Stilblümchensex

Von Lukas Heinser, 3. Mai 2009 12:51

Alle paar Monate muss ich bei GMX.de vorbeischauen um zu überprüfen, ob meine dort vor über einem Jahrzehnt eingerichtete E-Mail-Adresse noch existiert. Es ist jedes Mal ein freudloser Akt, der einem zeigt, wie gut man es mit all den Funktionen von Googlemail tatsächlich hat.

Das Schlimmste an GMX aber ist das angeschlossene Portal, bei dem man dann auch tatsächlich jedes Mal auf irgendwelchen Quatsch drauf klickt und im Bezug auf die zu erwartende Bodenlosigkeit selten enttäuscht wird. So las ich heute versehentlich einen Text, der offenbar ursprünglich vom Herrenmagazin „Men’s Health“ stammt und das Thema „Slow Sex“ behandelt. Und selbst, wenn das Thema Sie nicht interessiert: Das sollten Sie gelesen haben!

Los geht es mit ein paar Allgemeinplätzen der Sorte „Es hilft, wenn Sie mindestens zu zweit sind“:

Musikalisch sollten Sie’s zwar ruhig angehen lassen, jedoch ruhig ein paar Drum-Akzente setzen. Die frühen Alben von Massive Attack oder Air sind dafür hervorragend geeignet.

Dann geht’s aber auch schon schnell zur Sache — zumindest was groteske Kosenamen angeht:

Lassen auch Sie sich von ihr ebenso langsam ausziehen. Wird sie dabei zu schnell, bremsen Sie Ihre Gazelle, indem Sie ihren Kopf in die Hände nehmen und sie küssen.

Und dass die „Gazelle“ kein Ausrutscher war, sondern Teil des Plans, wird schnell deutlich. Machen Sie auch mal was Verrücktes: Lesen Sie die folgenden Zeilen und versuchen Sie dabei, nicht zu lachen. Denken Sie immer daran, dass es hier um etwas entfernt Sinnliches gehen soll:

Mit einer Hand hält sie sich an Ihrem Rettungsanker fest, mit der Handfläche der anderen reibt sie fortwährend und kreisend über Ihre Eichel – etwa so, als würde sie einen Apfel polieren. Klingt harmlos? Sie werden jodeln, Mann!

Jodeln werden Sie womöglich auch, wenn Sie erfahren, dass das männliche Genital von den „Men’s Health“-Autoren nicht nur „Rettungsanker“ genannt wird, sondern auch „Ihr bester Freund“, „der kleine Don Juan“, „der gute Don“, „Donny“, „Don J.“, „Don“ oder schlicht „er“. Für den weiblichen Körper reichte die Phantasie dann nicht mehr, dort ist nur von „Lady K.“ die Rede.

Und wen es nicht abtörnt, sein Glied im Geiste „Don“ zu nennen, der steht bestimmt auch auf syntaktisch korrekten dirty talk:

Und noch ein kleiner Tipp am Rande: Nehmen Sie beim Blowjob ihren Kopf nur dann zwischen Ihre Hände, wenn sie ausdrücklich zu Ihnen sagt: „Nimm beim Blowjob meinen Kopf zwischen deine Hände!“ Genau mit diesen Worten.

Fast wünscht man sich die Zeiten zurück, in denen einem die „Bravo“ umständlich erklärte, was „Petting“ ist und dass man davon nicht schwanger werden könne.

Dann kommt’s aber endlich zum Höhepunkt und „Men’s Health“ fackelt ein Feuerwerk der sprachlichen Bilder ab, das garantiert das Rückenmark schädigt:

Ehe Sie wie Nut und Feder ineinander gleiten, sollten Sie die Zügel noch einmal strammziehen, die Geschichte etwas abbremsen.

[…]

Bevor er in tiefste Tiefen vordringt, soll er eine Zeit lang am Eingang stehen und mit der Dame plaudern. Reiben Sie seinen Kopf an ihrem Knöpfchen.

Und plötzlich beginnt man, Wolf Wondratschek zu schätzen.

18 Kommentare

  1. Slow Sex am langen Wochenende | stohl.de
    3. Mai 2009, 13:23

    […] Quatsch drauf klickt und im Bezug auf die zu erwartende Bodenlosigkeit selten enttuscht wird: Stilblmchensex. Boah. Schnen Sonntag […]

  2. alfred
    3. Mai 2009, 14:05

    Mens health ist (neben ab und zu mal ein paar Zeitungen zu Linux) die einzige zeitung die ich noch lese.
    eben wegen solcher artikel!
    isch liebe es.
    das ist hedonismus pur, ein bischen albern natürlich aber einfach toll.
    jedenfalls stehen da die dinge drin auf die es ankommt.
    wer höhere literatur braucht kann ja was anderes lesen

  3. Julia
    3. Mai 2009, 14:34

    ich glaub, ich brauch ein abo!

    und ich würd irre gern mal bei deren redaktionssitzung dabei sein. die brainstormen sicher total ernst über neue kosenamen.

