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Rollenspiel

Stel­len Sie sich bit­te für einen Moment mal vor, Sie wären Ange­la Mer­kel. Das mit dem Gesicht und der Fri­sur über­las­sen wir schön den Kol­le­gen vom Pri­vat­fern­se­hen, dort macht man ja auch noch Namens­wit­ze.

Sie wären viel­mehr die ers­te Kanz­le­rin in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik und beliebt wie nur sonst was. Sie hät­ten in die­sem Jahr als weib­li­ches Gegen­stück zu Al Gore den Kli­ma­wan­del gestoppt und sogar die „New York Times“ hät­te gera­de groß über Sie und Ihren Rück­halt im Vol­ke berich­tet. Natür­lich wären Sie auch so beliebt, weil Sie in fast zwei Jah­ren Regie­rung nichts getan hät­ten und die gan­zen unbe­que­men Refor­men, die jetzt zu wir­ken begön­nen, alle noch auf das Kon­to der Vor­gän­ger­re­gie­rung gin­gen, aber das könn­te Ihnen ja im Prin­zip egal sein. Die ein­zi­gen Sor­gen, mit denen Sie sich bis jetzt hät­ten rum­schla­gen müs­sen, wären eine miss­glück­te Gesund­heits­re­form, leich­te Wider­stän­de gegen das „Eltern­geld“ Ihrer Fami­li­en­mi­nis­te­rin und das gan­ze Thea­ter um die Sicher­heit beim G8-Gip­fel gewe­sen.

Und dann hät­te irgend­je­mand ein paar Türen in ein paar Minis­te­ri­en nicht ord­nungs­ge­mäß ver­schlos­sen und zwei Minis­ter wür­den plötz­lich mit dem Bol­ler­wa­gen durch die deut­sche Medi­en­land­schaft zie­hen um dem letz­ten Bun­des­bür­ger klar zu machen, dass Sie Ihr Kabi­nett über­haupt nicht unter Kon­trol­le hät­ten.

Dass Wolf­gang Schäub­le seit Mona­ten immer tie­fe­re Ein­schnit­te in die Grund­rech­te der Bür­ger, Ihrer Wäh­ler, for­dert, wäre den meis­ten Betrof­fe­nen noch total egal gewe­sen. Doch plötz­lich wür­de der Mann alle noch mal über­ra­schen und mun­ter her­umer­zäh­len, er hiel­te es ja nur noch für eine Fra­ge der Zeit, bis mal ein Ter­ro­rist daher­kom­me und eine Atom­bom­be zün­de.1

Fast zeit­gleich wür­de sich Ihr Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter hin­stel­len und einen Vor­schlag der Vor­gän­ger­re­gie­rung, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt hät­te, wie­der her­vor­ho­len und öffent­lich ankün­di­gen, im Zwei­fels­fal­le auf Ver­fas­sung und Gericht zu schei­ßen und auf ent­führ­te Flug­zeu­ge zu schie­ßen. In den „Tages­the­men“ wür­de er auf die Fra­ge, ob sein Vor­stoß über­haupt mit Ihnen abge­spro­chen sei, ant­wor­ten, er und der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter sei­en die bes­ten Bud­dies über­haupt und die Fra­ge ansons­ten unbe­ant­wor­tet las­sen. Poli­ti­ker diver­ser ande­rer Par­tei­en und die Bun­des­luft­waf­fe wür­den sich gegen sei­nen Vor­schlag weh­ren und in Deutsch­land herrsch­te eine Auf­ruhr, als habe gera­de jemand Hit­lers Fami­li­en­po­li­tik gelobt oder Kunst als „ent­ar­tet“ bezeich­net.

Was wür­den Sie, der Sie ja Ange­la Mer­kel wären, jetzt tun?

1 Dass Schäub­le meint, wir soll­ten uns „die ver­blei­ben­de Zeit“ nicht auch noch „ver­der­ben, weil wir uns vor­her schon in eine Welt­un­ter­gangs­stim­mung ver­set­zen“, anstatt end­lich mal das zu tun, was er die gan­ze Zeit vor­gibt zu wol­len, näm­lich die Sicher­heit der Bür­ger zu schüt­zen, ist eigent­lich einen eige­nen Wut­an­fall wert.

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Digital Politik

Unwissenheit ist Stärke

Poli­ti­ker müs­sen kei­ne Ahnung haben, sie haben ja die Medi­en, die ihre dum­men Äuße­run­gen so lan­ge ver­brei­ten, bis jeder das Gere­de für bare Mün­ze nimmt und sich nie­mand mehr fragt, wovon er dort gera­de eigent­lich spricht.

So ver­mel­det Hei­se heu­te unter Beru­fung auf Reu­ters, der EU-Kom­mis­sar für Frei­heit, Sicher­heit und Recht, Fran­co Frat­ti­ni wol­le Such­ma­schi­nen davon abhal­ten, Ergeb­nis­se zu bestimm­ten Begrif­fen zu lie­fern:

„I do intend to car­ry out a clear explo­ring exer­cise with the pri­va­te sec­tor … on how it is pos­si­ble to use tech­no­lo­gy to pre­vent peo­p­le from using or sear­ching dan­ge­rous words like bomb, kill, geno­ci­de or ter­ro­rism,“ Frat­ti­ni told Reu­ters.

Die Such­ma­schi­nen­be­trei­ber sol­len also von staat­li­cher Sei­te auf­ge­for­dert wer­den, bestimm­te Inhal­te nicht mehr dar­zu­stel­len. Doch, das wäre end­lich mal eine Situa­ti­on, in der das Wort „Zen­sur“ gar nicht mehr so falsch wäre.

