Licht aus, Spott an

Von Lukas Heinser, 16. November 2007 13:04

Wie kann man heutzutage in Deutschland eigentlich noch wirklich provozieren? In Zeiten, in denen schon jeder und alles mit irgendwelchen Nazi-Sachen verglichen wurde, muss man sich was neues einfallen lassen: den Kohl-Vergleich.

Erfunden hat ihn Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse in der „Leipziger Volkszeitung“. Zumindest zitiert diese ihn wie folgt:

Müntefering geht, weil ihm Privates in einer entscheidenden Lebensphase wichtiger als alles andere ist. Ein Einschnitt?

Es ist eine unpolitische Entscheidung, dass Franz Müntefering seine Frau in der letzten Phase ihres Lebens direkt begleiten will. Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal. Ohne dass das vergleichbar wäre. Die Politik ist nicht das Allerwichtigste. Man sollte sich in solchen Phasen das Recht nehmen, auch einmal still zu halten. Es ist nicht so, dass man ein Schwächling ist, wenn man nicht immer sofort in diesen unmenschlichen Entscheidungsdruck verfällt.

Zitat: lvz-online.de

Zur Erinnerung: Hannelore Kohl, die Frau von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, litt schon während dessen Amtszeit an einer schweren Lichtallergie, die sie zuletzt dazu zwang, in einem völlig abgedunkelten Haus zu leben, und nahm sich im Juli 2001 das Leben (vgl. dazu auch dieses geschmackvolle „Spiegel“-Titelbild).

So, wie Thierse von der „Leipziger Volkszeitung“ zitiert wird, wäre das natürlich eine etwas unglückliche, vielleicht auch schlichtweg geschmacklose Äußerung. Thierse sah seine Ausführungen zunächst einmal als „falsch und verkürzt“ wiedergegeben und schrieb dem Altkanzler einen persönlichen Brief, in dem er bedauerte, dass „ein falscher Eindruck entstanden sei“. (Man beachte dabei den alten PR-Trick und bedauere nicht seine Äußerungen, sondern den Eindruck, der durch sie entstanden sein könnte.)

Unterdessen schrien Politiker aller Parteien schon Zeter und Mordio und versuchten, die Nummer zu einem Riesenskandal hochzujubeln, in dessen Windschatten die heutige Diätenerhöhung medial untergehen könnte.

Wer verstehen will, wie Politik und Medien heutzutage funktionieren, muss nur diesen Artikel bei n-tv.de lesen:

„Die Äußerungen von Herrn Thierse sind für mich menschlich zutiefst unverständlich. Sie grenzen für mich an Niedertracht“, sagte Merkel der „Bild“.

[…]

Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach von einem „Tiefpunkt im Umgang“ unter Kollegen. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, ein Bedauern reiche „hinten und vorne nicht“. „Das ist des Deutschen Bundestags nicht würdig. FDP-Chef Guido Westerwelle hat recht, wenn er sagt, er kann sich durch einen solchen Vizepräsidenten nicht repräsentiert fühlen.“ Westerwelle sprach im „Kölner Stadt-Anzeiger“ von „unterirdischen“ Äußerungen.

Sie sehen schon: Die reden alle übereinander und mit der Presse, aber in keinem Fall miteinander – und das Volk sitzt daneben wie das Kind geschiedener Eltern, die nur noch über ihre Anwälte miteinander kommunizieren.

Im „Bild“-Artikel kommen noch ein paar weitere Hochkaräter zu Wort:

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) empört: „Schäbig und geschmacklos!“ Junge-Union-Chef Philipp Mißfelder: „Parteichef Kurt Beck muss Thierse sofort zur Ordnung rufen.“

Und weil die Luft langsam dünn wurde, schaltete Thierse einen Gang höher und entschuldigte sich heute morgen per Brief „in aller Form“ bei Helmut Kohl. Richtiger noch: Er bat um Entschuldigung, was ja heutzutage auch eine sprachliche Seltenheit ist.

Wie reagiert eigentlich Kohl auf den Brief seines alten Freundes und das ganze Theater drum herum? Mit der ihm üblichen staatsmännischen Größe und Gelassenheit:

„Ich nehme diese Entschuldigung an. Zum Vorgang selbst will ich sonst nichts sagen.“

Ich weiß schon, warum der Mann auf ewig „mein“ Kanzler bleiben wird.

Nachtrag 17. November: Gerade erst festgestellt, dass diese erste öffentliche Erwähnung des Namens Helmut Kohl seit Monaten zufälligerweise mit der Präsentation des dritten Bands von Kohls Autobiografie zusammenfiel …

6 Kommentare

  1. OliverDing
    16. November 2007, 19:09

    Ich sehe eigentlich das Problem nicht. Daß jemand seine kranke Frau alleine läßt, *ist* kein Ideal. (Man könnte auch sagen, das sei „suboptimal“, was gleichbedeutend wäre.)

  2. SvenR
    16. November 2007, 19:46

    @ OliverDing: Woher wollen Sie wissen, wer wann wen allein gelassen haben soll?

    @ Lukas: Ich dachte bislang, ich sei der einzige Mensch auf der ganzem Welt, der in Kohl einen bemerkenswerten Kanzler gesehn hat. In Größe und Gelassenheit gleichzustezen is IMO nur noch Helmut Schmidt, aber ganz anders. Da kackt Schröder so richtig ab. Ich sag nur: Haare…

  3. OliverDing
    16. November 2007, 20:39

    @SvenR: Simple Logik: Frau in Ludwigshafen, Mann in Bonn. Das war übrigens nicht darauf gemünzt, daß niemand sonst bei ihr war. Er war’s jedenfalls zu der Zeit, als er in Bonn aktiv war, nicht. Und das ist eben kein Idealzustand. Weder Thierse noch ich haben das übrigens als verwerflich o.ä. bezeichnet. Wer ihm also Niedertracht oder Vergleichbares nachsagt, interpretiert in die Aussage mehr hinein, als sie enthält.

  4. vib
    16. November 2007, 23:03

    Kohls großmütige Reaktion rettet ihn in meinen Augen leider nicht. Aber der Mann ist als Pseudo-Historiker ja sehr um sein Bild in der Nachwelt bemüht ;) Ach ja: Und gerade solche Knallchargen wie Herr Koch sollten so Worte wie „schäbig“ und „geschmacklos“ besser nicht in den Mund nehmen…

  5. Lukas
    17. November 2007, 0:54

    @OliverDing: Vielleicht ist es auch kein Idealzustand, überhaupt eine kranke Frau zu haben – gesund wäre wohl in jedem Falle besser. Darüber hinaus möchte ich mir aber nicht anmaßen, Idealzustände für fremder Leute Privatleben zu definieren.

    Aber so ist das: Man sitzt im Büro, die Presse ruft an und möchte einen in seiner Eigenschaft als Kommentarwichsmaschine sprechen, man salbadert ein wenig ins Telefon und ehe man’s sich versieht hat man was Dummes gesagt, die ansonsten eher unbekannte „Leipziger Volkszeitung“ verschickt das Zitat als Presseerklärung und am nächsten Tage muss man öffentlich zu Kreuze kriechen. Gut, dass ich nie abhebe, wenn’s klingelt.

  6. OliverDing
    17. November 2007, 11:49

    @Lukas: Wann können wir denn mit Deiner Betätigung als Politiker rechnen, die solche Befürchtungen realistisch machen würde? ;-)