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Politik Unterwegs

Vor Erfurt

Die Grünen (Symbolfoto)

Mor­gen früh geht’s los nach Erfurt zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz der Grü­nen. Die wird ver­mut­lich nur noch so lan­ge so hei­ßen, bis jemand auf die Idee kommt, dass man von Par­ti­zi­pen auch weib­li­che For­men bil­den könn­te – denn dann muss es natür­lich „Bun­des­de­le­gier­tIn­nen­kon­fe­renz“ hei­ßen. Bei den Grü­nen müs­sen Anträ­ge näm­lich in „geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che“ for­mu­liert wer­den – und das nicht etwa seit der Grün­dung in den frü­hen Acht­zi­ger Jah­ren, son­dern seit 2007. Sprach­äs­thet, der ich bin, wer­de ich in mei­ner Bericht­erstat­tung auf der­lei Mätz­chen aller­dings ver­zich­ten. Sonst müss­te ich die Par­tei ja auch „Bünd­nis 90/​Die Grü­nin­nen und Grü­nen“ nen­nen.

Auf noch etwas möch­te ich hin­wei­sen: Erwar­ten Sie von mir um Him­mels Wil­len kei­ne poli­ti­schen Ana­ly­sen. Ich habe kei­ne Ahnung von Poli­tik, was Sie schon dar­an mer­ken kön­nen, dass ich die­se regel­mä­ßig an dem mes­se, was ich „gesun­den Men­schen­ver­stand“ nen­nen wür­de. Poli­tik inter­es­siert mich als Pop­kul­tur­fa­na­ti­ker und stu­dier­ter Ger­ma­nist eher von außen: Was reden die da (zumeist gedacht als „Was zum Hen­ker reden die da für eine Schei­ße?“), was pas­siert da, wie wirkt das? Der Umstand, dass ich auf Par­tei­po­li­tik mit Schüt­teln am gan­zen Kör­per reagie­re, ist übri­gens jenen Bochu­mer SPD-Lokal­po­li­ti­kern geschul­det, die mich nach einem Inter­view, das ich als Prak­ti­kant für CT das radio mit ihnen füh­ren muss­te, zum Par­tei­bei­tritt zu über­re­den ver­such­ten.

Ich möch­te aus Grün­den der Trans­pa­renz auch noch ein­mal dar­auf hin­wei­sen, dass die Grü­nen mir (und den vier ande­ren Sti­pen­dia­ten) Anrei­se und Unter­kunft bezah­len. Dafür opfern wir aber unse­re Wochen­en­den und teil­wei­se Urlaubs­ta­ge (und ich die Mög­lich­keit, den Sieg von Borus­sia Mön­chen­glad­bach gegen Bay­ern Mün­chen in einer Fuß­ball­knei­pe zu gucken). Zwar hät­te ich durch­aus „die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten […], zu Ver­an­stal­tun­gen zu rei­sen“, wäre aber von allei­ne nie auf die Idee gekom­men, einen Par­tei­tag zu besu­chen. Wenn Sie die­ses Blog regel­mä­ßig lesen, ken­nen Sie mei­ne Mei­nung zu Ver­an­stal­tun­gen, auf denen viel gere­det wird.

Auch soll nicht uner­wähnt sein, dass ich in der Ver­gan­gen­heit schon das eine oder ande­re Mal mein Kreuz bei den Grü­nen gemacht habe – im schlimms­ten Fall könn­te die Par­tei also mit end- und sinn­lo­sen Dis­kus­sio­nen einen mög­li­chen Wäh­ler ver­lie­ren. Als Reak­ti­on auf die unfä­hi­ge und das Grund­ge­setz ver­ach­ten­de gro­ße Koali­ti­on hal­te ich für 2009 aller­dings eine gelb-grü­ne Bun­des­re­gie­rung für die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve.

Alle Blog-Ein­trä­ge zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz kön­nen Sie unter dem Tag bdk08 fin­den bzw. bei Nicht-Inter­es­se igno­rie­ren.

