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Never Go To Work Again

Ich habe noch ziem­lich leb­haft vor Augen, wie mein klei­ner Bru­der mir irgend­wann Ende Sep­tem­ber 2005 ein paar MP3s mit dem Hin­weis schick­te: „Hier, das sind Kum­pels von mir – hör Dir das mal an!“ Ich hat­te unge­fähr 20 Sekun­den gehört, als mein Unter­kie­fer buch­stäb­lich her­un­ter­klapp­te. „Kum­pels von Dir, ja? Aus Dins­la­ken?! Nicht aus New York?!“

Rund vier Wochen spä­ter sah ich die Band zum ers­ten Mal live, am viel­leicht un-rock’n’rol­ligs­ten Ort der Welt: Im Bochu­mer „Haus der Freun­de“ auf einer Par­ty des Modell­stu­di­en­gangs Medi­zin. Neben einem kal­ten Buf­fet stan­den fünf Jungs mit ihren Instru­men­ten und ich weiß noch, dass ich damals dach­te: „Das sind ja noch Kin­der!“ Gerockt haben sie damals aber schon wie die ganz Gro­ßen und so notier­te ich am fol­gen­den Tag in mei­nem Tage­buch:

The Kili­ans ges­tern waren so fein, wie ich es erwar­tet hat­te. Mann, die wer­den hof­fent­lich mal rich­tig groß.

Vier Mona­te spä­ter spiel­te die Band im Vor­pro­gramm von Tom­te – ein Tri­umph­zug durch die mit­tel­gro­ßen Kon­zert­hal­len der Repu­blik. Der Arti­kel aus dem Band­na­men ver­schwand, das Debüt­al­bum wur­de von der Musik­pres­se vor­sich­tig eupho­risch auf­ge­nom­men, die Band wur­de zwei Mal für die „Eins­li­ve-Kro­ne“ nomi­niert und erspiel­te sich als Sup­port von Cold­play, auf den Fes­ti­vals und in den Clubs der Repu­blik eine treue Fan­ge­mein­de.

Aus den Kin­dern von damals sind inzwi­schen erwach­se­ne Män­ner gewor­den und das ist auch der Grund, war­um die Kili­ans jetzt den Ste­cker zie­hen:

Job, Stu­di­um und Fami­lie lie­ßen sich kaum mit einer Fes­ti­valsai­son oder gar einem neu­en Album ver­ei­nen.

Bevor die Band in die ewi­gen Jagd­grün­de – oder in den Lim­bus vor der Come­back-Tour – geschickt wird und sich die Jün­ge­ren nur noch an das Sam­ple in Cros „Ein­mal um die Welt“ erin­nern kön­nen, haben die Kili­ans im Som­mer eine Abschieds­tour ange­kün­digt.

Unter der kna­cki­gen Über­schrift „Das letz­te Mal live und in Far­be, fresh und unbe­kannt, die Strokes vom Nie­der­rhein“ geht es in zwei Wochen ein letz­tes Mal auf die Stra­ße:

Tourplakat4. Dezem­ber: Düs­sel­dorf, Zakk
5. Dezem­ber: Ham­burg, Knust
6. Dezem­ber: Dort­mund, FZW (VISIONS Par­ty)
7. Dezem­ber: Bre­men, Tower
8. Dezem­ber: Ber­lin, Post­bahn­hof
10. Dezem­ber: Han­no­ver, Lux
11. Dezem­ber: Mün­chen, Back­stage
12. Dezem­ber: Stutt­gart, Kel­ler Klub
13. Dezem­ber: Wies­ba­den, Schlacht­hof
15. Dezem­ber: Köln, Gebäu­de 9

Das „Haus der Freun­de“ in Bochum oder die Kath­rin-Türks-Hal­le in Dins­la­ken sind dies­mal also nicht dabei, aber für den Dort­mun­der Auf­tritt ver­lo­sen wir mit der freund­li­chen Unter­stüt­zung vom Grand Hotel van Cleef 2x2 Gäs­te­lis­ten­plät­ze.

Beant­wor­ten Sie dazu bit­te fol­gen­de Fra­ge: Wel­chen Kili­ans-Song hat Cro bei „Ein­mal um die Welt“ gesam­pelt?

Die Gewin­ner wer­den unter all denen gezo­gen, die die rich­ti­ge Ant­wort bis zum 3. Dezem­ber 2013, 23:59:59, an gewinnegewinnegewinne@coffeeandtv.de schi­cken, und anschlie­ßend benach­rich­tigt.

Klein­ge­druck­tes: Die E‑Mails und dazu­ge­hö­ri­gen E‑Mail-Adres­sen wer­den nur für das Gewinn­spiel ver­wen­det und danach ent­sorgt. Jeder Teil­neh­mer darf nur eine E‑Mail schi­cken. Der Rechts­weg ist aus­ge­schlos­sen.

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Gesellschaft Musik

Alles endet (Aber nie die Musik)

Frü­her, als ich in Inter­net und Radio über Musik berich­te­te, meh­re­re Musik­zeit­schrif­ten las und mich qua­si Voll­zeit mit Pop­kul­tur beschäf­tig­te, habe ich gelä­chelt über die Leu­te, die die jeweils neu­es­ten Alben von Sta­tus Quo oder Chris Rea aus den Elek­tronik­märk­ten schlepp­ten und sonst auf das zurück grif­fen, was sie an „jun­ger Musik“ aus dem Radio kann­ten: Norah Jones, Ade­le, Cold­play. Ich war ernst­haft empört über Men­schen, die auf die Fra­ge, was sie denn so für Musik hör­ten, mit „Charts“ oder „was halt so im Radio läuft“ ant­wor­te­ten.

Inzwi­schen weiß ich, dass es im Erwach­se­nen­le­ben schwie­rig ist, ernst­haft mit der musi­ka­li­schen Ent­wick­lung Schritt zu hal­ten. Das fängt schon damit an, dass man weni­ger Zeit und Gele­gen­heit hat, um Musik zu hören. Im Berufs­le­ben ist es häu­fig nicht mehr mög­lich, wäh­rend der Arbeit die neu­es­ten Ver­öf­fent­li­chung oder – inzwi­schen eh aus­ge­stor­ben – das Musik­fern­se­hen lau­fen zu las­sen. Am Abend­brot­tisch mit der Fami­lie ist auch nicht immer der rech­te Ort, um neue (oder auch alte) Rock­mu­sik abzu­spie­len. Und dann haben Strea­ming­diens­te und Musik­blogs die Geschwin­dig­keit, mit der das next big thing durchs Dorf und wie­der her­aus­ge­trie­ben wird, auch noch erheb­lich gestei­gert.

Und somit sind da plötz­lich mei­ne Sta­tus Quo und Chris Reas: Die Lis­te mei­ner dies­jäh­ri­gen Musi­ker­wer­bun­gen umfasst in einem nicht uner­heb­li­chen Maße Künst­ler und Bands, die auch schon vor zehn Jah­ren auf sol­chen Lis­ten stan­den. Natür­lich muss ich die neu­en Alben von Tra­vis und den Manic Street Pre­a­chers haben – sie zu bewer­ten ist aller­dings gar nicht so ein­fach, denn natür­lich waren „The Man Who“ und „This Is My Truth Tell Me Yours“ jeweils bes­ser. Ande­rer­seits sind da auch immer Stim­men in mei­nem Kopf, die mir vor­wer­fen, die neu­en Songs bes­ser zu fin­den als ich die glei­chen Songs bei Nach­wuchs­bands fin­den wür­de. All das muss man aus­blen­den und dann sehen: bei­des sind ziem­lich gute Alben gewor­den.

Tra­vis haben mich ja eh nie wirk­lich ent­täuscht und auf „Whe­re You Stand“ und dem dazu­ge­hö­ri­gen Titel­track sind sie tat­säch­lich so gut wie unge­fähr seit „The Invi­si­ble Band“ nicht mehr. Eine Revo­lu­ti­on woll­ten die Schot­ten ja eh nur kurz auf „12 Memo­ries“ star­ten, jetzt kön­nen wir, die von Tra­vis durch ihre Jugend beglei­tet wur­den, mit der Band alt wer­den. Da sind die Manics schon ange­kom­men: Nach „Post­cards From A Young Man“ bli­cken sie auch auf „Rewind The Film“ ganz viel zurück – und es sind wie­der ganz tol­le Geschich­ten gewor­den, die James Dean Brad­field und sei­ne zahl­rei­chen Gast­sän­ger da erzäh­len.

CDs (Symbolbild)

Von Moby habe ich zwar nicht jedes Album im Regal, aber die Vor­ab­sin­gle „The Per­fect Life“ mit Way­ne Coy­ne von den Fla­ming Lips war so gran­di­os, dass ich die gan­ze Plat­te haben muss­te – und auch die ist tat­säch­lich sehr gut gewor­den. Auch Slut beglei­ten mich schon seit zwölf Jah­ren, ihr „Ali­en­ati­on“ ist sicher­lich wie­der ein her­vor­ra­gen­des Album gewor­den, ich fin­de nur (noch) nicht so recht den Zugang dazu. Bei Radio­head bin ich ja auch irgend­wann aus­ge­stie­gen.

Die Pet Shop Boys wären nach „Ely­si­um“ im ver­gan­gen Jahr eigent­lich frü­hes­tens 2015 wie­der mit einem neu­en Album dran gewe­sen, haben mit „Elec­tric“ aber direkt einen Nach­fol­ger aus dem Ärmel geschüt­telt, der erstaun­lich knallt. Gut: Das ist wahr­schein­lich eher das, was sich Män­ner Mitte/​Ende Fünf­zig unter zeit­ge­nös­si­scher Elek­tonik­mu­sik vor­stel­len („Wie wäre es, wenn wir mal was von die­sem Dub­step mit rein­neh­men?“, „Wie wäre es, wenn wir die­sen Exam­p­le bei uns mit­rap­pen las­sen?“), aber mir gefällt’s bes­ser als so Papp­na­sen wie Skrillex oder das besag­te „Ely­si­um“.

Die Kom­bi­na­ti­on Elvis Cos­tel­lo & The Roots erscheint eigent­lich nicht mal auf den ers­ten Blick abwe­gig: Cos­tel­lo macht seit mehr als 40 Jah­ren im Gro­ßen und Gan­zen, was er will (Punk, Coun­try, Klas­sik), inso­fern war es eigent­lich über­fäl­lig, mal ein Album mit einer Hip-Hop-Band auf­zu­neh­men. „Wise Up Ghost“ ist erwar­tungs­ge­mäß auf den Punkt und hat eini­ge gran­dio­se Songs, ist aber gar nicht so außer­ge­wöhn­lich, wie man viel­leicht hät­te erwar­ten kön­nen.

Wirk­lich ärger­lich ist „Loud Like Love“ von Pla­ce­bo gewor­den: musi­ka­lisch weit­ge­hend belang­los, text­lich nah dran an der Unver­schämt­heit. Wo Bri­an Mol­ko frü­her von Sex, Dro­gen und inne­ren Dämo­nen sang, ver­tont er heu­te offen­bar Kolum­nen von Harald Mar­ten­stein und singt in „Too Many Fri­ends“ dar­über, dass Face­book-Freun­de ja gar kei­ne ech­ten Freun­de sei­en. Puh! Die neu­en Alben von Jim­my Eat World und den Ste­reo­pho­nics, von Jupi­ter Jones und Thees Uhl­mann habe ich nach den Vor­ab­sin­gles lie­ber gar nicht mehr erst gehört. Man muss ja auch mal los­las­sen kön­nen, wenn alte Hel­den dort­hin gehen, wo man selbst nicht mal feh­len möch­te.

Aber das sind ja nur die Künst­ler und Bands, die mich jetzt schon seit mehr als zehn Jah­ren beglei­ten. Dazu kom­men die „mit­tel­al­ten“ wie Cold War Kids, Josh Rit­ter, Erd­mö­bel, The Natio­nal und Vol­ca­no Choir. Und natür­lich die gan­zen Neu­ent­de­ckun­gen, die ich durch „All Songs Cosi­de­red“, Radio­eins oder ande­re Emp­feh­lun­gen gemacht habe und die dann letzt­lich doch gar nicht so ver­ein­zelt sind, wie ich erst gedacht hat­te. Aber dazu kom­men wir ein ander­mal.

