Ein Abend mit der Kernzielgruppe

Von Lukas Heinser am Freitag, 10. Oktober 2008 16:15
Kategorie: Auf Achse, Somebody Told Me

Ich war gestern in Köln. (Kunstpause. Mitleidige Laute aus dem Publikum.)

Ich war gestern in Köln, weil Stefan Niggemeier da für die Sendung “Funkhausgespräche” von WDR5 auf dem Podium saß. Die Diskussion selbst war nicht sonderlich spannend, denn dafür wäre es förderlich, dass die Diskutanten unterschiedlicher Meinung sind, was Stefan, Jörg Schieb und Schiwa Schlei nicht waren. Der Moderator war offenbar ein Absolvent der Volker-Panzer-Journalisten-Schule und saß entsprechend schlecht vorbereitet, verwirrt und voreingenommen in der Debatte. Das alles können Sie hier nachhören, wenn Sie es nach dieser Beschreibung ernsthaft noch wollen.

Weitaus interessanter war das Publikum, das sich im Kleinen Sendesaal des Funkhauses am Wallraffplatz versammelt hatte (der Eintritt war kostenlos): Es handelte sich um eine wilde Melange aus Menschen, deren Durschnittsalter Dank tatkräftiger Hilfe von einem jungen Pärchen und mir noch knapp unter die sechzig Jahre gedrückt wurde.

Ich saß noch keine halbe Minute in den gemütlichen Ledersesseln in der Lobby, da wusste ich auch schon, dass die Dame hinter mir vierundachtzigeinhalb Jahre alt war und wegen ihrer schlechten Knochen einen Bodybuilder hatte. Ein geselliger Herr fragte sie, ob sie auch Doping mache, was sie mit dem Hinweis konterte, sie lebe seit 26 Jahren vegan. Im Übrigen trage er eine “Tierleichenjacke”. Das Mitleid, das ich in diesem Moment mit dem Lederjackenträger hatte, ließ sehr schnell nach, nachdem er seinem Begleiter die Lebensgeschichte seines Sohnes erzählt und postuliert hatte, dass es am Computer keine Trennung von Arbeit uns Spiel mehr gebe. Stefans Kolumne in der Sonntagszeitung liest er aber gerne.

Während ich verzweifelt versuchte, nirgendwo hinzublicken, wo ein Gespräch auf mich lauern könnte, hörte ich einem gutgelaunter Rheinländer zu, der seinen Kumpel zu überreden versuchte, an einer Singlebörse im “Juutzie-Kino” teilzunehmen. Er bekräftigte seinen Appell, indem er einige hundert Male “Mach das!” sagte. Eine ältere Dame scheiterte an den Radios, die es einem in der Funkhauslobby erlauben, die WDR-Sender live zu hören. Allerdings über Kopfhörer und nicht über die dort ebenfalls herumstehenden Telefone. Ihre Freundin studierte währenddessen aufmerksam das Programm und stellte dann fest: “Nächstes Mal ist gut!”

Die Situation wurde nicht angenehmer, als wir im Kleinen Sendesaal Platz nehmen durften, der auf sympathische 18 Grad heruntergekühlt worden war. Dort saß ich nun, sah einen alten Mann mit Brasilien-Fan-Schal um die Schultern hereinkommen, und hörte mit der Kernzielgruppe von WDR5 die Kindersendung “Bärenbude” über die Saallautsprecher. Es war, als hätten die Coen-Brüder einen Loriot-Sketch neuverfilmt.

Nach der Livesendung wurde Stefan von einem Mann abgefangen, der seinen mehrminütigen Monolog mit den Worten “Ich habe eben aufmerksam zugehört” begann, um dann unter Beweis zu stellen, dass er genau das offensichtlich nicht getan hatte. Ich wurde währenddessen von einem Security-Mann (In einem Radiosendesaal, der von Greisen besetzt worden war!) in die Lobby geschoben, wo ich alsbald erkannte, warum zumindest ein Teil des Publikums seine Abende im Funkhaus verbrachte: Es gab Freibier — oder das, was man in Köln dafür hält.

