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Digital

Harald

Es gibt Bevöl­ke­rungs­grup­pen, über die (fast) jeder eine Mei­nung hat, mit denen aber (fast) nie­mand spricht. Obdach­lo­se, zum Bei­spiel.

Harald ist obdach­los. Er ist (seit letz­ter Woche) 55 Jah­re alt und lebt seit 18 Jah­ren auf der Stra­ße – auf eine gewis­se Art frei­wil­lig, denn er ist stolz dar­auf, kei­ne staat­li­che Unter­stüt­zung in Anspruch zu neh­men.

Mei­ne Kol­le­gen Anja Booth und Nino Lex haben Harald über die Köl­ner Dia­ko­nie auf­ge­tan und für eine sehr beein­dru­cken­de Serie inter­viewt, die seit zwei Wochen im pro­bo­no-You­Tube-Kanal läuft. „Inter­viewt“ in dem Sin­ne: Sie haben Harald einen The­men­aspekt vor­ge­ge­ben und er hat dann minu­ten­lang erzählt, es gibt fast kei­ne Schnit­te.

Vier Fol­gen sind bis­her erschie­nen, wobei ich zum Ein­stieg Epi­so­de 3 emp­feh­le, in der Harald erzählt, wie er auf der Stra­ße gelan­det ist. Es ist eine trau­ri­ge Geschich­te, die bei ihm aber irgend­wie gar nicht so dra­ma­tisch klingt und die ver­mut­lich nicht mal son­der­lich sel­ten ist:

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Die Geschich­te von Harald wird noch eini­ge Wochen wei­ter erzählt, eine neue Staf­fel mit ande­ren Prot­ago­nis­ten ist bereits in Pla­nung.

„Mahl­zeit gegen Geschich­te“ bei pro­bo­no TV.

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Musik

Rivalen der Rennbahn

Einen Tag, nach­dem ich mei­ne letz­te Kili­ans-Show besucht hat­te, war ich auf einem ande­ren Kon­zert. Vor deut­lich weni­ger Zuschau­ern spiel­te die Dort­mun­der Indie­band The Rival Bid – und ich war schwer begeis­tert.

Auf mei­ner ima­gi­nä­ren „Klingt wie …“-Name­drop­ping-Vor­la­ge-Lis­te notier­te ich mir Inter­pol, The Edi­tors, Ele­fant und Bloc Par­ty, kauf­te die bis dahin schon erschie­ne­nen zwei Alben der Band und war­te­te seit­dem auf neue Ver­öf­fent­li­chun­gen, denn was die Musi­ker da an neu­en Songs spiel­ten, klang noch viel­ver­spre­chen­der als die ohne­hin schon guten ande­ren Songs.

Jetzt gibt es end­lich was neu­es: „Micha­el“, die ers­te Sin­gle aus dem Album „Night Remains“, das am 13. März erschei­nen soll. Der Song braucht ein biss­chen, bis er aus dem Quark kommt (und ist mit fünf Minu­ten natür­lich völ­lig unbrauch­bar fürs For­mat­ra­dio), belohnt einen dafür aber mit einem ziem­lich beein­dru­cken­den Span­nungs­bo­gen.

Mei­ne Damen und Her­ren – The Rival Bid:

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Film

Kulturpessimismus strikes again

„Bird­man“ wird dafür gefei­ert, dass er schein­bar ohne Schnit­te aus­kommt. Weni­ger Erwäh­nung fin­det, dass Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu den gesam­ten Film geschrie­ben und insze­niert hat, ohne die rech­te Hand aus der Hose zu neh­men.

Aber von vor­ne: Rig­gan Thom­son ist ein abge­half­ter­ter Schau­spie­ler, der mal einen Super­hel­den namens Bird­man gespielt hat und danach kei­nen gro­ßen Erfolg mehr fei­ern konn­te. Falls Sie es nicht mit­be­kom­men haben soll­ten: Das ist wahn­sin­nig lus­tig, weil Micha­el Kea­ton mal Bat­man gespielt hat und danach kei­ne gro­ßen Erfol­ge mehr fei­ern konn­te. Damit ken­nen Sie jetzt eigent­lich den gesam­ten Witz. Viel mehr fällt dem Film dazu jeden­falls nicht ein, etwas wirk­lich erin­nerns­wer­tes sagt er dazu nicht. Das erin­nert an die fürch­ter­li­chen Film­par­odien von Jason Fried­berg und Aaron Selt­zer. Die glau­ben eben­so, dass die rei­ne Erwäh­nung eines The­mas bereits ein Witz sei. Aber ich schwei­fe schon wie­der ab: Rig­gan Thom­son, der von Erschei­nun­gen sei­nes Alter Egos Bird­man geplagt wird, ver­sucht, etwas künst­le­risch Bedeut­sa­mes zu schaf­fen, in dem er sein ers­tes Thea­ter­stück insze­niert. Das funk­tio­niert aller­dings nur so mit­tel­mä­ßig. Der Vor­ver­kauf läuft schlep­pend. Die doo­fen Jour­na­lis­ten und Kri­ti­ker wol­len lie­ber über sei­ne Ver­gan­gen­heit als Bird­man reden. Sei­ne frisch aus dem Dro­gen­ent­zug ent­las­se­ne Toch­ter Sam ver­sagt in ihrer Rol­le als Assis­ten­tin. Sam wird übri­gens von Emma Stone gespielt. Falls Sie es nicht mit­be­kom­men haben soll­ten: Das ist wahn­sin­nig lus­tig, weil Emma Stone kürz­lich in den Super­hel­den­ver­fil­mun­gen „The Ama­zing Spi­der-Man“ 1 und 2 mit­ge­spielt hat.

Weil der wich­tigs­te Neben­dar­stel­ler wäh­rend der Pro­ben ver­letzt wird, muss ein Ersatz her. Um den schlep­pen­den Vor­ver­kauf anzu­kur­beln wird der Broad­way­star Mike Shi­ner her­an­ge­holt. Der gilt als Publi­kums­ma­gnet, ist aber gleich­zei­tig auf­grund sei­ner Künst­ler­al­lü­ren eine unkal­ku­lier­ba­re Gefahr für das Stück. Shi­ner wird von Edward Nor­ton gespielt … und falls Sie es nicht mit­be­kom­men haben: Das ist wahn­sin­nig lus­tig, weil Edward Nor­ton in Hol­ly­wood-Krei­sen als schwie­ri­ger Schau­spie­ler gilt und mal die Haupt­rol­le in der Super­hel­den­ver­fil­mung „The Incre­di­ble Hulk“ hat­te.

Unver­ständ­li­cher­wei­se wird „Bird­man“ all­ge­mein als Komö­die gehan­delt. Das Pro­blem dabei ist, dass Iñár­ri­tu im Alter von 7 Jah­ren nach einem schreck­li­chen Unfall der Sinn für Humor chir­ur­gisch ent­fernt wer­den muss­te, um ihm das Leben zu ret­ten. Zumin­dest erklä­re ich mir so sei­ne bis­he­ri­gen Fil­me wie „Babel“ oder „21 Gramm“. Die waren im wesent­li­chen quä­lend lan­ge Elend­spor­nos, die alle unter der Prä­mis­se ste­hen, dass das aus­führ­li­che Zei­gen von mensch­li­chem Leid auto­ma­tisch Tief­gang und Kunst bedeu­tet.

Ins­ge­samt haben vier Autoren am „Birdman“-Drehbuch geschrie­ben. Den Schreib­pro­zess stel­le ich mir dabei so vor: Die vier haben sich zusam­men­ge­setzt und haben eine Lis­te ver­fasst, was sie alles doof fin­den. Auf die­ser Lis­te befin­den sich unter ande­rem: Schau­spie­ler, die in Comic-Ver­fil­mun­gen auf­tre­ten, Film­jour­na­lis­ten, Thea­ter­kri­ti­ker, Thea­ter­schau­spie­ler, Thea­ter­be­su­cher, Leu­te, die Super­hel­den-Fil­me gucken, Face­book, Twit­ter, You­Tube. Anhand die­ser Lis­te wur­den lan­ge Rant-Mono­lo­ge ver­fasst und gleich­mä­ßig auf die Cha­rak­te­re ver­teilt. Die meis­ten die­ser Mono­lo­ge fal­len dabei in die Kate­go­rie „Ers­ter nahe­lie­gen­der Ein­fall“, wer­den aber im Ges­tus größt­mög­li­cher Tief­sin­nig­keit vor­ge­tra­gen. Das führt dann zu wahn­sin­nig ori­gi­nel­len Mono­log­the­men wie „Thea­ter­kri­ti­ker sind ja nur frus­triert, dass sie selbst kei­ne Kunst schaf­fen“ und „Jugend­li­che hän­gen auf Face­book und Twit­ter rum“. Das am stärks­ten behan­del­te The­ma der künst­le­ri­schen Bedeut­sam­keit wird immer­hin zu einem kon­sis­ten­ten Ende gebracht. Wäre da nicht das hin­ten­dran gekleis­ter­te Zusatz-Ende. In dem ver­hed­dert sich der Film hoff­nungs­los in sei­ner Meta­pho­rik und ent­schei­det sich für den Abgang mit Holz­ham­mer-Ambi­va­lenz.