„to pre­vent peo­p­le from using […] dan­ge­rous words“ ist natür­lich sowie­so eine For­mu­lie­rung, bei der sich einem alles zusam­men­zieht. „Gefähr­li­che Wör­ter“ ist Vier­tel vor News­peak.

Die Mei­nungs- und Infor­ma­ti­ons­frei­heit sei indes nicht in Gefahr, ver­si­cher­te das Mit­glied der For­za Ita­lia:

Frat­ti­ni said the­re would be no bar on opi­ni­on, ana­ly­sis or his­to­ri­cal infor­ma­ti­on but ope­ra­tio­nal ins­truc­tions useful to ter­ro­rists should be blo­cked.

Wie genau das tech­nisch gehen soll, wird der gelern­te Jurist einer ver­mut­lich noch nicht mal erstaun­ten Welt­öf­fent­lich­keit dann wohl nächs­te Woche erklä­ren.

[via Spree­blick]

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Politik

Biegen und Brechen

NRW wird seit zwei Jah­ren von einer schwarz-gel­ben Lan­des­re­gie­rung regiert, die es bin­nen kür­zes­ter Zeit geschafft hat, dass sich die Bevöl­ke­rung die zuletzt ver­hass­te rot-grü­ne Vor­gän­ger­re­gie­rung zurück­wünscht. Wer nach dem Macht­wech­sel geglaubt hat­te, es kön­ne ja eigent­lich nur noch bes­ser wer­den, wur­de nega­tiv über­rascht. Redet man mit Men­schen, die ein biss­chen Ein­blick in das Inne­re die­ser Lan­des­re­gie­rung haben, möch­te man das Land danach so schnell als mög­lich ver­las­sen: Vom Minis­te­ri­al­rat bis zum Minis­ter schei­nen alle min­des­tens unfä­hig (aber wie und wo soll­ten die in 100 Jah­ren SPD-Regie­rung auch Erfah­rung sam­meln?) und von Minis­ter­prä­si­dent Jür­gen Rütt­gers heißt es, er sei selbst zum Vor­le­sen vor­ge­schrie­be­ner Reden nicht zu gebrau­chen.

Aber was ist schon eine desas­trö­se Bil­dungs- oder Bau­po­li­tik gegen äußerst frag­wür­di­ge (und unter­ir­disch schlecht ver­schlei­er­te) Tak­tie­re­rei­en?

Die „WAZ“ mel­det heu­te, die Lan­des­re­gie­rung wol­le die Kom­mu­nal­wahl 2009, die für den sel­ben Tag wie die Bun­des­tags­wahl vor­ge­se­hen war, ver­schie­ben:

Nach Infor­ma­tio­nen der WAZ haben die Gene­ral­se­kre­tä­re von CDU und FDP den Ver­ant­wort­li­chen im NRW-Innen­mi­nis­te­ri­um aber bereits dik­tiert, dass „aus poli­ti­schen Erwä­gun­gen“ eine Kopp­lung von Kom­mu­nal- und Bun­des­tags­wahl uner­wünscht sei.

Mei­nungs­for­scher rech­nen bei einer Dop­pel­wahl mit einer deut­lich höhe­ren Wahl­be­tei­li­gung, weil sie vor allem vie­le der wahl­mü­de gewor­de­nen SPD-Anhän­ger zurück an die Urnen holt. Das gute Abschnei­den von CDU und FDP bei der Kom­mu­nal­wahl 2004 wur­de auch mit der im Ver­gleich zur Bun­des­tags­wahl 2005 dra­ma­tisch nied­ri­ge­ren Betei­li­gung (54,4% Komm./ 81,3% Bund) erklärt.

Noch­mal: Die Gene­ral­se­kre­tä­re von CDU und FDP wol­len kei­ne gemein­sa­me Kom­mu­nal- und Bun­des­tags­wahl, weil dann mehr SPD-Anhän­ger zur Bun­des­tags­wahl gehen könn­ten und gleich­zei­tig ihrer Par­tei auch bei der Kom­mu­nal­wahl ihre Stim­me geben könn­ten. Und das soll das Innen­mi­nis­te­ri­um jetzt regeln.

Es geht aber nicht nur um die­ses leicht frag­wür­di­ge poli­ti­sche Tak­tie­ren, es geht auch knall­hart um etwa 42 Mil­lio­nen Euro, die zwei ent­kop­pel­te Wah­len mehr kos­ten wür­den. Von dem zusätz­li­chen Auf­wand für Wahl­hel­fer und Wahl­kämp­fer mal ganz zu schwei­gen.

[via Pott­blog]

Nach­trag 21. August: Auch heu­te berich­tet die „WAZ“ wie­der über das The­ma und lässt u.a. Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker zu Wort kom­men, die die Idee natur­ge­mäß nicht so doll fin­den. Auch der WDR hat unter Beru­fung auf die „WAZ“ groß dar­über berich­tet, ein biss­chen klei­ner die „Ruhr Nach­rich­ten“, der „Köl­ner Stadt-Anzei­ger“, die „West­deut­sche Zei­tung“, die „Köl­ni­sche Rund­schau“ und das „West­fa­len-Blatt“.

Noch irgend­wel­che grö­ße­ren NRW-Medi­en ohne Fahr­schein? Ja: „Express“, „Bild“ und die „Rhei­ni­sche Post“.

