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14 Millionen Schläfer

Ges­tern Abend hat­ten sie mich so weit, da war ich plötz­lich einer der vie­len Mil­lio­nen Deut­schen, die sich Gün­ther Jauch als Bun­des­kanz­ler wünsch­ten.

Zuge­ge­ben: Nach dem „TV-Duell“, des­sen VHS-Auf­zeich­nun­gen seit heu­te früh in Apo­the­ken als Mit­tel gegen Schlaf­lo­sig­keit zu haben sind (aller­dings nur auf Rezept!), hät­te ich auch Rein­hold Beck­mann noch als sprit­zig und sym­pa­thisch emp­fun­den. Aber das hat­te schon was, wie Jauch sich da in sei­ner ehe­ma­li­gen Bei­na­he-Sen­dung – die jetzt „Anne Will“ heißt – im Ses­sel fläz­te, gut­ge­launt das eben Durch­lit­te­ne in Wor­te fass­te, die auch an jedem Stamm­tisch hät­ten fal­len kön­nen, und dann als Zuga­be noch das aus­sprach, was ich zuvor auch gedacht hat­te: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jah­re wei­ter, dann kommt der gro­ße Knall und das gro­ße Expe­ri­ment und dann ist Klaus Wowe­reit mit Hil­fe der Links­par­tei Kanz­ler.

Mit­ten in die­ser The­ra­pie­sit­zung der Selbst­hil­fe­grup­pe „Gro­ße Koali­ti­on“ hat­te sich eine Erin­ne­rung in mein Bewusst­sein geschli­chen, die da zum wirk­lich fal­schen Zeit­punkt kam: Ich muss­te ein Jahr zurück­den­ken, an den Wahl­kampf in den USA, an die Fern­seh­de­bat­ten, die cha­ris­ma­ti­schen Kan­di­da­ten auf bei­den Sei­ten, an die „Schick­sals­wahl“ und den zum Heils­brin­ger dekla­rier­ten Barack Oba­ma. Nach dem Beam­ten­mi­ka­do zur Prime­time hät­te auch Rudolf Schar­ping noch einen glaub­wür­di­gen Heils­brin­ger abge­ge­ben.

Anders als bei der Bun­des­tags­wahl vor sie­ben Jah­ren, wo „Stoi­ber ver­hin­dern“ noch eine Art von Sys­tem­kampf aus­ge­strahlt hat­te, geht es die­ses Jahr um nichts. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on ist uner­heb­lich, das Volk wird aus uner­find­li­chen Grün­den sowie­so der Mei­nung sein, dass Ange­la Mer­kel eine gute „Arbeit“ mache. Das Signal des gest­ri­gen „Duells“ (wer eine Aus­sa­ge trifft, hat ver­lo­ren) war ganz klar: Deutsch­land ist ein Land, das jeder füh­ren kann, der sich irgend­wann mal für die geho­be­ne Beam­ten­lauf­bahn qua­li­fi­ziert hat. Man muss kei­ne Ideen haben, für Deut­sche ist es völ­lig aus­rei­chend, wenn sie ver­wal­tet wer­den.

Zu scha­de, dass Gün­ther Jauch nicht antritt.

Alles Wich­ti­ge zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusam­men­ge­fasst.

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Klickbefehl (23)

Like most peo­p­le, I was initi­al­ly con­fu­sed by EMI’s decis­i­on to release remas­te­red ver­si­ons of all 13 albums by the Liver­pool pop group Beat­les, a 1960s band so obscu­re that their music is not even available on iTu­nes. The enti­re pro­po­si­ti­on seems like a boon­dogg­le. I mean, who is inte­res­ted in old music? And who would want to lis­ten to any­thing so incon­ve­ni­ent­ly deli­ver­ed on mas­si­ve four-inch metal discs with sharp, dan­ge­rous edges?

Das Stil­mit­tel der Iro­nie ist ein gefähr­li­ches – vor allem, wenn man es über einen kom­plet­ten Text hin­weg durch­hal­ten will. Chuck Klos­ter­man hat es aber geschafft, eine Rezen­si­on der Beat­les-Remas­ters zu schrei­ben, die gleich­zei­tig sen­sa­tio­nell schwach­sin­nig und trotz­dem gut und prä­zi­se ist. Beim A.V. Club.

* * *

Das Pro­blem war, schon damals, dass ich nicht begrif­fen habe, was sie eigent­lich woll­te. Ich habe nicht ein­mal ver­stan­den, ob sie links oder rechts ist. Bei Hel­ga Zepp hat man ein­fach nicht durch­ge­blickt. Seit­dem kan­di­diert sie für den Bun­des­tag – jedes Mal! Die­se Frau ist ein Ste­her.

Harald Mar­ten­stein for­dert im „Tages­spie­gel“, Hel­ga Zepp-LaRou­che zur Regie­ren­den Bür­ger­meis­te­rin zu machen.

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Ottos Mob kotzt

Es ist das beherr­schen­de The­ma der Medi­en­sei­ten deutsch­spra­chi­ger Online­ma­ga­zi­ne am heu­ti­gen Tag: der unglaub­lich unsym­pa­thi­sche Kan­di­dat Hans-Mar­tin, der bei „Schlag den Raab“ eine hal­be Mil­lio­nen Euro gewon­nen hat. Weni­ger gegönnt hat das deut­sche TV-Publi­kum einen Sieg zuletzt der ita­lie­ni­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft am 4. Juli 2006.

Falls Sie die Sen­dung ver­passt haben soll­ten und sich fra­gen, war­um ein ein­zel­ner Spiel­show-Kan­di­dat stär­ke­re Emo­tio­nen aus­löst als ein gan­zer Bun­des­tags­wahl­kampf, beant­wor­tet Ste­fan Nig­ge­mei­er Ihnen die ers­te Fra­ge im FAZ.net-Fernsehblog. Zur Beant­wor­tung der zwei­ten Fra­ge hof­fe ich noch einen Psy­cho­lo­gen zu gewin­nen.