Der Film greift rei­hen­wei­se The­men auf, kratzt kurz an der Ober­flä­che und wid­met sich dann einem neu­en Ziel. Es ist, als wür­de man Face­book-Kom­men­ta­re lesen: Kein Punkt und Kom­ma, stän­di­ge wir­re The­men­wech­sel, alles unter dem Gene­ral­bass „Alle doof außer ich“.

Die Ent­schei­dung, den Film als schein­ba­ren One-Take zu gestal­ten, wirkt dabei ähn­lich wirr. Natür­lich ist das tech­nisch schon fas­zi­nie­rend und sicher waren eini­ge lan­ge Sze­nen auch gro­ße orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­run­gen. Letzt­lich lau­tet die Begrün­dung für die­sen Auf­wand unterm Strich aber wohl doch „weil wir es kön­nen“. Ein erkenn­ba­res Kon­zept, das die End­los-Plan­se­quenz recht­fer­tigt, gibt es nicht. Sie dient weder dazu, uns an einem kon­stan­ten Fluss von Rig­gans Wahr­neh­mung teil­ha­ben zu las­sen (denn oft genug schwenkt die Kame­ra zu Epi­so­den ande­rer Cha­rak­te­re), noch erzählt sie einen unter­bre­chungs­lo­sen Zeit­raum. Und da sich ein Groß­teil des Films in der Enge des Thea­ters abspielt, nutzt sich auch der opti­sche Reiz bald ab. Inter­view-Aus­sa­gen, dass das One-Take-Kon­zept noch vor der Sto­ry oder dem Haupt­cha­rak­ter fest­stan­den, bestä­ti­gen die­sen Ein­druck.

In sei­ner Hal­tung gegen­über dem Publi­kum erin­nert „Bird­man“ an Micha­el Han­eke. Der hat in „Fun­ny Games“ eine Gewalt­or­gie insze­niert, um sich hin­ter­her bigott über das Publi­kum zu stel­len und den Zuschau­ern vor­zu­wer­fen, wie doof sie doch sind, sich sowas anzu­gu­cken. Iñár­ri­tu ver­sucht sich an einem ganz ähn­li­chen Manö­ver. Damit es auch der letz­te mit­be­kommt, gibt es näm­lich im letz­ten Drit­tel des Films noch einen Mono­log, in dem Bird­man per­sön­lich dem Publi­kum unmiss­ver­ständ­lich die Mei­nung sagt. Kurz zusam­men­ge­fasst: „Ihr seid doch doof, dass ihr euch Super­hel­den­fil­me anguckt, anstatt ech­ter Kunst. Kunst, wie, sagen wir mal … Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu sie macht. Und ihr war­tet doch nur auf Explo­sio­nen, hier habt ihr Explo­sio­nen, das wollt ihr doch.“ Die Iro­nie, dass der Film sich mit sei­nem effekt­ha­sche­ri­schen One-Take und Stunt­cas­ting exakt der Mecha­nis­men bedient, die er Comic-Ver­fil­mun­gen vor­wirft, ist dabei wohl kei­nem der vier Autoren auf­ge­fal­len.

Soll­ten Sie also am Mon­tag­mor­gen gegen 4:30 lau­tes, wüten­des Geze­ter hören: Das bin ich, soll­te „Bird­man“ statt „Boy­hood“ den Oscar als bes­ter Film gewin­nen.

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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 9

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Am Anschlag auf Char­lie Heb­do und die Pres­se­frei­heit führt auch bei uns kein Weg dran vor­bei: Wir dis­ku­tie­ren, was Sati­re darf, und fra­gen uns, wie man Sala­fist wird, wäh­rend Lucky über­ra­schend sein Mit­ge­fühl für Kar­ne­va­lis­ten ent­deckt.
Über einen Umweg nach Wien gelan­gen wir nach Grie­chen­land und zur Geld­ma­schi­ne Olym­pi­sche Spie­le.
Fred hält einen Nach­ruf auf Alt­bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker und Lucky freut sich auf die Ober­bür­ger­meis­ter­wahl in Bochum.

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Rundfunk Gesellschaft

Chips essen mit Heidi

Nun star­te­te also letz­te Woche wie­der „Germany’s Next Top­mo­del“ (GNTM), und ich habe mich drauf gefreut. Mir gefällt die­se bun­te Glit­zer­welt, die Aus­flü­ge nach Ame­ri­ka und in die gan­ze Welt, schö­ne Klei­der, hüb­sche Frau­en, tol­les Make Up, das Umsty­ling, und selbst Hei­di Klum in ihrer Pro­fes­sio­na­li­tät und ihrer Arbeits­ethik fin­de ich nicht so unsym­pa­thisch wie vie­le ande­re. Das schlech­te Gewis­sen aber nagt an mir, denn ich fra­ge mich, ob ich mich als Femi­nis­tin bezeich­nen kann und trotz­dem Spaß an die­ser Sen­dung haben darf, der ja von vie­len unter­stellt wird, die abso­lu­te Anti-Femi­nis­mus-Bewe­gung zu ver­kör­pern?

Frau­en wer­den zu Objek­ten, heißt es, und das sei nicht gut, denn sie wür­den redu­ziert auf ihre Kör­per, die sie den herr­schen­den, von Män­ner­bli­cken geform­ten, Nor­men unter­wer­fen. Das kann man eigent­lich als jemand, der sel­ber eine Frau ist, nicht gut fin­den, und als sen­si­bler Mann eben­falls nicht.

Wenn ich nun sage: Aber ich FREUE mich doch für die­se Frau­en, die so wun­der­schön sind und sich geschmei­dig bewe­gen und schö­ne Klei­der tra­gen und von denen tol­le Fotos gemacht wer­den, ich applau­die­re ihnen – dann ist das aber immer noch Objek­ti­fi­zie­rung, und als sol­che abzu­leh­nen.

Man könn­te aber auch sagen: Ich freue mich für ande­re Frau­en, wenn sie toll aus­se­hen, aber dabei blei­be ich nicht ste­hen. Ich lie­be es, wenn mei­ne Freun­din­nen so viel Zeit für sich haben, dass sie sich die Fin­ger­nä­gel lackie­ren kön­nen oder einen neu­en Lip­pen­stift haben, wenn sie toll aus­se­hen, aber dabei bleibt es dann ja nicht ste­hen. Ich sage ihnen, dass sie toll aus­se­hen, nei­ge aber immer dazu, das als Aus­druck einer inne­ren Ver­fas­sung zu sehen, näm­lich, dass es ihnen gut geht. Und ich wür­de nicht auf die Idee kom­men, es bei die­ser Objek­ti­fi­zie­rung zu belas­sen, denn immer steht ein Mensch dahin­ter, dem es zu begeg­nen gilt. Und des­we­gen glau­be ich, dass mei­ne Begeis­te­rung für GNTM nicht einer femi­nis­ti­schen Hal­tung wider­spricht.

Aber es gibt ein Pro­blem bei GNTM, das mich wirk­lich ärgert und mich umtreibt, je älter ich wer­de und das sich, seit ich das Stu­di­um been­det habe und im Beruf ste­he, zuneh­mend ver­schärft.

Ich arbei­te als Leh­re­rin an einem Gym­na­si­um und habe vie­le schlaue Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Wenn ich sie zu GNTM befra­ge, geben sie an, die Sen­dung „schon lan­ge“ nicht mehr zu schau­en oder höchs­ten mal ab und zu, kei­ne von mei­nen Schü­le­rin­nen im Leis­tungs­kurs zeigt eine Begeis­te­rung für die Sen­dung, obwohl vie­le von ihnen dar­an teil­neh­men könn­ten. Sie wol­len aber kei­ne Models wer­den, son­dern Medi­zin stu­die­ren, Mathe und Jura, sie wol­len Leh­rer wer­den und Poli­zis­tin­nen. Na bit­te. Das ist natür­lich nur ein win­zi­ger Mini-Aus­schnitt der Gesamt-Rea­li­tät, aber ich wür­de wet­ten, an vie­len ande­ren Gym­na­si­en im Land sieht es genau so aus. Model ist kein Traum­be­ruf, die Sen­dung ist eine bun­te Kulis­se, ein Traum­land, das wis­sen die Schü­le­rin­nen von heu­te. Es gilt, wei­ter­hin dar­über auf­zu­klä­ren, aber es ist nicht das päd­ago­gi­sche Haupt­pro­blem der Sen­dung.

