­ten und über die Gefahr, schon mor­gen auf dem Koblen­zer Markt­platz Opfer einer isla­mis­ti­schen Atom­bom­be zu wer­den.

Zwi­schen April ’99 und Okto­ber ’07 lag der 11. Sep­tem­ber 2001, der natür­lich viel ver­än­dert hat und der für zwei neue gro­ße Krie­ge auf die­sem Pla­ne­ten ver­ant­wort­lich ist. Aber ich glau­be nicht, dass die­se Ter­ror­an­schlä­ge, so schlimm sie auch waren und so vie­le danach auch noch kamen, der Haupt­grund für die­se Ver­schie­bung gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen ist.

Zwi­schen 1999 und 2007 lag näm­lich auch und vor allem ein Jahr­tau­send­wech­sel, egal ob man den am 1. Janu­ar 2000 oder erst ein Jahr spä­ter begos­sen hat. Wenn wir uns anse­hen, wel­che Aus­wir­kun­gen schon eine schlich­te Jahr­hun­dert­wen­de gehabt hat, dann müs­sen wir erstaunt sein, dass die­ser Über­gang vom zwei­ten zum drit­ten Mill­en­ni­um häu­fig so ein­fach über­gan­gen wird: Das spä­te 19. Jahr­hun­dert hat­te das Fin de siè­cle, das Zeit­al­ter des Deka­den­tis­mus, und genau das fin­den wir auch in „Tris­tesse Roya­le“ und der Gesell­schaft die­ser spä­ten 1990er Tage wie­der. Nicht weni­ge erwar­te­ten für die Sil­ves­ter­nacht 1999/​2000 den sofor­ti­gen Welt­un­ter­gang und ent­spre­chend wur­de auch gefei­ert und gelebt. Die­ser Über­schwung hielt dies­mal aber kei­ne 14 Jah­re, bis ein Ereig­nis die Welt erschüt­ter­te, son­dern die paar Mona­te bis zum Sep­tem­ber 2001.

Als Peter Scholl-Latour am Abend des 12. Sep­tem­ber 2001 in der Talk­show von Michel Fried­man das Ende der Spaß­ge­sell­schaft pos­tu­lier­te, hin­ter­ließ das zwar kei­nen all­zu blei­ben­den Ein­druck bei der Welt­be­völ­ke­rung, aber nach so einer Ansa­ge fie­len die Cham­pa­gner­bä­der in Ber­lin-Mit­te viel­leicht doch zunächst ein biss­chen klei­ner aus. Und ehe man sich’s ver­sah, war auch auf höhe­rer Ebe­ne aus einer apo­li­ti­schen Deka­denz­ge­sell­schaft eine apo­li­ti­sche Bie­der­mei­er­ge­sell­schaft gewor­den, in der man sei­nen dun­kel­haa­ri­gen Nach­barn sofort für einen poten­ti­el­len Mas­sen­mör­der hält, weil der sich drei­mal am Tag die Hän­de wäscht und betet. Ande­rer­seits wird ein alter Kir­chen­mann von Jugend­li­chen wie ein Pop­star ver­ehrt und Fern­seh­mo­de­ra­to­rin­nen erhe­ben das Gegen­teil ihres eige­nen Lebens­we­ges zum Heils­ver­spre­chen für alle Frau­en.

Damit sind wir, auf Umwe­gen, wie­der beim Aus­gangs­zi­tat ange­kom­men. Was machen eigent­lich die­se gro­ßen Män­ner der deutsch­spra­chi­gen Deka­denz heu­te? Nun: Alex­an­der von Schön­burg war kurz­zei­tig Chef­re­dak­teur des Edel­ma­ga­zins „Park Ave­nue“ und kollum­ni­ert für „Bild“; Joa­chim Bes­sing schreibt Bücher, die auf dem „Lebenshilfe“-Tisch der Buch­hand­lun­gen neben denen von Eva Her­man lie­gen; Eck­hart Nickel und Chris­ti­an Kracht grün­de­ten die sehr inter­es­san­te, lei­der aber nicht sehr erfolg­rei­che Lite­ra­tur­zeit­schrift „Der Freund“; Kracht selbst ent­schwebt in sei­nen Repor­ta­gen in immer unzu­gäng­li­che­re Sphä­ren und Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re war zuletzt als Rosen­ver­käu­fer im neu­en Horst-Schläm­mer-Video zu sehen.

