Kategorien
Politik

Madame 0,1 Prozent

Deutsch­land hat – Sie wer­den das mit­be­kom­men haben – seit ein paar Tagen end­lich eine Kanz­ler­kan­di­da­tin. Hel­ga Zepp-LaRou­che, bis zum Auf­stieg von Gabrie­le Pau­li Gesamt­füh­ren­de in der Kate­go­rie „Frau­en mit den meis­ten Par­tei­mit­glied­schaf­ten“, hat in der ver­gan­ge­nen Woche ihre Kan­di­da­tur für die „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ (BüSo) bekannt­ge­ge­ben.

Die­se Nach­richt ist viel­leicht psy­cho­lo­gisch span­nen­der als poli­tisch: Was mag in einem Men­schen vor­ge­hen, des­sen Par­tei bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl 0,1% erreich­te (und die bei der Euro­pa­wahl im Mai die zweit­nied­rigs­te Stim­men­zahl von allen 32 Par­tei­en bekom­men hat), und der es dar­auf­hin für eine gute Idee hält zu sagen: „Hey, da nenn‘ ich mich mal nicht Spit­zen­kan­di­da­tin, son­dern Kanz­ler­kan­di­da­tin“? Zumal ihre ers­te Kanz­ler­kan­di­da­tur (damals noch für die „Euro­päi­sche Arbei­ter­par­tei“) nun auch schon wie­der 33 Jah­re zurück­liegt und damals über­ra­schen­der­wei­se nicht so erfolg­reich wie erhofft ver­lief. (Für die Jün­ge­ren: Bun­des­kanz­ler blieb damals ein Mann namens Hel­mut Schmidt.)

Frau Zepp-LaRou­che erklärt in 67.595 Zei­chen, war­um sie als Kanz­ler­kan­di­da­tin kan­di­die­re (zum Ver­gleich: das ist mehr als der acht­fa­che Umfang der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung der USA), und lässt doch die ent­schei­den­de Fra­ge unbe­ant­wor­tet:

Des öfte­ren wer­de ich gefragt, wie­so es kommt, daß ich mich seit nun­mehr 37 Jah­ren für eine neue gerech­te Welt­wirt­schafts­ord­nung und ein neu­es Bret­ton-Woods-Sys­tem ein­set­ze, obwohl Wahl­er­fol­ge in der Ver­gan­gen­heit aus­ge­blie­ben sei­en.

Der Fair­ness hal­ber muss man sagen, dass Zepp-LaRou­che, ihr Mann, der „mehr­fa­che Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat“ Lyn­don LaRou­che und die „Bür­ger­rechts­be­we­gung Soli­da­ri­tät“ schon län­ger vor dem Zusam­men­bruch der Welt­wirt­schaft gewarnt hat­ten – genau genom­men so lan­ge, dass man nicht genau sagen kann, ob es nun eine prä­zi­se oder nicht eher eine zufäl­li­ger­wei­se zutref­fen­de Vor­her­sa­ge war. Und selbst vor die­sem Hin­ter­grund bleibt es frag­lich, ob man sei­ne Stim­me des­halb gleich einer umstrit­te­nen „Polit-Sek­te“ („Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung“, 26. Sep­tem­ber 1994) geben muss.

Viel sagt Hel­ga Zepp-LaRou­che in ihrem Wahl­pro­gramm übri­gens nicht. Es lie­ße sich mit „Alles doof, so wie es ist“ ganz gut zusam­men­fas­sen.

Des­halb müs­sen wir auch zurück ins Zeit­al­ter der gro­ßen „Dich­ter und Den­ker“:

Woher soll die Ver­än­de­rung kom­men, wenn die Poli­ti­ker unter­tä­nig, die Mana­ger kor­rupt, die „Künst­ler“ der Gegen­warts­kul­tur vol­ler Dro­gen und die Mas­sen ver­wil­dert sind?

Es fol­gen läng­li­che Aus­füh­run­gen, denen man anmer­ken kann, mit wel­cher … äh: Krea­ti­vi­tät die Autorin das Wort „ent­ar­tet“ zu Umschif­fen ver­such­te:

Was heu­te meist unter Krea­ti­vi­tät ver­stan­den wird, gleicht eher im bes­ten Fal­le jenen zufäl­lig vom Künst­ler an die Wand gewor­fe­nen Ara­bes­ken, von denen Kant irr­tüm­li­cher­wei­se mein­te, sie hät­ten einen höhe­ren künst­le­ri­schen Wert als das Werk, in dem man die Absicht des Autors erken­nen kön­ne.

(Es gehört natür­lich eine gewis­se Non­cha­lance dazu, Kant mal so eben in einem Neben­satz abzu­bü­geln. Man hat ja wich­ti­ge­res zu tun, als sich mit so einem ange­staub­ten Den­ker rum­zu­schla­gen.)

Und dann gewährt uns Hel­ga Zepp-LaRou­che noch einen tie­fe­ren Ein­blick in ihr Kunst­ver­ständ­nis:

Als Bun­des­kanz­le­rin wäre die klas­si­sche Kul­tur nicht der rei­chen Ober­schicht vor­be­hal­ten, die sich die Ein­tritts­kar­ten bei den Fes­ti­vals leis­ten kann, sie wür­de allen Bür­gern zugäng­lich gemacht. […] Die öffent­li­chen Medi­en wür­den beauf­tragt, der Bevöl­ke­rung klas­si­sche Kunst zu prä­sen­tie­ren, die nicht vom Regie-Thea­ter und ähn­li­chen Bear­bei­tun­gen rui­niert wäre, selbst wenn man dafür zwi­schen­zeit­lich auf his­to­ri­sche Auf­füh­run­gen zurück­grei­fen müß­te.

Da wer­den sich die „öffent­li­chen Medi­en“ aber freu­en, wenn die Bun­des­kanz­le­rin ihnen vor­schreibt, was sie zu sen­den haben. Und die Bür­ger erst: Sie wer­den nicht mehr kla­mot­ti­ge Dau­er­wer­be­sen­dun­gen schau­en, son­dern Video­auf­zeich­nun­gen von Insze­nie­run­gen August Kot­ze­bues im Wei­ma­rer Natio­nal­thea­ter.

Und über all das dür­fen sie auch noch selbst ent­schei­den. Die 0,1% ste­hen.

