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Gesellschaft Digital

Auf nach Nordkorea!

Ken­nen Sie die Fir­ma Cal­lac­ti­ve? Cal­lac­ti­ve ist eine Ende­mol-Toch­ter, die Anruf­spiel­shows pro­du­ziert, die nachts im Fern­se­hen lau­fen.

Ich hät­te (wie vie­le ande­re ver­mut­lich auch) nie im Leben von Cal­lac­ti­ve gehört bzw. mir die­sen Fir­men­na­men nie gemerkt, wenn Cal­lac­ti­ve nicht den Betrei­ber des kri­ti­schen Web­fo­rums call-in-tv.de vor Gericht zitiert und es damit auch in ein Main­stream-Medi­um wie „Spie­gel Online“ geschafft hät­te. Oder wenn Cal­lac­ti­ve nicht Ste­fan Nig­ge­mei­er, einen der meist­ge­le­se­nen deut­schen Blog­ger, abge­mahnt hät­te (für Kom­men­ta­re, die Leser abge­ge­ben hat­ten), was dann sogar dem öster­rei­chi­schen „Stan­dard“ eine kur­ze Mel­dung wert war.

Als ahnungs­lo­ser, nai­ver Zuschau­er (des Gesche­hens, nicht der Sen­dun­gen) sit­ze ich vor sol­chen Mel­dun­gen und fra­ge mich, ob man es im Umfeld von Cal­lac­ti­ve wirk­lich für klü­ger hält, im Kon­text der Pro­zes­se von renom­mier­ten Medi­en als „der umstrit­te­ne Gewinn­spie­le­ver­an­stal­ter Cal­lac­ti­ve“ bezeich­net zu wer­den, als die Kri­tik der Web­kom­men­ta­to­ren (auch wenn die­se mit­un­ter etwas über­spitzt for­mu­liert sein mag) ein­fach zu igno­rie­ren. Immer­hin dürf­ten call-in-tv.de und das Blog von Ste­fan Nig­ge­mei­er (durch­schnitt­lich 5.000 Besu­cher täg­lich) deut­lich weni­ger Leser haben als die Anrufsen­dun­gen Zuschau­er und die Schnitt­men­ge bei­der Ziel­grup­pen dürf­te ver­schwin­dend gering sein.

Jeden­falls: Cal­lac­ti­ve hat Ste­fan Nig­ge­mei­er ein wei­te­res Mal abge­mahnt – wie­der geht es um einen Leser­kom­men­tar:

Es geht um einen Kom­men­tar, den ein Nut­zer am ver­gan­ge­nen Sonn­tag um 3.37 Uhr früh unter die­sem Ein­trag abge­ge­ben hat. Ich habe die­sen Kom­men­tar unmit­tel­bar, nach­dem ich ihn gese­hen habe, gelöscht: Das war am Sonn­tag um 11.06 Uhr.

Zunächst ein­mal fällt auf, dass man Ste­fans Blog bei Cal­lac­ti­ve offen­bar mit Argus­au­gen beob­ach­tet – wem sonst wäre ein mit­ten in der Nacht geschrie­be­ner und am Sonn­tag­vor­mit­tag gelösch­ter Kom­men­tar zu einem Blog­ein­trag, der zuvor wäh­rend Ste­fans Urlaub und mei­nes Blog­sit­tings zehn Tage lang für Kom­men­ta­re gesperrt gewe­sen war, auf­ge­fal­len?

Dann fällt auf, dass da offen­bar end­lich Klar­heit geschaf­fen wer­den soll auf dem Gebiet der immer noch recht schwam­mi­gen Foren­haf­tung. Eine Klar­heit, die Ste­fan so sieht:

Hät­te Cal­lac­ti­ve mit die­sem Vor­ge­hen Erfolg, wäre das mei­ner Mei­nung nach das Ende der offe­nen Dis­kus­si­on in Foren und Blogs, in den Leser­kom­men­ta­ren von Online-Medi­en und im Inter­net über­haupt. Selbst Bei­trä­ge, die unmit­tel­bar nach ihrem Erschei­nen vom Sei­ten­be­trei­ber gelöscht wer­den, könn­ten dann kos­ten­pflich­ti­ge Abmah­nun­gen nach sich zie­hen; sämt­li­che Kom­men­ta­re müss­ten vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung über­prüft wer­den.

Man möch­te hin­zu­fü­gen: Und selbst, wenn der Betrei­ber eines Forums oder Blogs alle Kom­men­ta­re vor der Ver­öf­fent­li­chung über­prü­fen und nur die ihm unbe­denk­lich erschei­nen­den frei­schal­ten wür­de, könn­te er hin­ter­her immer noch belangt wer­den, falls sich irgend­ei­ne abwe­gi­ge Inter­pre­ta­ti­on des Geschrie­be­nen fin­den und vor Gericht durch­drü­cken lie­ße.

Mit die­ser Angst müss­ten aber nicht nur Blog­ger leben, auch die Kom­men­tar- und Dis­kus­si­ons­funk­tio­nen nam­haf­ter Online-Medi­en wie „Spie­gel Online“, „sueddeutsche.de“ oder „FAZ.net“ könn­ten allen­falls noch mit einem enor­men Per­so­nal­auf­wand auf­recht­erhal­ten wer­den. Bewer­tungs­por­ta­le wie Ciao, Qype, ja: selbst Ama­zon müss­ten stän­dig in Sor­ge sein über das, was ihre User und Kun­den da an (gewünscht sub­jek­ti­ven) Ein­trä­gen ver­fas­sen.

Mit ande­ren Wor­ten: Es gin­ge schnell nicht mehr „nur“ um Mei­nungs- oder Pres­se­frei­heit, es gin­ge auch ganz knall­hart um wirt­schaft­li­che Aspek­te, denn kein Unter­neh­men begibt sich bereit­wil­lig auf juris­ti­sche Minen­fel­der. Es geht, lie­be Poli­ti­ker, auf lan­ge Sicht um Steu­er­gel­der, das Brut­to­in­lands­pro­dukt und – *tat­aaaa* – Arbeits­plät­ze. Deutsch­land könn­te irgend­wann wie Nord­ko­rea sein, nur ohne Kim Yong-Il. Das will sicher nie­mand, auch nicht die Poli­ti­ker, die jeden Tag aufs Neue zu bewei­sen ver­su­chen, dass sie von den sog. neu­en Medi­en nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Um vom Abs­trak­ten wie­der zum Kon­kre­ten zu kom­men: Cal­lac­ti­ve dürf­te es mit der jüngs­ten Akti­on gelun­gen sein, das Blogo­sphä­ren-The­ma die­ser Tage zu wer­den: Bei Spree­blick, einem der ande­ren viel­ge­le­se­nen Blogs in Deutsch­land, ist man The­ma, aber auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Eigent­lich ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis auch die „klas­si­schen“ Medi­en das The­ma für sich ent­de­cken.