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Politik

Alternative Karriereplanung

Wenn das mit dem Alpha-Blog­ger nix wird, kann ich immer noch als Pro­phet anfan­gen:

5. Mai: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

11. August: Stoi­ber als Staats­ober­haupt?

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Politik Gesellschaft

Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Auch wenn uns poli­tisch wenig bis gar nichts ver­band, war Hel­mut Kohl immer „mein“ Kanz­ler. Er war schon Kanz­ler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötz­lich (nach 16 Jah­ren!) nicht mehr war, war ich ver­wirrt. Sag­te der Nach­rich­ten­spre­cher „Bun­des­kanz­ler“, ver­voll­stän­dig­te ich im Geis­te „Hel­mut Kohl“. In mei­ner Erin­ne­rung wird Kohl immer zu glei­chen Tei­len die „Hur­ra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Bran­dung sein. Er war der gro­ße „Aus­sit­zer“, die sprich­wört­li­che deut­sche Eiche, die es nicht im min­des­ten inter­es­sier­te, wel­che Sau sich gera­de wie­der an ihr rieb. Kohl hat sie alle über­stan­den: Schmidt, Strauß, Möl­le­mann. Es gab Bücher vol­ler Kohl-Wit­ze und ich wür­de ihm zutrau­en, dass er, wenn ihm mal jemand ein sol­ches Buch geschenkt hät­te, die­ses demons­tra­tiv auf dem Fens­ter­brett der Gäs­te­toi­let­te sei­nes Oggers­hei­mer Bun­ga­lows plat­ziert hät­te, um zu zei­gen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Con­ten­an­ce ver­lor, wie als er sich in Hal­le auf einen Mann stürz­te, der ihn mit Eiern bewor­fen hat­te, dann zeig­te er in einer sol­chen Sze­ne Mensch­lich­keit, phy­si­sche Prä­senz und den Wil­len, sich not­falls selbst zu ver­tei­di­gen. Die Hal­len­ser Eier­wurf-Geschich­te ist eine Epi­so­de in der an Epi­so­den nicht armen Außen­wir­kung Kohls. Sei­ne inne­re Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bon­ner Staats­an­walt­schaft nicht davon über­zeu­gen kann, sein Ehren­wort zu bre­chen.

Kohls Nach­fol­ger als Bun­des­kanz­ler war Ger­hard Schrö­der, der unter ande­rem dadurch in die Geschich­te und das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ging, dass er gericht­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, sein gleich­mä­ßig dunk­les Haupt­haar sei gefärbt. Etwa fünf Jah­re spä­ter setz­te Schrö­ders Gat­tin gericht­lich durch, dass der „Stern“ nicht behaup­ten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neu­wahl des Bun­des­tags mit­tels Ver­trau­ens­fra­ge zu erwir­ken. Hel­mut Kohl wur­de zu die­ser Zeit, allen Ehren­wor­ten zum Trotz, als Kan­di­dat für den Frie­dens­no­bel­preis gehan­delt.

Eben­falls einen Pro­zess gewann im Jahr 2005 Schrö­ders dama­li­ger Ver­kehrs­mi­nis­ter Man­fred Stol­pe. Er darf seit­dem nicht mehr als „ehe­ma­li­ger Sta­si-Mit­ar­bei­ter“ oder „IM“ bezeich­net wer­den, auch wenn Stol­pe selbst sagt, er habe als Sekre­tärs des Bun­des der Evan­ge­li­schen Kir­che der DDR „zu vie­len staat­li­chen Stel­len Kon­takt gehal­ten, dar­un­ter auch zur Staats­si­cher­heit“, und der Birth­ler-Behör­de Akten vor­lie­gen, die den Ver­dacht erhär­ten, Stol­pe sei als Infor­mel­ler Mit­ar­bei­ter „gewor­ben“ wor­den. Die soge­nann­te „Stol­pe-Ent­schei­dung“ des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts besagt im Kern, dass es bei einer mehr­deu­ti­gen Äuße­rung aus­rei­che, wenn nur eine mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on die­ser Äuße­rung die Per­sön­lich­keits­rech­te des Klä­gers ver­let­ze.

Natür­lich möch­te nie­mand Unwahr­hei­ten oder Belei­di­gun­gen über sich selbst lesen und selbst­ver­ständ­lich gibt es einen Unter­schied zwi­schen der Aus­sa­ge „Lukas hat­te Kon­tak­te zu Apfel­die­ben (weil er in der Grund­schu­le neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüss­te nichts davon. Es ist ein Bei­spiel, lie­be frü­he­ren Mit­schü­ler!) und „Lukas war/​ist ein Apfel­dieb“. Nur haben die Ver­fas­sungs­rich­ter mit die­sem Grund­satz­ur­teil die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net, denn mehr­deu­tig und inter­pre­tier­bar ist eine gan­ze Men­ge: Eine ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung für Fern­seh­an­sa­ge­rin­nen, die auch als abwer­ten­de Bezeich­nung für das weib­li­che Geschlecht ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung, als auch die Fern­seh­an­sa­ge­rin erst­mals einem grö­ße­ren Publi­kum bekannt wer­den). Eine Beschrei­bung für Men­schen, die im Fern­se­hen anru­fen, dann aber nichts oder völ­lig unpas­sen­des Zeug sagen, die auch als Unter­stel­lung den Ange­ru­fe­nen gegen­über ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juris­tisch mögen die­se Urtei­le auch völ­lig logisch begründ­bar sein. Lin­gu­is­tisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wort­neu­schöp­fung irgend­et­was bedeu­ten könn­te, und ein Wort syn­onym für ein ande­res ste­hen könn­te (das aber wohl in kaum einem Fall sinn­voll), stellt die Grund­kon­ven­ti­on in Fra­ge, auf der jede Spra­che auf­baut. Es besteht zum Bei­spiel die Kon­ven­ti­on, dass das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen unten­drun­ter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der klei­ne Peter, was die Leh­re­rin meint, wenn sie sagt „Peter, kle­be doch bit­te Dein Kau­gum­mi nicht unter Dei­nen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erra­ten – nicht nur für das Wort bzw. das Kon­zept „Tisch“, son­dern für jedes Wort des Sat­zes und der gesam­ten Spra­che. Für die Wis­sen­schaft, die sich mit der Bedeu­tung von Wor­ten befasst, gibt es, welch Iro­nie, zwei ver­schie­de­ne Begrif­fe: Wort- oder lexi­ka­li­sche Seman­tik. Wer tie­fer in die­se Mate­rie ein­stei­gen will, kommt bei­spiels­wei­se um Fer­di­nand de Sauss­u­re kaum her­um.