Nachdem Stefan irgendwann doch noch freigelassen worden war, standen wir etwa eine Minute in der Lobby, ehe seinem neuen Fan doch noch was eingefallen war: Die Leute würden im Internet ja meistens nur noch eine Seite besuchen und gar kein vergleichendes Lesen mehr betreiben. Als ich fragte, wie viele Leute denn mehrere verschiedene Tageszeitungen läsen, war er für einen winzigen Augenblick indigniert. Stefan, der alte Profi, nutzte diesen Moment, um sich unter Vorspielung von Freundlichkeit zur Theke zu schleichen. Er drückte mir eine weitere Stange Kölsch in die Hand und stand plötzlich ganz woanders. So entging ihm, wie der Mann, der das Internet sortieren wollte (in “Gut”, “Nicht ganz so gut” und “Richtig schlimmen Mist”), auf magische Weise innerhalb weniger Sätze von “Spiegel Online” über seinen Schwiegersohn zur Bankenkrise kam. Die Zeit auf den überall gut sichtbaren Atomzeituhren verstrich.

Ich schaffte es schließlich, mich zu den Diskutanten zu retten, die inzwischen inhaltlich ein bisschen weiter waren: Jörg Schieb und Stefan battelten sich gerade, wer die älteren und obskureren Heimcomputer gehabt hätte. Das war zwar genauso “Opa erzählt vom Krieg” wie der Rest der Versammlung, aber wenigstens sind die Beiden noch keine Opas, was die Sache irgendwie netter machte.

23 Kommentare

  1. 1

    Bevor Du dich hier über fehlende journalistische Qualifikationen echauffierst, solltest Du mal von deinem hohen Ross steigen und deine Texte vor der Veröffentlichung gegenlesen lassen, Blog hin oder her. Oder gelten Fehler hier generell als Wortspiel?

  2. 2

    Stimmt grade auf Blogs sollte akkurat darauf geachtet werden, dass alles fehlerfrei gestaltet ist.
    Ich meine der Text wird durch die Fehler schon beinahe, also nahezu, eigentlich gar nicht unverständlich.
    Allerdings halte ich auch ein förmliches Sie für angebracht.

    Warum so kleinlich?

  3. 3

    “…battelten sich gerade,…”

    Wer so schreibt ist sicher erst pubertäre 13 Jahre alt. Vulgo: dummer Junge.
    Wenn er mal so alt werden sollte wie ich, wünsche ich ihm, dass ein anderer Schnösel lahme Witze über ihn macht.

  4. 4

    Das klingt aber immerhin im ganzen spannender als das tatsächlich recht langweilige Gespräch (da war ja die Bärenbude vorher aufregender – und weniger vorhersehbar).

    Übrigens habe ich – nachdem ich diesen Blog jetzt schon ganz schön lange lese – grade im Moment die Parallele zu plattentests.de gezogen (was ich schon ganz schön viel länger lese als diesen Blog). Schon komisch.

  5. 5

    Was hat dir Köln getan?

  6. 6

    @”Volker Panzer”: “Da ist was falsch!” ist natürlich auch ein sehr konstruktiver Hinweis, vielen Dank. War da noch irgendwo ein Fehler?

    @Kasulja: Ich finde Köln einfach nur schlimm. Außer dem Dom und dem Rhein hat diese Stadt in meinen Augen gar nichts, was die Anreise lohnte. Es ist natürlich nur meine Meinung und viele Menschen finden Bochum bestimmt ganz schlimm, aber Köln ist für mich eine der hässlichsten Städte Deutschlands.

  7. 7

    Danke für diesen Satz:
    “Es war, als hätten die Coen-Brüder einen Loriot-Sketch neuverfilmt.”
    You made my day.

    Und bzgl. der Kommentare zu Beginn hier: Ich glaube, heute hat das ganze Internet schlechte Laune.
    Ts.

  8. 8

    Also… ich hatte meinen Spaß beim lesen. Sehr schön berichtet ;)

    Schade, dass einige Leute keinen Humor zu haben scheinen. Wahrscheinlich alles Kölner, die sich – wären diese Zeilen nach dem 11.11. geschrieben worden – auf die Schenkel geklopft hätten.

    Ich hab die Rheinländer, obwohl ich nun seit 13 Jahren in Bonn lebe, noch nie verstanden…

  9. 9

    Ich fürchte, ich muss mich Kommentator Nr. 1 anschließen: Ein bisschen weniger Hochmut und Selbstverliebtheit, etwas weniger Verachtung für diesejigen, über die geschrieben wird, würden Text und Blog sicherlich gut tun – eine Tendenz, die ich hier leider seit längerem beobachte.
    Außerdem: Wer Köln für die hässlichste Stadt der Republik hält, war wahrscheinlich noch nie in Duisburg oder Krefeld.