In eini­gen Blogs sind inzwi­schen sogar Kom­men­ta­to­ren auf­ge­taucht, die sich „Cal­lac­ti­ve“ nen­nen und den angeb­li­chen Satz, um den sich dies­mal alles dreht, zitie­ren (er wur­de inzwi­schen von den Blog-Betrei­bern unkennt­lich gemacht). Soll­te die­ser Kom­men­tar echt sein (was Cal­lac­ti­ve gegen­über dem Blog­ger Valen­tin Toma­schek zu bestä­tigt haben scheint), wäre das höchst inter­es­sant: Ers­tens wäre es recht offen­sicht­lich, dass Cal­lac­ti­ve das Inter­net sehr genau auf mög­li­che Erwäh­nun­gen des Fir­men­na­mens über­wacht (was natür­lich ihr gutes Recht ist), und zwei­tens hät­te Cal­lac­ti­ve den Satz, den zuvor nie­mand kann­te und des­sen wei­te­re Ver­brei­tung man mit der Abmah­nung an Ste­fan ver­hin­dern woll­te, damit laut­stark in die Welt getra­gen. Außer­dem ver­weist der Kom­men­tar auf den ein­zi­gen halb­wegs Nig­ge­mei­er-kri­ti­schen Blog­ein­trag zum The­ma bei F!XMBR, was wie­der­um Chris von F!XMBR dazu brach­te, sich von der loben­den Erwäh­nung sei­nes Blogs in den ver­meint­li­chen Cal­lac­ti­ve-Kom­men­ta­ren zu distan­zie­ren.

Es könn­te inter­es­sant sein, sich heu­te Abend doch mal Cal­lac­ti­ve-Sen­dun­gen (auf Viva, Nick und Come­dy Cen­tral) anzu­se­hen …

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Literatur

IV For Pop Culture

Chuck Klosterman IV (Cover der gebundenen Ausgabe)Manch­mal nei­ge ich zu sehr wohl­wol­len­den Zukunfts­pro­gno­sen. An die­sem Ein­trag war des­halb nahe­zu alles falsch: Das bestell­te Buch kam nicht (wie wir inzwi­schen wis­sen) am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag an, son­dern konn­te erst nach einer Woche aus sei­ner Gefan­gen­schaft befreit wer­den. Auch brauch­te ich für die Lek­tü­re nicht die ver­an­schlag­te eine Woche, son­dern derer drei.

Jetzt aber: „Chuck Klos­ter­man IV: A Deca­de of Curious Peo­p­le and Dan­ge­rous Ide­as“ ist (wie der Titel schon nahe­legt) das vier­te Buch von Chuck Klos­ter­man. Chuck Klos­ter­man ist ein ame­ri­ka­ni­scher Musik‑, Film- und Pop­kul­tur­jour­na­list, der lan­ge Jah­re für das „Spin Maga­zi­ne“, aber auch für „Esqui­re“, das „New York Times Maga­zi­ne“ und diver­se ande­re Druckerzeug­nis­se gear­bei­tet hat. Ich kam mit sei­ner Arbeit erst­mals bewusst in Kon­takt, als der deut­sche „Rol­ling Stone“ im ver­gan­ge­nen Jahr das Kapi­tel über Kurt Cobain aus dem damals frisch auf deutsch erschie­ne­nen Klos­ter­man-Buch „Eine zu 85% wah­re Geschich­te abdruck­te. Das Buch heißt im Ori­gi­nal „Kil­ling Yours­elf To Live“ („85% Of A True Sto­ry“ ist der Unter­ti­tel, sooo abwe­gig ist deut­sche Vari­an­te dann doch nicht) und Klos­ter­man reist dar­in durch die hal­ben USA und klap­pert dabei Orte ab, an denen Rock­stars zu Tode gekom­men sind.

Als ich ein paar Mona­te spä­ter bei Bor­ders in San Fran­cis­co stand und mich nicht ent­schei­den konn­te, mit wel­chem Buch ich als nächs­tes mei­ne Kre­dit­kar­te belas­ten soll­te, fiel mir „Kil­ling Yours­elf To Live“ in die Hän­de. Ich kauf­te es, las es in einer Woche durch1 und wur­de Fan. In den nächs­ten Wochen kauf­te ich mir nach­ein­an­der „Sex, Drugs and Cocoa Puffs“, eine Arti­kel- und Essay­samm­lung über Pop­kul­tur im wei­te­ren Sin­ne, und „Far­go Rock City“, ein Buch über Hea­vy Metal, Hard­rock und Land­le­ben, das sehr spät mei­ne Begeis­te­rung für die Musik von Guns N‘ Roses weck­te.

„Chuck Klos­ter­man IV“ war im letz­ten Herbst schon als Hard­co­ver erschie­nen, aber ich woll­te es zwecks bes­se­rer Optik im Bücher­re­gal ger­ne eben­falls als Taschen­buch haben.2 Dafür hab ich jetzt auch ein paar zusätz­li­che Essays und Fuß­no­ten mit drin, die bei der Erst­ver­öf­fent­li­chung teil­wei­se noch gar nicht geschrie­ben waren. Essays und Fuß­no­ten gibt es in dem Buch eine gan­ze Men­ge, denn es ver­eint – wie der Unter­ti­tel schon andeu­tet – Tex­te aus zehn Jah­ren und ist in drei Tei­le geglie­dert: „Things that are true“, „Things that might be true“ und „Some­thing that isn’t true at all“.

„Things that are true“ sind Por­träts über Musi­ker wie Brit­ney Spears, U2, Radio­head, Wil­co oder Bil­ly Joel, aber auch Repor­ta­gen über The-Smit­hs-Fan­tref­fen vol­ler Lati­nos, Goths in Dis­ney­land und eine ein­wö­chi­ge Chi­cken-McNug­gets-Diät (acht Jah­re vor „Super Size Me“). Klos­ter­man hat ihnen klei­ne Ein­füh­run­gen vor­an­ge­stellt, die mit­un­ter min­des­tens so unter­halt­sam und erhel­lend sind wie die Arti­kel selbst. Er bemüht sich, sei­ne The­men und Por­trä­tier­ten ernst zu neh­men (sogar Brit­ney Spears) und beschreibt Sze­nen, Gesprä­che und Ereig­nis­se mit einem unglaub­li­chen Gespür für Spra­che und Komik. Dabei kommt es ihm sehr zu Gute, dass angel­säch­si­scher Jour­na­lis­mus (im Gegen­satz zum deut­schen) dem Ver­fas­ser eine eige­ne Posi­ti­on und sogar ein Ich zuge­steht. Statt umständ­li­cher Kon­struk­tio­nen kann er somit ganz per­sön­li­che Ein­drü­cke brin­gen, die viel aus­sa­ge­kräf­ti­ger sind als es die Vor­täu­schung von Objek­ti­vi­tät je wäre. Fast nie erhebt er sich über den Gegen­stand, nur Euro­pä­er und Soc­cer sind The­men, bei denen er schnell emo­tio­nal wird.

