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Viel­leicht brau­chen wir uns doch nicht so vie­le Sor­gen zu machen um mit­ge­le­se­ne E‑Mails, Vor­rats­da­ten­spei­che­rung und Gedan­ken­kon­trol­le.

Schließ­lich leben wir in einem Land, in dem es die Behör­den nicht mal auf die Rei­he krie­gen, 82 Mil­lio­nen Steu­er­num­mern in time zuzu­tei­len.

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Film

Fatih Akin kann es einfach

Dass Yeter ster­ben wird, erfah­ren wir noch bevor wir sie ken­nen­ge­lernt haben. Nach einem kur­zen Pro­log, den wir sehr viel spä­ter noch ein­mal sehen und erst dann ver­ste­hen wer­den, kommt eine Titel­ein­blen­dung: „Yeters Tod“.

Yeter (Nur­sel Köse) arbei­tet als Pro­sti­tu­ier­te in Bre­men. Bei ihrer Arbeit lernt sie den pen­sio­nier­ten Wit­wer Ali (Tun­cel Kur­tiz) ken­nen, der sie nach ein paar Besu­chen bit­tet, als sei­ne Lebens­ge­fähr­tin zu fun­gie­ren – den übli­chen Satz wer­de er ihr bezah­len. Alis Sohn Nejat (Baki Dav­rak) ist nicht son­der­lich begeis­tert von die­ser Akti­on sei­nes Alko­hol- und Herz­kran­ken Vaters, aber er ist beein­druckt von der Tat­sa­che, dass Yeter einen Groß­teil ihres Ver­diens­tes in die Tür­kei schickt, um ihrer Toch­ter das Stu­di­um zu finan­zie­ren. Als Yeter stirbt (s.o.), beglei­tet Nejat den Sarg in die Tür­kei und macht sich auf die Suche nach Yeters Toch­ter Ayten, von der Yeter lan­ge nichts mehr gehört hat­te.

Nurgül Yeşilçay und Patrycia Ziolkowska in “Auf der anderen Seite” (Pressefreigabe)Auch von Lot­te erfah­ren wir vor ihrem ers­ten Auf­tritt, dass sie ster­ben wird: „Lot­tes Tod“ steht auf dem Zwi­schen­ti­tel. In der Men­sa lernt die jun­ge Frau aus gutem Hau­se (Patrycia Ziol­kows­ka) Ayten ken­nen, die vor der tür­ki­schen Poli­zei geflo­hen ist und in Bre­men ihre Mut­ter sucht. Lot­te freun­det sich mit Ayten (Nur­gül Yeşil­çay) an und quar­tiert sie bei ihrer Mut­ter Susan­ne (Han­na Schy­gul­la) ein. Als Ayten in die Tür­kei abge­scho­ben wird (eben­so lapi­da­re wie irri­ge – und wohl lei­der auch authen­ti­sche – Begrün­dung: im Zuge des geplan­ten EU-Bei­tritts der Tür­kei wer­de ihr dort auch als poli­tisch Ver­folg­te schon nichts pas­sie­ren), reist Lot­te ihr hin­ter­her. Durch Zufall zieht sie bei Nejat, der sich inzwi­schen in Istan­bul nie­der­ge­las­sen hat, ein und kommt wenig spä­ter unter tra­gi­schen Umstän­den ums Leben.

Die drit­te Epi­so­de trägt den Namen, der auch auf den Kino­pla­ka­ten steht: „Auf der ande­ren Sei­te“. Susan­ne ist nach Istan­bul gereist, um zu erfah­ren, wo und wie ihre Toch­ter kurz vor ihrem Tod gelebt hat. Auch sie kommt bei Nejat unter und sie geht den Weg, den Lot­te ein­ge­schla­gen hat, wei­ter und holt Ayten aus dem Gefäng­nis. Ganz neben­bei bringt sie Nejat dazu, sich mit sei­nem Vater ver­söh­nen zu wol­len …

Was beim Lesen viel­leicht etwas unüber­sicht­lich, arg kon­stru­iert und unwahr­schein­lich wirkt, ist in Fatih Akins fünf­tem Spiel­film völ­lig orga­nisch. Es sind die Geschich­ten drei­er Elter-und-Kind-Paa­re1, Hanna Schygulla und Bavi Davrak in “Auf der anderen Seite” (Pressefreigabe)wobei der direk­te Kon­takt zwi­schen Eltern und Kin­dern eher gering ist. Die Hand­lungs­fä­den sind kunst­voll mit­ein­an­der ver­wo­ben, die Haupt­per­so­nen aber lau­fen mehr­mals knapp anein­an­der vor­bei. Man ahnt das Reiß­brett, an dem Akin sei­ne Geschich­ten neben­ein­an­der auf­ge­zeich­net und hin­ter­ein­an­der arran­giert haben muss um den Über­blick zu behal­ten, und trotz­dem sind die Geschich­ten eben­so glaub­wür­dig wie die Cha­rak­te­re. Den Dreh­buch­preis in Can­nes hat er also völ­lig zu Recht gewon­nen.

Neun Jah­re nach sei­nem Regie­de­büt „Kurz und schmerz­los“ und drei­ein­halb Jah­re nach dem furio­sen „Gegen die Wand“ lässt sich leicht zusam­men­fas­sen: Fatih Akin kann es ein­fach. Zwar sind der­ar­ti­ge Erzähl­mus­ter längst kei­ne Sen­sa­ti­on mehr, aber es gibt ja auch genug Regis­seu­re, die schon an einer völ­lig linea­ren Hand­lung schei­tern. Nicht so Fatih Akin: Er bringt die ganz gro­ßen The­men, ohne dass die­se den Film bemüht oder bedeu­tungs­schwan­ger erschei­nen lie­ßen. Er kom­po­niert Bil­der und Dia­log so geschickt, dass man sich hin­ter­her fragt, ob über­haupt gespro­chen wur­de.