Klas­sen­fahr­ten sind immer eine gute Gele­gen­heit, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die man vor­mit­tags unter­rich­tet, auch mal in ande­ren Situa­tio­nen zu erle­ben, und so saß ich neu­lich zwi­schen zwei­en mei­ner schöns­ten und schlau­es­ten 17jährigen Schü­le­rin­nen, die sich beim war­men Abend­brot jeweils nur die Gemü­se-Bei­la­gen hat­ten geben las­sen. Auf Nach­fra­ge sag­te die eine sehr über­zeu­gend: „Ich habe nicht so viel Hun­ger!“ und die ande­re, im Plau­der­ton: „Wegen low carb – es ist doch bes­ser, abends kei­ne Koh­le­hy­dra­te zu essen.“ Ich bin auf die­sem Gebiet nicht beson­ders bewan­dert (aber das Kon­zept ist umstrit­ten), aß schwei­gend mei­ne Pom­mes wei­ter, wäh­rend die bei­den schon wie­der über etwas ganz ande­res rede­ten. Die Bei­läu­fig­keit der Low-Carb-Bemer­kung zeig­te, dass das The­ma unter den Schü­lern ganz nor­mal und alt­be­kannt ist, und die ande­re Schü­le­rin ent­wi­ckel­te wäh­rend der gan­zen Fahrt kei­nen gro­ßen Hun­ger und blieb dis­zi­pli­niert bei ihren Bei­la­gen. Sogar abend­li­che Chips und Gum­mi­bär­chen wur­den nicht nur von den bei­den Mäd­chen ver­schmäht, wäh­rend sie mir Geschich­ten über eine ande­re, abwe­sen­de Leh­re­rin erzähl­ten, die „auch“ auf Klas­sen­fahr­ten immer ganz vie­le Chips äße (so wie ich).

Es sind sehr klu­ge jun­ge Frau­en, die im Som­mer ihr Abitur machen, und sie sind mit einer Sen­dung wie GNTM groß gewor­den. 2006, als die ers­te Staf­fel lief, waren sie noch Kin­der, für sie ist es Nor­ma­li­tät, dass es eine Sen­dung gibt, in der expli­zit Schön­heit, Erfolg und Schlank­sein gleich­ge­setzt wer­den. Aber das gilt ja nicht nur für GNTM. Auch wenn die Schü­le­rin­nen über­haupt nicht Model wer­den wol­len, wis­sen sie, dass es für eine erfolg­rei­che Kar­rie­re wich­tig sein kann, auch optisch zu ent­spre­chen. Dass man in die Stan­dard-Kon­fek­ti­ons­grö­ßen bei h&m pas­sen muss, um eine ech­te Prot­ago­nis­tin zu sein, um eine Rol­le im Leben zu spie­len. Dicke­re Men­schen kom­men ja nicht nur bei GNTM nicht vor, son­dern sind in den Medi­en gene­rell unter­re­prä­sen­tiert, und wenn, dann in den Rol­len der lus­ti­gen Dicken, die man nicht ernst neh­men muss, und deren Gewicht auch meist als pro­ble­ma­tisch the­ma­ti­siert wird. Und dann gibt es ja die soge­nann­ten „Plus-Size-Models“ (zur Pro­ble­ma­tik des Begriffs sie­he hier), die es dann sogar auf das Cover der „Sports Illus­tra­ted“ schaf­fen, was von der Zeit­schrift selbst als gro­ßer Schritt ver­kauft, aber dann vom Model selbst als „lächer­lich“ bezeich­net wird, weil sie näm­lich nicht über­ge­wich­tig ist (wel­che Ska­la man dafür auch immer neh­men will).

Jetzt beginnt also wie­der GNTM, es ist 20.39 Uhr und Hei­di isst das ers­te Mal Döner im Bus. Man sieht sie zwei Mal abbei­ßen, das reicht schon, um sub­til zu zei­gen, dass sie ganz nor­mal isst. Sieht man Hei­di eigent­lich auch mal beim Sport?
Eben lief Ana­bell, 16, durch ein Ein­kaufs­cen­ter, sie ist 1.83 Meter groß und hat ein unglaub­li­ches Gesicht, sie ist ger­ten­schlank, wie schön für sie, und sie trug eine tol­le Ket­te, und ich fand sie SO. SCHÖN.

Hei­di Klum fand sie auch schön. Das ist ihr Job.
Sie hat kei­nen expli­zit päd­ago­gi­schen Auf­trag, sie befragt nicht die Ver­hält­nis­se, auf die sie die Mäd­chen (schein­bar) vor­be­rei­ten will. Ja, die (pri­va­ten) Medi­en erzie­hen unse­re Kin­der mit, aber nie­mand hat sie damit beauf­tragt, eine Gesell­schaft muss es aus­hal­ten, dass es eine Wer­te­viel­falt gibt. Das bedeu­tet auch, dass es Wer­te gibt, die z.B. ich als Päd­ago­gin nicht ver­tre­ten wür­de. Was Hei­di Klum ver­mit­telt, ist Anpas­sung an alle Anfor­de­run­gen, und mögen sie noch so absurd sein.
Das ist nichts neu­es, aber mei­ne Unzu­frie­den­heit damit wächst. Mei­net­we­gen spielt doch allen vor, dass das Model­busi­ness aus span­nen­den Foto­shoo­tings besteht, aus hüb­schen Kla­mot­ten, alber­nen Wer­be­spots, Rei­sen um die Welt. Das kann alles Thea­ter sein, das fin­de ich nicht schlimm (im Gegen­teil), da muss Auf­klä­rung geleis­tet wer­den, und die Schü­le­rin­nen, die ich ken­ne, sind dar­über auch gut infor­miert.

Aber war­um steht die­se Welt nur den schlan­ken Grö­ße 32 Frau­en zur Ver­fü­gung? Unser Begriff von Schön­heit steht in enger Bezie­hung zu dem, was uns immer und immer wie­der als „schön“ ver­kauft wird. Hei­di Klum steht jetzt da, wo sie nie­mand mehr stür­zen kann, sie kann machen, was sie will.
War­um unter all den schö­nen Mäd­chen nicht mal eine mit Klei­der­grö­ße 38, Klei­der­grö­ße 40, für den Anfang, und dann dar­über hin­aus? Ein­fach meh­re­re nicht schlan­ke Mäd­chen in die Sen­dung ein­bau­en und das viel­leicht nicht mal the­ma­ti­sie­ren? Und dann essen alle zusam­men Döner, Chips, Gum­mi­bär­chen und Pom­mes und lachen über den gan­zen Quatsch mit dem low carb, weil das Leben kurz ist und es wich­tig ist, zu genie­ßen. Zei­gen, dass Kör­per nicht stän­dig gebän­digt wer­den müs­sen und im Zaum gehal­ten durch das Essen von Bei­la­gen, und dass sat­te und zufrie­de­ne Men­schen sehr glück­lich und damit auch sehr schön und damit auch erfolg­reich sein kön­nen? (Ich hat­te, was das angeht, gro­ße Hoff­nun­gen in Gui­do Maria Kret­sch­mars Sen­dung „Deutsch­lands schöns­te Frau“ gesetzt, die aber lei­der ent­täuscht wur­den, tref­fend dar­ge­stellt auf sueddeutsche.de.)

Eine Freun­din von mir sag­te, das wür­de nie­mand mehr sehen wol­len, wenn auf ein­mal die Frau­en im Fern­se­hen „echt“ wären. Zumin­dest für mich gilt das nicht. Ich will vie­le schö­ne Frau­en im Fern­se­hen sehen, die nicht alle super­schlank sind. Ich will nicht, dass mir und mei­nen Freun­din­nen und mei­nen Schü­le­rin­nen stets ein Schön­heits­ide­al vor­ge­setzt wird, dem über­haupt nur 2% aller Men­schen ent­spre­chen kön­nen.
Ich will nicht, dass mei­ne Schü­le­rin­nen sich über Kon­zep­te wie „low carb“ unter­hal­ten, denn das nimmt ihnen Zeit und gedank­li­che Kapa­zi­tät, sich über ande­res, wich­ti­ge­res Gedan­ken zu machen. Ich will nicht, dass sich völ­lig nor­ma­le Schü­le­rin­nen als „zu fett“ bezeich­nen, ich will auch nicht, dass ein über­ge­wich­ti­ges Mäd­chen sich auf­grund sei­ner Kör­per­lich­keit als Mensch wert­los fühlt.

