Möbeltransport im ÖPNV – Eine Fallstudie

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. Februar 2010 1:26

Menschen mit entsprechenden Erfahrungen erklären gerne, ein Kind zu bekommen würde die Sichtweise auf die Welt völlig verändern. Ich bin weit davon entfernt, dem widersprechen zu wollen (oder zu können), aber ich kann diesen Menschen zurufen: “Für einen Perspektivwechsel braucht’s keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr. Es reicht auch, mit vier Aluminiumstühlen unterm Arm U-Bahn zu fahren.”

Und das kam so:

Ich hatte kurz vor meinem Umzug in einem Geschäft in der Bochumer Innenstadt meine Traumsitzmöbel entdeckt: Nachbauten des Designklassikers “Navy Chair”, herabgesetzt auf einen Preis, der nahezu unanständig niedrig war. Als mein Vater meiner neuen Einrichtungsgegenstände ansichtig wurde (und den dazugehörigen Preis erfuhr), rief er aus: “Sohn, gehe hin und hole mir davon, so viel Du tragen kannst!”

Das ganze Prozedere dauerte etwas länger, die Stühle mussten erst bestellt werden, aber dann waren sie da: Schön, stabil, leicht und unfassbar billig. Problem: Meine Fuhre hatte ich bequem mit einem Auto abholen können, das zum Zwecke der Umzugsvorbereitungen gerade bei mir auf dem Parkplatz rumgestanden hatte. Aber das war jetzt weg.

Da zu den oben aufgeführten hervorstechenden Eigenschaften der Möbel auch das geringe Gewicht zählt, war ich aber unbesorgt, die Situation trotzdem meistern zu können. Kurz bevor Bochum zum siebenundneunzigsten Mal in dieser Saison unter einer geschlossenen Schneedecke versank, machte ich mich also auf den Weg, kaufte die bestellten Stühle und klemmte sie mir unter dem angsterfüllten Blick der Mitarbeiter unter den Arm. Würde ich es schaffen, das Geschäft zu verlassen, ohne andere Teile der Produktpalette in Mitleidenschaft zu ziehen? Ich schaffte es. Eine freundliche Kundin hielt mir sogar die Tür auf.

Der Weg hinab in die U-Bahn-Station war kurz und soweit kein Problem. Zwar nahm ich auf der Rolltreppe einigen Platz ein, aber die wenigen Menschen, die vorbei wollten, beschieden mir geradezu ausufernd, dass das schon passe.

Die U35 stellte kein Problem dar: Die Wagen sind groß und geräumig, und da ich eh nur eine Haltestelle fahren und auf der gegenüberliegenden Seite aussteigen musste, konnte ich mich direkt vor die Tür stellen. Heikel wurde es, als sich eine Kontrolleurin näherte und die Fahrausweise sehen wollte. Auf keinen Fall wollte ich die genau ausbalancierten Sitzelemente abstellen müssen, um mein Portemonnaie zu zücken. Es war wie bei Hitchcock: Sie kam immer näher, während die Bahn schon für den Halt am Hauptbahnhof abbremste. Glücklicherweise schaffte ich es, den Zug zu verlassen, bevor ich mein Ticket vorzeigen musste.

Im Bahnhof kämpfte ich mich – etwas in Wendigkeit und Tempo gehemmt – zur unterirdischen Straßenbahnhaltestelle vor. Dort traf mich die Erkenntnis mit der Wucht einer auf dem Bühnenboden des New Yorker Palladiums zertrümmerten Bassgitarre: Die Rush Hour ist nicht der ideale Zeitpunkt, um den öffentlichen Personennahverkehr als Möbeltransporter zu missbrauchen.

Mehrere Hunderttausend Menschen (Schätzung von mir) standen am Gleis und scharrten mit den Füßen, auf dass sie sich in eben jene Straßenbahn des Todes zwängen können würden, um möglichst schnell bei Familie, Abendbrot und/oder TV-Unterhaltung zu sein. Das würde ein harter, brutaler Kampf werden.

Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor, Galle geifernde Texte über zu kleine Verkehrsmittel, dumm glotzende Mitmenschen und die generelle Schlechtigkeit der Welt ins Internet zu kotzen. Dann kam die Bahn, eine stark gegen unendlich tendierende Anzahl Menschen stieg aus und eine ebensolche ein. Ich auch.