Fatih Akin sieht sei­nen Film nicht als einen „poli­ti­schen“ an und ver­mut­lich hat er recht: Auch wenn es am Ran­de um Abschie­bung, tür­ki­sche Gefäng­nis­se und „Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen“ geht; auch wenn der Film einer Bre­mer Demo zum ers­ten Mai mit Brat­wurst essen­den Ver.di-Funktionären und Spiel­manns­zug Ran­da­le in Istan­bul gegen­über­stellt: das Poli­ti­sche ist immer nur Hin­ter­grund für die pri­va­ten Schick­sa­le. „Auf der ande­ren Sei­te“ ist aber ein Film über Idea­le. Nejat sucht Ayten, weil er ihr auch nach dem Tod der Mut­ter das Stu­di­um ermög­li­chen möch­te; Lot­te nimmt Ayten bei sich auf und folgt ihr in die Tür­kei, weil es ihr wich­tig und rich­tig erscheint, für ihre Freun­din zu kämp­fen; Susan­ne macht schließ­lich wei­ter, was Lot­te nicht zu Ende füh­ren konn­te. So wie Ali und Nejat abwech­selnd Deutsch und Tür­kisch mit­ein­an­der spre­chen, so ver­schwim­men auch die Gren­zen zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei im Film, denn wer wo für jeman­den kämpft, ist zweit­ran­gig. Der ein­zi­ge sicht­ba­re Unter­schied besteht in den hel­len, far­ben­fro­hen Bil­dern des leben­di­gen Istan­buls auf der einen, und den kühl und klar struk­tu­riert erschei­nen­den deut­schen Städ­ten Ham­burg und Bre­men auf der ande­ren Sei­te.

“Auf der anderen Seite” (Filmplakat)Auch die Bezie­hun­gen zwi­schen Eltern und Kin­dern sind uni­ver­sell: Eltern lügen ihre Kin­der an, weil sie nur das Bes­te für sie wol­len; Kin­der wol­len auf kei­nen Fall wie ihre Eltern wer­den und fin­den sich plötz­lich in deren Fuß­stap­fen wie­der; Eltern wol­len, dass ihre Kin­der etwas aus ihrem Leben machen, und sind dann irri­tiert, wenn die Kin­der tat­säch­lich mal aktiv wer­den. Gera­de Han­na Schy­gul­la spielt die Mut­ter, die immer wie­der über ihre Gren­zen geht, erst als han­sea­tisch-vor­neh­me Dame, die aber die gan­ze Zeit über ein gro­ßes Herz hat und von der man nach und nach erfährt, wie unkon­ven­tio­nell sie eigent­lich ist. Außer­dem hat sie eine gro­ße Ner­ven­zu­sam­men­bruch-Sze­ne, die völ­lig mini­ma­lis­tisch anfängt und dann trotz Auf-dem-Boden-wäl­zen und Schrei­en nicht pein­lich wird. „Schau­spiel­le­gen­de“, eben.

Die 122 Minu­ten von „Auf der ande­ren Sei­te“ kom­men einem län­ger vor. Aber nicht, weil sich der Film so zöge und lang­at­mig wür­de, son­dern weil so viel pas­siert und es auch neben dem Offen­sicht­li­chen noch viel zu ent­de­cken gibt. Fatih Akin schafft es sogar, sei­ne ganz eige­ne Ring­pa­ra­bel in der Geschich­te zu ver­stau­en, indem er Baki Dav­rak aus dem Koran erzäh­len lässt, von einem Mann, der Allah sei­nen Sohn opfern soll. Und wenn Han­na Schy­gul­la an die­ser Stel­le nicht für das unstudier­te Publi­kum sekun­die­ren müss­te: „Die Geschich­te gibt es bei uns auch!“ (auf­merk­sa­me Kin­der­got­tes­dienst­be­su­cher wis­sen: Abra­ham und Isaak), dann wäre das ein rich­tig wei­ser und erhel­len­der Moment.

„Auf der ande­ren Sei­te“ läuft ab heu­te in Ham­burg und ab 27. Sep­tem­ber in ganz Deutsch­land.

Offi­zi­el­le Web­site

1 Ich hab kei­nen Nerv, mir von der deut­schen Spra­che den Sin­gu­lar für „Eltern“ aus­re­den zu las­sen. Wenn nur genug mit­ma­chen, wird „ein Elter“ irgend­wann nor­mal.

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Politik Gesellschaft

Rollenspiel

Stel­len Sie sich bit­te für einen Moment mal vor, Sie wären Ange­la Mer­kel. Das mit dem Gesicht und der Fri­sur über­las­sen wir schön den Kol­le­gen vom Pri­vat­fern­se­hen, dort macht man ja auch noch Namens­wit­ze.

Sie wären viel­mehr die ers­te Kanz­le­rin in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik und beliebt wie nur sonst was. Sie hät­ten in die­sem Jahr als weib­li­ches Gegen­stück zu Al Gore den Kli­ma­wan­del gestoppt und sogar die „New York Times“ hät­te gera­de groß über Sie und Ihren Rück­halt im Vol­ke berich­tet. Natür­lich wären Sie auch so beliebt, weil Sie in fast zwei Jah­ren Regie­rung nichts getan hät­ten und die gan­zen unbe­que­men Refor­men, die jetzt zu wir­ken begön­nen, alle noch auf das Kon­to der Vor­gän­ger­re­gie­rung gin­gen, aber das könn­te Ihnen ja im Prin­zip egal sein. Die ein­zi­gen Sor­gen, mit denen Sie sich bis jetzt hät­ten rum­schla­gen müs­sen, wären eine miss­glück­te Gesund­heits­re­form, leich­te Wider­stän­de gegen das „Eltern­geld“ Ihrer Fami­li­en­mi­nis­te­rin und das gan­ze Thea­ter um die Sicher­heit beim G8-Gip­fel gewe­sen.

Und dann hät­te irgend­je­mand ein paar Türen in ein paar Minis­te­ri­en nicht ord­nungs­ge­mäß ver­schlos­sen und zwei Minis­ter wür­den plötz­lich mit dem Bol­ler­wa­gen durch die deut­sche Medi­en­land­schaft zie­hen um dem letz­ten Bun­des­bür­ger klar zu machen, dass Sie Ihr Kabi­nett über­haupt nicht unter Kon­trol­le hät­ten.