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Rundfunk Digital

Olympiasieger im Hindernissaufen

In die­sem Blog ist in den letz­ten Mona­ten noch weni­ger los als in den Mona­ten davor. Das liegt dar­an, dass ich seit Anfang Juni für die WDR-Sen­dung „Tages­schaum“ arbei­te, die ich auch dann sen­sa­tio­nell fin­den wür­de, wenn ich nicht als „Social-Media-Beauf­trag­ter“ Teil des Teams wäre.

Das bedeu­tet zum Glück nicht, dass ich vor­le­sen muss, was die Zuschau­er bei Twit­ter geschrie­ben haben, oder unent­wegt das Wort „Hash­tag“ sagen muss, son­dern, dass ich Vide­os wie die­se aus der Sen­dung raus­fle­xen und hoch­la­den darf:

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Falls Sie „Tages­schaum“ noch nie gese­hen haben, wird es lang­sam knapp, denn die Sen­dung läuft nur noch bis zum 20. Sep­tem­ber – mon­tags, diens­tags, don­ners­tags und frei­tags um 23.15 Uhr im WDR Fern­se­hen. Alle bis­he­ri­gen Fol­gen kön­nen Sie sich aller­dings auch auf You­Tube anse­hen.

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Politik Rundfunk

Ich bin ein Kalauer

Eines ist schon mal sicher: US-Prä­si­dent Barack Oba­ma wird heu­te Nach­mit­tag in Ber­lin eine his­to­ri­sche Rede hal­ten. Drun­ter geht nicht, sonst ist Kai Diek­mann ent­täuscht.

Es ist ein will­kom­me­ner Anlass, mich einem Trau­ma zu wid­men, das mich seit fast zwan­zig Jah­ren ver­folgt: Im Som­mer 1994 hat­ten mir mei­ne Eltern anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in den USA erlaubt, wäh­rend der gro­ßen Feri­en einen Fern­se­her in mei­nem Kin­der­zim­mer auf­zu­stel­len. 1 Da nicht die gan­ze Zeit Fuß­ball lief, ich den Fern­se­her wäh­rend der sechs Wochen aber aus­gie­big nut­zen woll­te, muss­te ich mich auch an die ande­ren Inhal­te der damals sechs frei emp­fang­ba­ren Pro­gram­me her­an­ar­bei­ten. Ich sah also alle Fol­gen der Wie­der­ho­lung der inzwi­schen völ­lig in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen TV-Serie „Wenn die Lie­be hin­fällt“ mit Bri­git­te Mira, die RTL-Late-Night-Show von Tho­mas Koschwitz und auch ein eher tra­shi­ges ZDF-For­mat mit dem dama­li­gen In-ein-Bana­nen-Mikro­fon-Spre­cher und heu­ti­gen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Ken Jeb­sen, das offen­bar „Mond­schein­show“ hieß.

Ich erin­ne­re mich an weni­ge Inhal­te die­ser Sen­dung, aber ich erin­ne­re mich dun­kel, dass ich sie schon als Zehn­jäh­ri­ger ziem­lich doof fand. Fern­seh­pro­du­zen­ten wären also gut bera­ten, die alten Bän­der noch ein­mal raus­zu­su­chen – die glei­chen Inhal­te kann man ja heu­te sicher noch mal auf die Zuschau­er los­las­sen, wenn man sie nur mil­de über­for­dern will.

Jeden­falls fiel in die­sen Som­mer auch der Besuch von US-Prä­si­dent Bill Clin­ton in Ber­lin. Bei Koschwitz war ein Schü­ler­zei­tungs­re­por­ter zu Gast, der ein Inter­view mit Clin­ton geführt hat­te, und in der „Mond­schein­show“ alber­te sich Jeb­sen im Vor­feld durch Ber­lin und such­te nach deutsch­spra­chi­gen Sät­zen, die Clin­ton in der Tra­di­ti­on von Ken­ne­dys „Ich bin ein Ber­li­ner“ zum Bes­ten geben könn­te. 2

Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seit­dem in mei­nem Hirn fest­ge­fres­sen:

Ber­lin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clin­ton, hab es nicht getippt!

Was macht eigent­lich Oli­ver Pocher heu­te?

  1. Die WM ist noch nicht das Trau­ma, aber nah dran.[]
  2. Ich mer­ke gera­de: Die stets der Zukunft zuge­wand­ten Leu­te von der „Bild“-Zeitung haben sich offen­bar die alten Bän­der kom­men las­sen.[]
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Leben

(I’ve Got) The Power

Ihr Ver­sa­gen kün­dig­te sich stets mit einer bedroh­li­chen Stim­me an: Waren die Bat­te­rien im Tchi­bo-Walk­man im Begriff, leer zu gehen, so wur­den die Hör­spiel­kas­set­ten lang­sa­mer und wo gera­de noch Man­fred Stef­fen aus Lön­ne­ber­ga berich­tet hat­te, sag­te nun eine Gra­bes­stim­me: „uuuuund raaaa­ann­teee iii­in deeen Schuuuupp­ööööön“.

Der­art leer­ge­spiel­te Bat­te­rien reich­te ich als Kind stets an mei­nen Vater wei­ter, der sie – so es sich um Akkus han­del­te – neu auf­lud oder sie in eine alte Tief­kühl­do­se mit der Auf­schrift „Alte Bat­te­rien (noch gut)“ leg­te, aus deren Bestän­den er die vie­len Wand­uh­ren und Wecker unse­res Haus­halts ver­sorg­te. Denn dafür reich­te die Ladung der Bat­te­rien immer noch – teils jah­re­lang.

Zu Beginn mei­nes Stu­di­ums hat­te ich eine rie­si­ge Samm­lung von „noch guten“ Bat­te­rien: Der Weg zur Uni und zurück for­der­te sei­nen Tri­but, der Disc­man saug­te Bat­te­rien leer wie Vam­pi­re unschul­di­ge Mäg­de. Ich hät­te eine Hotel­lob­by, Bör­se oder Nach­rich­ten­re­dak­ti­on 1 ver­sor­gen kön­nen, kann­te aber nie­man­den, der dort arbei­tet.

Heu­te sieht die Welt ganz anders aus: MP3-Play­er und Mobil­te­le­fon (seit eini­gen Jah­ren auch noch ein und das­sel­be Gerät) haben einen inter­nen Akku, der an guten Tagen den Weg von einer Steck­do­se zur nächs­ten über­brückt, und ich weiß nicht, wann ich das letz­te Mal Bat­te­rien in der Hand hat­te, geschwei­ge denn gekauft habe. Das ist blöd, wenn die Wand­uhr in der Küche plötz­lich nicht mehr nur nach­geht, son­dern gleich ganz ste­hen bleibt. 2

Zunächst war ich über­rascht, dass mei­ne Wand­uhr tat­säch­lich ste­hen blei­ben kann. Ich habe das Gefühl, kei­ne ein­zi­ge Bat­te­rie aus­ge­tauscht zu haben, seit ich in die­ser Woh­nung woh­ne. 3 In einer Kis­te, in die ich kürz­lich alle Inhal­te eines Schran­kes gepackt hat­te, die ich beim nächs­ten Umzug unbe­dingt weg­wer­fen will, 4 und die ich jetzt immer sehr umständ­lich vom Regal neh­men muss, fand ich dann tat­säch­lich aber doch noch ein paar Bat­te­rien, die einem Fernsteuer‑K.I.T.T. bei­gele­gen hat­ten, den mir die Betrei­ber irgend­ei­nes Online-Shops vor ein paar Jah­ren mal in der Hoff­nung geschickt hat­ten, ich wür­de hier im Blog über ihr Unter­neh­men schrei­ben. 5

Kann man Bat­te­rien über­haupt noch im Laden kau­fen oder sind die inzwi­schen genau­so ver­schwun­den wie Glüh­bir­nen und ich muss ein­fach hof­fen, dass sie alle ewig hal­ten?

  1. Also: die ein­zi­gen Orte, an denen meh­re­re Wand­uh­ren neben­ein­an­der hän­gen.[]
  2. Dass die Wand­uhr auf dem Küchen­tisch lie­gend tadel­los wei­ter­läuft, weil das Uhr­werk nicht mehr gegen die Schwer­kraft arbei­ten muss, hat­te ich vor sechs Jah­ren schon mal the­ma­ti­siert, wie mir gera­de über­ra­schend wie­der ein­fiel.[]
  3. Ich ver­mu­te lai­en­haft irgend­was mit Elek­tro­smog und Induk­ti­on als Grund.[]
  4. „Heu­te jedoch nicht.“[]
  5. Muha­ha­ha.[]
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Musik

Opa erzählt vom Rock

Ich hab mir neu­lich ein Stück mei­ner Jugend gekauft, für 1,59 Euro im Gebraucht­wa­ren­be­reich von Ama­zon:

Myballoon (Symbolbild).

Mybal­loon müs­sen irgend­wann im Jahr 2000 oder 2001 mei­ne Auf­merk­sam­keit erregt haben, als ihr Debüt­al­bum „Per­fect View“ in der „Neuheiten“-Sektion der Dins­la­ke­ner Stadt­bi­blio­thek stand – damals mei­ne Haupt­quel­le für neue Musik, die über mein Taschen­geld­bud­get hin­aus­ging. Sie­ben, acht Songs von „Per­fect View“ fan­den ihren Weg in mei­ne MP3-Samm­lung (für gan­ze Alben war der Spei­cher­platz damals noch zu teu­er), wobei ihr „Hit“ „On My Way“ nicht dabei war, wie ich gera­de bei der Wiki­pe­dia-Lek­tü­re amü­siert fest­ge­stellt habe. Aber dafür Songs wie „Never Let You Go“, „Come Around“, „Gre­at Big Days“ und vor allem „Hap­py“, die auf etli­chen Mix­tapes (für mich und ande­re) lan­de­ten und mich so durch Ober­stu­fe und Zivil­dienst beglei­te­ten. Im Som­mer 2003, als die Finanz­not der Kom­mu­nen noch nicht ganz so offen­sicht­lich war, spiel­ten Mybal­loon gar bei frei­em Ein­tritt vor ca. 50 Besu­chern auf dem Dins­la­ke­ner Stadt­fest.

Es war die­ser Sound, wie es ihn damals tau­send­fach gab: Hym­ni­sche Pop­songs mit ein biss­chen Schmiss in der Instru­men­tie­rung, aber auch brei­ten Key­board­flä­chen und Chö­ren im Hin­ter­grund, mit etwas Melan­cho­lie und einem biss­chen Pathos und mit eher ega­len Tex­ten. Es war die gute alte Zeit von Viva Zwei und „Visi­ons“, von Bands wie Goo Goo Dolls, Third Eye Blind, Fee­der, 3 Colours Red oder Vega4. In Deutsch­land gab es Bands wie Rea­dy­ma­de und Miles und – die Wenigs­ten wer­den sich erin­nern – Uncle Ho, Heyday, Hyper­child (Sän­ger: Axel Bos­se), Re!nvented und – zu einem gewis­sen Grad – Rea­m­onn.

Sol­che Musik wird heu­te nicht mehr gemacht. Das Hym­ni­sche ist an vie­len Stel­len dem Wei­ner­li­chen gewi­chen, die E‑Gitarren wur­den aus­ge­stöp­selt und die Key­boards und Syn­the­si­zer wer­den heu­te anders­wo ein­ge­setzt. Eine Zeit­lang klan­gen alle neu­en Bands wie Franz Fer­di­nand und/​oder The Strokes, dann fin­gen jun­ge deut­sche Musi­ker alle­samt an, in ihrer Mut­ter­spra­che zu sin­gen.