Kategorien
Leben

Someday We’ll Know

Es wäre unhöf­lich, den Haupt­bahn­hof von Mül­heim an der Ruhr als her­un­ter­ge­kom­mens­ten Bahn­hof des Ruhr­ge­biets zu bezeich­nen. Es gibt ja noch Duis­burg und Dort­mund und sämt­li­che S‑Bahn-Hal­te­punk­te dazwi­schen. Die bes­te Zeit aber hat­te das Gebäu­de in der Stadt mei­ner Vor­vä­ter defi­ni­tiv schon län­ger hin­ter sich und das wuss­te auch jeder in Mül­heim.

Nun ist es soweit: Seit Diens­tag wird der Bahn­hof auf den bald begin­nen­den Umbau vor­be­rei­tet! Der Platz vor dem Haupt­ein­gang soll einen eige­nen „ ‚Kiss & Ride‘-Bereich“ bekom­men, was ich ganz ent­zü­ckend fin­de.

Mit den jetzt tat­säch­lich anste­hen­den Bau­ar­bei­ten ist dann aller­dings auch das legen­dä­re Schild hin­fäl­lig, das schon vor län­ge­rem (angeb­lich) den Mül­hei­mer Haupt­bahn­hof zier­te:

Bau­be­ginn: Dem­nächst
Eröff­nung: Nach Fer­tig­stel­lung

Kategorien
Digital Leben

Schöner Onanieren mit Bild.de

Ent­schul­di­gung, ich muss was geste­hen: Ich hab’s schon wie­der getan. Ich woll­te ja eigent­lich nicht, aber jetzt hab ich wie­der auf so einen Sex-Arti­kel geklickt, dies­mal bei Bild.de, und schon nach dem ers­ten Absatz fühl­te ich mich eini­ger­ma­ßen … äh: über­fah­ren:

Sex ist ein wun­der­ba­rer Weg, um zu sich selbst zu fin­den. Doch bis wir die „Auf­fahrt“ und den pas­sen­den Part­ner zu die­sem Aben­teu­er gefun­den haben, stel­len wir uns vor lau­ter Unsi­cher­hei­ten immer wie­der selbst ein Bein. Wir ver­lie­ren uns in Aus­re­den, las­sen uns von den Vor­lie­ben ande­rer beir­ren, wer­den zu „Geis­ter­fah­rern“ in unse­rer Sex-Sack­gas­se. Im schlimms­ten Fall resi­gnie­ren wir und beob­ach­ten das Gesche­hen vom „Stand­strei­fen“…

Wie man sich selbst ein Bein stel­len kann, wenn der eine Fuß auf der Kupp­lung und der ande­re auf dem Gas­pe­dal ruht, ist mir nicht ganz klar. Viel­leicht bei Auto­ma­tik­wa­gen. Klar ist hin­ge­gen: Wenn einem in einer Sack­gas­se Geis­ter­fah­rer ent­ge­gen­kom­men, muss es sich wohl um eine Ein­bahn­stra­ße han­deln. Und aus einer Sack­gas­se, die gleich­zei­tig eine Ein­bahn­stra­ße ist, kommt man natür­lich nie wie­der raus.

Haben Sie jetzt gera­de beim Wort „Sack­gas­se“ geki­chert? Na, dann gab es doch bei „Stand­strei­fen“ ver­mut­lich kein Hal­ten mehr, oder? In jedem Fall: Super, aber viel zu früh. Zum Lach­or­gas­mus kom­men (hihihi) wir erst spä­ter.

Bild.de-Autorin Mei­ke Mey­ruhn hat die „US-Sex­leh­re­rin“ Bar­ba­ra Car­rel­las auf­ge­tan (nicht zu ver­wech­seln mit den 106 „Sex-Leh­re­rin­nen“ aus der „Gale­rie der Schan­de“), die all denen die Welt erklärt, die dach­ten, bei Tan­tra han­de­le es sich wahl­wei­se um ein Gebir­ge, eine Stra­ßen­bahn oder einen Schä­fer­hund. Falsch:

Tan­tra ist eine Lebens­phi­lo­so­phie. Wer Tan­tra-Sex prak­ti­ziert, liebt bewusst, strebt eine Art kos­mi­sche Ver­ei­ni­gung im Hier und Jetzt an. Und einen Part­ner brau­chen Sie dazu nicht!

Nun ist das mit der Ver­ei­ni­gung ohne Part­ner so eine Sache: Die Chan­cen, dass Deutsch­land noch eine Wie­der­ver­ei­ni­gung mit­macht, sind seit dem Ende der DDR bei­spiels­wei­se rapi­de gesun­ken.

Aber was komm ich jetzt mit der DDR an? Es ging ja um Sex. Bild.de emp­fiehlt natür­lich, direkt das Buch der Sex-Leh­re­rin Sex­leh­re­rin zu kau­fen, aber ein paar Aus­zü­ge gibt es dann doch noch:

Pla­ne das Date vor­her oder sei spon­tan.

(Ver­mut­lich abhän­gig davon, ob der Hahn auf dem Mist kräht oder nicht.)

Egal was du machst, stöps­le Tele­fon, Com­pu­ter und Fern­se­her aus, außer du willst einen ero­ti­schen Film in dei­ne Sze­ne ein­bau­en.

Der letz­te Halb­satz ist sehr wich­tig, denn wie oft ist die Betrach­tung eines ero­ti­schen Films schon dar­an geschei­tert, dass das Tele­fon aus­ge­stöp­selt war?

Erlau­be dir, dei­ne Plä­ne zu ändern, wenn dei­ne Stim­mung schwingt, aber bleib bei dei­nem Ren­dez­vous!

Wer kennt sie nicht, die berühm­ten Stim­mungs­schwin­gun­gen beim Ren­dez­vous ([ʀɑ̃de ˈvu], fran­zö­sisch: ‚Ver­ab­re­dung‘, wört­lich: ‚tref­fen Sie sich‘) mit sich selbst?

Egal was du machst, den­ke dar­an, bewusst zu atmen. Das beru­higt dei­nen Geist und lenkt die Auf­merk­sam­keit auf dei­nen Kör­per.

Gut, dass man da allei­ne ist: Wer hät­te beim Gedan­ken an bewuss­te Atmung und der Auf­merk­sam­keit auf den Kör­per noch Zeit, sich um jemand ande­ren zu küm­mern? Also: Frau­en viel­leicht, aber Män­ner sind ja bekannt­lich nicht Mul­ti­tas­king-fähig. (Des­we­gen atmen Män­ner übri­gens auch nie beim Sex. Jetzt wis­sen Sie’s!)

Nimm die Gefüh­le an, die hoch­kom­men. Viel­leicht ver­wan­delt sich dein Orgas­mus in einen Schrei‑, Wut- oder Lach­or­gas­mus. Erlau­be dir alles, was dein Kör­per heu­te erfah­ren will.

