Die folgenden beiden Meldungen stehen in keinerlei Kontext zueinander (nehme ich an). Sie zeigen nur die Bandbreite der Ereignisse, mit denen sich eine sympathische Kleinstadt am rechten Niederrhein zur Zeit so herumschlagen muss:
So ganz kann ich das ja nicht verstehen, warum Menschen mit einer Videokamera Filme nachdrehen oder parodieren. Aber es kommen mitunter sehr lustige Sachen dabei heraus, wie zum Beispiel diese Y‑Chromosomen-Variante von „Juno“:
Widmen wir uns zurAbwechslung doch mal etwas Erfreulichem: Meine gute Freundin Martina Drignat hat ihre Internetseite taubenstrasse.de gerelauncht.
Dort finden Sie „Medienkunst & Fotografie“ und wenn Sie sich darunter nichts vorstellen können: Martina hat unter anderem die Website von kettcar gestaltet, das Artwork der Kilians-CD (womit ich nichts zu tun hatte!) und das Layout Logo des sehr empfehlenswerten Internetmusikmagazins mainstage.de. Außerdem können Sie sich dort – je nach Geschmack – Fotos von Katzen, Schafen und Stoppelfeldern ansehen, sowie Porträts und Livefotos von zahlreichen Musikern.
Ich würde mich freuen, wenn Sie dort mal vorbeischauen und sich zumindest durch einen Teil der paarhundert Bilder klicken würden. Schließlich sind das endlich mal Bildergalerien, die keine IVW-Zahlen und Werbeeinnahmen hochtreiben.
Eigentlich sitze ich gerade an einem Text, in dem ich mal besonders gelungenen Journalismus vorstellen möchte. Dann allerdings bekam ich den Link zu einem YouTube-Video geschickt, das eine solch erschütternde Journalismusattrappe zeigt, dass ich (nachdem ich eine Viertelstunde zu den Klängen von Thursday mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen habe) mich erst einmal darüber auskotzen muss.
Das Video zeigt einen Beitrag aus der gestrigen Ausgabe von „Explosiv – Das Magazin“ auf RTL, hat also genau genommen gar nichts mit Journalismus am Hut. Allerdings haben 1,79 Millionen Menschen diese Sendung gesehen und die Vorstellung, dass auch nur einer diese Infotainment-Parodie ernst genommen haben könnte, macht mir Angst.
Es ging um Emos und weil viele Zuschauer vielleicht nicht wissen was das ist (Chance zum schlechten Witz mit australischen Laufvögeln verpasst), erklärt die Moderatorinnendarstellerin das Ganze noch mal kurz:
„Emo“ kommt von „emotional“ und Teenager, die dieser Bewegung anhängen, kleiden sich merkwürdig.
Außerdem neigten die Jugendlichen zu Depressionen, ritzten sich teilweise die Haut auf und überhaupt habe der Reporter einen Fall gefunden, „wo ein junger Mann sich umgebracht haben soll“.
Dann geht’s los mit blutigen Bildern, entsetzten Eltern und jovialen depressiven Jugendlichen.
Von dem jungen Mann, der „sich umgebracht haben soll“ (also er ist tot, nur ob das mit Emo zusammenhängt, ist nicht klar: er „war wahrscheinlich ein Emo“), wird ein (natürlich unverpixeltes) Bild gezeigt, das er vor seinem Tod „in ein Emo-Forum ins Internet gestellt“ hat. Wir müssen also ganz am Rande auch noch annehmen, dass RTL mal wieder Witwenschütteln 2.0 betrieben hat.
Das Bild zeigt – und jetzt kommt’s – einen grimmig dreinschauenden jungen Mann mit Palästinensertuch vor einem Poster, das wenn ich mich nicht sehr irre, die Metalband Metallica zeigt. D’oh! Weniger Emo geht nun wirklich kaum.
Er trägt das typische Emo-Tuch, ‚Pali‘ genannt.