Aber dazu trägt Hei­di Klums Sen­dung defi­ni­tiv bei, aber ALLE ANDEREN SENDUNGEN AUCH. Ich möch­te mehr Viel­falt der Kör­per in den Medi­en. Denn unse­re Kin­der wer­den auch durch die Medi­en erzo­gen, und es ist wich­tig, ihnen auch hier zu zei­gen, dass man auch ohne Grö­ße 32 schö­ne Klei­der tra­gen kann, glück­lich sein kann, Kar­rie­re machen kann, lie­ben und geliebt wer­den kann, dass man die Prot­ago­nis­tin des eige­nen Lebens sein kann.

Die Orga­ni­sa­ti­on „pink stinks“ (mit blö­dem Namen, aber den rich­ti­gen Zie­len) hat sich genau das zur Auf­ga­be gemacht und tourt als ers­te Orga­ni­sa­ti­on ihrer Art durch die Schu­len, um auf die­ses Pro­blem auf­merk­sam zu machen.

Sie wer­fen unter ande­rem fol­gen­de Fra­gen auf: „War­um zeigt die Wer­bung nur extrem schlan­ke Models? War­um pro­tes­tie­ren wir nicht dage­gen? Wer ver­dient an die­sem uner­reich­ba­ren Ide­al?“
und schrei­ben wei­ter: „Es ist ver­rückt, dass wir auf­ar­bei­ten müs­sen, was Pro­Sie­ben ver­ur­sacht.“ Aber es ist nicht nur Pro Sie­ben, es sind doch alle Sen­der, es sind die Frau­en­zeit­schrif­ten, die ihre Lese­rin­nen heim­lich has­sen, es ist die Wer­bung, es sind wir sel­ber.

Ich gucke wei­ter GNTM, ich lie­be die Illu­si­on, das Wun­der­land, das in der Sen­dung vor­ge­gau­kelt wird. Dafür darf man mich ger­ne blöd fin­den, ist mir egal.
Ich neh­me mir nächs­ten Don­ners­tag eine Tüte Chips zur Hand und lackie­re mir die Fin­ger­nä­gel und gehe frei­tags wie­der in die Schu­le, wo ich den Schü­le­rin­nen nur vor­le­ben kann, gegen Hei­di Klum und die Gesell­schaft, für die sie sym­bo­lisch steht, dass ich auch mit nicht-Grö­ße-32 lie­bens­wert und wert­voll und schlau bin.

Wäre ich opti­mis­tisch, könn­te ich den Arti­kel damit been­den, dass ich sage, ich glau­be, dass sich die Gesell­schaft lang­sam zum bes­se­ren wan­delt und dass wir auf hal­bem Weg sei­en. Immer­hin ist die Debat­te über die­ses The­ma ja ange­sto­ßen und wird geführt.
Wäre ich pes­si­mis­tisch, wür­de ich sagen, dass sich zumin­dest bei GNTM nichts in die­ser Hin­sicht geän­dert hat und das auch nie pas­sie­ren wird.

Aber ich möch­te ger­ne opti­mis­tisch blei­ben, und des­we­gen blei­ben die Kom­men­ta­re unter die­sem Arti­kel auch geschlos­sen.

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Familie Leben

Nachtgeschichte

Heu­te Nacht ist er das ers­te mal plötz­lich wach. Er hat nicht geweint.
Ich schla­ge die Augen auf und er liegt neben mir. Zieht mir, wenig zärt­lich, an den Haa­ren und lacht, als gehe die Son­ne auf.
Es ist aller­dings erst zwei Uhr. Nachts. Die Son­ne hat noch nicht ein­mal dar­an gedacht, wie­der auf­zu­ge­hen.
„Dada bab­aba da“, höre ich.
„Genau“, den­ke ich bene­belt.
Zunächst ver­su­che ich, mich schla­fend zu stel­len. Viel­leicht schläft er ja dann auch wie­der ein. Er brab­belt und lacht aber ein­fach fröh­lich wei­ter und will mir offen­sicht­lich mit­tei­len, wie schön er es fin­det, gera­de so wach neben mir rum­zu­stram­peln. Das ist ja auch ne ganz neue Erfah­rung. Alles so dun­kel und ruhig.
Schla­fend stel­len funk­tio­niert also nicht. „Ich kann aber nicht schla­fen wenn er nicht schläft“, den­ke ich und döse weg. 10 Minu­ten spä­ter mache ich die Augen wie­der auf. Naja eher das eine Auge, das ande­re will nicht, das schläft ein­fach wei­ter.
Ich ste­he auf, neh­me ihn auf den Arm und lau­fe wip­pend durchs Zim­mer.
Wipp Wipp Wipp, Schu­ckel Schu­ckel Schu­ckel.
Und lau­fe voll vor die Wäsche­ton­ne. Ver­dammt.
Wir zucken bei­de erschro­cken zusam­men und sind aus der Ent­span­nung geris­sen. Naja, müder ist er offen­sicht­lich eh nicht gewor­den. Er strahlt mich von mei­nem Arm aus an und betrach­tet auf­merk­sam die dunk­le Umge­bung. Zwi­schen­durch ver­sucht er im Vor­bei­ge­hen, Din­ge von der Kom­mo­de zu schnap­pen.
Wir legen uns wie­der ins Bett. Mitt­ler­wei­le ist es 3 Uhr. Ich sehe neben mich. Er liegt auf dem Bauch und trom­melt mit bei­den Hän­den begeis­tert auf mei­nem nack­ten Unter­arm. Mein per­sön­li­cher Applaus.
3 Uhr 15. Er liegt auf dem Rücken neben mir und ist mitt­ler­wei­le dazu über­ge­gan­gen, sei­ne Hän­de im Dun­keln zu betrach­ten. Ich muss unwill­kür­lich lächeln. Das ist so ein fried­li­ches, voll­kom­me­nes Bild. Er betrach­tet die Hän­de kon­zen­triert und dreht sie hin und wie­der her, hin und her, hin und her, hin und her und gähnt.
Er gähnt.
Ha!
Ich schnap­pe ihn mir erneut und lau­fe wip­pend und Kind-schu­ckelnd durch den Raum. Er sieht mich an und lächelt breit. Kein Anzei­chen von Müdig­keit mehr vor­han­den. Viel­leicht hat­te ich mir das Gäh­nen auch nur erträumt.
Ich lege ihn wie­der neben mich ins Bett. Es ist halb 4. Lang­sam wer­den sei­ne Augen dann doch müde und er reibt sie mit sei­nen klei­nen Händ­chen.
Ich neh­me ihn in den Arm und wie­ge ihn leicht.
Die Augen schlie­ßen sich.
Sein Atem wird gleich­mä­ßi­ger, mei­ner auch.
Ich schlie­ße die Augen.
Stil­le.
Etwas zieht mich an den Haa­ren.
Ein „Bab­aba“ kämpft sich in mein müdes Bewusst­sein.
Mei­ne Augen kämp­fen erneut, um sich zu öff­nen.
Er lacht mich an.
Ich schaue auf die Uhr.
Es ist zwan­zig vor 4.
Nachts.
Gut ange­täuscht.
Ich ste­he auf, um wach zu wer­den, und spie­le kurz mit dem Gedan­ken, den Tag ein­fach zu begin­nen und Kaf­fee zu kochen, ent­schei­de mich aber aus zwan­zig vor vier Grün­den dage­gen.
Ich set­ze mich zu ihm ins Bett, set­ze ihn in mei­nen Schnei­de­sitz und wie­ge mich mit ihm hin und her. Ich ver­su­che zu sin­gen, aber sogar mei­ne Stim­me und mein Mund sind zu müde, es ist eher ein Kräch­zen. Ihm und mir zulie­be las­se ich das lie­ber.
Es ist 4 Uhr.
Er wiegt sich neben mir im Dun­keln hin und her, stram­pelt, lacht, kaut auf sei­nem Nil­pferd rum.
Ich mache die Affen­spiel­uhr an.
La Le Lu erfüllt den Raum.
Bei mir funk­tio­niert das super, ich wer­de direkt noch müder.
Er lacht mich an und freut sich über die Musik. So lie­gen wir da.
Abwar­tend.
Es ist 4 Uhr 15, als er end­lich beginnt, allei­ne die Augen zu schlie­ßen. Ich sehe ihm beim Ein­schla­fen zu. Ich betrach­te das klei­ne, völ­lig fried­li­che, wun­der­schö­ne Gesicht.
Es ist 4Uhr 30. Er schläft und ich bin müde, müde, müde und voll mit Lie­be für die­ses klei­ne Wesen.
Mor­gen ist Kaf­fee mein bes­ter Freund.