Und hier noch die Links zu den vier ande­ren Blogs:
www.regine-heidorn.de
flannelapparel.blogspot.com
www.jurblog.de
www.pottblog.de

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Musik Gesellschaft

A Different Beat

Ich gebe zu, ich hat­te nicht mit­be­kom­men, dass sich Boy­zo­ne zu einer Reuni­on zusam­men­ge­fun­den hat­ten. East 17: klar, Take That: sowie­so, aber Boy­zo­ne, die immer­hin auf Platz 3 mei­ner ima­gi­nä­ren Lis­te der okay­en Boy­bands der Neun­zi­ger stan­den: nee, ver­passt.

Dabei hat die Band im Okto­ber mit „Back Again … No Mat­ter What“ ihre immer­hin sechs­te Grea­test-Hits-Com­pi­la­ti­on auf den Markt gebracht (zum Ver­gleich: in den Neun­zi­gern kamen drei regu­lä­re Alben raus). Am 8. Dezem­ber erscheint die Sin­gle „Bet­ter“, die reich­lich öde ist und des­halb bes­te Chan­cen hat, Christ­mas No. 1 in Groß­bri­tan­ni­en zu wer­den.

All das wäre nicht der Rede wert, wenn … ja, wenn das Video nicht eine klei­ne Sen­sa­ti­on dar­stell­te: wäh­rend sei­ne vier Band­kol­le­gen eine Frau zum Ansin­gen und ‑schmach­ten haben, kuschelt Ste­phen Gate­ly mit einem Mann.

"Better"-Video: Stephen Gately und ein anderer MannGenau genom­men ist das nur kon­se­quent, denn Gate­ly war 1999 auch das ers­te akti­ve Boy­band-Mit­glied, das sei­ne Homo­se­xua­li­tät öffent­lich mach­te. Aber wäh­rend t.A.T.u. und Katy Per­ry mit Les­ben-Chic koket­tie­ren und „Bild“ ernst­haft (also, so weit man bei „Bild“ von Ernst spre­chen kann) „War­um ist les­bi­sche Lie­be plötz­lich so schick?“ fragt, waren kuscheln­de Jungs und Män­ner im Main­stream der Pop­kul­tur bis­her nicht mal eine Aus­nah­me, son­dern schlicht nicht exis­tent.

Es stimmt also durch­aus, wenn Caro­li­ne Sul­li­van im „Guar­di­an“ schreibt, das Boy­zo­ne-Video sei „rather ground­brea­king“. Aller­dings schränkt sie auch ein, man sol­le nicht zu vie­le Nach­ah­mer erwar­ten:

With less to lose than an ascen­dant new band, it was easy for Boy­zo­ne to do the right thing by Gate­ly. The few other estab­lished groups with open­ly gay mem­bers tend to tread light­ly around the sub­ject.

Das eigent­lich Erstaun­li­che an dem Video – neben der Fra­ge, war­um es zuerst schwu­le Bür­ger­meis­ter und Par­tei­vor­sit­zen­de gab und dann erst kuscheln­de Män­ner in Musik­vi­de­os – ist die fast schon neben­säch­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der zwi­schen den vier Man­n/­Frau-Paa­run­gen die­se zwei Män­ner ste­hen: kein Schock­ef­fekt, kein „Seht her, zwei Schwu­le!“ wie damals in der „Lin­den­stra­ße“. Es ist die­ses Plä­doy­er für Nor­ma­li­tät, die die­ses durch­schnitt­li­che Video für ein lang­wei­li­ges Lied zu etwas Außer­ge­wöhn­li­chem macht. Im Jahr 2008.

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Leben

Packende Geschichte

Ich muss irgend­wann ein­mal ver­se­hent­lich den Erz­engel Gabri­el ver­är­gert haben, denn anders lässt sich die Art und Wei­se, in der Post- und Paket­zu­stel­ler mich behan­deln, kaum noch erklä­ren. Oder, um es freund­li­cher aus­zu­drü­cken: Es ist in der Mensch­heits­ge­schich­te schon aus nich­ti­ge­ren Grün­den als der Nicht-Zustel­lung drin­gend erwar­te­ter Pake­te zu lang­jäh­ri­gen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men.