Damit wären wir dann beim Lach­or­gas­mus. Laut Goog­le han­delt es sich dabei zwar um etwas eher Unse­xu­el­les (näm­lich das, was in den 1990er Jah­ren am Nie­der­rhein „schrott lachen“ hieß), aber wer wür­de Bar­ba­ra Car­rel­las schon wider­spre­chen wol­len? Viel­leicht hat es auch was mit dem „Kit­zel­sex“ zu tun, den Bild.de erst kürz­lich gefei­ert hat – fas­zi­nie­ren­der­wei­se ohne den sehr nahe­lie­gen­den Kalau­er „Wer­den Sie zum Kitz­ler!“

Jeden­falls: Wenn Lachen beim (sexu­el­len) Orgas­mus, dann bit­te allein! Ihr Part­ner könn­te sonst ähn­lich ent­geis­tert reagie­ren wie wenn Sie dabei jodeln.

Wenn du dich nicht son­der­lich sexy fühlst, dann nimm das wahr und respek­tie­re es. Viel­leicht willst du dich ins Bett kuscheln und end­lich das Buch lesen, für das du dir nie Zeit genom­men hast. Gebe dir das, was du willst. Berei­te dir

Lei­der wer­den wir nie erfah­ren, was man sich berei­ten soll, denn mit die­sen Wor­ten enden die guten Rat­schlä­ge. Aber das gehört ver­mut­lich zum Tan­tra dazu: den Höhe­punkt ein­fach … weg­zu­las­sen.

Wich­ti­ger ist eh:

Gebe dir das, was du willst.

… aber ver­mei­de kor­rek­te Impe­ra­ti­ve!

Falls Ihnen die­ser Arti­kel jetzt zu lang war (Sie wis­sen schon: die Kunst des Her­aus­zö­gerns), hier noch ein­mal die Kurz­form: „Hol dich doch ein­fach mal wie­der gepflegt einen run­ter!“

Kategorien
Digital Leben

Coffee And FH

Ich habe wäh­rend mei­nes Stu­di­ums mehr­fach dar­über nach­ge­dacht, ein­fach alles abzu­bre­chen. Einer die­ser Momen­te war, als eine Dozen­tin nach einer Klau­sur, die wei­te Tei­le der Stu­den­ten­schaft – mich ein­ge­schlos­sen – schwer ver­bockt hat­ten, Zet­tel mit den „lus­tigs­ten Ant­wor­ten“ ver­teil­te. Zwar stan­den kei­ne Namen dabei, aber ich emp­fand die­sen Vor­gang durch­aus als Bloß­stel­lung – zumal die Vor­le­sung ster­bens­lang­wei­lig und von „lus­tig“ bis zu die­sem Punkt nie die Rede gewe­sen war.

Der Fach­be­reich Medi­en der Hoch­schu­le Mitt­wei­da hat offen­bar den sel­ben Humor wie mei­ne dama­li­ge Dozen­tin und stellt „eini­ge Grün­de für die zuwei­len aus­ge­bro­che­ne Hei­ter­keit unter den sonst doch so gestren­gen Wis­sen­schaft­lern“ gleich ins Inter­net.

Dar­un­ter:

Fra­ge: Die Begrif­fe „Pearl“ und „Java“ klin­gen wie exo­ti­sche Mix­ge­trän­ke oder Mode­dro­gen, bezeich­nen aber etwas ande­res, näm­lich was?
Ant­wort: „Nein, das sind Kaf­fee­sor­ten“. (Rich­tig: Pro­gram­mier­spra­chen)

Haha­ha­ha­ha, was für ein Idi­ot!

Es sei denn natür­lich, er mein­te Java-Kaf­fee und die „Part­ner­ship for Enhan­cing Agri­cul­tu­re in Rwan­da through Lin­k­ages“ (PEARL), die sich in Ruan­da vor allem um den fai­ren Anbau von Mani­ok und … äh Kaf­fee bemüht.

(Und war­um die Pro­gram­mier­spra­che Java jetzt aus­ge­rech­net eine Kaf­fee­tas­se als Logo hat, das kann ich Ihnen natür­lich auch nicht sagen.)

[via Kat­ti]

Kategorien
Musik Print

Unvordenkliche Pattitessen

Eigent­lich woll­te ich ja nur wis­sen, wie das Kon­zert von Pat­ti Smith in Frank­furt war. Aber schon nach den ers­ten zwei Sät­zen der Rezen­si­on der Repor­ta­ge des Arti­kels von Rose-Maria Gropp in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ war mir klar, dass ich das nicht so ein­fach her­aus­fin­den wür­de:

Sie schrei­tet den Par­cours ihrer Mög­lich­kei­ten ganz ab, von bald vier Jahr­zehn­ten ist da zu spre­chen. Zeit scheint für Pat­ti Smith nicht ent­lang einer Schie­ne zu ver­lau­fen, son­dern ihr wie ein wei­ter, geräu­mi­ger Hof zur Ver­fü­gung zu ste­hen.

Irgend­je­mand hat also auf einem bald vier Jahr­zehn­te gro­ßen Hof – wie viel das wohl in Fuß­ball­fel­dern ist? – einen Mög­lich­kei­ten-Par­cours errich­tet, den Pat­ti Smith nun abzu­schrei­ten gedenkt.

Na ja, schau­en wir mal, wie lan­ge wir da mit­schrei­ten kön­nen:

Sie heizt ihren Auf­tritt an mit dem schar­fen alten Song „Free Money“, dann holt sie sich ihr Publi­kum schon näher mit jenem Charme, der ihre seit unvor­denk­li­chen Zei­ten bestehen­de Lie­be zu Euro­pa und sei­nen Dich­tern ver­sprüht: „I came to Frank­furt to see Goethe’s house“, dekla­miert sie zur Gitar­re und erzählt eine klei­ne Geschich­te von Zer­stö­rung und Wie­der­auf­bau, vom Geist, der weht, wo er das darf – „the­re in the light, the­re is Goethe’s desk“.

Ist das nicht ver­ant­wor­tungs­los, das Publi­kum so nah an einen auf­ge­heiz­ten Auf­tritt her­an­zu­ho­len? Zumal, wenn dort etwas sprüht. Aber was genau eigent­lich? Man­che Men­schen ver­sprü­hen ja schon mal Charme, bei Pat­ti Smith ver­sprüht aber offen­bar der Charme Lie­be. Und zwar eine, die seit unvor­denk­li­chen Zei­ten besteht. Na, das muss ja eine alte Lie­be sein. Gut, dass die nicht ros­tet, sonst wäre es noch gefähr­li­cher, da so nah dran zu ste­hen. Immer­hin weht da vor­ne auch noch ein Geist – oder darf er das genau dort nicht?