Wel­che deut­schen Bands sin­gen denn heu­te noch auf Eng­lisch? Wenn wir die Scor­pi­ons und The Boss Hoss mal außen vor las­sen, sind die Beat­steaks die größ­te unter ihnen, dann kom­men die Dono­ts, dann viel­leicht irgend­wann Slut – alle sind sie seit über 15 Jah­ren dabei, der Nach­wuchs ist nie nach­ge­wach­sen. Die letz­te eng­lisch­spra­chi­ge Band aus Deutsch­land, an die ich mich erin­nern kann, waren Oh, Napo­le­on. Kei­ne Ahnung, was aus denen gewor­den ist, aber der Schlag­zeu­ger hat gera­de sein Solo­de­büt ver­öf­fent­licht – auf Deutsch, natür­lich. Da wirkt die Fra­ge, war­um Deutsch­land beim Euro­vi­si­on Song Con­test eigent­lich immer nur auf Eng­lisch sin­ge, plötz­lich gar nicht mehr so bescheu­ert.

Aber zurück zu Mybal­loon: „Per­fect View“ ist nach heu­ti­gen Maß­stä­ben natür­lich kein dol­les Album – das war es ver­mut­lich nicht mal bei sei­nem Erschei­nen vor 13 Jah­ren. Aber die Songs, die ich damals gehört habe und deren Klang sich unum­kehr­bar mit dem Ein­druck von Son­nen­un­ter­gän­gen am Rhein und dem Geschmack von OhmeinGott­zwin­gen­Sie­mich­nicht­mi­chan­den­Na­men­die­ser­Ge­trän­ke­zuerin­nern ver­knüpft hat, die leuch­ten immer noch vor sich hin. Für 1,59 Euro jetzt auch in mei­nem Regal (zzgl. drei Euro Ver­sand­kos­ten).

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Niemand will den Hund begraben

Mein Onkel Tho­mas, der seit 27 Jah­ren in San Fran­cis­co, CA lebt und dort als Foto­graf arbei­tet, hat ver­gan­ge­nes Wochen­en­de sei­ne Aus­stel­lung „Blick­win­kel“ eröff­net, die ich Ihnen auch dann ans Herz legen wür­de, wenn ich nicht mit dem Künst­ler ver­wandt wäre. Zu sehen ist die­se Werk­schau im Muse­um Vos­win­ckels­hof in Dins­la­ken, wo wir bei­de auf­ge­wach­sen sind. 1 Bei der Eröff­nung, bei der das Muse­um fast aus allen Näh­ten platz­te, sprach die stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­te­rin ein Gruß­wort, in dem sie Tho­mas Hein­ser in eine Rei­he mit berühm­ten Ex-Dins­la­ken­ern wie Ulrich Dep­pen­dorf (Lei­ter des ARD-Haupt­stadt­stu­di­os), Udo Di Fabio (Rich­ter am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt) und Andre­as Deja (Chef­zeich­ner bei Dis­ney) stell­te. Dins­la­ken, so erklär­te sie, sei „natür­lich“ zu klein für die wirk­lich gro­ßen Geis­ter, die die Stadt des­we­gen für die Metro­po­len die­ser Welt ver­las­sen, aber stets ger­ne in ihre alte Hei­mat zurück­keh­ren wür­den. 2

In der Migra­ti­ons­theo­rie unter­schei­det man zwi­schen Pull- und Push­fak­to­ren, wenn es die Men­schen aus einer Regi­on in eine ande­re zieht bzw. treibt. Pull­fak­to­ren für soge­nann­te Krea­ti­ve sind etwa Kunst­hoch­schu­len und Jobs in Agen­tu­ren, die sie in die gro­ßen Kul­tur­me­tro­po­len zie­hen. Ein Push­fak­tor von Dins­la­ken wäre zum Bei­spiel Dins­la­ken.

Im Herbst 2011 eröff­ne­te in einem Laden­lo­kal in der Dins­la­ke­ner Innen­stadt, das zuvor unter ande­rem eine Espres­so­bar und ein Schuh­ge­schäft beher­bergt hat­te, die Gast­stät­te Vic­tor Hugo. Ein paar jun­ge Män­ner, die Dins­la­ken merk­wür­di­ger­wei­se nicht ver­las­sen hat­ten, hat­ten ihre Erspar­nis­se zusam­men­ge­schmis­sen und eröff­ne­ten ohne Unter­stüt­zung von Braue­rei­en, Ver­ei­nen oder Stadt­ver­wal­tung einen Laden, der mehr sein soll­te als nur Knei­pe: Mit Lesun­gen, Akus­tik­kon­zer­ten, Pub Quiz­zes und Poet­ry Slams soll­te ein biss­chen stu­den­ti­sche Kul­tur Ein­zug hal­ten in eine Stadt, deren ein­zi­ge Ver­bin­dung zu Uni­ver­si­tä­ten sonst der Bahn­hof ist.

Zur Eröff­nung war­ben die Macher des Vic­tor Hugo mit einem Zitat ihres Namens­pa­trons: „Nichts auf der Welt ist so mäch­tig wie eine Idee, deren Zeit gekom­men ist.“ Die kon­kre­te Idee war viel­leicht nicht revo­lu­tio­när, aber gut, die Zeit war sicher­lich gekom­men, aber der Ort war defi­ni­tiv der fal­sche – zumin­dest der kon­kre­te.

Offizieller Schriftzug der Stadt Dinslaken (Entwurf).

Von Anfang an gab es Ärger mit den Nach­barn bzw. wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe: mit exakt einem, der sich von den jun­gen Men­schen, die plötz­lich auch nach dem Hoch­klap­pen der Bür­ger­stei­ge um 18.30 Uhr in die Dins­la­ke­ner Innen­stadt kamen, um das Vic­tor Hugo zu besu­chen. Es ging, wohl­ge­merkt, nicht um betrun­ke­ne Hor­den, die um 3 Uhr mor­gens unter dem Abschmet­tern unflä­ti­ger Lie­der durch die engen Gas­sen in der Nähe des Markt­plat­zes zogen, son­dern um weit­ge­hend ver­nünf­ti­ge jun­ge Erwach­se­ne, die in gemüt­li­chem Ambi­en­te gemein­sam ein paar Geträn­ke neh­men, sich unter­hal­ten, ein paar Brett­spie­le spie­len oder ein wenig Kul­tur kon­su­mie­ren woll­ten. Gut, eini­ge von ihnen woll­ten auch vor der Tür rau­chen, denn das „Hugo“ war von Anfang an eines der ganz weni­gen Nicht­rau­cher­lo­ka­le Dins­la­kens. Aber das ver­lief, soweit ich gehört und bei eige­nen Besu­chen auch selbst fest­ge­stellt habe, in völ­lig geord­ne­ten Bah­nen. Oder: In Bah­nen, die nor­ma­le den­ken­de Men­schen als „völ­lig geord­net“ bezeich­nen wür­den.

Im Theo­dor-Heuss-Gym­na­si­um, das nicht weit vom Vic­tor Hugo steht und wo vie­le bedeu­ten­de Dins­la­ke­ner (aber auch ich) ihr Abitur gemacht haben, gibt es eine Tafel mit einem Aus­spruch des ers­ten Bun­des­prä­si­den­ten: „Die äuße­re Frei­heit der Vie­len lebt aus der inne­ren Frei­heit des Ein­zel­nen.“ Mit ein biss­chen Bie­gen und Bre­chen kriegt man den Satz auch ex nega­tivo gebil­det – oder man schreibt ihn gleich in Schil­lers „Wil­helm Tell“ ab: „Es kann der Frömms­te nicht in Frie­den blei­ben, wenn es dem bösen Nach­bar nicht gefällt.“

Die Beschwer­den gegen das Vic­tor Hugo häuf­ten sich (in Dins­la­ken ent­spricht das rund 30 Anru­fen bei der Poli­zei in andert­halb Jah­ren) und das Ord­nungs­amt muss­te tätig wer­den und ein Buß­geld­ver­fah­ren gegen die Betrei­ber ein­lei­ten. Die ver­spra­chen, in Zukunft für mehr Ruhe zu sor­gen, aber es kam schnell, wie es kom­men muss­te: via Face­book erklär­ten sie ges­tern das Aus zum 30. April.

Micha­el Blatt hat das viel zu schnel­le Ende des Vic­tor Hugo auf coolibri.de sehr pas­send ein­ge­ord­net:

Für Dins­la­ken ist das Aus der Bar ein Desas­ter. Nicht, weil Tag für Tag hun­der­te von Gäs­te in die mit viel Lie­be zum Detail gestal­te­te und als Hob­by betrie­be­ne Knei­pe ström­ten. Das war auch gar nicht der Anspruch. Aber das Hugo war ein Argu­ment, die Stadt nach der Schu­le nicht flucht­ar­tig zu ver­las­sen und erst mit der Geburt des ers­ten Kin­des wie­der zurück­zu­keh­ren. Von die­sen Argu­men­ten hat Dins­la­ken seit Jahr­zehn­ten nicht sehr vie­le. Zwi­schen Kon­zer­ten im ND-Jugend­zen­trum und Vor­trä­gen der Mar­ke „Der vor­ge­schicht­li­che Ein­baum aus dem Lip­pe­deich bei Gar­trop-Bühl“ (am 5. März im Dach­stu­dio der VHS) klafft eine alters­be­ding­te Lücke.

Und die Stadt ver­liert damit bin­nen kur­zer Zeit die zwei­te Anlauf­stel­le für Jugend­li­che: Erst Ende 2012 hat­te der legen­dä­re Jäger­hof sei­ne Pfor­ten geschlos­sen. Der mehr als reno­vie­rungs­be­dürf­ti­ge Music­club, in dem sich schon unse­re Eltern­ge­nera­ti­on zum soge­nann­ten Schwoof getrof­fen hat­te, lag zwar nicht in der Innen­stadt, aber direkt am Auto­bahn­zu­brin­ger, wes­we­gen vor sei­nen Türen immer wie­der Besu­cher in schwe­re Ver­kehrs­un­fäl­le ver­wi­ckelt wur­den. Im ver­gan­ge­nen März kam schließ­lich ein 19-Jäh­ri­ger ums Leben. Die Betrei­ber öff­ne­ten den Laden am nächs­ten Abend wie gehabt und sahen sich anschlie­ßend mit Pie­tät­lo­sig­keits­vor­wür­fen, sin­ken­den Besu­cher­zah­len und aus­blei­ben­den Ein­nah­men kon­fron­tiert.

Auch wenn ich vom Jäger­hof ger­ne als „Dorf­dis­co“ und von den ver­blie­be­nen jun­gen Dins­la­ken­ern als „Dorf­ju­gend“ spre­che, darf man nicht ver­ges­sen, dass Dins­la­ken mit sei­nen knapp 70.000 Ein­woh­nern 3 anders­wo als Mit­tel­zen­trum durch­gin­ge. Soest, zum Bei­spiel, hat mehr als 20.000 Ein­woh­ner weni­ger, liegt aber ver­gleichs­wei­se ein­sam in der Bör­de rum und hat des­halb ein rela­tiv nor­ma­les Ein­zel­han­dels- und Kul­tur­ange­bot. 4 Dins­la­ken liegt am Ran­de des Ruhr­ge­biets: Duis­burg und Ober­hau­sen sind gleich vor der Tür, Mül­heim, Essen, Bochum und Düs­sel­dorf maxi­mal eine Drei­vier­tel­stun­de mit dem Auto ent­fernt. Das ein­zi­ge Kauf­haus der Stadt hat vor Jah­ren geschlos­sen und wur­de kürz­lich abge­ris­sen. Wenn alles gut geht, 5 wird dort irgend­wann ein Ein­kaufs­zen­trum ste­hen und Dins­la­ken wird end­lich sei­nen eige­nen H&M haben. Streng genom­men bräuch­te es den nicht mal, weil selbst die Teen­ager die Stadt mit dem Regio­nal­ex­press zum Shop­pen ver­las­sen, sobald sie genug Taschen­geld bei­sam­men haben.

Was bleibt, sind tat­säch­lich die alten Men­schen, die schlecht zu Fuß sind und schon immer in der Stadt gelebt haben. Aber auch denen geht es schlecht, weil der ein­zi­ge Super­markt, den es in der Innen­stadt noch gibt, immer kurz vor der Schlie­ßung steht. Wenn der Wort­vo­gel fragt, ob man Städ­te eigent­lich „ent­grün­den“ kön­ne, ist das für Dins­la­ken viel­leicht noch kei­ne aku­te Pro­ble­ma­tik, aber es sieht aus, als hät­te man in der Stadt vor­sichts­hal­ber schon mal damit ange­fan­gen.

