I love you, you pay my rant

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Juli 2009 16:18

Liebe PR-Futzis,

wir müssen reden. Habt Ihr eigentlich ‘nen Knall? Seit einigen Monaten erreichen mich Pakete, auf denen kein Absender steht1 und in denen sich irgendwelcher Prött befindet. Eure Erwartung ist offenbar, dass ich darüber schreibe, was für einen crazy-verrückten Kram ich da ins Haus bekommen habe, und dass ich dann irgendwann nach Eurer Auflösung auch noch nachtrage, von welcher Firma der Mist kam. Sowas nennt man dann wohl “virales Marketing”, obwohl ich eigentlich immer dachte, Virals seien nicht planbar.

Es ist ja jedem Blogger2 selbst überlassen, ob er über sowas schreiben will. Eine kurze Beschäftigung mit diesem Blog dürfte aber zeigen, dass wir hier eher nicht so auf PR stehen. Einzige Ausnahme: Ihr seid die Kilians — aber das wüsste ich.

Natürlich muss man als Blog-Betreiber damit rechnen, unverlangt E-Mails zu bekommen und in Newsletter eingetragen zu werden. Das ist auch nicht richtig höflich, aber okay, wenn es thematisch passt.3 In jedem Fall sind Spam-Mails bedeutend leichter zu entsorgen als Pakete, die wie ein “So trenne ich meinen Müll richtig”-Lernspiel für Grundschüler anmuten.

Im Moment kann ich mich übrigens nicht mal richtig über echte Geschenke von lieben Menschen freuen, da mein 20-m2-Zimmer schon bis zum Rand mit Kram gefüllt ist und mir beim Gedanken an den irgendwann dann doch mal anstehenden Umzug schon regelmäßig der Schweiß ausbricht. “Verbrauchswaren” braucht Ihr mir aber auch nicht zu schicken, denn wer will schon anonym versandte Lebensmittel?

Noch ein bisschen blöder wird so eine Aktion, wenn das Paket ausgerechnet am Samstagmorgen um Zehn nach Neun (lies: Mitten in der Nacht) zugestellt wird. Aber das wäre natürlich noch steigerbar: Wenn ich mit dem Bus nach Altenbochum fahren müsste, um in der Postagentur festzustellen, dass mir jemand ein Päckchen Sondermüll zugeschickt hat, würde ich vermutlich schlichtweg grün anlaufen und erst mal ein paar Autos durch die Gegend werfen.

Nehmt Euch ein Beispiel an den Musik-Promotern, Plattenfirmen und Nachwuchsbands dieses Landes, die in der Regel immer nett nachfragen, bevor sie einem was ins Haus schicken. Das ist schon aus ökonomischem Selbstschutz die tausendmal brillantere Idee und häufig ergeben sich daraus auch nette Kontakte. Als ich vor ein paar Monaten unaufgefordert ein Paket von einem namhaften deutschen Verlag bekam, mit dessen Presseabteilung ich zuvor schon mal zu tun gehabt hatte, war ich erst verwirrt. Aber die Auswahl der Bücher legte nahe, dass sich da jemand sehr genau mit diesem Blog beschäftigt haben muss, und ich war nicht mehr verwirrt, sondern gerührt. Entsprechend schlecht ist mein Gewissen, dass die Bücher noch immer ungelesen sind.

Jede Website bemüht sich heutzutage um personalisierte Werbung, die möglichst präzise auf die Interessen des einzelnen Besuchers zugeschnitten ist, aber Ihr ballert mit Schrotflinten auf Pfennigstücke. Genauso gut könnten Eure Kunden Geldscheine in die Luft werfen und was oben bleibt, ist gut investiert.