Es hat sich schon immer gelohnt, Pat­ti Smit­hs Tex­te zu ver­ste­hen und zu begrei­fen; denn sie ist ganz eigent­lich eine Dich­te­rin, und der Punk in ihr ist vor allem sprach­li­che Ent­äu­ße­rung, die Musik ihre Rhyth­mus­ma­schi­ne, die frei­lich längst nicht so sim­pel kon­stru­iert ist, wie sie vor­gibt, als wären da bloß ein paar Akkor­de zu grei­fen.

Es ent­behrt natür­lich nicht einer gewis­sen Iro­nie (ver­mut­lich einer sehr unsim­pel kon­stru­ier­ten), der­art umständ­lich über die Ver­ständ­lich­keit und Begreif­bar­keit von Tex­ten zu schrei­ben. Dass Frau Smith „ganz eigent­lich“ eine Dich­te­rin ist, hät­te man natür­lich erah­nen kön­nen ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Dame schon ein Dut­zend Gedicht­bän­de ver­öf­fent­licht hat.

Über­ra­schen­der wäre es viel­leicht gewe­sen, wenn sie „ganz eigent­lich“ eine Kon­di­to­rin wäre, die die­se gan­zen künst­le­ri­schen und intel­lek­tu­el­len Auf­trit­te nur als Tar­nung benutzt, um in Ruhe rie­si­ge Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­ten backen zu kön­nen. Die wären ihr dann sicher eine kuli­na­ri­sche Ent­äu­ße­rung.

Aber wie sieht’s eigent­lich mit dem näher gehol­ten Publi­kum aus?

Längst hat sie die Hal­le auf ihrer Sei­te – die­je­ni­gen, die mit ihr den lan­gen Weg seit den Sieb­zi­gern gegan­gen sind, und die vie­len Jun­gen, die viel­leicht gekom­men sind, um eine leben­de Legen­de zu betrach­ten; ihnen wird eine veri­ta­ble Erschei­nung zuteil, die ihr Publi­kum anzieht wie ein Magnet die Spä­ne.

War der lan­ge Weg jetzt eine Schie­ne oder ein Hof? Ich kom­me da immer durch­ein­an­der. Jeden­falls scheint das Publi­kum inzwi­schen an Pat­ti Smith zu kle­ben, bzw. an einer veri­ta­blen Erschei­nung. Aber wo geho­belt wird …

An Pat­ti Smit­hs Sei­te steht immer wie­der und unver­brüch­lich Len­ny Kaye in sei­ner fort­wäh­rend schö­nen, eher alt­eu­ro­päi­schen Melan­cho­lie, schlank und edel ergraut, noch immer ein Aus­nah­me­gi­tar­rist, der sich indes­sen mit einem Hauch Iro­nie, vor allem wenn er singt, ganz in den Dienst sei­ner Front­frau stellt.

Als ich Pat­ti Smith live gese­hen habe (vor sechs Jah­ren beim Hald­ern Pop), wirk­te sie eini­ger­ma­ßen zart. Erstaun­lich, dass an ihrer Sei­te den­noch Platz für eine kom­plet­te Hal­le und einen Aus­nah­me­gi­tar­ris­ten ist. Und was das für ein Aus­nah­me­gi­tar­rist ist: Einer, der immer wie­der und unver­brüch­lich steht (an Pat­ti Smit­hs Sei­te) und der offen­bar in fort­wäh­rend schö­ner, eher alt­eu­ro­päi­schen Melan­cho­lie – nicht irgend­ei­ner: sei­ner! – edel ergraut ist. Er könn­te aber auch nur in die­ser Melan­cho­lie ste­hen, so genau gibt das die Gram­ma­tik nicht her. Sicher ist: Er steht und stellt sich dabei ganz in den Dienst sei­ner Front­frau. Das tut er natür­lich „indes­sen“, weil die­ses Wort auf Sei­te 137 des Nach­schla­ge­werks „Wor­t­he zum bedeu­tungs­schwan­ger in Tex­ten her­um­ste­hen“ (3., aktu­al. Auf­la­ge, Wei­mar 1871) zu fin­den ist.

Die­se Dya­de ist von hohem Reiz, und wenn die bei­den auf den Stahl­sai­ten ihrer akus­ti­schen Gitar­ren ein Duett geben, das groß­ar­tig aus­ufert in etwas, das frü­her die Ses­si­on einer Band gehei­ßen hät­te, dann ist da ein sol­cher Moment, für den Kon­zer­te gemacht sind.

Die gute Nach­richt zuerst: Eine Dya­de ist nicht – wie ursprüng­lich von mir ange­nom­men – ein Fisch.

Ses­si­ons hei­ßen jetzt also irgend­wie anders, aber wie sie hei­ßen, weiß Frau Gropp nicht – oder sie will es uns nicht mit­tei­len. Jeden­falls ist das Duett der rei­zen­den Dya­de erst groß­ar­tig in etwas aus­geu­fert und dann war da plötz­lich ein Moment – nicht irgend­ei­ner: ein sol­cher! -, für den Kon­zer­te gemacht sind. Hof­fent­lich wuss­te der den gan­zen Auf­wand zu schät­zen.

Aber zurück zur Fra­ge, wie es denn eigent­lich war, das Kon­zert. Zieht man sämt­li­che Adjek­ti­ve und Adver­bi­en ab, wäre der Arti­kel nur noch halb so lang. bleibt eine Erkennt­nis:

Mit Pathos wird Geschich­te gemacht.

Kategorien
Politik

Die Welt in drei Wörtern erklären

Am 30. August sind Kom­mu­nal­wah­len in NRW. Offen­bar seit die­sem Wochen­en­de dür­fen des­halb die Innen­städ­te mit unin­spi­rier­ten, ver­stö­ren­den, plum­pen, pein­li­chen oder ein­fach nur ega­len Pla­ka­ten zuge­stellt wer­den.

Ein Trend zeich­net sich jetzt schon ab: Vie­le Kan­di­da­ten ver­su­chen in einem Drei­klang auf sich auf­merk­sam zu machen. Dass man da schnell durch­ein­an­der gerät, liegt in der Natur der Sache.