Ande­rer­seits ist es kein neu­es Phä­no­men, dass die Dins­la­ke­ner nichts mit ihrer Stadt anzu­fan­gen wis­sen: Bereits im Jahr 1959 beschrieb der „Spie­gel“ die Ver­su­che, zu Ehren des desi­gnier­ten Bun­des­prä­si­den­ten Hein­rich Lüb­ke, der bis dahin Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Dins­la­ken-Rees gewe­sen war, ein rau­schen­des Fest aus­zu­rich­ten. Es ende­te damals so:

Nach sol­cher­lei Bekun­dun­gen wur­de Hein­rich Lüb­ke in einem Pfer­de­wa­gen von zwei Rap­pen durch die Stra­ßen in Rich­tung Dins­la­ken gezo­gen. Nur weni­ge nah­men Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Stra­ße gespann­ten Trans­pa­ren­ten als der „neue Bun­des­prä­si­dent“ ange­kün­digt wor­den war.

Auf der Frei­licht­büh­ne des Burg­thea­ters begann das eigent­li­che Fest, das Lüb­ke ersehnt hat­te. Irri­tiert ließ er die Hul­di­gung des Dins­la­ke­ner Indus­tri­el­len Mey­er über sich erge­hen, der ihn mit „Herr Bun­des­prä­si­dent“ begrüß­te und ihm als Mit­glied des Ade­nau­er-Kabi­netts dank­te, daß dank sei­ner Inter­ven­tio­nen kein Trup­pen­übungs­platz im Dins­la­ke­ner Kreis ein­ge­rich­tet wor­den sei.

Viel­leicht wür­de heu­te wenigs­tens Micha­el Wend­ler sin­gen.

  1. In Dins­la­ken, nicht im Muse­um.[]
  2. Was das im Umkehr­schluss für Micha­el Wend­ler und die ande­ren Ein­woh­ner der Stadt bedeu­tet, hat in die­sem Moment kei­ner gefragt.[]
  3. Und den 1273 ver­lie­he­nen Stadt­rech­ten.[]
  4. Außer­dem hat es natür­lich schmu­cke Fach­werk­häus­chen.[]
  5. Was in Dins­la­ken in etwa so wahr­schein­lich ist wie in Bochum oder Ber­lin.[]
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Musik

Songs des Jahres 2012

Ich bin natür­lich viel zu spät dran. Ich habe inzwi­schen meh­re­re Songs im Radio oder in Gast­stät­ten gehört, die selbst­ver­ständ­lich noch auf die Lis­te gehört hät­ten, die ich aber schlicht­weg ver­ges­sen habe. Und ver­mut­lich habe ich die bes­ten Sachen eh wie­der nicht mit­be­kom­men.

Egal.

Hier sind mei­ne Songs des Jah­res 2012:

25.The Kil­lers – Runa­ways
„Batt­le Born“, das vier­te regu­lä­re Album der Kil­lers, hat nicht die Über­songs wie „Hot Fuss“, es ist kein geschlos­se­nes Meis­ter­werk wie „Sam’s Town“, aber auch nicht so unsor­tiert wie „Day & Age“. Kurz­um: Es ist ein völ­lig okayes Album – und es hat „Runa­ways“, die neu­es­te Springsteen-Hom­mage (Frau ken­nen­ge­lernt, schwan­ger gewor­den, gehei­ra­tet, Stim­mung im Arsch – man kennt das) aus dem Hau­se Flowers. „We can’t wait till tomor­row“!

24. Cal­vin Har­ris feat. Exam­p­le – We’ll Be Coming Back
Das Kon­zert von Exam­p­le in der Köl­ner Essig­fa­brik war eines der bes­ten und ener­gie­ge­la­dens­ten, die ich 2012 besucht habe. Lei­der wer­de ich mit dem neu­en Album „The Evo­lu­ti­on Of Man“ nicht rich­tig warm, aber die­se Kol­la­bo­ra­ti­on mit Cal­vin Har­ris, die auf den Alben bei­der Künst­ler ent­hal­ten ist, ist schon sehr ordent­lich gewor­den.

23. Frit­ten­bu­de – Zeit­ma­schi­nen aus Müll
Ein Plä­doy­er für den Spaß, die Par­ty, die Selbst­zer­stö­rung, ohne gleich­zei­tig gegen Spie­ßer­tum und Bau­spar­ver­trä­ge zu het­zen. Die Kern­aus­sa­ge „Jeder Tag ist der bes­te Tag eines Lebens“ ist viel­leicht nicht son­der­lich neu, aber sie run­det die­sen melan­cho­li­schen Car­pe-Diem-Pop­song wun­der­bar ab.

22. San­ti­gold – Dis­pa­ra­te Youth
Unse­ren jähr­li­chen Mobil­funk-Wer­be­song gib uns auch heu­te wie­der. Natür­lich haben die son­nen­durch­flu­te­ten Erleb­nis-Bil­der aus den Voda­fone-Spots die­sen ohne­hin gro­ßen Song noch ein biss­chen wei­ter mit Bedeu­tung auf­ge­la­den, aber auch nach der Dau­er­be­schal­lung im Fern­se­hen (und mehr noch: im Inter­net) hat das Lied nichts von sei­ner Schön­heit ver­lo­ren.

21. Ben­ja­min Gib­bard feat. Aimee Mann – Big­ger Than Love
Da ver­öf­fent­licht der Sän­ger von Death Cab For Cutie und The Pos­tal Ser­vice das ers­te rich­ti­ge Solo­al­bum unter eige­nem Namen („For­mer Lives“) und der bes­te Song ist wie­der mal eine Kol­la­bo­ra­ti­on. Nach „Big­ger Than Love“ wünscht man sich, Gib­bard und Mann hät­ten zusam­men ein kom­plet­tes Album auf­ge­nom­men, so groß­ar­tig har­mo­nie­ren ihre bei­den Stim­men und so schön ist das Ergeb­nis gewor­den.

20. The Gas­light Anthem – „45“
Ich wür­de sie ja ger­ne igno­rie­ren, die­se schreck­li­chen Krea­tio­nis­ten aus New Jer­sey, aber dafür machen sie lei­der immer noch viel zu gute Musik. „45“ ist eben lei­der ein groß­ar­ti­ger Ope­ner zu einem ziem­lich guten Album. Die Fra­ge, ob man guten Künst­lern nach­se­hen soll­te, dass sie offen­sicht­lich Idio­ten sind, klä­ren wir dann eben spä­ter.

19. Kid Kopp­hau­sen – Das Leich­tes­te der Welt
Seit dem 10. Okto­ber kann man Kid Kopp­hau­sen nicht mehr hören, ohne mit­zu­den­ken, dass Nils Koppruch, einer der zwei Köp­fe die­ser Band, starb, bevor es mit der Band rich­tig los­ge­hen konn­te. Hier singt nun die meis­te Zeit Gis­bert zu Knyphau­sen, der ande­re Kopf, und er singt so gran­di­os Zei­len wie „Denn jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur schei­ße ver­packt“. Das ist so mei­len­weit weg von den Acts, die jedes Jahr den „Bun­des­vi­si­on Song Con­test“ unsi­cher machen, so sagen­haft gut, dass es wirk­lich kei­nes Todes­falls bedurft hät­te, um die­ses Album noch beson­de­rer zu machen. Aber so ist das Leben manch­mal.

18. Kendrick Lamar – Swim­ming Pools (Drank)
Es sind so vie­le Lobes­hym­nen über Kendrick Lamar und sein Debüt­al­bum „good kid, m.A.A.d city“ erschie­nen, dass ich kei­ner­lei Ambi­tio­nen habe, dem noch etwas hin­zu­zu­fü­gen. Es ist ein wahn­sin­nig klu­ges Album, das viel­leicht nicht im eigent­li­chen Sin­ne cat­chy ist, an dem wir aber ver­mut­lich auch in 20, 30 Jah­ren noch unse­re Freu­de haben wer­den. Und „Swim­ming Pools (Drank)“ ist der bes­te Song dar­auf. Viel­leicht.

17. Les­lie Clio – Told You So
Wäh­rend Thees Uhl­mann solo Kar­rie­re macht, hat der Rest der letz­ten Tom­te-Beset­zung umge­sat­telt und ist jetzt Back­ing Band (bzw. im Fal­le von Niko Pott­hoff auch noch Pro­du­zent) von Les­lie Clio, der – gro­ßer Gott, Musik­jour­na­lis­ten! – „deut­schen Ant­wort auf Ade­le“. „Told You So“ ist cle­ver, kna­ckig und ent­spannt und gemein­sam mit der Nach­fol­ge­sin­gle „I Could­n’t Care Less“ lässt das Gro­ßes für das im Febru­ar erschei­nen­de Debüt­al­bum „Gla­dys“ erwar­ten.

16. Frank Oce­an – Lost
Und noch so ein Album, das völ­lig zu Recht auf allen Bes­ten­lis­ten weit vor­ne gelan­det ist. Ich habe län­ger gebraucht, um mit „Chan­nel Oran­ge“ warm zu wer­den, aber es wird tat­säch­lich bei jedem Hören noch bes­ser. „Lost“ ist der … nun ja: ein­gän­gigs­te Song des Albums, der ein biss­chen schüch­tern vor sich hin groovt.

15. Cro – Easy
Ja, der Song hät­te auch schon 2011 auf der Lis­te ste­hen kön­nen. Ja, man kann das mit der Pan­da-Mas­ke albern fin­den. Ja, die stän­di­ge Medi­en­prä­senz (außer in der „WAZ“) nervt ein biss­chen. Aber bit­te: „Easy“ ist immer noch ein groß­ar­ti­ger Song. Die Zei­len mit „AC/​Deasy“ und „Washing­ton, Dea­sy“ zäh­len zum Cle­vers­ten, was im deutsch­spra­chi­gen Hip­hop je pas­siert ist – wobei die Kon­kur­renz da jetzt auch über­schau­bar ist.

14. Alex Cla­re – Up All Night
Kei­ne Ahnung, war­um die gro­ßen Hits von Alex Cla­re jetzt „Too Clo­se“ und „Tre­a­ding Water“ sind: „Up All Night“ hat doch viel mehr Ener­gie und ist viel abwechs­lungs­rei­cher. Ande­rer­seits dürf­ten die Aus­wir­kun­gen auf den Stra­ßen­ver­kehr auch ver­hee­rend sein, wenn so ein Lied plötz­lich im For­mat­ra­dio läuft. Ver­gli­chen mit dem Rest des Albums, der zwi­schen Soul und Dub­step schwankt, ist der Refrain von „Up All Night“ näm­lich ein regel­rech­tes Brett. Andrew W.K., mit dem Drum­com­pu­ter nach­emp­fun­den.

13. Buri­al – Loner
Von der Radio­va­ri­an­te zum Unter­grund­hel­den: Kaum ein Künst­ler­na­me passt so gut zur Musik wie der von Buri­al. Die Dop­pel-EP „Street Halo /​ Kind­red“ ist das, was Mas­si­ve Attack seit Jah­ren nicht mehr rich­tig hin­be­kom­men, und „Loner“ ist mit kna­cki­gen sie­ben­ein­halb Minu­ten noch das zugäng­lichs­te Stück in die­sem düs­te­ren Gewa­ber. Unbe­dingt mit Kopf­hö­rern und geschlos­se­nen Augen genie­ßen!

12. The Wall­flowers feat. Mick Jones – Reboot The Mis­si­on
Nach sie­ben Jah­ren Pau­se und zwei sehr guten Solo­al­ben von Jakob Dylan sind die Wall­flowers zurück – und klin­gen plötz­lich nach The Clash! Und, klar, wenn sie im Text Joe Strum­mer erwäh­nen, kön­nen sie für die Gitar­re und den Gesang im Refrain gleich auch noch Mick Jones ver­pflich­ten. Und ich bin so ein­fach gestrickt, dass ich es gran­di­os fin­de!