Weil mich der DHL-Zustel­ler ja grund­sätz­lich nicht zuhau­se antrifft (auch oder gera­de wenn ich den gan­zen Tag in mei­ner Woh­nung hocke), habe ich mir den Rat­schlag mei­ner Bera­ter­kom­mis­si­on zu Her­zen genom­men und mich für eine soge­nann­te Pack­sta­ti­on ange­mel­det. Pack­sta­tio­nen sind im Grun­de die völ­li­ge Nega­ti­on des Post­we­sens, weil man sich plötz­lich selbst dar­um küm­mern muss, wie man das Paket in sein Haus bekommt. Dafür haben sie rund um die Uhr geöff­net und befin­den sich nicht wie die Post­agen­tu­ren, aus denen man sei­ne Sen­dun­gen wochen­tags zwi­schen Zwölf und Mit­tag abho­len kann, am Arsch der Hei­de. Und wenn man tags­über nicht zuhau­se ist (oder man den sel­ben Zustel­ler hat wie ich), sind sie die ein­zi­ge Mög­lich­keit, Pake­te zu emp­fan­gen.

Ich mel­de­te mich also im Inter­net für die Pack­sta­ti­on an und bekam kurz dar­auf ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. Die kriegt (anders als bei Kre­dit- oder Bonus­mei­lenkar­ten) jeder Kun­de, damit er denkt, es sei etwas ganz beson­de­res, den Job des Post­bo­ten selbst über­neh­men zu dür­fen. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“, mit der ich die Pack­sta­ti­on dann auch öff­nen kann, wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Die Tage kamen und gin­gen und über­schrit­ten mei­ne per­sön­li­che Defi­ni­ti­on von „weni­ge“ erheb­lich. Ich nutz­te also wider bes­se­res Wis­sen das Kon­takt­for­mu­lar auf der Inter­net­sei­te von DHL, um mich nach dem Ver­bleib mei­ner „Post­Pin“ zu erkun­di­gen. Es war die Mühe aus­for­mu­lier­ter Sät­ze nicht wert, denn das Kon­takt­for­mu­lar von DHL ist ein toter Brief­kas­ten. Selbst die Zeit, die man bräuch­te, kna­cki­ge Belei­di­gun­gen in die Tas­ta­tur zu hacken, wäre ver­schenkt: ich bin mitt­ler­wei­le davon über­zeugt, dass die Kon­takt­ver­su­che nicht nur nicht gele­sen wer­den – sie wer­den ver­mut­lich nicht ein­mal ver­schickt. Jedes Stoß­ge­bet wirkt bes­ser als eine E‑Mail an DHL.

Ein paar Tage spä­ter rief ich bei der kos­ten­pflich­ti­gen Pack­sta­ti­ons-Hot­line an und trug mein Anlie­gen vor. Nach­dem sie sich mei­ne Geschich­te bis zum Schluss ange­hört hat­te, erklär­te mir die Call­cen­ter-Agen­tin mit angst­er­füll­ter Stim­me, die Ser­ver sei­en lei­der alle aus­ge­fal­len und sie kön­ne mei­ne Daten jetzt nicht nach­gu­cken. Ich möge es doch bit­te spä­ter noch ein­mal ver­su­chen.

Ich ließ DHL also eine Woche Zeit, die Ser­ver zu repa­rie­ren, und beschloss dann, erneut Geld an der Hot­line zu ver­bal­lern. Dies­mal klapp­ten die Ser­ver, aber der freund­li­che Mann am ande­ren Ende konn­te sich trotz­dem nicht erklä­ren, wo mein Ein­schrei­ben abge­blie­ben sein könn­te. Er ver­sprach, sich dar­um zu küm­mern. Und in der Tat bekam ich zwei Tage spä­ter Post von DHL: ein Anschrei­ben mit einer gol­de­nen Kun­den­kar­te. In dem Anschrei­ben stand, mei­ne „Post­Pin“ wer­de mir „in weni­gen Tagen“ per Ein­schrei­ben zuge­hen.

Wei­te­re zwei Tage spä­ter schau­te ich abends, als ich mich nach einem Tag in der Woh­nung ins Bochu­mer Nacht­le­ben stür­zen woll­te, in mei­nen Brief­kas­ten und fand dort – ich weiß, es ist weder über­ra­schend noch wit­zig – eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te der Deut­schen Post. Ein Ein­schrei­ben für mich habe nicht zuge­stellt wer­den kön­nen, erklär­te mir da mein Brief­trä­ger, den ich erst vor weni­gen Wochen auf der Stra­ße abge­fan­gen und lei­der nicht zur Sau gemacht hat­te, nach­dem er mir eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te in den Brief­kas­ten gewor­fen hat­te, wäh­rend ich zuhau­se hock­te. Mei­ne Theo­rie, dass er die Sen­dun­gen ein­fach direkt auf der Post lie­gen lie­ße und nur bereits aus­ge­füll­te Benach­rich­ti­gungs­kar­ten aus­trü­ge, hat­te sich da im Übri­gen nicht bestä­tigt: er hat­te das Päck­chen in sei­nem Schie­be­wä­gel­chen und hän­dig­te es mir auch sofort aus.

