Kategorien
Digital Gesellschaft

Wohlfaile Empörung

Ich hab mir heu­te nach fast sechs Jah­ren in Bochum zum ers­ten Mal eine „WAZ“ gekauft – für einen Arti­kel im BILD­blog über das Koma-Sau­fen, zu dem die Jun­ge Uni­on hier in der Stadt angeb­lich ein­lädt.

Ich weiß nicht, was ich von einer Par­ty hal­ten soll, bei der man für 10 Euro Ein­tritt 25 Euro ver­trin­ken kann, so dass die rot-grü­nen Shots, die „weg müs­sen“, im End­ef­fekt weni­ger als einen Euro kos­ten. Aber ich wür­de auch noch viel weni­ger ins Playa gehen, als ich CDU wäh­len wür­de.

Was ich weiß, ist, dass die gan­ze Auf­re­gung um die­se Par­ty irgend­wie typisch war: Beim „Wes­ten“ steht, die Gut­schei­ne müss­ten in andert­halb Stun­den ver­trun­ken wer­den, und kurz dar­auf steht es so in vie­len Blogs und mehr als 300 Leu­te twit­ter­ten, dass die Jun­ge Uni­on …

Auch ich hat­te den Link zum „Wes­ten“ für eine Minu­te in mei­nen deli­cious-Links, ehe mir bei den dor­ti­gen Track­backs der Link zu Way­nes Blog auf­fiel, in dem die­ser der „WAZ“ schlech­ten Jour­na­lis­mus vor­warf.

Ob die Jun­ge Uni­on mög­li­cher­wei­se erst nach Erschei­nen des Arti­kels beim „Wes­ten“ auf ihrer Web­site klar­ge­stellt hat, „dass der Gut­schein zwar bis 23:30 an der Kas­se erwor­ben wer­den muss aber die gan­ze Nacht genutzt wer­den darf“, ist eigent­lich uner­heb­lich – die Blog­ger, die sich auf die Sto­ry stürz­ten, hät­ten wenigs­tens den Ver­such unter­neh­men müs­sen, bei der Jun­gen Uni­on nach Infor­ma­tio­nen zu suchen. (Ich natür­lich auch, bevor ich den Link gespei­chert habe. Ganz beson­ders, wenn die Quel­le „WAZ Bochum“ heißt.)

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wie­der die Infor­ma­tio­nen loben, die im Inter­net für jeden über­all und frei ver­füg­bar sind, und dann nicht mal drei Minu­ten dar­auf ver­wen­den, bei einer sol­chen Geschich­te auch die Gegen­sei­te abzu­che­cken. Statt­des­sen wird der Link blind­lings bei Twit­ter wei­ter­ver­brei­tet – natür­lich nicht, ohne ihn vor­her nicht noch mit „#fail“, „#cdu-“ und „#pira­ten+“ (aus Prin­zip!) ver­se­hen zu haben.

Natür­lich traue auch ich den Par­tei­en (und zwar allen) im Wahl­kampf so ziem­lich alles zu. Aber es spricht trotz­dem nicht für die Medi­en­kom­pe­tenz von Inter­net-Power­usern, wenn sie blind auf eine Geschich­te ansprin­gen, die ihnen zufäl­li­ger­wei­se ins Welt­bild passt. Im Gegen­teil: In sol­chen Momen­ten sind wir kei­nen Deut auf­ge­klär­ter als der alte Mann, der seit 60 Jah­ren immer die glei­che Par­tei wählt.

Nach­trag, 22:50 Uhr: Wie hat­te ich nur „BO-Alter­na­tiv“, das loka­le „Indymedia“-Pendant ver­ges­sen kön­nen? Dort sorg­te die Jun­ge Uni­on schon ges­tern Nach­mit­tag „mal wie­der für einen Skan­dal“.

Ande­rer­seits hat­te man sich dort die Mühe gemacht, bei der CDU-Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on selbst nach­zu­fra­gen:

Der Pres­se­spre­cher der JU Tors­ten Bade hält das alles für ein Miss­ver­ständ­nis: Die Gäs­te könn­ten län­ger trin­ken und für jugend­li­che Dis­ko-Besu­che­rIn­nen sei das ein ganz nor­ma­les Ange­bot. Er räum­te aber auch ein, dass es schon meh­re­re Anru­fe wegen der Geschich­te gege­ben habe und eini­ge Pla­ka­te auch wie­der abge­hängt wor­den sei­en.

Kategorien
Print

Das ist doch kein Einbruch!

Eigent­lich hät­te es nur eines The­sau­ru­ses bedurft, um den Arti­kel zu ret­ten, der heu­te in der „Ham­bur­ger Mor­gen­post“ steht.

Er beginnt wie folgt:

„Die Poli­zei mach­te mich zum Ein­bre­cher“

44-Jäh­ri­ger flüch­te­te vor Jugend­ban­de auf das Dach einer Hal­le und brach ein – Her­bei­ge­ru­fe­ne Beam­te glaub­ten ihm nicht

Weni­ge Zei­len spä­ter erfährt der Leser, dass der Mann „durch ein Dach gestürzt war (MOPO berich­te­te)“.

Doch im Ver­lauf von zwei auf­ein­an­der fol­gen­den Absät­zen sorgt der Arti­kel wie­der für hoch­gra­di­ge Ver­wir­rung:

„Ich bin nicht ein­ge­bro­chen“, erklärt der Hafen­ar­bei­ter auf­ge­regt. […]

Er sei über einen Palet­ten­sta­pel auf das Dach geklet­tert – und wenig spä­ter ein­ge­bro­chen.

Und wenn wir uns jetzt noch den Satz „Ich bin nicht ein­ge­bro­chen, Herr Wacht­meis­ter, ich bin nur ein­ge­bro­chen!“ vor­stel­len, klingt es end­gül­tig, als ob sich alles um einen Didi-Hal­ler­vor­den-Sketch han­de­le, den man schon hun­dert Mal gese­hen hat.

Kategorien
Musik Unterwegs

Drei Tage im August

Haldern Pop 2009.