„Things that might be true“ ver­eint zahl­rei­che „Esquire“-Kolumnen zu eher abs­trak­ten Gedan­ken. Er jon­gliert mit kul­tur­theo­re­ti­schen, zwi­schen­mensch­li­chen und gesell­schaft­li­chen The­men, was ihm meis­tens sehr gut gelingt, wor­in er sich mit­un­ter aber auch ein wenig ver­hed­dert. Die­se Tex­te regen aber, mehr als die aus Teil Eins, zum Nach­den­ken an und ich bin mir sicher, dass sie an ame­ri­ka­ni­schen Unis bereits Gegen­stand eini­ger Semi­na­re und Haus­ar­bei­ten sind. Ihnen vor­an­ge­stellt ist je eine (mit­un­ter höchst hypo­the­ti­sche Fra­ge), die den Leser schon mal an den Rand des Wahn­sinns brin­gen kann. Bei­spiel gefäl­lig?

Q: Think of someone who is your fri­end (do not sel­ect your best fri­end, but make sure the per­son is someone you would clas­si­fy as „con­sider­a­b­ly more than an acquain­tance“).
 This fri­end is going to be atta­cked by a grizz­ly bear.
 Now, this per­son will sur­vi­ve this bear attack; that is gua­ran­teed. The­re is a 100 per­cent chan­ce that your fri­end will live. Howe­ver, the ext­ent of his inju­ries is unknown; he might recei­ve not­hing but a few super­fi­ci­al scrat­ches, but he also might lose a lim (or mul­ti­ple lim­bs). He might reco­ver com­ple­te­ly in twen­ty-four hours with not­hing but a gre­at sto­ry, or he might spend the rest of his life in a wheel­chair.
 Somehow, you have the abili­ty to stop this attack from hap­pe­ning. You can magi­cal­ly save your fri­end from the bear. But his (or her) sal­va­ti­on will come at a pecu­li­ar pri­ce: if you choo­se to stop the bear, it will always rain. For the est of your life, whe­re­ver you go, it will be rai­ning. Some­ti­mes it will pour and some­ti­mes it will drizz­le – but it will never not be rai­ning. But it won’t rain over the tota­li­ty of the earth, nor will the hydro­lo­gi­cal cycle be dis­rupt­ed; the­se storm clouds will be iso­la­ted, and they will focus enti­re­ly on your spe­ci­fic whe­re­a­bouts. You will never see the sun again.
 Do you stop the bear and accept a life­time of rain?

Also bit­te, wie bril­lant ist denn sowas?

„Things that are­n’t true at all“ ent­hält eine etwa drei­ßig­sei­ti­ge Kurz­ge­schich­te über einen jun­gen Film­kri­ti­ker, dem eini­ge ziem­lich abge­fah­re­ne3 Sachen pas­sie­ren. Die Geschich­te ist gut geschrie­ben, mit der Klos­ter­man-übli­chen Lie­be zu aus­ge­fal­le­nen Details und sie ist nur etwa drei­ßig Sei­ten lang. Viel mehr posi­ti­ves lässt sich dar­über nicht sagen, sie ist halt „ganz nett“, aber ihr Feh­len hät­te für das Buch kei­nen gro­ßen Makel bedeu­tet.

Wenn Sie sich jetzt seit unge­fähr dem zwei­ten Absatz fra­gen, ob Chuck Klos­ter­man „sowas wie der ame­ri­ka­ni­sche Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re“ sei: Schwer zu sagen. Bei­de beherr­schen ihr Hand­werk sicher­lich sehr gut, aber es gibt schon deut­li­che Unter­schie­de, die ganz pro­fan bei der Spra­che anfan­gen (ich lie­be die­ses For­mel­haf­te der eng­li­schen Spra­che, ihre idio­ma­ti­schen Wen­dun­gen und die zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten, sich vom Beschrie­be­nen zu distan­zie­ren) und bei der Ein­stel­lung der Autoren gegen­über ihren Inhal­ten auf­hö­ren.

„Chuck Klos­ter­man IV“ ist für alle, die sich für Pop­kul­tur im wei­te­ren Sin­ne (und für ame­ri­ka­ni­sche Mas­sen­kul­tur) inter­es­sie­ren, die ger­ne gut geschrie­be­ne Por­träts und Repor­ta­gen lesen und sich für etwas absei­ti­ge Gedan­ken­gän­ge erwär­men kön­nen. Und für kurio­se Leu­te.

1 Es ist bedeu­tend dün­ner als das neue Buch (257 zu 416 Sei­ten).
2 Iro­nie der Geschich­te: Die Bücher ste­hen gar nicht bei mir im Regal. Das ist näm­lich voll. Sie lie­gen jetzt auf einer Rei­he ste­hen­der Bücher und wer­den noch dazu von einer Borus­sia-Mön­chen­glad­bach-Flag­ge ver­deckt.
3 Dem­nächst an die­ser Stel­le: Die zehn schöns­ten Acht­zi­ger-Jah­re-Adjek­ti­ve.

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Leben

Coffee On TV

Eine von 171 Starbucks-Filialen in Manhattan (Times Square)

Ges­tern hat­te ich noch über die „New-York-ver­däch­ti­ge“ Anzahl von Star­bucks-Filia­len in Bochum gescherzt (zwei Stück), inzwi­schen weiß ich, wie vie­le Star­buck­ses es in New York Man­hat­tan gibt: 171.

Mark Malkoff hat sie alle besucht. An einem Tag. Er hat in jeder Filia­le etwas gekauft. Und er hat einen höchst amü­san­ten Kurz­film über die­se Akti­on gedreht. Den kann man hier anschau­en.

Und wo wir gera­de bei Kurz­fil­men sind: Es gibt eine neue Epi­so­de von „Kloß und Spin­ne“. Also nicht so ganz, aber das erklärt Vol­ker Strü­bing am Bes­ten selbst.

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Leben Unterwegs

Urlaub machen, wo andere leben

Jesus auch in Bochum

Besucht man irgend­wen irgend­wo und drängt die­se Per­son mit mil­der Gewalt dazu, am eige­nen tou­ris­ti­schen Pro­gramm mit­zu­ma­chen, wird man mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit am Ende einen Satz wie die­sen hören: „Also, das fand ich jetzt wirk­lich inter­es­sant. Wenn man hier wohnt, guckt man sich das ja nor­ma­ler­wei­se gar nicht an.“

Mich kommt in Bochum lei­der nie­mand besu­chen, wes­we­gen Kath­rin und ich uns am Wochen­en­de ein­fach mal auf eige­ne Faust als Tou­ris­ten in der eige­nen Hei­mat ver­sucht haben. Einen beson­de­ren Grund dazu gab es eigent­lich nicht, außer dass wir mal recht drin­gend Urlaub brauch­ten.