Dass Wolf­gang Schäub­le seit Mona­ten immer tie­fe­re Ein­schnit­te in die Grund­rech­te der Bür­ger, Ihrer Wäh­ler, for­dert, wäre den meis­ten Betrof­fe­nen noch total egal gewe­sen. Doch plötz­lich wür­de der Mann alle noch mal über­ra­schen und mun­ter her­umer­zäh­len, er hiel­te es ja nur noch für eine Fra­ge der Zeit, bis mal ein Ter­ro­rist daher­kom­me und eine Atom­bom­be zün­de.1

Fast zeit­gleich wür­de sich Ihr Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter hin­stel­len und einen Vor­schlag der Vor­gän­ger­re­gie­rung, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt hät­te, wie­der her­vor­ho­len und öffent­lich ankün­di­gen, im Zwei­fels­fal­le auf Ver­fas­sung und Gericht zu schei­ßen und auf ent­führ­te Flug­zeu­ge zu schie­ßen. In den „Tages­the­men“ wür­de er auf die Fra­ge, ob sein Vor­stoß über­haupt mit Ihnen abge­spro­chen sei, ant­wor­ten, er und der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter sei­en die bes­ten Bud­dies über­haupt und die Fra­ge ansons­ten unbe­ant­wor­tet las­sen. Poli­ti­ker diver­ser ande­rer Par­tei­en und die Bun­des­luft­waf­fe wür­den sich gegen sei­nen Vor­schlag weh­ren und in Deutsch­land herrsch­te eine Auf­ruhr, als habe gera­de jemand Hit­lers Fami­li­en­po­li­tik gelobt oder Kunst als „ent­ar­tet“ bezeich­net.

Was wür­den Sie, der Sie ja Ange­la Mer­kel wären, jetzt tun?

1 Dass Schäub­le meint, wir soll­ten uns „die ver­blei­ben­de Zeit“ nicht auch noch „ver­der­ben, weil wir uns vor­her schon in eine Welt­un­ter­gangs­stim­mung ver­set­zen“, anstatt end­lich mal das zu tun, was er die gan­ze Zeit vor­gibt zu wol­len, näm­lich die Sicher­heit der Bür­ger zu schüt­zen, ist eigent­lich einen eige­nen Wut­an­fall wert.

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Klickbefehl

Wenn ein Pro­gramm­di­rek­tor die­se Zei­len liest und sich ärgert, kann er von sofort an die Zei­tung nicht mehr kau­fen. Das kann der Örrf-Gefan­ge­ne, will er sich geset­zes­kon­form ver­hal­ten, nur dann tun, wenn er sich von allen sei­nen Radi­os, Fern­se­hern, Com­pu­tern etc. trennt und die GEZ außer­dem sei­ne Abmel­dung akzep­tiert.

Nach dem gest­ri­gen Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kom­men­tiert Kurt Kis­ter in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ die „Rund­funk­frei­heit“ in Deutsch­land.

Mr. Kurb­ju­weit also cal­led Win­ne­tou “a Ger­man with a migra­ti­on back­ground,” a phra­se I’ve heard used to descri­be Turks here. Tor­men­ted Ger­man intellec­tu­als like to pon­der whe­ther May’s con­cept of an “edel­mensch,” his term for a tru­ly noble man, as he cal­led Win­ne­tou, has inspi­red more fee­lings of fra­ter­ni­ty or of racial supe­rio­ri­ty in the coun­try. An Ame­ri­can today is like­lier to won­der how May shaped Ger­man views of the United Sta­tes over the last cen­tu­ry.

Die „New York Times“ ver­sucht ihren Lesern Karl May („vir­tual­ly unknown in the United Sta­tes but the most popu­lar aut­hor in Ger­man histo­ry“) und die Fas­zi­na­ti­on der Deut­schen für den Wil­den Wes­ten näher­zu­brin­gen.

das gigan­ti­sche waren­la­ger mit waren­aus­ga­be ist wirk­lich noch ekli­ger gewor­den als der roh­bau bereits sug­ge­rier­te. allein die auf­ge­kleb­te fas­sa­den­de­ko und die am ein­gang auf­ge­stelll­te plas­tik sind so geist­los, dass es einem die trä­nen in die augen treibt.

Felix Schwen­zel steht vor einem pot­ten­häss­li­chen neu­en Ber­li­ner Ein­kaufs­zen­trum und phi­lo­so­phiert über potem­kin­sche Dör­fer und fest­an­ge­stell­te Gebäu­de.

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Wüster Service Deutschland

Ges­tern hab ich mal wie­der ein­drucks­voll fest­ge­stellt, wie in deut­schen Super­märk­ten Ser­vice buch­sta­biert wird.

Super­markt 1
Im Ange­bots­pro­spekt war eine Web­cam für 14,99 Euro ange­zeigt, ich brauch­te noch Brot und Auf­schnitt, also ging ich in den nahe­ge­le­ge­nen Super­markt, such­te mir Web­cam, Brot, zwei Tafeln Scho­ko­la­de (zu 39 Cent im Ange­bot) und eine Packung Sala­mi zusam­men und ging zur Kas­se. Nach­dem die Kas­sie­re­rin die Waren gescannt hat­te, nann­te sie mir die End­sum­me und ich reich­te ihr mei­ne EC-Kar­te. Sowas mache ich im Super­markt nicht ger­ne, aber ich hat­te nicht mehr genug Bar­geld und 17 Euro erschie­nen mir ein ange­mes­se­ner Betrag für Kar­ten­zah­lung.