Der jun­ge Mann war schon die gan­ze Zeit mit CDs und einem Filz­stift über den Alten Reit­platz gelau­fen und hat­te Leu­te an den Ein­gän­gen zu Back­stage- und Pres­se­be­rei­chen ange­spro­chen, ob sie ihm wei­ter­hel­fen könn­ten. Jetzt stand er plötz­lich hin­ter einer die­ser Absper­run­gen und ließ sich Auto­gram­me von Asaf Avi­dan und des­sen Band geben. Nach­dem die­ses klei­ne Zusam­men­tref­fen für alle Betei­lig­ten so erfreu­lich ver­lau­fen war, ging Asaf Avi­dan noch ein­mal zum Secu­ri­ty-Mit­ar­bei­ter am Zugang zum Pres­se­be­reich und bedank­te sich bei ihm: „Thanks for let­ting that guy in!“

Es ist nur ein Detail, aber als ich es am Ran­de mit­be­kam, dach­te ich: „Das ist Hald­ern!“ Das Fami­liä­re, Ent­spann­te, etwas Ande­re macht das Fes­ti­val am schö­nen Nie­der­rhein auch bei der 26. Auf­la­ge zu etwas beson­de­rem. (Mit „beson­ders“ mei­ne ich übri­gens nicht ein­zig­ar­tig – ich weiß, dass es über­all in Deutsch­land so klei­ne, per­sön­li­che Fes­ti­vals gibt. Aber unter die­sen dürf­te Hald­ern dann schon wie­der das größ­te sein.) Dok­ter Renz von Fet­tes Brot wirk­te eini­ger­ma­ßen ver­wirrt, als er fest­stell­te, dass die gan­ze Büh­ne frei von Mobil­funk­wer­bung war – eigent­lich erstaun­lich, dass die Fes­ti­val-Tickets trotz solch aus­ge­schla­ge­ner Ein­nah­me­quel­len ver­gleichs­wei­se güns­tig sind.

Haldern Pop 2009.

Dass das Hald­ern Pop die­ses Jahr erst am zwei­ein­halb­ten August­wo­chen­en­de statt­fand, hing mit dem Ter­min des Lol­la­pa­loo­za-Fes­ti­vals in Chi­ca­go zusam­men (das letz­te Fes­ti­val in Nord­ame­ri­ka, nach dem dann all Künst­ler wie die Zug­vö­gel nach Euro­pa wei­ter­zie­hen), erwies sich in Sachen Wet­ter aber als abso­lu­ter Glücks­fall. Nach den legen­dä­ren Schlamm­schlach­ten 2005 und 2006 ist man ja eini­ger­ma­ßen beschei­den und freut sich schon, wenn sich sowas nicht mehr wie­der­holt, aber so gut wie in die­sem Jahr habe ich das Wet­ter seit neun Jah­ren nicht in Erin­ne­rung (2003 war es wär­mer, aber das war abso­lut unan­stän­dig und kurz vor töd­lich). Und an den impro­vi­sier­ten Was­ser­wer­fern Berie­se­lungs­an­la­gen zeig­te sich dann wie­der der beson­de­re Hald­ern-Charme.

Auch sonst war mein Zehn­tes für mich eines der schöns­ten Hald­ern-Fes­ti­vals über­haupt. Zwar war es musi­ka­lisch nicht hun­dert­pro­zen­tig über­zeu­gend, aber das liegt zum einen dar­an, dass ich immer noch jedes Hald­ern mit der 2001er Aus­ga­be (Tra­vis, Star­sail­or, Neil Finn, The Divi­ne Come­dy, Phoe­nix, Muse, Slut, Black­mail, …) ver­glei­che, und zum ande­ren kann man’s ja eh nie allen gleich­zei­tig recht machen. Ver­an­stal­ter Ste­fan Reich­mann sag­te sogar, er fän­de es legi­tim, „auch mal was rich­tig schei­ße zu fin­den“ – aber die­se Ein­schät­zung traf dann bei mir doch auf kei­nen der gese­he­nen Künst­ler zu.

Fettes Brot beim Haldern Pop 2009.

Bon Iver waren wie erwar­tet groß­ar­tig (und genau rich­tig in der frü­hen Abend­son­ne), Fet­tes Brot, Dear Rea­der, Wil­liam Fitzs­im­mons und Ath­le­te gefie­len mir auch live gut. Colin Mun­roe war die Neu­ent­de­ckung des Fes­ti­vals und mit Anna Tern­heim, Asaf Avi­dan & The Mojos, The Ther­mals und Blit­zen Trap­per muss ich mich dann in den nächs­ten Wochen noch mal näher befas­sen.

Der Span­nungs­bo­gen hät­te frei­lich ein wenig mehr Zug ver­tra­gen: Vie­les plät­scher­te nett vor sich hin, was auch sehr schön war, aber als die Ther­mals plötz­lich los­bra­chen, waren sich vie­le einig, dass es dem Fes­ti­val bis­her etwas an Dri­ve gefehlt hat­te.

Hat­te ich in den letz­ten Jah­ren zwi­schen­durch immer in bes­ter „Lethal Weapon“-Manier geflucht, dass ich jetzt lang­sam aber wirk­lich „zu alt für die­sen Scheiß“ sei, bin ich mir dies­mal abso­lut sicher: Wir sehen uns 2010!

Mehr Hald­ern Pop 2009 hier im Blog: Live­blog Frei­tag und Live­blog Sams­tag.

Hald­ern Pop im Fern­se­hen: Rock­pa­last.

Kategorien
Musik Unterwegs

Haldern Pop 2009: Liveblog Samstag

iLi­KET­RAiNS
Die Band zum iPod (oder so). Irgend­wie ist die­ser Acht­zi­ger-Düs­ter­pop ein gro­ßer blin­der Fleck in mei­nem Musik­ge­schmack (s.a. hier), denn für mich klin­gen alle die­se Edi­tors, Inter­pols, White Lies, Foals und eben auch iLi­KET­RAiNS alle gleich. Eine jun­ge Frau sag­te gera­de, das sei Musik, die sie nur hören wol­le, wenn sie mit dem letz­ten Bier in der Hand nach Hau­se schwan­ke und es liegt mir fern, die­ses fach­kun­di­ge Urteil in Abre­de stel­len zu wol­len. Es passt halt irgend­wie nicht so recht zum lang­sa­men Ver­bren­nen wei­ter Tei­le der eige­nen Haut­ober­flä­che.

Dear Reader beim Haldern Pop 2009

Dear Rea­der
Die­se süd­afri­ka­ni­sche Band hat­te ich eigent­lich schon lan­ge bei der Lis­ten­pa­nik nach­tra­gen wol­len: Wun­der­schö­ner Indiepop mit Sän­ge­rin und Folk-Ein­schlag (klar), der ganz wun­der­bar zum Wet­ter passt. Zum ers­ten Mal seit neun Jah­ren habe ich wie­der auf der Wie­se vor der Büh­ne gehockt (weil sie gar nicht mat­schig ist). Wäh­rend­des­sen fuhr ein Tre­cker mit vol­lem Was­ser­tank vor und eröff­ne­te eine Was­ser­stel­le neben der Büh­ne (so wird die Wie­se viel­leicht doch noch mat­schig). Um es Goog­le-taug­lich zu for­mu­lie­ren: Jun­ge, hüb­sche Men­schen über­gie­ßen ihre halb­nack­ten Kör­per mit Was­ser. Und ich Wahn­sin­ni­ger will gleich ins Spie­gel­zelt …

Junge, hübsche Menschen übergießen ihre halbnackten Körper mit Wasser.