  10. 10

    Ich verstehe dann nur nicht, wieso man, wenn man zahmere Blogs bevorzugt, sich dann nicht einfach solche sucht, anstatt einen Autoren, der in irgendeiner Weise heraussticht, gleich wieder einnorden zu wollen.

  11. 11

    Ich warte auf den Tag, an dem man Niggemeier beim Promi-Schiffe versenken sehen kann.

  12. 12

    Lustig, ich habe mir die ersten Kommentare durchgelesen und war verdutzt wie einige Leute auf das “Köln-Bashing” reagieren. Und dann kommt im neunten Kommentar ein böses Wort über “meine” Stadt Krefeld und ich hätte fast genau so losgemotzt. Hm.

  13. 13

    @Nummer 9: zu spät. (quasi.)
    http://www.youtube.com/watch?v=Y9d5-xTZ4-k

  14. 14

    Schöner Beitrag, aber hässlichste Stadt Deutschlands ist auf jeden Fall Hannover, die Stadt mit dem gewissen Nichts. Übrigens interessant, wie man Leser durch ironisch besetzte Beiträge vergraulen kann.

  15. 15

    Interessant auch, wie man Hochmut und Altklugheit manchen Lesern als Ironie verkaufen kann.

  16. 16

    @volker panzer

    “Oder gelten Fehler hier generell als Wortspiel?”

    genau, sie haben das funktionsprinzip dieses blogs auf anhieb durchschaut. gratuliere.

    @klaus

    “Wer so schreibt ist sicher erst pubertäre 13 Jahre alt. Vulgo: dummer Junge.
    Wenn er mal so alt werden sollte wie ich, wünsche ich ihm, dass ein anderer Schnösel lahme Witze über ihn macht.”

    herr coffeandtv befindet sich meines bewegtbildbewiesenen wissens bereits im gnadenstande der spätpubertät, also jenseits der ehemaligen großjährigkeitsgrenze … und ich bin guten mutes das er eines tages über die witze der nachgeborenen lachen können wird, im offensichtlichen gegensatz zu ihnen.

    ich fand den text jedenfalls trotz meiner fortgeschrittenen jahre sehr komisch, möchte aber durchaus einräumen das es mir möglicherweise an einfühlungsvermögen in die powerbeige weltsicht einiger kommentatoren gebricht.

  17. 17

    Entschuldigung, westernworld, aber sehr lahme Antwort. Gähn.

    Und zum Entwicklungsstand des Autors, der sich augenscheinlich “im gnadenstande der Spätpubertät” befindet: Ich bin mir nicht sicher, ob der äußere Schein nicht trügt. Aber wahrscheinlich verstehe ich den subtilen Witz in diesem Kommentar des Autors zu seinem zweiten Ruhr-Uni-Stück auch einfach nicht: “@Patrick: Besonders schön ist es, nach GB 6 zu fahren, was von der ‘Tür auf’-Frau immer als ‘Ebene Sex’ angekündigt wird.”

  18. 18

    @”Volker Panzer”: Die Frau sagt nun mal “Ebene Sex”, sowas denke ich mir doch nicht aus, Herrgottnochmal!

    Im Übrigen werden hier zukünftig Kommentare, die so offensichtlich unter falschem Namen abgegeben werden, einfach gelöscht.

  19. 19

    Schade. Eine Woche später und wir hätten unser Take On Me-Battle an einem der dir offensichlich unbekannten Orte Kölns austragen können!

    PS: Schneider Euro AT

  20. 20

    @Alberto Green: Ich auch!! Also, ob “AT” weiß ich nicht, aber so’nen Schneider! Aber davor noch einen VC-20 mit Datasette.

  21. 21

    So soll das ja wohl sein mit diesen Weblogs, nicht wahr: der Text an sich muss nicht immer wahnsinnig spannend sein – es reicht, wenn ein paar LeserInnen grade in Konfrontationsstimmung sind, und schon erfreuen wir uns gelungener Unterhaltung, diesmal sogar inklusive Generationenkonflikt.

  22. 22

    Ich fand den Artikel einfach schön zu lesen, jede Satire hat was selbstverliebtes, na und?

  23. 23

    Falls sich jemand über den dumpfen Knall im Hintergrund gewundert hat, das dürfte Sebastians Kopf gewesen sein als er beim Lesen über das “battelten” gestolpert ist.

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