Es war mir etwas unangenehm und ich hatte auch Angst, Menschen mit den Leichtmetallmöbeln zu verletzen. Aber zum Glück ist ja immer noch Polarwinter und alle Menschen sind gut verpackt. Entschuldigend murmelte ich in die Runde, ich hätte halt kein Auto und die Stoßzeiten außer acht gelassen. “Ach, Sie haben sich dazu entschieden, jetzt und hier mit der Bahn zu fahren und damit ist es gut”, erklärte mir eine Frau mittleren Alters zu meiner eigenen Verwunderung meine momentane Situation.

Erstaunlicherweise waren alle Menschen in einem Maße hilfsbereit, dass mich sofort das schlechte Gewissen überkam, vorher jemals etwas anderes erwartet zu haben: Soll ich Ihnen das mal abnehmen? Wo müssen Sie denn raus? Wissen Sie, auf welcher Seite der Ausstieg ist?

An meiner Haltestelle trug mir ein junger Mann zwei zwischenzeitlich doch mal abgestellte Stühle auf den Bahnsteig und fragte, ob er mir tragen helfen solle, er wohne hier ja auch in der Gegend. Vielen Dank, sagte ich, geht schon.

Auf der Rolltreppe nach oben starrte mich eine junge Frau mit einer Mischung aus Mitleid und Entsetzen an und fragte, ob ich Hilfe brauche. Nein, sagt ich, kein Problem, wiegt ja nix.

Drei Minuten später war ich zuhause. Ich hatte nicht nur meine Heimatstadt mit ganz neuen Augen gesehen, sondern auch die Menschen dort.

Nächste Woche bringe ich meine alte Ledercouch mit der Bahn von Dinslaken nach Bochum.

22 Kommentare

  1. Thomas K
    11. Februar 2010, 8:50

    Jetzt bin ich natürlich stark am Preis der Stühle interessiert!

  2. FelixN
    11. Februar 2010, 9:16

    Irgendwie fehlt da die Pointe…

  3. roman g
    11. Februar 2010, 9:48

    Pointe?
    Die pointe war, dass er 4 sessel mit hatte, aber keinen einzigen seinen mitpassagieren zum hinsetzen angeboten gehabt hat ;-)

  4. roman g
    11. Februar 2010, 9:49

    Oops.
    Sorry für den “sessel”, aber ich bin österreicher. (Bei uns ist “stuhl” etwas, wovon man manchmal seinem hausarzt eine “probe” mitbringt.)

  5. Ralf
    11. Februar 2010, 9:55

    Sehr schön! Das erinnert mich an den Tag, als meine Frau mich nötigte, ohne eigenes Fahrzeug den neuen Küchentisch abzuholen. Einen 2 Meter langen, sauschweren Tisch, nur mit einem Kinderbollerwagen bewaffnet von IKEA in Dortmund unter Zuhilfenahme der S1 bis in die Bochumer Nordstadt transportiert – war ebenfalls ein sehr schönes, mitunter kommunikatives Erlebnis.

  6. jan
    11. Februar 2010, 9:56

    Dieses feeling könntest Du mit Zwillingskinderwagen täglich haben – ich weiß, wovon ich rede, inklusive “Unverschämtheit, dass “der” alles hier blockiert!” – Das ist auch Deutschland hier

  7. Juliane
    11. Februar 2010, 10:43

    Das hat jetzt mit dem Artikel gar nichts zu tun, aber Lukas! Ich war ganz schockiert, als ich eben zuerst, oder auch ERST von der Visions erfahren habe, dass Simon den Hartog Solodinge macht. Und Konzerte.Und gute Lieder! Du bist doch Kilians Experte, gib uns mehr Infos… :)

  8. Christian H.
    11. Februar 2010, 11:20

    Und jetzt versuch das mal in Berlin ;)
    Ich sehe auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig Leute die am Südkreuz im IKEA Möbel und Zubehör gekauft haben und sich dann damit in die Ringbahn stellen. Wenn Blicke töten könnten…
    Ich glaube nicht mal Radfahrer werden so sehr gehasst wie “Möbeltransporter”. Das Bochumer Publikum scheint wesentlich umgänglicher zu sein :)

  9. Lukas
    11. Februar 2010, 11:25

    @Christian H.: Na ja, das kann ich aber auch nachvollziehen: Da fährt in Berlin schon mal eine S-Bahn und dann ist sie voll mit Möbeln …

  10. Patrick
    11. Februar 2010, 12:38

    Das ist seltsam: Wenn jemand mit schätzungsweise 13 vollgepackten Einkaufstüten in der Bahn den Weg versperrt, finde ich das auch nicht gerade prickelnd, aber Einrichtungsgegenstände sieht man so selten an nicht dafür gedachten Orten; das hat schon seinen eigenen Charme und ich glaube nicht, dass ich den Transporteuren da böse sein könnte.

