Melodien für Melonen

Von Lukas Heinser, 18. Juni 2008 14:31

In der aktuellen Musikwelt gibt es kaum ein weicheres Ziel als Coldplay. Okay: Keane, Britney Spears und Razorlight vielleicht, aber bei denen (zumindest den beiden letztgenannten) ist das ja auch berechtigt. Die einen jammern, die Band sei ja „früher mal“ gut gewesen, die anderen regen sich darüber auf, dass die Leute, die die Band „früher mal“ gut gefunden hätten, diese jetzt wieder gut fänden, wo das neue Album doch ganz klar scheiße sei. Ihnen allen ist gemein, dass sie Coldplay vorwerfen, zu den zweiten U2 geworden zu sein – als wäre das schon das Schlimmste, was einer Band passieren kann, und nicht etwa die zweiten Status Quo, die zweiten Ocean Colour Scene oder die zweiten Razorlight zu sein.1

Coldplay haben bis heute kein schlechtes Album aufgenommen, daran ändert sich auch mit „Viva La Vida“ nichts. Zwar konnten sie nie mehr die durchgängig hohe Qualität ihres Debüts erreichen, dafür sind auf allen folgenden Alben einzelne Songs drauf, die besser sind als jeder des Debüts.2 Dass ihre Konzerte von Friseusen und Medizinstudentinnen besucht werden, kann man der Band auch nicht anlasten: als Oasis-Fan weiß man darüber hinaus um die mitunter erschütternde Erkenntnis, dass sehr merkwürdige Menschen die gleichen Bands verehren können wie man selbst.

Zugegeben: Coldplay machen es einem nicht leicht. Nicht nur, dass sie seit Jahren die Welt retten wollen (s. U2), ihr neues Album heißt fast wie ein Ricky-Martin-Song3 und hat darüber hinaus ein völlig durchgenudeltes Coverbild: das 180 Jahre alte „La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix. Um Frankreich geht’s in dem Album aber weniger, um Revolution schon sehr viel mehr und letztlich auch um Romantik.

Aber reden wir über das einzige, was zählt: die Musik. Mit dem instrumentalen Opener „Life In Technicolor“ haben Coldplay bei mir schon einen Brocken im Brett: es plurrt, zirpt und scheppert, als hätten Angels & Airwaves und Arcade Fire einen gemeinsamen Track von Jimmy Tamborello remixen lassen. Das muss an Brian Eno liegen, der das Album mitproduziert hat. Für das ganze Album muss man Referenzen von Arcade Fire über Death Cab For Cutie bis Pink Floyd, von Stars über Radiohead bis … äh: Timbaland heranziehen, nach U2 klingen immer nur die halligen Gitarren. Nach Coldplay klingt dafür jeder Song, was wohl an der prägnanten Stimme von Chris Martin liegen dürfte.

Melodien waren bei Coldplay schon immer nur in Ausnahmefällen catchy4, „Trouble“ kann man auch nach acht Jahren noch nicht aus dem Stand singen. Insofern braucht das Album Zeit und möglicherweise auch größere Gewitter oder Vollmondnächte zur Untermalung. Die Songstrukturen sind komplexer geworden, mitunter werden zwei Lieder in einem Track vereint, was auch nur im Fall „Lovers In Japan/Reign Of Love“ auf der offiziellen Tracklist vermerkt wird. „42“ besteht aus mindestens drei verschiedenen Teilen und wirkt ein bisschen, als hätten sich a-ha „Paranoid Android“ von Radiohead vorgenommen.5

Bei den ersten Hördurchgängen von „Viva La Vida“ hatte ich das Gefühl, der Band gehe in der Mitte die Luft aus: der Spannungsbogen fällt ab, das Gefühl, alles schon einmal gehört zu haben, nimmt zu. Aber dann grätschen bei „Yes“ plötzlich balkanische Streicher ins Lied, ganz so, als habe man noch Chancen auf eine erfolgreiche Grand-Prix-Teilnahme wahren wollen.

Spätestens beim Titeltrack hat mich die Band dann aber wieder: Four-To-The-Floor-Beats finde ich außerhalb ihres natürlichen Lebensraums Kirmestechno fast immer gut und Stakkato-Streicher, Glocken und Pauken haben auf mich genau die Auswirkungen, die ihnen Edmund Burke in seiner Ästhetik des Erhabenen zuschreibt. Für die Parallelen, die die amerikanische Band Creaky Boards zwischen „Viva La Vida“ und einem ihrer Songs erkannt haben will, bin ich hingegen taub. An „Violet Hill“, die Vorabsingle, hat man sich inzwischen so gewöhnt, dass es nicht weiter stört, „Strawberry Hill“ lässt kurz vor Schluss schon mal die Füße sanft entschlummern, ehe „Death And All His Friends“ und das angehängte „The Escapist“ den Rest des Körpers ins Reich der Träume überführen.

„Viva La Vida“ ist ein gutes, wenn auch kein geniales, Album und nach dem uferlosen Vorgänger „X&Y“ mit 45 Minuten auch wieder schön kompakt geraten. Ich kann mir vorstellen, dass man Coldplay wegen dieses Albums hassen kann6, aber mir gefällt es zufälligerweise. Und wenn Friseusen und Medizinstudentinnen derart anspruchsvollen Pop hören statt die neueste DSDS-Grütze, ist das doch auch schon mal was.