Gute Grün­de, dass die Innen­stadt voll ist, gibt es hin­ge­gen schon: Die Son­ne scheint in all ihrer som­mer­li­chen Pracht vom Him­mel hin­ab, der VfL spielt zur Sai­son­er­öff­nung gegen Wer­der Bre­men und auf dem Dr.-Ruer-Platz fin­det „Bochum kuli­na­risch“ statt, eine Art Weih­nachts­markt ohne Geschen­ke­stän­de und mit bes­se­rem Essen im Som­mer. Es herrscht das, was in Fern­seh­do­ku­men­ta­tio­nen mit dem Satz „Es herrscht Volks­fest­stim­mung“ beschrie­ben wird, bevor dann irgend­ein Unglück pas­siert (Explo­sio­nen, ein­stür­zen­de Tri­bü­nen, nie­der­ge­schla­ge­ne Volks­auf­stän­de).

Ein Unglück soll­te uns am Sams­tag aber nicht pas­sie­ren, denn Jesus liebt uns. Das behaup­ten zumin­dest die jun­gen Men­schen, die uns hun­dert Meter wei­ter Flug­blät­ter in die Hand drü­cken wol­len. Wir bedan­ken uns für so viel Unter­stüt­zung, gehen aber lie­ber wei­ter, bevor wir noch beim gro­ßen gemein­sa­men Sin­gen mit­ma­chen müs­sen. Kath­rin möch­te ihren Tele­fon­an­schluss kün­di­gen, was aber im Tele­kom-Laden natür­lich nicht geht. Des­halb gehen wir direkt wei­ter „Kla­mot­ten gucken“, also serious shop­ping betrei­ben. Zwan­zig Minu­ten spä­ter habe ich bei C&A ein Paar Jeans in mei­ner Grö­ße für 9 Euro erstan­den (alle ande­ren Grö­ßen kos­ten 15 Euro, der Ursprungs­preis ist dem Eti­kett lei­der nicht mehr zu ent­neh­men) und ver­schwand erst mal in den Tie­fen einer Buch­hand­lung.

Um das Gefühl von Groß­stadt und Urlaub noch ein biss­chen aus­zu­kos­ten, gehen wir zu Star­bucks – davon hat Bochum inzwi­schen zwei Stück im New-York-ver­däch­ti­gen Abstand von 250 Metern. Star­bucks ist zwar eigent­lich ein Super-Feind­bild für alles und A haben mit „Don’t want your job in Star­bucks“ eine wun­der­bar tref­fen­de Lied­zei­le zum The­ma, aber wie sonst soll man Welt­läu­fig­keit simu­lie­ren, wenn nicht mit einer ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­ket­te? Ganz uname­ri­ka­nisch set­zen wir uns aller­dings hin1 – wenn auch drau­ßen vor den Laden, wo wir die Men­schen in der Fuß­gän­ger­zo­ne wie Qual­len an uns vor­bei­trei­ben las­sen. Die Bochu­mer Innen­stadt ist teil­wei­se der­art reno­viert wor­den in den letz­ten Jah­ren, dass ich nur auf den Tag war­te, an dem die Stadt das ers­te Mal in einem Fern­seh­film Ber­lin dou­beln muss, weil sich die Kame­ra­teams in Ber­lin ja sowie­so immer gegen­sei­tig auf den Füßen rum­ste­hen.

Der shop­ping spree soll bei H&M wei­ter­ge­hen, dort haben sie schwar­ze Cord­sackos, deren Erwerb ich seit eini­gen Jah­ren ernst­haft in Erwä­gung zie­he. Ein­mal hat­te ich bereits eines gekauft, aber mei­ne per­sön­li­che Stil­be­ra­te­rin, die lan­ge als Mar­ke­ting-Direk­tor in der New Yor­ker Mode­bran­che gear­bei­tet hat­te, schick­te mich mit harr­schem Ton zum Umtausch. Die Ärmel sei­en defi­ni­tiv zu kurz, so ihr ver­nich­ten­des Urteil. Die Ärmel sind auch dies­mal zu kurz, was den Ver­dacht nahe­legt, dass mei­ne Arme in Wahr­heit zu lang sind. Dafür sind mei­ne Bei­ne zu kurz, was das Ein­stel­len des Fah­rer­sit­zes im Auto immer zu einer län­ge­ren Ange­le­gen­heit wer­den lässt.

Nach etwa einer Stun­de schwe­di­scher Mas­sen­mo­de (ich hat­te die eben­falls shop­pen­de Dame ja erwähnt) bin ich gegen Fünf lang­sam doch mal reif für Mit­tag­essen. Also gehen wir zur Fisch­bra­te­rei von Gül­cans Schwie­ger­va­ter und ich ent­schei­de mich zwecks Urlaubs­fee­ling für ein Krab­ben­bröt­chen mit Nord­see­krab­ben. Das erin­nert mich immer an die unge­zähl­ten Fami­li­en­ur­lau­be an der hol­län­di­schen Nord­see­küs­te (war­um ein Bröt­chen mit Nord­see­krab­ben in Bochum knapp die Hälf­te von dem kos­tet, was man in Hol­land hin­term Deich bezahlt, kann mir sicher irgend­ein VWL-Stu­dent erklä­ren, falls ich mal einen ken­nen­ler­ne).

Für den Sams­tag reicht uns das, außer­dem will ich ja die „Sport­schau“ sehen. Hät­te ich geahnt, dass in der ers­ten Stun­de sowie­so nichts inter­es­san­tes läuft, hät­te ich mir die Tier­schüt­zer, die in der Fuß­gän­ger­zo­ne Vide­os von lei­den­dem Schlacht­vieh zei­gen, viel­leicht noch mal genau­er ange­guckt.

Nach die­sem groß­städ­ti­schen Sams­tag hät­ten wir es am Sonn­tag­abend gern ein paar Num­mern klei­ner. Das ist kein Pro­blem, denn in fuß­läu­fi­ger Ent­fer­nung befin­det sich das „Kirch­vier­tel“ mit alten Berg­ar­bei­ter­häu­sern; diver­sen Bäcke­rei­en, Apo­the­ken und Super­märk­ten; zwei Piz­za­bu­den und tat­säch­lich einer Kir­che. Uns inter­es­siert aber beson­ders die Eis­die­le: Die Aus­wahl ist noch grö­ßer als am Tag zuvor bei Star­bucks und ich wün­sche mir für einen Moment, irgend­je­mand wür­de ein­fach mal für mich ent­schei­den. Dann wäre ich aber ver­mut­lich bei Bana­ne-Moc­ca aus­ge­kom­men und nicht bei Ana­nas-Tira­mi­su wie jetzt. Vor uns ist ein Mann dran, der mit etwas eigen­tüm­li­chen Wün­schen zu über­ra­schen weiß: Fünf Kugeln Moc­ca mit Sah­ne und zwei Kugeln Eis für den Hund (ohne Sah­ne).2

Eis schle­ckend und trop­fend spa­zie­ren wir durch den Orts­teil, der so wun­der­bar dörf­lich wirkt, dass man kaum glau­ben kann, mit­ten im Ruhr­ge­biet zu sein. Die Bewoh­ner des nahe­ge­le­ge­nen Senio­ren­heims (das erklärt die vie­len Apo­the­ken) schlur­fen durch die Stra­ßen und mei­ne Hän­de kle­ben von der zer­lau­fe­nen Eis­creme. Als wir wie­der Rich­tung Uni­ver­si­täts­stra­ße gehen, fra­gen wir uns, ob Bochum nicht viel­leicht doch ein ganz guter Wohn­ort ist, auch län­ger­fris­tig, und war­um man sich sowas nor­ma­ler­wei­se nicht anguckt.

