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Don’t Let The Sun Go Down On Me

Das Geständ­nis vor­weg: Ich mag Elton John. Es muss am Kla­vier lie­gen, die­sem Instru­ment, das mich sogar kurz­zei­tig glau­ben lässt, Songs von Oran­ge Blue gut zu fin­den. Elton John hat aber auch eini­ge groß­ar­ti­ge Songs geschrie­ben und spä­tes­tens seit „Almost Famous“ (oder aller­spä­tes­tens seit Ben Folds‘ Inter­pre­ta­ti­on) wis­sen wir, dass „Tiny Dancer“ ein ganz, ganz gro­ßer Song ist.

Elton John hat auch eini­ge schlim­me Din­ge getan: Dro­gen genom­men, die erfolg­reichs­te Sin­gle aller Zei­ten ver­öf­fent­licht und Zei­chen­trick-Fil­me besun­gen. Letz­te­res ist aber (s. Phil Coll­ins) ver­zeih­lich, ers­te­res unter Umstän­den auch.

Jetzt hat Elton John dem bri­ti­schen Bou­le­vard­blatt „Sun“ einen klei­nen Gesin­nungs­auf­satz in die letz­te Mitt­wochs­aus­ga­be dik­tiert, in dem er for­dert, das Inter­net zu schlie­ßen.

We’re tal­king about things that are going to chan­ge the world and chan­ge the way peo­p­le lis­ten to music and that’s not going to hap­pen with peo­p­le blog­ging on the inter­net.

Die­ser selt­sam kon­ser­va­ti­ve Satz dürf­te in die­sem Moment wider­legt sein, denn Ihre Art, Elton Johns Musik zu hören, hat sich doch sicher mit der Lek­tü­re sei­nes klei­nen Tex­tes geän­dert, oder etwa nicht?

I do think it would be an incre­di­ble expe­ri­ment to shut down the who­le inter­net for five years and see what sort of art is pro­du­ced over that span.

Ob Mr John weiß, wie vie­le Bands mitt­ler­wei­le ihre Songs und Arran­ge­ments via E‑Mail erar­bei­ten, weil ihre Mit­glie­der bei­spiels­wei­se ein paar Tau­send Kilo­me­ter ent­fernt leben wie bei Mari­ti­me?

Die­ser klei­ne Text ist aber auch geeig­net, eine Fra­ge auf den Tisch zu brin­gen, die ich mir am Sams­tag im Vor­feld des dann geknick­ten Jan-Delay-Auf­tritts gestellt habe: Wel­che Aus­wir­kung hat eigent­lich das, was man als Per­sön­lich­keit eines Musi­kers wahr­nimmt, auf die Rezep­ti­on der Musik?

Nun: Idea­ler­wei­se gar kei­ne. Hip-Hop-Künst­ler wir­ken fast durch die Bank irre, und auch mit Liam Gal­lag­her oder Bil­ly Cor­gan wür­de ich eher ungern zu Abend essen. Trotz­dem gibt es nichts Idio­ti­sche­res, als sei­ne pri­va­te Plat­ten­samm­lung zu dezi­mie­ren, wenn ein Künst­ler mal wie­der irgend­wie nega­tiv auf­ge­fal­len ist. Das Geld ist eh schon futsch, da kann man die Plat­te auch ruhig im Regal las­sen und wie­der rein­hö­ren, wenn man nicht mehr weiß, war­um man den Musi­ker zwi­schen­durch mal so doof fand.

Sie wer­den des­halb auch nie erra­ten, wes­sen Musik ich gera­de lau­sche …

[via Pop­kul­tur­jun­kie]

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Haldern-Liveblog (Samstag)

15:06 Uhr: Was bis­her geschah: Drecks­ver­damm­tes Mist­wet­ter! Die­se Hit­ze! Im Zelt füh­le ich mich wie Colo­nel Kurtz in der grü­nen Höl­le, außer­halb wie Erwin Rom­mel in Nord­afri­ka. Wie, mir kann man’s auch nicht recht machen? 22°C, bewölkt – soll­te doch kein Pro­blem sein.

Auf dem Weg zum Fes­ti­val­ge­län­de noch lau­war­mes Bier ver­nich­tet, aber was tut man nicht alles für authen­ti­sches Fes­ti­val-Fee­ling? Das ist näm­lich jetzt schon wie­der vor­bei, weil ich Prol­lo-Pres­se­mensch im schat­ti­gen Pres­se­zelt sit­zen darf, wäh­rend die unbarm­her­zi­ge nie­der­rhei­ni­sche Son­ne auf den ehe­mals mat­schi­gen Alten Reit­platz nie­der­brennt. Navel und Sere­e­na Manee­sh hab ich des­halb schon ver­passt, aber das Hald­ern-Blog schafft Abhil­fe.

Gera­de ste­hen Fris­ka Vil­jor auf der Büh­ne und von dem, was hier hin­ten noch ankommt, wür­de ich auf Indie-Rock tip­pen. Das soll­te mal genau­er unter­sucht wer­den.

15:35 Uhr: Den­ken Sie bei einem bär­ti­gen, lang­haa­ri­gen Mann mit Hut und Man­do­li­ne nicht auch auto­ma­tisch an Hans Süper? Sie könn­ten auch an Fris­ka Vil­jor den­ken. Die klan­gen ein biss­chen wie eine Mischung aus Arca­de Fire, Kai­zers Orches­tra, The Smith und einer durch­ge­knall­ten Coun­try­band und waren (natür­lich des­halb, nicht trotz­dem) außer­ge­wöhn­lich unter­halt­sam. Wenn es auf dem Niveau wei­ter­geht, wird das ein sehr fei­ner, aber ultra-anstren­gen­der Tag.

16:30 Uhr: Na gut: Sooooo doll ging’s dann doch nicht wei­ter. Vox­t­rot haben zwar ein Kla­vier dabei und klin­gen ein biss­chen wie dir frü­hen R.E.M., aber so ganz kön­nen mich die Texa­ner nicht über­zeu­gen.

Dafür hat der WDR wie­der sei­ne Kame­ras ein­ge­schal­tet und in den Weg gestellt, was mich aus obsku­ren Grün­den an den schöns­ten Fes­ti­val-TV-Moment ever erin­nert …

17:19 Uhr: Auch wenn sie mal aus­nahms­wei­se nicht auf­tre­ten, sind The Divi­ne Come­dy auf dem Hald­ern Pop omnis­pär­sent – und wenn es nur als Umbau­mu­sik und T‑Shirt-Beschrif­tung ist.

Gera­de spie­len John­os­si, die „schwe­di­schen White Stripes“. Es sei sehr heiß auf der Büh­ne sagt Sän­ger John und ein „Ach was“ geht durch die Men­ge. Aber man habe auch gehört, es sei das ers­te tro­cke­ne Hald­ern-Fes­ti­val seit dem 18. Jahr­hun­dert. Das Publi­kum hockt zur Zeit ver­mut­lich lie­ber im Bade­see neben dem Fes­ti­val­ge­län­de und hört von dort aus zu. Alle ande­ren haben schon braun­ge­brann­te Haut oder pfei­fen auf Son­nen­brän­de. Wenn es nicht so uner­träg­lich heiß wäre, wür­den die Leu­te viel­leicht nicht nur beim größ­ten Hit der Band tan­zen. Aber der heißt ja immer­hin „Man Must Dance“.

18:17 Uhr: Ein Teil des gera­de antrock­nen­den Fes­ti­val­ge­län­des stand zwi­schen­zeit­lich wie­der unter Was­ser – dort war eine pro­vi­so­ri­sche Fes­ti­val-Dusche zur Abküh­lung auf­ge­baut wor­den. Auch wenn es schon frü­her Abend ist, sind die Tem­pe­ra­tu­ren nach wie vor hoch.