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Fast jede deut­sche Tages­zei­tung (und ich habe sie fast alle gese­hen) hat­te heu­te die ges­tern ver­stor­be­ne Eve­lyn Hamann auf dem Titel, was völ­lig rich­tig und ver­dient ist.

Vie­le Zei­tun­gen haben sich um Zita­te und Anspie­lun­gen auf ihre berühm­ten Sket­che mit Lori­ot bemüht, wirk­lich gelun­gen ist es nur der „WAZ“ – das aber dann direkt auf wirk­lich anrüh­ren­de Wei­se:

„Sagen Sie jetzt nichts!“

Man muss in die­sem Zusam­men­hang mal wie­der „Bild“ tadeln, die es über­haupt als ein­zi­ge Zei­tung für nötig hielt, die „kur­ze Krank­heit“, an der Frau Hamann ver­stor­ben ist, zu benen­nen – und das noch in rie­si­gen Let­tern auf der Titel­sei­te.

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Rundfunk Digital

Neues aus der Anstalt

Es gibt The­men, mit denen will ich mich aus Rück­sicht auf mei­ne eige­ne Gesund­heit gar nicht mehr beschäf­ti­gen.

Lesen Sie also selbst zwei Mel­dun­gen über den öffent­lich-recht­li­chen Qua­li­täts­jour­na­lis­mus und des­sen Geld­ein­trei­ber:

Zum einen einen Arti­kel aus der „Bild“-Zeitung. Die­ser ist natür­lich mit beson­de­rer Vor­sicht zu genie­ßen, aber der geschil­der­te Fall hät­te auch über­all sonst ste­hen kön­nen und lässt – auch wenn er natür­lich auf­ge­bauscht wird – tief bli­cken.

Der ande­re Text steht bei Finblog.de und ist ein beein­dru­cken­des Bei­spiel dafür, wie weit man gehen kann, um unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung und freie Mei­nungs­äu­ße­rung zu … äh: ver­tei­di­gen?

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Hilfe! (Ambulant oder stationär)

Es ist beun­ru­hi­gend, ja gera­de­zu skan­da­lös, was da seit ges­tern durch die deut­sche Medi­en­land­schaft geis­tert: Der Medi­zi­ni­sche Dienst der Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen (MDS) ver­öf­fent­lich­te ges­tern sei­nen Prüf­be­richt zur Qua­li­tät in der ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Pfle­ge. Noch bevor das Papier offi­zi­ell vor­ge­stellt wur­de, hat­te die „Bild“-Zeitung eine gro­ße Titel­ge­schich­te zu dem The­ma gebracht, die jetzt nicht so hun­der­pro­zen­tig exakt war, um es mal vor­sich­tig aus­zu­drü­cken.

Was folg­te, zeig­te mal wie­der, dass Jour­na­lis­ten einer dpa-geti­cker­ten „Bild“-Schlagzeile mehr ver­trau­en als ihrer eige­nen Lese­kom­pe­tenz, denn statt auch nur mal nach­zu­gu­cken, ob die Behaup­tun­gen von „Bild“ rich­tig sind, schrie­ben sie die­se mun­ter ab.

Oft krei­sen die Berich­te um die Behaup­tung von „Bild“, jeder drit­te Pati­ent bekom­me nicht genug zu essen oder zu trin­ken.

„Spie­gel Online“ schreibt ab:

Der aktu­el­le Prüf­be­richt des Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen (MDS) offen­bart einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufol­ge skan­da­lö­se Zustän­de bei ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten und in deut­schen Pfle­ge­hei­men. Dem­nach bekommt nach die­sem Bericht jeder drit­te Pfle­ge­fall (Hei­me: 34,4 Pro­zent; ambu­lan­te Pfle­ge: 29,6 Pro­zent) nicht genug zu essen und zu trin­ken.

Auch die „Süd­deut­sche Zei­tung“ beruft sich lie­ber auf „Bild“ statt auf den Bericht selbst:

Jeder drit­te Pfle­ge­fall bekom­me nicht genug zu Essen und zu Trin­ken, schreibt die Bild-Zei­tung unter Beru­fung auf den Bericht. In Hei­men sei­en es 34,4 Pro­zent der Fäl­le, bei der ambu­lan­ten Pfle­ge 29,6 Pro­zent.

Die­ses Spiel über Ban­de ist immer­hin ein biss­chen weni­ger irre­füh­rend als das, was tagesschau.de behaup­tet:

Dem­nach bekommt offen­bar jede drit­te zu pfle­gen­de Per­son nicht genug Essen und Trin­ken.