1 Fol­gen­der Dia­log wur­de mir mal aus einer kali­for­ni­schen High School über­lie­fert:
Deutsch­leh­re­rin (Deut­sche): „In Euro­pe, espe­ci­al­ly in Ger­ma­ny, the peo­p­le usual­ly sit down in a cafe. I don’t get why Ame­ri­cans always have to walk around with their bever­a­ges.“
Schü­ler (Ame­ri­ka­ner): „It’s becau­se they have jobs – which 4.5 mil­li­on Ger­mans don’t do, as I recall.“
Der Schü­ler wur­de dar­auf­hin des Unter­richts ver­wie­sen.

2 Das ist aller­dings nichts ver­gli­chen mit dem Mann, der in Dins­la­ken mal „Ama­re­na­ta durchs Spa­ghet­ti-Eis-Sieb gepresst im Hörn­chen“ haben woll­te. Ama­re­na­ta ist Eis mit gan­zen Kir­schen drin.

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Musik

Wir raven (All night long)

Neon Rave Kids: Am 17. August 2007 in DinslakenIch hat­te hier bereits des Öfte­ren erklärt, dass es in Dins­la­ken eine über­ra­schend hohe Dich­te an Musi­kern ver­schie­dens­ter Aus­prä­gun­gen gibt. So oft, dass es bald lang­wei­lig wer­den könn­te, und ver­mut­lich öfter als sämt­li­che Lokal­zei­tun­gen zusam­men.

Nur mit dem Nacht­le­ben, da hapert es in Dins­la­ken noch etwas. Zwar gibt es die eine oder ande­re „Sze­ne­knei­pe“ (Sze­ne?! Wel­che Sze­ne?), aber dort muss man als Her­an­wach­sen­der immer mit der Angst leben, dass gleich die eige­nen Eltern oder wenigs­tens deren Freun­de her­ein­kom­men, und das ist ja nun wirk­lich etwas, was „mal“ gar nicht „geht“. Ü25-Par­ties gibt es auch – ich habe gehört, der Ein­lass wer­de mit­un­ter recht rigi­de gere­gelt und selbst 24Jährige hät­ten dort kei­ne Chan­ce -, aber mal ehr­lich: Was will man da?

Inso­fern kann man eigent­lich gar nicht genug wür­di­gen, was da seit Juni ein­mal im Monat statt­fin­det: Neon Rave Kids, eine Par­ty­rei­he mit New Rave und Indie­tro­nics.

Rich­tig, lie­ber Groß­stadt­par­ty­gän­ger: Die Musik ist eigent­lich schon uralt und fast schon wie­der total out, aber wir reden hier von Dins­la­ken. Zur genaue­ren Ein­ord­nung der Sach­la­ge: Die Par­ties fin­den im „Jäger­hof“ statt und als ich vor vie­len Jah­ren das letz­te Mal auf einer regu­lä­ren Par­ty dort war, lief gera­de „Sum­mer Of ‚69“, als ich ging. (Das ist kau­sal so nicht rich­tig: Ich ging, als „Sum­mer Of ‚69“ lief.) Wir reden hier also wirk­lich über zwei ver­schie­de­ne Wel­ten.

Jeden­falls: Die ört­li­che Jugend nimmt Neon Rave Kids ganz gut an, es weht ein Hauch von Groß­stadt durch den Laden (nur das Gelang­weilt-in-der-Ecke-Rum­ste­hen müs­sen die Dins­la­ke­ner noch üben) und wir raven all night long zu Songs von Jus­ti­ce, Deich­kind, CSS, Digi­ta­lism, The Sounds und Kon­sor­ten. Am kom­men­den Frei­tag ist es wie­der so weit, dies­mal gibt’s mit Fre­akat­ro­nic sogar Live­mu­sik und anschlie­ßend dann halt Par­ty.

Cof­fee And TV ver­lost ver­los­te ein­mal zwei Gäs­te­lis­ten­plät­ze für Kon­zert und Par­ty. Der Gewin­ner wur­de inzwi­schen benach­rich­tigt. Bet­ter luck next time!

Neon Rave Kids
Live: Fre­akat­ro­nic
am Frei­tag, 17. August 2007
ab 23:00 Uhr
im Jäger­hof in Dins­la­ken
Ein­tritt: 5 Euro

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Rundfunk Sport

Reife Panne

Die ARD und der Rad­sport, das ist wie die­ses eine Paar, das jeder in sei­nem Freun­des­kreis hat: Stän­dig strei­ten sie sich, zie­hen alle Bekann­ten in ihre Bezie­hungs­kri­sen mit hin­ein, nur um kurz vor der end­gül­ti­gen Tren­nung zu erken­nen, dass man ohne ein­an­der nicht leben kann und von Hei­rat zu faseln, wobei man sich über die Pla­nung der­sel­bi­gen wohl wie­der tie­risch in die Haa­re krie­gen wird …

Als wäh­rend der Tour de France her­aus­kam, dass der T‑Mo­bi­le-Fah­rer Patrik Sin­ke­witz vor der Tour posi­tiv auf Doping getes­tet wor­den war, spran­gen ARD und ZDF ent­setzt auf, schrien laut „Iiih ba!“ und stie­gen aus der Bericht­erstat­tung aus. Sat.1 kauf­te die die Rech­te, bla­mier­te sich bis auf die Kno­chen und kei­ne Woche spä­ter woll­te man in der ARD doch wie­der über die Tour berich­ten, aber nicht live.

Jetzt ist Deutsch­land-Tour und die ARD über­trägt an neun Tagen live (wenn auch unter der Woche nur je eine Stun­de am Tag). Und im direk­ten Ver­gleich zu den Bil­dern des fran­zö­si­schen Fern­se­hens, an die wir uns im letz­ten Monat gewöhnt hat­ten, fällt auf:

Schal­tet man ein, hat man kei­ne Ahnung, wo die Fah­rer sind und wie weit sie noch fah­ren müs­sen. Statt einer per­ma­nen­ten Ein­blen­dung, wie es sie bei jedem Fuß­ball­spiel gibt (und die man, gera­de wenn die ARD bzw. die Bun­des­li­ga betei­ligt sind, nicht lesen kann), wird alle paar Minu­ten mal ein­ge­blen­det, wie vie­le Kilo­me­ter noch zu fah­ren sind. Immer­hin.