Die fol­gen­de Lis­te von Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­ten aus ganz Deutsch­land ist sicher unvoll­stän­dig:

Mut­maß­lich noch ein biss­chen kom­pe­ten­ter, sozia­ler und … äh: daer sind dann wohl die­se bei­den Her­ren:

  • Unab­hän­gig. Kom­pe­tent. Bür­ger­nah. Ver­läss­lich. (Oli­ver Wild, Ehrings­hau­sen, par­tei­los)
  • Sau­ber­keit. Sicher­heit. Recht. Ord­nung. (Hein­rich Müh­mert, Dins­la­ken, Offen­si­ve Dins­la­ken)
Kategorien
Digital Musik Rundfunk

Positive Role Model

2006 hat die BBC nach 42 Jah­ren ihre Musik­sen­dung „Top Of The Pops“ ein­ge­stellt. Neil Ten­n­ant von den Pet Shop Boys fin­det das nicht gut, wie er jetzt noch ein­mal in einem Inter­view ver­riet.

Einer bri­ti­schen Nach­rich­ten­sei­te war das einen eige­nen Arti­kel wert, über dem groß steht:

Tennant slams BBC for ending TOTP

Der Name der Nach­rich­ten­sei­te? bbc.co.uk – das Inter­view lief heu­te Mor­gen im BBC-Radio.

PS: Noch schö­ner war übri­gens die Über­schrift, die der BBC-Arti­kel im RSS-Feed trug. Sie lau­te­te schlicht „It’s a Sin“.

Kategorien
Musik

Listenpanik 06/​09

Him­mel hilf: Der Juli ist schon zur Hälf­te um und die Juni-Lis­te war bis eben immer noch unver­öf­fent­licht. Schie­ben wir es auf die schie­re Men­ge an Neu­ver­öf­fent­li­chun­gen und die gan­ze tol­le Musik, die sonst noch so da war:

Alben
The Pains Of Being Pure At Heart – The Pains Of Being Pure At Heart (Nach­trag)
Falls Sie es noch nicht mit­be­kom­men haben (so wie ich bis vor kur­zem): Das ist der Indiepop-Geheim­tipp der Sai­son. Fach­zeit­schrif­ten nen­nen die­ses New Yor­ker Quar­tett „eine ame­ri­ka­ni­sche Ver­si­on der Smit­hs“, was glei­cher­ma­ßen tref­fend wie irre­füh­rend ist. Mein inter­nes Kata­log­sys­tem führt die Band unter „irgend­wie kana­disch“, was an den Gitar­ren­sounds, Glo­cken­spie­len und wech­seln­den Sänger(inne)n lie­gen könn­te.

Fan­far­lo – Reser­voir (Nach­trag)
Noch ein Nach­trag, noch mal „irgend­wie kana­disch“, obwohl es sich doch um eine schwe­disch-eng­li­sche Band han­delt: Zuerst bei „All Songs Con­side­red“ ent­deckt, dann das Album für einen Euro gekauft. Bild­hüb­scher Indiepop mit Hang zum Orches­tra­len. Für einen Som­mer auf der Wie­se.

Regi­na Spek­tor – Far
Kom­men wir nun zur belieb­ten Rei­he „Acts, die jah­re­lang an mir vor­bei­ge­gan­gen sind“. In die­sem Fall so sehr, dass ich dach­te, Regi­na Spek­tor (die wirk­lich so heißt) hät­te irgend­was mit Phil Spec­tor (der auch wirk­lich so heißt) zu tun. Aber dann kam erst das letz­te Ben-Folds-Album, auf dem Regi­na Spek­tor bei „You Don’t Know Me“ mit­träl­ler­te, und dann kam „Laug­hing With“, das mich auf Anhieb begeis­ter­te (s.u.). Der Pia­no­pop auf „Far“ ist schon toll, aber über allem ste­hen die Tex­te – sel­ten habe ich bei einem eng­lisch­spra­chi­gen Album so früh so gründ­lich auf die Tex­te geach­tet und sie für so groß­ar­tig befun­den.

Wil­co – Wil­co (The Album)
Das mit Wil­co und mir war immer ein biss­chen schwie­rig: Ich bin mit „Yan­kee Hotel Fox­trott“ ein­ge­stie­gen, das eini­ge toll Songs hat­te, mich aber nie so ganz über­zeu­gen konn­te, dann habe ich mich vor fünf Jah­ren zufäl­lig in „Sum­mer­tee­th“ ver­liebt, ehe mich „A Ghost Is Born“ und „Sky Blue Sky“ etwas rat­los zurück­lie­ßen. Gut für mich, dass „Wil­co (The Album)“ ziem­lich genau da wei­ter­macht, wo „Sum­mer­tee­th“ auf­ge­hört hat: Leicht ver­spiel­ter Indie­rock, der aber nicht in rie­si­ge Sound­flä­chen aus­ufert, son­dern sich auf drei bis vier Minu­ten kon­zen­triert.

The Sounds – Crossing The Rubicon
Als vor sechs Jah­ren das Sounds-Debüt „Living In Ame­ri­ca“ in Deutsch­land erschien, wur­den die Schwe­den als „die neu­en Blon­die“ ver­mark­tet, was nicht völ­lig abwe­gig, aber eben auch „die neu­en Irgendwasse“-dämlich war. Zum Zweit­werk „Dying To Say This To You“ habe ich nie einen rich­ti­gen Zugang gefun­den, aber „Crossing The Rubicon“ spricht mich wie­der sehr stark an: Leicht über­dreh­te Rock­songs mit schram­meln­den Gitar­ren, tanz­ba­ren Beats und ver­gleichs­wei­se weni­gen Syn­the­si­zern. Und irgend­wie muss Maja Ivars­son Sin­gen gelernt haben – aber das macht ja nichts.

Pla­ce­bo – Batt­le For The Sun
Ich hat­te immer das Gefühl, alle Pla­ce­bo-Alben klän­gen im Wesent­li­chen gleich (und damit gleich gut), aber das stimmt gar nicht. Natür­lich gibt es auch dies­mal wie­der trei­ben­de Beats, wüs­tes Gitar­ren­ge­schram­mel und die alles domi­nie­ren­de Stim­me von Bri­an Mol­ko, aber eini­ges ist anders. Das kann zum Bei­spiel am neu­en Schlag­zeu­ger lie­gen (der, höf­lich gesagt, nicht ganz so fili­gran arbei­tet wie sein Vor­gän­ger) oder dar­an, dass Pla­ce­bo ernst­haft ein Feel­good-Album auf­neh­men woll­ten. Jetzt gibt es Strei­cher und Anklän­ge von Trom­pe­ten und Glo­cken­spie­len und vie­les klingt tat­säch­lich – im Pla­ce­bo-Rah­men – sehr uplif­ting. Das ist total anders als der düs­te­re Vor­gän­ger „Meds“, des­sen Qua­li­tät schwer­lich wie­der zu errei­chen war. Aber „Batt­le For The Sun“ ist ein soli­des Album, das sich von allen ande­ren der Band deut­lich unter­schei­det.

