Madame 0,1 Prozent

Von Lukas Heinser, 26. Juli 2009 21:01

Deutschland hat – Sie werden das mitbekommen haben – seit ein paar Tagen endlich eine Kanzlerkandidatin. Helga Zepp-LaRouche, bis zum Aufstieg von Gabriele Pauli Gesamtführende in der Kategorie „Frauen mit den meisten Parteimitgliedschaften“, hat in der vergangenen Woche ihre Kandidatur für die „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“ (BüSo) bekanntgegeben.

Diese Nachricht ist vielleicht psychologisch spannender als politisch: Was mag in einem Menschen vorgehen, dessen Partei bei der letzten Bundestagswahl 0,1% erreichte (und die bei der Europawahl im Mai die zweitniedrigste Stimmenzahl von allen 32 Parteien bekommen hat), und der es daraufhin für eine gute Idee hält zu sagen: „Hey, da nenn‘ ich mich mal nicht Spitzenkandidatin, sondern Kanzlerkandidatin“? Zumal ihre erste Kanzlerkandidatur (damals noch für die „Europäische Arbeiterpartei“) nun auch schon wieder 33 Jahre zurückliegt und damals überraschenderweise nicht so erfolgreich wie erhofft verlief. (Für die Jüngeren: Bundeskanzler blieb damals ein Mann namens Helmut Schmidt.)

Frau Zepp-LaRouche erklärt in 67.595 Zeichen, warum sie als Kanzlerkandidatin kandidiere (zum Vergleich: das ist mehr als der achtfache Umfang der Unabhängigkeitserklärung der USA), und lässt doch die entscheidende Frage unbeantwortet:

Des öfteren werde ich gefragt, wieso es kommt, daß ich mich seit nunmehr 37 Jahren für eine neue gerechte Weltwirtschaftsordnung und ein neues Bretton-Woods-System einsetze, obwohl Wahlerfolge in der Vergangenheit ausgeblieben seien.

Der Fairness halber muss man sagen, dass Zepp-LaRouche, ihr Mann, der „mehrfache Präsidentschaftskandidat“ Lyndon LaRouche und die „Bürgerrechtsbewegung Solidarität“ schon länger vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft gewarnt hatten — genau genommen so lange, dass man nicht genau sagen kann, ob es nun eine präzise oder nicht eher eine zufälligerweise zutreffende Vorhersage war. Und selbst vor diesem Hintergrund bleibt es fraglich, ob man seine Stimme deshalb gleich einer umstrittenen „Polit-Sekte“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 26. September 1994) geben muss.

Viel sagt Helga Zepp-LaRouche in ihrem Wahlprogramm übrigens nicht. Es ließe sich mit „Alles doof, so wie es ist“ ganz gut zusammenfassen.

Deshalb müssen wir auch zurück ins Zeitalter der großen „Dichter und Denker“:

Woher soll die Veränderung kommen, wenn die Politiker untertänig, die Manager korrupt, die „Künstler“ der Gegenwartskultur voller Drogen und die Massen verwildert sind?

Es folgen längliche Ausführungen, denen man anmerken kann, mit welcher … äh: Kreativität die Autorin das Wort „entartet“ zu Umschiffen versuchte:

Was heute meist unter Kreativität verstanden wird, gleicht eher im besten Falle jenen zufällig vom Künstler an die Wand geworfenen Arabesken, von denen Kant irrtümlicherweise meinte, sie hätten einen höheren künstlerischen Wert als das Werk, in dem man die Absicht des Autors erkennen könne.

(Es gehört natürlich eine gewisse Nonchalance dazu, Kant mal so eben in einem Nebensatz abzubügeln. Man hat ja wichtigeres zu tun, als sich mit so einem angestaubten Denker rumzuschlagen.)

Und dann gewährt uns Helga Zepp-LaRouche noch einen tieferen Einblick in ihr Kunstverständnis:

Als Bundeskanzlerin wäre die klassische Kultur nicht der reichen Oberschicht vorbehalten, die sich die Eintrittskarten bei den Festivals leisten kann, sie würde allen Bürgern zugänglich gemacht. […] Die öffentlichen Medien würden beauftragt, der Bevölkerung klassische Kunst zu präsentieren, die nicht vom Regie-Theater und ähnlichen Bearbeitungen ruiniert wäre, selbst wenn man dafür zwischenzeitlich auf historische Aufführungen zurückgreifen müßte.

Da werden sich die „öffentlichen Medien“ aber freuen, wenn die Bundeskanzlerin ihnen vorschreibt, was sie zu senden haben. Und die Bürger erst: Sie werden nicht mehr klamottige Dauerwerbesendungen schauen, sondern Videoaufzeichnungen von Inszenierungen August Kotzebues im Weimarer Nationaltheater.