Die Land­schafts­auf­nah­men sind sehr schön (ich den­ke bereits über einen Schwarz­wald-Urlaub nach), aber von den Fah­rern wer­den abwech­selnd Live-Bil­der und Nicht-ganz-so-Live-Bil­der in Zeit­lu­pe gezeigt, ohne dass der Zuschau­er erfüh­re, was jetzt gera­de pas­siert und was vor­hin pas­siert ist.

Kom­men­ta­tor Flo­ri­an Naß vor­zu­wer­fen, dass er gan­ze Sät­ze aus­for­mu­lie­ren und vor allem been­den kann, wäre viel­leicht eine Spur zu bös­ar­tig, aber er ist halt ganz allei­ne und bei einer Rad­sport­über­tra­gung gehört die­ses Geschwa­fel ja irgend­wie ein­fach dazu.

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Politik

Alternative Karriereplanung

Wenn das mit dem Alpha-Blog­ger nix wird, kann ich immer noch als Pro­phet anfan­gen:

5. Mai: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

11. August: Stoi­ber als Staats­ober­haupt?

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Print Digital

Vor-„Bild“

Vor zwei Mona­ten hat­te ich mal in einem Neben­satz fal­len las­sen, dass sich „Bild“ und „Rhei­ni­sche Post“ nicht mehr groß inhalt­lich unter­schei­den, seit die „RP“ einen Chef­re­dak­teur (Sven Gös­mann) und einen Online-Chef (Oli­ver Eckert) hat, die bei­de zuvor bei „Bild“ aktiv waren. Ich hat­te mich längst damit abge­fun­den, dass die „RP“ die etwas klein­for­ma­ti­ge­re, dicke­re (und teu­re­re) Rhein­land-Aus­ga­be von „Bild“ ist. Jetzt muss­te ich aber fest­stel­len: Ver­giss die „Rhei­ni­sche Post“, sie sind über­all!

Heu­te steht in „Bild“ und bei „Bild.de“:

Brötchen-Millionär Heiner Kamps spricht in BILD: Darum ging ich nicht zu Gülcans Hochzeit

Der Arti­kel ist übri­gens eini­ger­ma­ßen amü­sant. Wel­cher Sohn möch­te von sei­nem Vater drei Tage nach der (ers­ten) Hoch­zeit nicht einen Satz wie die­sen hören lesen?

„Aber ich den­ke, dass Sebas­ti­an durch die­se Erfah­run­gen schlau­er gewor­den ist. Das wird er bestimmt nicht wie­der machen.“

Dar­um soll es aber gar nicht gehen. Auch nicht um den grund­sätz­li­chen Nach­rich­ten­wert die­ser Mel­dung (Stich­wort „Som­mer­loch“). Aber viel­leicht dar­um:

Gülcan-Hochzeit: Jetzt spricht Heiner Kamps

Der Arti­kel bei „RP Online“ ist eigent­lich nur eine leicht gekürz­te Ver­si­on des „Bild“-Artikels mit ein biss­chen mehr indi­rek­ter Rede. Damit ist man aber nicht allei­ne: Die Zita­te von Hei­ner Kamps gin­gen über die Agen­tu­ren und tauch­ten anschlie­ßend bei „die-news.de“, „Focus Online“, „europolitan.de“ und (natür­lich) „Spie­gel Online“ auf. Und auch die nächs­te „Bild“-Meldung tickert gera­de mun­ter durchs Land:

Ex-Terroristin Mohnhaupt will Namen ändern

Es ist ja schon mal eine Wei­ter­ent­wick­lung, dass „Bild“ inzwi­schen „Ex-Ter­ro­ris­tin“ schreibt. Die Mel­dung dazu ist übri­gens denk­bar unspek­ta­ku­lär und geht so (unge­kürzt):

Karls­ru­he – Die im März nach 24 Jah­ren Haft auf Bewäh­rung ent­las­se­ne Ex-RAF-Ter­ro­ris­tin Bri­git­te Mohn­haupt (58, Foto) will eine neue Iden­ti­tät:

Nach BILD-Infor­ma­tio­nen aus Jus­tiz­krei­sen hat sie eine Namens­än­de­rung bean­tragt.

Mohn­haupt, die von der Bewäh­rungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on „Neu­start“ betreut wird, lebt im Süden Deutsch­lands.

Und soll dort eine Anstel­lung in einer Auto­tei­le­fa­brik erhal­ten haben. (koc)

Und was macht „RP Online“?

Nach Entlassung aus der Haft: Neue Identität für Ex-Terroristin Mohnhaupt?

Immer­hin: Hier wird das ver­meint­li­che „Bild“-Fakt in der Über­schrift hin­ter­fragt. Was sagt der Text?

Ham­burg (RPO). Im März wur­de die ehe­ma­li­ge RAF-Ter­ro­ris­tin Bri­git­te Mohn­haupt nach 24 Jah­ren aus der Haft ent­las­sen. Einem Medi­en­be­richt zufol­ge hat sie nun eine Namens­än­de­rung bean­tragt, um ein neu­es Leben begin­nen zu kön­nen.

Mohn­haupt, die von der Bewäh­rungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on „Neu­start“ betreut wer­de, lebe im süd­deut­schen Raum und habe dort eine Anstel­lung in einer Auto­tei­le­fa­brik erhal­ten, berich­tet die „Bild“-Zeitung.

„Schrei­be wört­li­che in indi­rek­te Rede um“, hieß die Auf­ga­ben­stel­lung in Deutsch-Klas­sen­ar­bei­ten der ach­ten Klas­se. Heu­te nennt man das wohl „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“

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Film

And here’s to you, Mrs. Robinson …

Heu­te Nacht lief in der ARD „Die Rei­fe­prü­fung“ (oder wie wir Cine­as­ten­säue sagen: „The Gra­dua­te“). Alle Vor­sät­ze, mal frü­her ins Bett zu gehen, waren ver­ges­sen, und ich muss­te den Film vom Flug­zeug bis zum Bus sehen. Ich habe sowie­so eine Schwä­che für älte­re Fil­me, aber die­ser gefällt mir bei jedem Wie­der­se­hen bes­ser.

An „Die Rei­fe­prü­fung“ stimmt ein­fach alles: Die­se Bil­der und Schnit­te; die­se Dia­lo­ge, die heu­te so wun­der­bar ange­staubt wir­ken und vor vier­zig Jah­ren ver­mut­lich eine Rie­sen­pro­vo­ka­ti­on waren; natür­lich die­se groß­ar­ti­ge Musik von Simon & Gar­fun­kel und die Schau­spie­ler.