Grizz­ly Bear
Auf­grund von Ände­run­gen im Zeit­plan (die bis­her nie­mand so recht erklä­ren konn­te), spielt Wil­liam Fitzs­im­mons erst um halb sechs im Spie­gel­zelt. Das gibt mir Gele­gen­heit, noch ein biss­chen Grizz­ly Bear auf der Haupt­büh­ne zu hören. Wenn das Gedrän­ge im Foto­gra­ben ein guter Indi­ka­tor für die Wich­tig­keit einer Band ist (was bis­her eigent­lich immer der Fall war), dann ist das Quar­tett aus Brook­lyn ver­dammt wich­tig. Radio­head sind erklär­te Fans und das passt auch ganz gut, auch wenn bei Grizz­ly Bear die Folk-Ein­flüs­se (was sonst?) deut­lich stär­ker durch­kom­men. Min­des­tens drei Band­mit­glie­der sin­gen (abwech­selnd und gemein­sam) und spie­len dazu Musik, die irgend­wo zwi­schen Ani­mal Coll­ec­ti­ve und Fleet Foxes ange­sie­delt ist. Der Groß­teil des Publi­kums ist indes dort ange­sie­delt, wo die Bäu­me auf dem Alten Reit­platz etwas Schat­ten spen­den, denn es ist doch ein gan­zes Stück wär­mer, als die­ser alber­ne Wet­ter­be­richt mal wie­der vor­ab behaup­tet hat­te. („Zuver­läs­sig wie der Wet­ter­be­richt“ soll­te eigent­lich die schlimms­te Belei­di­gung deut­scher Spra­che sein – war­um ist sie es nicht?)

William Fitzsimmons beim Haldern Pop 2009.

Wil­liam Fitzs­im­mons
Ja, es war warm im Spie­gel­zelt, aber dann doch nicht so heiß wie befürch­tet. Dazu kam, dass es sich kon­ti­nu­ier­lich leer­te – war­um auch immer, an der Musik wird es kaum gele­gen haben. Die war wun­der­schön melan­cho­li­scher Folk­pop zwi­schen Joshua Radin und Bon Iver. In sei­nen Ansa­gen offen­bar­te Fitzs­im­mons erstaun­li­che Deutsch­kennt­nis­se und zeig­te sich total begeis­tert vom Publi­kum.

Bon Iver beim Haldern Pop 2009.

Bon Iver
Als ich aus dem Spie­gel­zelt kam, hör­te ich plötz­lich Bon Iver. Aber die soll­ten doch erst um Vier­tel vor Neun spie­len?! So wie es aus­sieht, wird die 2009er Aus­ga­be als Hald­ern mit den meis­ten Zeit­plan­än­de­run­gen in die Geschich­te ein­ge­hen – dumm, wenn man davon nichts mit­be­kom­men hat. (Dies­mal lag es wohl dar­an, dass Andrew Bird noch unter­wegs war.) Aber lan­ge auf­re­gen kann man sich über sol­che spon­ta­nen Wech­sel natür­lich nicht, wenn gera­de eine der bes­ten Bands der letz­ten Jah­re ihre wun­der­ba­re Musik spielt. Ehr­lich gesagt pass­te die dann auch viel bes­ser zur Abend­son­ne und dem wol­ken­lo­sen Him­mel, die der sowie­so natur­ver­bun­de­nen Musik (die berühm­te Wald­hüt­te, in der „For Emma, Fore­ver Ago“ ent­stand) noch mehr mit­ga­ben. Bon Iver hat­te ich im Mai schon gese­hen, aber sie sind immer wie­der beein­dru­ckend.

The Ther­mals
Stel­len Sie sich vor: Man kann auch Songs mit mehr als 120 beats per minu­te spie­len. Auf dem Hald­ern ist das in die­sem Jahr eine Neu­ig­keit – und ent­spre­chend wird die schön nach vor­ne gehen­de Rock­mu­sik von den Ther­mals hier gera­de gefei­ert. Der Regis­seur des (fast) alles auf­zeich­nen­den Rock­pa­lasts fei­ert das mit gesund­heits­schäd­li­chen Schnit­ten, wie wir hier auf dem Kon­troll­mo­ni­tor sehen kön­nen. Egal: Die Band rockt schön, da muss ich unbe­dingt mal ins Album rein­hö­ren. (PS: Patrick Sway­ze lebt ent­ge­gen anders lau­ten­der Gerüch­te auf dem Platz und auf der Büh­ne immer noch.)

Blit­zen Trap­per
Wegen der abschlie­ßen­den Pres­se­kon­fe­renz hab ich nur noch 1 1/​2 Songs der Sub-Pop-Band aus Ore­gon mit­ge­kriegt, aber die hat­ten es in sich: blues­ro­ckig ging es noch vor­ne, eine Mischung aus ZZ Top und Crosby, Stills, Young & Nash. Das deckt sich auch nicht gera­de mit den Songs der Band, die ich vor­her kann­te, aber es schreit defi­ni­tiv nach einer nähe­ren Aus­ein­an­der­set­zung.

König Boris von Fettes Brot beim Haldern Pop 2009.

Fet­tes Brot
Nach­dem die „Bro­te“ letz­tes Jahr als Über­ra­schungs­gast im Zelt gespielt hat­ten (wo nur die wenigs­ten dabei waren), gab es sie die­ses Jahr offi­zi­ell auf der Haupt­büh­ne für alle. Und alle kamen. Kein Ver­gleich mit der gro­ßen Dis­kus­si­on um Jay‑Z beim Glas­ton­bu­ry, noch nicht mal eine Mini­mal­auf­re­gung wie bei Jan Delay auf dem Hald­ern vor zwei Jah­ren habe ich mit­ge­kriegt. Fet­tes Brot waren über­ra­schen­der­wei­se die Kon­sens­band und wie zum Beweis eröff­ne­ten sie ihre Show (und was für eine das war!) mit „Jein“, einem von den drei deutsch­spra­chi­gen Hip­hop-Lie­dern, die jeder Mensch mit­rap­pen kann, der zwi­schen 1980 und 1990 gebo­ren ist (die ande­ren sind „Sie ist weg“ von den Fan­tas­ti­schen Vier und „A‑N-N‑A“ von Freun­des­kreis). Es gab aber nicht nur ein Grea­test-Hits-Pro­gramm, son­dern auch Absei­ti­ges wie die B‑Seiten „Kon­trol­le“ (gegen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, Über­wa­chungs­staat und Wolf­gang Schäub­le) und „Was in der Zei­tung steht“ (gegen „Bild“ und ande­re Trash-Medi­en), Cover­ver­sio­nen von Rio Rei­ser („Ich bin müde“) und Fehl­far­ben („Ein Jahr“) und im unver­meid­li­chen Fina­le „Nor­dish By Natu­re“ erklan­gen plötz­lich „Dance With Some­bo­dy“ und „Män­ner sind Schwei­ne“. Nach viel ruhi­ger und schwel­gen­der Musik und mil­dem Gemo­s­he bei den Ther­mals konn­te wer woll­te zum Abschluss also noch mal rich­tig schön abge­hen. Ein Abschluss nach Maß.