Die Zuschau­er, die sich gera­de Mala­ju­be geben, las­sen sich davon aber nicht auf­hal­ten. Und auch wenn die Kana­di­er sonst „Mon­tré­al ‑40°C“ besin­gen, kommt ihr fran­zö­sisch­spra­chi­ger Indie­rock gut an. Ich ver­mu­te unter den lau­ten Gitar­ren und Krach­wän­den klei­ne Pop-Per­len, aber die sol­len offen­bar nicht zu auf­fäl­lig sein.

19:38 Uhr: Gera­de gab es die obli­ga­to­ri­sche Pres­se­kon­fe­renz. Ver­an­stal­ter Ste­fan Reich­mann ist zufrie­den mit dem Wet­ter und den Besu­cher­zah­len (5.500 bis 6.000). Er erzählt, dass Indie in vie­len Berei­chen jetzt Main­stream sei, und man in Hald­ern nicht bereit sei, den „Head­li­ner-Ter­ror“, der letzt­end­lich nur die Kos­ten der Ein­tritts­kar­ten in die Höhe trei­be, wei­ter mit­zu­ma­chen. Und auch ohne die ganz gro­ßen „Indie“-Headliner sind Besu­cher­zah­len und Stim­mung ja bes­tens.

Zur Zeit ste­hen Archi­tec­tu­re In Hel­sin­ki auf der Büh­ne, was Raum für etwa ein Halb­dut­zend mie­ser Wort­spie­le lie­ße. Las­sen wir das lie­ber blei­ben und freu­en uns an dem dezent ver­spul­ten Indiepop, der gera­de von der Büh­ne don­nert.

Ab 20 Uhr soll Eins Live, die sog. Jugend­wel­le des omni­prä­sen­ten WDR, übri­gens das Fes­ti­val für vier Stun­den live über­tra­gen. Ich bin ja mal gespannt, ob man dort sei­nem Publi­kum wirk­lich ein Kon­zert von Loney, Dear „zumu­tet“ und dann nach zehn Minu­ten Jan Delay aus­steigt, wie es der Zeit­plan vor­sieht.

20:28 Uhr: Es gibt Geschich­ten, da habe ich das Gefühl, dass mir ein Puz­zle­teil feh­le. Bei Archi­tec­tu­re In Hel­sin­ki bin ich mir des­sen sogar sicher: Alle erzäh­len einem, wie toll die doch sei­en, doch weder auf Plat­te noch live kann mich die Band irgend­wie packen. Letzt­end­lich klingt ihre Musik in mei­nen Ohren wie der Migrä­ne­an­fall einer Wal­dorf-Kin­der­gärt­ne­rin.

Gos­sip am Ran­de: Hier im VIP-Zelt läuft auch Den­nis von Muff Pot­ter rum, den ich gera­de auf ver­mut­lich recht pein­li­che Wei­se ange­quatscht habe. Ich soll­te mir die­ses unpro­fes­sio­nel­le Fan­dom im Dienst mal abge­wöh­nen. Ande­rer­seits: Soll­te man Leu­ten, die groß­ar­ti­ge Musik machen, nicht auch in ihrer Frei­zeit sagen dür­fen, dass sie das tun? Viel­leicht grü­bel ich gleich bei Loney, Dear mal dar­über nach.

21:00 Uhr: Wäh­rend die tief­stehen­de Son­ne den nie­der­rhei­ni­schen Him­mel in ein hol­län­di­sches Oran­ge taucht, geht die Swe­dish Inva­si­on auf der Büh­ne in die nächs­te Run­de: Loney, Dear ali­as Emil Svan­än­gen und sei­ne Begleit­band zau­bern melan­cho­li­schen Indiepop zwi­schen Bright Eyes und The Pos­tal Ser­vice. Die mit­un­ter über­ra­schend text­ar­men Songs („Nanananana­na“, „Dad­ad­ada­da“, „Lal­al­a­la­la“, …) klin­gen live nicht so elek­trisch wie auf Plat­te, wes­we­gen sich der Pos­tal-Ser­vice-Ver­gleich nicht mehr ganz so auf­drängt. Irgend­wie aber eben doch, wes­we­gen ich die Band eben­so als Refe­renz nen­nen möch­te wie Elec­tric Pre­si­dent. Sol­che Musik wür­de auch schön in die Nacht pas­sen.

Apro­pos Nacht: Nach den Erfah­run­gen von ges­tern Abend grü­bel ich noch, ob ich es über­haupt ver­su­chen soll, mir Ghosts und Duke Spe­cial im Spie­gel­zelt anzu­se­hen. Zwar muss man der Fair­ness hal­ber erwäh­nen, dass das Gesche­hen aus dem Zelt auch nach drau­ßen über­tra­gen wird (inkl. Groß­bild­lein­wand) – aber ob das so viel bringt, wenn auf der Haupt­büh­ne gera­de Jan Delay und sei­ne Band spie­len?

Nach­trä­ge Sonn­tag: Pünkt­lich zu den Shout Out Louds wur­de es voll auf dem Platz. So viel zum The­ma „Mäh, gibt ja kei­nen Head­li­ner“. Es war von vor­ne bis hin­ten ein groß­ar­ti­ger Auf­tritt und als nach fünf­zig Minu­ten „Tonight I Have To Lea­ve It“ kam (als letz­ter regu­lä­rer Song vor dem drei­tei­li­gen Zuga­ben­block), brann­te wie erwar­tet die Luft. Man kommt um die­se stän­di­gen The-Cure-Ver­glei­che wirk­lich kaum umhin, weil Adam Oleni­us wirk­lich wie Robert Smith klingt. Ganz klar ein wür­di­ger Abschluss des Fes­ti­vals.

Aber das Fes­ti­val war ja noch nicht vor­bei: Wäh­rend immer mehr Men­schen zu Jan Delay auf den Platz ström­ten, wetz­te ich hin­aus ins Spie­gel­zelt, wo gera­de The Dro­nes am … haha: dröh­nen waren. Ich war mir auch am Ende des Auf­tritts nicht sicher, was ich von ihrem Noi­se-Blues-Rock mit Post-Grunge-Ein­flüs­sen hal­ten soll­te, aber inter­es­sant war es alle­mal.

So lang­sam füll­te sich das Spie­gel­zelt mit Leu­ten, die den Platz teils flucht­ar­tig ver­las­sen haben muss­ten. Ihre Aus­füh­run­gen über das, was Jan Delay da so gebracht habe, sol­len vor einer mög­li­cher­wei­se min­der­jäh­ri­gen Leser­schaft geheim­ge­hal­ten wer­den, des­we­gen nur so viel: Ich war froh, dass ich mich fürs Zelt ent­schie­den hat­te.

Gegen halb eins leg­ten dort Ghosts aus Lon­don mit ihrem char­man­ten Indiepop los, der live nicht mehr ganz so zucker­süß-lieb­lich klingt wie auf Plat­te. Die Band war (wie eigent­lich alle ande­ren auch) völ­lig begeis­tert vom Publi­kum und das Publi­kum auch von ihnen. Mit­ten im Set gab es ein neu­es Kapi­tel der Serie „Brit­pop-Bands covern gänz­lich unwahr­schein­li­che Songs“, als Sän­ger Simon Pet­ti­g­rew „Don’t Cha“ von den Pus­sy­cat Dolls anstimm­te, was wir natür­lich alle erst im Refrain bemerk­ten.

Wäh­rend die Kräf­te der Zuschau­er schwan­den und man­che schon im Ste­hen ein­schlie­fen, wur­de ein hal­bes Instru­men­ten­mu­se­um auf die Büh­ne des Spie­gel­zelts geschleppt. Duke Spe­cial, sonst eigent­lich nur Sänger/​Pianist Peter Wil­son, spiel­ten in vier­köp­fi­ger Beset­zung, bei der unter ande­rem auch Küchen­quirl und Käse­rei­be zum Ein­satz kamen. Wil­son stand hin­ter sei­nem Kla­vier wie sonst nur Ben Folds, und wer so schö­ne Cir­cus-Caba­ret-Indie-Folk-Orches­ter-Pop-Musik macht, dem sieht man auch mal nach, dass er Wurst­haa­re auf dem Kopf trägt.