11. Kath­le­en Edwards – Chan­ge The Sheets
Ich glau­be, wenn ich alles zusam­men­zäh­le, ist Kath­le­en Edwards mei­ne Lieb­lings­sän­ge­rin: Die­se wun­der­schö­ne Stim­me, die­se Stim­mungs­vol­len Songs und die Bil­der, die ihre Musik ent­ste­hen lässt! Und dann ist „Voy­a­ge­ur“, ihr vier­tes Album, auch noch von Jus­tin Ver­non von Bon Iver pro­du­ziert und ent­hält Songs wie „Chan­ge The Sheets“! Toll!

10. Bob Mould – The Des­cent
Gut, Bob-Mould-Alben klin­gen immer gleich und viel Abwechs­lung gibt es auch auf „Sil­ver Age“ nicht. Aber als ein­zel­ner Song kann so etwas wun­der­bar funk­tio­nie­ren und was der Ex-Sän­ger von Hüs­ker Dü und Sugar da mit 52 aus dem Ärmel schüt­telt, krie­gen man­che Musi­ker unter 30 nicht auf die Ket­te. Die For­mel „Gitar­ren­ge­schram­mel plus hym­ni­sche Chö­re“ ist natür­lich denk­bar ein­fach, kriegt mich aber fast immer.

09. Cloud Not­hings – Stay Use­l­ess
Die­ser Song ist erst ganz spät auf mei­ner Lis­te gelan­det, als Ste­phen Thomp­son ihn in der Jah­res­bes­ten­lis­ten­show von „All Songs Con­side­red“ gespielt hat und ich fest­ge­stellt habe, dass ich ihn schon das hal­be Jahr über im Frei­beu­ter gehört hat­te. Natür­lich auch denk­bar ein­fach in sei­ner Wirk­mäch­tig­keit, aber ich find’s gut, wenn ich weiß, was ich will, und das auch bekom­me.

08. Car­ly Rae Jep­sen – Call Me May­be
Ich saß in Baku im Hotel­zim­mer, guck­te rus­si­sches Musik­fern­se­hen und sah die­ses Video. Als der Song zu Ende war, zapp­te ich wei­ter und sah das Video auf dem nächs­ten Kanal direkt noch mal von vorn. „Komi­sche Rus­sen“, dach­te ich, woll­te den Song bei Face­book pos­ten und stell­te dann fest, dass ich bis­her einen inter­na­tio­na­len Hit ver­passt hat­te. „Call Me May­be“ mag mitt­ler­wei­le ein ganz klei­nes biss­chen ner­ven, aber es ist einer der bes­ten Pop­songs, der in die­sem Jahr­tau­send geschrie­ben wur­de (über die Pro­duk­ti­on kön­nen wir uns strei­ten) und „Befo­re you came into my life I missed you so bad“ eine ganz rüh­ren­de Zei­le Teen­ager-Poe­sie. Pop­kul­tur­theo­re­tisch span­nend ist natür­lich auch die Erkennt­nis, dass die ganz gro­ßen Mega­hits („Some­bo­dy That I Used To Know“, „Gang­nam Style“ und eben „Call Me May­be“) inzwi­schen immer auch mit Web­phä­no­me­nen ein­her­ge­hen oder sogar aus ihnen ent­ste­hen.

07. Kraft­klub – Songs für Liam
Noch so ein Song, den nicht mal Eins­li­ve tot­spie­len konn­te. So cle­ver wur­de Pop­kul­tur in deutsch­spra­chi­gen Song­tex­ten sel­ten ver­han­delt, so wir­kungs­voll wur­den die Black Eyed Peas und Til Schwei­ger sel­ten gedisst, so gut wur­de der Wunsch, geküsst zu wer­den, sel­ten begrün­det. Außer­dem freut man sich ja über jede jun­ge Band, die sich mal nicht von der Folk­plat­ten­samm­lung ihrer Eltern hat beein­flus­sen las­sen.

06. First Aid Kit – Emmy­lou
… womit wir bei zwei schwe­di­schen Teen­agern wären, die maß­geb­lich von der Folk­plat­ten­samm­lung ihrer Eltern beein­flusst wur­den. Ich ver­eh­re First Aid Kit, seit ich sie vor vier Jah­ren auf dem By:Larm in Oslo gese­hen habe, und war etwas ent­täuscht, dass ihr Debüt­al­bum 2010 dann ver­gleichs­wei­se egal aus­fiel. Das haben sie jetzt mit „The Lion’s Roar“ aus­ge­gli­chen, dem wun­der­vol­len Nach­fol­ger. „Emmy­lou“ wirft mit text­li­chen und musi­ka­li­schen Refe­ren­zen nur so um sich und macht klar, dass sich Johan­na und Kla­ra Söder­berg so inten­siv mit der Mate­rie beschäf­tigt haben, dass sie statt die­ses Songs auch eine Habi­li­ta­ti­ons­schrift hät­ten anfer­ti­gen kön­nen. Die wäre aller­dings kaum so schön gewor­den.

05. kett­car – Ret­tung
Damit wäre jetzt auch nicht mehr zwin­gend zu rech­nen gewe­sen, dass kett­car zehn Jah­re nach ihrem gran­dio­sen Debüt­al­bum noch mal das bes­te Lie­bes­lied ver­öf­fent­li­chen wür­den, das je geschrie­ben wur­de. Doch, wirk­lich: Das muss man auch erst mal brin­gen, die besof­fen kot­zen­de Freun­din zu besin­gen und mit „Guten Mor­gen, Lie­be mei­nes Lebens“ zu schlie­ßen. „Lie­be ist das was man tut“, lehrt uns Mar­cus Wie­busch hier ganz prak­tisch. Und musi­ka­lisch ist das auch eine der bes­ten kett­car-Num­mern.

04. Mack­lem­ore & Ryan Lewis – Thrift Shop
Wenn 2012 nicht aus­ge­rech­net das ers­te Ben-Folds-Five-Album seit 13 Jah­ren erschie­nen und auch noch wahn­sin­nig gut aus­ge­fal­len wäre, wäre „The Heist“ von Mack­lem­ore & Ryan Lewis mein Album des Jah­res gewor­den. Auf der einen Sei­te gibt es dort unglaub­lich anrüh­ren­de Songs wie „Same Love“ und „Wing$“, auf der ande­ren so einen fun­keln­den Wahn­sinn wie „Thrift Shop“, der eigent­lich nie­man­den kalt las­sen kann. Unbe­dingt auch das Video anse­hen!

03. Japan­dro­ids – Fire’s High­way
Wie Sie gleich sehen wer­den, gab es 2012 für mich drei gro­ße Strö­mun­gen: Melan­cho­li­sche Kla­vier­bal­la­den, Hip­hop und Gara­gen­rock­bret­ter. Hier der best­plat­zier­te Ver­tre­ter der letzt­ge­nann­ten Kate­go­rie. „Cele­bra­ti­on Rock“ ist, wie Ste­phen Thomp­son bei „All Songs Con­side­red“ rich­tig bemerkt hat, das viel­leicht am pas­sends­ten beti­tel­te Album der Musik­ge­schich­te: Acht Songs in 35 Minu­ten, ein durch­ge­tre­te­nes Gas­pe­dal und Freu­de am eige­nen Lärm. In allen ande­ren Bes­ten­lis­ten taucht „The House That Hea­ven Built“ auf, bei mir eben „Fire’s High­way“. Gitar­ren­ge­schram­mel plus hym­ni­sche Chö­re, Sie ken­nen das Prin­zip.

02. Ben Folds Five – Away When You Were Here
Ich will ganz ehr­lich sein: Ich hat­te nicht damit gerech­net, dass „The Sound Of The Life Of The Mind“ über­haupt ein gutes Album wer­den wür­de. 13 Jah­re War­ten waren ein­fach zu viel. Dass es letzt­lich ein sehr gutes Album gewor­den ist, liegt an Songs wie „Away When You Were Here“: Die Melo­die klingt schon beim ers­ten Hören, als ken­ne man das Lied seit sei­ner Kind­heit, und dass Ben Folds ein Lied an einen ver­stor­be­nen Vater singt, wäh­rend sein eige­ner Vater noch leben­dig und bei bes­ter Gesund­heit ist, unter­mau­ert sei­ne Song­wri­ter-Qua­li­tä­ten. Jeder Depp kann besin­gen, was er fühlt oder sieht, aber mit fik­ti­ven Geschich­ten der­art zu Her­zen zu rüh­ren, das kön­nen nur weni­ge. Ben Folds kann es, natür­lich.

01. Rae Mor­ris – Don’t Go
Ich habe nicht vie­le TV-Seri­en kom­plett gese­hen. Wenn ich es dann doch aus­nahms­wei­se mal tue, sind die Abschluss­lie­der gleich mit beson­de­rer Bedeu­tung auf­ge­la­den. Das war mit Peter Gabri­els „The Book Of Love“ am Ende von „Scrubs“ so (die Unzu­mut­bar­kei­ten der neu­en Fol­gen ver­schwei­gen wir ein­fach) und so war es auch mit „Don’t Go“ am Ende von „Skins“. Dass auch die­se Serie jetzt noch einen Appen­dix bekommt (der hoffentlich/​mutmaßlich nicht so schlimm wird wie der von „Scrubs“), kön­nen wir an die­ser Stel­le getrost unter­schla­gen, so berüh­rend und emo­tio­nal ver­dich­tet ist die Mon­ta­ge zu die­sem Lied, das ich seit­dem rauf und run­ter gehört habe – obwohl das zunächst gar nicht so ein­fach war. Ein schlich­tes Lied einer jun­gen Singer/​Songwriterin aus Eng­land, aber auch ein sehr schö­nes.

Jetzt nach­hö­ren: Mei­ne Top 25 bei Spo­ti­fy.

Und weil ich hier eh schon so viel über die Alben geschrie­ben habe, gibt’s deren Bes­ten­lis­te dies­mal unkom­men­tiert.

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The Numbers Of The Beasts

Ich habe Mathe­ma­tik immer gehasst. Noch heu­te, mehr als zehn Jah­re nach mei­nem Abitur, träu­me ich hin und wie­der davon, im Mathe­un­ter­richt zu sit­zen und zu den­ken „Oh Gott, das wer­de ich bis zur Klau­sur nie­mals ver­ste­hen!“ Manch­mal träu­me ich auch direkt von Klau­su­ren, denen ich mich dann auf irgend­wel­che Arten – z.B. durch Zer­stö­rung des gan­zen Schul­ge­bäu­des – ent­zie­hen muss.

Ande­rer­seits habe ich auch schon seit vie­len Jah­ren einen Fai­ble für Sta­tis­tik und ande­re Zah­len­spie­le­rei­en: Das Tolls­te am Euro­vi­si­on Song Con­test bleibt die Punk­te­ver­ga­be, man kann eine gan­ze Bun­des­li­ga­sai­son vor­ab auf dem Papier durch­rech­nen und wenn man sich nur eine klu­ge For­mel aus­denkt, kann man aus der Anzahl der Wie­der­ga­ben und der Bewer­tung eines Songs in iTu­nes sicher­lich ganz logisch sei­ne per­sön­li­che Jah­res­bes­ten­lis­te erstel­len.

Ver­mut­lich könn­te man sogar aus­rech­nen, wie groß die Wahr­schein­lich­keit war, dass ich ges­tern gleich zwei Arti­kel mit gro­ßer Freu­de gele­sen habe, die sich mit Zah­len aus­ein­an­der­set­zen:

Hol­ger Dam­beck hat bei „Spie­gel Online“ ver­sucht her­zu­lei­ten, wie (un)wahrscheinlich es eigent­lich war, dass bei der Aus­lo­sung der Ach­tel­fi­nals der Cham­pi­ons League exakt die glei­chen Paa­run­gen gezo­gen wur­den wie bei einer vor­he­ri­gen Pro­be­aus­lo­sung.