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Leben

Schwarz-Weiß-Bäckerei

Das hät­te so eine schö­ne Geschich­te wer­den kön­nen. Über Nost­al­gie und Poli­ti­cal Cor­rect­ness, über kul­tu­rel­le Iden­ti­tä­ten und Gebäck. Viel­leicht hät­te Harald Mar­ten­stein die Mel­dung auf­ge­grif­fen und falsch ver­stan­den, viel­leicht hät­te ich irgend­ei­nen Repor­ter­preis bekom­men. Aber: nee!

Anders gesagt: Weil ich nicht jeden Mor­gen vor der Arbeit in der glei­chen Bäcke­rei ein Mett­bröt­chen und eine Rosi­nen­schne­cke kau­fen will (die Ver­käu­fe­rin­nen ken­nen mich inzwi­schen, bald schon wer­den sie mich beim Namen nen­nen), war ich letz­te Woche bei einem Mit­be­wer­ber und kauf­te ein Mett­bröt­chen und – einen Ame­ri­ka­ner.

Ich mag die­ses Gebäck mit dem merk­wür­di­gen Namen (bit­te unbe­dingt auch den Wiki­pe­dia-Ein­trag dazu lesen!) und ich mag es seit mei­ner Kind­heit. Nur: Damals waren die Ame­ri­ka­ner schwarz. Ich bin ein Fan von kakao­hal­ti­ger Fett­gla­sur, Zucker­guss ist eher nicht so mein Ding. Aber die meis­ten Ame­ri­ka­ner, die man heu­te kau­fen kann, sind weiß. Der, den ich kauf­te, war immer­hin halb-halb. Aber: War­um ist das so?

Zunächst ein­mal stell­te ich fest, dass ich mit „damals“ womög­lich auf dem Holz­weg war: Umfra­gen im Kol­le­gen­kreis erga­ben, dass Ame­ri­ka­ner andern­orts schon frü­her eher weiß oder halb-halb gewe­sen waren, gänz­lich schwar­ze waren teil­wei­se unbe­kannt. Han­del­te es sich dabei also um eine Dins­la­ke­ner Spe­zia­li­tät, gar eine der inzwi­schen geschlos­se­nen Bäcke­rei Hal­len?

Amerikaner (Gebäck)

Bei den Begrif­fen „Ame­ri­ka­ner“, „schwarz“ und „weiß“ fällt es schwer, nicht an etwas ande­res zu den­ken als an so ein bana­les Teil­chen. Und des­we­gen war ich auch neu­gie­rig, was eine mög­li­che Evo­lu­ti­on des Ame­ri­ka­ners anging: War ich hier grö­ße­ren Poli­ti­cal-Cor­rect­ness-Zusam­men­hän­gen auf der Spur? Aber wie hät­ten die aus­ge­se­hen? Wäre die Bezeich­nung „Ame­ri­ka­ner“ für ein schwar­zes Back­werk ras­sis­tisch gewe­sen oder für ein wei­ßes? Schon bevor es los­ging, hat­te ich mich hoff­nungs­los in der Seman­tik ver­hed­dert.

Egal: Ich woll­te Fak­ten und schick­te eine Pres­se­an­fra­ge an den Zen­tral­ver­band des Deut­schen Bäcker­hand­werks.

- Täuscht mich mein Ein­druck und war die Domi­nanz der „schwar­zen Ame­ri­ka­ner” in mei­ner Kind­heit womög­lich regio­nal bedingt? (Ich bin am Nie­der­rhein auf­ge­wach­sen.)
– Hat es tat­säch­lich eine Art Evo­lu­ti­on bei der Gla­sur der Ame­ri­ka­ner gege­ben? Falls ja: Wel­che Grün­de gab es dafür?
– Gibt es irgend­wel­che Sta­tis­ti­ken dar­über, wie die pro­zen­tua­le (womög­lich gar: regio­na­le) Ver­tei­lung der ver­schie­de­nen Gla­su­ren aus­sieht?

Dort konn­te man mir nicht wei­ter­hel­fen und ver­wies mich an den Deut­schen Kon­di­to­ren­bund. (Ich den­ke mir die­se Ver­bän­de und Bün­de übri­gens nicht aus. Ich bin mir sehr sicher, dass sie bereits seit dem Mit­tel­al­ter exis­tie­ren und auch noch da sein wer­den, wenn die letz­ten Zei­tun­gen, TV-Sen­der und Mul­tich­an­nel Net­works dicht gemacht haben wer­den.)

Die Ant­wort auf mei­ne (zuge­ge­be­ner­ma­ßen reich­lich beklopp­ten) Fra­gen fiel durch­aus rüh­rend, aber auch etwas unbe­frie­di­gend aus:

Sehr geehr­ter Herr Hein­ser,
über Ihr Inter­es­se an dem Back­erzeug­nis „Ame­ri­ka­ner“ freu­en wir uns.
Die Gla­sur eines „Ame­ri­ka­ners“ hat vie­le /​ zahl­rei­che Spiel­ar­ten. Aller­dings gibt es bis heu­te kei­ne sta­tis­ti­sche Anga­ben über die Häu­fig­keit der ver­schie­de­nen Erschei­nungs­for­men. Ohne ent­spre­chen­de Erhe­bun­gen fehlt es daher an der Tat­sa­chen­ba­sis, um Ihre Fra­gen zuver­läs­sig beant­wor­ten zu kön­nen.

Ich bin jetzt so schlau wie vor­her – tat­säch­lich bin ich sogar neu­gie­rig, wie die wei­te­ren der zahl­rei­chen Gla­sur-Spiel­ar­ten wohl aus­se­hen könn­ten.

Aber ich dach­te mir: Wenn ich schon erfolg­los im Diens­te der Leser­schaft recher­chiert habe, krie­gen wir das ja viel­leicht umge­kehrt hin.

Also: Wel­che Gla­sur hatten/​haben die Ame­ri­ka­ner denn so bei Ihnen in der Regi­on? Und: Wol­len Sie die Zucker­guss­hälf­te von mei­nem?

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Lucky & Fred: Episode 8

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Wir bli­cken zurück auf das Jahr 2014 und sei­ne bizarrs­te Bewe­gung: Pegi­da. Nach­dem wir uns von die­sem Schock erholt haben, spre­chen wir über Udo Jür­gens, das Medi­en­exil und das Wort des Jah­res 2015.

(Wir haben die Sen­dung vor den trau­ri­gen Ereig­nis­sen in Paris auf­ge­zeich­net.)

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Wette sich, wer kann

Die Nach­richt, dass die Unter­hal­tungs­sen­dung „Wet­ten, dass..?“ nach 33 Jah­ren ihren Geist auf­ge­ben wür­de, war der Redak­ti­on von „Spie­gel Online“ am Abend des 5. April sogar eine Brea­king News wert. Aut­op­sie und Trau­er­fei­er waren da bereits in vol­lem Gan­ge.

Das ZDF wur­de für sei­ne Pres­se­mit­tei­lungs­for­mu­lie­rung der „geän­der­ten Seh­ge­wohn­hei­ten“ mit Häme über­zo­gen – über­wie­gend von Men­schen, die ger­ne ame­ri­ka­ni­sche TV-Seri­en auf Com­pu­tern und Tablets schau­en und sich Sonn­tags­abends online ver­ab­re­den, um gemein­schaft­lich eine ein­zel­ne deut­sche TV-Serie schei­ße zu fin­den. Mar­kus Lanz und die Redak­ti­on wur­den zu den Allein­schul­di­gen erklärt, was auch Quatsch war: Zwar hat­ten der jovia­le Bau­markt­er­öff­nungs­ch­ar­meur und sei­ne Trup­pe im Hin­ter­grund, die es auch schon mal für eine gute Idee gehal­ten hat­te, sich völ­lig ohne Grund eine aus­schwei­fen­de Ras­sis­mus­de­bat­te an den Hals zu holen, tat­säch­lich kei­nen guten Job gemacht, aber das Pro­blem lag auch woan­ders. In einer Zeit, wo wirk­lich jeder durch Cas­ting­show und You­Tube zum „Star“ wer­den kann, braucht der Nor­mal­bür­ger kei­ne absei­ti­gen Bega­bun­gen mehr, um für einen Abend im Ram­pen­licht zu ste­hen. Man kann es jetzt zu mit­tel­fris­ti­ger TV-Pro­mi­nenz brin­gen, ohne Wärm­fla­schen auf­zu­pus­ten oder die Post­leit­zah­len aller deut­schen Städ­te benen­nen zu kön­nen. 1 Frank Elst­ner mel­de­te sich auf Twit­ter zu Wort und vie­ler­orts las man wie­der von Elst­ner, klei­nen Kin­dern in der Bade­wan­ne und im Bade­man­tel. 2