Danach war Schluss. Zwar stand mit The Ear­lies noch eine letz­te Band auf dem Pro­gramm, aber Rücken, Füße, Lun­ge und Augen schrien „Bett!“ bzw. wenigs­tens „Schlaf­sack“. Und so ende­te das regen­freie Hald­ern-Pop-Fes­ti­val 2007 in die­ser seli­gen Hald­ern-Stim­mung, die einen irgend­wie jedes Jahr befällt. Auf dem Zelt­platz gab es noch John­ny Hills „Ruf Ted­dy­bär Eins-Vier“ und Howard Car­penda­les „Ti Amo“ und ich wuss­te: „Irgend­wie ist es auch gut, dass es jetzt erst mal wie­der vor­bei ist.“

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Haldern-Liveblog (Freitag)

17:00 Uhr: Was bis­her geschah: Ich wur­de heu­te Mor­gen wach und – die Son­ne schien. Aus Dank­bar­keit opfer­ten wir Petrus eine Packung „Sau­re Apfel­rin­ge“ (Hald­ern-Tra­di­ti­on #2) und früh­stück­ten aus­gie­bigst in der Son­ne. Ich weiß, ich wer­de einen Son­nen­brand bekom­men.

Die ers­te Band, die ich mir im ange­guckt habe, waren die Bra­kes („like on your bike“) im Spie­gel­zelt. Die Band sieht anders aus als ich sie mir vom Klang ihrer Musik her vor­ge­stellt hät­te, und hat Ananäs­se auf ihren Ver­stär­kern ste­hen, die sie wäh­rend des Kon­zerts ins Publi­kum schmeißt. Musik machen sie auch: schröm­me­li­ger Indie­rock trifft auf Coun­try-Anlei­hen, die im Cover­song „Jack­son“ (den ken­nen Sie aus dem John­ny-Cash-Film) kul­mi­nie­ren.

Dann geht’s aufs Fes­ti­val-Gelän­de, das allein schon dadurch besticht, dass die Büh­ne anders steht als sonst. Sie steht … nun ja: leicht schräg. Wer schon mal auf dem Hald­ern war und sich das Fes­ti­val-Gelän­de als Uhr vor­stel­len kann, ima­gi­nie­re sich jetzt bit­te, die Büh­ne sei von zwölf auf ein Uhr vor­ge­rückt, wobei sie immer noch auf den Mit­tel­punkt des Uhr­werks aus­ge­rich­tet ist. Alle ande­ren stel­len sich bit­te vor, dass da eine gro­ße Büh­ne auf einem Reit­platz steht, das reicht.

Der sym­pa­thisch-ver­plan­te Hol­län­der, der seit (I assu­me) 1984 das Pro­gramm ansagt, betritt die Büh­ne und kün­digt in gewohn­tem Über­schwang Ripchord an. Die Band erin­nert aus der Fer­ne (schließ­lich will das Pres­se­zelt inspi­ziert wer­den) ein biss­chen an Man­do Diao und die Liber­ti­nes. Und das ist ja wohl mal eine prä­zi­se Ansa­ge, denn wel­che Band klingt heut­zu­ta­ge schon so? Na gut …

Gera­de stehen/​steht Gabri­el Rios auf der Büh­ne und alles, was hier ankommt, sind ein Bass und eine Bass­drum. Des­we­gen wer­de ich nun hin­aus in den Matsch eilen und ein Ohr auf das Gesche­hen wer­fen, damit ich hin­ter­her schrei­ben kann, wie es wirk­lich klang.

Vor­her muss ich noch die ers­ten Ver­let­zun­gen im Team ver­mel­den: Kat­ti hat sich den Nagel ihres dicken Zehs ein­ge­ris­sen (hier zuck­ten grad 85% der Leser zusam­men und schwo­ren sich, so ein Ekel­b­log nie wie­der zu besu­chen) und ich habe mir (weit weni­ger schlimm) die Son­nen­bril­le, die ich extrem läs­sig ins Haar gesteckt hat­te, aufs Nasen­bein gedon­nert. Und jetzt muss ich wirk­lich los, denn Björn vom Hald­ern-Blog ist gera­de hin­ter mir auf­ge­taucht und jetzt wol­len wir ein wenig plau­dern und Bru­der­schaft trin­ken. Oder irgend­wie sowas.

18:05 Uhr: Bis ich auf dem Platz war, war/​waren Gabri­el Rios schon vor­bei. So blei­ben mir nur die Ricky-Mar­tin-mäßi­gen Ein­drü­cke, die im Pres­se­zelt anka­men.

Viel­leicht hät­te man eine Band wie Polar­kreis 18, die mit geschätz­ten zwei­und­vier­zig Instru­men­ten agiert, nicht unbe­dingt mit­ten in den Nach­mit­tag legen sol­len. Jetzt hinkt der Zeit­plan. Dafür gibt es gera­de die „deut­schen Radio­head“, was dann zutref­fend wäre, wenn Radio­head bedeu­tend mehr tanz­ba­re Tracks wie „Idio­te­que“ ver­öf­fent­licht hät­ten. Man möch­te fast ein Kraut­rock-Revi­val aus­ru­fen, aber Dres­den ist eine so Kraut­rock-unty­pi­sche Stadt (sie liegt, zual­ler­erst, nicht am Rhein).

Der WDR fährt mit sei­nen Rock­pa­last-Kame­ras die gan­ze Zeit vor der Büh­ne her­um und ver­sperrt dem Publi­kum und den Foto­gra­fen die freie Sicht auf die Büh­ne. Das könn­te rich­tig ärger­lich sein, aber das Publi­kum sieht nicht so aus, als ob es das mit den Rund­funk­ge­büh­ren son­der­lich genau näh­me. Und Leu­te, die man nicht bezahlt, kann man ja kaum anschrei­en, sie mögen einem bit­te aus dem Sicht­feld tre­ten.

Was man auf kei­nen Fall uner­wähnt las­sen soll­te: Son­ne! Son­ne!! Soooooonneeeeeee!!!!1

19:15 Uhr: Von Paul Steel und Band habe ich nicht viel mit­be­kom­men, weil ich zeit­gleich The Elec­tric Soft Para­de inter­viewt habe. Ich glau­be, ich hät­te die Musik „nett“ gefun­den. Nett waren aber auch die Gebrü­der White, wes­we­gen sich das schon gelohnt hat, so wie’s war. Die Tat­sa­che, dass ich den alten Kin­der­kas­set­ten­re­cor­der mei­nes Bru­ders als Auf­nah­me­ge­rät mit­ge­bracht habe, war jeden­falls ein Super-Eis­bre­cher, denn wie fin­den jun­ge Män­ner, die ver­spiel­te Pop­mu­sik machen, so ein Teil? „Cool, old school!“

19:58 Uhr: Wer hat dem Pudel die Gitar­re um den Hals gebun­den? Ach nee, das ist nur Kyle Fal­co­ner, der lockich­te Sän­ger von The View, der sei­ne Gitar­re noch ein biss­chen höher trägt als John­ny Cash. Zu beein­träch­ti­gen scheint es ihn nicht, denn er und sei­ne Band pflü­gen gera­de durch ein Set vol­ler schwung­vol­ler Indie­rock-Kra­cher, die immer mal wie­der rhyth­misch an der Tür klop­fen, auf der „Pol­ka“ steht. Die Indiepe­dia sagt, der Schlag­zeu­ger sei mal mit Pete Doh­erty ver­haf­tet wor­den. Rei­fe Leis­tung. Und unge­fähr so schwie­rig wie Angeln in einem Fass vol­ler Fische.