Gera­de war ich bei der Post (zum Glück im Haupt­post­amt am Haupt­bahn­hof und nicht am Arsch der Hei­de) und habe das Ein­schrei­ben abge­holt. Als ich kurz erzähl­te, dass ich trotz Anwe­sen­heit eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te bekom­men habe, und die Fra­ge des fast besorg­nis­er­re­gend freund­li­chen Schal­ter­be­am­ten, ob ich weit oben woh­nen wür­de, mit „Ja“ beant­wor­tet hat­te, mein­te die­ser zu mir, ich hät­te offen­sicht­lich einen „fau­len Brief­trä­ger“, dem ich mal „in den Hin­tern tre­ten“ sol­le. Ich wer­de mich bei Gele­gen­heit ger­ne auf ihn beru­fen.

Ansons­ten bin ich natür­lich gespannt, was die Deut­sche Post und DHL als nächs­tes unter­neh­men wol­len, um mich zu ärgern. Falls Sie irgend­wann in der Zei­tung von einer Pack­sta­ti­on lesen soll­ten, die von Globalisierungsgegnern/​Psychopathen/​Außerirdischen in die Luft gesprengt wur­de: das war dann sicher mei­ne.

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Politik Gesellschaft

„Mit größter Präzision“

Mahnmal in Dinslaken, geschaffen von Alfred Grimm

Zu den ganz gro­ßen Rät­seln der Mensch­heits­ge­schich­te, die einem den Glau­ben an Zufäl­le eini­ger­ma­ßen madig machen, zählt der 9. Novem­ber. Zu dem Umstand, dass so vie­le wich­ti­ge Ereig­nis­se an jenem 9.11., dem „Schick­sals­tag der Deut­schen“, statt­fan­den (wobei die Ereig­nis­se von 1923 und 1938 natür­lich auf die von 1918 auf­bau­ten), kommt auch noch hin­zu, dass die ame­ri­ka­ni­sche Schreib­wei­se des 11. Sep­tem­bers „9/​11“ lau­tet. Dar­über haben sich über­haupt noch nicht genug Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Gedan­ken gemacht.

Anläss­lich des sieb­zigs­ten Jah­res­tags der Novem­ber­po­gro­me von 1938 möch­te ich Sie heu­te auf einen Text auf­merk­sam machen, den ich vor eini­ger Zeit im Inter­net gefun­den habe. Yitz­hak Sopho­ni Herz, der zu die­ser Zeit Direk­tor des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses in Dins­la­ken war, hat ihn geschrie­ben.

At 9:30 A.M. the bell at the main gate rang per­sis­t­ent­ly. I ope­ned the door: about 50 men stor­med into the house, many of them with their coat- or jacket-col­lars tur­ned up. At first they rus­hed into the dining room, which for­t­u­na­te­ly was emp­ty, and the­re they began their work of des­truc­tion, which was car­ri­ed out with the utmost pre­cis­i­on.

Hier errichteten 1885 die Juden unserer Stadt ein Waisenhaus. Bis zur Zerstörung durch die Naziverbrecher wurden hier jüdische Vollwaisen betreut.

Herz beschreibt dar­in mit erstaun­li­cher Sach­lich­keit die Zer­stö­rung des jüdi­schen Wai­sen­hau­ses und der Syn­ago­ge, also von zwei Gebäu­den, von denen ich nicht viel mehr weiß als dass sie dort stan­den, „wo jetzt die Boh­len-Pas­sa­ge ist“ und „da, wo jetzt die Spiel­hal­le ist“. Und er schreibt über Leu­te, mit denen ich noch im glei­chen Super­markt ein­ge­kauft oder in der glei­chen Kir­che geses­sen haben kann, ohne von ihrer Geschich­te zu wis­sen:

[T]he seni­or poli­ce offi­cer, Frei­hahn, shou­ted at us: „Jews do not get pro­tec­tion from us! Vaca­te the area tog­e­ther with your child­ren as quick­ly as pos­si­ble!“ Frei­hahn then cha­sed us back to a side street in the direc­tion of the back­yard of the orpha­na­ge. As I was unable to hand over the key of the back gate, the poli­ce­man drew his bayo­net and forced open the door. I then said to Frei­hahn: „The best thing is to kill me and the child­ren, then our ordeal will be over quick­ly!“ The offi­cer respon­ded to my „sug­ges­ti­on“ mere­ly with cyni­cal laugh­ter.