Und der Voll­stän­dig­keit hal­ber auch noch n‑tv.de:

Etwa jeder drit­te Pfle­ge­be­dürf­ti­ge bekom­me nicht genug zu essen und zu trin­ken.

Nun mag es eini­ger­ma­ßen ver­ständ­lich erschei­nen, dass kein Jour­na­list mal eben 212 Sei­ten voll Daten und Fak­ten durch­ar­bei­ten will. Muss er aber gar nicht, denn eine schlich­te Suche nach dem Wort „Ernäh­rung“ im PDF-Doku­ment hät­te zum Bei­spiel auf Sei­te 48 ver­wie­sen, wo es heißt:

Die fest­ge­stell­ten Män­geln bei der Ernäh­rung und Flüs­sig­keits­ver­sor­gung sind nicht unbe­dingt gleich­be­deu­tend mit einer bereits ein­ge­tre­te­nen Unter­ernäh­rung oder einer Dehy­drat­a­ti­on.

Auf Sei­te 66 steht:

Bei 65,6 % der im 1. HJ 2006 in die Prü­fung ein­ge­zo­ge­nen Bewoh­ner lagen bei der Ernäh­rung und Flüs­sig­keits­ver­sor­gung kei­ne Qua­li­täts­pro­ble­me vor. Bei 34,4 % der Per­so­nen wur­den Män­gel fest­ge­stellt. Auch hier sind die­se Män­gel nicht unbe­dingt gleich­be­deu­tend mit einer ein­ge­tre­te­nen Unter­ernäh­rung oder einer Dehy­drat­a­ti­on.

Immer­hin heute.de hat es irgend­wie geschafft, die Tat­sa­chen rich­tig aus dem Bericht abzu­pin­nen:

Der Bericht weist nach wie vor Män­gel bei der Ernäh­rung und Flüs­sig­keits­ver­sor­gung der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen aus. Bei etwa jedem drit­ten Fall (Hei­me: 34,4 Pro­zent; ambu­lan­te Pfle­ge: 29,6 Pro­zent) stell­ten die Prü­fer Defi­zi­te fest. Sie kri­ti­sier­ten etwa unzu­rei­chen­de Gewichts­kon­trol­len oder eine feh­len­de Ermitt­lung des Ener­gie­be­darfs der Bewoh­ner. Dies bedeu­te aber nicht unbe­dingt, dass die Betrof­fe­nen jeweils unter­ver­sorgt oder man­gel­haft ernährt sei­en, hieß es.

Im Ver­gleich zum letz­ten Bericht, der das 2. Halb­jahr 2003 erfass­te, hat sich die Qua­li­tät der Pfle­ge auf bei­na­he jedem Gebiet ver­bes­sert, wenn auch mit­un­ter nur ganz leicht.
„Bild“ wür­dig­te die­sen Sach­ver­halt mit vier Wor­ten:

Geän­dert hat sich wenig.

Das mag bei einer ent­spre­chen­den Aus­le­gung des Wor­tes „wenig“ ja sogar noch rich­tig sein, bei Heri­bert Prantls Kom­men­tar in der heu­ti­gen „Süd­deut­schen Zei­tung“ wur­de dar­aus aber schon ein:

Seit Jah­ren hat sich nichts ver­bes­sert – doch nie­mand reagiert.

(Dass Prantl 34,4 bzw. 29,6 % für „Fast die Hälf­te der Men­schen in den unter­such­ten Pfle­ge­hei­men“ hält, die auch noch „Hun­ger und Durst“ „lei­det“, schlägt dann dem Fass die Kro­ne ins Gesicht.)

Dabei hät­te man nur das Vor­wort lesen müs­sen, um von der Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on zu erfah­ren:

Die Pfle­ge­ein­rich­tun­gen haben in den zurück­lie­gen­den drei Jah­ren erkenn­ba­re Anstren­gun­gen unter­nom­men, um die Pfle­ge­qua­li­tät in den Pfle­ge­ein­rich­tun­gen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Bei vie­len Qua­li­täts­kri­te­ri­en las­sen sich Ver­bes­se­run­gen nach­wei­sen. Ein Teil die­ser Ent­wick­lun­gen ist auch auf die Wir­kung der Arbeit des MDK zurück­zu­füh­ren. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Pfle­ge nach wie vor ein Qua­li­täts­pro­blem hat, aus dem sich ein erheb­li­cher Opti­mie­rungs­be­darf in den ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten und sta­tio­nä­ren Pfle­ge­ein­rich­tun­gen ergibt.