Die Dame steck­te die Kar­te ins Kar­ten­le­se­ge­rät und erhielt eine Feh­ler­mel­dung.
„Das ist schon den gan­zen Tag“, erklär­te sie mir und rief nach einer Kol­le­gin.
Nach­dem die Kas­sie­re­rin­nen auch zu zweit zu kei­nem Ergeb­nis kamen und ich die Fra­ge, ob ich nicht bar zah­len kön­ne, ent­geis­tert ver­nein­te (Wenn ich das in bar hät­te, hät­te ich ja wohl kaum mit Kar­te zah­len wol­len, nech?), frag­te man mich, ob ich nicht „eben zur Bank gehen“ und Bar­geld abho­len kön­ne.

Da die Volks­bank so fern nicht lag, wil­lig­te ich ein, pack­te die bereits in mei­ner Tasche ver­stau­ten Waren wie­der aus, und ver­ab­schie­de­te mich „bis gleich“. Kei­ne fünf Minu­ten spä­ter stand ich wie­der im Laden, das Bar­geld in den Hän­den. Die Kas­se war geschlos­sen, die Kas­sie­re­rin­nen und mei­ne unbe­zahl­ten Waren waren nir­gends zu sehen. So dreh­te ich auf dem Absatz um und ver­schwand höchst ver­är­gert.

Super­markt 2 (Dis­coun­ter)
Schon durchs Fens­ter konn­te ich sehen, dass nur eine Kas­se geöff­net war und sich die Kun­den mit gefüll­ten Ein­kaufs­wa­gen durch den gan­zen Laden stau­ten.

Mei­ne Zeit und mei­ne geis­ti­ge Gesund­heit sind mir zu scha­de, um sie für ein paar Cent Erspar­nis zu ver­plem­pern.

Super­markt 3
Ein Laden blieb mir noch auf dem Heim­weg. Ich ging hin­ein, stand etwa drei Minu­ten vor dem Regal mit abge­pack­tem Brot, bis ich ein pas­sen­des, län­ger halt­ba­res fand, schnapp­te mir eine Packung Sala­mi und ging zur Kas­se. Die­se war erfreu­lich leer, nicht mal eine Kas­sie­re­rin war zu sehen.

Im Geis­te zähl­te ich von zwölf her­un­ter. Bei „Null“ woll­te ich gehen, aber ich hat­te Hun­ger und brauch­te die­ses ver­damm­te Brot. Schließ­lich tauch­te doch noch eine Kas­sie­re­rin auf (sie hat­te gera­de Rega­le umge­räumt) und nur eine hal­be Stun­de nach dem ers­ten Ver­such hat­te ich end­lich zwei Euro an den Mann gebracht.

Die Web­cam brau­che ich nicht wirk­lich, glau­be ich.

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„Grüß dich ins Knie!“

Tho­mas Knü­wer schrieb heu­te Mor­gen über Star­bucks, die Hass­lie­be jedes auf­rech­ten Kof­fe­in-Jun­kies, und den dor­ti­gen Ser­vice. Es dau­er­te exakt vier Kom­men­ta­re, bis sich die Ers­te über „die­se dröh­nen­de Supi-ich-hab-dich-lieb-Kun­de-Fröh­lich­keit“ beklag­te, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeich­nun­gen wie „typisch deutsch“ hal­te, wuss­te ich augen­blick­lich, dass ich mal wie­der auf ein klas­sisch deut­sches Dilem­ma gesto­ßen war: Freund­lich­keit macht den Deut­schen miss­trau­isch. Edu­ard Zim­mer­mann und Ali­ce Schwar­zer haben ihre jewei­li­gen Lebens­wer­ke dar­auf ver­wen­det, dass man in Deutsch­land immer damit rech­net, gleich über­fal­len oder ver­ge­wal­tigt zu wer­den, sobald mal jemand freund­lich zu einem ist.

Spricht man mit Men­schen über die Dienst­leis­tungs­men­ta­li­tät in Deutsch­land (führt also eine eher hypo­the­ti­sche Dis­kus­si­on), wird man häu­fig von der „auf­ge­setz­ten Freund­lich­keit der Ame­ri­ka­ner“ hören. Wie so oft bei anti­ame­ri­ka­ni­schen Vor­ur­tei­len ver­ste­hen die Kri­ti­ker ame­ri­ka­ni­schen Umgangs­for­men nicht und/​oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zuge­ge­ben: Als ich im letz­ten Jahr drei Mona­te in San Fran­cis­co leb­te, war ich anfangs auch genervt von „Hi, how are you?“ und „Have a nice day“, bis mir däm­mer­te, dass die­se Freund­lich­kei­ten tat­säch­lich mei­ner Lau­ne zuträg­lich waren. Der Vor­wurf „Das inter­es­siert doch kei­nen, wie es einem geht“, mag ja stim­men, nur inter­es­siert das in Deutsch­land auch nie­man­den. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu ent­täu­schen: Solan­ge es sich nicht um Ihre bes­ten Freun­de, aus­ge­wähl­te Fami­li­en­mit­glie­der oder Ihren The­ra­peu­then han­delt, inter­es­siert es kei­ne Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktu­el­les Befin­den zu den­ken, an das gan­ze Elend, das sie gera­de durch­ma­chen – ver­drän­gen Sie’s und sagen Sie „Bes­tens, Dan­ke! Und selbst?“

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird“, lau­tet ein Sprich­wort und ange­denk des­sen, was man sich in man­chen Super­märk­ten, Beklei­dungs­fach­ge­schäf­ten und Elek­tro­märk­ten als zah­len­der Kun­de bie­ten las­sen muss, könn­te man fast anneh­men, die Läden sei­en in Wahr­heit gut­ge­tarn­te Light-Vari­an­ten eines Domi­na-Stu­di­os. „Wer ficken will, muss freund­lich sein“, lau­tet ein ande­res Sprich­wort und der auf­merk­sa­me Beob­ach­ter wird fest­stel­len, dass an mög­li­che Bett­part­ner somit deut­lich höhe­re Anfor­de­run­gen gestellt wer­den als an Ver­käu­fe­rin­nen. Trotz­dem haben mehr Leu­te Sex als einen Arbeits­platz im Dienst­leis­tungs­sek­tor.1

Beson­ders kon­ser­va­ti­ve Zeit­ge­nos­sen wer­den – „Freund­lich­keit hin oder her!“ – auch die Mei­nung ver­tre­ten, die­se „Boden­stän­dig­keit“ lie­ge nun mal im Wesen des Deut­schen, lächeln hin­ge­gen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Pro­zent des Frem­den­ver­kehrs in Deutsch­land auf Leu­te ent­fal­len, die extra hier­her kom­men, um einen brum­me­li­gen Ber­li­ner Taxi­fah­rer oder einen pam­pi­gen Köbes in einem Köl­ner Brau­haus zu begu­cken. Aber wür­de man sol­che Leu­te über­haupt ken­nen­ler­nen wol­len?

