Voll auf die … Ach, lassen wir das!

Von Lukas Heinser, 8. März 2007 14:38

Den Deutschen sagt man ja (neben vielem anderen) auch ein etwas gestörtes Verhältnis zur Popkultur nach. Wenn also die Veröffentlichung eines neuen Tonträgers in jedem Medium von der F.A.Z. bis zur „Vanity Fair“, von „Wetten dass…?“ bis zu MTV thematisiert wird, dann ist das schon etwas ganz besonderes. Herbert Grönemeyer ist populärer als jeder andere deutsche Musiker und so über jeden Zweifel erhaben wie andernorts Bob Dylan. Eine CD-Besprechung verbietet sich fast von selbst, denn kein noch so kritischer Musikjournalist mag an Grönemeyer herummäkeln. Er ist einfach eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn er das selber nicht hören mag. In den letzten Wochen hat Grönemeyer so viele Interviews gegeben, dass man als aufmerksamer Medienkonsument mittlerweile an seiner statt Interviews geben könnte (was aktuell übrigens auch für Christoph Maria Herbst und den Start der dritten „Stromberg“-Staffel gilt).

Jetzt kreist „Zwölf“ endlich seit ein paar Tagen in meinem CD-Laufwerk und in der Tat habe ich keine Ahnung, was ich darüber schreiben sollte. Wie schon bei „Mensch“ bin ich mir sicher, dass es sich um ein wichtiges Album mit ausgefeilter Musik und klugen Texten handelt, und wieder hab ich keine Ahnung, ob mir das Album persönlich jetzt sehr viel oder gar nichts bedeutet. Dieses Gefühl habe ich wirklich nur bei Platten des Ex-Bochumers. (Wäre dies ein Zeitungsartikel, hätte der Textchef gerade „Ex-Bochumer“ durchgestrichen und „Wahl-Londoner“ hingeschrieben. Aber Lokalpatriotismus ist halt stärker als der Drang zum Mainstream-Synonym.) Schon beim ersten Hören kommt einem die Musik seltsam vertraut vor und selbst wenn Grönemeyer immer wieder betont, wie unwichtig ihm selbst die Texte eigentlich seien: in jedem Lied findet sich mindestens eine Zeile, die man unter „Das hat er wieder sehr schön gesagt“ in sein Notizbüchlein kritzeln möchte.

Und weil mir immer noch zwei Tonnen Hermeneutik und die eigene diffuse Erwartung den Zugang dem Werk versperren, stattdessen hier ein paar Fakten und Beobachtungen:

  • Aus Gründen, die wohl nur der Plattenfirma EMI bekannt sind, erscheint die CD in einer „Super Jewel Box“. was eine normale CD-Hülle mit abgerundeten Ecken ist. Sieht im Regal total dämlich aus und man kommt schlecht ans Booklet ran. Aber weil Universal in Europa mit dieser Unsitte angefangen hat (richtige CD-Hüllen gibt es noch in den USA), musste EMI wohl nachziehen.
  • Für die epische Single „Stück vom Himmel“ scheint Nick Ingham schon wieder den gleichen Streichersatz verwendet zu haben, den er auch schon bei „Whatever“ von Oasis und zuletzt bei Grönemeyers eigenem „Demo (Letzter Tag)“ verbraten hat.
  • „Marlene“ klingt ein bisschen wie Peter Gabriel und behandelt auch ähnlich schwere Themen wie der Ex-Genesis-Sänger: Aids in Afrika.
  • „Ich versteh“ erinnert wegen seines prominenten Bass-Einsatzes an Kompositionen von Sting. Also an die wirklich guten Sachen von Sting.
  • In „Zieh deinen Weg“ singt Grönemeyer „Sei aus Unsicherheit nicht arrogant / Hab immer Mitgefühl als Unterpfand“. Es handelt sich damit erst um das zweite mir bekannte Lied, in dem das Wort „Unterpfand“ vorkommt. Das andere ist die deutsche Nationalhymne.
  • Lied 12 („Liebe liegt nicht“) fängt an wie irgendwas von Kaizers Orchestra. Danach spielt Fran Healy von Travis die Akustikgitarre (und ich bilde mir ein, ihn auch im Chor singen zu hören). Deren letztes Album hieß „12 Memories“ und hatte auch zwölf Stücke, was eine nicht gerade unspannende Parallele zu Grönemeyers „Zwölf“ ist.
  • „Zwölf“ ist nicht der letzte Eintrag, wenn ich meine iTunes-Bibliothek alphabetisch nach Albumtiteln sortiere. Danach kommt noch (warum auch immer) „ZZYZX“ von Zeromancer.

Doch, ich finde das Album schon sehr gut. Vielleicht ist es einfach normal, dass mich Grönemeyer-Alben nicht voll ins Herz treffen. Aber gerade der streichergetränkte Abschluss sorgt schon für Glücksgefühle. Die werden übrigens noch größer, wenn ich gerade noch eben die anderen Achtziger-Jahre-Deutschrockgrößen abhake: Westernhagen: lange nichts mehr gehört, hoffentlich bleibt das so; Maffay: schreibt Kindermusicals und stemmt bei Thomas Gottschalk Gewichte; Nena: ach, schweigen wir über Nena; Heinz Rudolf Kunze: tritt heute Abend beim Grand-Prix-Vorentscheid an. Damit wäre dann wohl alles gesagt.

Ein Kommentar

  1. David
    8. März 2007, 22:44

    Erst durch diesen Text ist mir das inflationäre Vorkommen von Streichern in von mir gern gehörter Musik aufgefallen. Darum hier Musik, die, nichts Grönemeyer, einfach besser, weil gehaltvoll ist — der Einfachheit halber alphabetisch:

    Amon Tobin – Foley Room (die Streicher-Samples wurdem vom Kronos Quartet eingespielt)
    The Arcade Fire – Neon Bible
    Joanna Newsom – Ys

    Das musste ich halt mal kurz ‚rauslassen.