Der frühere Standort der Synagoge in DinslakenIch hal­te sol­che Schil­de­run­gen aus der eige­nen Hei­mat­stadt für aus­sa­ge­kräf­ti­ger als jede Tabel­le mit abs­trak­ten Zah­len. Man beginnt zu begrei­fen, was da in der Stadt los war, in der man sel­ber 45 Jah­re spä­ter leb­te.

Aber auch wenn Sie noch nie in Dins­la­ken waren, sei Ihnen „Descrip­ti­on of the Riot at Dins­la­ken“ von Yitz­hak Sopho­ni Herz drin­gend zur Lek­tü­re emp­foh­len.

Eine gekürz­te deut­sche Über­set­zung des Tex­tes und wei­te­re Augen­zeu­gen­be­rich­te aus jener Nacht in Dins­la­ken fin­den Sie auf der Web­site der Städ­te­part­ner­schaft von Dins­la­ken mit dem israe­li­schen Arad.

Wei­te­re Fak­ten zur jüdi­schen Gemein­de in Dins­la­ken gibt es hier, einen Aus­zug aus einem Buch des Dins­la­ke­ner Holo­caust-Über­le­ben­den Fred Spie­gel kön­nen Sie hier lesen.

Das Foto ganz oben zeigt das Mahn­mal für die Opfer der Pogrom­nacht in Dins­la­ken, geschaf­fen von Alfred Grimm.

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Rundfunk Politik

Braungebrannt

Was auch immer es braucht, um in den brau­nen Fett­napf zu tre­ten: es liegt die­ser Zeit eine Men­ge davon in der Luft.

Vor knapp zwei Wochen hat­te Hans-Wer­ner Sinn, der Prä­si­dent des Münch­ner Ifo-Insti­tuts, einen äußerst unglück­li­chen Ver­gleich zwi­schen der aktu­el­len Pau­schal­kri­tik an Mana­gern und der Situa­ti­on der Juden nach der Welt­wirt­schafts­kri­se gezo­gen – und am Tag dar­auf sofort um Ent­schul­di­gung gebe­ten.

Ges­tern muss es dann mit dem nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Chris­ti­an Wulff durch­ge­gan­gen sein, der aus­ge­rech­net in der Talk­show von Michel Fried­man von einer „Pogrom­stim­mung“ gegen Mana­ger gespro­chen hat, wie „Spie­gel Online“ berich­tet. Aber ver­mut­lich lag ihm die Voka­bel nur gera­de so auf der Zun­ge, weil sich in weni­gen Tagen die Reichs­po­grom­nacht zum sieb­zigs­ten Mal jährt. Auch Wulff hat sei­nen Ver­gleich heu­te bedau­ert.

Die schwer­wie­gen­de­re Ent­glei­sung die­ser Woche kommt (wie irgend­wie fast immer) aus Öster­reich: Dort hat­te sich der pen­sio­nier­te ORF-Jour­na­list Klaus Emme­rich in der Son­der­sen­dung zur US-Prä­si­dent­schafts­wahl wie folgt geäu­ßert:

Ich möch­te mich nicht von einem Schwar­zen in der west­li­chen Welt diri­gie­ren las­sen. Wenn sie sagen, des ist eine ras­sis­ti­sche Bemer­kung: rich­tig, ist gar kei­ne Fra­ge.

Mit die­sen unver­hoh­le­nen Ansich­ten schlägt Emme­rich sogar Micha­el Hein­rich, der in der anläss­lich der Wahl Oba­mas in der Münch­ner „Abend­zei­tung“ von „negro­iden Lip­pen“ und „Kopf­for­men“ schwa­felt.

Und dann war da noch der ita­lie­ni­sche Minis­ter­prä­si­dent Sil­vio Ber­lus­co­ni, der in sei­ner ers­ten Stel­lung­nah­me zur Wahl Oba­mas sag­te, die­ser sei „jung, hübsch und gebräunt“.