    @Juliane: Von Lukas hört man so verdächtig wenig über Simons Solopfade, dass ich die Tage schon mutmaßte, er könne sich hinter einem Teil von »+ Band« in »Simon Den Hartog + Band« verstecken.

  11. Mirea
    11. Februar 2010, 12:40

    Ich hatte da neulich 2 IKEA-Jeff in der U-Bahn. Immer wenn die metallenen Stuhlbeine zusammenschlugen, guckten mich alle an…

  12. Karen
    11. Februar 2010, 13:07

    Erinnert mich an ein Erlebnis mit 2 Freundinnen.
    Für unser Referat hatten wir eine Schaufensterpuppe benötigt, wir wurden nicht schlecht angestarrt in der Stuttgarter S-Bahn, als eine den Oberkörper, die zweite die Beine und die dritte die Arme trug.

  13. Hannah
    11. Februar 2010, 15:46

    Eines meiner ersten Erlebnisse in Lyon war eine Reise zu IKEA…und der Rückweg mit einem 20kg-Regal und Unmengen von Kleinkram – zur Rush Hour, zweimal Umsteigen und 20 Minuten Fußweg inklusive. Als beim Umsteigen in einer ziemlich zwielichtigen Gegend ein Franzose unser Regal schnappte und schnellen Schrittes davoneilte, war ich etwas besorgt – habe mir aber gesagt, dass er mit 20kg nicht schneller sein konnte als wir: und tatsächlich war er so freundlich, es uns zum Bus zu tragen…schade, dass wir ihn nicht auch noch für den Fußmarsch engagieren konnten…

  14. Bernhard
    11. Februar 2010, 16:41

    Das erinnert mich daran, wie ich letztes Jahr im Winter einen großen, schweren, nicht verpackten Laserdrucker und Kabelsalat mit der Stuttgarter S-Bahn durch die Gegend fuhr.

  15. Kunar
    11. Februar 2010, 22:08

    Wer sagt denn, dass wir Menschen in Deutschland grundsätzlich grummelig und schlecht gelaunt sein müssen? Ist doch schön, zu erleben, dass es auch anders geht!

  16. Dennis Jan
    12. Februar 2010, 2:43

    Scharmanter Text. Vielleicht sollte man das Gute im Menschen doch nicht unterschätzen; aber das wäre ja noch schöner. – Viel Erfolg bei der Ledercouch. ~

  17. Wochenschau | bertdesign.de
    12. Februar 2010, 10:48

    [...] erfährt Bochum auf neuem Weg: Der ÖPNV als Möbel­trans­por­ter. Für das schlechte Wort­spiel zahl ich auch zwei Euro extra in mei­nen [...]

  18. Links anne Ruhr (12.02.2010) » Pottblog
    12. Februar 2010, 13:12

    [...] Ruhrgebiet: Möbeltransport im ÖPNV (Coffee And TV) – Lukas Heinser beschreibt sehr schön die Möglichkeiten im ÖPNV Möbel zu transportieren. Nur gut, dass er das nicht am 4. Februar 2010, beim Warnstreik von ver.di, gemacht hat… [...]

  19. Brinja
    15. Februar 2010, 9:42

    den nächsten Möbeltransport bitte in Ton und Bild festhalten. :D

  20. Lukas
    15. Februar 2010, 10:41

    @Brinja: Wie die meisten anderen Menschen verfüge ich über eine überschaubare Anzahl von Armen. Auf/In denen sich vier Stühle befanden. Wie soll ich denn da noch filmen? Mit einer Kai-Diekmann-Brillenkamera?!

  21. Brinja
    16. Februar 2010, 8:31

    Vielleicht kommt jemand mit, der sich das Spektakel nicht entgehen lassen will. :D
    Eine Brillenkamera, die die Blicke der Mitfahrenden festhält, hätte natürlich auch was für sich… Aber wenn der Herr D sowas macht…besser nicht

  22. Wie schön es hier ist, seitdem es verschneit ist – Coffee And TV
    11. Dezember 2012, 18:23

    [...] Das Schlimme ist dabei nicht der Transport eines Baums in der Straßenbahn (da sind die Bochumer generell sehr hilfsbereit und kommunikativ), sondern der Weg vom Baumarkt zur Straßenbahnhaltestelle, den [...]

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