Noch wäh­rend die Sen­dung lief, wur­den Hans-Mar­tin-Hass­grup­pen bei Stu­diVZ gegrün­det und T‑Shirt-Moti­ve ange­fer­tigt, die sich über den Kan­di­da­ten lus­tig mach­ten (das habe ich alles nur gele­sen – unter ande­rem in einem inzwi­schen wie­der gelösch­ten Arti­kel bei Opi­nio, dem Leser-schrei­ben-für-Leser-Por­tal von „RP Online“ und bei community-management.de).

Die deutsch­spra­chi­ge Netz­com­mu­ni­ty … Nee, anders: Die deutsch­spra­chi­ge Netz­com­mu­ni­ty gibt es natür­lich nicht, da kommt man ja in Teu­fels Küche, wenn man die irgend­wie zusam­men­fas­sen wür­de. Es sind eben immer Hun­der­te von Indi­vi­du­en, die fast wort­gleich das glei­che in den Äther schie­ßen (bei Twit­ter gut zu erken­nen am „RT:“, das in Sachen Aus­sa­ge­kraft noch weit unter dem „Me too!!!!1“ der AOL-Use­net-Ära und unter dem „Like“-Button bei Face­book liegt).

Hun­der­te Indi­vi­du­en gaben sich also jeder für sich die größ­te Mühe, alle Kli­schees vom digi­ta­len Mob zu bestä­ti­gen: „Hassmar­tin“ tauf­ten sie den Kan­di­da­ten und straf­ten damit gleich auch noch all jene Lügen, die gedacht hat­ten, hirn­freie­re Namens­wit­ze als „Zen­sur­su­la“ könn­ten nun wirk­lich kei­nem Men­schen über 13 mehr ein­fal­len. Für ein „#pira­ten+“ war in den Tweets dann lei­der kein Platz mehr, das hät­te man doch schön kom­bi­nie­ren kön­nen.

Twit­ter ist ja eh nicht gera­de als das Medi­um bekannt, das den Sie­ges­zug der Auf­klä­rung end­lich abschlie­ßen könn­te: 140 Zei­chen kann man auch eben schnell tip­pen, ohne dass man das Gehirn zwi­schen Gal­le und Fin­ger schal­ten müss­te. Twit­tern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflek­ti­on, Haupt­sa­che man ist der Schnells­te – beson­ders bei der Eska­la­ti­on. Heu­te ste­hen die Web‑2.0er fas­sungs­los vor den rau­chen­den Trüm­mern ihres eige­nen „Pogroms“ (natür­lich auch nicht alle) und wir­ken dabei ein biss­chen wie die Schü­ler am Ende von „Die Wel­le“, als ihnen gesagt wird, dass sie alle gute Nazis abge­ge­ben hät­ten.

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Musik

Listenpanik 08/​09

Bevor mor­gen (hof­fent­lich) der Paket­bo­te klin­gelt und ich die nächs­ten zwei Mona­te mit mei­nem Beat­les-Box-Set ver­brin­ge, schrei­be ich mal lie­ber noch schnell auf, was ich in den letz­ten Wochen so gehört habe. Die­ses Mal wird es noch etwas kon­fu­ser als sonst, weil z.B. das Imo­gen-Heap-Album in den USA zwar schon erschie­nen, aber noch nicht bei mir ange­kom­men ist. Dafür gibt es mal wie­der Nach­trä­ge, bei denen Sie sich sicher­lich fra­gen wer­den, auf wel­chem Pla­ne­ten ich eigent­lich die letz­ten Mona­te ver­bracht haben. Aber sowas wird es bestimmt bei der nächs­ten Lis­ten­pa­nik auch wie­der geben.

Doch genug der Theo­rie! Das blieb hän­gen vom Monat August:

Alben
La Roux – La Roux (Nach­trag)
Das hei­ßes­te neue Frau-singt-über-Elek­tro­beats-Din­gen seit „Annie­mal“ von Annie vor vier Jah­ren. Dar­an erin­nern La Roux auch ein biss­chen, sind aber ein gan­zes Stück düs­te­rer. Name­drop­ping-Spe­zia­lis­ten set­zen eh lie­ber auf Yazoo, Human League, Visa­ge und ähn­lich gela­ger­te Künst­ler der 1980er Jah­re. Wenn das von Musik- und Mode­pos­til­len seit Jah­ren pos­tu­lier­te Acht­zi­ger-Revi­val jetzt also nicht lang­sam mal ein­kickt (s.a. Empire Of The Sun, Lady Gaga, sowie die Tode von Micha­el Jack­son und John Hug­hes), dann soll­ten wir uns lang­sam damit abfin­den, dass es in die­sem Jahr­zehnt nicht mehr kom­men wird. Unab­hän­gig davon ist es natür­lich eines der über-cools­ten Alben für Din­ner­par­ty und Club seit lan­gem. Und in dem Moment, wo ich es mir auch gekauft habe, wahr­schein­lich schon wie­der so durch wie die „DJ Kicks!“ von Kru­der & Dorf­meis­ter. (Next stop: Neun­zi­ger-Revi­val.)

The Low Anthem – Oh My God, Char­lie Dar­win
Hier hät­ten wir dann das Folk-Hype­the­ma der lau­fen­den Sai­son, min­des­tens Fleet Foxes und Bon Iver in einem. (Und Gre­at Lake Swim­mers, Neu­tral Milk Hotel, Neil Young und Tom Waits.) Zwi­schen schwel­gen­den Bal­la­den („Char­lie Dar­win“, „To Ohio“) und schep­pern­den Schun­kel-Num­mern („The Hori­zon Is A Belt­way“, „Home I’ll Never Be“ von Jack Kerouac und Tom Waits) ist so ziem­lich alles dabei, was man mit dem Über­be­griff „Folk“ ver­bin­den wür­de. Der Herbst kann kom­men, denn mit die­ser Musik im Ohr kann man den Blät­tern sicher­lich ent­spannt beim Ver­fär­ben zuse­hen.