„Spie­gel Online“ schaff­te es immer­hin, einen zwei­ten Arti­kel hin­ter­her­zu­schie­ben, wo man unter der Über­schrift „Pfle­ge ver­bes­sert – Pro­ble­me blei­ben“ fol­gen­des lesen kann:

„Die Pfle­ge-Schan­de“, titelt die „Bild“-Zeitung heu­te und pran­gert die skan­da­lö­sen Miss­stän­de in deut­schen Alten­hei­men an. Die Prü­fer der Kran­ken­kas­sen sind über­rascht: Denn seit ihrem letz­ten Bericht hat sich die Lage fast über­all ver­bes­sert – auch wenn die Pro­ble­me blei­ben.

Lei­der ist die­se par­ti­el­le Rich­tig­stel­lung im ers­ten Arti­kel, wo „Spie­gel Online“ noch mun­ter den „Bild“-Blödsinn zitiert, nicht ver­linkt.

Regel­recht reflek­tiert wirkt da schon der Arti­kel bei „RP Online“:

Der jüngs­te Prüf­be­richt des Medi­zi­ni­schen Diens­tes zei­ge, dass es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei allen wich­ti­gen Ver­sor­gungs­kri­te­ri­en Ver­bes­se­run­gen gege­ben habe, wenn auch auf nied­ri­gem Niveau. „Die Pfle­ge hat nach wie vor ein Qua­li­täts­pro­blem“, räum­te Ger­del­mann ein. […] Dies bedeu­te aber nicht, dass es einen „Pfle­ge­skan­dal“ gebe.

Und so haben wir seit ges­tern zwei Skan­da­le in Deutsch­land: Die von der „Bild“-Zeitung aus­ge­ru­fe­ne „Pfle­ge­schan­de“, bei der genau genom­men natür­lich jeder Fall von unzu­rei­chen­der Behand­lung schreck­lich und skan­da­lös ist, und die kaum wahr­ge­nom­me­ne, lei­der auch kaum noch über­ra­schen­de Tat­sa­che, dass die Ver­fech­ter des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus lie­ber schnell irgend­was wei­ter­plap­pern, als nur mal für zehn Minu­ten selbst zu recher­chie­ren.

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Heute anonym

In ihren emsi­gen Bestre­bun­gen, der „Bild“-Zeitung immer ähn­li­cher zu wer­den, ist die „Rhei­ni­sche Post“ einen gan­zen Schritt wei­ter­ge­kom­men.

Die Sams­tags­aus­ga­be sah so aus:

“Rheinische Post” vom 25. August 2007

Über das Foto der Deut­schen-Bank-Zen­tra­le ist ein Brief gelegt, den eine Düs­sel­dor­fer Anwalts­kanz­lei an die Deut­sche Bank geschickt hat. In der Gra­fik­ab­tei­lung der „RP“ gab man sich größ­te Mühe, die­sen Brief zu anony­mi­sie­ren – und dabei trotz­dem dem gro­ßen Vor­bild treu zu blei­ben:

Beinahe anonym in der “RP”
(Rote Far­be: „Rhei­ni­sche Post“, Schwar­ze Bal­ken: Cof­fee And TV)

Bei­na­he wie die Pro­fis

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Biegen und Brechen

NRW wird seit zwei Jah­ren von einer schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung regiert, die es bin­nen kür­zes­ter Zeit geschafft hat, dass sich die Bevöl­ke­rung die zuletzt ver­hass­te rot-grü­ne Vor­gän­ger­re­gie­rung zurück­wünscht. Wer nach dem Macht­wech­sel geglaubt hat­te, es kön­ne ja eigent­lich nur noch bes­ser wer­den, wur­de nega­tiv über­rascht. Redet man mit Men­schen, die ein biss­chen Ein­blick in das Inne­re die­ser Lan­des­re­gie­rung haben, möch­te man das Land danach so schnell als mög­lich ver­las­sen: Vom Minis­te­ri­al­rat bis zum Minis­ter schei­nen alle min­des­tens unfä­hig (aber wie und wo soll­ten die in 100 Jah­ren SPD-Regie­rung auch Erfah­rung sam­meln?) und von Minis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers heißt es, er sei selbst zum Vor­le­sen vor­ge­schrie­be­ner Reden nicht zu gebrau­chen.

Aber was ist schon eine desas­trö­se Bil­dungs- oder Bau­po­li­tik gegen äußerst frag­wür­di­ge (und unter­ir­disch schlecht ver­schlei­er­te) Tak­tie­re­rei­en?