Haben Sie noch einen schö­nen Tag!

1 Inwie­weit der inne­re Zwang eini­ger Deut­scher, immer und über­all rau­chen zu wol­len, damit zusam­men­hängt, möge ein jeder bit­te selbst ergrün­den.

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Die Bahn fuhr pünktlich …

Lei­der wer­de ich auf mein Buch wohl noch ein wenig war­ten müs­sen. Die hoch­kom­pe­ten­ten Men­schen von DHL haben näm­lich irgend­wie Mist gebaut, wes­we­gen ich gera­de gezwun­gen war, mit Schaum vor dem Mund und dem „Beschwer­de­rat­ge­ber für Behör­den- und Leser­brie­fe“ auf mei­nen Knien fol­gen­des in die Tas­ten zu zim­mern:

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

als ich heu­te nach Hau­se kam, kleb­te an mei­ner Haus­tür eine Benach­rich­ti­gungs­kar­te. Die­se Kar­te war weder voll­stän­dig aus­ge­füllt, noch war sie in mei­nen Brief­kas­ten ein­ge­wor­fen – ich habe sie eher zufäl­lig gefun­den.
Geht es nach die­ser Kar­te, soll ich ein Post­pa­ket, auf das ich aus beruf­li­chen Grün­den war­te, in einer ent­le­ge­nen „Post­agen­tur“ in Bochum-Alten­bo­chum abho­len, was bei die­ser Hit­ze eine Zumu­tung ist.
Ich fra­ge mich, wie­so das Paket über­haupt wie­der mit­ge­nom­men wur­de: In unse­rem Haus gibt es immer genug Per­so­nen, die zuhau­se und bereit sind, ein sol­ches Paket ent­ge­gen­zu­neh­men und wei­ter­zu­lei­ten – ich selbst neh­me pro Woche durch­schnitt­lich ein Paket ent­ge­gen und sehe des­halb gleich dop­pelt nicht ein, wie­so ich mein Paket in einem Laden abho­len soll, der noch dazu ganz und gar unprak­ti­sche Öff­nungs­zei­ten hat.

Ich möch­te Sie des­halb bit­ten, mir (oder einem mei­ner Nach­barn) das Paket ent­we­der direkt zuzu­stel­len, oder es wenigs­tens in einem Post­amt zu lagern (Haupt­post am Hbf, Uni­cen­ter), das ich ohne Auto errei­chen kann.

Mit freund­li­chen Grü­ßen und Dank im Vor­aus,

Immer­hin bin ich so mal in den Genuss gekom­men, das Wort „Zumu­tung“ zu ver­wen­den, das man ja sonst haupt­säch­lich von selbst­ge­mal­ten Zet­teln in bun­des­deut­schen Trep­pen­häu­sern kennt. Natür­lich hät­te ich auch anru­fen kön­nen, aber das kos­tet 14 Cent pro Minu­te, die man in der War­te­schlei­fe und beim Ein­tip­pen mehr­stel­li­ger Zah­len­codes ver­bringt, und ich bin (fern)mündlich immer viel zu nett und nach­gie­big.

Jetzt atme ich erst­mal tief durch, set­ze mich mit einem Gin Tonic auf den Bal­kon und über­le­ge, ob ich ger­ne mal in einem Ver­brau­cher­ma­ga­zin im drit­ten Pro­gramm auf­tre­ten möch­te. Ich sehe mich schon vor dem Haus ste­hen und mit gespielt fas­sungs­lo­sem Blick einem davon­brau­sen­den gel­ben Post­au­to hin­ter­her­schau­en, unter­legt mit „lus­ti­ger“ Stumm­film­mu­sik.

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Film Politik

Die Trennung von Staat und Irrsinn

Es gibt Situa­tio­nen, in denen gibt es kein „rich­tig“ und kein „falsch“. Man steht als Unbe­tei­lig­ter davor, guckt sie sich an und ist froh, dass man nicht gezwun­gen ist, eine Posi­ti­on ein­zu­neh­men. Aber man kann sich so sei­ne Gedan­ken machen.

Hier ist so ein Situa­ti­on: Tom Crui­se will/​soll/​wird in „Val­ky­rie“, dem neu­en Film von Bryan Sin­ger, Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg spie­len, einen der Draht­zie­her des geschei­ter­ten Atten­tats auf Adolf Hit­ler am 20. Juli 1944. Crui­se ist aber Mit­glied bei Sci­en­to­lo­gy und des­halb sind ver­schie­dens­te Per­so­nen dage­gen, dass Crui­se an Ori­gi­nal­schau­plät­zen dre­hen darf bzw. Stauf­fen­berg über­haupt spie­len soll.