Jay Rea­tard – Watch Me Fall
„Kin­der“, frag­te der Opa, „wann genau ist Punk­rock so pop­pig gewor­den?“
„Ach“, ant­wor­te­ten die Kin­der, „das war doch eigent­lich immer schon so. Hör Dir mal die Ramo­nes an oder die Under­to­nes!“
„Stimmt auch wie­der“, sag­te der Opa und gab sich den sym­pa­thisch-schlich­ten Songs von Jay Rea­tard hin, die auch in irgend­ei­nem ande­ren der ver­gan­ge­nen 34 Jah­re hät­ten erschei­nen kön­nen.

Franz Nico­lay – Major Gene­ral
Wenn die Posi­ti­on „Lieb­lings­band“ im Leben eines Man­nes nicht ähn­lich früh fest­be­to­niert wür­de wie „bes­ter Freund“ und „Fuß­ball­ver­ein“ (sowie – aus chro­no­lo­gi­schen Grün­den – „ers­te Lie­be“), wären The Hold Ste­ady inzwi­schen mei­ne Lieb­lings­band. Klar, dass man da auch Neben­pro­jek­ten wie dem Solo­de­büt des Key­boar­ders sei­ne Auf­merk­sam­keit schen­ken muss. „Major Gene­ral“ schwankt musi­ka­lisch zwi­schen Extre­men wie Punk­rock und Folk, Chan­son und Power­pop, was nicht nur die Bewer­tung, son­dern auch das Durch­hö­ren des Albums etwas schwie­rig gestal­tet. Tech­nisch ist Nico­lay sicher­lich der bes­se­re Sän­ger als sein Chef Craig Finn, aber dem fal­len die bes­se­ren Tex­te ein. Wenn man die 15 Songs auf zehn zusam­men­ge­stri­chen hät­te, wäre „Major Gene­ral“ viel­leicht nicht nur ein Fall für Kom­plet­tis­ten, so ist es doch ein biss­chen spe­zi­ell. Scha­de, denn Songs wie „Jeff Penal­ty“ oder „I’m Done Sin­ging“ hät­ten ein grö­ße­res Publi­kum ver­dient – oder, so unter­schied­lich wie sie sind: gleich zwei Publi­ka.

Mew – No More Sto­ries
Wenn ich ein Album anstren­gend fin­de, gibt es gene­rell zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der es liegt an mir (fal­sche Stim­mung, gene­rel­le Vor­be­hal­te, schlich­te Igno­ranz) oder an den Künst­lern. Schwer zu sagen, wer dies­mal Schuld ist, denn „No More Sto­ries /​ Are Told Today /​ I’m Sor­ry /​ They Washed Away /​ No More Sto­ries /​ The World Is Grey /​ I’m Tired /​ Let’s Wash Away“ (so der voll­stän­di­ge Name des Albums) ist eigent­lich schon ein schmu­ckes Album, mit dem man auch Pink-Floyd-Fans noch aus dem Schau­kel­stuhl schüt­teln könn­te. Ich mach’s jetzt wie so oft und den­ke mir: „Das muss ich noch mal in Ruhe hören, wenn ich die Muße dazu habe“, und wer­de es dann ver­mut­lich wie­der ver­ges­sen. Und das wird mut­maß­lich gro­ßer Fre­vel sein, weil ich im rich­ti­gen Moment wahr­schein­lich erken­nen wür­de, dass die Dänen von Mew damit ganz gro­ße Kunst geschaf­fen haben. Im Moment kann ich das lei­der nur anneh­men.

Songs
La Roux – Bul­let­pro­of (Nach­trag)
Wenn ich behaup­te­te, ich wür­de mei­ne Eltern nur noch besu­chen, um GoTV gucken zu kön­nen, wäre das sehr unfreund­lich. Aber die­ser klei­ne, fei­ne, öster­rei­chi­sche Musik­vi­deo­sen­der macht ein­fach alles rich­tig. Aus­beu­te des letz­ten Besuchs: eine Hand­voll Tracks, die noch vor dem Fern­se­her sit­zend direkt bei iTu­nes gekauft wur­den. Allen vor­an die­se hier jugend­sprach­li­ches Adjek­tiv ein­set­zen Club-Hym­ne: Genau in dem Moment, wo der schlich­te und ergrei­fen­de Refrain fast ein biss­chen lang­wei­lig wer­den könn­te, kommt der Break­down mit Hil­fe eines Voco­ders („It’s 2009, mother­fu­cker!“, sagt der Break­down, auch wenn es wei­ter­hin wie „This time I’ll be bul­let­pro­of“ klingt) und jeder Mensch mit ein biss­chen Rest­hirn im Tanz­bein merkt: „Argh, geil, Track des Jah­res!“ Nur ich hab natür­lich wie­der vier Mona­te und öster­rei­chi­sches Fern­se­hen gebraucht, um davon was mit­zu­krie­gen.

Gos­sip – Hea­vy Cross (Nach­trag)
Tal­kin‘ bout Track des Jah­res: Da hät­ten wir natür­lich gleich die schärfs­te Kon­kur­renz. Dass der Song auch auf WDR2 läuft, zeigt nur, in was für einer Post-alles-Ära wir hier über­haupt leben. Jeden­falls: Auch eine Mör­der-Num­mer, die man auch als „fett“ bezeich­nen könn­te, wenn das nicht irgend­wie sehr unwit­zig wäre.