20:57 Uhr: Ein jun­ger Mann, der aus­sieht wie Gary Old­man in Sid And Nan­cy, kommt auf die Büh­ne, rotzt zwei­mal auf sel­bi­ge und legt mit sei­ner Band los. Klin­gen tut’s aber eher wie The Clash, wenigs­tens so unge­fähr. Live klingt Jamie T bedeu­tend weni­ger nach Hip-Hop, als auf Plat­te, ich mei­ne trotz­dem, einen süß­li­chen Geruch in der Luft zu ver­neh­men.

21:40 Uhr: Gera­de war ich am Zelt, mei­nen Pul­li holen. Dabei konn­te ich eine Hald­ern-typi­sche Sze­ne beob­ach­ten: Ein älte­res Ehe­paar aus der Nach­bar­schaft ging in ordent­li­cher Klei­dung am Zelt­platz vor­bei – offen­bar um „mal zu gucken, was die jun­gen Leu­te so machen“. Sie gesell­ten sich zu einer Grup­pe am Bier­stand und plau­der­ten los.

Fol­gen­de Musik habe ich auf dem Zelt­platz hören kön­nen (unvoll­stän­dig): Max Mutz­ke, Red Hot Chi­li Pep­pers, The Fratel­lis, Bap, Led Zep­pe­lin, The Sounds, Kai­ser Chiefs. Unan­ge­foch­te­ner Fes­ti­val-Hit dürf­te aber „Tonight I Have To Lea­ve It“ von den Shout Out Louds wer­den. Zu recht.

22:15 Uhr: Noch mehr idio­ti­sche Optik-Ver­glei­che: The Magic Num­bers sehen ein biss­chen aus wie die Kel­ly Fami­ly. Sie machen durch­aus net­te Pop­mu­sik, die das inzwi­schen nächt­li­che Fes­ti­val­ge­län­de durch­weht. Es könn­te auch Rock­pa­last 1978 auf der Lore­ley sein.

Man soll­te auch mal anmer­ken, dass das Publi­kum zwar in Indie-Uni­for­men erschie­nen ist (If I had one Dol­lar for every pol­ka dot …), aber in der Gesamt­heit recht gut aus­se­hend ist (nur knapp hin­ter den immer beson­ders hüb­schen Publi­ka von Tra­vis und Slut). Ich glau­be schon, dass manch einer hier den Part­ner fürs Leben fin­den könn­te.

Sams­tag, 00:31 Uhr: Auf der Büh­ne sitzt grad Jason Pier­ce und buch­sta­biert Gän­se­haut. Mit sei­nem Key­boar­der, einem Streich­quar­tett und einem (drei­köp­fi­gen) Gos­pel­chor sind das die „Acou­stic Main­li­nes“ sei­ner sons­ti­gen Band Spi­ri­tua­li­zed. Es mag sein, dass das Feen­staub ist, der da durch die Nacht fliegt – viel­leicht sind es auch nur die Über­res­te der Mot­ten, die den Schein­wer­fern zu nahe gekom­men sind. Die Leu­te, die bei die­ser Musik noch quat­schen, möch­te man am liebs­ten schüt­teln und anschrei­en: „Ruhe, da vor­ne stirbt jemand!“ Nun ja, ster­ben wird Jason Pier­ce heu­te Nacht nicht, aber so oft wie er „Lord“ und „Jesus“ singt, fühlt man sich ein wenig, als höre man jeman­dem ver­bo­te­ner­wei­se beim Beten zu. Ein­fach schön.

Nach­trag Sams­tag, 14:58 Uhr: Eigent­lich woll­te ich mir ges­tern Nacht noch The Elec­tric Soft Para­de angu­cken. Ich hat­te es den Gebrü­dern White sogar im Inter­view ver­spro­chen. Aber als ich vom Platz kam, war die Schlan­ge vor dem viel zu klei­nen Spie­gel­zelt schon so lang, dass abseh­bar war, dass die Per­son, die in der Schlan­ge vor mir gestan­den hät­te, als letz­te rein­ge­kom­men wäre. Ich fin­de das nach wie vor unglück­lich mit die­sem Zelt, zumal wenn auch noch zeit­gleich auf der Haupt­büh­ne Pro­gramm ist. Ent­schei­den-müs­sen oder Nicht-rein­kom­men ist Rock am Ring, aber nicht Hald­ern.

So gab’s dann wenigs­tens im (eige­nen) Zelt noch The Water­boys aus wei­ter Fer­ne. Aus so wei­ter Fer­ne, dass nur noch eine Ahnung von Songs ankam. Die war aber durch­aus nett.

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Haldern-Beinahe-Liveblog (Donnerstag)

Von Bochum über Dins­la­ken nach Hald­ern und auf der Auto­bahn: Nie­sel­re­gen. Ich will schon umdre­hen, aber mei­ne Bei­fah­re­rin­nen sagen mir, dass darf man nicht auf der Auto­bahn. War auch bes­ser so, denn danach blieb es *auf­Holz­klopf* tro­cken.

Zelt auf­ge­baut, Kar­tof­fel­sa­lat mit Fri­ka­del­len geges­sen, Cid­re getrun­ken (Hald­ern-Tra­di­ti­on #1). Danach Kili­ans geguckt, die auf dem Dach ihres vier­zig Jah­re alten, von einem Ener­gy-Drink-Her­stel­ler umge­bau­ten, Tour­bus­ses spie­len. Das Kon­zert war soli­de Hoch­leis­tungs­wa­re, die Stim­mung im Publi­kum bes­tens.

Lei­der war die Müdig­keit danach so hoch, dass ich mich nicht mehr zum offi­zi­el­len Fes­ti­val-Teil ins Spie­gel­zelt schlep­pen konn­te und – Asche auf mein Haupt! – Naked Lunch des­we­gen ver­passt habe. Als Rache dafür habe ich schlecht geschla­fen, weil wir unser Zelt direkt neben einem Bier­stand auf­ge­stellt haben, der erst irgend­wann mit­ten in der Nacht schließt …

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Wer bei Regen Sonnenmilch kauft, weiß, dass der Stuhl zuerst ein Baum ist

Es ist Hald­ern und die Son­ne scheint … nicht. Nein, es pisst.

Wenn das, was da gera­de run­ter­kommt, zu den für heu­te ange­kün­dig­ten „Schau­ern“ zählt, kann ich wirk­lich nur hof­fen, dass es nicht auch noch zu „Wol­ken­brü­chen“ kommt. Oder dass sich das gan­ze Was­ser jetzt abreg­net und es ab heu­te Abend zum Zelt­auf­bau tro­cken bleibt. Oder dass es nur im Ruhr­ge­biet reg­net, nicht aber am Nie­der­rhein.

Okay, das letz­te war jetzt wirk­lich eine absur­de Idee. Schließ­lich bin ich am Nie­der­rhein auf­ge­wach­sen und in mei­ner Erin­ne­rung reg­ne­te es qua­si immer. Das erklärt natür­lich auch die saf­ti­gen Wie­sen und die lieb­li­chen Auen, die bei­na­he als Tou­ris­ten­ma­gnet her­hal­ten könn­ten, wenn das Wet­ter (s.o.) nicht immer so schlecht wäre. Ver­mut­lich stand am Nie­der­rhein mal die höchs­te Gebirgs­ket­te der Welt (inkl. eines Neun­tau­sen­ders dort, wo heu­te Ding­den liegt, und eines Acht­tau­sen­ders bei Fried­richs­feld), aber der Regen hat das gan­ze Gestein weg­ge­wa­schen, so dass das Land dort nun flach ist wie … Hol­land.

