Totes Pferd gefunden

Von Lukas Heinser, 13. Juni 2007 2:58

Millionen von Menschen lesen jeden Tag die „Bild“-Zeitung, darunter viele Medienschaffende und Journalisten. Manche lachen sich danach ins Fäustchen und werfen die Zeitung weg – und andere setzen sich danach hin und schreiben los.

Ich hab mich daran gewöhnt, dass die „Rheinische Post“ bzw. „RP Online“ seit einiger Zeit wie schwarz-gelbe (die Zeitungsfarben, nicht die Politik) Ausgaben von „Bild“ und „bild.de“ wirken – es könnte damit zusammenhängen, dass Chefredakteur Sven Gösmann und Online-Chef Oliver Eckert von der Elbe an den Rhein gewechselt waren. Zuletzt sah man am Samstag, wie das geht: „ARD-Wetterfee rastet im TV aus!“ vs. „Vor laufender Kamera: Wetterfee Claudia Kleinert rastet aus“.

Dass aber ausgerechnet die von mir hochgeschätzte (und abonnierte) „Süddeutsche Zeitung“ auf ihrer Internetseite auch „Bild“-Inhalte recycelt, ist für mich – milde ausgedrückt – ein Schock.

Zur Erinnerung: Letzte Woche hatte „Bild“ eine angebliche Ex-Freundin des TV-Komikers Oliver Pocher samt Fotos ausgegraben und kurz darauf Pochers aktuelle Freundin samt Fotos vorgestellt. Das ist ja schon uninteressant genug, aber sueddeutsche.de nutzt diese Geschichte als Aufhänger für etwas, was wir „Desaster“ „Offenbarungseid“ „Bilderstrecke“ nennen wollen.

Auf elf Einzelseiten hangelt sich die Autorin Michaela Förster von Pocher und den Damen über Stefan Raab, Harald Schmidt und Herbert Feuerstein wieder zu Pocher zurück und dann noch einmal zu Schmidt. Der Text ist banal und dient nur der Betextung von Fotos, die hauptsächlich Oliver Pocher zeigen. Dabei schreckt sie auch vor der neuesten Unsitte des Onlinejournalismus nicht zurück und lässt den Text gerne auch mal mitten im …

… Satz umbrechen. Das ist in sprachlicher und ästhetischer Hinsicht mindestens unschön und führt nebenbei auch noch schnell zu misslungenen Bildunterzeilen:

… und diese Riege handhabt die Trennung von Beruf und Privatleben anders.

(Screenshot: sueddeutsche.de)

Wenn das die „hochwertigen Portale und Nachrichten im Internet“ seien sollen, gegen die Blogs angeblich keine Chance haben, dann möchte ich unter keinen Umständen minderwertige Portale zu Gesicht bekommen.


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