Ein Pro­blem, das auf­grund der vie­len Regeln, die es bei der Aus­lo­sung zu berück­sich­ti­gen gilt (nur Grup­pen­ers­te gegen Grup­pen­zwei­te, kei­ne Vor­run­den­geg­ner als Ach­tel­fi­nal­geg­ner, kein Geg­ner aus dem eige­nen Land), eini­ger­ma­ßen unlös­bar erscheint:

Ich schaue mir an, wel­che Geg­ner die Zweit­plat­zier­ten bekom­men kön­nen. Weil nur die Paa­run­gen selbst inter­es­sie­ren, nicht aber die Rei­hen­fol­ge, in der sie gelost wer­den, fan­ge ich beim fik­ti­ven Losen mit den bei­den spa­ni­schen Mann­schaf­ten an: FC Valen­cia und danach Real Madrid. Valen­cia hat fünf ver­schie­de­ne mög­li­che Geg­ner, Real eben­falls. Das müss­te dann für Valen­cia fünf Vari­an­ten erge­ben, und für Real eine weni­ger, also vier, denn eine Mann­schaft wur­de ja Valen­cia schon zuge­lost. Das ergibt dann 5*4=20 Mög­lich­kei­ten, dach­te ich – und war bereits in die ers­te Fal­le getappt.

Denn es gibt einen Son­der­fall, den ich nicht bedacht habe. Wenn Valen­cia der Sie­ger aus der Real-Madrid-Grup­pe – das ist Borus­sia Dort­mund – zuge­lost wird, gibt es für Real nicht nur noch vier mög­li­che Geg­ner, son­dern wei­ter­hin fünf. Denn Dort­mund schei­det als Geg­ner für Real von Vorn­her­ein aus, bei­de waren in der Grup­pen­pha­se zusam­men. Statt 5*4 = 20 gibt es des­halb 4*4+5 = 21 unter­schied­li­che Vari­an­ten der bei­den Ach­tel­fi­nals mit Betei­li­gung von Madrid und Valen­cia.

Hach. Ich kann die Begeis­te­rung, die einen an die­ser Stel­le ergreift, völ­lig nach­voll­zie­hen. Und ich bin mir sicher, dass ich auf dem Weg zur Lösung drei bis vier kapi­ta­le Denk­feh­ler gemacht hät­te. 1 Der Satz „Jetzt wird es kom­pli­ziert“ folgt übri­gens erst ein biss­chen spä­ter im Text.

Hol­ger Dam­beck kam dann mit Papier und Blei­stift irgend­wann auch nicht mehr wei­ter:

Das Pro­blem ist trotz­dem lös­bar – und zwar mit Hil­fe eines klei­nen Com­pu­ter­pro­gramms, das ein­fach alle mög­li­chen Vari­an­ten durch­zählt. Ein Kol­le­ge aus der SPIE­GEL-Doku­men­ta­ti­on hat genau dies gemacht und ist dabei auf die Zahl von 5463 Vari­an­ten gekom­men. Die­se Anga­be ist ohne Gewähr!

* * *

Der ande­re Text steht auf der Web­site des „Guar­di­an“ und erklärt, war­um der 20.12.2012 so beson­ders ist/​war:

It’s one of tho­se dates whe­re the digits crea­te inte­res­t­ing pat­terns. It also comes at the end of 13 years that have been asto­nis­hin­gly fer­ti­le for such num­e­ro­lo­gi­cal­ly „magic“ dates. The rest of the cen­tu­ry is going to be a desert by com­pa­ri­son.

Hugo Dixon kommt auf „68 magi­sche Daten im 21. Jahr­hun­dert“, von denen inzwi­schen 43 vor­bei sind. Er beginnt bei der Serie, die am 01.01.01 begann und am 12.12.12 ende­te, arbei­tet sich über beson­ders magi­sche Momen­te wie den 11.11.11 11.11 Uhr vor und kommt irgend­wann bei den Palin­dro­men an, von denen uns am 02.02.2020 das nächs­te erwar­tet. 2

Es ist eine eigent­lich völ­lig sinn­lo­se Betrach­tung der Welt, aber ich kann die Schön­heit und Magie, die Dixon da beschreibt, völ­lig nach­voll­zie­hen. Man muss ja nicht gleich an so einem Tag hei­ra­ten.

  1. Mei­ne Spe­zia­li­tät bei Mathe-Klau­su­ren waren immer die soge­nann­ten Fol­ge­rich­tig-Punk­te, die man bekam, wenn man nach einem Feh­ler in sich schlüs­sig wei­ter­ge­rech­net hat­te.[]
  2. Die Schreib­wei­sen vari­ie­ren immer mal wie­der, je nach­dem, ob die vor­an­ge­stell­te „20“ unse­res Jahr­hun­derts gera­de ins Sche­ma passt oder nicht.[]
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Leben

Wie schön es hier ist, seitdem es verschneit ist

Vor­hin flo­gen zwei gro­ße Grup­pen Zug­vö­gel in beein­dru­cken­dem For­ma­ti­ons­flug an mei­nem Wohn­zim­mer­fens­ter vor­bei, wes­we­gen ich (nur zwei­ein­halb Jah­re Bio­lo­gie-Unter­richt in der Schu­le) erst mal in der Wiki­pe­dia nach­se­hen muss­te, war­um sie das über­haupt tun. Dabei fiel mir auf, dass „Schwarm­ver­hal­ten“ auch den leicht trot­te­li­gen Habi­tus bezeich­nen könn­te, den Men­schen an den Tag legen, wenn sie sich in der Gegen­wart eines ande­ren Men­schen befin­den, in den sie heim­lich (bzw. zumeist unheim­lich) ver­liebt sind, wobei mei­ne Freun­de mir schon mehr­fach gesagt haben, dass nie­mand außer mir und der „Bra­vo“ ein love inte­rest als „Schwarm“ bezeich­nen wür­de. Dann fühl­te ich mich mal wie­der alt und leicht trot­te­lig, wuss­te aber immer noch nicht, war­um die blö­den Vögel so flie­gen, wie sie flie­gen.

Ich mag den Win­ter. Nicht die grau­en Novem­ber­ta­ge, an denen es nie rich­tig hell wird, aber die kla­ren mit klir­ren­der Käl­te und Schnee. Wenn der ers­te Schnee fällt, füh­le ich mich noch mehr wie ein Fünf­jäh­ri­ger als sowie­so schon, und hole sofort mei­ne Win­ter­stie­fel her­vor. Es sind so ähn­li­che Schu­he, wie Jay‑Z sie ger­ne trägt, nur dass ich sie schon seit mehr als 20 Jah­ren tra­ge – natür­lich nicht immer das sel­be Modell, denn als Kind hät­te ich in mei­nen aktu­el­len Schu­hen Höh­len bau­en kön­nen. Das aktu­el­le Paar habe ich jetzt seit zehn Jah­ren, was aber gar nicht so lang ist, wenn man bedenkt, wie viel Schnee wir im Ruhr­ge­biet so durch­schnitt­lich haben. Ich wür­de tip­pen, in den zehn Jah­ren kamen die Schu­he auf etwa andert­halb kana­di­sche Win­ter Ein­satz­zeit.

Das bes­te ist immer, die Schu­he zum ers­ten Mal anzu­zie­hen: Sie sind im Ver­gleich zu mei­nen Füßen und sons­ti­gen Schu­hen so gro­tesk groß, dass ich erst mal über­all gegen­lau­fe. Das ist eigent­lich nicht schlimm, weil die Schu­he auch sehr sta­bil sind, aber trotz­dem nicht unge­fähr­lich: Beim Trep­pen­stei­gen hal­te ich mich sicher­heits­hal­ber am Gelän­der fest, weil die Schu­he kaum auf eine Stu­fe pas­sen und ich auch per­ma­nent Angst haben muss, zu stol­pern. Die ers­ten Meter auf der Stra­ße sind dann auch immer gewöh­nungs­be­dürf­tig, weil die Schu­he so hohe Absät­ze haben, dass ich damit ger­ne an Bür­ger­stei­gen hän­gen blei­be. Ste­hen ist auch lus­tig, weil ich mit mei­nen Füßen meist leicht nach außen wip­pe. Wegen der hohen Absät­ze pas­siert es im Win­ter oft, dass ich an einer Super­markt­kas­se ste­he und mir bei­de Füße gleich­zei­tig ver­knack­se.

Noch schö­ner als Schnee ist natür­lich Schnee mit Musik. Wenn ich durch die Stadt gehe und die Zufalls­wie­der­ga­be mei­nes iPho­nes schickt mir „So Long, Asto­ria“ von den Ata­ris (ers­te Zei­le: „It was the first snow of the sea­son“), „The River“ von Joni Mit­chell oder den „Ally McBeal“-Titelsong „Sear­chin‘ My Soul“ von Von­da She­pard, läch­le ich leicht debil vor mich hin. Über­haupt hat „Ally McBe­al“ mit den offen­bar stän­dig ver­schnei­ten Stra­ßen Bos­tons bei mir noch grö­ße­re Ver­hee­run­gen im Roman­tik­zen­trum ange­rich­tet als „Dawson’s Creek“ und „My So-Cal­led Life“ zusam­men.

Seit ich in einer eige­nen Woh­nung woh­ne, wird die­se im Dezem­ber auch fest­lich geschmückt: Ich hän­ge Lich­ter­ket­ten in die Fens­ter (nach nur zwei Sai­sons war die ers­te schon dau­er­haft kaputt und ein Fall für die Müll­hal­de) und stel­le im Wohn­zim­mer einen etwa hüft­ho­hen Tan­nen­baum auf. Die­sen kau­fe ich nun schon im drit­ten Jahr und damit tra­di­tio­nell in einem Bau­markt, drei Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­len ent­fernt. Das Schlim­me ist dabei nicht der Trans­port eines Baums in der Stra­ßen­bahn (da sind die Bochu­mer gene­rell sehr hilfs­be­reit und kom­mu­ni­ka­tiv), son­dern der Weg vom Bau­markt zur Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le, den ich jedes Jahr aufs Neue unter­schät­ze. Aber klar: geht alles, man wächst mit sei­nen Her­aus­for­de­run­gen, ein biss­chen Schwit­zen in der dicken Win­ter­ja­cke stärkt die Abwehr­kräf­te.

Wes­sen Leben arm an Action und Span­nungs­mo­men­ten ist, dem kann ich nur emp­feh­len, ein­fach mal einen Tan­nen­baum zum gro­ben Abtrock­nen in der eige­nen Dusche zu plat­zie­ren. Zumin­dest wenn man ein ähn­lich gutes Kurz­zeit­ge­dächt­nis hat wie ich, gibt es jedes Mal ein gro­ßes Hal­lo, wenn man die Toi­let­te benut­zen möch­te und da plötz­lich ein Baum im Bad steht. Das hilft auch gegen nied­ri­gen Blut­druck, wobei der beim Auf­stel­len von Tan­nen­bäu­men eh nicht unten bleibt.

Ich kau­fe mei­nen Baum immer ein­ge­topft mit beschnit­te­nen Wur­zeln, weil ich mir immer noch 30 Jah­re zu jung vor­kom­me, um einen Christ­baum­stän­der zu erwer­ben. Außer­dem bil­de ich mir ein, dass er in der Erde nicht so schnell zu nadeln beginnt. Die Anzahl der Nadeln, die er auf dem Weg von der Haus­tür über das Bad ins Wohn­zim­mer ver­liert, ist den­noch beacht­lich. Man soll­te sich anschlie­ßend nicht zu scha­de sein, ein­mal gründ­lich durch­zu­sau­gen – zumin­dest, wenn man anschlie­ßend noch bar­fuß durch sei­ne Woh­nung spa­zie­ren möch­te. Tan­nen­na­deln sind zwar eigent­lich sehr flach, haben aber einen natür­li­chen Über­le­bens­wil­len, der sie zwingt, sich auch in den aus­weg­lo­ses­ten Situa­tio­nen noch der­ge­stalt senk­recht auf­zu­rich­ten, dass sie im mensch­li­chen Fuß maxi­ma­len Scha­den anrich­ten kön­nen. In den Ent­wick­lungs­la­bors von Lego wer­den Tan­nen­na­deln des­halb ganz beson­ders aus­gie­big stu­diert.