Überhaupt, liebe Firmen: Findet Ihr das eigentlich gut, diese Belästigung im Namen des Marketings? Einfach Leute anzurufen ist verboten, aber ihnen Krempel ins Haus zu schicken ist okay? Wisst Ihr, was Eure vermutlich überbezahlten PR-Strategen da machen? Habt Ihr das so in Auftrag gegeben? Und wenn Ihr diesen Text hier in Eurer Pressemappe findet (weil any PR ja bekanntlich good PR ist), habt Ihr dann nicht das Gefühl, dass da irgendwas irgendwo gewaltig schief gelaufen sein könnte?

Es ist das derbste PR-Klischee, aber solche Aktionen fallen einem doch nicht im nüchternen Zustand ein, oder? Die Krise ist erst eine, wenn sie auch bei den Hamburger und Düsseldorfer Koksdealern angekommen ist. Und mal ehrlich: Wer auf die Idee kommt, in einem Werbespot ausgerechnet den Titelsong von “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” zur Vermittlung eines positiven Lebensgefühls einzusetzen (wie gestern gesehen), der muss sich doch wohl ein eher legeres Verhältnis zu Betäubungsmitteln nachsagen lassen.

Genug der kalten Wut. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass ich von weiteren Care-Paketen aus der Werbehölle verschont werden möchte. Ich wäre glücklich, wenn Ihr Euch daran hieltet.

Mit freundlichen Grüßen und Dank im Voraus,

Lukas Heinser

  1. Der Satz “Hoffentlich ist keine Bombe drin” von meinem Paketboten ist nur mittelwitzig. []
  2. Ich nehme an, Ihr schreibt einfach immer die ersten hundert Blogger an, die Ihr finden könnt. []
  3. Die Typen, die neulich einen Linktausch zum Thema “Kaffee” anleiern wollten, haben sich dieses Blog sicherlich die vollen anderthalb Sekunden angesehen, die man braucht, um das Impressum zu finden. []

16 Kommentare

  1. Gitte
    11. Juli 2009, 16:28

    Hallo Lukas,

    mir ist das vor einigen Jahren mit amazon.de passiert (die ich über alles liebe): Paketkarte im Kasten, ich pilgere total unleidig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur am ungünstig gelegensten Post, bekomme ein schweres Riesenpaket: und drin lauter komische, blöde Bücher zur Vorab-Rezensieren bei amazon.

    Haben die einfach alle Leute, die in ihrer Top-100-Rezensenten-Liste stehen, ungefragt mit irgendwelchen Neuerscheinungen zugeballert – und nichtmal, was ich ihnen bis heute übel nehme – gegengecheckt, was diese Rezensenten denn so rezensieren sprich überhaupt lesen.

    ARGH.

    Schönes Wochenende
    Gitte

  2. Julius
    11. Juli 2009, 16:53

    Her mit dem unnützen Prött! Ne, aber mal im ernst: Hier am anderen Ende der ‘Späre’ fühlt man sich ja schon wie ein Verlierer, weil man nichtmals mit PR-Spam belästigt wird. Gut, meine ‘web cred’ liegt bei Null und ich schreib schon aus Prinzip nichts über Produkte oder Dienstleistungen, die mir schmackhaft gemacht werden sollen, irgendeinen Promoscheiß darf mir aber trotzdem (fast) jeder gerne in die Packstation stecken. (Hochwertige Mikroelektronik wird bevorzugt angenommen.) Dankö!

  3. Stefan Evertz
    11. Juli 2009, 17:03

    Danke. Für den Titel. Und für den Rest sowieso.

    Bedauerlich ist allerdings, dass dieser Text nicht verhindern wird, dass du auch weiterhin Prütt bekommen wirst.

    Ich habe mir vor fast 3 Jahren schon mal eine Robinsonliste für Blogs gewünscht. Und Dirk Olbertz hatte sie damals bei Blogscout auch am Start.

    Ruhig wurde es bei mir allerdings erst, als ich aus den Deutschen Blogcharts rausgerutscht war. Und auch sonst nicht mehr so viel gebloggt habe.