Die Annah­me, ein Wort kön­ne auch für etwas völ­lig ande­res ste­hen (und wir reden hier natür­lich nicht über Hom­ony­me, sog. „Tee­kes­sel­chen“ wie „Ball“ [run­des Sportobjekt/​Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/​Sitzmöbel]), hat etwas post­struk­tu­ra­lis­ti­sches. Denkt man den Gedan­ken zu Ende, könn­te alles buch­stäb­lich alles bedeu­ten. Nicht weni­ge Leu­te, die regel­mä­ßig Brie­fe schrei­ben oder erhal­ten (z.B. Leser­brief­schrei­ber), wis­sen, dass die Gruß­for­mel „Hoch­ach­tungs­voll“ auch etwas ganz ande­res bedeu­ten kann. Etwas, bei des­sen öffent­li­cher Aus­spra­che man immer beto­nen muss, Goe­thes „Götz von Ber­li­chin­gen“ zu zitie­ren. Kann ich also jedes alte Ömma­cken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Brie­fe schreibt, ver­kla­gen, weil sie mich mit ihrem „Hoch­ach­tungs­voll“ belei­digt haben könn­te?

Ja, wie­so denn eigent­lich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen drun­ter nen­ne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Kör­nern, wo man sich mor­gen sei­ne Nuss­nou­gat­creme draufstreicht, nen­ne ich „Wal­de­mar“. Wenn ich das kon­se­quent durch­zie­he, ver­steht mich bald nie­mand mehr, aber ich habe eine neue inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, näm­lich Wor­te durch ande­re zu erset­zen. Und da eini­ge Per­so­nen die inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, ande­re Leu­te juris­tisch zu belan­gen, aus den USA impor­tiert haben, ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass es in Zei­tungs­ar­ti­keln, Blog­ein­trä­gen und auch in der All­tags­spra­che bald von „Du weißt schon wer„s und „He who must not be named„s wim­meln könn­te. („Wobei das natür­lich gar nichts bräch­te, weil man ja anneh­men könn­te, wer mit die­sen Chif­fren gemeint sein soll­te“, sag­te das Uni­ver­sum und lös­te sich in einem Logik­wölk­chen auf.)

Spra­che ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirk­lich jeder und über­all (die Aus­nah­men müss­ten so kon­stru­iert sein, dass man ihnen schon wie­der Bos­haf­tig­keit unter­stel­len könn­te), des­we­gen denkt offen­bar auch jeder, er ken­ne sich damit aus. Nur von Fuß­ball haben noch mehr Deut­sche Ahnung (näm­lich alle außer dem jeweils aktu­el­len Bun­des­trai­ner) als von Spra­che. Wer­den Lin­gu­is­ten um Gut­ach­ten gebe­ten, wer­den die­se meist schlicht igno­riert. Man stel­le sich nur mal vor, ein Rich­ter sage dem Dekra-Sach­ver­stän­di­gen, der gera­de erklärt hat, ein Auto kön­ne nicht inner­halb von 1,8 Sekun­den von 250 km/​h zum Still­stand gebracht wer­den (und das in einem Ver­kehrs­be­ru­hig­ten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gera­de von sei­ner put­zi­gen Wis­sen­schaft aus sei­nem schmu­cken Elfen­bein­turm berich­tet habe, aber er fah­re ja sel­ber Auto und kön­ne daher durch­aus befin­den, dass das sehr wohl gehe. Mit Geis­tes­wis­sen­schaft­lern, die­sem Pack, das nur Bücher liest und kei­ne neu­en Auto­mo­to­ren oder Atom­bom­ben ent­wi­ckelt, und auch kei­ne Kon­zep­te zur Ein­spa­rung von 30.000 Arbeits­kräf­ten bei gleich­zei­ti­ger Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät erar­bei­ten kann, mit denen kann man offen­bar alles machen.

Was? Ich schwei­fe ab, ich ertrin­ke in Wel­ten­schmerz und wer­de über Gebühr sar­kas­tisch? Nein, das müs­sen Sie irgend­wie falsch inter­pre­tiert haben.

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Rad und Tat

Man kann sicher viel dar­über dis­ku­tie­ren, ob es eine gute Idee war, dass Sat.1 die Bericht­erstat­tung der Tour de France über­nom­men hat, kaum dass ARD und ZDF aus­ge­stie­gen waren. Das geschieht ja auch hie und da und dort. Letzt­end­lich gibt es da sicher­lich kein „rich­tig“ oder „falsch“, aber es muss ja nicht jede Dis­kus­si­on zu einem Ergeb­nis kom­men.

Was mich aber gera­de mal wie­der auf die Pal­me treibt, sind die Ber­li­ner Hin­ter­bänk­ler, die – kaum, dass sich das Som­mer­loch bedroh­lich über der Medi­en­land­schaft öff­net – eiligst durch die Gegend ren­nen und in die erst­bes­ten Mikro­fo­ne hin­ein­sal­ba­dern:

Die Grü­nen spra­chen von einem «fata­len Signal», wenn die Quo­te zäh­le, der Inhalt aber nicht. «An die Zuschau­er wird dabei nicht gedacht, an einen sau­be­ren Rad­sport schon gar nicht – Haupt­sa­che Spek­ta­kel», heißt es in einer gemein­sa­men Erklä­rung der medi­en­po­li­ti­schen Spre­che­rin, Griet­je Bet­tin, und des sport­po­li­ti­schen Spre­chers, Win­fried Her­mann.