Moby – Wait For Me
Vor zehn Jah­ren war Mobys Kar­rie­re vor­bei. Dann ver­öf­fent­lich­te er „Play“ und wur­de zum Num­mer-Eins-Lie­fe­ran­ten für Wer­be­spots und Films­ound­tracks. Danach hat er ver­schie­de­nes aus­pro­biert, jetzt kehrt er fast kom­plett zum Sound von „Play“ zurück. Erstaun­li­cher­wei­se gelingt ihm damit sein bes­tes Album seit eben jenem „Play“. Gesun­gen wird wenig, getanzt kaum, und manch­mal nimmt man die Musik beim Neben­bei­hö­ren gar nicht mehr wahr, aber es ist ein atmo­sphä­risch dich­tes Album, des­sen Songs sicher bald wie­der Wer­be­spots und Films­ound­tracks zie­ren wer­den.

Eels – Hombre Lobo
Mein ers­tes kom­plet­tes Eels-Album. Was soll ich sagen? Ja, kann man sich auch über vier­zig Minu­ten anhö­ren. Eine schö­ne Mischung aus fili­gra­nen, fast Kin­der­lied-haf­ten Pop­songs und char­mant-knar­zi­gen Rock­num­mern.

Songs
Eels – That Look You Give That Guy
Ich hat­te das Lied ja hier schon aus­führ­lich gelobt. Seit­dem habe ich es mehr als zwan­zig Mal gehört und fin­de es immer noch ganz wun­der­bar. Nur eine Fra­ge beschäf­tigt mich die letz­ten Tage: Was ist eigent­lich das Gegen­teil von Eifer­sucht?

Regi­na Spek­tor – Laug­hing With
Eigent­lich kann man sich alle Aus­füh­run­gen zu die­sem Lied spa­ren: die Lyrics spre­chen für sich. Ich hör­te den Song erst­mals bei „All Songs Con­side­red“, am S‑Bahn-Gleis des Bochu­mer Haupt­bahn­hofs ste­hend. Alle Stör­ge­räu­sche ver­schwan­den, ich hör­te nur noch das Kla­vier und die­se leicht eigen­tüm­li­che Stim­me, die die­sen wun­der-wun­der­schö­nen Text sang. Es wäre unan­ge­mes­sen gewe­sen, an die­sem Ort los­zu­heu­len, aber es gibt weni­ge Songs, bei denen ich so kurz davor stand.

Wil­co – You And I
In einem nor­ma­len Monat wäre sowas ganz klar der Song des Monats gewor­den: Ein char­man­ter Pop­song mit anrüh­ren­dem Text und den Stim­men von Jeff Tweedy und Gast­sän­ge­rin Les­lie Feist. Nun: Es war kein nor­ma­ler Monat, wie Sie oben sehen, son­dern der Monat der über­le­bens­gro­ßen Songs mit phan­tas­ti­schen Lyrics. Aber es gibt hier ja sowie­so kei­ne Rang­lis­te mehr. (Das Lied habe ich übri­gens zum ers­ten Mal auf WDR 2 gehört und danach beschlos­sen, mir das Album zu kau­fen. So viel zum The­ma „das Radio hat als Mul­ti­pli­ka­tor aus­ge­dient“ …)

The Pains Of Being Pure At Heart – This Love Is Fuck­ing Right!
Die Län­ge von Band­na­men und Song­ti­tel machen es unmög­lich, die­sen Song auf ein Mix­tape zu packen – der Platz auf so einem Bei­pack­zet­tel ist ja lei­der nur begrenzt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den Lied­text rich­tig ver­stan­den habe (mei­ne Inter­pre­ta­ti­on wäre in zahl­rei­chen Län­dern der Welt ille­gal), aber: Hey, es ist ein wun­der­schö­ner klei­ner Song und der Titel ein wun­der­ba­rer Slo­gan. (Über­haupt bräuch­te es mehr Song­ti­tel mit Aus­ru­fe­zei­chen am Ende.)

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

Kategorien
Musik

A trotter a day …

Mit Geheim­tipps ist es ja immer so eine Sache: Ein Teil der Leu­te, denen man davon berich­tet, guckt einen mit­lei­dig an und sagt „aber das ist doch soooooo alt“ (im Inter­net wird das meist weit weni­ger freund­lich aus­ge­drückt), wäh­rend einem ein ande­rer Teil der Leu­te (nicht sel­ten die, von denen man gedacht hat­te, sie wür­den „aaaalt“ sagen) dank­bar um den Hals fällt. Oder sowas in der Art.

Weil eine Per­son der zwei­ten Grup­pe zehn der ers­ten über­tönt, möch­te ich Ihnen heu­te Day­trot­ter ans Herz legen.

Das ist ein Web­site, auf der man sich exklu­si­ve Auf­nah­men ver­schie­dens­ter Bands und Künst­ler anhö­ren kann. Oder (nach einer kur­zen Anmel­dung) her­un­ter­la­den. Kos­ten­los. Legal.

So ziem­lich alles, was im (meist nord­ame­ri­ka­ni­schen) Indie-Bereich Rang und Namen hat, war schon min­des­tens ein­mal im Day­trot­ter-Stu­dio: Death Cab For Cutie, Bon Iver, The Hold Ste­ady, Rogue Wave, Ron Sexs­mith, The Ting Tings, Vam­pi­re Weekend, Ingrid Micha­el­son, Fleet Foxes oder The Acorn z.B., die ich Ihnen schon drin­gend emp­feh­len woll­te, seit ich sie im Vor­pro­gramm von Bon Iver gese­hen habe.

Auf der Sei­te kann man also wun­der­bar neue Musik ent­de­cken (und anders als bei MySpace, You­Tube oder last.fm auch für unter­wegs her­un­ter­la­den), wäh­rend man sich als Fan über die ein­ma­li­gen Auf­nah­men freut, deren Arran­ge­ments mit­un­ter von den Album­ver­sio­nen abwei­chen. Man­che Künst­ler spie­len auch Cover­ver­sio­nen. Aber Vor­sicht: Wenn man ein­mal ins Archiv hin­ab­ge­stie­gen ist, kann es schon mal sein, dass man dort meh­re­re Stun­den ver­bringt.