Uff! Da muss man sich schon eine gan­ze Men­ge Gedan­ken machen, um die­se Situa­ti­on eini­ger­ma­ßen zu ent­wir­ren. Gehen wir also der Rei­he nach vor:

Sci­en­to­lo­gy ist eine höchst umstrit­te­ne Orga­ni­sa­ti­on, die je nach Sicht­wei­se als „Kir­che“, „Sek­te“ oder „Wirt­schafts­un­ter­neh­men“ bezeich­net wird. Als Ein­füh­rung in die Leh­ren von L. Ron Hub­bard sei jedem die­ser erhel­len­de Aus­schnitt aus der „South Park“-Folge „Trap­ped In The Clo­set“ emp­foh­len („This is what Sci­en­to­lo­gists actual­ly belie­ve“) – wobei Reli­gi­ons­kri­ti­ker sicher­lich sagen wür­den, die dort vor­ge­stell­te Geschich­te sei auch nicht bedeu­tend alber­ner als die Erschaf­fung der Welt in sechs Tagen und die Ent­ste­hung der Frau aus einer Rip­pe des Man­nes. Sci­en­to­lo­gys Metho­den sind sicher­lich höchst beun­ru­hi­gend und eigent­lich kann man die Insti­tu­ti­on nur als Gehirn­wä­sche­ver­ein bezeich­nen. Ande­rer­seits ist nach Arti­kel 4 des Grund­ge­set­zes die „unge­stör­te Reli­gi­ons­aus­übung“ gewähr­leis­tet – und wie soll­te bei einer Tren­nung von Staat und Kir­che der Staat bestim­men kön­nen, was eine „ech­te“ Reli­gi­on ist und was nicht?

Das führt unwei­ger­lich auch zu der Fra­ge, ob es eine Tren­nung zwi­schen dem Schau­spie­ler und Pro­du­zen­ten Tom Crui­se und dem Sci­en­to­lo­gen Tom Crui­se gibt. Schon 1996 rief die Jun­ge Uni­on zu einem Boy­kott von „Mis­si­on: Impos­si­ble“ auf, was inso­fern schon eine gelun­ge­ne Akti­on war, als dadurch erst­ma­lig die Metho­den und Leh­ren von Sci­en­to­lo­gy in den Focus einer brei­te­ren Öffent­lich­keit in Deutsch­land gelang­ten. Allein: „Mis­si­on: Impos­si­ble“ hat­te natür­lich außer sei­nem Haupt­dar­stel­ler und Pro­du­zen­ten nicht viel mit Sci­en­to­lo­gy zu tun – im Gegen­satz zu „Batt­le­field Earth“, das auf einem Roman von L. Ron Hub­bard basier­te, den eben­falls berühm­ten Sci­en­to­lo­gen John Tra­vol­ta in der Haupt­rol­le hat­te und als einer der schlech­tes­ten Fil­me aller Zei­ten gilt. Für „Val­ky­rie“ steht unter Regis­seur Bryan Sin­ger („X‑Men“, „Die übli­chen Ver­däch­ti­gen“, …) indes wenig bis gar kei­ne Ver­zer­rung des Stoffs zu befürch­ten (und mal ehr­lich: Wie soll­te man Hub­bards Sci­ence-Fic­tion-Wel­ten in eine Deutsch­land-Anno-’44-Geschich­te packen?).

Die Sek­ten­ex­per­tin der CDU/C­SU-Frak­ti­on, Ant­je Blu­men­thal, teil­te mit, dass das Bun­des­ver­teid­gungs­mi­nis­te­ri­um, das heu­te im Ber­li­ner Bend­ler­block resi­diert, in dem Stauf­fen­berg sein Atten­tat plan­te und wo er auch hin­ge­rich­tet wur­de, einen Dreh am Ori­gi­nal­schau­platz mit der Begrün­dung ableh­ne, eine Dreh­ge­neh­mi­gung für „einen rang­ho­hen Sci­en­to­lo­gen in einem Bun­des­ge­bäu­de“ käme einer bun­des­po­li­ti­schen Aner­ken­nung gleich – und das, bevor auch nur der Antrag auf eine Dreh­ge­neh­mi­gung vor­lag. Allein die­ser „Dienst­weg“ soll­te min­des­tens für skep­ti­sche Bli­cke und Stirn­run­zeln sor­gen.

In der „Süd­deut­schen Zei­tung“ gab es ges­tern einen sehr inter­es­san­ten Kom­men­tar von Andri­an Kreye und die „FAZ“ druck­te einen läng­li­chen Text des deut­schen Oscar-Preis­trä­gers Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marck, in dem die­ser über Stauf­fen­berg, Crui­se und die „deut­sche Ver­bots­geil­heit“ phi­lo­so­phiert. Mit­un­ter schießt er dabei ein wenig übers Ziel hin­aus, beweist damit aber auch, dass er mit sei­nem Pathos und Libe­ra­lis­mus (sowie natür­lich mit sei­nem beacht­li­chen Ehr­geiz) in den USA wirk­lich bes­ser auf­ge­ho­ben zu sein scheint als in Deutsch­land. Don­ners­marck argu­men­tiert, dass man die größ­ten und wich­tigs­ten Geschich­ten nur dann einem gro­ßen Publi­kum erzäh­len kön­ne (und wer soll­te etwas dage­gen haben, Stauf­fen­bergs Geschich­te in die Welt zu tra­gen?), wenn man sie mit gro­ßen Stars ver­fil­me – ein Stand­punkt, für den er post­wen­dend von Peter Stein­bach, dem Lei­ter der Gedenk­stät­te Deut­scher Wider­stand, eine drü­ber­ge­bra­ten bekam.

Im Kern hat der streit­ba­re Don­ners­marck aber sicher nicht unrecht: Mit dem ihr eige­nen Fin­ger­spit­zen­ge­fühl hat es die deut­sche Poli­tik geschafft, das The­ma Wider­stand an den Rand zu drän­gen und durch das The­ma Sci­en­to­lo­gy zu erset­zen. Es sind sicher bei­des wich­ti­ge The­men, aber die Wich­tig­tu­er aller Par­tei­en hät­ten sich kaum einen unge­eig­ne­te­ren Hin­ter­grund aus­su­chen kön­nen, um das staat­li­che Ver­hält­nis zu Reli­gi­on und Kunst zu dis­ku­tie­ren.

