Einmal mit allem, bitte

Von Daniel Gerhardt, 5. Juli 2008 16:34

Man sollte sich da nichts vormachen: In der Popmusik ist es immer auch darum gegangen, den Leuten etwas vorzumachen. Authentizität ist unwichtig, gute Absichten sind zweitrangig, fake ist real, irgendwie. Man kann viel Geld mit dieser Erkenntnis machen – oder das, was sich der 26-jährige Musiker Gregg Gillis aus Pittsburgh, Pennsylvania ausgedacht hat. Unter seinem Künstlernamen Girl Talk hat er vor einigen Tagen sein viertes Album „Feed The Animals“ ins Internet gestellt und damit nicht weniger als eines der konsequentesten und aufschlussreichsten Pop-Denkmäler aller Zeiten geschaffen.

„Feed The Animals“ ist eine Platte, die deshalb funktioniert, weil sie das eigentlich ausgelutschte Prinzip des Bastard-Pops mit derartiger Dreistigkeit auf die Spitze treibt, dass die Rechtsabteilungen der verbliebenen Major-Plattenfirmen um Verstärkung durch die amerikanische Nationalgarde bitten mussten.1 Gillis sampelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist2 – gleichzeitig und ohne allzu wählerisch zu sein. Eine unvollständige Auflistung bei Wikipedia zählt mehr als 200 Pop-, Rock-, HipHop-, R’n’B- und Metal-Songs, die auf „Feed The Animals“ übereinander gelegt, umeinander gewickelt und miteinander verzahnt werden.

Das Ergebnis davon ist die Geschichte der Popmusik in 54 Minuten und 14 Tracks mit fließenden Übergängen – ein Album, das wegen Gillis‘ musikalischer Sozialisation vor allem mit den letzten beiden Jahrzehnten beschäftigt ist, aber auch die Beach Boys, David Bowie, Prince oder Genesis noch an irgendeiner Stelle verwurstet bekommt. Man kann dann feiern mit „Feed The Animals“, sehr gut sogar. Man kann sich fast noch besser davon entnerven lassen, mit ihm in Erinnerungen schwelgen, an der grandiosen Hohlheit des Ganzen verzweifeln und musikwissenschaftliche Ambitionen als Sample-Jäger mit Lupe und Textmarker ausleben. Am wichtigsten ist aber: „Feed The Animals“ reißt einem die Genre-Grenzen des eigenen Musikverständnisses praktisch von selbst ein; man weiß am Ende: Pop ist alles. Und nichts. Immer gleichzeitig.

Mit anderen Worten: Alles was Popmusik jemals konnte und wollte, steckt in dieser Platte – und Gillis verschenkt sie derzeit über die Homepage seines Labels Illegal Art. Halbgute Menschen zahlen trotzdem fünf Dollar und erhalten die Platte in CD-Qualität und als praktischen Ein-Datei-Endlosstream. Richtig gute Menschen legen noch mal fünf Dollar drauf und bekommen das Album im September zusätzlich als CD zugeschickt.

  1. Das ist – natürlich – gelogen. In einem Interview mit Pitchforkmedia hat Gillis aber zumindest Erstaunen darüber ausgedrückt, dass die bisher einzige Rückmeldung von Business-Seite eine E-Mail des Managers von Sophie B. Hawkins war. Sie würde gerne mit ihm zusammenarbeiten. []
  2. Eine Methode, nach der auch Gillis‘ erste drei Alben funktioniert haben. Keines davon hat das Konzept allerdings so ambitioniert und popfokussiert ausgereizt wie „Feed the Animals“. []

5 Kommentare

  1. SvenR
    5. Juli 2008, 20:20

    Das klingt so spannend, das muss ich mir gleich mal runterlanden. Danke für den Hinweis!

  2. Marsellinho
    6. Juli 2008, 2:39

    Sehr cool das Ganze. Danke für den Hinweis!
    Hab ich mir grad erst einmal in Gänze auf myspace angehört und konnte das auch nicht wirklich zwischendurch unterbrechen bis es zu Ende war (zumal ich ohnehin ein Fan von solchen „Bastard“-Geschichten bin).

    Allerdings sollte man das wirklich als „One Track“-Album sehen. Die Aufteilung nach 14 Songs macht da nicht so wirklich viel Sinn, dazu ist in der Regel zu wenig „Struktur“ in den jeweiligen Tracks. (Vielleicht lags aber auch daran, dass ich die Wikipedia-Liste die ganze Zeit beim Hören mitverfolgt habe…)

    Aber so als Ganzes, quasi als Pop-Denkmal funktioniert das schon richtig gut.

  3. STU
    6. Juli 2008, 14:28

    Ebenfalls danke für den Tipp! Das ist das interessanteste, was ich seit langem gehört habe!

  4. SteanHater
    7. Juli 2008, 13:34

    Kann mich nur anschliessen. Großes Kino, um, Hörspiel, oder so. Senk ju!

  5. SvenR
    7. Juli 2008, 14:25

    So, hab’s am Wochende ein paar mal gehört.

    Meiner Frau gefällt’s nicht, aber es stört sie auch nicht weiter – anders als bei den Portishead- oder Björk-Gejammer, dass sie unerträglich findet und ich nur noch alleine im Auto höre, und dann so oft, dass es mir auch auf die Nerven geht.

    Was ich total gut finde, ist dass das sowohl als Hintergrundmusik beim Kücheputzen geht, als auch zum sich komplett daraúf einlassen…