Jay Rea­tard – It Ain’t Gon­na Save Me
Ich habe ver­ges­sen, wer der­zeit den Rekord für die häu­figs­te Wie­der­ho­lung des Song­ti­tels hält (mut­maß­lich irgend­was mit „Yeah“ aus den 1960er Jah­ren), aber der Ope­ner von Jay Rea­tards zwei­tem regu­lä­rem Solo­al­bum (und dem mut­maß­lich 42., auf dem er irgend­wie zu hören ist) hät­te gute Chan­cen, die­sen Rekord zu bre­chen. Und dann die­ses Kin­der­ge­burts­tags-Video!

The Low Anthem – Char­lie Dar­win
Nach dem gan­zen Gezap­pel und Gepo­ge möch­ten Sie viel­leicht kurz etwas run­ter­kom­men. Schlie­ßen Sie die Augen, lau­schen Sie den Klän­gen und wenn Sie vor Ihrem geis­ti­gen Auge nicht den Rauch aus dem Schorn­stein eines ver­schnei­ten Häus­chens in den unend­li­chen nord­ame­ri­ka­ni­schen Wei­ten auf­stei­gen sehen, dann … äh: dann haben Sie offen­sicht­lich eine ande­re Phan­ta­sie als ich. Aber trotz­dem schön, nech?

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

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Musik Gesellschaft

We don’t know why /​ But we know it’s not right

Ich muss Ihnen nicht sagen, wel­ches Datum heu­te ist. Wenn Sie in den letz­ten Tagen einen Fern­se­her ein­ge­schal­tet haben, wis­sen Sie eh, wor­um es geht.

Frank-Wal­ter Stein­mei­er woll­te mir ja erzäh­len (aus der Rei­he „Sel­te­ne Sät­ze deut­scher Spra­che“), dass „die Tage, Woche und Mona­te nach dem 11.9.“ in Deutsch­land „ein biss­chen außer Gedächt­nis gera­ten sei­en. Ich hal­te das für Quatsch. Ich weiß noch genau, dass ich mich gefragt habe, ob ich mei­nen 18. Geburts­tag zwei­ein­halb Wochen spä­ter noch erle­ben wür­de, oder ob wir bis dahin schon alle von Ter­ro­ris­ten oder ame­ri­ka­ni­schen Gegen­schlä­gen getö­tet sein wür­den (was man als 17-Jäh­ri­ger halt so denkt).

Es sind vie­le, vie­le Songs geschrie­ben wor­den über die­se Zeit (unter ande­rem das gan­ze „The Rising“-Album von Bruce Springsteen), aber am Bes­ten zusam­men­ge­fasst wird das alles in einem Song, der unwahr­schein­li­cher­wei­se von den Fun­punk­pop­pern Gold­fin­ger, Good Char­lot­te und Mest stammt und irgend­wann im Herbst 2001 im Inter­net ver­schenkt wur­de. Ver­lust, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit und Angst (auch dar­über, was fremd aus­se­hen­den Men­schen plötz­lich blüht) sind auf eine so unmit­tel­ba­re, nai­ve Art Gegen­stand des Tex­tes, dass man acht Jah­re spä­ter fast ein biss­chen pikiert dar­über ist. Aber Pop­mu­sik ist nun mal ger­ne ein unre­flek­tier­tes Zeit­do­ku­ment und des­halb auch meis­tens per­sön­lich packen­der als ein Geschichts­buch:

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Das Video ist ein biss­chen quat­schig, aber ich woll­te nicht schon wie­der bren­nen­de Tür­me zei­gen.

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… und wir sind nur die Kandidaten

Mon­tag­nach­mit­tag im Köl­ner E‑Werk: Außer Rent­nern, Stu­den­ten und Arbeits­lo­sen hat um die­se Zeit eigent­lich nie­mand Zeit. Trotz­dem haben WDR und NDR es hin­be­kom­men, 179 Bun­des­bür­ger anzu­kar­ren, die angeb­lich reprä­sen­ta­tiv für 82 Mil­lio­nen sind: alt und jung, aus Nord und Süd, Mann und Frau – die gan­ze Palet­te halt. Sie sol­len SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Frank-Wal­ter Stein­mei­er in einer die­ser Town­hall-Mee­ting-Simu­la­tio­nen, die der neu­es­te Schrei im deut­schen Polit-TV sind, auf den Zahn füh­len. Bizar­rer­wei­se bin ich einer die­ser 179.

Nach dem nur ver­hal­te­nen Warm-Up durch einen Kol­le­gen (es ist halt eine öffent­lich-recht­li­che Poli­tik­sen­dung, kei­ne Pri­vat­fern­seh-Come­dy) begrü­ßen die Mode­ra­to­ren Jörg Schö­nen­born und Andre­as Cicho­wicz erst uns und dann den Mann, der Kanz­ler wer­den will. Stein­mei­er begrüßt die Zuschau­er, die um ihn her­um sit­zen, rou­ti­niert und man ist froh, dass er nicht gleich mit dem Hän­de­schüt­teln anfängt. Er hät­te ja gar nicht kom­men brau­chen, sagt er, so toll habe ihn „der Jonas“, ein jun­ger Zuschau­er mit blon­dier­ten Haa­ren, der im Warm-Up sei­nen Platz ein­ge­nom­men hat­te, ja ver­tre­ten. Sol­che Aus­sa­gen sor­gen für Stim­mung, aber dann erin­nert Schö­nen­born, der trotz sei­ner sons­ti­gen Kern­auf­ga­be, Zah­len von einem Moni­tor abzu­le­sen, mensch­li­cher wirkt als der leben­de Akten­de­ckel Stein­mei­er, dar­an, dass wir ja nicht zum Ver­gnü­gen hier sei­en, und es geht los.