Immer wie­der kam das Bild auf, das Flo­ri­an Illies 2000 beschrie­ben hat­te: Wie er als Kind Sams­tags­abends, frisch geba­det und im Bade­man­tel auf der Couch sit­zen und „Wet­ten, dass..?“ mit Frank Elst­ner gucken durf­te. Illies beschrieb dies in sei­nem Best­sel­ler „Gene­ra­ti­on Golf“, des­sen Titel schon Teil des Pro­blems ist, zu dem wir gleich noch kom­men, und je mehr deckungs­glei­che Wort­mel­dun­gen in den Sozia­len Netz­wer­ken auf­schlu­gen, des­to boh­ren­der wur­de die Fra­ge: Hat­ten wir – das Per­so­nal­pro­no­men ist hier beson­ders wich­tig – wirk­lich so ähn­li­che Kind­heits­er­leb­nis­se oder brach sich hier gera­de die Erin­ne­rungs­ver­fäl­schung Raum, die sonst ger­ne auch schon mal ger­ne dafür sorgt, dass Men­schen sich detail­reich dar­an erin­nern, wo sie bei der Mond­lan­dung, der Ermor­dung John F. Ken­ne­dys, dem Mau­er­fall, dem Unfall­tod von Dia­na Spen­cer und am 11. Sep­tem­ber 2001 waren – nur, dass das oft gar nicht stimmt.

Ich für mei­nen Teil bin zum Bei­spiel zu jung, um jemals bewusst „Wet­ten, dass..?“ mit Frank Elst­ner gese­hen zu haben. Ich erin­ne­re mich an eine Aus­ga­be, in der jemand mit­hil­fe hand­li­cher Schrott­bal­len sagen konn­te, um was für ein Auto es sich zuvor gehan­delt hat­te. Es mag mein ers­ter bewuss­ter Kon­takt mit der Sen­dung gewe­sen sein, der Mode­ra­tor war wohl schon Tho­mas Gott­schalk und wenn es da drau­ßen jeman­den gibt, der auf Anhieb sagen kann, ob das stimmt, wann die Sen­dung lief und aus wel­cher Mehr­zweck­hal­le die Sen­dung damals kam, dann ist es jetzt zu spät, um aus die­ser Insel­be­ga­bung noch Kapi­tal zu schla­gen.

Frank Elst­ner, das war für mich der Mode­ra­tor von „Nase vorn“, dem viel­leicht über­am­bi­tio­nier­tes­ten Unter­hal­tungs­show­ver­such, bis es ProSiebenSat1 mit der „Mil­lio­närs­wahl“ ver­such­te, und der teil­wei­se live von der Trab­renn­bahn in Dins­la­ken über­tra­gen wur­de, in deren buch­stäb­li­cher Wurf­wei­te unse­re dama­li­ge Woh­nung lag. Mit gro­ßem Eifer glotz­te ich damals jede Sams­tag­abend­show weg, die das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen Ende der 1980er, Anfang der 1990er auf die Gebüh­ren­zah­ler los­ließ, 3 zur Not zwang ich mei­ne Groß­el­tern (und nicht anders­her­um), mit mir den „Musi­kan­ten­stadl“ zu schau­en – es war eben Sams­tag­abend, ich war da und woll­te unter­hal­ten wer­den! Am Liebs­ten aber die „Rudi Car­rell Show“ 4 und spä­ter „Geld oder Lie­be“ mit Jür­gen von der Lip­pe, das ich im Nach­hin­ein ger­ne zur bes­ten Sams­tag­abend­show aller Zei­ten ver­klä­re. Wenn es mir gelän­ge, heu­te etwas ähn­lich harm­los-anar­chisch-unter­halt­sa­mes zu kon­zi­pie­ren, wäre ich ein gemach­ter Mann.

„Wet­ten, dass..?“, jeden­falls, ist im Begriff, sehr bald Geschich­te zu sein, und all jene, die damals tat­säch­lich oder gefühlt im Bade­man­tel zuge­schaut hat­ten, gaben sich dem hin, was seit „Gene­ra­ti­on Golf“ All­ge­mein­gut ist: der fra­ter­ni­sie­ren­den, leicht aniro­ni­sier­ten Nost­al­gie derer, die für ech­te Nost­al­gie nicht nur zu jung sind, son­dern auch zu wenig erlebt hat­ten. Und weil die Ver­tre­ter die­ser … nun ja: Gene­ra­ti­on heu­te an den ent­schei­den­den Stel­len bun­des­deut­scher Online­diens­te und Medi­en­sei­ten sit­zen, kann man die­se Erin­ne­run­gen über­all lesen, wo sie von Men­schen mit den glei­chen tat­säch­li­chen oder gefühl­ten Erin­ne­run­gen kom­men­tiert wer­den, auf dass sich auch die Nach­ge­bo­re­nen damit infi­zie­ren und sich spä­ter fel­sen­fest dar­an erin­nern, wie sie damals selbst auf der Couch …

„Kids today get­tin‘ old too fast /​ They can’t wait to grow up so they can kiss some ass /​ They get nost­al­gic about the last ten years /​ Befo­re the last ten years have pas­sed“, hat Ben Folds mal gesun­gen. Das ist inzwi­schen neun Jah­re her und die Ent­wick­lung der Sozia­len Netz­wer­ke hat seit­dem nicht gera­de zu einer Ent­span­nung der Situa­ti­on bei­getra­gen. „Throw­back Thurs­day“ nen­nen sie es, wenn Men­schen am Don­ners­tag beson­ders pein­li­che 5 Fotos von sich selbst in einem jün­ge­ren Zustand auf Face­book oder Twit­ter pos­ten, was beson­ders reiz­voll ist, wenn die Men­schen Anfang Zwan­zig und die Fotos selbst noch nicht mal im Grund­schul­al­ter sind. Jan Böh­mer­mann 6 sorg­te im Früh­jahr mit einem „So waren die 90er“-Video für Furo­re im deutsch­spra­chi­gen Inter­net, 90er-Par­ties erfreu­en sich schon seit eini­ger Zeit wach­sen­der Beliebt­heit und ich saß auch schon stock­nüch­tern inmit­ten unter­schied­lich alko­ho­li­sier­ter Men­schen auf Par­ties, starr­te auf einen Lap­top­bild­schirm und nahm einen You­Tube-Rei­gen von Mr. Pre­si­dent, Take That, Echt und Tic Tac Toe mit einer stets wech­seln­den Mischung aus Fas­zi­na­ti­on, Abscheu, Nost­al­gie, Fas­sungs­lo­sig­keit und Begeis­te­rung zur Kennt­nis. Es waren Men­schen mit ansons­ten ver­mut­lich tadel­lo­sem Musik­ge­schmack, aber nie­mand kam auf die Idee, wenigs­tens mal zur Abwechs­lung Inter­pre­ten wie Nir­va­na, Oasis oder Pearl Jam in die Run­de zu wer­fen. Das war auch nicht mehr mit dem lei­di­gen The­ma Über­i­ro­ni­sie­rung zu erklä­ren.

Mein Vater ver­ab­scheut heu­te mit gro­ßer Hin­ga­be vie­les, was sich auf den angeb­lich reprä­sen­ta­ti­ven Hit-Sam­plern sei­ner Jugend fin­det, 7 trotz feh­len­den Alters wal­tet bei mir eine erschüt­tern­de Mil­de: Ich könn­te jeder­zeit aus­führ­lich und fun­diert begrün­den, war­um Sun­ri­se Ave­nue gro­ße Grüt­ze sind, wür­de mich aber im Zwei­fels­fall ver­mut­lich dazu hin­rei­ßen las­sen, „What Is Love?“ von Had­da­way wort­reich gegen jed­we­de Kri­tik zu ver­tei­di­gen.

Die Musik, die heu­te dort ange­sagt ist, wo Indie­be­reich und Main­stream klei­nen Grenz­ver­kehr pfle­gen, klingt oft, als sei sie schon min­des­tens 40 Jah­re alt. Vor zehn, fünf­zehn Jah­ren wur­den hau­fen­wei­se Fern­seh­se­ri­en der 70er und 80er fürs Kino adap­tiert, heu­te sind plötz­lich Fern­seh­se­ri­en erfolg­reich, die auf 20 Jah­re alten Kino­fil­men basie­ren. Und das ist erst der Anfang.