Zunächst ein­mal freut es mich natür­lich, wenn sich die mir bis­her unbe­kann­ten Grü­nen-Spre­cher als mei­ne Anwäl­te (ich als Teil­men­ge von die Zuschau­er) auf­spie­len. Allein: Ich will gucken – und eine knap­pe Mil­lio­nen ande­rer Leu­te offen­bar auch.

Sicher: Wir könn­ten auch der Über­tra­gung bei Euro­s­port fol­gen, dafür braucht es kei­ne lang­wei­li­ge Sat.1‑Übertragung. Aber allein die Ver­wen­dung des Begriffs „Spek­ta­kel“ zeigt, dass sich offen­bar kei­ner der Bei­den die Mühe gemacht hat, sich das Elend bei Sat.1 anzu­schau­en – dage­gen ist ja jeder Wet­ter­be­richt nach den „Tages­the­men“ ein grö­ße­res Spek­ta­kel. Und die Quo­te „stimm­te“ ges­tern bei Sat.1 schon mal über­haupt nicht.

Mir erschließt sich auch nicht so ganz, ob und wie der Rad­sport dadurch sau­be­rer wer­den soll­te, wenn die Tour nicht im Fern­se­hen auf einem Sen­der, der einen ein­stel­li­gen Sen­de­platz auf der Fern­be­die­nung belegt, über­tra­gen wür­de. Es ist ein biss­chen wie mit Schrö­din­gers Kat­ze: ent­we­der wird gedopt oder nicht – ob man dabei zuse­hen kann oder nicht, hat dar­auf kei­nen Ein­fluss.

Poli­ti­ker müs­sen nicht zu allem eine Mei­nung haben und vor allem soll­ten sie dar­auf ver­trau­en, dass die Bür­ger, von denen sie mit der Wah­rung ihrer Inter­es­sen beauf­tragt wur­den, mün­dig genug sind, einen Fern­se­her ein­zu­schal­ten oder nicht. So doll wie frü­her waren die Zuschau­er­zah­len der Tour schon bei ARD und ZDF nicht – also gibt es offen­bar genug frü­he­re Zuschau­er, die ent­we­der die Schnau­ze voll haben von gedop­ten Sport­lern oder – auch das wäre nicht undenk­bar – denen die unge­dop­ten Fah­rer zu lang­sam fah­ren.

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Print Politik

Sicherheits(ge)denken

Es ist Som­mer­loch und was macht man da? Die Bun­des­re­gie­rung hat sich offen­bar dazu ent­schie­den, den über­aus umtrie­bi­gen Wolf­gang Schäub­le durchs Dorf zu trei­ben. Glaubt man man­chen Reak­tio­nen, so hat der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter in einem „Spiegel“-Interview offen­bar die Zer­schla­gung des Rechts­staats und die Ein­set­zung einer Mili­tär­jun­ta unter sei­ner Füh­rung gefor­dert – nichts genau­es weiß man jedoch nicht, denn die Mei­nun­gen über­schla­gen sich und beim „Spie­gel“ ist man (noch) nicht bereit, das Inter­view ein­zeln (oder gar kos­ten­los) online zu stel­len, damit sich jeder ein eige­nes Bild machen kann (was auch onlinejournalismus.de bemän­gelt).

Wolfgang Schäuble auf der Titelseite der “taz” (9. Juli 2007)Die bes­te Titel­sei­te zum The­ma lie­fert (wenig über­ra­schend) die „taz“, der bis­her bes­te Kom­men­tar stammt von Heri­bert Prantl in der „Süd­deut­schen Zei­tung“. Und wäh­rend die Kari­ka­tu­ris­ten über­le­gen, wie sie Schäub­le noch als völ­lig durch­ge­knall­ten Blut­rä­cher dar­stel­len könn­ten, lie­fern sich die Poli­ti­ker aller Par­tei­en einen mun­te­ren Schlag­ab­tausch. Die CDU-Minis­ter­prä­si­den­ten Roland Koch, Gün­ther Oet­tin­ger und Peter Mül­ler, die nie fern sind, wenn Bedenk­li­ches öffent­lich aus­ge­spro­chen wird, ste­hen schon … äh: Gewehr bei Fuß und sagen so klu­ge Sachen wie „Sicher­heit zuerst“. (Inwie­weit sich das mit der ande­ren Grund­satz­pa­ro­le „Vor­fahrt für Arbeit“ ver­ei­nen lässt, ist wohl noch nicht ganz raus.) Oet­tin­ger schreibt ver­mut­lich schon an einer Rede, in der er Schäub­le als „obers­ten Ver­fas­sungs- und Daten­schüt­zer“ bezeich­nen wird, und war­tet nur noch auf eine unpas­sen­de Gele­gen­heit, die­se auch hal­ten zu dür­fen.

Nach­trag 20:07 Uhr: Gera­de ent­deckt: „Wer for­dert mehr?“, ein Quiz vom „Zün­der“, der Jugend­sei­te der „Zeit“. Dort muss man ver­schie­de­ne ver­hee­ren­de Zita­te dem rich­ti­gen Urhe­ber (Schäub­le, Bush, Putin, …) zuord­nen. Wer ist alles bes­ser als 4/​9?