So etwas ähn­li­ches nur ohne Down­loads (da hät­te ver­mut­lich auch die GEMA wie­der was gegen) und mit klei­ne­rem Archiv gibt es übri­gens auch in Deutsch­land: bei Rote Rau­pe.

Kategorien
Musik

The Great Pretenders

Thees Uhlmann und Simon den Hartog.

In unse­rer belieb­ten TV-Serie „Thees Uhl­mann und Simon den Har­tog sin­gen …“ hat­ten wir schon einen Tom­te-Song und ein Kil­lers-Cover.

Fehlt noch was? Klar: Ein Kili­ans-Song!

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

[Direkt­link]

„Used To Pre­tend“, live beim Fest van Cleef in Essen am ver­gan­ge­nen Sonn­tag.

Bit­te betrach­ten Sie die­ses Video auch unter der Fra­ge­stel­lung, was Sän­ger so mit ihren Hän­den anstel­len, wenn sie gera­de kei­ne Gitar­re fest­hal­ten.

Kategorien
Musik Digital

Der Weg zum Rockstar in sechs Milliarden Schritten

Falls ich mal eine Lis­te machen müss­te „Musi­ker, die auf die Musik­in­dus­trie nicht so rich­tig gut zu spre­chen sind“, stün­den zwei Namen ganz oben: Thom Yor­ke von Radio­head (deren letz­tes Album „In Rain­bows“ gegen so ziem­lich jede Logik der Bran­che ver­sto­ßen hat) und Trent Rez­nor von den Nine Inch Nails.

Letz­te­rer hat sich letz­te Woche mit einem Bei­trag im Forum sei­ner Band­web­site zu Wort gemel­det, in dem er mal eben kurz und holz­schnitt­ar­tig die Mög­lich­kei­ten erklärt, die man als Musi­ker heu­te so hat. Kurz zusam­men­ge­fasst lau­ten sie unge­fähr „Lass Dich tra­di­tio­nell von einem Major­la­bel ver­mark­ten und gib die Kon­trol­le ab“ und „Mach alles sel­ber, sei aktiv und beiß Dich durch“. Das ist natür­lich grob ver­ein­fa­chend (und von mir noch mal destil­liert), kommt aber so in etwa hin.

Wie genau das mit der Selbst­ver­mark­tung lau­fen soll, erklärt Rez­nor dann gleich aus­führ­li­cher:

Have your MySpace page, but get a site out­side MySpace – it’s dying and reads as cheap /​ gene­ric. Remo­ve all Flash from your web­site. Remo­ve all stu­pid intros and load-times. MAKE IT SIMPLE TO NAVIGATE AND EASY TO FIND AND HEAR MUSIC (but don’t auto­play). Con­stant­ly update your site with con­tent – pic­tures, blogs, wha­te­ver. Give peo­p­le a reason to return to your site all the time. Put up a bul­le­tin board and start a com­mu­ni­ty. Enga­ge your fans (with cau­ti­on!) Make cheap vide­os. Film yours­elf tal­king. Play shows. Make inte­res­t­ing things. Get a Twit­ter account. Be inte­res­t­ing. Be real. Sub­mit your music to blogs that may be inte­res­ted. NEVER CHASE TRENDS. Uti­li­ze the multi­tu­de of tools available to you for very litt­le cost of any – Flickr /​ You­Tube /​ Vimeo /​ Sound­Cloud /​ Twit­ter etc.

Ich habe Bücher gele­sen, die in der Sum­me unkon­kre­ter waren.

Aber die Pro­blem­lö­sung führt natür­lich zu neu­en Pro­ble­men: Ers­tens muss ich mich als Musi­ker neben der Musik (und dem … äh: Leben) auch noch um die gan­zen Ver­brei­tungs­ka­nä­le küm­mern. Im Best­fall ist das nur unglaub­lich auf­wen­dig – wenn man Pech hat, kann man aber weder mit Video­schnitt, noch mit Sozia­len Netz­wer­ken umge­hen. Zwei­tens wird man ja nie die ein­zi­ge Nach­wuchs­band sein, die die­se Wege geht. Statt auf dem tra­di­tio­nel­len Musik­markt mit ein paar hun­dert ande­ren Acts kon­kur­riert man heu­te bei MySpace mit – set­zen wir die Schät­zung mal opti­mis­tisch an – sechs Mil­li­ar­den Kapel­len.

Wäh­rend man ja schon bei offi­zi­ell (also via Plat­ten­fir­ma) ver­öf­fent­lich­ter Musik in aller Regel genau die Sachen nie mit­kriegt, die einen sonst am meis­ten begeis­tert hät­ten, gleicht es einem Blitz­schlag nach dem Lot­to­ge­winn, bei MySpace (oder irgend­ei­ner ande­ren der paar Tau­send Musik­platt­for­men) eine unbe­kann­te Band zu ent­de­cken, die einen kickt. Das, was ich immer über Blogs gesagt habe („Man muss halt Medi­en­kom­pe­tenz ent­wi­ckeln und ein biss­chen Glück haben, dann fin­det man schon ein paar Sachen, die einen rich­tig begeis­tern“), erscheint mir im Bezug auf Musik plötz­lich hoff­nungs­los naiv.

Wie also kom­men Musi­ker und Hörer zusam­men? Nicht mehr unbe­dingt durch Radio-DJs und Musik­fern­se­hen, wenn man die­ser Stu­die über den Medi­en­kon­sum von Teen­agern glaubt – wobei Radio-DJs in Deutsch­land eh seit den 1980er Jah­ren unbe­kannt sind. Häu­fig bekommt man Musik von auto­ma­ti­sier­ten Diens­ten wie last.fm oder von Freun­den emp­foh­len. Aber da geht’s bei mir schon wie­der los: „Höre ich mir jetzt neben­her die­se gan­zen unbe­kann­ten Sachen an oder las­se ich ein­fach zum hun­derts­ten Mal The Killers/​Travis/​Oasis lau­fen?“ Ob ich mich dazu zwin­gen könn­te, an einem Tag in der Woche nur neue Musik zu hören?