Die ers­te Fra­ge wird gestellt und die ers­te Ant­wort gege­ben. Im Vor­feld hat­ten sich die WDR-Redak­teu­re tele­fo­nisch erkun­digt, was man even­tu­ell fra­gen wol­le, aber im Stu­dio lässt sich (außer bei ein paar aus­ge­wähl­ten Gäs­ten) nicht zuord­nen, wer wel­che Fra­ge stel­len wür­de – eine wie auch immer gear­te­te Kon­trol­le scheint aus­ge­schlos­sen. Ein Mann wird vor­ge­stellt, der 33 Jah­re bei Her­tie gear­bei­tet hat und „mit nichts mehr als einem feuch­ten Hän­de­druck“ (er muss sehr feucht gewe­sen sein, denn er fin­det zwei Mal Erwäh­nung) ver­ab­schie­det wur­de. Hof­fent­lich war es nicht auch noch der sel­be Her­tie-Mit­ar­bei­ter wie vor drei Wochen bei RTL. Stein­mei­er sagt von Anfang an oft „ich“ und „wir“, ohne dass klar wird, wel­che geheim­nis­vol­le Trup­pe er damit meint. Die magi­schen Buch­sta­ben „SPD“ nimmt er nach 67 Minu­ten zum ers­ten Mal in den Mund, „CDU“ folgt kurz dar­auf. Er redet viel und sagt wenig. Sagt ein Zuschau­er, woher er kommt, kom­men von Stein­mei­er stets die glei­chen back­chan­nels: „Rhe­da-Wie­den­brück, ah!“, „Gre­ven­broich, ah!“, „Bochum, ah!“. Ein Mann, der bei Con­ti­nen­tal arbei­tet, wird fast zu Stein­mei­ers Joe the plum­ber: Zwar kann er sich den Namen des Man­nes nicht mer­ken, aber auf den „Arbei­ter bei Con­ti“ kommt der Kanz­ler­kan­di­dat an jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Stel­le gern noch mal zurück.

Kon­kre­te Fra­gen beant­wor­tet Stein­mei­er mit dem Hin­weis, „sofort“ auf den Kern zurück­zu­kom­men, nur um dann so weit aus­zu­ho­len, dass er an einer belie­bi­gen Stel­le abbie­gen und über irgend­was reden kann. Als Fra­ge­stel­ler ist man zu betäubt, um das sofort zu mer­ken, und die Mode­ra­to­ren wis­sen natür­lich sowie­so am Bes­ten, dass sie hier kei­ne kon­kre­ten Ant­wor­ten erwar­ten kön­nen.

Eine älte­re Dame, die zuvor bereits wüst in die Kame­ra gewun­ken hat­te, um dar­auf auf­merk­sam zu machen, dass sie eine Fra­ge stel­len will, hat ein paar kopier­te Zet­tel dabei und fragt Stein­mei­er, ob er schon Gele­gen­heit gehabt habe, den aktu­el­len „Spie­gel“ zu lesen. Stein­mei­er wird aber gera­de frisch über­pu­dert und kann des­halb nicht ant­wor­ten, wes­we­gen Schö­nen­born bit­tet, eine kon­kre­te Fra­ge zu for­mu­lie­ren. Es geht um die Besteue­rung von Sonn­tags­ar­beit und Stein­mei­er ant­wor­tet, man dür­fe auch nicht alles glau­ben, was in der Zei­tung ste­he. Obwohl es natür­lich stimmt, kommt das ein biss­chen mecke­rig rüber und die Dame ent­geg­net, es habe ja nicht in „Bild“ gestan­den, son­dern im „Spie­gel“ und dem müs­se man ja trau­en. Ich hof­fe, dass die Raum­mi­kros zu schwach ein­ge­stellt waren, als dass man mein gluck­sen­des Geläch­ter auch noch zuhau­se hören könn­te.

Weil ich ein „jun­ger Mann im karier­ten Hemd“ bin, darf ich auch eine Fra­ge stel­len, aber ich mer­ke schon, als das Fra­ge­zei­chen durch den Raum schwebt, dass das kei­ne gute Idee war. Ich will wis­sen, ob Stein­mei­er manch­mal von Murat Kur­naz träu­me, aber der Kanz­ler­kan­di­dat ant­wor­tet mit dem Ver­weis auf irgend­wel­che Doku­men­ta­tio­nen über sich und dar­auf, dass ein Unter­su­chungs­aus­schuss sei­ne (Stein­mei­ers) Unschuld bewie­sen habe. Man müs­se jetzt auch mal mit die­sen Anschul­di­gun­gen auf­hö­ren, sagt er, wäh­rend wir irgend­wie haar­scharf anein­an­der vor­bei gucken, und ich das Gefühl habe, unter den Bli­cken der ande­ren Zuschau­er und der Hit­ze der Schein­wer­fer lang­sam zu zer­flie­ßen.

Mit Poli­ti­kern zu spre­chen ist eine der unbe­frie­di­gends­ten Beschäf­ti­gun­gen über­haupt, weil einem immer erst hin­ter­her klar wird, dass das gar kein Gespräch war, son­dern eine Phra­sen-Rou­ti­ne, die man schon im Infor­ma­tik­un­ter­richt der sieb­ten Klas­se schrei­ben kann. (Es kann kein Zufall sein, dass Dou­glas Adams einst an einem Com­pu­ter­pro­gramm namens „Rea­gan“ arbei­te­te, das Fern­seh­de­bat­ten anstel­le des US-Prä­si­den­ten hät­te füh­ren kön­nen.) Es macht fast mehr Spaß, im Herbst Laub zusam­men­zu­keh­ren und die Wie­se kurz nach dem Weg­pa­cken des Rechens schon wie­der mit Blät­tern über­sät zu sehen.