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Musik Digital Politik

Die Umwelt retten mit Ole von Beust und welt.de

Heu­te fin­det, wie Sie viel­leicht mit­be­kom­men haben, Rund um die Welt „Live Earth“ statt. (Wenn Sie es nicht mit­be­kom­men haben, sind sie ent­we­der nicht son­der­lich leben­dig oder gera­de nicht auf der Erde.)

welt.de betreibt dazu eine Art Live­blog irgend­was aktu­el­les mit Schrift. Und inmit­ten die­ses Tex­tes fin­det sich mal eben die Lösung, wie man die­ses gan­ze CO2, das ja bekannt­lich in gro­ßen Men­gen für den Treib­haus­ef­fekt mit­ver­ant­wort­lich ist, schnell und prak­tisch los­wird:

Hamburger Kraftwerk verbraucht CO2
(Screen­shot: welt.de, Her­vor­he­bung: Cof­fee & TV)

Also müss­ten wir nur genug von die­sen Kraft­wer­ken bau­en und schon hät­ten kei­ne CO2-Sor­gen mehr wären wir alle tot.

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Film Politik

Die Trennung von Staat und Irrsinn

Es gibt Situa­tio­nen, in denen gibt es kein „rich­tig“ und kein „falsch“. Man steht als Unbe­tei­lig­ter davor, guckt sie sich an und ist froh, dass man nicht gezwun­gen ist, eine Posi­ti­on ein­zu­neh­men. Aber man kann sich so sei­ne Gedan­ken machen.

Hier ist so ein Situa­ti­on: Tom Crui­se will/​soll/​wird in „Val­ky­rie“, dem neu­en Film von Bryan Sin­ger, Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg spie­len, einen der Draht­zie­her des geschei­ter­ten Atten­tats auf Adolf Hit­ler am 20. Juli 1944. Crui­se ist aber Mit­glied bei Sci­en­to­lo­gy und des­halb sind ver­schie­dens­te Per­so­nen dage­gen, dass Crui­se an Ori­gi­nal­schau­plät­zen dre­hen darf bzw. Stauf­fen­berg über­haupt spie­len soll.

Uff! Da muss man sich schon eine gan­ze Men­ge Gedan­ken machen, um die­se Situa­ti­on eini­ger­ma­ßen zu ent­wir­ren. Gehen wir also der Rei­he nach vor:

Sci­en­to­lo­gy ist eine höchst umstrit­te­ne Orga­ni­sa­ti­on, die je nach Sicht­wei­se als „Kir­che“, „Sek­te“ oder „Wirt­schafts­un­ter­neh­men“ bezeich­net wird. Als Ein­füh­rung in die Leh­ren von L. Ron Hub­bard sei jedem die­ser erhel­len­de Aus­schnitt aus der „South Park“-Folge „Trap­ped In The Clo­set“ emp­foh­len („This is what Sci­en­to­lo­gists actual­ly belie­ve“) – wobei Reli­gi­ons­kri­ti­ker sicher­lich sagen wür­den, die dort vor­ge­stell­te Geschich­te sei auch nicht bedeu­tend alber­ner als die Erschaf­fung der Welt in sechs Tagen und die Ent­ste­hung der Frau aus einer Rip­pe des Man­nes. Sci­en­to­lo­gys Metho­den sind sicher­lich höchst beun­ru­hi­gend und eigent­lich kann man die Insti­tu­ti­on nur als Gehirn­wä­sche­ver­ein bezeich­nen. Ande­rer­seits ist nach Arti­kel 4 des Grund­ge­set­zes die „unge­stör­te Reli­gi­ons­aus­übung“ gewähr­leis­tet – und wie soll­te bei einer Tren­nung von Staat und Kir­che der Staat bestim­men kön­nen, was eine „ech­te“ Reli­gi­on ist und was nicht?

Das führt unwei­ger­lich auch zu der Fra­ge, ob es eine Tren­nung zwi­schen dem Schau­spie­ler und Pro­du­zen­ten Tom Crui­se und dem Sci­en­to­lo­gen Tom Crui­se gibt. Schon 1996 rief die Jun­ge Uni­on zu einem Boy­kott von „Mis­si­on: Impos­si­ble“ auf, was inso­fern schon eine gelun­ge­ne Akti­on war, als dadurch erst­ma­lig die Metho­den und Leh­ren von Sci­en­to­lo­gy in den Focus einer brei­te­ren Öffent­lich­keit in Deutsch­land gelang­ten. Allein: „Mis­si­on: Impos­si­ble“ hat­te natür­lich außer sei­nem Haupt­dar­stel­ler und Pro­du­zen­ten nicht viel mit Sci­en­to­lo­gy zu tun – im Gegen­satz zu „Batt­le­field Earth“, das auf einem Roman von L. Ron Hub­bard basier­te, den eben­falls berühm­ten Sci­en­to­lo­gen John Tra­vol­ta in der Haupt­rol­le hat­te und als einer der schlech­tes­ten Fil­me aller Zei­ten gilt. Für „Val­ky­rie“ steht unter Regis­seur Bryan Sin­ger („X‑Men“, „Die übli­chen Ver­däch­ti­gen“, …) indes wenig bis gar kei­ne Ver­zer­rung des Stoffs zu befürch­ten (und mal ehr­lich: Wie soll­te man Hub­bards Sci­ence-Fic­tion-Wel­ten in eine Deutsch­land-Anno-’44-Geschich­te packen?).