Sie alle haben sich einen Platz in mei­nem Buch „Schlim­mer als Hit­ler­krebs – Miss­glück­te Rhe­to­rik für Pro­fis“ ver­dient, das ich auf Grund­la­ge die­ser Lis­te nächs­te Woche zu Schrei­ben begin­nen wer­de.

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Politik

Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel

Man soll­te die­se gan­zen Ver­glei­che nicht zie­hen. Man soll­te sich nicht anse­hen, wie Barack Oba­ma die­se Prä­si­dent­schafts­wahl gewon­nen hat, und dann an Ange­la Mer­kel, Frank-Wal­ter Stein­mei­er und Oskar Lafon­taine den­ken. Wir könn­ten depres­siv wer­den und das wäre ein schlech­ter Zeit­punkt, jetzt da die gan­zen New Yor­ker Psych­ia­ter, die vor Bush geflo­hen waren, bald in ihre Hei­mat zurück­keh­ren.

Mar­kus hat sich bei Netz­po­li­tik trotz­dem Gedan­ken dar­über gemacht, was die deut­sche Poli­tik aus dem Wahl­kampf ler­nen könn­te, den Oba­ma geführt hat. Man kann es glau­be ich so zusam­men­fas­sen: die ver­krus­te­ten, jahr­zehn­te­al­ten Par­tei­struk­tu­ren dürf­ten eine Gras­wur­zel­be­we­gung nahe­zu unmög­lich machen.

Aber viel­leicht könn­te die deut­sche Poli­tik ja mit was Ein­fa­che­rem anfan­gen und von John McCain ler­nen. Hier sei­ne con­ces­si­on speech:

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A litt­le while ago, I had the honor of cal­ling Sena­tor Barack Oba­ma to con­gra­tu­la­te him on being elec­ted the next pre­si­dent of the coun­try that we both love.

[…]

I urge all Ame­ri­cans who sup­port­ed me to join me in not just con­gra­tu­la­ting him, but offe­ring our next pre­si­dent our good will and ear­nest effort to find ways to come tog­e­ther to find the neces­sa­ry com­pro­mi­ses to bridge our dif­fe­ren­ces and help res­to­re our pro­spe­ri­ty, defend our secu­ri­ty in a dan­ge­rous world, and lea­ve our child­ren and grand­child­ren a stron­ger, bet­ter coun­try than we inhe­ri­ted.

[zitiert nach dem Inter­na­tio­nal Herald Tri­bu­ne]

McCains Rede war klar und auf­rich­tig. Sie war von der Annah­me geprägt, dass die ame­ri­ka­ni­schen Wäh­ler klug ent­schie­den haben, wem sie in der Kri­se am meis­ten ver­trau­en, und von dem Wunsch, dass es Ame­ri­ka gut geht. McCain brems­te den Zorn und die Ent­täu­schung sei­ner Anhän­ger und schwor sie auf ein gemein­sa­mes Ame­ri­ka ein. Und als er auf Oba­mas am Tag zuvor ver­stor­be­ne Groß­mutter zu spre­chen kam („Though our faith assu­res us she is at rest in the pre­sence of her Crea­tor and so very proud of the good man she hel­ped rai­se.“), kamen mir wirk­lich fast die Trä­nen.

Zum direk­ten Ver­gleich hier noch mal kurz der Ver­lie­rer der letz­ten Bun­des­tags­wahl:

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Ver­gli­chen mit dem, was wir erle­ben muß­ten in den letz­ten Wochen und Mona­ten, bin ich wirk­lich stolz auf mei­ne Par­tei, auf die Men­schen, die mich unter­stützt haben, die uns gewählt haben und die uns ein Ergeb­nis beschert haben, das ein­deu­tig ist. Jeden­falls so ein­deu­tig, daß nie­mand außer mir in der Lage ist, eine sta­bi­le Regie­rung zu stel­len. Nie­mand, außer mir!