Der Herm frag­te letz­te Woche auf Twit­ter:

Kurz dar­auf ging dann ein neu­er „Terminator“-Trailer online.

Über das Phä­no­men der „Retro­ma­nie“ sind inzwi­schen Arti­kel und gan­ze Bücher geschrie­ben wor­den. Und, klar: Wenn Kul­tur­epo­chen nicht mehr 50 oder 100 Jah­re dau­ern, son­dern nur ein paar Mona­te 8, kön­nen sie auch schnel­ler wie­der­kom­men. Die Renais­sance rekur­rier­te noch auf ein Zeit­al­ter, das seit etwa 800 Jah­ren vor­bei war.

Und so ist in einer Zeit, in der angeb­lich alles indi­vi­du­el­ler wird 9, die Erin­ne­rung an „Dolo­mi­ti“, „Yps“ und „Rai­der“ („heißt jetzt ‚Twix‚“) das, was die Men­schen hei­me­lig zusam­men­bringt. Die Jea­nette-Bie­der­mei­er-Epo­che.

Um „Wet­ten dass..?“ wird jetzt bis zuletzt ein Gewe­se gemacht, das die Show selbst seit min­des­tens zehn Jah­ren nicht mehr gerecht­fer­tigt hat. Aber so ist das in Deutsch­land: Wir haben ja kul­tu­rell nicht so viel und wenn wir doch mal jeman­den haben, wer­den die­je­ni­gen so sehr gefei­ert, bis sie nie­mand mehr ernst­haft ertra­gen kann. Stich­wort: Til Schwei­ger, Jan Josef Lie­fers, Hele­ne Fischer, Unhei­lig. Alle vier sind am Sams­tag bei der letz­ten Sen­dung dabei.

  1. Oder ohne irgend­et­was zu kön­nen.[]
  2. Was jetzt viel­leicht ein biss­chen unglück­lich for­mu­liert ist.[]
  3. „Ver­ste­hen Sie Spaß?“ mit Pao­la und Kurt Felix! Der „Flit­ter­abend“! Die „Gold­mil­li­on“![]
  4. Ich bin unsi­cher, wann genau ich begriff, dass die Kan­di­da­ten – „gera­de noch im Rei­se­bü­ro, jetzt auf unse­rer Show­büh­ne!“ – sich gar nicht so schnell umzie­hen konn­ten, son­dern dort mit vor­ab auf­ge­zeich­ne­ten Bei­trä­gen gear­bei­tet wur­de, fürch­te aber, es ist noch gar nicht sooo lan­ge her.[]
  5. Zu irgend­ei­ner Zeit hät­te man gesagt: „affi­ge“.[]
  6. Je nach Bezugs­ge­ne­ra­ti­on der Harald Schmidt oder Ste­fan Raab sei­ner eige­nen Gene­ra­ti­on.[]
  7. Mungo Jer­ry! The Lovin‘ Spoon­ful![]
  8. Oder gar 140 Zei­chen.[]
  9. Mode- und Ein­rich­tungs­blogs spre­chen da eine etwas ande­re Spra­che.[]
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Musik

The music that saves you

Bei den meis­ten wirk­lich guten Freund­schaf­ten kann man sich ja noch dar­an erin­nern, wie man sich ken­nen­ge­lernt hat. Einen mei­ner bes­ten und lang­jäh­rigs­ten Freun­de lern­te ich am ers­ten Schul­tag auf dem Gym­na­si­um ken­nen, als wir uns gegen­sei­tig aufs Maul hau­en woll­ten.

Die Musik von Andrew McMa­hon lern­te ich im Som­mer 2003 ken­nen, als das Debüt­al­bum sei­ner Band Some­thing Cor­po­ra­te in Deutsch­land erschien. Wie es damals so üblich war, besorg­te ich mir ein paar Songs („Hur­ri­ca­ne“ und „If You See Jor­dan“, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re) in soge­nann­ten Tausch­bör­sen, hör­te sie eini­ge Male, pack­te sie auf Mix­tapes und kauf­te mir ein paar Mona­te spä­ter dann end­lich auch „Lea­ving Through The Win­dow“. Der ers­te Song, den ich (eher zufäl­lig) hör­te, nach­dem mei­ne Eltern mich im Stu­den­ten­wohn­heim abge­setzt und allei­ne auf den Heim­weg gemacht hat­ten, war „The Astro­naut“. Sowas prägt.

Ich wuss­te damals nicht, wie die Band­mit­glie­der von Some­thing Cor­po­ra­te hie­ßen, und habe auch nicht all­zu sehr auf die Tex­te geach­tet. Als das Zweit­werk „North“ (wie­der­um mit eini­ger Ver­spä­tung) in Deutsch­land erschien, besorg­te ich mir wie­der ein paar Songs, dach­te aber nicht wei­ter an die Band. Irgend­wann las ich bei visions.de, dass der Sän­ger an Leuk­ämie erkrankt sei, dach­te „Puh“ und ver­gaß auch das wie­der.

„North“ kauf­te ich mir schließ­lich bei Ras­pu­tin Records, als ich im Herbst 2006 für drei Mona­te in San Fran­cis­co leb­te. Gemein­sam mit eini­gen ande­ren Alben bil­de­te das Album den Sound­track mei­nes Auf­ent­halts. Aber rich­tig los ging die Geschich­te erst drei Jah­re spä­ter.

Im Som­mer 2009 stol­per­te ich bei WDR 2 (of all places) über einen Song mit viel Kla­vier, der mir sehr gefiel. Wie sich raus­stell­te, war es „The Reso­lu­ti­on“ von Jack’s Man­ne­quin von denen ich wuss­te, dass es die Zweit­band des Some­thing-Cor­po­ra­te-Sän­gers war. Andrew McMa­hon. Im Som­mer und Herbst 2009 habe ich „The Glass Pas­sen­ger“ qua­si unun­ter­bro­chen gehört. Mein Leben war damals sehr im Umbruch und die Musik beglei­te­te mich dabei. Ich hör­te auch wie­der die alten Some­thing-Cor­po­ra­te-Alben und ach­te­te dies­mal auch auf die Tex­te — und es klingt doof und nach Selbst­hil­fe­grup­pe, aber da sprach jemand zu mir. Andrew McMa­hon sang über Mäd­chen, die jede Nacht mit einem ande­ren Typen nach hau­se gin­gen und die er ret­ten woll­te; über betrun­ke­ne Mäd­chen, die er (also: das Lyri­sche Ich, so viel Lite­ra­tur­stu­di­um muss sein) geküsst hat­te, obwohl er es nicht hät­te tun sol­len; und dar­über, den Kopf über Was­ser zu hal­ten und wei­ter zu schwim­men, bis man den Hori­zont erreicht. Und ich dach­te: „Krass. Ja. Kenn ich.“

Andrew McMa­hon war gegen die schon erwähn­te Leuk­ämie ange­schwom­men, er sang „I’m alive/​ I don’t need a wit­ness /​ To know that I sur­vi­ved“. Mit der Geschich­te im Hin­ter­kopf (Lyri­sches Ich am Arsch!) singt man ein biss­chen vor­sich­ti­ger mit, weil man sich das Aus­maß gar nicht vor­stel­len kann. Man bekommt aber eine Ahnung davon in dem Film „Dear Jack“, in dem Andy (ich ken­ne sei­ne Musik jetzt so lan­ge, ich nenn’ ihn ein­fach mal so) sei­ne Kran­ken­ge­schich­te doku­men­tiert. Ich habe mir das nur ein­mal anse­hen kön­nen, aber es war sehr bewe­gend und – ent­schul­di­gen Sie das Ekel­wort – inspi­rie­rend.

Lan­ge Rede, kur­zer Sinn: Ich glau­be, ich habe inzwi­schen alle Auf­nah­men, an denen Andrew McMa­hon jemals betei­ligt war. Er lös­te nach dem drit­ten Album auch Jack’s Man­ne­quin auf und ver­öf­fent­lich­te die­ser Tage ein neu­es Album, das wie sein neu­es Pro­jekt heißt und damit fast wie er selbst: Andrew McMa­hon In The Wil­der­ness.

Andrew McMahon (Pressefoto)

Nach den ers­ten Hör­pro­ben war ich skep­tisch. „Ceci­lia And The Satel­li­te“ war eine durch­aus schö­ne Hym­ne an die neu­ge­bo­re­ne Toch­ter, aber irgend­wie klang das alles sehr pop­pig und damit mei­len­weit von zumin­dest Some­thing Cor­po­ra­te weg. Aber das ist offen­sicht­lich Absicht und kon­se­quent zu Ende gedacht: „Dri­ving Through A Dream“ etwa könn­te bis ins kleins­te Detail der Pro­duk­ti­on ein Song von Phil Coll­ins sein. Als jemand, der mit Phil Coll­ins auf­ge­wach­sen ist und sei­ne Musik bis heu­te liebt, füh­le ich mich dort sofort sehr zuhau­se.