Auch ich hal­te Sci­en­to­lo­gy für gefähr­lich und wün­sche mir (gera­de ange­sichts der aktu­el­len Deutsch­land-Offen­si­ve) Auf­klä­rung über deren Machen­schaf­ten und mei­net­we­gen auch Beob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz. Ich sehe mir aber trotz­dem Fil­me an, in denen Tom Crui­se mit­spielt (es gibt da ja hin und wie­der auch mal gute mit ihm) – wohl­wis­send, dass ein Teil des Gel­des, das er als Pro­du­zent damit ver­dient, an Sci­en­to­lo­gy gehen wird. Ich kann Crui­se als Per­son (spä­tes­tens seit sei­nem Auf­tritt bei Oprah Win­frey) kein biss­chen ernst neh­men, ich hal­te ihn aber für einen ziem­lich guten Schau­spie­ler und er ist zwei­fel­los einer der größ­ten Stars unse­rer Zeit. Pete Doh­erty ist ja auch nur die Par­odie eines Rock’n’Rol­lers und trotz­dem ein guter Musi­ker.

Was kön­nen wir also aus der gan­zen Cho­se ler­nen? Deut­schen Poli­ti­kern ist es egal, vor wel­chem Hin­ter­grund sie sich pro­fi­lie­ren kön­nen, solan­ge sie dadurch in die Pres­se kom­men. Auch die größ­ten Film­stars der Welt kön­nen sich nicht dar­auf ver­las­sen, über­all rein­zu­kom­men. Schau­spie­ler kön­nen noch so gut spie­len, sie blei­ben auch immer sie selbst. Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marck woll­te sich als Zehn­jäh­ri­ger im Gar­ten von Mari­on Yorcks Dah­le­mer Vil­la das Hemd aus­zie­hen. Und: Es gibt Situa­tio­nen, in denen es weder „rich­tig“ noch „falsch“ gibt, und bei denen man froh sein kann, dass man nicht gezwun­gen ist, eine kla­re Posi­ti­on ein­zu­neh­men.

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Warum Wolfgang Schäuble nie „Krieg und Frieden“ geschrieben hätte

Wenn klei­ne Kin­der wir­res Zeug reden, nennt man sie krank und steckt sie ins Bett. Wenn erwach­se­ne Män­ner wir­res Zeug reden, nennt man sie Poli­ti­ker und steckt sie ins Kabi­nett.

Wolf­gang Schäub­le hat sich also mal wie­der der Pres­se gestellt und dabei ver­rä­te­ri­sches bemer­kens­wer­tes gesagt:

Die Unter­schei­dung zwi­schen Völ­ker­recht im Frie­den und Völ­ker­recht im Krieg passt nicht mehr auf die neu­en Bedro­hun­gen.

Könn­te in etwa hei­ßen: Guan­ta­na­mo wäre auch auf Hel­go­land mög­lich – aber Fol­ter schließt Schäub­le ja eh seit län­ge­rem nicht mehr aus. Und selbst­ver­ständ­lich will er auch wei­ter­hin die Bun­des­wehr im Inne­ren ein­set­zen.

Aus­lö­ser der neu­er­li­chen Dis­kus­si­on sind natür­lich die ver­ei­tel­ten Anschlä­ge in Groß­bri­tan­ni­en vom ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Aber nur noch mal zur Erin­ne­rung: Nicht Online­durch­su­chun­gen von Fest­plat­ten, Vor­rats­da­ten­spei­che­rung oder Fol­ter haben schlim­me­res ver­hin­dert, son­dern der Geruch von aus­strö­men­dem Gas und ein Pol­ler.

P.S.: Wer Wolf­gang Schäub­le bei der Bekämp­fung des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus behilf­lich sein will, kann unter informiert-wolfgang.de ver­schie­dens­te For­mu­la­re her­un­ter­la­den, mit denen man für sich und sein direk­tes Umfeld Ent­war­nung geben kann. Dann muss Schäub­le nicht alles obser­vie­ren las­sen.

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Hot Turkey

An meh­re­re mei­ner zahl­rei­chen E‑Mail-Adres­sen ging im Lau­fe des Tages eine E‑Mail mit dem Betreff „AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jun­gen (Mar­co) frei. Euer Tours­tik-Auf­schwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH“. Die E‑Mail ist von sie­ben, mir unbe­kann­ten Per­so­nen unter­schrie­ben, und ich soll sie an „alle TUERKEN“, die ich ken­ne, „oder Leu­te, die aus die­sem Land kom­men oder dort Urlaub machen wol­len“ wei­ter­lei­ten. Es geht (natür­lich) um den in der Tür­kei inhaf­tier­ten deut­schen Schü­ler Mar­co W., dem vor­ge­wor­fen wird, eine 13jährige Bri­tin miss­braucht zu haben, und dar­in steht unter ande­rem fol­gen­des:

Seid Ihr noch ganz nor­mal, einen 17 Jah­re alten Jun­gen ein­zu­sper­ren, nur
weil er eine jun­ge Frau ken­nen­ge­lernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaf­fen wor­den, damit es zu kei­nen Zwangs­ehen
kommt. Aber des­halb muss man doch
kei­nen 17 Jah­re alten Jun­gen, der in Eurem Land Urlaub macht, mona­te­lang
ein­sper­ren. Und das noch bei Euren
mise­ra­blen Haft­be­din­gun­gen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivi­li­sier­ten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Kata­stro­pha­le Zei­len­um­brü­che über­nom­men)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfan­gen soll!

Ver­su­chen wir es mal so: Nach­dem anfangs von einem „Urlaubs­flirt“, dann von einer „Knut­sche­rei“ die Rede war, hat inzwi­schen offen­bar auch Mar­co W. „sexu­el­le Kon­tak­te“ ein­ge­räumt. Damit hät­te sich Mar­co W., wie im Law­blog aus­ge­führt wird, auch in Deutsch­land straf­bar gemacht – auch wenn das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um offen­bar Gegen­tei­li­ges ver­laut­ba­ren lässt.
Dafür, dass „das Gesetz“ nur geschaf­fen wur­de, „damit es zu kei­nen Zwangs­ehen kommt“, fin­det sich in der gesam­ten Bericht­erstat­tung zu der Geschich­te kein ein­zi­ger Anhalts­punkt. Ich bin kein Exper­te für tür­ki­sche Geset­ze, möch­te aber anneh­men, dass sich ein sol­ches Detail wenigs­tens in einem Teil der Arti­kel wie­der­ge­fun­den hät­te.
Auch will mir der Hin­weis „der in Eurem Land Urlaub macht“ nicht so ganz ein­leuch­ten: Soll die tür­ki­sche Poli­zei etwa davon abse­hen, Tou­ris­ten zu inhaf­tie­ren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu brin­gen, oder was?
Kom­men wir zu den Haft­be­din­gun­gen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat „mise­ra­bel“ – aber wohl für alle Gefan­ge­nen. Wenn die (sicher­lich berech­tig­te) Auf­re­gung dar­über dazu füh­ren wür­de, dass sich jetzt ein paar Hun­dert Leu­te bei Amnes­ty Inter­na­tio­nal enga­gie­ren, wäre das ein posi­ti­ves Signal, das man dem gan­zen Fall abge­win­nen könn­te – ich glau­be aber lei­der nicht dar­an.