Journalisten hätten sich vielleicht die Mühe gemacht, den Ursprung der Emo-Bewegung zu erklären. Man hätte sehr weit ausholen und bis zu Embrace (US), Rites Of Spring, Fugazi und The Promise Ring gehen können, wenn man sich mit der ursprünglichen Emo-Szene unter musikalischen Aspekten hätte beschäftigen wollen, man hätte aber wenigstens über Unsicherheit, Einfühlungsvermögen und Hoffnungslosigkeit sprechen können. Im Feuilleton hätte man Parallelen zum Sturm und Drang, der Jugendbewegung der 1770er Jahre, geschlagen, in jedem Fall hätte man aber sagen müssen, dass der Begriff „Emo“ in etwa so schwammig sei wie der des „Jugendlichen“ und dass man sich im folgenden auf einen kleinen Kreis beschränken und holzschnittartige Verallgemeinerungen auffahren müsse. Dafür aber war in einem Sechsminüter kein Platz.
Das Wort „Emo“ war also im folgenden ein Platzhalter für „merkwürdig gekleidete Jugendliche, die sich alle immer die Arme aufschneiden, was wir aus dem Internet wissen, die das aber vor unserer Kamera nicht zugeben wollen“.
RTL machte aber nicht nur so grobe inhaltliche Fehler, der Beitrag war bis ins kleinste handwerkliche Detail schlecht. Immer wieder wurden in Großaufnahme die gleichen sensationslüsternen Bilder von aufgeschnittenen Gliedmaßen gezeigt, die wer-weiß-woher stammten. Ja, sie haben es noch nicht einmal geschafft, Texteinblendungen und Off-Sprecher auf eine Linie zu kriegen: zu den aus dem Kontext irgendeines „Emo-Forums“ gerissenen (und offenbar in MS Paint gesetzten) Worten „es ist allen SCHEIß EGAL!!!!“ sagt die um Bedeutungsschwere und Dramatik bemühte RTL-Standardstimme, es sei „alles“ scheißegal.
Der aufgetane Psychologie Dr. Christian Lüdke wirft Emos und Satanisten munter in einen Topf, spricht von der „Faszination des Abscheulichen“ und sagt, Emos wollten „provozieren“. Als nächstes erklärt der Sprecher, „sie“ (es geht also in jedem Moment um ausnahmslos alle Emos) seien „beziehungsgestört, aber sie demonstrieren Nähe“. Ähnlich informativ wäre es zu behaupten, Menschen seien allesamt weiblich, hätten blaue Augen und ein Bein: alles trifft ja sicher in einigen bis etlichen Fällen zu, wer würde sich da noch mit Rasierklingenspalterei aufhalten wollen?
Sie sind lieb zueinander und geben sich harmlos vor der Kamera – doch im Internet zeigen sie ihre wahren Abgründe: ich lebe, doch eigentlich bin ich schon tot.
Eine Mutter ist der Meinung, dass es andere Dinge gäbe, die Jugendliche machen könnten, als zusammen zu ritzen, zu saufen und zu kiffen. Ich muss zugeben, das Bild, das in diesem Moment in meinem Kopf entstand, hatte was: zwanzig misanthropische Straight-Edger sitzen zusammen in einem elterlichen Wohnzimmer, trinken Hansa-Pils, rauchen Gras und sägen – alle zusammen und jeder für sich – an ihren Unterarmen rum.
Es gibt vielfältige Beweise dafür, dass Emos zur Selbstverstümmelung neigen.
Diese „Beweise“ sind irgendwelche Bilder mit morbider Szenerie: von der Decke baumelnde Körper, verwahrloste Mädchen, die Herzen auf eine Wand malen, Rasierklingen in der Unterlippe. Oder mit anderen Worten: alles, was die Google-Bildersuche nach dem Begriff „Emo“ so hergab.
Eine zugegebenermaßen gelungene Szene ist der Dialog zwischen drei Emo-Mädchen und einem Styler, bei dem die Ach-so-Einfühlsamen plötzlich gar nicht mehr so genau erklären können, was sie eigentlich sind und sich händchenhaltend in eine hilflose Diskussion stürzen, die sie anschließend als „typisch“ bezeichnen.
Hier wäre die Gelegenheit gewesen, das, was heute „Emo“ genannt wird, als die Pose zu entlarven, die sie oft genug nur noch ist. Als Bricolage aus Punk, Gothic, Visual Kei, Rockabilly und Hello Kitty. Stattdessen wird die anti-aufklärerische Panikmache noch auf die Spitze getrieben.