Heu­te Abend wird es wohl noch kein Live­ge­b­log­ge geben, weil ich auf dem Zelt­platz erst recht kein Inter­net haben wer­de (und mein Sie­mens ME45 nicht wirk­lich für sol­che Vor­ha­ben zu gebrau­chen ist). Aber ab mor­gen wer­de ich dann ver­su­chen, immer was aktu­el­les zu schrei­ben.

Bis dahin ver­wei­se ich noch mal auf mein letz­tes Fes­ti­val-im-Regen-Blog und den Umstand, dass sich noch eine Band für heu­te Abend ange­kün­digt hat, die, wenn ich noch ein­mal ihren Namen nen­nen wür­de, ihre gefühl­te zwöl­f­und­drei­ßigs­te Erwäh­nung in die­sem Blog gefun­den hät­te. Und das muss ja nicht heu­te sein.

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Politik Gesellschaft

Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Auch wenn uns poli­tisch wenig bis gar nichts ver­band, war Hel­mut Kohl immer „mein“ Kanz­ler. Er war schon Kanz­ler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötz­lich (nach 16 Jah­ren!) nicht mehr war, war ich ver­wirrt. Sag­te der Nach­rich­ten­spre­cher „Bun­des­kanz­ler“, ver­voll­stän­dig­te ich im Geis­te „Hel­mut Kohl“. In mei­ner Erin­ne­rung wird Kohl immer zu glei­chen Tei­len die „Hur­ra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Bran­dung sein. Er war der gro­ße „Aus­sit­zer“, die sprich­wört­li­che deut­sche Eiche, die es nicht im min­des­ten inter­es­sier­te, wel­che Sau sich gera­de wie­der an ihr rieb. Kohl hat sie alle über­stan­den: Schmidt, Strauß, Möl­le­mann. Es gab Bücher vol­ler Kohl-Wit­ze und ich wür­de ihm zutrau­en, dass er, wenn ihm mal jemand ein sol­ches Buch geschenkt hät­te, die­ses demons­tra­tiv auf dem Fens­ter­brett der Gäs­te­toi­let­te sei­nes Oggers­hei­mer Bun­ga­lows plat­ziert hät­te, um zu zei­gen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Con­ten­an­ce ver­lor, wie als er sich in Hal­le auf einen Mann stürz­te, der ihn mit Eiern bewor­fen hat­te, dann zeig­te er in einer sol­chen Sze­ne Mensch­lich­keit, phy­si­sche Prä­senz und den Wil­len, sich not­falls selbst zu ver­tei­di­gen. Die Hal­len­ser Eier­wurf-Geschich­te ist eine Epi­so­de in der an Epi­so­den nicht armen Außen­wir­kung Kohls. Sei­ne inne­re Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bon­ner Staats­an­walt­schaft nicht davon über­zeu­gen kann, sein Ehren­wort zu bre­chen.

Kohls Nach­fol­ger als Bun­des­kanz­ler war Ger­hard Schrö­der, der unter ande­rem dadurch in die Geschich­te und das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ging, dass er gericht­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, sein gleich­mä­ßig dunk­les Haupt­haar sei gefärbt. Etwa fünf Jah­re spä­ter setz­te Schrö­ders Gat­tin gericht­lich durch, dass der „Stern“ nicht behaup­ten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neu­wahl des Bun­des­tags mit­tels Ver­trau­ens­fra­ge zu erwir­ken. Hel­mut Kohl wur­de zu die­ser Zeit, allen Ehren­wor­ten zum Trotz, als Kan­di­dat für den Frie­dens­no­bel­preis gehan­delt.

Eben­falls einen Pro­zess gewann im Jahr 2005 Schrö­ders dama­li­ger Ver­kehrs­mi­nis­ter Man­fred Stol­pe. Er darf seit­dem nicht mehr als „ehe­ma­li­ger Sta­si-Mit­ar­bei­ter“ oder „IM“ bezeich­net wer­den, auch wenn Stol­pe selbst sagt, er habe als Sekre­tärs des Bun­des der Evan­ge­li­schen Kir­che der DDR „zu vie­len staat­li­chen Stel­len Kon­takt gehal­ten, dar­un­ter auch zur Staats­si­cher­heit“, und der Birth­ler-Behör­de Akten vor­lie­gen, die den Ver­dacht erhär­ten, Stol­pe sei als Infor­mel­ler Mit­ar­bei­ter „gewor­ben“ wor­den. Die soge­nann­te „Stol­pe-Ent­schei­dung“ des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts besagt im Kern, dass es bei einer mehr­deu­ti­gen Äuße­rung aus­rei­che, wenn nur eine mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on die­ser Äuße­rung die Per­sön­lich­keits­rech­te des Klä­gers ver­let­ze.

Natür­lich möch­te nie­mand Unwahr­hei­ten oder Belei­di­gun­gen über sich selbst lesen und selbst­ver­ständ­lich gibt es einen Unter­schied zwi­schen der Aus­sa­ge „Lukas hat­te Kon­tak­te zu Apfel­die­ben (weil er in der Grund­schu­le neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüss­te nichts davon. Es ist ein Bei­spiel, lie­be frü­he­ren Mit­schü­ler!) und „Lukas war/​ist ein Apfel­dieb“. Nur haben die Ver­fas­sungs­rich­ter mit die­sem Grund­satz­ur­teil die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net, denn mehr­deu­tig und inter­pre­tier­bar ist eine gan­ze Men­ge: Eine ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung für Fern­seh­an­sa­ge­rin­nen, die auch als abwer­ten­de Bezeich­nung für das weib­li­che Geschlecht ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung, als auch die Fern­seh­an­sa­ge­rin erst­mals einem grö­ße­ren Publi­kum bekannt wer­den). Eine Beschrei­bung für Men­schen, die im Fern­se­hen anru­fen, dann aber nichts oder völ­lig unpas­sen­des Zeug sagen, die auch als Unter­stel­lung den Ange­ru­fe­nen gegen­über ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juris­tisch mögen die­se Urtei­le auch völ­lig logisch begründ­bar sein. Lin­gu­is­tisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wort­neu­schöp­fung irgend­et­was bedeu­ten könn­te, und ein Wort syn­onym für ein ande­res ste­hen könn­te (das aber wohl in kaum einem Fall sinn­voll), stellt die Grund­kon­ven­ti­on in Fra­ge, auf der jede Spra­che auf­baut. Es besteht zum Bei­spiel die Kon­ven­ti­on, dass das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen unten­drun­ter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der klei­ne Peter, was die Leh­re­rin meint, wenn sie sagt „Peter, kle­be doch bit­te Dein Kau­gum­mi nicht unter Dei­nen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erra­ten – nicht nur für das Wort bzw. das Kon­zept „Tisch“, son­dern für jedes Wort des Sat­zes und der gesam­ten Spra­che. Für die Wis­sen­schaft, die sich mit der Bedeu­tung von Wor­ten befasst, gibt es, welch Iro­nie, zwei ver­schie­de­ne Begrif­fe: Wort- oder lexi­ka­li­sche Seman­tik. Wer tie­fer in die­se Mate­rie ein­stei­gen will, kommt bei­spiels­wei­se um Fer­di­nand de Sauss­u­re kaum her­um.

Die Annah­me, ein Wort kön­ne auch für etwas völ­lig ande­res ste­hen (und wir reden hier natür­lich nicht über Hom­ony­me, sog. „Tee­kes­sel­chen“ wie „Ball“ [run­des Sportobjekt/​Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/​Sitzmöbel]), hat etwas post­struk­tu­ra­lis­ti­sches. Denkt man den Gedan­ken zu Ende, könn­te alles buch­stäb­lich alles bedeu­ten. Nicht weni­ge Leu­te, die regel­mä­ßig Brie­fe schrei­ben oder erhal­ten (z.B. Leser­brief­schrei­ber), wis­sen, dass die Gruß­for­mel „Hoch­ach­tungs­voll“ auch etwas ganz ande­res bedeu­ten kann. Etwas, bei des­sen öffent­li­cher Aus­spra­che man immer beto­nen muss, Goe­thes „Götz von Ber­li­chin­gen“ zu zitie­ren. Kann ich also jedes alte Ömma­cken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Brie­fe schreibt, ver­kla­gen, weil sie mich mit ihrem „Hoch­ach­tungs­voll“ belei­digt haben könn­te?