Die „WAZ“ mel­det heu­te, die Lan­des­re­gie­rung wol­le die Kom­mu­nal­wahl 2009, die für den sel­ben Tag wie die Bun­des­tags­wahl vor­ge­se­hen war, ver­schie­ben:

Nach Infor­ma­tio­nen der WAZ haben die Gene­ral­se­kre­tä­re von CDU und FDP den Ver­ant­wort­li­chen im NRW-Innen­mi­nis­te­ri­um aber bereits dik­tiert, dass „aus poli­ti­schen Erwä­gun­gen“ eine Kopp­lung von Kom­mu­nal- und Bun­des­tags­wahl uner­wünscht sei.

Mei­nungs­for­scher rech­nen bei einer Dop­pel­wahl mit einer deut­lich höhe­ren Wahl­be­tei­li­gung, weil sie vor allem vie­le der wahl­mü­de gewor­de­nen SPD-Anhän­ger zurück an die Urnen holt. Das gute Abschnei­den von CDU und FDP bei der Kom­mu­nal­wahl 2004 wur­de auch mit der im Ver­gleich zur Bun­des­tags­wahl 2005 dra­ma­tisch nied­ri­ge­ren Betei­li­gung (54,4% Komm./ 81,3% Bund) erklärt.

Noch­mal: Die Gene­ral­se­kre­tä­re von CDU und FDP wol­len kei­ne gemein­sa­me Kom­mu­nal- und Bun­des­tags­wahl, weil dann mehr SPD-Anhän­ger zur Bun­des­tags­wahl gehen könn­ten und gleich­zei­tig ihrer Par­tei auch bei der Kom­mu­nal­wahl ihre Stim­me geben könn­ten. Und das soll das Innen­mi­nis­te­ri­um jetzt regeln.

Es geht aber nicht nur um die­ses leicht frag­wür­di­ge poli­ti­sche Tak­tie­ren, es geht auch knall­hart um etwa 42 Mil­lio­nen Euro, die zwei ent­kop­pel­te Wah­len mehr kos­ten wür­den. Von dem zusätz­li­chen Auf­wand für Wahl­hel­fer und Wahl­kämp­fer mal ganz zu schwei­gen.

[via Pott­blog]

Nach­trag 21. August: Auch heu­te berich­tet die „WAZ“ wie­der über das The­ma und lässt u.a. Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker zu Wort kom­men, die die Idee natur­ge­mäß nicht so doll fin­den. Auch der WDR hat unter Beru­fung auf die „WAZ“ groß dar­über berich­tet, ein biss­chen klei­ner die „Ruhr Nach­rich­ten“, der „Köl­ner Stadt-Anzei­ger“, die „West­deut­sche Zei­tung“, die „Köl­ni­sche Rund­schau“ und das „West­fa­len-Blatt“.

Noch irgend­wel­che grö­ße­ren NRW-Medi­en ohne Fahr­schein? Ja: „Express“, „Bild“ und die „Rhei­ni­sche Post“.

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Vor-„Bild“

Vor zwei Mona­ten hat­te ich mal in einem Neben­satz fal­len las­sen, dass sich „Bild“ und „Rhei­ni­sche Post“ nicht mehr groß inhalt­lich unter­schei­den, seit die „RP“ einen Chef­re­dak­teur (Sven Gös­mann) und einen Online-Chef (Oli­ver Eckert) hat, die bei­de zuvor bei „Bild“ aktiv waren. Ich hat­te mich längst damit abge­fun­den, dass die „RP“ die etwas klein­for­ma­ti­ge­re, dicke­re (und teu­re­re) Rhein­land-Aus­ga­be von „Bild“ ist. Jetzt muss­te ich aber fest­stel­len: Ver­giss die „Rhei­ni­sche Post“, sie sind über­all!

Heu­te steht in „Bild“ und bei „Bild.de“:

Brötchen-Millionär Heiner Kamps spricht in BILD: Darum ging ich nicht zu Gülcans Hochzeit

Der Arti­kel ist übri­gens eini­ger­ma­ßen amü­sant. Wel­cher Sohn möch­te von sei­nem Vater drei Tage nach der (ers­ten) Hoch­zeit nicht einen Satz wie die­sen hören lesen?