Anlass für die gest­ri­ge Aus­strah­lung war der 70. Geburts­tag von Dus­tin Hoff­man und natür­lich ist er es, der den Film als Ben­ja­min Brad­dock trägt. Die Sze­ne, in der er auf einer Luft­ma­trat­ze im Swim­ming Pool treibt, ist eine viel­zi­tier­te Iko­ne der Pop­kul­tur der spä­ten 1960er Jah­re. Hoff­man spielt in die­sem Film die ein­zi­ge mir bekann­te Vor­wurfs­voll-die-Socken-anzieh-Sze­ne der Film­ge­schich­te und schlägt so lie­bens­wür­dig mit dem Kopf gegen die Wand wie nie­mand vor und nach ihm. Auch hat nie jemand uncoo­ler eine Son­nen­bril­le getra­gen als er in der Nacht­club-Sequenz.

Es ist ver­blüf­fend, wie vie­le jun­ge Schau­spie­ler von heu­te genau­so wir­ken wie Hoff­man in die­sem Film. So dürf­te er sei­nen Dop­pel­gän­ger schließ­lich in Jake Gyl­len­haal gefun­den haben, mit dem er 35 Jah­re spä­ter gemein­sam in „Moon­light Mile“ bril­lier­te.

Bei aller Begeis­te­rung für Hoff­man darf (und kann) man aber natür­lich auch Anne „Mrs. Robin­son“ Ban­croft nicht ver­ges­sen. Man kann sich nur vor­stel­len, wie sehr ein Film über Ehe­bruch mit einem viel jün­ge­ren Mann 1967 pro­vo­ziert haben muss. Dabei ist die­se Ehe­bre­che­rin mit ihrem ver­meint­li­chen Aus­bruch aus der bür­ger­li­chen Spie­ßig­keit fast noch heuch­le­ri­scher als alle ande­ren Figu­ren. Der Gene­ra­tio­nen­kon­flikt zwi­schen den arbeits­sa­men Erwach­se­nen ohne Vor­na­men und den ori­en­tie­rungs­lo­sen Jugend­li­chen wirkt heu­te viel­leicht etwas holz­schnitt­ar­tig, aber man muss sich mal vor Augen hal­ten, zu wel­cher Zeit der Film anlief: Das Mon­terey Pop Fes­ti­val und der „Sum­mer of Love“ waren gera­de vor­bei, an den Unis in Paris, Ber­ke­ley und Ber­lin rumor­te es hef­tig und in Deutsch­land regier­te die gro­ße Koali­ti­on. Im Gegen­satz zu (viel spä­te­rem) Hip­pie-Schmonz wie „Hair“ war „Die Rei­fe­prü­fung“ also ein durch­aus ange­mes­se­nes Doku­ment des Zeit­ge­sche­hens und in sei­ner Zeich­nung gera­de­zu sub­til.

Als Film ist das Werk von Mike Nichols sowie­so eine Klas­se für sich. Man merkt sei­nen Ein­fluss auf ande­re Fil­me, vor allem in den letz­ten Jahr­zehn­ten: „Say Any­thing“, „Pulp Fic­tion“, „Der Eis­sturm“, „Ame­ri­can Pie“, „Ame­ri­can Beau­ty“, „The Vir­gin Sui­ci­des“ und vor allem „Gar­den Sta­te“ von und mit Zach Braff zitie­ren ein­zel­ne Sze­nen bis gan­ze Stim­mun­gen des Films.

Wür­de eine mit­tel­al­te Dame heut­zu­ta­ge aller­dings unge­fragt im Zim­mer eines jun­gen Man­nes zu Rau­chen anfan­gen, wür­de sie ihn damit in den aller­meis­ten Fäl­len nicht mehr ver­füh­ren kön­nen, son­dern beacht­lich ver­är­gern.

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Digital

„Spiegel Online“ ist seiner Zeit voraus

Was ist dies­mal merk­wür­dig?

Letzter Beitrag: in sieben Stunden

Ein Blick in den Thread zeigt aller­dings, dass die Bei­trä­ge von ges­tern stam­men und das Pro­blem wohl eher im Script lie­gen dürf­te als im Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um.

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Musik Digital

Pete, der Pate

Für einen Moment war ich schon ver­wirrt, als ich mei­nen aktu­el­len Goog­le-Alert auf Pete Doh­erty bekam:

Mächtigster Drogenboss Kolumbiens in Brasilien gefasst

Beim Klick auf den Link stell­te ich dann aber fest: Alles ganz lang­wei­lig, zwei ganz ver­schie­de­ne Geschich­ten. Na ja, viel­leicht nicht ganz

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Musik

Listenpanik (5): I Killed The Zeitgeist

Wenn ich mir die bis­he­ri­gen Monats­bes­ten­lis­ten so anschaue, fällt mir auf, wie vie­le Sachen ich ger­ne noch ergän­zen wür­de. Auch wenn die logi­sche Reak­ti­on dar­auf wäre, die Akti­on ein­fach abzu­bla­sen, stür­ze ich mich trotz­dem mit Elan in die Ver­öf­fent­li­chun­gen des Monats Juli. Wie immer streng sub­jek­tiv und ohne den Hauch eines Anspruchs auf Voll­stän­dig­keit:

Alben (inkl. Amazon.de-Links)
1. Jus­ti­ce – †
Es müss­te schon mit dem Teu­fel (oder Gevat­ter Tod) zuge­hen, wenn es die­ses Jahr noch einen hei­ße­ren Act als Jus­ti­ce gäbe, the French elec­tro­nic duo who does what French elec­tro­nic duos should do. Natür­lich kommt man um die Ver­glei­che zu Daft Punk und Air kaum her­um, aber das sind ja bei­des Acts aus dem letz­ten Jahr­tau­send. Zuge­ge­ben: „†“ hät­te auch schon vor zehn Jah­ren erschei­nen kön­nen. Ist es aber nicht und genau des­halb sticht die­ses House-Album trotz Rave-Revi­val im Som­mer 2007 so aus der Mas­se her­aus. Viel­leicht wird uns das alles in einem Jahr schon wie­der egal sein, aber im Moment heißt’s erst mal: „Do the D.A.N.C.E. /​ 1, 2, 3, 4, fight“.

2. Toco­tro­nic – Kapi­tu­la­ti­on
Wer dach­te, dass Toco­tro­nic gar nicht mehr bes­ser wer­den könn­ten, als auf „Pure Ver­nunft darf nie­mals sie­gen“, muss zuge­ben, sich geirrt zu haben. Wenn jede Band nach 14 Jah­ren Band­ge­schich­te auf dem ach­ten Album so klän­ge, wüss­te man ja kaum noch, wohin mit all den guten Alben. Dirk von Lowtzow hat mit unge­fähr jedem Medi­um der Repu­blik spre­chen müs­sen, hat dabei unzäh­li­ge Male die Schön­heit des Wor­tes „Kapi­tu­la­ti­on“ erklärt, aber sobald die ers­ten Tak­te von „Mein Ruin“ erklin­gen, ist das alles egal. Wie schon vor zwei Jah­ren mit „Aber hier leben, nein dan­ke“ sind die Tocos auch in die­sem Jahr mit ihrem Auf­ruf zur „Kapi­tu­la­ti­on“ völ­lig gegen den Strich und genau das macht die­se Band so wert­voll.