    Ersteres greift bei dir schon. Letzteres hoffentlich nicht so schnell ;)

  4. Lukas
    11. Juli 2009, 17:21

    @Julius: An den Wohnheimsmüllcontainern, beim Auseinandersortieren von Papier und Folie, fühlt man sich jedenfalls nicht wie ein “Gewinner”. Und statt die Blogger auf Basis irgendwelcher obskurer Listen anzuschreiben, würde ich ja zusehen, möglichst die passenden Blogger zu erwischen.

    @Stefan Evertz: Und ich hatte befürchtet, die Unterschrift ginge völlig unter.

  5. FelixN
    11. Juli 2009, 19:49

    Bin ich doch nicht der Einzige, der die musikalische Untermalung bei besagtem Werbespot verstörend findet. Sehr gut.

    Und: Julius Fischer?

  6. Muriel
    11. Juli 2009, 20:42

    Ist mir als unbedeutendem Ferner-liefen-Blogger die Bemerkung gestattet, dass du für dieses Luxus-Problem von mir kein bisschen Mitgefühl erwarten kannst?
    Der Titel ist allerdings groß, und das Lesen hat mir auch Spaß gemacht.

  7. comicfreak
    12. Juli 2009, 10:18

    ..also, maßgeschneiderte Sachen gehen?

    http://www.ami-blog.de/2007/04.....le-shirts/

  8. Hannah
    12. Juli 2009, 15:20

    also wirklich, immer diese Anglisten-Überschriften…(sehr schön!)

  9. Vodafail: Blogs für Zensur « Zivilschein
    13. Juli 2009, 6:01

    [...] Blogger schmeißt man dabei offenbar mit Werbung voll – manche reagieren verärgert, andere springen bedenkenlos auf den Werbezug [...]

  10. SvenR
    13. Juli 2009, 16:33

    ich scheine die Pet Shop Boys immer falsch verstanden zu haben…!?

  11. Mathis
    13. Juli 2009, 17:04

    Nimm die Pakete doch einfach nicht an.

  12. Lukas
    13. Juli 2009, 17:22

    @Mathis: Ja, das ist natürlich naheliegend. Aber um kurz nach Neun ein weit entfernter Gedanke …

  13. Neuronaler Dreiklang 001 | hirnrinde.de
    22. Juli 2009, 6:39

    [...] PR-Gemurkse Marketing Bei Lukas Heinser findet sich mit “I love you, you pay my rant” einmal mehr einen wirklich gut geschriebenen Artikel (und einen schön mehrdeutigen [...]

  14. Bernd
    4. August 2009, 1:38

    Hallo Lukas.

    Du musst entschuldigen, dass ich mich herrlich über diesen Eintrag von dir amüsiert habe… ;)
    Mir passiert in etwas größeren Abständen, als es bei dir der Fall zu sein scheint, ähnliches und dann aber auch aus eigener Motivation heraus.
    Ich mache alle vier Wochen eine Radiosendung und habe mich bei bestimmten PR-Agenturen für Promo`s angemeldet.
    Letzte Woche allerdings kamen von ein und der selben Agentur sowohl die neue Single von Saltation Mortis (Mittelalter-Folkrock), als auch die neue Single von Right Said Fred (mit dem klangvollen Titel “Sexy Bum”^^).
    Und das obwohl ich der Agentur genau gesagt habe, was ich für die Sendung interessant fänd.
    Tja, ich glaub, ich spiel einfach beides in der nächsten Sendung ;)

    Liebe Grüße,

    Bernd.

  15. Lukas
    4. August 2009, 13:22

    Na, für sowas gibt es doch eine einfache Erklärung: Neuer Praktikant (unbezahlt, auf drei Monate befristet).

    Wir haben bei CT damals auch länger gebraucht, bis wir uns aus der Bemusterung von Aggro Berlin und Jack White Records (der andere Jack White) befreit hatten.

  16. Coffee And TV: » It’s My Lifestyle
    27. Januar 2012, 18:56

    [...] Blogger erhält man erfahrungsgemäß viel unaufgeforderte Post. Manchmal tatsächlich per Post, meistens per [...]

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