Emos: offenbar eine typische Erscheinung der Pubertät. Leichtfertig wird hier mit der Selbstverstümmelung kokettiert. Und es gibt viele Jugendliche, die das toll finden, die ziemlich naiv in diese Sackgasse tappen.
„Naiv“ und „Sackgasse“ sind freilich Begriffe, die für diesen unfassbaren Beitrag noch wohlwollend wären.
Liebe Eltern, die Sie jetzt denken „Hilfe, mein Kind ist Emo! Wie krieg ich die Beerdigung bezahlt?“: bitte glauben Sie nicht diesen enthirnten Schwachsinn, den RTL gestern Abend in Ihre Kacheltisch-Wohnzimmer gesendet hat. Wenn Sie ungefähr verstehen wollen, was Emo ist, Sie also Ihr Kind verstehen wollen, greifen Sie bitte zu „Everybody Hurts“ von Leslie Simon und Trevor Kelley. Dafür müssen Sie etwas Englisch können, aber hinterher wissen Sie wenigstens, worum es geht.
Wenn das Jahr so weiter geht, wird am Ende fast jeder meiner Lieblingskünstler ein neues Album veröffentlicht haben. Bereits erschienen sind ja schon die Alben von R.E.M., kettcar, Coldplay, Death Cab For Cutie, Sigur Rós und Nizlopi, von Travis gab es die (recht gelungene) „J. Smith EP“, das Album dazu kommt im Herbst. Ebenfalls bereits erschienen ist das Solodebüt von Jakob Dylan (The Wallflowers).
Gestern Abend startete im ZDF mit Woody Allens „Match Point“ die sechzehnte Auflage der „Sommernachtsphantasien“. In dieser Filmreihe zeigt der Sender seit 1993 im – Sie ahnen es – Sommer erotische Filme.
Vielleicht hätte man das dem Menschen mitteilen sollen, der bei „RP Online“ über die Reihe schreiben musste:
Der Vorstoß des „Zweiten“ kommt unerwartet. Eigentlich passt die Serie eher zu Sendern wie RTL II oder Vox. Dennoch wagt sich nun auch der als züchtig bekannte Sender mit sechs mehr oder weniger erotischen Streifen wie Woody Allans „Matchpoint“ oder Clément Virgos „Mein erster Mord“ in neue Gebiete vor.
Auch sonst wirkt der Artikel, der natürlich von einer 20-teiligen Bildergalerie mit Szenenbildern aus den Filmen der „Sommernachtsphantasien“ begleitet wird, seltsam schlecht gelaunt und … bieder:
Auch wenn die Filme alle samt nicht aus Deutschland stammen, so halten zumindest hiesige Beispiele wie Charlotte Roche und ihr Bestseller „Feuchtgebiete“ oder Skandal-Rapperin Lady „Bitch“ Ray mit ihrem tabulosen Auftritt bei „Schmidt & Pocher“ als Argumente für mehr Erotik und Sex im öffentlich-rechtlichen Fernsehen her.
Sie finden die Erwähnung von Charlotte Roches Romanerfolg „Feuchtgebiete“ ein wenig arg bemüht? Nun, unter Medienjournalisten scheint er gerade schwer in Mode zu sein, denn auch im „Kölner Stadt Anzeiger“ steht zum Start der „Sommernachtsphantasien“:
Woody Allans „Matchpoint“ ist heute (22.15 Uhr) der softe Auftakt der „Sommernachtsfantasien“, die sich in diesem Jahr weiter in jene „Feuchtgebiete“ wagen, von denen man annahm, sie würden nächtens nur von Privatsendern betreten: die blonde Schauspielerin Nola (Scarlett Johansson) zieht den schönen Tennislehrer Chris (Jonathan Rhys Meyers) in einen Strudel von Begehrlichkeiten.
Es ist ein eher softer Aufschlag für eine Filmreihe, die sich immer weiter in Regionen vorwagt, von denen man dachte, sie würden eher von RTL II beackert werden. Das ZDF hat die so genannten „Feuchtgebiete“ entdeckt.