„Aber ich den­ke, dass Sebas­ti­an durch die­se Erfah­run­gen schlau­er gewor­den ist. Das wird er bestimmt nicht wie­der machen.“

Dar­um soll es aber gar nicht gehen. Auch nicht um den grund­sätz­li­chen Nach­rich­ten­wert die­ser Mel­dung (Stich­wort „Som­mer­loch“). Aber viel­leicht dar­um:

Gülcan-Hochzeit: Jetzt spricht Heiner Kamps

Der Arti­kel bei „RP Online“ ist eigent­lich nur eine leicht gekürz­te Ver­si­on des „Bild“-Artikels mit ein biss­chen mehr indi­rek­ter Rede. Damit ist man aber nicht allei­ne: Die Zita­te von Hei­ner Kamps gin­gen über die Agen­tu­ren und tauch­ten anschlie­ßend bei „die-news.de“, „Focus Online“, „europolitan.de“ und (natür­lich) „Spie­gel Online“ auf. Und auch die nächs­te „Bild“-Meldung tickert gera­de mun­ter durchs Land:

Ex-Terroristin Mohnhaupt will Namen ändern

Es ist ja schon mal eine Wei­ter­ent­wick­lung, dass „Bild“ inzwi­schen „Ex-Ter­ro­ris­tin“ schreibt. Die Mel­dung dazu ist übri­gens denk­bar unspek­ta­ku­lär und geht so (unge­kürzt):

Karls­ru­he – Die im März nach 24 Jah­ren Haft auf Bewäh­rung ent­las­se­ne Ex-RAF-Ter­ro­ris­tin Bri­git­te Mohn­haupt (58, Foto) will eine neue Iden­ti­tät:

Nach BILD-Infor­ma­tio­nen aus Jus­tiz­krei­sen hat sie eine Namens­än­de­rung bean­tragt.

Mohn­haupt, die von der Bewäh­rungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on „Neu­start“ betreut wird, lebt im Süden Deutsch­lands.

Und soll dort eine Anstel­lung in einer Auto­tei­le­fa­brik erhal­ten haben. (koc)

Und was macht „RP Online“?

Nach Entlassung aus der Haft: Neue Identität für Ex-Terroristin Mohnhaupt?

Immer­hin: Hier wird das ver­meint­li­che „Bild“-Fakt in der Über­schrift hin­ter­fragt. Was sagt der Text?

Ham­burg (RPO). Im März wur­de die ehe­ma­li­ge RAF-Ter­ro­ris­tin Bri­git­te Mohn­haupt nach 24 Jah­ren aus der Haft ent­las­sen. Einem Medi­en­be­richt zufol­ge hat sie nun eine Namens­än­de­rung bean­tragt, um ein neu­es Leben begin­nen zu kön­nen.

Mohn­haupt, die von der Bewäh­rungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on „Neu­start“ betreut wer­de, lebe im süd­deut­schen Raum und habe dort eine Anstel­lung in einer Auto­tei­le­fa­brik erhal­ten, berich­tet die „Bild“-Zeitung.

„Schrei­be wört­li­che in indi­rek­te Rede um“, hieß die Auf­ga­ben­stel­lung in Deutsch-Klas­sen­ar­bei­ten der ach­ten Klas­se. Heu­te nennt man das wohl „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“

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Hot Turkey

An meh­re­re mei­ner zahl­rei­chen E‑Mail-Adres­sen ging im Lau­fe des Tages eine E‑Mail mit dem Betreff „AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jun­gen (Mar­co) frei. Euer Tours­tik-Auf­schwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH“. Die E‑Mail ist von sie­ben, mir unbe­kann­ten Per­so­nen unter­schrie­ben, und ich soll sie an „alle TUERKEN“, die ich ken­ne, „oder Leu­te, die aus die­sem Land kom­men oder dort Urlaub machen wol­len“ wei­ter­lei­ten. Es geht (natür­lich) um den in der Tür­kei inhaf­tier­ten deut­schen Schü­ler Mar­co W., dem vor­ge­wor­fen wird, eine 13jährige Bri­tin miss­braucht zu haben, und dar­in steht unter ande­rem fol­gen­des:

Seid Ihr noch ganz nor­mal, einen 17 Jah­re alten Jun­gen ein­zu­sper­ren, nur
weil er eine jun­ge Frau ken­nen­ge­lernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaf­fen wor­den, damit es zu kei­nen Zwangs­ehen
kommt. Aber des­halb muss man doch
kei­nen 17 Jah­re alten Jun­gen, der in Eurem Land Urlaub macht, mona­te­lang
ein­sper­ren. Und das noch bei Euren
mise­ra­blen Haft­be­din­gun­gen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivi­li­sier­ten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Kata­stro­pha­le Zei­len­um­brü­che über­nom­men)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfan­gen soll!