Natür­lich darf man Mit­leid mit einem 17jährigen haben, der in einem frem­den Land ins Gefäng­nis gesteckt wor­den ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, mora­li­sche Vor­stel­lun­gen oder gar den ver­meint­li­chen Tat­her­gang dis­ku­tie­ren.
Aber an die­sem Fall wun­dert mich doch so eini­ges:

  • War­um dau­er­te es nach der Fest­nah­me des Jun­gen am 11. April über zwei Mona­te, bis der Fall letz­te Woche in der deut­schen Pres­se ankam?
  • Wie wür­de die deut­sche Bevöl­ke­rung, die deut­sche Pres­se reagie­ren, wenn sich der tür­ki­sche Außen­mi­nis­ter Abdul­lah Gül laut­stark für die Frei­las­sung eines tür­ki­schen Staats­bür­gers in Deutsch­land, dem ähn­li­ches vor­ge­wor­fen wird, aus­spre­chen wür­de?
  • Wo war Frank-Wal­ter Stein­mei­er, als das letz­te Mal ein deut­scher Staats­bür­ger unter extre­men Bedin­gun­gen im Aus­land inhaf­tiert war? Oh, Moment, das wis­sen wir ja …
  • Wel­chen Zweck sol­len sol­che E‑Mails erzie­len?

Womög­lich ste­hen die Absen­der die­ser begin­nen­den Ket­ten­mail Mar­co W. nahe. Sie haben natür­lich das Recht, besorgt und ver­zwei­felt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten, und dif­fu­se Dro­hun­gen („die Euch noch leid tun wird“) aus­zu­sto­ßen.

Und wie immer, wenn Men­schen mit Inter­net­an­schluss besorgt sind und irgend­was tun wol­len, wird es auch dies­mal nur eine Fra­ge der Zeit blei­ben, bis es dazu eine Stu­diVZ-Grup­pe geben wird …

Nach­trag 28. Juni, 00:58 Uhr: Cars­ten Heid­böh­mer ruft in sei­nem Kom­men­tar bei stern.de zu weni­ger Hys­te­rie in Sachen Tür­kei (und Polen) auf. Soll­te man gele­sen haben.

Nach­trag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weni­ger optimistisch/​naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablen­kungs­ma­nö­ver, um den Anschein zu erwe­cken, es sei ein Appell von Freun­den des Inhaf­tier­ten.

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So I start a revolution from my bed

Gallagher Lane in San Francisco, CA

Zur Stun­de ist ja bekannt­lich Macht­wech­sel in Groß­bri­tan­ni­en. Das ist an sich schon ganz gro­ßes Kino, gewinnt aber noch mehr Qua­li­tät durch die (natür­lich her­vor­ra­gen­de) news covera­ge von BBC World:

Ein Bei­trag, in dem ein Inti­mus über den desi­gnier­ten Pre­mier­mi­nis­ter Gor­don Brown spricht, wur­de mit dem Intro von „Won­der­wall“ unter­legt, und zum Abschluss gab es dann noch mal die schöns­ten Bil­der aus Tony Blairs zehn­jäh­ri­ger Amts­zeit, unter­legt mit? Na klar: „Don’t Look Back In Anger“.

Und jetzt stel­len wir uns mal vor, ARD und ZDF unter­leg­ten den nächs­ten Regie­rungs­wech­sel in Deutsch­land mit … äh … mit … Ach ver­dammt, der Ver­gleich hinkt dop­pelt …

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Politik Leben

Brüh im Lichte dieses Glückes

Fol­gen­de G‑8-Staa­ten haben ihre Natio­nal­hym­ne in ihrer Ver­fas­sung fest­ge­legt:

Und fol­gen­de nicht:

  • Deutsch­land (1952 in einem Brief­wech­sel zwi­schen Kanz­ler Ade­nau­er und Bun­des­prä­si­dent Heuss fest­ge­legt)
  • Groß­bri­tan­ni­en (hat nicht mal eine Ver­fas­sung)
  • Ita­li­en (seit 1946 „vor­läu­fi­ge Natio­nal­hym­ne“, 2005 per Dekret des Staats­prä­si­den­ten offi­zi­ell ein­ge­führt)
  • Japan (seit dem 12. Jahr­hun­dert, nach dem zwei­ten Welt­krieg erst 1999 wie­der gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Kana­da (1980 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • USA (1931 gesetz­lich fest­ge­legt)
  • Russ­land (2001 von Prä­si­dent Putin fest­ge­legt)

War­um ich das schrei­be? Ich habe bei der letz­ten Bochu­mer pl0gbar mit Jens gewet­tet. Viel­mehr: Ich habe ihm nicht glau­ben wol­len, dass „höchs­tens die Hälf­te der G‑8-Staa­ten“ ihre Hym­ne in ihren jewei­li­gen Ver­fas­sun­gen fest­ge­legt haben. Wir sehen: Es ist genau ein Ach­tel (und auch noch genau das Frank­reich, das Jens vor­her­ge­sagt hat­te). Gut, dass wir nur ums Recht gewet­tet haben …

War­um ich das jetzt alles schrei­be? Nun ja: Mor­gen isses wie­der soweit.