Kategorien
Musik Unterwegs

Haldern Pop 2009: Liveblog Freitag

Hauptquartier der Elite.

Herz­lich Will­kom­men!

Auch in die­sem Jahr gibt es ein Hald­ern Pop Fes­ti­val und über­ra­schen­der­wei­se auch ein dazu­ge­hö­ri­ges Live­blog. (Oder meh­re­re, aber spe­zi­ell soll uns hier erst mal die­ses hier inter­es­sie­ren.)

Aus ver­schie­de­nen Grün­den, zu denen unter ande­rem die Absa­ge von Soap & Skin für den gest­ri­gen Abend zäh­len, bin ich erst heu­te ange­reist. Das Wet­ter ist nahe­zu ide­al: Die Son­ne scheint, aber es ist nicht zu heiß; der Zelt­platz­bo­den ist weich genug, dass man die Herin­ge rein­trei­ben kann, aber weit von mat­schig ent­fernt und ich will schwer hof­fen, dass ich die Gum­mi­stie­fel die­ses Jahr völ­lig umsonst mit­ge­nom­men habe.

Asaf Avi­dan & The Mojos
Nach­dem ich die ers­ten Songs vom Pres­se­zelt aus gehört hat­te und zur Büh­ne ging, war ich über­rascht: Da sang ein Mann. Vom Klang her hät­te ich eher eine Pat­ti-Smit­h‑, Janis-Jop­lin-ähn­li­che Sän­ge­rin erwar­tet. Auch der blue­si­ge Rock­sound wirk­te ein biss­chen wie aus einem län­ger zurück­lie­gen­den Jahr­zehnt, schlug aber beim Publi­kum prompt ein. Die israe­li­sche Band (kennt man ja auch nicht sooo vie­le) hat gera­de einen Ver­lags­deal mit Chry­sa­lis unter­schrie­ben, was den Ver­dacht nahe­legt, dass ihr Debüt­al­bum bald auch regu­lär in Deutsch­land erschei­nen wird.

Port O’Bri­en
Eine die­ser Bands, bei denen ich weiß, dass ich das Album besit­ze, es gut fand und trotz­dem fast nie gehört hab. Dann jetzt eben live, inklu­si­ve Songs vom neu­en, im Okto­ber erschei­nen­den Album. Wie vie­le ande­re Bands die­ses Jahr spie­len auch Port O’Bri­en Folk-Musik im enge­ren Sin­ne und es kann nicht mehr lan­ge dau­ern, bis allen Fes­ti­val-Besu­chern (auch den weib­li­chen) Voll­bär­te, Fern­fah­rer­müt­zen und karier­te Baum­woll­hem­den gewach­sen sind.

Final Fantasy beim Haldern Pop 2009.

Final Fan­ta­sy
Wenn Sie bei „jun­ger Mann mit Gei­ge“ an den Gewin­ner des dies­jäh­ri­gen Schla­ger-Grand-Prix den­ken müs­sen, ken­nen Sie Owen Pal­lett ver­mut­lich noch nicht. Der hat nicht nur bei diver­sen Alben sei­ne Fin­ger im Spiel (und am Instru­ment) gehabt, son­dern auch sein Solo­pro­jekt Final Fan­ta­sy. Und wenn ich „Solo“ schrei­be, mei­ne ich: Ja, der Mann steht ganz allei­ne auf der Büh­ne, spielt immer neue Samples ein und singt dazu. Das Ergeb­nis klingt eini­ger­ma­ßen unver­gleich­lich und passt wun­der­bar zur frü­hen Abend­son­ne.

Wood­pi­ge­on
Mein ers­ter Aus­flug ins gehass­lieb­te Spie­gel­zeit. Noch vor weni­gen Stun­den muss es hier unglaub­lich heiß gewe­sen sein, jetzt geht’s. Auch gut, dass das Rau­chen im Zelt jetzt ver­bo­ten ist und die Kon­zer­te auf eine Groß­bild­lein­wand im Bier­gar­ten vor dem Zelt über­tra­gen wer­den. Der Bier­gar­ten ist noch vol­ler als das Zelt. Sie mer­ken schon: Über die Musik von Wood­pi­ge­on mag ich nur ungern schrei­ben. Net­ter Folk, aber das war’s dann irgend­wie auch schon.

Noah And The Whale beim Haldern Pop 2009

Noah And The Wha­le
Jubel­stür­me im Publi­kum und mir hat’s auch gefal­len. Ich weiß nur beim bes­ten Wil­len nicht, wie ich die Musik beschrei­ben soll. Schon so ein biss­chen wie­der die­se Acht­zi­ger-Dun­kel-Kis­te, aber dann doch irgend­wie mit deut­lich mehr Folk-Ein­flüs­sen. Egal, wonach es klingt: Es klang toll.

Anna Tern­heim
Und da hät­ten wir dann auch mein ers­tes ech­tes High­light des Fes­ti­vals: Anna Tern­heim, die mir auch schon öfter von Freun­den emp­foh­len wor­den war, was ich wie üblich irgend­wie nicht in einen Hör-Impuls hat­te umwan­deln kön­nen. Jeden­falls habe ich ihre Musik jetzt gehört und war begeis­tert. Klu­ger Sin­ger/­Song­wri­ter-Pop zwi­schen Regi­na Spek­tor und First Aid Kit.

Colin Munroe beim Haldern Pop 2009.

Colin Mun­roe
Ein ganz per­sön­li­cher Favo­rit von Hald­ern-Orga­ni­sa­tor Ste­fan Reich­mann, der zwi­schen­durch auch selig lächelnd neben der Büh­ne stand. Über­haupt lächel­ten alle im Spie­gel­zelt und wer nicht lächel­te, war grad mit Tan­zen beschäf­tigt. Colin Mun­roe aus Toron­to, der in Hald­ern sei­ne ers­te Show außer­halb Nord­ame­ri­kas spiel­te, ist mit Hip­Hop auf­ge­wach­sen und kom­bi­niert die­sen sehr läs­sig mit Pop und knallt dem Publi­kum einen Sound vor den Latz, bei dem man schon dem Hirn­tod nahe sein muss, um ruhig zu blei­ben. Wie Jason Mraz (nur mehr nach vor­ne), wie die New Radi­cals (nur moder­ner), wie The Whitest Boy Ali­ve (nur noch zwin­gen­der). Mei­ne Her­ren, defi­ni­tiv der Höhe­punkt des ers­ten Tages, egal was jetzt noch kommt.