3. Smas­hing Pump­kins – Zeit­geist
Jetzt sind sie also wie­der da, die Smas­hing Pump­kins. Oder bes­ser: Bil­ly Cor­gan und Jim­my Cham­ber­lin. Nach Cor­gans desas­trö­sem Solo­al­bum und ohne die Hälf­te der eigent­li­chen Band konn­te man ja fast nur noch mit dem schlimms­ten rech­nen, wes­we­gen schon ein knapp über­durch­schnitt­li­ches Album eine Sen­sa­ti­on gewe­sen wäre. „Zeit­geist“ ist aber noch bes­ser: Es ist nach „Sia­me­se Dream“ und „Ado­re“ mal wie­der ein pro­blem­los durch­hör­ba­res Pump­kins-Album und es ist die gro­ße „Look who’s back“-Geste. Klang­lich könn­te auf eini­gen Songs auch Zwan drauf­ste­hen und natür­lich sind die meis­ten Num­mern weit von „Today“, „Tonight, Tonight“ und „1979“ ent­fernt, aber es dürf­te kaum jemand erwar­tet haben, dass Cor­gan noch ein­mal zu sol­chen Groß­ta­ten in der Lage ist. Aber „Zeit­geist“ hat „Doomsday Clock“, „Blee­ding The Orchid“, „Starz“ und „United Sta­tes“ auf der Haben­sei­te, über alles ande­re dis­ku­tie­ren wir nach der Ver­öf­fent­li­chung von „Chi­ne­se Demo­cra­cy“.

4. The Elec­tric Soft Para­de – No Need To Be Down­he­ar­ted
Die Gebrü­der White aus Brigh­ton haben sich mal wie­der in ihrem ehe­ma­li­gen Kin­der­zim­mer ein­ge­schlos­sen und defi­nie­ren, wie Indiepop im Som­mer 2007 klingt: locker-flo­ckig, mit gele­gent­li­chen Aus­flü­gen ins Ver­schro­be­ne und Aus­ufern­de. Ein Ritt durch die letz­ten vier­zig Jah­re Musik­ge­schich­te und doch ein­deu­tig The Elec­tric Soft Para­de.

5. Spoon – Ga Ga Ga Ga Ga
Musik­jour­na­lis­mus für Anfän­ger: „Wer sein Album so nennt, muss ja schon ziem­lich gaga sein.“
Musik für Fort­ge­schrit­te­ne: Auf ihrem sechs­ten Album spie­len Spoon aus Aus­tin, Texas ihren dezent ver­schro­be­nen Indie­rock genau auf den Punkt. Zehn Songs in 36 Minu­ten, das ist fast wie Weezer, nur nicht ganz so ein­gän­gig: Bis Melo­dien hän­gen blei­ben, muss man „Ga Ga Ga Ga Ga“ schon eini­ge Male gehört haben, in Ver­zü­ckung ver­setzt einen die Musik aber von Anfang an. Wer sehn­süch­tigst aufs neue Eels-Album war­tet, kann Spoon so lan­ge als Ersatz hören – alle ande­ren natür­lich auch.

Sin­gles (inkl. iTu­nes-Links)
1. Smas­hing Pump­kins – Doomsday Clock
Bil­ly Cor­gan allein wird wis­sen, ob das jetzt eine (Download-)Single ist oder nicht, aber es ist auch egal: „Doomsday Clock“ ist genau der Ope­ner, auf den man sie­ben Jah­re gewar­tet hat. Jim­my Cham­ber­lin haut ein biss­chen auf den Fel­len rum, dann legen die Gitar­ren los und Bil­ly Cor­gan singt die Num­mer nach hau­se: „Plea­se don’t stop /​ It’s lonely at the top“. Der Mann weiß wovon er singt, er war schon mal ganz oben. Aber allei­ne war er eigent­lich über­all.

2. Black Rebel Motor­cy­cle Club – Ber­lin
Album über­se­hen, dann wenigs­tens die Sin­gle wür­di­gen: BRMC haben den Blues-Anteil nach „Howl“ wie­der zurück­ge­fah­ren, aber „Ber­lin“ klingt immer noch aus­rei­chend nach Ame­ri­ka, Wüs­ten­sand und Bär­ten. Wie das zum Titel pas­sen soll, ist wohl eine berech­tig­te Fra­ge, die ich aber ein­fach im Raum ste­hen las­sen möch­te, weil sie mir dort ide­al Schat­ten spen­det.

3. Her­bert Grö­ne­mey­er – Kopf hoch, tan­zen
Dass „Zwölf“ ein irgend­wie tol­les Album ist, hat­te ich ja schon mal ver­sucht aus­zu­drü­cken. Damals ver­gaß ich aber irgend­wie, die­sen Song her­vor­zu­he­ben. Das Sen­sa­tio­nel­le dar­an: 2007 klingt Grö­ne­mey­er für einen Song mehr nach den Acht­zi­gern, als er es in den meis­ten sei­ner Acht­zi­ger-Jah­re-Songs je getan hat. Dazu ein Text, der wie­der alles und nichts bedeu­ten kann, und ein wun­der­ba­res Video.

4. The Elec­tric Soft Para­de – Misun­derstan­ding
Die Sech­zi­ger Jah­re waren lan­ge vor­bei, als Alex und Tom White gebo­ren wur­den. Trotz­dem klingt „Misun­derstan­ding“ nach Beach Boys und Kinks – oder genau­er: so, wie die­se Bands heu­te klin­gen wür­den. Twang, twang, schun­kel, schun­kel!

5. Feist – 1234
Musik im Som­mer 2007 soll­te sowohl bei strah­len­dem Son­nen­schein, als auch bei tage­lan­gem Regen funk­tio­nie­ren. Voi­là: „1234“ von Feist eig­net sich da bes­tens zu. Indie­folk mit dezen­ten Coun­try-Ein­flüs­sen oder irgend­wie sowas, dazu die­se Stim­me. Das dazu­ge­hö­ri­ge Album hat­te ich übri­gens im April über­se­hen.

Außer Kon­kur­renz: The Rol­ling Stones – Paint It, Black
Nach „Should I Stay Or Should I Go“ (Jeans) und „Para­no­id“ (Tank­stel­le) jetzt der nächs­te Rock-Klas­si­ker, dem das Wer­be­fern­se­hen (Tele­fon­ge­döns) zu einem Come­back ver­hilft. Und nach dem Nep­tu­nes-Remix von „Sym­pa­thy For The Devil“ schon der zwei­te Kon­takt der Nuller Jugend mit der Band, die ihre Groß­vä­ter sein könn­ten. Aber der Song ist nun mal auch nach 41 Jah­ren noch der blan­ke Wahn­sinn.