Ja, wie­so denn eigent­lich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen drun­ter nen­ne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Kör­nern, wo man sich mor­gen sei­ne Nuss­nou­gat­creme draufstreicht, nen­ne ich „Wal­de­mar“. Wenn ich das kon­se­quent durch­zie­he, ver­steht mich bald nie­mand mehr, aber ich habe eine neue inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, näm­lich Wor­te durch ande­re zu erset­zen. Und da eini­ge Per­so­nen die inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, ande­re Leu­te juris­tisch zu belan­gen, aus den USA impor­tiert haben, ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass es in Zei­tungs­ar­ti­keln, Blog­ein­trä­gen und auch in der All­tags­spra­che bald von „Du weißt schon wer„s und „He who must not be named„s wim­meln könn­te. („Wobei das natür­lich gar nichts bräch­te, weil man ja anneh­men könn­te, wer mit die­sen Chif­fren gemeint sein soll­te“, sag­te das Uni­ver­sum und lös­te sich in einem Logik­wölk­chen auf.)

Spra­che ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirk­lich jeder und über­all (die Aus­nah­men müss­ten so kon­stru­iert sein, dass man ihnen schon wie­der Bos­haf­tig­keit unter­stel­len könn­te), des­we­gen denkt offen­bar auch jeder, er ken­ne sich damit aus. Nur von Fuß­ball haben noch mehr Deut­sche Ahnung (näm­lich alle außer dem jeweils aktu­el­len Bun­des­trai­ner) als von Spra­che. Wer­den Lin­gu­is­ten um Gut­ach­ten gebe­ten, wer­den die­se meist schlicht igno­riert. Man stel­le sich nur mal vor, ein Rich­ter sage dem Dekra-Sach­ver­stän­di­gen, der gera­de erklärt hat, ein Auto kön­ne nicht inner­halb von 1,8 Sekun­den von 250 km/​h zum Still­stand gebracht wer­den (und das in einem Ver­kehrs­be­ru­hig­ten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gera­de von sei­ner put­zi­gen Wis­sen­schaft aus sei­nem schmu­cken Elfen­bein­turm berich­tet habe, aber er fah­re ja sel­ber Auto und kön­ne daher durch­aus befin­den, dass das sehr wohl gehe. Mit Geis­tes­wis­sen­schaft­lern, die­sem Pack, das nur Bücher liest und kei­ne neu­en Auto­mo­to­ren oder Atom­bom­ben ent­wi­ckelt, und auch kei­ne Kon­zep­te zur Ein­spa­rung von 30.000 Arbeits­kräf­ten bei gleich­zei­ti­ger Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät erar­bei­ten kann, mit denen kann man offen­bar alles machen.

Was? Ich schwei­fe ab, ich ertrin­ke in Wel­ten­schmerz und wer­de über Gebühr sar­kas­tisch? Nein, das müs­sen Sie irgend­wie falsch inter­pre­tiert haben.

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Musik

Wir Sind Haldern

Haldern Pop 2003

Über­mor­gen ist es end­lich soweit: das Hald­ern Pop Fes­ti­val beginnt. Zeit, für einen letz­ten Stand der Din­ge:

  • Ich wer­de ver­su­chen, eine Art Live­blog zu betrei­ben. Natür­lich nicht alle paar Minu­ten wie beim Grand Prix oder Fuß­ball, aber ich wer­de schon ver­su­chen, zu jeder Band zeit­nah etwas zu schrei­ben. Mal gucken, wie das ohne eige­nen Lap­top geht, aber das soll­te eigent­lich schon pas­sen. Ansons­ten wird auch hier und hier von fach­kun­di­gem Per­so­nal live gebloggt.
  • Zu den Bands, die beim Wett­be­werb für Nach­wuchs­künst­ler einen Slot im Spie­gel­zelt ergat­tern konn­ten, zäh­len Black Rust. Die hab ich letz­tes Jahr bei einem ande­ren Nach­wuchs­wett­be­werb in Bochum gewin­nen sehen (sie erhiel­ten einen Slot beim letzt­jäh­ri­gen Area-4-Fes­ti­val, das dann nie statt­fand) und fand sie sehr gut. Das soll­te man also nach Mög­lich­keit auch noch mit­neh­men.
  • Als letz­te Nach­no­mi­nie­rung fürs „offi­zi­el­le“ Auf­ge­bot ticker­te ver­gan­ge­ne Woche Kate Nash her­ein. Die jun­ge Dame gilt schon als neue Lily Allen (wur­de ja auch lang­sam Zeit …) und ist mit ihrer Sin­gle „Foun­da­ti­ons“ aktu­ell auf Platz 2 der bri­ti­schen Sin­gle­charts. Spie­len wird sie am Don­ners­tag um 18 Uhr im Zelt – das könn­te knapp wer­den.
  • Apro­pos Zelt und knapp: Sie haben es tat­säch­lich getan. Erst­mals in der Geschich­te des Hald­ern Pop wer­den sich Kon­zer­te (absicht­lich) über­lap­pen. Am Frei­tag ist das für mich per­sön­lich nicht so tra­gisch, weil zwi­schen Spi­ri­tua­li­zed und The Elec­tric Soft Para­de genug Zeit liegt, um vom Platz ins Spie­gel­zelt zu gelan­gen. Theo­re­tisch zumin­dest, denn in den letz­ten Jah­ren war das schmu­cke Zelt fast immer bis an den Rand gefüllt – das kommt halt davon, wenn man Bands ein­lädt, die jeder sehen will. Schwie­ri­ger wird der Sams­tag, denn ich kann nicht gleich­zei­tig bei Jan Delay & Dis­ko No. 1 und Ghosts sein. Im Zwei­fels­fall muss Herr Ver­zö­ge­rung dann vor einer Lukas-frei­en Zuschau­er­schaft spie­len. Scha­de eigent­lich.
  • Zuletzt das wich­tigs­te: Hof­fen wir mal, dass sich die Wet­ter­vor­her­sa­gen (Regen­wahr­schein­lich­keit ab Frei­tag Abend: 0%) bestä­ti­gen. Beim drit­ten Regen-Hald­ern in Fol­ge wür­de ich näm­lich mei­ne Fes­ti­val­be­su­cher­kar­rie­re been­den. Eigent­lich bin ich eh schon viel zu alt, um im Zelt zu schla­fen und not­dürf­tig auf­ge­wärm­te Dosen­sup­pen zu essen. Auf der Fes­ti­val­sei­te gibt es aber ein Tem­pe­ra­tu­ren-Tipp­spiel, bei dem man bis Don­ners­tag teil­neh­men kann.

Haldern Pop 2002

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Film Sport

Deine Mutter!

Etwa ein­mal in der Woche gucke ich, was es bei apple.com für neue Trai­ler gibt. Bei mei­nem letz­ten Kon­troll­gang erblick­te ich ein Pla­kat für „Beowulf“, erin­ner­te mich an die Vor­le­sung „Midd­le Eng­lish Lite­ra­tu­re“ im zwei­ten Anglis­tik-Semes­ter und guck­te mir den Trai­ler an.