  4. JCN
    3. Mai 2009, 15:53

    Zum Thema «bemerkenswerte Berichterstattung über Sex» kommt mir gerade ein mindestens mittelgradig alberner Artikel (http://www.ultimo-bielefeld.de/lokales/l-sex.htm) aus der Bielefelder Ultimo in den Sinn, in dem es über einen örtlichen Sexshop tatsächlich (unter anderem) heißt, die Teilzeitmitarbeiterin habe gerade beim Hersteller «einen Einführungskurs für Vibratoren absolviert». Oder über die Tageskarte des hauseigenen Kinos: «man kann so oft kommen wie man Lust hat.»

  5. Berlinessa_in_New_York
    3. Mai 2009, 15:57

    “Nimm beim Blowjob meinen Kopf zwischen deine Hände!” — Wer hat das noch nicht gesagt oder gehört? Dialoge wie aus dem Leben gegriffen.

    Herrlich! :-)

  6. Felix
    3. Mai 2009, 23:26

    Lese ich zu viel Englisch, wenn ich überlege, was der Quatsch mit Nuss und Feder soll?

  7. Raventhird
    3. Mai 2009, 23:29

    Das ist kein Einzelfall. Die auf jenem Mailportal geposteten Artikel unterbieten locker jede noch so schlechte Boulevardzeitung. Täglich.

  8. Johanna
    4. Mai 2009, 9:54

    Oh Gott, liebe Männer, ich hoffe ihr glaubt nicht daran!
    Ich halte mich dafür auch nicht an die Tipps der Frauenzeitschriften, wie ich euch am besten befriedige und alle sind glücklich!

  9. emzo
    4. Mai 2009, 20:20

    Ich muss gestehen, dass ich wirklich kurz davor war, vom Stuhl zu fallen. Ich habe mir vorgenommen öfter bei GMX vorbei zu schauen.

  10. Susanne
    4. Mai 2009, 20:28

    @Felix (falls der Kommentar ernst gemeint war): http://de.wikipedia.org/wiki/Nut-Feder-Verbindung

  11. Alberto Green
    4. Mai 2009, 20:29

    Iieeeeeh!!¡. Ich wollte doch noch Kinder!¡! Erinnert mich – 1000. Erinnert mich-Post von Alberto Green! – an irgendeinen der „Nackte Kanone“-Teile. „Purpur behelmter Liebeskrieger“ hieß es da, glaube ich.

  12. kreetrapper
    4. Mai 2009, 20:34

    You just made my day! :-)

    Kaum zu glauben, was mir da alles entgeht, nur weil ich meine Mails per POP3 abhole.

  13. Gedankenblasen » Blog Archiv » Versprengte Gedanken: Bevrijdingsdag
    6. Mai 2009, 0:36

    […] wo wir schon mal bei Coffee & TV sind. Hier geht es zu einem sehr lustigen Text dort, in dem ein Men’s Health-Artikel auf gmx.de thematisiert wird. Lange nicht mehr so […]

  14. Als Ich Ein Hamster War » Blog Archive » Es herrscht offenbar…
    6. Mai 2009, 4:36

    […] nach soviel Melancholie sollte wir alle mal wieder zusammen lachen jodeln, zum Beispiel drüben bei Coffee & TV: Jodeln werden Sie womöglich auch, wenn Sie erfahren, dass das männliche Genital von den […]

  15. malte
    6. Mai 2009, 18:29

    @julia
    müsste man zum brainstormen nicht über ein gehirn verfügen? (bei men’s hell nennt man gehirn übrigens: die schöne unbekannte)

  16. Kathi
    6. Mai 2009, 23:56

    Nut und Feder! Wieder was gelernt.

  17. Unsere Fotoshow: Der “King of Pop” brach so gut « Zivilschein
    13. Juli 2009, 21:07

    […] Unsere Fotoshow: Der “King of Pop” brach so gut Ich weiß, Symbolfotos sind eher Stefans Metier. Und dass die Loginseite bei gmx das pure Grauen für jeden mit einem Schamgefühl ist, hat der Lukas schon gezeigt. […]

  18. Coffee And TV: » Schöner Onanieren mit Bild.de
    24. Juli 2009, 0:10

    […] gestehen: Ich hab’s schon wieder getan. Ich wollte ja eigentlich nicht, aber jetzt hab ich wieder auf so einen Sex-Artikel geklickt, diesmal bei Bild.de, und schon nach dem ersten Absatz fühlte […]

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