Hauptsache wir sind

Von Lukas Heinser, 27. Februar 2007 12:46

Es gibt viele Gründe, der Bild-„Zeitung“ gegenüber kritisch eingestellt zu sein, und jeden Tag liefert das BildBlog ein paar weitere dazu. Fernab aller moralischer und ideologischer Grenzgänge hat sich „Bild“ in den letzten Jahren aber vor allem mit einer Sache hervorgetan; mit einer Schlagzeile, die grammatisch grenzwertig und inhaltlich schlichtweg Blödsinn ist, und die sich deshalb in den allgemeinen Sprachgebrauch einbrennen musste: „Wir sind Papst!“

Es spricht sicher nicht für die Redakteure diverser öffentlich-rechtlicher Sender in Deutschland, dass mir gestern gleich an mehreren Stellen flapsige Moderationen unterkamen, die nahezu völlig identisch waren: „Jetzt sind wir nicht nur Papst, Fußball-Weltmeister der Herzen und Handballweltmeister, jetzt sind wir auch noch Oscar …“

Uff! So viel Dummheit muss man erst mal in so einen vergleichsweise kurzen Satz gewürgt kriegen. Mal ganz davon ab, dass dieses „wir“ ja immer noch eine höchst diffuse Angabe ist (die beispielsweise genau dann überhaupt nicht mehr zutrifft, wenn Daniel Goldhagen ein Buch veröffentlicht), und „wir“ mitnichten Oscar sind, sondern ihn höchstens haben (aber daran soll sich Bastian Sick noch abarbeiten, das geschieht ihm recht): das plötzliche Bohei um den Oscar für „Das Leben der Anderen“ erscheint auch noch reichlich willkürlich. Als „Nirgendwo in Afrika“ von Caroline Link 2003 als erster deutschsprachiger Film seit 1980 den Oscar erhielt, schlug die Meldung längst nicht so ein – dabei sind Filme, bei denen eine Frau Regie führte, bei den Oscars eine echte Besonderheit. Immer noch.

Aber „Nirgendwo in Afrika“ war vor Papstwahl und Fußball-WM. Deutsche Filme teilten sich in pubertäre Komödien mit Til Schweiger, Katja Riemann oder Tom Gerhardt (also national erfolgreich) und „gut, aber zu ernst“ (also international erfolgreich). Dass „Das Leben der Anderen“ trotz seiner völlig un-ostalgischen Geschichte (und damit als Gegenentwurf zu „Good Bye, Lenin“) ein Publikumserfolg wurde, darf da schon als Sensation gelten. Und natürlich ist auch der dritte Oscar für einen deutschen Film (und der zweite innerhalb von fünf Jahren) immer noch weit vom Regelfall entfernt und verdient Respekt. Aber mit welch irrer Reflexhaftigkeit die Medien sofort wieder die Frage stellten, ob „der deutsche Film jetzt wieder da“ sei, das war schon irritierend. Wo soll er sein? Und war er da schon mal und war dann plötzlich weg und ist jetzt wieder da? Oder ging es nur darum, die Worte „deutsch“ und „wieder da“ in einem Satz unterzubringen, weil das so schön klingt?

Sicherlich: es ist ein Verdienst der deutschen und bayrischen Filmförderung, dass so ein Film möglich war. Das hat der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck in seiner Dankesrede auch deutlich klar gemacht (der gleichen Dankesrede übrigens, in der er seine Hauptdarstellerin Martina Gedeck vergaß, nachdem diese zuvor schon nicht zur Oscar-Verleihung mitkommen konnte, weil der Regisseur lieber seine Gattin mitgenommen hat). Ansonsten handelt es sich bei „Das Leben der Anderen“ (anders als z.B. bei einer Sportveranstaltung, bei der Tausende Fans ihr Team anfeuern) um das Werk einer nicht gerade kleinen, aber doch überschaubaren Gruppe. Und wenn man der Presse Glauben schenken darf, vor allem um das Verdienst der über achtzigjährigen Schauspielagentin Erna Baumbauer, die das Starensemble für ’nen Appel und ’n Ei zusammentrommelte. Aber statt diese Einzelleistungen zu würdigen (der Vorschlag, seine Macher als Helden der Arbeit auszuzeichnen, dürfte angesichts der Thematik des Films als „unpassend“ bis „zynisch“ angesehen werden), statt Henckel von Donnersmarck trotz seines etwas irritierend großen Selbstbewusstseins und seiner nur bedingt sympathischen Ausstrahlung als Beispiel für einen, der nach oben wollte und es geschafft hat, darzustellen, statt wenigstens die in weiten Teilen vorbildliche deutsche Filmförderung zu würdigen, ist wieder ganz platt und plakativ vom „Oscar für Deutschland“ die Rede.

Forest Whitaker, der als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, sagte in seiner Dankesrede, wie unwahrscheinlich es für einen schwarzen Jungen aus Texas gewesen sei, Schauspieler zu werden und den Oscar zu gewinnen. Er beschrieb, ohne es explizit zu erwähnen, den klassischen American Dream, wonach es jeder nach oben schaffen könne, der sich genug Mühe gebe und gut genug sei. Nach Sidney Poitier 1963, Denzel Washington 2002 und Jamie Foxx 2004 gilt es nicht einmal mehr eine größere Sensation, dass ein Schwarzer als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wird. Aber wenn ein Deutscher einen Oscar gewinnt, sollen natürlich gleich wieder 82 Millionen eine 30 Centimeter große vergoldete Statue sein. Wir sind seltsam!

3 Kommentare

  1. David
    27. Februar 2007, 14:08

    Scheinbar wird, mehr als 50 Jahre nach dem „Wunder von Bern“, immer noch eine regelmäßige Dosis Wir-sind-wieder-wer gebraucht. Meine Diagnose: Latenter Minderwertigkeitskomplex.

  2. JAG
    27. Februar 2007, 19:54

    Aus persönlicher Erfahrung darf ich durchaus mal nebenbei anmerken, dass die werte Frau Baumbauer zwar durchaus ein akzeptables Ensemble unter ihrer Herrschaft vereint (wobei eigentlich auch nicht sonderlich außergewöhnlich, da gibt es noch ziemlich viele _beiweitem_ interessante Agenturen), aber im Gegensatz zu vielen anderer ihrer Kolleginnen und Kollegen unter den Schauspieleragenturen relativ unflexibel und unfreundlich gegenüber dem Nachwuchs steht, der nunmal nicht die Standardgehälter nach Liste zahlen kann, sondern auf Rückstellungsvereinbahrungen und ein gewisses Maß an Mithilfe von außerhalb angewiesen ist…

  3. Lukas
    28. Februar 2007, 0:39

    Ah, interessant zu wissen. Man hörte und las ja nur immer von den außergewöhnlichen Leistungen der Dame und irgendwie kommt dann ja auch immer noch der Omi-Faktor dazu. Und in diesem Fall war es ja auch ein (Langfilm-)Debüt.

    Trotzdem: „als Frau“, „so lange dabei“ und „in dem Alter“ sollten für eine Sonderstellung reichen. ;-)