Und über all das dürfen sie auch noch selbst entscheiden. Die 0,1% stehen.

13 Kommentare

  1. Chris
    26. Juli 2009, 21:05

    „Lustige Witwe“ für alle, 24h nonstop auf allen Kanälen!!

    Ach nee, das war ja jemand anderes…

  2. Linus
    26. Juli 2009, 22:58

    Großes Kino…erm…Theater

    nicht vom Regie-Theater und ähnlichen Bearbeitungen ruiniert

    Die Frau hat meine Stimme. Bis ihr das Trommelfell platzt.

  3. Muriel
    26. Juli 2009, 23:32

    Es ist zwar irgendwie beängstigend, aber ich kann mich in einem Punkt ganz gut mit der Dame identifizieren: Kant kann man meiner weitgehend uninformierten Meinung nach gar nicht oft und beiläufig genug abbügeln.

  4. Leilana
    27. Juli 2009, 0:31

    Also bei 0,1% hab ich als erstes an Joghurt gedacht… und Diätprodukte jeglicher Art, da ist immer nur 0,1% Fett drin und ich frag mich, wieso nicht gleich weglassen, was soll dieser Miniprozentsatz da … Bei soeben vorgestellter Frau (die mir bis jetzt noch vollkommen unbekannt war) frag ich mich das auch… aber mutig und seeeeehr optimistisch scheint sie zu sein… immerhin :)

  5. Thomas K
    27. Juli 2009, 9:25

    @Leilana: Der große Unterschied ist doch der, dass die von dir angesprochenen Joghurts dafür da sind, dass man besser sch***** kann. Die 0,1 % der BüSo sind aber dafür da, dass man besser kotzen kann…

  6. Leilana
    27. Juli 2009, 10:14

    @Thomas K: :-) Da hast du wohl recht! :-)

  7. Tobias
    27. Juli 2009, 10:20

    100% Zustimmung zu Thomas K … die Antwort des Tages (vielleicht sogar der Woche).

    Sorry .. aber ich liege gerade unterm Tisch und halte meinen Bauch vor lachen.

    Eine gute Zusammenfassung der Sachlage!

  8. Leilana
    27. Juli 2009, 10:25

    Kann durchaus Antwort der Woche sein, bin dafür, sollte schwer zu toppen sein. :-)

  9. Küchenkabinett
    27. Juli 2009, 22:30

    Mikrokosmos – Bürgerrechtsbewegung Solidarität…

    Heute in der Serie Mikrokosmos: Die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo).

    Kanzlerkandidatin der Bürgerrechtsbewegung Solidarität ist Helga Zepp-LaRouche, Frau von Lyndon Hermyle LaRouche, dem Begründer der LaRouche Bewegung. Aha. Das kann man all…

  10. Adam
    28. Juli 2009, 14:47

    Hey Kinder,
    die BüSo macht Politik für Erwachsene. Vielleicht könnt ihr auch Staatsbürger werden…

    Hier gibt’s was für euch:

    http://bueso.de/kanzlerkandidatin

  11. Patrick
    28. Juli 2009, 18:13

    Ach wie süß, ein BüSo-Troll! Darf ich dich mal streicheln?
    Sag mal, wenn die BüSo für Erwachsene ist, warum macht ihr dann Wahlkampf, indem ihr z.B. am D’dorfer Hauptbahnhof SINGT? (Hab ich schon mehrmals erlebt.) Und außerdem, woher weißt du denn, ob die Kommentatoren über dir „Kinder“ sind? Und was soll das mit den „Staatsbürgern“? Subtile Ausländerhetze?

  12. Andreas
    7. August 2009, 16:25

    Im Raum Wiesbaden/Mainz agiert diese obskure Truppe schon seit Jahrzehnten vorzugsweise vor Wahlen in Fußgängerzonen. Die Bezeichnung „Sekte“ trifft den aggressiven Fanatismus der Leute wohl am besten. Und wie es sich für eine Sekte gehört, ist der ausbleibende Wahlerfolg kein Problem, da man sich ja im (alleinigen) Besitz der Wahrheit weiß.

  13. Coffee And TV: » Ein Esszimmertisch aus ganz besonderem Holz
    21. August 2009, 14:00

    […] Ableger “Bürgerrechtsbewegung Solidarität” (BüSo) vor allem durch unfreiwillige Komik und mysteriöse Todesfälle auffällt, tritt die Politsekte in den USA weit weniger subtil […]