[zitiert nach jura­bi­lis]

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Musik

Listenpanik 09/​08

Es ist Novem­ber und ich bin noch nicht dazu gekom­men, die Bes­ten­lis­te für Sep­tem­ber zu schrei­ben. Das liegt zum einen dar­an, dass im Sep­tem­ber ver­dammt vie­le Alben her­aus­ge­kom­men sind, die mir gefal­len (könn­ten), zum ande­ren dar­an, dass ich zeit­gleich mit dem Vor­ha­ben begon­nen habe, bis­her unge­hör­te CDs aus mei­nem Regal mal einer genaue­ren Prü­fung zu unter­zie­hen. Und dann bin ich auch noch stän­dig unter­wegs …

Ich habe jetzt aber den Moment gefun­den, in dem ich mit der unge­fäh­ren Rei­hen­fol­ge der Sep­tem­ber-Ver­öf­fent­li­chun­gen leben kann. Bevor ich die­se wie­der ver­wer­fe, drü­cke ich bes­ser auf „Ver­öf­fent­li­chen“. Des­halb feh­len dies­mal auch die Erläu­te­run­gen, was ich zu ent­schul­di­gen bit­te.

Es fol­gen die bes­ten Plat­ten und Songs des Monats Sep­tem­ber – wie immer und alles hier im Blog streng sub­jek­tiv:

Alben
1. Tra­vis – Ode To J. Smith (s.a. hier)
2. Peter­Licht – Melan­cho­lie Und Gesell­schaft
3. Ra Ra Riot – The Rhumb Line
4. Ben Folds – Way To Nor­mal
(s.a. hier)
5. The Streets – Ever­y­thing Is Bor­ro­wed

Songs
1. Tra­vis – Befo­re You Were Young
2. Peter­Licht – Alles was Du siehst gehört Dir
3. Tom­te – Der letz­te gro­ße Wal
4. Oasis – The Shock Of The Light­ning
5. Ra Ra Riot – Too Too Too Fast

Okto­ber kommt dann hof­fent­lich auch bald.

[Lis­ten­pa­nik – Die Serie]

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Print Politik

War was?

Wie es der Zufall so will, hat sich die gro­ße Koali­ti­on in Deutsch­land­üb­ri­gens ges­tern dar­auf ver­stän­digt, wie das BKA-Gesetz aus­se­hen soll. Der Weg zu heim­li­chen Online-Durch­su­chun­gen ist damit frei.

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Headlines And Deadlines

Aus dem Live­blog von heu­te Nacht:

00:35 Uhr: Oha, schwe­rer Bus­un­fall bei Han­no­ver mit 20 Toten. Das macht es für die Titel­sei­ten­re­dak­teu­re von „Bild“ auch nicht ein­fa­cher.

00:39 Uhr: „Bild“ hat wirk­lich ein Schlag­zei­len-Pro­blem: Boris Becker und San­dy Mey­er-Wöl­den haben sich getrennt!

Immer noch berauscht von dem Sta­tis­ti­ko­ver­kill auf CNN hab ich dann heu­te für Sie ein­mal nach­ge­mes­sen:

Titelseite der "Bild"-Zeitung vom 5. November 2008

Die Gesamt­grö­ße der Titel­sei­te beträgt inklu­si­ve Weiß­flä­chen 2.280 cm², davon ent­fal­len

  • 679 cm² (29,8%, blau) auf die Prä­si­dent­schafts­wahl (deren Aus­gang bei Druck­le­gung noch nicht fest­stand)
  • 252 cm² (11%, gelb) auf den Bus­un­fall
  • 126 cm² (5,5%, rot) auf Boris Becker
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Digital

Heute im Premium-Angebot

Liebes-Aus: Boris sucht nach der großen Liebe. Nächstes Jahr: Franka Potente will heiraten. Liebes-Aus: Becker trennt sich von Sandy.

RP Online-Geschäfts­füh­rer Oli­ver Eckert muss der­zeit viel Kri­tik ein­ste­cken: das Inter­net­an­ge­bot der „Rhei­ni­schen Post“ wird fast täg­lich von Deutsch­lands bekann­tes­ten Blog­gern mit Häme über­zo­gen. Zu bunt, zu nach­läs­sig recher­chiert, zu „klick­geil“ heißt es immer wie­der.

Bei Mee­dia gibt es ein Inter­view mit Oli­ver Eckert, dem Geschäfts­füh­rer von „RP Online“.