Nor­ma­ler­wei­se ist man zwi­schen 15 und 20 Jah­re alt, wenn man sich von Musik direkt ange­spro­chen fühlt — ich habe kürz­lich noch mal „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ von Tom­te gehört und – hell, yeah! – ich weiß, wovon ich spre­che. Dass ich mit 31 noch ein­mal ein Album auf Dau­er­schlei­fe lau­fen las­sen wür­de, hät­te ich – gera­de vor dem Hin­ter­grund, dass ich im Moment eher wenig zum Musik­hö­ren kom­me – nicht gedacht. Und doch läuft „Andrew McMa­hon In The Wil­der­ness“ bei mir jetzt seit zwei­ein­halb Wochen rauf und run­ter. Ich ken­ne Andrew McMa­hon nicht per­sön­lich und habe kei­ne Ahnung, ob wir uns ver­ste­hen wür­den, wenn wir uns mal in einer Bar trä­fen, aber auf eine völ­lig bizar­re Art, die ich sonst nur von aus­ge­wähl­ten deutsch­spra­chi­gen Tex­tern ken­ne, füh­le ich mich ihm sehr ver­bun­den — was auch damit zusam­men­hän­gen mag, dass er nur ein Jahr älter ist als ich und wir bei­de die­ses Jahr zum ers­ten Mal Väter gewor­den sind (wor­auf er gleich in zwei Lie­dern – dem schon erwähn­ten „Ceci­lia And The Satel­li­te“ und dem etwas schwa­chen „See Her On The Weekend“ – ein­geht).

In fast jedem Song des Albums gibt es min­des­tens eine Zei­le, die ich mir sofort täto­wie­ren (oder zumin­dest rah­men) las­sen würde:„Take all your trou­bles, put them to bed /​ Burn down the mis­si­on, the maps in your head“ („Can­yon Moon“), „I’ve loved some girls that I bare­ly knew /​ I’ve made some fri­ends, and I’ve lost some too“ („Ceci­lia And The Satel­li­te“), „You dance with your head­pho­nes on and I /​ Could watch you all night long /​ Dancing to someone else’s song“ („High Dive“), „There’s only two mista­kes that I have made /​ It’s run­ning from the peo­p­le who could love me best /​ And try­ing to fix a world that I can’t chan­ge.“ („All Our Lives“), „Do you ever rewind to the sum­mer you knew me?“ („Black And White Movies“), „No cash in the bank /​ No paid holi­days /​ All we have is /​ Gas in the tank /​ And maps for the geta­way“ („Maps For The Geta­way“).

Das Gefühl von „Ich ver­ste­he Dich“ bzw. „Da ist jemand, der mich ver­steht“ ist so stark, dass ich mich in weni­ger auf­rich­ti­gen Momen­ten fast selbst beru­hi­gen möch­te: Ist ja nur Musik. Nee, ist mehr.

Andrew McMahon In The Wilderness (Albumcover)In Zeit­schrif­ten und Blog­ar­ti­keln wer­den wir bom­bar­diert mit Gene­ra­ti­ons­be­schrei­bun­gen, Labels und Ansprü­chen, von denen wir uns gleich­zei­tig ganz schnell frei machen sol­len. Unse­re Frau­en sol­len Fami­lie und Beruf nicht nur unter einen Hut krie­gen, son­dern das auch wol­len — wäh­rend sie dabei wie Hol­ly­wood-Stars und ganz natür­lich aus­schau­en. Unse­re Kin­der sol­len drei Fremd­spra­chen ler­nen, die ver­pass­ten Chan­cen von uns und unse­ren Eltern nach­ho­len und sich dabei frei ent­fal­ten kön­nen. Und wir Män­ner sol­len gleich­zei­tig ein­fühl­sam, stark, sport­lich und krea­tiv sein. Vor allem aber, immer wie­der: „wir“, die­ser lächer­li­che Fra­ter­ni­sie­rungs­ver­such von zehn­tau­sen­den Ertrin­ken­den, die sich anein­an­der klam­mern. Mit Gefüh­len, die irgend­wel­che Slam-Poe­tin­nen in (geborg­te) Wor­te fas­sen, wor­auf­hin dann alle andert­halb Tage sehr emo sind, bis Jan Böh­mer­mann eine Par­odie dar­auf ver­öf­fent­licht und alle wie­der total iro­nisch sein kön­nen.

Da höre ich lie­ber die Songs von Andrew McMa­hon.

Ich weiß nicht, wie Men­schen die­ses Album hören, die vor­her gar nichts oder nur wenig von ihm kann­ten — als eher okayes Pop-Album, ver­mut­lich. Wirk­lich über­all sind Key­board­flä­chen, auf vir­tuo­ses Kla­vier­spiel ver­zich­tet Andy hier eben­so wie auf Gitar­ren. In eini­gen Tex­ten ver­ar­bei­tet er der­art deut­lich sei­ne eige­ne Lebens­ge­schich­te, dass ich den meis­ten Musi­kern raten wür­de: „Nimm Dich mal zurück, leg hier nicht alles offen, sei doch auch mal lite­ra­risch“. Bei man­chen Leu­ten ertra­ge ich das nicht (mehr), bei Andrew McMa­hon aber füh­le ich mich zuhau­se, auch wenn er über Din­ge singt, die mit mei­nem Leben eher gar nichts zu tun haben.

In sei­nen Tex­ten geht es – dar­an hat sich nicht viel geän­dert – um Welt­raum, Was­ser und Stra­ßen, auf denen er unter­wegs ist, also um Men­schen in Iso­la­ti­on und in Bewe­gung. Das ers­te Jack’s‑Mannequin-Album hieß ja nicht umsonst „Ever­y­thing In Tran­sit“. Bemer­kens­wert ist da eher, dass Mar­cus Wie­busch, der Sän­ger von kett­car, der die­ses Jahr auch ein sehr, sehr tol­les Solo­al­bum auf­ge­nom­men hat, in sei­nem Song „Sprin­gen“ so ein­deu­tig auf Jack’s Man­ne­quins „Swim“ Bezug nimmt, dass das eigent­lich kein Zufall sein kann: „Halt den Kopf oben“ singt er da („Just keep your head abo­ve“) und benennt, wie Andy, eini­ge Grün­de, war­um man wei­ter­schwim­men soll­te: „Schwim­men für die Songs, die noch geschrie­ben wer­den“. Zum Bei­spiel von Andrew McMa­hon.

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Politik Gesellschaft

Lucky & Fred: Episode 7

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Nach einem gewohnt lau­ni­gen Auf­takt wol­len wir uns kri­tisch zum Zeit­ge­sche­hen äußern: Was haben Leb­ku­chen, Sha­ria und Wasch­stra­ßen mit­ein­an­der zu tun und was ist das Yoko-Ono-Prin­zip bei deut­schen Kanz­ler­gat­tin­nen?
Wir spre­chen über WDR-Redak­teur Heri­bert Schwan, der 600 Stun­den im Kel­ler von Hel­mut Kohl gefan­gen war, die Wie­der­ver­ei­ni­gung des maro­den Deutsch­lands und die Drei­tei­lung des Ruhr­ge­biets, grün­den die Bewe­gung der Hei­mat­ver­trie­be­nen der Alten Bun­des­re­pu­blik und erklä­ren, wofür es die FDP und die Pira­ten­par­tei braucht.
Außer­dem: Kar­tof­fel­ern­te auf Face­book.

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Song des Tages: The Hold Steady – Constructive Summer

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Zum ers­ten Mal gehört:

Im Som­mer 2008, als das vier­te Hold-Ste­ady-Album „Stay Posi­ti­ve“ erschien.

Wer musi­ziert da? Eine Band aus Brook­lyn (ursprüng­lich aus Minneapolis/​St. Paul, Min­ne­so­ta), deren Wur­zeln im Hard­core lie­gen, die aber heu­te Rock­mu­sik macht.

War­um gefällt mir das? Ich mag die Mischung aus roher Ener­gie und Ver­spielt­heit (die­ses Jim-Stein­man-Kla­vier!), ich mag die Lyrics über Par­ties, Freund­schaft und Som­mer (und Joe Strum­mer!) und ich lie­be The Hold Ste­ady. Und in ca. zwei Stun­den ste­he ich im Köl­ner Luxor und sehe sie mir zum zwei­ten Mal live an.

[Alle Songs des Tages — auch als Spo­ti­fy-Play­list]