Nach unge­fähr drei Vier­teln kam eine Stel­le, bei der ich dach­te: „Also das sah jetzt aber gera­de irgend­wie bil­lig ani­miert aus …“ – dann stell­te ich fest, dass der kom­plet­te Trai­ler (und damit natür­lich auch der Film) com­pu­ter­ani­miert ist. Die Gesich­ter von Ray Win­stone, Ange­li­na Jolie, Brendan Glee­son, Antho­ny Hop­kins, Robin Wright Penn, John Mal­ko­vich – alle aus dem Com­pu­ter. Uff!

Natür­lich stellt sich da irgend­wie die Fra­ge, war­um man der­art nam­haf­te Schau­spie­ler nicht ein­fach „in echt“ im Film auf­tre­ten lässt. Ande­rer­seits ist es nach „Sky Cap­tain And The World Of Tomor­row“ und „Sin City“, die kom­plett vor einer Blue bzw. Green Screen gedreht und mit digi­ta­len Hin­ter­grün­den ver­se­hen wur­den, ja nur noch ein wei­te­rer Schritt, auch gleich die Schau­spie­ler mit zu ani­mie­ren. Sowas wur­de sogar schon mal gemacht, z.B. bei „Polar Express – und des­sen Regis­seur Robert Zeme­ckis („Zurück in die Zukunft“, „For­rest Gump“, „Cast Away“, …) führt jetzt auch bei „Beowulf“ Regie.

Bei einem kur­zen Blick in die IMDb stell­te ich dann noch fest, dass das Dreh­buch vom phan­tas­ti­schen Neil Gai­man und vom frü­he­ren Taran­ti­no-Hel­fer Roger Ava­ry stammt. Da kann eigent­lich nichts mehr schief gehen, zumal Gai­man den Film als „cheerful­ly vio­lent and stran­ge take on the Beowulf legend“ ange­kün­digt hat.

P.S.: Wer den Zusam­men­hang zwi­schen Über­schrift und Inhalt die­ses Ein­trags ohne Nach­zu­gu­cken (also goo­geln) her­stel­len kann, darf sie als bewan­dert in mit­tel­eng­li­scher Lite­ra­tur betrach­ten.

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Digital

Spiegelkinder

Im letz­ten Jahr­tau­send, als ich noch die „Com­pu­ter Bild“ gele­sen habe (die mir erklär­te, wie man unter „Word 97“ einen Flip­per star­ten kann, und dass man das Wort „Brow­ser“ als „Brau­ser“ aus­spricht), zeich­ne­ten sich deren Arti­kel durch teils erschüt­tern­de „Wort­spie­le“ in der Über­schrift aus. Ich erin­ne­re mich an „Brenn­punkt CD“, „Eulen nach Daten“ und „Han­dy hoch“ oder sowas in der Art.

Heu­te brau­che ich kei­ne „Com­pu­ter Bild“ mehr. Heu­te habe ich „Spie­gel Online“:

“Fluch der Karibit” bei “Spiegel Online”

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Rundfunk Leben Fernsehen

Irrationale Ängste

Als ich ges­tern „Das Model und der Freak“ sah, dach­te ich, dass es doch ein biss­chen beun­ru­hi­gend wäre, wenn dort ein­mal ein ehe­ma­li­ger Klas­sen­ka­me­rad als „Freak“ auf­tauch­te. Mög­li­cher­wei­se hät­te man sich mit unüber­leg­ten puber­tä­ren Sprü­chen oder der Wahl des Betref­fen­den zum „Schü­ler, der ein­mal in den Nach­rich­ten erschei­nen wird“ in der Abizei­tung mit­schul­dig dar­an gemacht, dass der Arme nun von halb­nack­ten Models in küchen­psy­cho­lo­gi­sche Gesprä­che ver­wi­ckelt wird.

Dann dach­te ich: Noch tra­gi­scher wäre doch, wenn man als Frau vor dem Fern­se­her sitzt und sei­nen Ex-Freund durch eine sol­che Sen­dung gescheucht sieht. Der neue Lebens­part­ner (oder gar Ehe­mann) sitzt mit einem Tel­ler Möh­ren und einer Schüs­sel Kräu­ter­quark auf dem Sofa neben einem und man muss jetzt ganz genau über­le­gen, ob das die rich­ti­ge Situa­ti­on ist, ihm sei­nen Vor­gän­ger vor­zu­stel­len.

Dann erin­ner­te ich mich an ein Gespräch, das ich mal in einem Café mit­be­kom­men hat­te: Eine jun­ge Frau erzähl­te einer ande­ren, sie habe kürz­lich mit ihrem Ex-Freund tele­fo­niert und als sie die­sen gefragt habe, wie es ihm gehe, habe der geant­wor­tet, er sei jetzt mit Sound­so zusam­men und Sound­so war der Name eines Man­nes und der Ex-Freund dem­nach auf ein­mal schwul. Ich konn­te gera­de noch an mich hal­ten, mich zu den bei­den umzu­dre­hen, mich vor­zu­leh­nen und in Rein­hold-Beck­mann-Ton­fall zu fra­gen: „Wie fühlt man sich in einer sol­chen Situa­ti­on? Zwei­felt man da nicht an sei­ner eige­nen Weib­lich­keit?“ Aber dann dach­te ich mir, dass Rein­hold Beck­mann (ob echt oder falsch) der letz­te ist, den man in einer sol­chen Situa­ti­on um sich haben möch­te.

Frü­her, als es im Fern­se­hen nur drei Kanä­le gab, war man noch sicher: Ins Fern­se­hen kam nur, wer Poli­ti­ker, Sport­ler oder Kan­di­dat bei „Wet­ten, dass…?“ war. Dann kamen die Pri­vat­sen­der und ris­sen die vier­te Wand, von der sie ver­mut­lich nicht mal wuss­ten, dass sie exis­tier­te oder wer sie dahin­ge­stellt hat­te, ein. Aber auch nach über zwan­zig Jah­ren haben die Leu­te auf der Stra­ße nicht begrif­fen, dass die ein­zig ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf eine Fern­seh­ka­me­ra und einen über­dreh­ten Repor­ter ist, schnell weg­zu­lau­fen und wäh­rend der Flucht mit den eige­nen Anwäl­ten zu dro­hen, falls die­ser Irr­sinn aus­ge­strahlt wer­den soll­te. Nein, die Leu­te sind immer noch ganz ehr­fürch­tig, wenn sie von alber­nen Fran­zo­sen, die in ein Baguette spre­chen, oder TV-Total-Mit­ar­bei­tern ange­quas­selt wer­den.

Einen, der die­ses jour­na­lis­ti­sche Sub­gen­re in Deutsch­land „groß“ gemacht hat, sah ich neu­lich in der Esse­ner Innen­stadt: Theo West. Von wei­tem sah ich, wie er unver­mit­telt neben (meist älte­ren) Pas­san­ten auf­tauch­te und sie mit ver­mut­lich dadurch schon so weit irri­tier­te, dass sie ihm spä­ter glau­ben wür­den, Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel habe auf dem Esse­ner Wochen­markt einen Stand mit selbst­ge­koch­ter Wal­nuss­mar­me­la­de eröff­net (oder was immer er ihnen erzähl­te). Ich merk­te, dass ich kalt­schwei­ßig wur­de und instän­dig hoff­te, die­ser Knilch möge an mir vor­über­ge­hen. Ich hät­te ver­sucht sein kön­nen, wit­zig oder schlag­fer­tig zu sein (zwei Eigen­schaf­ten, die ich für mich nie in Anspruch genom­men habe), und das hät­te neben einem sol­chen Voll­pro­fi rich­tig pein­lich wir­ken kön­nen. Da hät­te nur noch apa­thi­sches Stie­ren direkt in die Kame­ra eine Aus­strah­lung ver­mas­seln kön­nen (so bin ich mal dem dama­li­gen Musik­sen­der Viva ent­kom­men).