Jetzt sagen Sie natürlich zu Recht, die beiden Zitate klängen ein wenig ähnlich. Das könnte daran liegen, dass die Artikel in der „Welt“ und im „Kölner Stadt Anzeiger“ beide von Antje Hildebrandt geschrieben wurden. Die kleinen Umformulierungen, die die beiden Artikel anfangs unterscheiden, hören irgendwann auf, bis beide Artikel einigermaßen wortgleich enden.
Wie gesagt: die Artikel bei „Welt“ und „Kölner Stadt Anzeiger“ stammen beide von der gleichen freien Journalistin, was man moralisch diskutieren könnte, urheberrechtlich aber einwandfrei ist. Der Artikel bei „RP Online“ hingegen, der sprachlich und strukturell an die beiden anderen erinnert, den hat Frau Hildebrandt nach eigenen Angaben nicht geschrieben.
Schauen wir uns die letzten drei Absätze bei „RP Online“ doch einmal im direkten Vergleich zu den (insgesamt wesentlich längeren) Hildebrandt-Texten an:
„RP Online“
„Welt“
„Kölner Stadt Anzeiger“
Richtig schlüpfrig wird es dagegen erst im letzten Teil am 11. August. Dann sendet das ZDF in „Liebe Mich“ („Lie with me“) einen Streifen, der schon bei der Erstausstrahlung auf der Berlinale 2006 unter anderem Aufsehen erregte.
Als „schärfstes“ Betthupferl verkauft ZDF-Redakteurin Doris Schrenner jedoch den kanadischen Film „Lie with me“ (auf deutsch: „Liebe mich!“), der auf der Berlinale 2006 erhebliches Aufsehen erregte – in erster Linie wegen seiner expliziten Sexszenen.
Als „schärfstes“ Betthupferl bewirbt ZDF-Redakteurin Doris Schrenner den kanadischen Film „Lie with me“ („Liebe mich!“), der auf der Berlinale 2006 Aufsehen erregte – in erster Linie wegen seiner expliziten Sexszenen:
Das ZDF verweist in der Diskussion um die schärfsten „Sommernachtsphantasien“ in der 16-jährigen Geschichte der Reihe unterdessen auf die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Diese erteilt den Filmen eine Freigabe ab 16 Jahren und stellt dem ZDF damit die Erlaubnis für eine Ausstrahlung nach 22 Uhr aus.
Fragt man Doris Schrenner aus der ZDF-Spielfilmredaktion, nach welchen Aspekten sie und ihr Kollege Manfred Etten die Filme für die Reihe „Sommernachtsfantasien“ auswählen, verweist sie auf das Gütesiegel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): Freigegeben ab 16 Jahren.
Fragt man Doris Schrenner aus der ZDF-Spielfilmredaktion, nach welchen Aspekten sie und ihr Kollege Manfred Etten die Filme für die Reihe „Sommernachtsfantasien“ auswählen, verweist sie auf das Gütesiegel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): Freigegeben ab 16 Jahren.
Außerdem erreiche den Sender nur äußerst selten Beschwerdepost wegen zu freizügigen Aufnahmen. Ein echtes Phänomen – wenn es dabei bleibt.
Beschwerden, nein Beschwerden über allzu freizügige Aufnahmen erreichten den Sender nur selten.
Beschwerden über allzu freizügige Aufnahmen erreichten den Sender nur selten.
Sogar die falsche Schreibweise von Woody Allens Namen in Frau Hildebrandts Artikeln („Allan“) taucht im Text von „RP Online“ wieder auf.
Meine Frage, wie man sich diese frappierenden Ähnlichkeiten erklären könne, hat „RP Online“ noch nicht beantwortet.
Nachtrag, 17:53 Uhr: Jetzt kam doch noch eine Antwort aus der Online-Redaktion. Hier der vollständige, von Grußformeln bereinigte Wortlaut:
[S]icherlich hat unser Autor einen Text zu einem Thema geschrieben, das auch Frau Hildebrandt bearbeitet hat. Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.
Nachtrag, 9. Juli 2008, 17:05 Uhr: Sie ahnen nicht, wie „RP Online“ jetzt doch noch auf diesen Blog-Eintrag (und dessen Verlinkung bei Stefan Niggemeier) reagiert hat:
Woody Allan heißt jetzt Allen.
Also dann: „Mein erster Mord“ ist von Nick Guthe und nicht, wie von Euch behauptet, von Clément Virgo. Die Zeit läuft …
Vor einem halben Jahr schrieb ich über den Dokumentarfilm „Schattenkinder“, der mich ziemlich beeindruckt hatte.