Das The­ma Außen­po­li­tik kommt in der Befra­gung des Außen­mi­nis­ters nicht vor. Fra­gen nach afgha­ni­schen Tank­las­tern („Wie vie­le davon wer­den wir noch in die Luft spren­gen müs­sen, bis es in dem Land kei­ne Tali­ban und kei­ne Zivi­lis­ten mehr gibt und wir nach hau­se gehen kön­nen?“) ver­bie­ten sich wegen der Vor­lauf­zeit von fast 30 Stun­den: Wer weiß, wie die Nach­rich­ten­la­ge bei Aus­strah­lung aus­sieht? Afgha­ni­stan kommt trotz­dem vor, wenn auch anders als gedacht: Die Mut­ter eines Sol­da­ten fragt nicht etwa, wann ihr Jun­ge dau­er­haft zuhau­se und in Sicher­heit blei­ben darf, son­dern erkun­digt sich nach bes­se­rer tech­ni­scher Aus­stat­tung für die Trup­pen. Dass sich die Sen­dung so ame­ri­ka­nisch anfüh­len wür­de, war sicher nicht geplant.

Zur Auf­lo­cke­rung wer­den Stein­mei­er zwi­schen­durch zwei „Wer wird Millionär?“-mäßige Quiz­fra­gen gestellt. Es fällt schwer zu glau­ben, dass eine mut­maß­lich gut bezahl­te Redak­ti­on in mona­te­lan­ger Vor­be­rei­tung nicht über „Was wer­den Sie nach dem Ende der gro­ßen Koali­ti­on am meis­ten ver­mis­sen? A: Ange­la Mer­kel, B: Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg, C: Ursu­la von der Ley­en, D: mei­nen Dienst­wa­gen“ hin­aus­ge­kom­men ist. Immer­hin gibt es Stein­mei­er die Gele­gen­heit zum ein­zi­gen Mal in 75 Minu­ten mit Witz und Schlag­fer­tig­keit zu glän­zen, als er ant­wor­tet: „ ‚D‘ schei­det ja aus, denn wenn die gro­ße Koali­ti­on endet, sit­ze ich ja im Kanz­ler­amt.“

Als Schö­nen­born eine län­ge­re, kom­pli­zier­te Zwi­schen­mo­de­ra­ti­on, in der es auch irgend­wie um die FDP geht, augen­schein­lich völ­lig frei (also jeden­falls ohne Tele­promp­ter und ohne noch mal auf sei­ne Kar­ten zu gucken) in die Kame­ra spricht, wer­de ich zu sei­nem glü­hen­den Ver­eh­rer. Cicho­wicz dage­gen gerät bei sei­nen kur­zen Text­pas­sa­gen häu­fi­ger ins Schwim­men, hat dafür aber das Zwi­schen-Zuschau­ern-Hocken in der Tra­di­ti­on von Jür­gen Flie­ge und Gün­ther Jauch im Reper­toire. Zwi­schen­durch stür­zen immer wie­der stu­den­ti­sche Mikro­fon-hin­hal­te-Kräf­te die Trep­pen hin­un­ter, was man am Bild­schirm ver­mut­lich nur als gro­tesk anmu­ten­de Satz­pau­sen wahr­nimmt.

Kurz vor Schluss darf noch eine Mut­ter mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund eine Fra­ge stel­len und weil sie in Stein­mei­ers Rücken sitzt, gerät die­se Gesprächs­si­mu­la­ti­on voll­ends zum Desas­ter: Stein­mei­er dreht ihr halb die Schul­ter zu und redet lie­ber zu Schö­nen­born und Kame­ra 1 und berich­tet dann – Ein­zel­schick­sa­le her­vor­he­ben! – von einer jun­gen Tür­kin, die er kürz­lich in Mainz ken­nen­ge­lernt habe und die jetzt ihren Haupt­schul­ab­schluss nach­ma­che. Dass vor hin­ter ihm das viel­leicht span­nen­de­re Ein­zel­schick­sal sitzt, ist egal: Die Frau aus Mainz passt bes­ser in die Rou­ti­ne.

Die ers­ten Zuschau­er erhe­ben sich schon wäh­rend des Abspanns.

Wahl­are­na: Zuschau­er fra­gen Frank-Wal­ter Stein­mei­er
Diens­tag, 8. Sep­tem­ber 2009
21:05 Uhr im Ers­ten

Nach­trag, 9. Sep­tem­ber: Bis zum kom­men­den Sams­tag kann man sich die Sen­dung jetzt auch in der ARD-Media­thek anse­hen.

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Musik

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Wenn ein Künst­ler drei Jah­re lang kei­ne neue Musik ver­öf­fent­licht hat, ist es eigent­lich Quatsch, von einem „Come­back“ zu spre­chen. Wenn er in der Zeit davor aber qua­si im Jah­res­takt neue Alben raus­ge­bracht hat, ist die Bezeich­nung dann doch legi­tim.

Rob­bie Wil­liams kehrt also zurück – und es ist natür­lich rei­ner Zufall, dass dies gut zwei Mona­te nach dem Tod des Man­nes geschieht, den man mal „King of Pop“ gehei­ßen hat, und eine Woche nach der mög­li­chen Auf­lö­sung der Band, deren anfäng­li­che Freund- und anschlie­ßen­de Feind­schaft Wil­liams auch in Indie-Krei­sen cre­di­ble gemacht hat.

Seit heu­te läuft sei­ne neue Sin­gle „Bodies“ im Radio und – erst mal nur als Audio­tra­ck – bei You­Tube:

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Beim ers­ten Hören fand ich den Song ganz gräss­lich, dann hielt ich ihn für ein loses rip-off von „How Can You Expect To Be Taken Serious­ly?“ von den Pet Shop Boys (Ach­ten Sie mal auf die Musik im Refrain!), nach etli­chen Durch­läu­fen geht’s lang­sam. Davon, dass man sich wünscht, ein drit­tes Bein zu haben, um bes­ser tan­zen zu kön­nen (Selbst­ein­schät­zung Rob­bie Wil­liams), ist die Num­mer jeden­falls ein gan­zes Stück weit ent­fernt. Und von alten Glanz­ta­ten sowie­so.