Athlete beim Haldern Pop 2009.

Ath­le­te
Ath­le­te ver­öf­fent­li­chen die­ses Jahr ihr vier­tes Album, was bei mir die Fra­ge auf­wirft, wie ich eigent­lich ihr drit­tes ver­pas­sen konn­te. Nun ja: zu spät. Gespielt haben sie Songs aus allen Schaf­fens­pe­ri­oden, ihren mut­maß­lich größ­ten Hit „Half Light“ gleich an drit­ter Stel­le. Das war schon deut­lich main­stream­ra­dio­taug­li­cher als die meis­ten ande­ren Bands, hat aber genau­so viel Spaß gemacht. Die Mischung aus Melan­cho­lie und Eupho­rie (s.a. Star­sail­or, Vega4, The Upper Room) muss man frei­lich mögen. Ich tu’s und so war’s ein gelun­ge­ner Abschluss für den (also: mei­nen) ers­ten Fes­ti­val­tag.

Kategorien
Politik

Smile Like You Mean It

Einer der schlimms­ten Irr­tü­mer unse­rer Zeit ist ja der, dass Wahl­kampf im Inter­net statt­fin­den müs­se. Er kann, wenn man sich mit dem Medi­um aus­kennt, gute Ideen hat oder Barack Oba­ma heißt. Mir per­sön­lich wäre es ange­sichts von Face­book-Pro­fi­len von Poli­ti­kern, iPho­ne-Apps von Par­tei­en und sechs Mil­li­ar­den „#piraten+“-Nachrichten auf Twit­ter täg­lich sogar lieb, wenn das Inter­net ein poli­tik­frei­er Raum wäre, aber man kann nicht alles haben.

Rich­tig bizarr wird es aber, wenn der Kom­mu­nal­wahl­kampf im Inter­net statt­fin­det. Völ­lig ohne Grund geben sich Men­schen, die bestimmt tol­le Ideen für ihre Hei­mat­stadt haben, aber nicht über Know­how und Mit­tel für einen pro­fes­sio­nel­len (und völ­lig über­flüs­si­gen) Online-Wahl­kampf ver­fü­gen, online der Welt­öf­fent­lich­keit preis – und damit zumeist dem Spott.

Die Ruhr­ba­ro­ne stel­len heu­te schlech­te und nicht ganz so schlech­te Bei­spie­le von Inter­net-Vide­os als Mit­tel im Kom­mu­nal­wahl­kampf vor. Von den Bochu­mer Ober­bür­ger­meis­ter-Kan­di­da­ten habe ich nichts gefun­den, aber in Dins­la­ken haben gleich zwei der sechs Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­ten Wer­be­spots in Auf­trag gege­ben.

Den Anfang macht Heinz Wan­sing von der CDU (wir erin­nern uns: „Da. Echt. Nah.“), der sich vom Dins­la­ke­ner Star-Regis­seur Adnan Köse („Lauf um dein Leben – Vom Jun­kie zum Iron­man“) in Sze­ne set­zen ließ. Nach­dem Barack Oba­ma uns letz­tes Jahr die Mut­ter aller Wahl­wer­be­spots vor­ge­stellt hat, ler­nen wir mit „Wan­sing – Der Film“ jetzt deren Groß­cou­si­ne müt­ter­li­cher­seits ken­nen:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Sagen Sie bit­te nicht, ich sei der Ein­zi­ge, der bei der Musik die gan­ze Zeit damit rech­ne, dass gleich Dino­sau­ri­er aus dem Rot­b­ach­see auf­tau­chen. (Und Dins­la­ken wirkt übri­gens nicht ganz so trost­los, wenn man es im Som­mer besucht und filmt.)

Sein Gegen­kan­di­dat von der SPD, Dr. Micha­el Hei­din­ger, ori­en­tiert sich mit „Micha­el Hei­din­ger (SPD) – Der Film“ optisch stär­ker an Fil­men wie „A Scan­ner Dark­ly“ oder „Waltz With Bas­hir“, ver­zich­tet dafür aber völ­lig auf das Able­sen vom Blatt:

Link: Michael Heidinger (SPD) - Der Film (2009)

Die­se Spots wir­ken auf mich ein wenig wie die Auf­trit­te unbe­hol­fe­ner Kan­di­da­ten in Cas­ting­shows: Einer­seits sucht da jemand ganz bewusst die Öffent­lich­keit, ande­rer­seits hat man als Zuschau­er das Gefühl, sie genau davor beschüt­zen zu wol­len.

Nach­trag, 31. August: Die Comic­fi­gur hat übri­gens gewon­nen

Kategorien
Musik

Listenpanik 07/​09

Der Som­mer ist tra­di­tio­nell nicht die ver­öf­fent­li­chungs­stärks­te Jah­res­zeit, aber ent­we­der habe ich die meis­ten High­lights im Juli über­se­hen oder es war tat­säch­lich ein beson­ders dür­rer Monat. Wenn Saturn nicht gera­de wie­der MP3-Alben ver­ramscht hät­te, hät­te ich mir ver­mut­lich nicht mal das eher mit­tel­präch­tig bespro­che­ne Album von The Air­bor­ne Toxic Event ange­hört – und durch­aus ein paar gute Songs ver­passt.

Aber kom­men wir nun zu den wie immer streng sub­jek­ti­ven Höhe­punk­ten des zurück­lie­gen­den Musik­mo­nats:

Alben
Por­tu­gal. The Man – The Sata­nic Sata­nist
Die Lis­te der Künst­ler, von denen ich immer schon mal gehört hat­te, die mir aber so direkt nichts sag­ten, wird nahe­lie­gen­der­wei­se nie kür­zer, auch wenn ich jetzt mein ers­tes Album von Por­tu­gal. The Man besit­ze. Ein Album, das mir durch­aus sehr zusagt und das mit gro­ßer Ges­te das erzeugt, was Wer­be­tex­ter ein „posi­ti­ves Lebens­ge­fühl“ nen­nen. Ange­sichts der vie­len Ein­flüs­se aus Soul, Rock, Pop und was­wei­ßich­noch­was möch­te ich zur nähe­ren Ver­or­tung gern zur uni­ver­sel­len Nicht-Schub­la­de „Hald­ern-Musik“ grei­fen, auch wenn die Band beim Tra­di­ti­ons­fes­ti­val am Nie­der­rhein 1 über­ra­schen­der­wei­se noch ohne Auf­tritt ist, wie ich gera­de fest­ge­stellt habe. 2 Als wei­te­ren hoff­nungs­lo­sen Erklä­rungs­ver­such könn­te ich noch „wie Kings Of Leon mit weni­ger Tes­to­ste­ron“ anbie­ten, aber viel­leicht hören Sie ein­fach lie­ber selbst rein.