Da immer wieder Leute auf der Suche nach dem Film und seinen Ausstrahlungsterminen hier im Blog landen, dachte ich mir, ich weise mal darauf hin, dass der Film am Dienstag, dem 8. Juli um 23:00 Uhr im Südwestfernsehen läuft.
Nachtrag, 8. Juli: Der Leser Christian weist mich darauf hin, dass eine weitere (diesmal offensichtlich einstündige) Ausstrahlung des Films in der Nacht zum 15. Juli um 3:00 Uhr im NDR Fernsehen stattfindet.
Warum der Film heute im SWR nur 30 Minuten dauerte (statt 45 Minuten, wie bei manch anderer Ausstrahlung), weiß ich leider nicht, da ich ihn heute nicht noch einmal gesehen habe.
Auch bevor er seinen Kopf verloren hatte, war der Berliner Wachs-Hitler seit Tagen in der Presse. „Bild“ sah mal wieder eine „Empörung in ganz Deutschland“ (bei der Abstimmung auf Bild.de sind derzeit 77% der Leser der Meinung, dass Hitler als Wachsdenkmal „o.k.“ sei) und Michel Friedman sprang mal wieder über ein Stöckchen, das „Bild“ ihm hingehalten hatte.
Wir haben also in den letzten Tagen jede Menge über den falschen Führer in Berlin gehört, gesehen und gelesen. Wie üblich durfte sich jeder, dessen Empörung nur glaubwürdig genug vorgetragen war, zum Thema äußern.
Aber ist Ihnen in den letzten Tagen und in diesem Zusammenhang mal der Name Stephan Kramer begegnet? Stephan Kramer ist Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland und hatte sich bereits vor gut einem Monat im Gespräch mit der „Netzeitung“ zu dem Thema geäußert:
Kramer sagte zwar, Hitler solle in Berlin keine Touristenattraktion werden. «Wenn eine solche Ausstellung jedoch dabei hilft, unsere Sicht auf Hitler zu normalisieren und ihn zu demystifizieren, dann sollte man es versuchen.»
Dazu gehört für den Zentralrat auch die Beschäftigung mit der Historie: «Zu versuchen, Hitler aus der Geschichte zu löschen, funktioniert nicht und ist kontraproduktiv», sagte Kramer. Dies mache die Opfer des Holocaust nicht lebendig und beseitige nicht die verursachten Schäden und begangenen Verbrechen.
Klingt einigermaßen moderat, nicht? Und möglicherweise schlicht zu unspannend für die Presse, die ja immer auf den großen Skandal aus ist.
dpa und epd haben Kramers wichtigste Aussagen noch am gleichen Tag getickert, in deutlich verkürzter Form tauchte die Meldung Anfang Juni auch in der Berliner „Bild“ auf. Als es jetzt kurz vor der Erinnerung heiß her ging, erinnerte sich kaum noch jemand an Kramers liberale Position.
So stieß ich auf den Namen Stephan Kramer und seine Meinung zum Wachs-Hitler in einem Bericht der BBC über die Köpfung (aus Stephan wurde dort allerdings Stephen).
Dort blieb von der „Empörung in ganz Deutschland“ auch nur noch ein Nebensatz übrig:
Despite some criticism in the media, Stephen Kramer, general secretary of the Central Council of Jews in Germany, said he did not object to Hitler being shown, as long as it was done properly.
Eine kurze Recherche bei Google News ergab, dass Kramer in diesen Tagen genau zwei Mal von der deutschen Presse zum Thema zitiert worden war: heute Morgen in der „Märkischen Allgemeinen“ und nach dem Übergriff in der „Erlebnis-Community“ „Kwick!“
Man sollte sich da nichts vormachen: In der Popmusik ist es immer auch darum gegangen, den Leuten etwas vorzumachen. Authentizität ist unwichtig, gute Absichten sind zweitrangig, fake ist real, irgendwie. Man kann viel Geld mit dieser Erkenntnis machen – oder das, was sich der 26-jährige Musiker Gregg Gillis aus Pittsburgh, Pennsylvania ausgedacht hat. Unter seinem Künstlernamen Girl Talk hat er vor einigen Tagen sein viertes Album „Feed The Animals“ ins Internet gestellt und damit nicht weniger als eines der konsequentesten und aufschlussreichsten Pop-Denkmäler aller Zeiten geschaffen.