Ver­su­chen wir es mal so: Nach­dem anfangs von einem „Urlaubs­flirt“, dann von einer „Knut­sche­rei“ die Rede war, hat inzwi­schen offen­bar auch Mar­co W. „sexu­el­le Kon­tak­te“ ein­ge­räumt. Damit hät­te sich Mar­co W., wie im Law­blog aus­ge­führt wird, auch in Deutsch­land straf­bar gemacht – auch wenn das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um offen­bar Gegen­tei­li­ges ver­laut­ba­ren lässt.
Dafür, dass „das Gesetz“ nur geschaf­fen wur­de, „damit es zu kei­nen Zwangs­ehen kommt“, fin­det sich in der gesam­ten Bericht­erstat­tung zu der Geschich­te kein ein­zi­ger Anhalts­punkt. Ich bin kein Exper­te für tür­ki­sche Geset­ze, möch­te aber anneh­men, dass sich ein sol­ches Detail wenigs­tens in einem Teil der Arti­kel wie­der­ge­fun­den hät­te.
Auch will mir der Hin­weis „der in Eurem Land Urlaub macht“ nicht so ganz ein­leuch­ten: Soll die tür­ki­sche Poli­zei etwa davon abse­hen, Tou­ris­ten zu inhaf­tie­ren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu brin­gen, oder was?
Kom­men wir zu den Haft­be­din­gun­gen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat „mise­ra­bel“ – aber wohl für alle Gefan­ge­nen. Wenn die (sicher­lich berech­tig­te) Auf­re­gung dar­über dazu füh­ren wür­de, dass sich jetzt ein paar Hun­dert Leu­te bei Amnes­ty Inter­na­tio­nal enga­gie­ren, wäre das ein posi­ti­ves Signal, das man dem gan­zen Fall abge­win­nen könn­te – ich glau­be aber lei­der nicht dar­an.

Natür­lich darf man Mit­leid mit einem 17jährigen haben, der in einem frem­den Land ins Gefäng­nis gesteckt wor­den ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, mora­li­sche Vor­stel­lun­gen oder gar den ver­meint­li­chen Tat­her­gang dis­ku­tie­ren.
Aber an die­sem Fall wun­dert mich doch so eini­ges:

  • War­um dau­er­te es nach der Fest­nah­me des Jun­gen am 11. April über zwei Mona­te, bis der Fall letz­te Woche in der deut­schen Pres­se ankam?
  • Wie wür­de die deut­sche Bevöl­ke­rung, die deut­sche Pres­se reagie­ren, wenn sich der tür­ki­sche Außen­mi­nis­ter Abdul­lah Gül laut­stark für die Frei­las­sung eines tür­ki­schen Staats­bür­gers in Deutsch­land, dem ähn­li­ches vor­ge­wor­fen wird, aus­spre­chen wür­de?
  • Wo war Frank-Wal­ter Stein­mei­er, als das letz­te Mal ein deut­scher Staats­bür­ger unter extre­men Bedin­gun­gen im Aus­land inhaf­tiert war? Oh, Moment, das wis­sen wir ja …
  • Wel­chen Zweck sol­len sol­che E‑Mails erzie­len?

Womög­lich ste­hen die Absen­der die­ser begin­nen­den Ket­ten­mail Mar­co W. nahe. Sie haben natür­lich das Recht, besorgt und ver­zwei­felt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten, und dif­fu­se Dro­hun­gen („die Euch noch leid tun wird“) aus­zu­sto­ßen.

Und wie immer, wenn Men­schen mit Inter­net­an­schluss besorgt sind und irgend­was tun wol­len, wird es auch dies­mal nur eine Fra­ge der Zeit blei­ben, bis es dazu eine Stu­diVZ-Grup­pe geben wird …

Nach­trag 28. Juni, 00:58 Uhr: Cars­ten Heid­böh­mer ruft in sei­nem Kom­men­tar bei stern.de zu weni­ger Hys­te­rie in Sachen Tür­kei (und Polen) auf. Soll­te man gele­sen haben.

Nach­trag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weni­ger optimistisch/​naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablen­kungs­ma­nö­ver, um den Anschein zu erwe­cken, es sei ein Appell von Freun­den des Inhaf­tier­ten.

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Totes Pferd gefunden

Mil­lio­nen von Men­schen lesen jeden Tag die „Bild“-Zeitung, dar­un­ter vie­le Medi­en­schaf­fen­de und Jour­na­lis­ten. Man­che lachen sich danach ins Fäust­chen und wer­fen die Zei­tung weg – und ande­re set­zen sich danach hin und schrei­ben los.