Jack’s Man­ne­quin – The Glass Pas­sen­ger
Andrew McMa­hons Haupt­band Some­thing Cor­po­ra­te (3 Alben) liegt seit meh­re­ren Jah­ren auf Eis – darf man da bei Jack’s Man­ne­quin und ihrem zwei­ten Album über­haupt noch von einem „Neben­pro­jekt“ spre­chen? Eigent­lich auch egal, denn wem der Col­lege­rock von Some­thing Cor­po­ra­te noch eine Spur zu … äh: „hart“ war, der könn­te am Radio­pop von Jack’s Man­ne­quin sei­ne Freu­de haben. 3 Auch in den Tex­ten ist etwas mehr Pathos, aber wer mit Anfang Zwan­zig eine Leuk­ämie-Erkran­kung über­steht, hat alles Recht, ein biss­chen öfter „sur­vi­ve“ oder „make it“ zu sin­gen. Hät­te man die 14 Songs auf zehn bis zwölf ein­ge­dampft, wäre „The Glass Pas­sen­ger“ rund­her­um gelun­gen, aber auch so ist es ein sou­ve­rä­nes Indiepop-Album gewor­den.

The Air­bor­ne Toxic Event – The Air­bor­ne Toxic Event
Die ers­te Gene­ra­ti­on der Acht­zi­ger-Düs­ter­pop-Epi­go­nen (Inter­pol, Edi­tors) ging völ­lig an mir vor­bei, bei der zwei­ten Wel­le habe ich ganz schnell den Über­blick ver­lo­ren: Glas­ve­gas haben ewig gebraucht, bis ich sie moch­te, 4, bei White Lies war­te ich immer noch auf die­sen Moment und jetzt eben die Band mit dem unmerk­ba­ren Namen: The Air­bor­ne Toxic Event. „Gaso­li­ne“ geht Liber­ti­nes-mäßig nach vor­ne, „Hap­pi­ness Is Over­ra­ted“ erin­nert an Ele­fant und „Mis­sy“ wirkt, als sei bei einem Bel­le-And-Sebas­ti­an-Song irgend­was schief gelau­fen. Es klingt also mal wie­der alles, wie schon mehr­fach da gewe­sen, aber der Trick ist ja, genau dar­aus ein abwechs­lungs­rei­ches Album zu machen. Und das ist The Air­bor­ne Toxic Event gelun­gen.

Songs
Jack’s Man­ne­quin – Annie Use Your Telescope
Kla­vier, Akus­tik­gi­tar­re, schlep­pen­de Beats, künst­li­che Strei­cher 5 und Stim­men, die sich inein­an­der ver­zah­nen und vom Unter­wegs­sein und Nach­hau­se­kom­men sin­gen – sowas kann ganz schlimm sein oder ganz groß­ar­tig. Ich fin­de es groß­ar­tig und die­ses „Annie I will make it“ lässt auch kei­ne Zwei­fel und kei­nen Wider­spruch zu. Mal wie­der einer die­ser Songs die­ses Jahr, den ich auf Dau­er­ro­ta­ti­on hören könn­te.

Por­tu­gal. The Man – Peo­p­le Say
Ein Pop­song der Geschmacks­rich­tung „eupho­rie­trun­ke­ner Mit­schun­k­ler“, wie sie etwa die Brit­pop-Band Embrace vor gut einem Jahr­zehnt regel­mä­ßig aus dem Ärmel geschüt­telt hat. Wenn man aller­dings auf den Text ach­tet, wird die gan­ze strah­len­de gute Lau­ne plötz­lich zum eis­kal­ten Zynis­mus: „All the peo­p­le, they say: /​ ‚What a love­ly day, yeah, we won the war /​ May have lost a mil­li­on men, but we’­ve got a mil­li­on more.‘ “

The Air­bor­ne Toxic Event – Some­time Around Mid­night
Die Ex-Freun­din mit dem neu­en Typen in einer Bar? Das soll noch ein Song­the­ma sein? Ernst­haft?! Ja, ernst­haft. War­um denn nicht? Wie sich der Song musi­ka­lisch stei­gert und damit den Text unter­malt, das ist schon gro­ße Song­wri­ter-Schu­le. Sicher: Man muss mögen, wie Mik­el Jol­lett da mit jeder neu­en Zei­le noch eine Schüp­pe mehr Dra­ma­tik in sei­ne Stim­me legt. Aber er kann’s und es funk­tio­niert. Und mal ehr­lich: Ist nicht jedes The­ma eigent­lich schon tau­send­mal besun­gen wor­den?

Col­bie Cail­lat – Fal­lin‘ For You
Es macht nichts, wenn Ihnen der Name Rick Nowels nichts sagt, aber Songs aus sei­ner Feder ken­nen Sie bestimmt aus dem Radio. Jetzt hat der Ex-New-Radi­cal also einen Song mit Col­bie Cail­lat geschrie­ben 6 und er klingt wie unge­fähr alles, wo Nowels oder sein Ex-Part­ner Gregg Alex­an­der in den letz­ten zwan­zig Jah­ren ihre Fin­ger dran hat­ten: Gut gelaunt, som­mer­lich, radio­pop­pig. Auch das muss man mögen, aber wer’s nicht mag hat mut­maß­lich eine schwar­ze See­le.

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

  1. Don­ners­tag geht’s wie­der los![]
  2. Dafür aber beim La-Pam­pa-Fes­ti­val.[]
  3. Es kann kein Zufall sein, dass ich aus­ge­rech­net über WDR 2 von der Ver­öf­fent­li­chung des Albums in Deutsch­land erfuhr.[]
  4. Eine die­ser Bands, die man auf kei­nen Fall als ers­tes live sehen soll­te.[]
  5. Davon bekom­men sie jetzt in der You­Tube-Live­ver­si­on wenig mit.[]
  6. Was die Plat­ten­fir­ma nicht davon abhält, zu behaup­ten, „die Toch­ter von Fleet­wood Mac-Pro­du­zent Ken Cail­lat“ habe „für das neue Album ‚Breakth­rough‘ alle Songs selbst“ geschrie­ben.[]
Kategorien
Sport

It Ain’t Over ‚til It’s Over

Wenn’s nach mir gegan­gen wäre, hät­te die Bun­des­li­ga­sai­son um 16:15 Uhr wirk­lich vor­bei sein kön­nen:

1. Bundesliga, Tabelle: 1. Gladbach 3:0 Tore 3 Pkt

Es gibt Din­ge, von denen eigent­lich klar ist, dass man sie nie tun darf: Sich über ein Fes­ti­val-Lin­e­up freu­en, bevor der Zeit­plan raus ist (und man fest­stellt, dass alle Bands, die man sehen will, gleich­zei­tig spie­len); den eige­nen Freun­den vor dem ent­schei­den­den Date vom aktu­el­len love inte­rest erzäh­len und Sie­ge von Borus­sia Mön­chen­glad­bach vor dem Abpfiff fei­ern. Ich hab heu­te zur Abwechs­lung mal wie­der letz­te­res getan.