Die Sek­ten­ex­per­tin der CDU/C­SU-Frak­ti­on, Ant­je Blu­men­thal, teil­te mit, dass das Bun­des­ver­teid­gungs­mi­nis­te­ri­um, das heu­te im Ber­li­ner Bend­ler­block resi­diert, in dem Stauf­fen­berg sein Atten­tat plan­te und wo er auch hin­ge­rich­tet wur­de, einen Dreh am Ori­gi­nal­schau­platz mit der Begrün­dung ableh­ne, eine Dreh­ge­neh­mi­gung für „einen rang­ho­hen Sci­en­to­lo­gen in einem Bun­des­ge­bäu­de“ käme einer bun­des­po­li­ti­schen Aner­ken­nung gleich – und das, bevor auch nur der Antrag auf eine Dreh­ge­neh­mi­gung vor­lag. Allein die­ser „Dienst­weg“ soll­te min­des­tens für skep­ti­sche Bli­cke und Stirn­run­zeln sor­gen.

In der „Süd­deut­schen Zei­tung“ gab es ges­tern einen sehr inter­es­san­ten Kom­men­tar von Andri­an Kreye und die „FAZ“ druck­te einen läng­li­chen Text des deut­schen Oscar-Preis­trä­gers Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marck, in dem die­ser über Stauf­fen­berg, Crui­se und die „deut­sche Ver­bots­geil­heit“ phi­lo­so­phiert. Mit­un­ter schießt er dabei ein wenig übers Ziel hin­aus, beweist damit aber auch, dass er mit sei­nem Pathos und Libe­ra­lis­mus (sowie natür­lich mit sei­nem beacht­li­chen Ehr­geiz) in den USA wirk­lich bes­ser auf­ge­ho­ben zu sein scheint als in Deutsch­land. Don­ners­marck argu­men­tiert, dass man die größ­ten und wich­tigs­ten Geschich­ten nur dann einem gro­ßen Publi­kum erzäh­len kön­ne (und wer soll­te etwas dage­gen haben, Stauf­fen­bergs Geschich­te in die Welt zu tra­gen?), wenn man sie mit gro­ßen Stars ver­fil­me – ein Stand­punkt, für den er post­wen­dend von Peter Stein­bach, dem Lei­ter der Gedenk­stät­te Deut­scher Wider­stand, eine drü­ber­ge­bra­ten bekam.

Im Kern hat der streit­ba­re Don­ners­marck aber sicher nicht unrecht: Mit dem ihr eige­nen Fin­ger­spit­zen­ge­fühl hat es die deut­sche Poli­tik geschafft, das The­ma Wider­stand an den Rand zu drän­gen und durch das The­ma Sci­en­to­lo­gy zu erset­zen. Es sind sicher bei­des wich­ti­ge The­men, aber die Wich­tig­tu­er aller Par­tei­en hät­ten sich kaum einen unge­eig­ne­te­ren Hin­ter­grund aus­su­chen kön­nen, um das staat­li­che Ver­hält­nis zu Reli­gi­on und Kunst zu dis­ku­tie­ren.

Auch ich hal­te Sci­en­to­lo­gy für gefähr­lich und wün­sche mir (gera­de ange­sichts der aktu­el­len Deutsch­land-Offen­si­ve) Auf­klä­rung über deren Machen­schaf­ten und mei­net­we­gen auch Beob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz. Ich sehe mir aber trotz­dem Fil­me an, in denen Tom Crui­se mit­spielt (es gibt da ja hin und wie­der auch mal gute mit ihm) – wohl­wis­send, dass ein Teil des Gel­des, das er als Pro­du­zent damit ver­dient, an Sci­en­to­lo­gy gehen wird. Ich kann Crui­se als Per­son (spä­tes­tens seit sei­nem Auf­tritt bei Oprah Win­frey) kein biss­chen ernst neh­men, ich hal­te ihn aber für einen ziem­lich guten Schau­spie­ler und er ist zwei­fel­los einer der größ­ten Stars unse­rer Zeit. Pete Doh­erty ist ja auch nur die Par­odie eines Rock’n’Rol­lers und trotz­dem ein guter Musi­ker.

Was kön­nen wir also aus der gan­zen Cho­se ler­nen? Deut­schen Poli­ti­kern ist es egal, vor wel­chem Hin­ter­grund sie sich pro­fi­lie­ren kön­nen, solan­ge sie dadurch in die Pres­se kom­men. Auch die größ­ten Film­stars der Welt kön­nen sich nicht dar­auf ver­las­sen, über­all rein­zu­kom­men. Schau­spie­ler kön­nen noch so gut spie­len, sie blei­ben auch immer sie selbst. Flo­ri­an Hen­ckel von Don­ners­marck woll­te sich als Zehn­jäh­ri­ger im Gar­ten von Mari­on Yorcks Dah­le­mer Vil­la das Hemd aus­zie­hen. Und: Es gibt Situa­tio­nen, in denen es weder „rich­tig“ noch „falsch“ gibt, und bei denen man froh sein kann, dass man nicht gezwun­gen ist, eine kla­re Posi­ti­on ein­zu­neh­men.

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Warum Wolfgang Schäuble nie „Krieg und Frieden“ geschrieben hätte

Wenn klei­ne Kin­der wir­res Zeug reden, nennt man sie krank und steckt sie ins Bett. Wenn erwach­se­ne Män­ner wir­res Zeug reden, nennt man sie Poli­ti­ker und steckt sie ins Kabi­nett.

Wolf­gang Schäub­le hat sich also mal wie­der der Pres­se gestellt und dabei ver­rä­te­ri­sches bemer­kens­wer­tes gesagt:

Die Unter­schei­dung zwi­schen Völ­ker­recht im Frie­den und Völ­ker­recht im Krieg passt nicht mehr auf die neu­en Bedro­hun­gen.

Könn­te in etwa hei­ßen: Guan­ta­na­mo wäre auch auf Hel­go­land mög­lich – aber Fol­ter schließt Schäub­le ja eh seit län­ge­rem nicht mehr aus. Und selbst­ver­ständ­lich will er auch wei­ter­hin die Bun­des­wehr im Inne­ren ein­set­zen.