Ich hab mich dar­an gewöhnt, dass die „Rhei­ni­sche Post“ bzw. „RP Online“ seit eini­ger Zeit wie schwarz-gel­be (die Zei­tungs­far­ben, nicht die Poli­tik) Aus­ga­ben von „Bild“ und „bild.de“ wir­ken – es könn­te damit zusam­men­hän­gen, dass Chef­re­dak­teur Sven Gös­mann und Online-Chef Oli­ver Eckert von der Elbe an den Rhein gewech­selt waren. Zuletzt sah man am Sams­tag, wie das geht: „ARD-Wet­ter­fee ras­tet im TV aus!“ vs. „Vor lau­fen­der Kame­ra: Wet­ter­fee Clau­dia Klei­nert ras­tet aus“.

Dass aber aus­ge­rech­net die von mir hoch­ge­schätz­te (und abon­nier­te) „Süd­deut­sche Zei­tung“ auf ihrer Inter­net­sei­te auch „Bild“-Inhalte recy­celt, ist für mich – mil­de aus­ge­drückt – ein Schock.

Zur Erin­ne­rung: Letz­te Woche hat­te „Bild“ eine angeb­li­che Ex-Freun­din des TV-Komi­kers Oli­ver Pocher samt Fotos aus­ge­gra­ben und kurz dar­auf Pochers aktu­el­le Freun­din samt Fotos vor­ge­stellt. Das ist ja schon unin­ter­es­sant genug, aber sueddeutsche.de nutzt die­se Geschich­te als Auf­hän­ger für etwas, was wir „Desas­ter“ „Offen­ba­rungs­eid“ „Bil­der­stre­cke“ nen­nen wol­len.

Auf elf Ein­zel­sei­ten han­gelt sich die Autorin Michae­la Förs­ter von Pocher und den Damen über Ste­fan Raab, Harald Schmidt und Her­bert Feu­er­stein wie­der zu Pocher zurück und dann noch ein­mal zu Schmidt. Der Text ist banal und dient nur der Betex­t­ung von Fotos, die haupt­säch­lich Oli­ver Pocher zei­gen. Dabei schreckt sie auch vor der neu­es­ten Unsit­te des Online­jour­na­lis­mus nicht zurück und lässt den Text ger­ne auch mal mit­ten im …

… Satz umbre­chen. Das ist in sprach­li­cher und ästhe­ti­scher Hin­sicht min­des­tens unschön und führt neben­bei auch noch schnell zu miss­lun­ge­nen Bild­un­ter­zei­len:

… und diese Riege handhabt die Trennung von Beruf und Privatleben anders.

(Screen­shot: sueddeutsche.de)

Wenn das die „hoch­wer­ti­gen Por­ta­le und Nach­rich­ten im Inter­net“ sei­en sol­len, gegen die Blogs angeb­lich kei­ne Chan­ce haben, dann möch­te ich unter kei­nen Umstän­den min­der­wer­ti­ge Por­ta­le zu Gesicht bekom­men.

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Franz Josef Wagner schaut in den Abgrund

Franz Josef Wag­ner ist ja dafür bekannt, dass er mit­un­ter recht inter­es­san­te Gedan­ken­gän­ge hat und sich nicht scheut, die­se den Mil­lio­nen Lesern der „Bild“-Zeitung auch mit­zu­tei­len. Man kann ihn wegen sei­ner Brie­fe für völ­lig durch­ge­knallt hal­ten oder für bril­lant. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was ich von ihm hal­ten soll und lese sei­ne Kolum­nen auch zu sel­ten, um mir ein fina­les Urteil zu erlau­ben. Des­we­gen habe ich auch erst gera­de via Spie­gel­fech­ter mit­be­kom­men, was Wag­ner ges­tern für einen Brief an die Bun­des­kanz­le­rin geschrie­ben hat, der in den fol­gen­den Sät­zen … äh: gip­felt.

Lie­be Ange­la Mer­kel, schreibt die Welt­pres­se Sie so hoch oder sind Sie wirk­lich so hoch auf dem Gip­fel Ihres Lebens?

Mir wür­de schwin­de­lig wer­den auf die­sem Gip­fel. Wenn ich in den Abgrund schaue.

Die gan­ze Pro­sa in 116 Wör­tern gibt’s hier – und nächs­tes Jahr ver­mut­lich im Deutsch-Zen­tral­ab­itur.