Weil ich im Vor­ver­kauf kei­ne Kar­ten für den Glad­ba­cher Block gekriegt hat­te, war ich heu­te auf gut Glück zum Ruhr­sta­di­on gefah­ren. Dort gab es tat­säch­lich noch Kar­ten, aber eben nur für die Bochu­mer Kur­ve. Mit ungu­tem Gefühl mei­ne Eig­nung als Under­co­ver-Agent betref­fend stell­te ich mich also zwi­schen die Bochu­mer Fans (zu denen ich mich als Zuge­zo­ge­ner an jedem ande­ren Spiel­tag auch zäh­le) und stell­te mir die – wie ich annahm theo­re­ti­sche – Fra­ge, ob ich bei mög­li­chen Glad­ba­cher Toren wohl ruhig blei­ben könn­te.

VfL Bochum -  Borussia Mönchengladbach 0:1

Die Fra­ge wur­de in der 19. Minu­te beant­wor­tet: Ich konn­te. (In der letz­ten Sai­son habe ich mir beim 1:0 der Glad­ba­cher mei­ne Stim­me völ­lig rui­niert. Fal­scher Block hat also auch was für sich.) Etwas über­ra­schend ging Glad­bach, das die ers­ten fünf Minu­ten die inter­es­san­te Spiel­va­ri­an­te kom­plett ohne Mit­tel­feld aus­pro­biert hat­te, durch Aran­go in Füh­rung. Sie­ben Minu­ten spä­ter kes­sel­te es erneut, die ers­ten Bochum-Fans ver­lie­ßen das Sta­di­on und die Borus­sia tat etwas, wofür sie nicht unbe­dingt immer berühmt ist: sie spiel­te schö­nen und schlüs­si­gen Offen­siv-Fuß­ball. Das 3:0 in der 41. Minu­te war die logi­sche Fol­ge und Mön­chen­glad­bach war Tabel­len­füh­rer.

Bis hier­hin waren die Borus­sen-Fans schon häu­fig die lau­te­ren Anhän­ger gewe­sen, jetzt waren sie die ein­zi­gen. In der Bochu­mer Kur­ve rich­te­te sich jener abgrund­tie­fe Hass, den man außer­halb von Fuß­ball­sta­di­en nur in Ter­ror­camps und Musik­fo­ren im Inter­net fin­det, plötz­lich gegen die eige­ne Mann­schaft. Zu gern wäre man in der Halb­zeit­pau­se in der Kabi­ne gewe­sen, um Mar­cel Kol­ler bei sei­nem Wut­an­fall zu beob­ach­ten. Aber die „High­lights“ der ers­ten Spiel­hälf­te auf der Video­lein­wand waren auch schon ein schö­ner Ersatz.

Nach der Pau­se fiel den Bochu­mer Spie­lern plötz­lich wie­der ein, war­um sie eigent­lich ins Sta­di­on gekom­men waren, und in der 51. Minu­te stand es 1:3. Was dann folg­te, kann ich erst nach Sich­tung der Fern­seh­bil­der heu­te Abend ver­ste­hen: Es müs­sen maxi­mal fünf Ball­kon­tak­te nach dem Wie­der­an­pfiff gewe­sen sein und schon hat­te Aza­ouagh zum zwei­ten Mal für die Bochu­mer getrof­fen. Da däm­mer­te mir, dass die ers­te Halb­zeit ein Traum gewe­sen war und mich die Glad­ba­cher gera­de mit Holz­häm­mern zu wecken gedach­ten. Ver­ka­tert, mit­ten in der Nacht, an einem Ort, den ich nicht kann­te. Und dann hol­te sich Dan­te in der 59. Minu­te eine der däm­lichs­ten roten Kar­ten der Fuß­ball­ge­schich­te ab und Borus­sia war zu zehnt.

Klar, dass vier Minu­ten spä­ter der Aus­gleich fiel. In nicht mal einer Vier­tel­stun­de, die mir aller­dings vor­kam wie ein vier­stün­di­ger tsche­chi­scher Expe­ri­men­tal-Film ohne Unter­ti­tel, war das kom­plet­te Spiel gekippt. In einem der weni­gen Momen­te, in denen ich noch den­ken konn­te, dach­te ich: „Respekt, wie die Bochu­mer sich da noch mal auf­ge­rap­pelt haben! Glad­bach hät­te ab einem 0:2‑Rückstand nur noch auf Hal­ten gespielt.“ Ich woll­te nach hau­se, aber ich durf­te das Sta­di­on auf kei­nen Fall ver­las­sen, denn die letz­te Hoff­nung waren mei­ne Seri­en: Noch nie hat­te Glad­bach ver­lo­ren, als ich im Sta­di­on war, und noch nie hat­te Bochum etwas ande­res als Unent­schie­den gespielt.

Irgend­wann kamen die Glad­ba­cher dann auch mal wie­der ins Spiel und in die Nähe des Bochu­mer Tores. Zum Schluss hät­te jede Mann­schaft noch einen Sieg­tref­fer lan­den kön­nen, aber für Bochum wäre er zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas ver­dien­ter gewe­sen. Doch es blieb bei den sechs Toren, die natür­lich alle­samt auf der ande­ren Sei­te des Sta­di­ons gefal­len waren. Der Abpfiff kam und ich war erleich­tert, dass die Sai­son wenigs­tens nicht schon wie­der mit einer Nie­der­la­ge begon­nen hat­te. Jetzt nur schnell weg! Als ich zuhau­se aus der U‑Bahn stieg, spiel­te die Shuff­le-Funk­ti­on mei­nes iPods „Don’t Look Back In Anger“.

Viel­leicht war es aber auch ganz gut, dass das mit der Tabel­len­füh­rung nichts wur­de: Zum letz­ten Mal war Glad­bach am ers­ten Spiel­tag der Sai­son 98/​99 auf Platz 1 und stieg am Ende als 18. ab.

Kategorien
Digital Sport

Die Meisterschaft ist quasi schon entschieden

Ja, das kann man natür­lich nach dem ers­ten von 306 Bun­des­li­ga­spie­len schon mal machen:

Wolfsburg schon wieder Spitze

Das Jahr 2009 bestand übri­gens aus auf­fal­lend vie­len Don­ners­ta­gen – zumin­dest bis zum 2. Janu­ar.