Ob Wil­liams mit die­ser Musik und dem dazu­ge­hö­ri­gen Album (Sel­ten däm­li­cher Titel: „Rea­li­ty Kil­led The Video Star“, Ver­öf­fent­li­chung: 9. Novem­ber) auch ein Come­back im kom­mer­zi­el­len Sin­ne gelingt, wird sich zei­gen. Sein ambi­tio­nier­tes, aber auch blut­lee­res letz­tes Album „Rude­box“ pflas­tert ja heu­te angeb­lich chi­ne­si­sche Stra­ßen.

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Mutti is now following you on twitter

„The data-epi-spa­cing Oni­on“

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Musik

You and I, we’re gonna live forever

Von meh­re­ren Sei­ten wur­de der Wunsch an mich her­an­ge­tra­gen, ich möge mich in die­sem Publi­ka­ti­ons­or­gan doch bit­te zum Aus­stieg Noel Gal­lag­hers bei Oasis äußern. Nor­ma­ler­wei­se wäre das ein guter Grund, gar nicht erst über einen Text nach­zu­den­ken, son­dern den Bitt­stel­lern den Vogel und den Weg zur Tür zu zei­gen. Aber Oasis sind ja nicht irgend­ei­ne Band und die Dis­kus­sio­nen der letz­ten Tage legen den Ver­dacht nahe, dass das The­ma uns Pop­kul­tur­ge­schä­dig­te min­des­tens so sehr beschäf­tigt wie der Tod von Micha­el Jack­son.

Touristenfotos aus der Brtipop-HölleAlso, zunächst ein­mal: Ich glau­be nicht, dass der Aus­stieg von Dau­er sein wird. Noel Gal­lag­her ist zwar das letz­te Band­mit­glied, das vom Durch­bruch bis vor kur­zem dabei war (wir erin­nern uns: auch Liam war ja zwi­schen­zeit­lich irgend­wie mal aus­ge­stie­gen), inso­fern wiegt das viel­leicht etwas schwe­rer, aber bei Licht bese­hen sind Oasis doch wie die­se Pär­chen im Freun­des­kreis, die sich immer wie­der tren­nen und immer wie­der zusam­men­fin­den – bei­des zum Leid­we­sen aller Unbe­tei­lig­ten. Ein Nach­ruf wird das hier also nicht wer­den.

Schon gar nicht auf eine Band, die selbst wun­der­bar in Wor­te pack­te, wor­an sich nie jemand gehal­ten hat:

Plea­se don’t put your life in the hands
Of a rock ’n’ roll band
Who’ll throw it all away

Alle Dis­ku­tan­ten haben ein­hel­lig die Mei­nung ver­tre­ten, dass der letz­te rich­tig gute Oasis-Song schon län­ger her sei – nur über den genau­en Zeit­punkt und Titel ist man sich uneins. Ich wür­de vor sie­ben Jah­ren anset­zen, auf „Hea­then Che­mis­try“ mit den letz­ten Über-Bal­la­den „Stop Crying Your Heart Out“ und „Litt­le By Litt­le“ und dem Klein­od „She Is Love“. „Fal­ling Down“ auf dem letzt­jäh­ri­gen „Dig Out Your Soul“ war auch nicht schlecht, aber das darf man alles nicht mit den alten Sachen ver­glei­chen.

Ich habe in den letz­ten Tagen einen Ver­gleich bemüht, von dem ich ver­ges­sen hat­te, dass ich ihn schon beim gro­ßen Jah­res­rück­blick ver­wen­det hat­te: Näm­lich den, dass es mit Oasis sei wie mit einem alten Schul­freund – „das Wie­der­se­hen ist herz­lich, man denkt an alte Zei­ten, trinkt zwei Bier und geht wie­der getrenn­ter Wege“.

Oasis waren ja unge­fähr zwei Som­mer lang so groß, wie die Ultras sie heu­te noch sehen. Auf dem Höhe­punkt abzu­tre­ten haben nicht mal Nir­va­na geschafft. Danach kommt eben die Ver­wal­tung der eige­nen Errun­gen­schaf­ten und dafür kann man dann ruhig den Rol­ling-Stones-Weg ein­schla­gen. Und denen ging es ja in den Acht­zi­gern auch nicht beson­ders.

Ich kam (wie unge­fähr jeder ande­re) über „Won­der­wall“ zu Oasis. Auf „Bra­vo Hits 12“ und das ist ja Grund genug, den Song heu­te zu has­sen. „Solo­al­bum“ von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re – und Sie dach­ten, wir spre­chen bei Oasis von einem Absturz in die Bedeu­tug­nslo­sig­keit – häm­mer­te mir die Band ins Bewusst­sein, danach wur­den alle bis­her erschie­ne­nen CDs gekauft und bei jeder Neu­erschei­nung das Geld brav in den Laden getra­gen.

Die Pflicht­schul­dig­keit, immer noch jedes neue Album kau­fen und irgend­wie mögen zu müs­sen, habe ich bei Oasis gelernt. Eine objek­ti­ve Beur­tei­lung von Künst­lern, von denen ich mehr als drei Plat­ten habe, ist mir bis heu­te unmög­lich. (Ein­zi­ge Aus­nah­me: „Inten­si­ve Care“ von Rob­bie Wil­liams. So eine Scheiß­plat­te muss man wirk­lich erst mal machen.)

Im Gegen­satz zu ande­ren Brit­pop-Fans glau­be ich auch heu­te noch an den Glau­bens­krieg Oasis vs. Blur. Ich war immer Oasis-Fan, von Blur habe ich nur das Best Of. Cof­fee And TV heißt natür­lich trotz­dem nach einem Blur-Song, auch wenn die Band wenig aus­schlag­ge­bend war für die Wahl. Und es ist natür­lich die ganz beson­de­re Iro­nie der Pop­kul­tur, dass aus­ge­rech­net im Jahr 2009 – rund 15 Jah­re nach den Gol­den Years of Brit-Pop – Blur plötz­lich ein gefei­er­tes Come­back hin­le­gen und bei Oasis das Mas­ter­mind aus­steigt. Bes­ser tan­zen konn­te man frei­lich immer schon zu Blur.