Natür­lich war es nie ein­fa­cher, ohne Kon­tak­te und ohne indus­tri­el­les Mar­ke­ting sei­ne Hörer zu fin­den. Und gleich­zei­tig nie schwie­ri­ger. Bis heu­te gibt es kei­ne mir bekann­te Band, die aus­schließ­lich durch das Inter­net in die ers­te Liga auf­ge­stie­gen wäre (und sagen Sie nicht „Arc­tic Mon­keys“ oder „Lily Allen“, die haben sowie­so wie­der nor­ma­le Plat­ten­ver­trä­ge unter­schrie­ben). Die gan­zen social media-Akti­vi­tä­ten erfor­dern eini­ges an Auf­wand und es bleibt immer offen, ob und wann es sich lohnt. (Das Beru­hi­gen­de dar­an ist wie­der­um: Es bleibt auch bei Major­la­bels offen, ob ein „The­ma“ funk­tio­niert. Da sind die Fehl­schlä­ge auch viel teu­rer.)

Lus­ti­ger­wei­se höre ich in letz­ter Zeit von vie­len Nach­wuchs­bands, dass sie jetzt ein eige­nes Manage­ment hät­ten. Das sind dann häu­fig Men­schen, die in einem Hin­ter­hof ein Ton­stu­dio für Wer­be­jin­gles haben und immer schon den Geruch des Rock’n’Roll ein­at­men woll­ten. (Rock’n’Roll riecht übri­gens nach kal­tem Rauch, Schweiß und Bier. Man kann es sich ganz leicht in der hei­mi­schen Küche züch­ten.) Im Best­fall haben die­se Mana­ger vor zwan­zig Jah­ren mal selbst in einer Band gespielt (man­che von ihnen haben Mil­lio­nen von Plat­ten ver­kauft, aber das weiß und glaubt heu­te nie­mand mehr) und wis­sen noch, wie die Bran­che damals funk­tio­niert hat. Ande­re „Mana­ger“ könn­ten sonst auch als „Model-Agent“ jun­ge Blon­di­nen in der Dis­co anspre­chen. (Spie­len Sie die gan­zen bösen Kli­schees ruhig im Geis­te alle mal durch, sie stim­men sowie­so alle. Das Gegen­teil aber auch immer, das ist ja das tol­le.)

Vie­le Bands sind natür­lich nur Musi­ker – die brau­chen jeman­den, der sich um alles ande­re küm­mert und auf sie auf­passt. Sol­che Leu­te gibt es, aber sie kos­ten im Zwei­fels­fall viel Geld. Geld, das man nicht hat, nie ver­die­nen wird und sowie­so für Equip­ment und Kip­pen aus­ge­ben muss.

Geld mache man heut­zu­ta­ge mit Kon­zer­ten, heißt es immer wie­der. Das ist unter bestimm­ten Aspek­ten (z.B. wenn man U2 ist) sicher nicht falsch, aber man muss sie erst mal spie­len. Außer­halb von Jugend­zen­tren (die natür­lich auch alle kein Geld haben bzw. machen) ist das schwie­rig bis unmög­lich. Boo­king ist die Höl­le für alle Betei­lig­ten, wes­we­gen ich mich da auch nie ran­ge­traut habe: Die Bands ver­schi­cken Demos und Band­in­fos im Dut­zend und die Ver­an­stal­ter haben den Schreib­tisch voll mit dem Kram. Wenn man heut­zu­ta­ge als Nach­wuchs­mu­si­ker irgend­was wirk­lich braucht, dann einen geschei­ten Boo­ker, der im Ide­al­fall ein gan­zes Port­fo­lio von Bands hat und den Ver­an­stal­tern genau das prä­sen­tie­ren kann, was zu ihnen passt. (Und das mit den Kon­tak­ten geht auch ein­fa­cher.) Winz­lings-Labels und ‑Ver­trie­be sind mei­nes Erach­tens ver­zicht­bar: Für die Down­loads­to­res (die heut­zu­ta­ge unver­zicht­bar sind, wenn man sei­ne Musik nicht eh ver­schen­ken will) gibt es Dienst­leis­ter wie Tun­e­co­re und die CDs, die man bei Kon­zer­ten unbe­dingt dabei haben soll­te, kann man ent­we­der in klei­ner Stück­zahl pres­sen las­sen oder gleich – Sakri­leg! – selbst bren­nen.

Wich­tig ist heut­zu­ta­ge vor allem der Aus­tausch unter­ein­an­der. Des­we­gen bin ich auch sehr gespannt auf die all2gethernow, die „Anti-Pop­komm“, die im Sep­tem­ber in Ber­lin statt­fin­den wird.

Ihre Zie­le kann man natür­lich auch total eke­lig aus­drü­cken, aber ich find’s trotz­dem span­nend:

Spä­tes­tens jetzt geht es dar­um nach vor­ne zu schau­en, neue Ideen und inno­va­ti­ve Pra­xis in der Krea­tiv­wirt­schaft zu beleuch­ten. Ziel muss sein gemein­sam Model­le zu defi­nie­ren, die Krea­ti­ven und Künst­lern mit ihrer Arbeit Ein­künf­te ermög­li­chen. Jede Form des Input ist hilf­reich, denn fina­le Ant­wor­ten gibt es noch nicht. Eine offe­ne Form der Dis­kus­si­on wie sie ein Bar­camp gewähr­leis­tet ist des­halb ide­al.

(Mehr über „Krea­tiv­wirt­schaft“ und „Input“ kön­nen Sie dem­nächst in mei­nem neu­en Buch „Die 1.000 dümms­ten Begrif­fe des frü­hen 21. Jahr­hun­derts“ nach­le­sen. Auf den Sei­ten zwi­schen „Digi­tal Nati­ve“, „Gene­ra­ti­on Upload“ und „fail“.)

Jeden­falls soll dis­ku­tiert und nicht nur reprä­sen­tiert wer­den und Musi­ker und Blog­ger dür­fen auch dabei sein.

Kategorien
Musik

Vergebene Blicke

Ich sit­ze gera­de eigent­lich an der Lis­ten­pa­nik für den Monat Juni (der ja auch schon ein biss­chen zurück­liegt). Es wird noch ein biss­chen war­ten, denn ich muss wohl erst noch das neue Eels-Album hören. Ande­rer­seits waren die Eels für mich immer schon eine Band, bei der ich ein­zel­ne Songs geliebt, aber nie die gan­zen Alben gehört habe …

Jeden­falls: Die­ses Lied hier, das lie­be ich. Nach einem Mal hören. Und wenn Sie ein Herz haben, wer­den Sie es auch tun.

Hier kli­cken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzu­zei­gen.

[„That Look You Give That Guy“]

That look you give that guy
I wan­na see
Loo­king right at me
If I could be that guy
Ins­tead of me
I’d never let you down

ist natür­lich die Sor­te Text, die einem im fal­schen Moment den Boden unter den Füßen weg­zie­hen kann. Auf dass dies kein sol­cher Moment sei!