Kategorien
Digital Leben

Heimspiel: A Night At The Oprah

Zu einer Zeit, in der nor­ma­le Men­schen schla­fen, habe ich mich mit Unter­stüt­zung von Ste­fan in Klatsch­blogs (auch bekannt als Kloa­ken des Inter­nets) her­um­ge­trie­ben, habe ame­ri­ka­ni­sche Gerichts­ak­ten für Geld her­un­ter­ge­la­den und hat­te hin­ter­her einen Arti­kel dar­über, wie ein Ver­rück­ter Gerich­te beschäf­tigt und Online­me­di­en um den Ver­stand bringt.

Sie fin­den die Ergeb­nis­se unse­rer Recher­chen im BILD­blog und in eng­li­scher Fas­sung in unse­rer Eng­lish Edi­ti­on.

Kategorien
English Edition

The $ 1.2 trillion case: Oprah wins, the media loses

Yes­ter­day Perez Hil­ton and the news agen­cy WENN both repor­ted that talk show queen Oprah Win­frey was sued by an unknown aut­hor named Damon Lloyd Gof­fe.

Mr. Gof­fe claims that Oprah sto­le mate­ri­al from him and published it under the name „Pie­ces of My Soul“. Accor­ding to Gof­fe Oprah sold 650 mil­li­on copies of the book for $20 a time, by which he con­cludes that he is owed $1.2 tril­li­on.

But Perez Hil­ton and WENN weren’t the first to break the news: On Wed­nes­day the „Natio­nal Enqui­rer“ repor­ted about the case, using the pre­fix „Bomb­s­hell ENQUIRER.com WORLD EXCLUSIVE“.

Even though neither the „Natio­nal Enqui­rer“ nor Perez Hil­ton qua­li­fy as relia­ble sources, the­re is not­hing wrong about the fact that Oprah got sued by Mr. Gof­fe. But the­re are a few striking details in his plaint and the reports about it.

The obvious one: If you mul­ti­ply 650 mil­li­on by 20, you end up with 13 bil­li­on. At least examiner.com rea­li­zed this part.

The almost obvious one: 650 mil­li­on copies?! The­re are only few books which sold more than 500 mil­li­on copies, three in fact: The Bible, „Quo­ta­ti­ons from Chair­man Mao Zedong“ by Mao Zedong and the Qur’an.

The stran­ge one: The Inter­net holds no evi­dence about a book cal­led „Pie­ces of My Soul“ by Oprah Win­frey. Neither on oprah.com nor any­whe­re else. In fact, there’s lite­ral­ly no men­ti­on of the alle­ged best­sel­ler befo­re the Gof­fe v. Win­frey case got public.

And by the way: It looks like this case first got public on Mon­day when legal affairs blog­ger Micha­el Doyle wro­te that the copy­right inf­rin­ge­ment case had alre­a­dy been dis­missed by Judge Lam­berth. You can actual­ly down­load the Memo­ran­dum Opi­ni­on as a PDF file.

To sum it up: The book does­n’t exist, the claims are ridi­cu­lous, and the case is alre­a­dy dis­missed.

Damon Lloyd Gof­fe had alre­a­dy sued Oprah Win­frey in vain last year, deman­ding only $ 9.9 mil­li­on back then. As Mr. Doyle points out in his blog, Mr. Gof­fe might be a bit … let’s say: spe­cial. In simi­lar cases the plain­ti­ff had clai­med things like:

„My life is been recor­ded and broad­cas­ted sin­ce 2003 via satellite/​cable net­work Bravo/​Bravo 2, who­se parent com­pa­ny is NBC/​Universal, as well as the inter­net under the title ‚the will smith show‘ and pre­vious­ly ‚real world.‘ “

Now Mr. Gof­fe can truthful­ly decla­re that he was the sub­ject of inten­se media covera­ge, for ins­tance at the „Cleve­land Lea­der“, msn.com, starpulse.com, NBC Chi­ca­go and the „Times of India“.

This artic­le is based on the rese­arch I did for ano­ther artic­le at BILDblog.de.

Kategorien
Digital

Die schönsten Anschlussfehler des Internets

„Kein Text wird ohne Gegen­le­sen und Check von Zah­len und Namen ins Netz gestellt.“
(Rai­ner Kur­le­mann, Chef­re­dak­teur von „RP Online“ im Inter­view mit „jour­na­list“ 7/​2009)

Wenn ein Block­bus­ter ein paar Wochen im Kino gelau­fen ist, macht „RP Online“ sich tra­di­tio­nell dar­an, eine der vie­len Film­feh­ler­sei­ten zu besu­chen und die dort gewon­ne­nen Erkennt­nis­se – mal mit, mal ohne Quel­len­an­ga­be, an die eige­nen Leser wei­ter­zu­rei­chen. So auch jetzt wie­der im Fall von „Har­ry Pot­ter und der Halb­blut­prinz“.

Zunächst wird aber erst mal erklärt, wie es zu die­sen Feh­lern kom­men kann:

Die Goofs resul­tie­ren aus der Tat­sa­che, dass Kino­fil­me nie an einem Stück, son­dern in vie­len Etap­pen gedreht wer­den, womit zwi­schen direkt auf­ein­an­der­fol­gen­den Sze­nen oft meh­re­re Dreh­ta­ge lie­gen.

Nun weiß ich nicht, wie vie­le Tage die Pro­duk­ti­on eines „RP Online“-Artikels so dau­ert, aber irgend­ei­nen Grund wird es ja sicher­lich geben, dass drei Absät­ze Abstand aus­rei­chen, um von

Die Aus­beu­te der „Film­feh­ler­su­cher“ war im Fall von „Har­ry Pot­ter und der Halb­blut­prinz“ höchst erfolg­reich: 57 Feh­ler konn­ten bis­her im neu­en Har­ry Pot­ter-Film gefun­den wer­den. Damit löst der Zau­ber­lehr­ling die Maschi­nen aus „Trans­for­mers: Die Rache“ ab, die bis­her mit 53 Feh­lern den Spit­zen­platz inne hat­ten.

hier­hin zu kom­men:

Jedoch müs­sen sich die Macher von Har­ry Pot­ter nicht grä­men: Mit 391 Feh­ler steht Fran­cis Ford Coppola’s Anti­kriegs­film „Apo­ca­lyp­se Now“ an der Spit­ze der Fil­me mit den meis­ten Feh­lern.

Und dann wäre da noch das hier:

Wel­che Film­feh­ler es im neu­en Har­ry Pot­ter-Film noch gibt, sehen Sie hier:

Mit die­sem Dop­pel­punkt endet der Arti­kel. Ver­mut­lich han­delt es sich dabei um einen soge­nann­ten Cliff­han­ger – der letz­te Har­ry-Pot­ter-Roman soll ja auch in zwei Tei­len ins Kino kom­men.

Nach­trag, 5. August: Bei „RP Online“ ist der kom­plet­te Arti­kel ver­schwun­den.