Steht der grün­ge­klei­de­te Win­ter­gast dann erst mal an sei­nem Platz (die Fra­ge, ob er nicht „schief steht“, ver­bie­tet sich bei ein­ge­topf­ten Bäu­men zum Glück – man kann eh nix ändern), kommt die elf­te Pla­ge aus dem elf­ten Kreis der Höl­le: die Lich­ter­ket­te. Gan­ze Klein­kunst­a­ben­de wer­den im Spät­herbst und Früh­win­ter mit der Beschrei­bung des­sen beschrit­ten, was der Mensch (auch in eman­zi­pier­ten Haus­hal­ten zumeist: der Mann) denkt, fühlt, oder prä­zi­ser: hasst, wäh­rend er ver­sucht, 16 unter­ein­an­der ver­bun­de­ne Leucht­ele­men­te an einen kak­tus­ähn­li­chen Baum zu klem­men, ohne sich in dem Kabel zu ver­hed­dern. Es geht nicht. Eine gerech­te Ver­tei­lung der Ker­zen über den gan­zen Baum ist nicht mög­lich, am Ende sieht es immer aus wie ein Satel­li­ten­bild von Aus­tra­li­en bei Nacht. Das Kabel ist immer da, wo es nicht sein soll, und letzt­lich soll­te man schon dem Herr­gott dan­ken, wenn man nicht den gan­zen Baum zu Boden reißt.

Es gibt in dem Weih­nachts­klas­si­ker „Schö­ne Besche­rung“ die schö­ne Sze­ne, in der Clark Gris­wold zu sei­nem Vater sagt: „Alles, was ich über Weih­nachts­au­ßen­be­leuch­tung weiß, habe ich von Dir gelernt, Dad!“ Die­ser eine Satz sagt mehr über die Psy­che von Män­nern aus, als die Lebens­wer­ke von Ali­ce Schwar­zer und Mario Barth zusam­men. Wer Män­ner ver­ste­hen will, soll­te hier anfan­gen und auf­hö­ren.

Ist die Lich­ter­ket­te aber end­lich in Betrieb (und der Baum hof­fent­lich eich­hörn­chen­frei), geht alles ganz schnell: Das Gebim­mel (zwei Christ­baum­ku­geln und drei sons­ti­ge Hän­ger) ist in einem klei­nen Baum wie mei­nem schnell ver­staut und wenn end­lich auch die Krip­pe steht, heißt es inne­zu­hal­ten und zu genie­ßen. Der Geruch von Tan­nen­grün ist (neben dem von frisch bear­bei­te­tem Holz und dem von Meer) ver­mut­lich der schöns­te auf der Welt, die größ­te Kind­heits­er­in­ne­rung sowie­so. Er ist der Proust’sche Instant-Remin­der an die Weih­nachts­ta­ge der Kind­heit, als ich irgend­wann kurz nach Son­nen­auf­gang aus dem Bett hüpf­te und ins Wohn­zim­mer rann­te, um mit mei­nen neu­en Spiel­sa­chen zu spie­len. Bar­fuß saßen mei­ne Geschwis­ter und ich unter dem fest­lich geschmück­ten Baum, des­sen schon ver­lo­re­ne Nadeln gemein­sam mit dem Hoch­flor­tep­pich eine letz­te, unhei­li­ge Alli­anz ein­ge­gan­gen waren (s.o.), und wid­me­ten uns inten­siv unse­ren Lego-Flug­hä­fen und Play­mo­bil-Rit­ter­bur­gen, die wir natür­lich direkt nach der Besche­rung hat­ten auf­bau­en müs­sen („Du bist doch schon so müde, willst Du das nicht lie­ber mor­gen machen?“ – „NEIN!“).

Die­se kind­li­che, unschul­di­ge Begeis­te­rung, die noch nichts ahnt von abbre­chen­den und ver­lo­ren gehen­den Plas­tik­tei­len, von kost­spie­li­gen Zube­hör­sets und viel bes­se­ren neu­en Ver­sio­nen, glimmt im Erwach­se­nen­le­ben manch­mal noch auf, wenn ein noch jung­fräu­li­cher Lap­top oder ein flamm­neu­es Smart­phone behut­sam aus sei­ner Ver­pa­ckung genom­men wird. Doch dann gilt man schnell als kom­plett bescheu­ert – nicht ganz zu Unrecht, wenn man die Ent­pa­ckungs­ze­re­mo­nie gleich­zei­tig auch noch auf Video auf­ge­nom­men und ins Inter­net gestellt hat. Ich hof­fe, dass das „Unboxing“ von Weih­nachts­ge­schen­ken, die­ser ganz inti­me Glücks­mo­ment eines Kin­der­le­bens, nie­mals online ver­wurs­tet wird.

Bis vor ein paar Jah­ren haben mei­ne Geschwis­ter in der Advents­zeit auch immer noch geba­cken. Die­ses hei­me­li­ge Gefühl völ­li­gen Grö­ßen­wahns, wenn man ein Kilo­gramm Scho­ko­la­de und 800 Gramm But­ter im Was­ser­bad zum Schmel­zen bringt! Aber ers­tens sah die Küche unse­rer Eltern danach jedes Mal aus, als habe es ein Mas­sa­ker bei Wil­ly Won­ka gege­ben, und zwei­tens ist irgend­wann jeman­dem auf­ge­fal­len, dass irgend­wer den gan­zen Scheiß ja hin­ter­her auch essen muss. Ich habe bei der Reno­vie­rung mei­ner Woh­nung vor drei Jah­ren die däm­men­de Wir­kung von Scho­ko­la­den-Brow­nies sehr zu schät­zen gelernt.

Die blö­den Vögel sind lan­ge weg. Ich lie­ge neben mei­nem Tan­nen­baum und ver­su­che so unauf­fäl­lig an ihm zu rie­chen, wie man im Vor­bei­ge­hen an sei­nem Schwarm zu rie­chen ver­sucht. Mei­ne Füße tun fast nicht mehr weh. Es ist Advent.

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Musik Unterwegs

Luki Waits

Ich hab das Gefühl, ich hab das alles schon tau­send­mal erzählt:

Wie ich 1999, als ich Ben Folds Five gera­de für mich ent­deckt hat­te, nicht zur „Rol­ling Stone Road­show“ gefah­ren bin, weil ich dach­te, die Band wür­de schon dem­nächst mal wie­der nach Deutsch­land kom­men. Und wie sich die Band dann ein Jahr spä­ter auf­ge­löst hat­te.

Wie im Jahr 2001 das ers­te (offi­zi­el­le) Solo­al­bum von Ben Folds erschien und ich das Release­da­te schon Mona­te vor­her groß im Kalen­der mar­kiert hat­te: den 11. Sep­tem­ber.

Wie ich an einer Online-Peti­ti­on teil­nahm, die Ben Folds mit sei­nen dama­li­gen Begleit­mu­si­kern im Jahr 2005 end­lich wie­der nach Deutsch­land brach­te.

Wie Ben Folds Five im Sep­tem­ber 2008 tat­säch­lich ein ein­zel­nes Reuni­on-Kon­zert spiel­ten, das blö­der­wei­se in Cha­pel Hill, NC statt­fand. Und wie sie dann im ver­gan­ge­nen Jahr doch noch ankün­dig­ten, wie­der zusam­men ein Album auf­zu­neh­men und auf Tour zu gehen.

„The Sound Of The Life Of The Mind“ ist tat­säch­lich ein sehr gutes Album gewor­den, nicht nur gemes­sen an mei­nen (zuge­ge­be­ner­ma­ßen sehr nied­ri­gen) Erwar­tun­gen und mei­nem Fan­dom, son­dern ein­fach ein sehr gutes Album. Im Som­mer waren die ers­ten Fes­ti­val-Auf­trit­te der wie­der­ver­ein­ten Band auf You­Tube zu sehen, dann kamen die Tour-Ter­mi­ne raus – auf denen Deutsch­land fehl­te. Aber nach 13 Jah­ren War­ten haben Län­der­gren­zen, Kos­ten und abwe­gi­ge Ideen völ­lig ihre Bedeu­tung ver­lo­ren, so dass ich mir nur noch Beglei­tung suchen muss­te und dann Flug nach, Hos­tel in und Kon­zert­ti­ckets für Man­ches­ter gebucht habe.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Man­ches­ter ist kei­ne Stadt, die einen mit Schön­heit über­wäl­tigt. Mit Häss­lich­keit aller­dings auch nicht. Je mehr ich in Deutsch­land und der Welt rum­kom­me, des­to mehr ver­schwim­men all die­ses Städ­te sowie­so vor mei­nem geis­ti­gen Auge zu einer bzw. zwei­en – einer deut­schen und einer inter­na­tio­na­len. In der inter­na­tio­na­len gibt es dann Läden wie HMV und Waterstone’s und in ihren Super­märk­ten kann man HP Sau­ce und Scho­ko­la­de von Cad­bu­ry kau­fen und was braucht der Mensch eigent­lich mehr?

Außer­dem waren wir ja eh pri­mär aus einem Grun­de in der Stadt. Ich war in den Tagen vor dem Kon­zert nicht auf­ge­regt, es war nicht so wie als Teen­ager, als ich Tage vor­her nur noch die CDs der auf­tre­ten­den Bands gehört habe und mit Herz­klop­fen in den Zug gestie­gen bin, selbst wenn es zum Kon­zert von Slut nach Dort­mund ging. Aber in der Nacht vor dem Kon­zert habe ich dann doch von zwei Ben-Folds-Five-Songs geträumt. So was war mir noch nie pas­siert.

Viel zu früh stan­den wir letzt­lich vor den noch ver­schlos­se­nen Toren des O2 Apol­lo, das sich gro­ße Mühe gege­ben hat­te, die tat­säch­li­chen Zeit­punk­te für Ein­lass und Kon­zert­be­ginn geheim zu hal­ten. Eine wei­te­re Stun­de fiel der Vor­band und Umbau­pau­se zum Opfer: Ich habe vor Ben Folds‘ Solo­kon­zer­ten bis­her immer nur Acts gese­hen, die bes­ten­falls okay waren, häu­fig auch sehr spe­zi­ell. Aber so anstren­gend wie Bit­ter Ruin war tat­säch­lich noch kei­ner von ihnen gewe­sen. Aber was sind 25 Minu­ten Gekrei­sche gegen 13 Jah­re?

Gut. Die­se ver­damm­ten 13 Jah­re bedeu­te­ten natür­lich auch, dass ich mir vor­her schon sicher sein konn­te, dass das Kon­zert mei­ne Erwar­tun­gen nicht wür­de erfül­len kön­nen. Also: Mei­ne Erwar­tun­gen von damals. Heu­te hat­te ich ja irgend­wie kei­ne mehr. Als Ben Folds, Robert Sledge und Dar­ren Jes­see die Büh­ne betra­ten, war das dann auch kein „Endlich!“-Moment mehr. Es war ein­fach der Beginn eines Kon­zer­tes. Aber eines guten.

Ben Folds Five im O2 Apollo Manchester

Die Set­list war klug zusam­men­ge­stellt, die Band defi­ni­tiv in Spiel­lau­ne. In ein­zel­nen Momen­ten droh­ten Songs rhyth­misch aus dem Leim zu gehen, obwohl die drei eigent­lich Top-Musi­ker sind, aber die Har­mo­nie­ge­sän­ge waren in jedem Moment gran­di­os und zähl­ten sicher zu Bes­ten, was es in dem Bereich seit Ende der Sech­zi­ger gege­ben hat. 1 Neue Songs (gleich sie­ben) wech­sel­ten sich mit alten Hits ab, aus Folds‘ Solo­pha­se gab es nur „Lan­ded“ zu hören, bei dem sich Bas­sist Robert Sledge und Schlag­zeu­ger Dar­ren Jes­see etwas zurück­hal­tend zeig­ten.

Als ich dann „Brick“ zum ers­ten Mal in mei­nem Leben live hör­te, stell­te sich tat­säch­lich ein klei­ner Gän­se­haut­mo­ment ein. So ein gestri­che­ner Kon­tra­bass wirkt qua­si direkt auf die klei­nen Här­chen auf den Armen und im Nacken und das ver­mut­lich schöns­te Lied, das je über eine Abtrei­bung geschrie­ben wur­de, tut natür­lich sein Übri­ges. Bei­na­he erwart­bar impro­vi­sier­ten die Drei spon­tan den Song „Rock This Bitch In Man­ches­ter“, des­sen Text so bescheu­ert war, dass sogar Folds beim Sin­gen lachen muss­te. Und die Blä­ser-Pas­sa­ge aus „Army“ kön­nen auf­merk­sa­me Kon­zert­be­su­cher inzwi­schen natür­lich im Schlaf mit­sin­gen.