Aber selbst, wer die Esse­ner, Köl­ner und Ber­li­ner (wo man immer­hin noch von Cars­ten van Rys­sen ver­arscht wer­den konn­te) Innen­stadt mei­det, ist nicht mehr sicher: Seit neu­es­tem läuft man auch zuhau­se Gefahr, von Sen­dun­gen wie „Quiz-Tour“ beläs­tigt zu wer­den. Mein schlimms­ter Alp­traum indes wäre, dass Tine Witt­ler bei mir klin­gel­te, um medi­ter­ra­ne Wisch­tech­nik und Stau­raum in mei­ne vier Wän­de zu brin­gen, auf dass ich zukünf­tig lie­ber unter einer Brü­cke schlie­fe als daheim. Wo sind die Leu­te, die immer mit dem Grund­ge­setz wedeln, eigent­lich, wenn öffent­lich der­art gegen die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung ver­sto­ßen wird?

All dies sind natür­lich Extrem­bei­spie­le; Ängs­te, die – wie die aller­meis­ten Ängs­te – unbe­grün­det sind. So habe ich jah­re­lang wie­der­holt geträumt, in einem Fahr­stuhl zu sein, der wahl­wei­se abstürzt oder nach oben durch die Decke schießt. Das ist inso­fern fas­zi­nie­rend, als ich im wachen Zustand kei­ner­lei Pro­ble­me mit gro­ßen Höhen oder Fahr­stüh­len habe – mit der Ein­schrän­kung, dass ich pani­sche Angst davor habe, gemein­sam mit Jür­gen Drews und Gül­can Karahan­ci in einem Fahr­stuhl ste­cken zu blei­ben. Da ich aber weder dem „König von Mal­lor­ca“, noch der Plau­der­ta­sche von Viva bis­her begeg­net bin, basiert auch die­se Angst mehr auf der vagen Mög­lich­keit, ein sol­ches Ereig­nis kön­ne ein­tre­ten, als auf per­sön­li­chen Erfah­run­gen. Noch unwahr­schein­li­cher ist ledig­lich der Traum, den ich kürz­lich hat­te, und in dem ich zum Bun­des­vor­sit­zen­den der Jun­gen Uni­on gewählt wor­den war. Der war aber auch schreck­lich.

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Leben

Eisen- und Haushaltswaren

Ich hof­fe doch, ich tre­te nie­man­dem zu nahe, wenn ich schrei­be, dass die Lek­tü­re von Pres­se­mit­tei­lun­gen der Poli­zei Bre­men bis­her nicht zu mei­nen Hob­bies gehör­te, weil ich mir ein­fach nicht vor­stel­len konn­te, dass die Ereig­nis­se in der Han­se­stadt für mich als Bochu­mer (und wir haben immer­hin Toto & Har­ry) unter­halt­sam sein könn­ten.

Ich habe mich geirrt:

POL-HB: Nr: 0447 – Poli­zei spreng­te alle Ket­ten

Bre­men (ots) – -
Ort: Bre­men, Flie­der­stra­ße
Zeit: 26. Juli 2007, 10.50 Uhr

Die “ fes­seln­den Momen­te des Lebens“ erleb­te ges­tern Mor­gen eine 23-jäh­ri­ge Bre­me­rin, und das gleich über meh­re­re Stun­den. Die jun­ge Frau bat die Poli­zei über Not­ruf um Hil­fe, da sie der­zeit ans Bett gefes­selt sei. Als die Beam­ten bei der ver­meint­lich hilf­lo­sen Frau ein­tra­fen, war die Erleich­te­rung bei der 23-Jäh­ri­gen groß. Nach einer Par­ty am Vor­abend, die sich durch den groß­zü­gi­gen Aus­schank alko­ho­li­scher Geträn­ke offen­bar recht kurz­wei­lig gestal­te­te, über­mann­te die letz­ten Gäs­te dann auch noch der Über­mut. Bevor sie die Ört­lich­keit ver­lie­ßen, ket­te­ten sie die Gast­ge­be­rin ein­ver­nehm­lich mit einem Paar Hand­schel­len an den Bett­pfos­ten und ver­schwan­den fei­xend in den grau­en Mor­gen. Nach ein paar Stun­den Schlaf woll­te sich die jun­ge Frau befrei­en, stell­te dann aber kon­ster­niert fest, dass nicht das mit rotem Plüsch ver­se­he­ne Paar Hand­fes­seln benutzt wur­de, wel­ches sich per Hand öff­nen lässt. Viel­mehr kam eine Neu­erwer­bung des dort offen­sicht­lich zu den Haus­halts­wa­ren zäh­len­den Arm­schmucks zum Ein­satz. Für die­ses Paar fehl­te jedoch der Schlüs­sel, so dass die hand­werk­li­chen Fähig­kei­ten der Poli­zei­be­am­ten gefor­dert waren. Mit einem Bol­zen­schnei­der wur­de die Ket­te durch­trennt, und mit einem Draht konn­ten die Fes­seln auf­ge­schlos­sen wer­den. Ohne den wei­te­ren Ver­lauf der recht unter­halt­sa­men Par­ty genau­er zu hin­ter­fra­gen, ver­lie­ßen die Beam­ten dis­kret den Ort des Gesche­hens.

[via „Spie­gel Online“]

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Rundfunk Sport

Klare Fronten und ’ne Schüppe voll Sand (Eurosport Revisited)

Als ich die Her­ren Migels, Jansch und Schulz vor zwei­ein­halb Wochen ken­nen­lern­te, war ich ja eher amü­siert. Es stell­te sich aber her­aus, dass die Kom­men­ta­to­ren bei ARD und ZDF nicht nur nicht bes­ser waren, sie waren letz­te Woche auch ein­fach weg. Und da die Sat.1‑Leute schlicht­weg nicht zu ertra­gen sind, habe ich dann doch die letz­ten Wochen mit Migels, Jansch und Schulz ver­bracht, sie sind mir inzwi­schen ans Herz gewach­sen. Am Sonn­tag ist die Tour zu Ende (und wer weiß, was im nächs­ten Jahr sein wird), des­halb habe ich heu­te noch ein­mal genau hin­ge­hört:

Jansch: Das Klos­ter und die Kir­che von Not­re Dame, gele­gen im klei­nen Ört­chen Simor­re, das in der Gas­cao­gne liegt – also heu­te ’n gan­zes Stück durch die­se Land­schaft, wir haben’s vor­ges­tern, Nein: ges­tern schon mal erwähnt, dass sie sich bis zum Nor­den der Aqui­taine erstreckt – von den Pyre­nä­en aus gese­hen. Hier die Namens­ein­blen­dung für die­se aus dem 13. Jahr­hun­dert stam­men­de kirch­li­che Ein­rich­tung – und wir wer­den in die­sem Bau­stil heu­te sicher­lich noch ’ne gan­ze Men­ge von Schlös­sern, Bur­gen und Kir­chen zu Gesicht bekom­men, in den nächs­ten Tagen wird’s dann ein biss­chen zisel­lier­ter, da ist der Bau­stil nicht mehr so grad­li­nig, die Stei­ne nicht mehr so wuch­tig und die Fron­ten nicht mehr so klar.

Beson­ders inter­es­sant wer­den man­che Gedan­ken­sprün­ge, wenn man nicht unent­wegt auf den Bild­schirm starrt und einem des­halb man­che Kon­text­wech­sel ver­schlos­sen blei­ben:

Jansch: Einer der bei­den Caisse-d’Éparg­ne-Kapi­tä­ne, näm­lich Val­ver­de, soll­te zugleich auch der bes­te Sprin­ter des Teams sein – ich weiß nicht, ob ihm viel­leicht die­se Nach­führ­ar­beit die­nen soll. [Ein rie­si­ges Son­nen­blu­men­feld kommt ins Bild] Mein Gott, hier wür­de van Gogh sicher­lich das Herz auf­ge­hen.