Aus­lö­ser der neu­er­li­chen Dis­kus­si­on sind natür­lich die ver­ei­tel­ten Anschlä­ge in Groß­bri­tan­ni­en vom ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Aber nur noch mal zur Erin­ne­rung: Nicht Online­durch­su­chun­gen von Fest­plat­ten, Vor­rats­da­ten­spei­che­rung oder Fol­ter haben schlim­me­res ver­hin­dert, son­dern der Geruch von aus­strö­men­dem Gas und ein Pol­ler.

P.S.: Wer Wolf­gang Schäub­le bei der Bekämp­fung des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus behilf­lich sein will, kann unter informiert-wolfgang.de ver­schie­dens­te For­mu­la­re her­un­ter­la­den, mit denen man für sich und sein direk­tes Umfeld Ent­war­nung geben kann. Dann muss Schäub­le nicht alles obser­vie­ren las­sen.

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Muse auf dem Straßenstrich

Heu­te waren also die Gut­ach­ter der Eli­te­u­ni­be­schau­kom­mis­si­on an unse­rer … äh: schö­nen Ruhr-Uni unter­wegs. Das erklärt so eini­ges:

  • Seit Wochen wer­den Beton­de­cken und ‑wän­de neu gestri­chen. Das Weg­wei­ser­sys­tem ist auf den neu­es­ten Stand gebracht und das Pflas­ter gerei­nigt wor­den. Sogar die Wasch­be­ton­plat­ten auf dem Cam­pus wur­den ange­ho­ben und neu ver­legt, wodurch sie ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Klap­pern ver­lo­ren haben. Und wenn irgend­wel­che krass coo­len Sty­ler die frisch gestri­che­nen Flä­chen mit Eddings getaggt haben, wur­den die eben noch mal gestri­chen.
  • Die sog. Stu­den­ten­ver­tre­ter, denen ich seit jeher skep­tisch gegen­über­ste­he und von denen ich mich fast genau­so schlecht ver­tre­ten füh­le wie von unse­ren Poli­ti­kern, ver­tei­len Fly­er, pla­ka­tie­ren auf den frisch gerei­nig­ten Flä­chen und lau­fen mit Trans­pa­ren­ten umher, die sinn­ge­mäß aus­sa­gen: „Eli­ten sind doof“.
  • Heu­te stand die Poli­zei (nicht Toto & Har­ry, das muss man in Bochum ja immer dazu­sa­gen) auf dem Cam­pus und las „Bild“-Zeitung.

Mir fehlt das Hin­ter­grund­wis­sen zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le einer Eli­te­uni­ver­si­tät“ (und weder mei­ne Stu­den­ten­ver­tre­ter noch mei­ne Uni­ver­wal­tung waren in der Lage, mir die­se dar­zu­le­gen) und ich fin­de es natür­lich auch lus­tig, wenn die mit­un­ter reich­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Ruhr-Uni plötz­lich so raus­ge­putzt wird.

Ich fin­de es aber auch schön, dass sie so raus­ge­putzt wird, denn ich gehe lie­ber über einen raus­ge­putz­ten, als über einen ver­wahr­los­ten Cam­pus. Des­halb fin­de ich es auch nicht schön der Uni, den Stu­den­ten und den Hand­wer­kern gegen­über, wenn frisch raus­ge­putz­te Flä­chen wie­der mit irgend­wel­chen aus­sa­ge­lo­sen Schmie­re­rei­en bekra­kelt wer­den. Auch aus­sa­ge­vol­le Schmie­re­rei­en soll­ten aus Grün­den der Ästhe­tik und der Höf­lich­keit woan­ders unter­ge­bracht wer­den.

Ich kann zum The­ma Uni aber noch hin­zu­fü­gen, dass es in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ [via Der Mor­gen] und in der „Net­zei­tung“ zwei recht auf­schluss­rei­che Arti­kel über die Fol­gen der Bache­lor-/Mas­ter­stu­di­en­gän­ge für das Bil­dungs­we­sen und die Gesund­heit der Stu­den­ten zu lesen gibt. Und ver­mut­lich soll­te mir das auch etwas zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le von Eli­te­uni­ver­si­tä­ten“ ver­ra­ten …

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What a difference a day makes

Man hat­te es kaum ver­mei­den kön­nen, mit­zu­be­kom­men, dass Tony Blair die Schlüs­sel zu 10, Dow­ning Street heu­te her­ge­ben wür­de. Auch der Name des Nach­fol­gers war schon län­ger abseh­bar – zumal sich Blair und Gor­don Brown angeb­lich schon vor drei­zehn Jah­ren dar­auf geei­nigt hat­ten.

Das grin­sen­de Segel­ohr bekam vor sei­nem Aus­zug aus der bekann­tes­ten Wohn­adres­se Euro­pas als mög­li­cher­wei­se ers­ter PM über­haupt ste­hen­de Ova­tio­nen zum Abschied. Viel auf­merk­sam­keits­wür­di­ger wirk­te jedoch zunächst das, was heu­te-Mode­ra­to­rin Petra Gers­ter in den 19-Uhr-Nach­rich­ten fal­len ließ:

Der neue bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter heißt seit heu­te Gor­don Brown.

Eine spon­ta­ne Recher­che konn­te eine sol­che Namens­än­de­rung jedoch nicht veri­fi­zie­ren. Der Kerl hieß schon immer so. Es muss also wie­der alles auf den unsau­be­ren Umgang mit der deut­schen Spra­che gescho­ben wer­den. Wie lang­wei­lig.