Nach 113.976 Stun­den des War­tens und ziem­lich exakt zwei Stun­den Kon­zert war dann Schluss – für Ben-Folds-Ver­hält­nis­se etwas früh, aber – hey! – auch das ist Eng­land. Dann eben kein „Magic“, kein „Phi­lo­so­phy“, „Don’t Chan­ge Your Plans“, „Eddie Wal­ker“, „Lul­la­bye“ oder „Away When You Were Here“, der bes­te Song des neu­en Albums. Es war ein wirk­lich tol­les Kon­zert, aber wirk­lich beson­ders hat es sich für mich dann lei­der doch nicht ange­fühlt. So ist das also, wenn man sich die Spiel­zeug­ei­sen­bahn zum 50. Geburts­tag end­lich selbst kauft.

Am nächs­ten Tag zeig­te sich dann wie­der ein­mal, wie nutz­los das Inter­net sein kann: Wäh­rend wir in Man­ches­ter via Face­book-Time­line aus­führ­lich dar­über infor­miert wur­den, dass die Zeit­schrift „Bri­git­te“ irgend­et­was über Skate­boards geschrie­ben hat­te, 2 war irgend­wie völ­lig an uns vor­bei­ge­gan­gen, dass Ben Folds am Mitt­woch sei­ne ein­zi­ge Foto­aus­stel­lung wäh­rend der gesam­ten Tour eröff­net hat­te. In Man­ches­ter. Mit Band. In einer Gale­rie, zwei Blocks vom Hos­tel ent­fernt.

Sto­ry of my life.

  1. Ver­ges­sen Sie Mum­ford & Sons, ver­ges­sen Sie Fleet Foxes![]
  2. Leu­te, jetzt mal im Ernst: Get. A. Fuck­ing. Life.[]
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Papier ist geduldig

Ges­tern gab es gleich zwei schlech­te Nach­rich­ten im Medi­en­sek­tor: Das Stadt­ma­ga­zin „Prinz“ wird im Dezem­ber zum letz­ten Mal als gedruck­te Aus­ga­be erschei­nen und die „Frank­fur­ter Rund­schau“ mel­de­te Insol­venz an.

Sofort ging das Gerau­ne wie­der los, Print sei tot. Wahr­schein­lich konn­te man auch wie­der das Idio­ten­wort „Tot­holz­me­di­en“ lesen. Ger­ne wür­de ich die­sen Leu­ten ins Gesicht schrei­en, dass sie Unrecht haben. Das Pro­blem ist: Ich wür­de mir selbst nicht glau­ben. Das Pro­blem bin ich selbst.

Das letz­te Mal, dass ich ein Prin­ter­zeug­nis gekauft habe, war die Sep­tem­ber/Ok­to­ber-Aus­ga­be der „Spex“. Davor hat­te ich in die­sem Jahr viel­leicht fünf, sechs ande­re Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten gekauft. Nicht, weil ich die Pro­duk­te schei­ße fän­de, im Gegen­teil, aber: Wann soll ich die denn lesen?

Viel­leicht liegt es dar­an, dass ich von zuhau­se aus arbei­te – mein Weg vom Früh­stücks- zum Schreib­tisch beträgt sie­ben Meter, der Gang zur Tages­zei­tung im Brief­kas­ten wäre ein Umweg. Als ich im ers­ten Semes­ter mei­nes Stu­di­ums noch täg­lich von Dins­la­ken nach Bochum gepen­delt bin, habe ich in die­ser Zeit jeden Monat „Musik­ex­press“, „Rol­ling Stone“, „Visi­ons“ und „Galo­re“ gele­sen, dazu zahl­rei­che Bücher und an man­chen Tagen gar Zei­tun­gen. Tat­säch­lich habe ich alle Zeit­schrif­ten, die ich 2012 gekauft habe, in Bahn­hofs­ki­os­ken erwor­ben. Aber auf Zug­fahr­ten kann ich auch end­lich mal in Ruhe Pod­casts hören oder ein Buch lesen – oder halt die gan­ze Zeit auf den Bild­schirm mei­nes iPho­nes star­ren.

Es ist bescheu­ert, Tex­te auf einer Flä­che lesen zu wol­len, die klei­ner ist als mein Hand­tel­ler, und wir wer­den ver­mut­lich eines Tages alle dafür bezah­len. Aber es ist auch so herr­lich prak­tisch, in der S‑Bahn, im Café oder mor­gens noch vor dem Auf­ste­hen im Bett zu lesen, was gera­de in der Welt pas­siert. Ein Buch wür­de ich so nie lesen wol­len, aber Nach­rich­ten? War­um nicht!

Gemes­sen dar­an ist die Tages­zei­tung, die ich auf dem Weg zum Bäcker kau­fen könn­te, natür­lich alt. Dass sie des­halb über­flüs­sig sei, ist natür­lich auch so ein Quatsch-Argu­ment der Inter­net-Apo­lo­ge­ten: Schon vor 30 Jah­ren konn­te es einem pas­sie­ren, dass die „Tages­schau“ um 20 Uhr berich­te­te, was man schon im „Mor­gen­ma­ga­zin“ auf WDR 2 gehört hat­te. Es geht ja nicht nur um die rei­ne Nach­richt, son­dern auch um deren Auf­be­rei­tung. Und selbst wer den gan­zen Tag am Inter­net hängt, wird nicht alles mit­be­kom­men haben, was sich an die­sem Tag ereig­net hat. Ande­rer­seits ist der Nutz­wert einer Zei­tung, die fast aus­schließ­lich die glei­chen Agen­tur­mel­dun­gen bringt, die am Vor­tag schon auf zwei­tau­send Inter­net­sei­ten zu lesen waren, tat­säch­lich gering. Das gilt lei­der auch für eine Lokal­zei­tung, die ihre schö­nen Ent­hül­lun­gen schon vor­ab im eige­nen Web­por­tal ver­öf­fent­licht hat.

Natür­lich liest man Zei­tun­gen ganz anders als Web­sei­ten: Das Auge streift Mel­dun­gen, Über­schrif­ten und Fotos, nach denen man nie gesucht hät­te, die einen aber den­noch anspre­chen kön­nen – nicht sel­ten zur eige­nen Über­ra­schung. Ich lie­be gut gemach­te Zei­tun­gen, trotz­dem lese ich sie nicht. Ich weiß auch, was gutes Essen ist, trotz­dem geht nichts in der Welt über Bur­ger, Cur­ry­wurst und Piz­za. Aber war­um bin ich, war­um sind wir Men­schen so?

Es kann mir nie­mand erzäh­len, dass die Lek­tü­re eines Tex­tes auf einem Bild­schirm (egal ob Smart­phone, Tablet oder Moni­tor) mit der eines Buchs ver­gleich­bar ist. Der Text ist der­sel­be, aber „Lek­tü­re“ ist dann offen­bar doch etwas ande­res als schlich­tes Lesen. Schon ein Taschen­buch fühlt sich nicht so wer­tig an wie eine gebun­de­ne Aus­ga­be mit Lese­bänd­chen, die digi­ta­le Text­an­zei­ge ist dage­gen ein Witz. 1 Aber offen­sicht­lich gibt es Men­schen, denen das an die­ser Stel­le dann viel­be­schwo­re­ne sinn­li­che Lese­er­leb­nis nicht so wich­tig ist. Ich wür­de ja auch kei­ne 20 Euro für eine Fla­sche Wein bezah­len.

Mein Ver­hält­nis zu Vinyl-Schall­plat­ten ist eher theo­re­ti­scher Natur: Ich habe nur ein paar, das meis­te sind Sin­gles, die ich aus einer Mischung von Schnäpp­chen­jagd, Witz und Sam­mel­lei­den­schaft erwor­ben habe. 2 Ich besit­ze nicht mal eine ordent­li­che Ste­reo­an­la­ge, auf der ich die Din­ger abspie­len könn­te, weiß aber natür­lich um den legen­dä­ren Ruf von Vinyl. Mei­ne Sozia­li­sa­ti­on fand mit CDs statt und ehr­lich gesagt fra­ge ich mich manch­mal schon, war­um anfäl­li­ge Schall­plat­ten bes­ser sein sol­len als die dann doch recht robus­ten Sil­ber­schei­ben. Und natür­lich sind CDs für mich viel wer­ti­ger als MP3s, auch wenn ich vie­le CDs nur ein­mal aus der Hül­le neh­me, um sie in MP3s zu ver­wan­deln. Aber MP3s sind für mich immer noch bes­ser als Strea­ming-Diens­te wie Spo­ti­fy: Da „habe“ ich ja wenigs­tens noch die Datei. Bei einem Strea­ming-Dienst habe ich Zugang zu fast allen Ton­trä­gern der letz­ten 50 Jah­re, wodurch jedes Album qua­si völ­lig wert­los wird, auch wenn ich im Monat zehn Euro dafür bezah­le, alles hören zu kön­nen. Den­noch nut­ze ich Spo­ti­fy, wenn auch eher für Klas­si­sche Musik und zum Vor­hö­ren von Alben, die ich mir dann spä­ter kau­fe. Ich gucke auch DVDs auf einem Lap­top, des­sen Bild­schirm unge­fähr Din-A-4-Grö­ße hat und des­sen Auf­lö­sung höher ist als die der DVD selbst.

Scha­det es also dem Pro­dukt, wenn das Medi­um als weni­ger wer­tig emp­fun­den wird? Ich fin­de ja. Ich habe im Inter­net gran­dio­se Tex­te gele­sen, die ich glaub ich noch bes­ser gefun­den hät­te, wenn ich sie auf Papier gele­sen hät­te. Nur, dass ich sie auf Papier nie gele­sen hät­te, weil ich sie dort nie gesucht und gefun­den hät­te. Und weil ich zu wenig Zeit habe, noch bedruck­tes Papier zu lesen, weil ich fast den gan­zen Tag vor dem Inter­net sit­ze. Es ist bekloppt!

Die meis­ten Men­schen, die ich ken­ne, haben kein beson­de­res Ver­hält­nis zu Pfer­den oder Autos, sie wol­len nur mög­lichst schnell an irgend­ei­nem Ziel ankom­men. Das Auto ist schnel­ler als das Pferd – bas­ta! Das war vor hun­dert Jah­ren schlecht für die Pfer­de­züch­ter und Huf­schmie­de, aber so ist das. Der Auto­mo­bil­in­dus­trie gin­ge es auch noch bedeu­tend schlech­ter, wenn wir end­lich alle Rake­ten­ruck­sä­cke hät­ten oder uns bea­men könn­ten.

Die meis­ten Men­schen wol­len auch ein­fach nur Musik hören. Von den Arsch­lö­chern mal ab, denen es egal ist, ob die Musi­ker dafür auch ent­spre­chend ent­lohnt wer­den, ist das völ­lig legi­tim, sie brau­chen kei­ne sie­ben CD-Rega­le in der Woh­nung und Delu­xe-Box­sets. Ihre Umzü­ge sind mut­maß­lich auch weni­ger anstren­gend.

Es gibt offen­sicht­lich Men­schen, die Bücher lesen, die kei­ne Bücher mehr sind. Auch das ist legi­tim und beim Umzug von Vor­teil. Ich kann das nicht ver­ste­hen, aber ich kann schon nicht ver­ste­hen, wie man sich Roma­ne aus der Büche­rei aus­lei­hen kann: Wenn mir ein Buch gefällt, will ich Stel­len unter­strei­chen und es anschlie­ßend, als Tro­phäe und zum Wie­der­her­vor­ho­len, im Regal ste­hen haben.

Die meis­ten Men­schen brau­chen aber offen­bar auch kei­ne gedruck­ten Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten mehr – außer, sie zie­hen gera­de um. Ich wür­de das gern eben­falls merk­wür­dig fin­den. Aber ich bin ja offen­bar genau­so.

  1. Ander­seits kann eine Voll­text­su­che schon sehr, sehr prak­tisch sein.[]
  2. Eine spa­ni­sche Pres­sung von „Sep­tem­ber“ von Earth, Wind And Fire? Klar! Die Ori­gi­nal­auf­la­ge von San­die Shaws „Pup­pet On A String“? Brauch ich als ESC-Fan natür­lich drin­gend![]