Coldplay - Viva La Vida (Albumcover)
Coldplay – Viva La Vida

VÖ: 13.06.2008
Label: Parlophone
Vertrieb: EMI

  1. Chuck Klosterman hat mal über die frühen Coldplay geschrieben, sie klängen wie ein mittelmäßige Kopie von Travis, die wiederum wie eine mittelmäßige Kopie von Radiohead klängen. Wir sind nicht immer einer Meinung. []
  2. Das hört sich nur kompliziert und widersprüchlich an: Stellen Sie sich das Debüt als durchgängig 90% gut vor, während Songs wie „The Scientist“, „In My Place“, „Fix You“ oder „Talk“ Werte von 93% bis 98% erreichen, die durch 60%-Nummern wie „Speed Of Sound“ oder „God Put A Smile Upon Your Face“ wieder ausgeglichen werden. []
  3. In Wahrheit stammt der Titel von einem Gemälde von Frida Kahlo, das auch die humorvolle Überschrift dieses Blog-Eintrags erklärt. []
  4. Zum Beispiel, wenn sie von Kraftwerk übernommen waren. []
  5. Überhaupt a-ha: So einiges auf „Viva La Vida“ erinnert an die chronisch unterschätzte norwegische Band, zu deren Konzerten Friseusen und allenfalls ehemalige Medizinstudentinnen gehen. Hören Sie sich deren letztes Album „Analogue“ an – was Sie sowieso tun sollten – und Sie werden verstehen, was ich meine. []
  6. Über die mitunter recht gewagten Texte haben wir ja noch gar nicht gesprochen. []

13 Kommentare

  1. leonardo
    18. Juni 2008, 14:45

    „speed of sound“ als eine 60%-nummer zu bezeichnen ist eine unverschämtheit. empörung! aber der rest ist toll und stimmt. zustimmung!

  2. Sebastian
    18. Juni 2008, 15:11

    Es gibt tatsächlich wenig schlimmeres, was einer Band passieren kann, als die neuen U2 zu sein. Gut also, dass das auf Coldplay nicht zutrifft und mir die Parallelen (bis auf ein paar Totalausfälle von X & Y) ziemlich verschlossen bleiben.
    Ansonsten ebenfalls Zustimmung, die neue Coldplay ist groß, ich bin nur noch nicht sicher wie groß.

  3. Daniel
    18. Juni 2008, 15:24

    Wenn das Album nur halb so viel gute Laune macht, wie diese Besprechung, dann ist es ziemlich gut. Super Text, 1000 Dank.

  4. Alberto Green
    18. Juni 2008, 15:46

    Ob das Absicht ist mit den Möpsen Melonen? Warum muß ich die ganze Zeit an Salma Hayek denken? Und: Weyth Gwyneth Paltrow thon, dath yhr Macker auf die Hayek steht?

  5. SvenR
    18. Juni 2008, 17:49

    Menno, jetzt mus ich immer an Salma Hayek’s…äh…darstellerische Leistungen denken.

    Und es gibt neben mir noch Menschen, die von a-ha etwas halten, und das auch zugeben…

    Dinge gibt’s.

  6. Nummer 9
    18. Juni 2008, 23:02

    a-ha wird unterschätzt? Gibt ja kaum schönere Popsachen aus den 80ern.

    Und: Auch Razorlight hat gute Sachen. Die hat sogar Snow Patrol.

  7. Alberto Green
    19. Juni 2008, 9:40

    von a-ha etwas halten? ja, nee, gleich kommt hier noch jemand und singt mir was von Barclay James Harvester of Sorrow vor, oder was ?!

  8. Coffee And TV: » Anschlussfehler
    19. Juni 2008, 19:06

    Ich verliere den Anschluss an meine Lieblingsbands. Nicht nur, dass ich das neue Coldplay-Album schon vor zwei Wochen und damit eine Woche zu früh aus dem Elektrogroßmarkt …

  9. peter
    19. Juni 2008, 20:50

    Lustiger Artikel. Ich mag das Album auch. Manche Tracks machen Spaß, andere nicht. Ach-früher-waren-die-viel-besser blende ich einfach aus.

  10. absonderland
    27. Juni 2008, 2:52

    Coldplay ging eigentlich noch nie… (uneigentlich auch nicht).

  11. Coffee And TV: » Listenpanik 06/08
    15. Juli 2008, 15:29

    […] Coldplay – Viva La Vida Was soll ich dem noch hinzufügen? Außer vielleicht, dass sich das Album auch nach wochenlangem Hören nicht […]

  12. Kunar
    12. Oktober 2008, 20:21

    Das eingängige „Viva la vida“ kann auch als Kirmeslied nicht kaputtgemacht werden. Das geht sogar noch, wenn man es in der Raupenbahn hört.

  13. Kunar
    15. Oktober 2008, 21:19

    Es gibt übrigens noch einen Grund, das Vorgängeralbum weniger zu mögen als „Viva La Vida“: „X&Y“ hat einen Kopierschutz. Eine schnelle Suche im Internet lieferte zahlreiche Lamentos über frustrierte Musikfreunde, die das Album auf normalen CD-Spielern nicht abspielen konnten. Das ist eine gute Methode, Kunden nachhaltig zu verprellen. Man kann argumentieren, dass die Künstler nicht immer direkt entscheiden können, ob ihre CDs kopiergeschützt sind. Leider ist das dem Käufer herzlich egal.