Oasis wer­den wie­der­kom­men, dar­an habe ich kei­nen Zwei­fel. Die Band hat in ihrer Kar­rie­re ver­mut­lich mehr Kon­zer­te abge­sagt, als die Babysham­bles je gespielt haben. Sich klamm­heim­lich aus einem Fes­ti­val-Line-Up zu steh­len, ist mies, denn das Geld kriegt man nicht wie­der – auch nicht, wenn statt­des­sen Deep Pur­ple spie­len.

Und wenn Noel Gal­lag­her nicht in ein, zwei Jah­ren wie­der auf der Büh­ne steht, als sei nichts gesche­hen, dann gilt immer noch, was ein guter Freund und Ex-Oasis-Fan mein­te: „Eine Band ist doch nicht weg, wenn sie sich auf­löst. Die Plat­ten wird es immer geben.“

In die­sem Sin­ne: „You and I, we’­re gon­na live fore­ver!“

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Musik Leben

Post von Semino Rossi

Was hab ich jetzt wie­der ange­stellt?

Post von Semino Rossi

Ande­rer­seits könn­te es natür­lich auch sein, dass ich nach mei­nen Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen für Semi­no Ros­si (und mei­nem Lob­lied auf Bata Illic) ein­fach zur Ziel­grup­pe gehö­re.

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Musik

Uhr-Instinkt

Den Bochu­mer Lie­der­ma­cher 1 Tom­my Fin­ke hat­te ich hier ja schon mehr­fach lobend am Ran­de erwähnt.

Dem­nächst erscheint sein neu­es Album „Poet der Affen/​Poet of the Apes“ und ent­spre­chend gibt es vor­her eine Sin­gle:

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[„Halt‘ alle Uhren an“]

Ich mag beson­ders die losen Oasis-Refe­ren­zen im Refrain und die­sen komi­schen Flö­ten­sound 2 vor den Stro­phen. Als Wasch­zet­tel­tex­ter wür­de ich jetzt sowas schrei­ben wie: „Jugend­li­cher als Kett­car, zugäng­li­cher als Gis­bert zu Knyphau­sen und – natür­lich sowie­so – bes­ser als Revol­ver­held.“ Es erin­nert aber auch ein biss­chen an Ath­le­te, fin­de ich.

Jeden­falls ken­ne ich nicht vie­le deutsch­spra­chi­ge Musi­ker, die so knie­tief im Pop ste­hen und dabei so weit von jedem Schla­ger­vor­wurf ent­fernt sind. Spä­tes­tens beim drit­ten Hören nis­tet sich der Song in den Gehör­gän­gen ein, aber kau­fen kann man ihn lei­der erst im Okto­ber.

Und wenn Sie par­tout kei­ne deutsch­spra­chi­ge Musik mögen, hören Sie sich eben die eng­li­sche Ver­si­on des Songs an.

Dis­clo­sure: Ich habe mit Tom­my Fin­ke mal ein Bier getrun­ken getrun­ken, es aber selbst bezahlt.

  1. Falls sich jemand fin­det, der ein zeit­ge­mä­ßes Syn­onym zur Hand hat, das nicht so sehr nach Leder­wes­te und selbst­ge­dreh­ten Ziga­ret­ten klingt, möge er es bit­te in den Kom­men­ta­ren abstel­len.[]
  2. Der mut­maß­lich alles, nur kein Flö­ten­sound ist.[]
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Gesellschaft Politik

Ein Esszimmertisch aus ganz besonderem Holz

Mög­li­cher­wei­se haben Sie das Video schon gese­hen, in dem der demo­kra­ti­sche Abge­ord­ne­te Bar­ney Frank bei einem Town Com­mit­tee mee­ting in Dart­mouth, Mas­sa­chu­setts eine jun­ge Fra­ge­stel­le­rin rhe­to­risch voll­endet abbü­gelt, die ihm und Barack Oba­ma Nazi-Poli­tik vor­wirft.

Alter­na­tiv hät­te die „Dai­ly Show“ hier für Sie auch noch mal die schöns­ten Stel­len:

The Dai­ly Show With Jon Ste­wart Mon – Thurs 11p /​ 10c
Bar­ney Frank’s Town Hall Snaps
www.thedailyshow.com

Hier kli­cken, um den Inhalt von media.mtvnservices.com anzu­zei­gen.

Dai­ly Show
Full Epi­so­des
Poli­ti­cal Humor Health­ca­re Pro­tests

Was Sie viel­leicht nicht mit­be­kom­men haben: Die Fra­ge­stel­le­rin berief sich auf Lyn­don LaRou­che und hat­te die­ses sym­pa­thi­sche Pos­ter dabei, das man sich auf der Web­site des „Poli­ti­cal Action Com­mit­tee“ des LaRou­che-Clans her­un­ter­la­den kann:

I've changed - Barack Obama mit Hitler-Bärtchen

Sie erin­nern sich: Die merk­wür­di­gen Ver­ei­ni­gun­gen rund um Lyn­don LaRou­che und sei­ne Frau Hel­ga Zepp-LaRou­che waren hier im Blog ja schon mehr­fach The­ma.

Wäh­rend der deut­sche Able­ger „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ (BüSo) vor allem durch unfrei­wil­li­ge Komik und mys­te­riö­se Todes­fäl­le auf­fällt, tritt die Polit­sek­te in den USA weit weni­ger sub­til auf.

[via The Washing­ton Inde­pen­dent]