Der beant­wor­tet dort die Fra­gen, ob er der Prü­gel­kna­be der Blogo­sphä­re sei („Nein, über­haupt nicht.“), war­um die Tex­te auf dem von ihm ver­ant­wor­te­ten Por­tal mit­un­ter klin­gen, als sei­en sie von einem Acht­jäh­ri­gen geschrie­ben wor­den (die­se Fra­ge wur­de lei­der nicht wört­lich gestellt, er schob es aber aufs „News­flow-Prin­zip“), und wie viel Bou­le­vard „eine erfolg­rei­che Web­sei­te“ ver­tra­ge brau­che („Unse­re bei­den Res­sorts Gesell­schaft und Pan­ora­ma machen jeweils nur einen ein­stel­li­gen Pro­zent­satz unse­rer Gesamt­reich­wei­te aus.“).

Fra­gen wie die, ob das Redak­ti­ons­sys­tem von „RP Online“ so etwas wie eine Recht­schreib­prü­fung habe, oder wie es offen­sicht­li­che Schleich­wer­bung in das erfolg­reichs­te deut­sche Regio­nal­por­tal schafft, wur­den lei­der nicht gestellt.

Man erfährt nicht also viel neu­es, außer dass „RP Online“ ein „Pre­mi­um-Ange­bot“ sei. Und das ist ver­mut­lich so etwas ähn­li­ches wie eine „Pre­mi­um-Braue­rei“.

Oder so.

[via Kat­ti]

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Digital Politik

Coffee And TV goes green

Nach­dem ich mich in der ver­gan­ge­nen Nacht an der Schön­heit der Demo­kra­tie berauscht habe, wer­de ich nächs­te Woche Gele­gen­heit haben, mich mit dem har­ten poli­ti­schen All­tags­ge­schäft in Deutsch­land zu befas­sen.

Vor eini­gen Wochen hat­te die Par­tei Bünd­nis 90/​Die Grü­nen (und das war das ers­te und letz­te Mal, dass ich die­sen kna­cki­gen Namen kom­plett aus­ge­schrie­ben habe) einen Auf­ruf gestar­tet, bei dem sich Blog­ger für eine Art Blog­ger­sti­pen­di­um für den Bun­des­par­tei­tag (der bei den Grü­nen Bun­des­de­li­gier­ten­kon­fe­renz heißt) bewer­ben konn­ten. Weil ich bereits in ganz jun­gen Jah­ren ver­schie­de­ne Grü­nen-Ver­an­stal­tun­gen besucht hat­te, fühl­te ich mich hin­rei­chend kom­pe­tent für die­sen Job und habe mich dort bewor­ben.

Jetzt habe ich erfah­ren, dass ich vom 14. bis zum 16. Novem­ber in Erfurt dabei sein darf. Es wird mein ers­ter Par­tei­tag und ich bin sehr gespannt. Ich erwar­te nicht all­zu viel „Change“-Stimmung, auch wenn mit Cem Özd­emir erst­mals ein tür­kisch­stäm­mi­ger Poli­ti­ker Vor­sit­zen­der einer grö­ße­ren deut­schen Par­tei wer­den kann.

Nun wer­den Sie viel­leicht den­ken: „Die Par­tei zahlt ihm Zug­fahrt und Hotel, da wird er die ja sicher in den Him­mel loben!“ Da kann ich Sie beru­hi­gen: So lan­ge Clau­dia Roth, die am Mon­tag vor die Pres­se stürm­te und das Ver­hal­ten der vier hes­si­schen SPD-Abweich­ler ver­ur­teil­te, bevor die sich über­haupt erklärt hat­ten, bei den Grü­nen dabei ist, wird es genug geben, über das ich mich ärgern kann.

Erwar­ten Sie also stim­mungs­vol­le Impres­sio­nen aus der mir völ­lig frem­den Welt der Par­tei­po­li­tik hier bei Cof­fee And TV – und eben­falls im Pott­blog, denn Jens ist wit­zi­ger­wei­se auch dabei.

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Rundfunk Politik

Präsidiales Liveblog

00:00 Uhr: Jetzt geht’s lo-hos!

Blog­ger und Arbeits­platz sind bereit:

Ich gucke seit zehn Minu­ten ARD und bezweif­le jetzt schon, dass ich das wach über­ste­hen wer­de. Was schon mal ein Fort­schritt ist: vor vier Jah­ren saß in die­ser Maisch­ber­ger-Run­de Hen­ryk M. Bro­der.