„Feed The Animals“ ist eine Platte, die deshalb funktioniert, weil sie das eigentlich ausgelutschte Prinzip des Bastard-Pops mit derartiger Dreistigkeit auf die Spitze treibt, dass die Rechtsabteilungen der verbliebenen Major-Plattenfirmen um Verstärkung durch die amerikanische Nationalgarde bitten mussten. 1 Gillis sampelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist 2 – gleichzeitig und ohne allzu wählerisch zu sein. Eine unvollständige Auflistung bei Wikipedia zählt mehr als 200 Pop‑, Rock‑, HipHop‑, R’n’B- und Metal-Songs, die auf „Feed The Animals“ übereinander gelegt, umeinander gewickelt und miteinander verzahnt werden.
Das Ergebnis davon ist die Geschichte der Popmusik in 54 Minuten und 14 Tracks mit fließenden Übergängen – ein Album, das wegen Gillis‘ musikalischer Sozialisation vor allem mit den letzten beiden Jahrzehnten beschäftigt ist, aber auch die Beach Boys, David Bowie, Prince oder Genesis noch an irgendeiner Stelle verwurstet bekommt. Man kann dann feiern mit „Feed The Animals“, sehr gut sogar. Man kann sich fast noch besser davon entnerven lassen, mit ihm in Erinnerungen schwelgen, an der grandiosen Hohlheit des Ganzen verzweifeln und musikwissenschaftliche Ambitionen als Sample-Jäger mit Lupe und Textmarker ausleben. Am wichtigsten ist aber: „Feed The Animals“ reißt einem die Genre-Grenzen des eigenen Musikverständnisses praktisch von selbst ein; man weiß am Ende: Pop ist alles. Und nichts. Immer gleichzeitig.
Mit anderen Worten: Alles was Popmusik jemals konnte und wollte, steckt in dieser Platte – und Gillis verschenkt sie derzeit über die Homepage seines Labels Illegal Art. Halbgute Menschen zahlen trotzdem fünf Dollar und erhalten die Platte in CD-Qualität und als praktischen Ein-Datei-Endlosstream. Richtig gute Menschen legen noch mal fünf Dollar drauf und bekommen das Album im September zusätzlich als CD zugeschickt.
Das ist – natürlich – gelogen. In einem Interview mit Pitchforkmedia hat Gillis aber zumindest Erstaunen darüber ausgedrückt, dass die bisher einzige Rückmeldung von Business-Seite eine E‑Mail des Managers von Sophie B. Hawkins war. Sie würde gerne mit ihm zusammenarbeiten.[↩]
Eine Methode, nach der auch Gillis‘ erste drei Alben funktioniert haben. Keines davon hat das Konzept allerdings so ambitioniert und popfokussiert ausgereizt wie „Feed the Animals“.[↩]
Da haben die Grafiker bei den „Tagesthemen“ also schon wieder eine falsche Flagge eingeblendet – diesmal die amerikanische.
Und weil vielleicht nicht jeder Deutsche exakt weiß, wie die „Stars And Stripes“ aussehen, erklärt „RP Online“ nochmal, was genau nochmal der Fehler war:
Kurz vor dem Ende der Sendung zeigte die ARD nicht je drei rote und weiße Streifen, sondern drei rote und vier weiße.
Nachtrag, 21:54 Uhr:Wie gesagt: „RP Online“ liest hier mit und stellt jetzt (etwas umständlich) klar:
Kurz vor dem Ende der Sendung zeigte die ARD nicht je drei rote und weiße Streifen am linken Rand unterhalb des Sternenfeldes, sondern einen weißen zu viel.
Heute machen wir’s mal so richtig Dogma-mäßig: Auf Sie wartet ein englischsprachiges Interview, ungeschnitten, gedreht in einer nicht wirklich ruhigen Hotellobby, mit einem Camcorder mit etwas verschmutzten Bild- und Tonköpfen.
Warum Sie sich das antun sollten? Nun, es ist ein Interview mit Ben Folds.
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