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Musik Rundfunk Radio

Don’t Listen To The Radio

Man kann nicht immer alles gut fin­den und abfei­ern. Selbst wenn an einem Tag zwei Plat­ten erschei­nen, auf die ich mich freue wie als Kind auf Weih­nach­ten, so kom­men am glei­chen Tag doch min­des­tens genau­so­vie­le Plat­ten, die auf deut­lich ande­re Käu­fer hof­fen müs­sen. Auch im Radio kom­men auf einen guten Song min­des­tens drei okay und eine rich­ti­ge Ner­ven­sä­ge (das ist jetzt nur geschätzt, ich bin aber fast bereit, Feld­ver­su­che durch­zu­füh­ren) – und das fern­ab von Tokio Hotel, Xavier Naidoo und Sil­ber­mond.

Des­we­gen jetzt und hier: Die „Dar­um tret‘ ich Dein Radio ein“-Charts – total sub­jek­tiv und krass pole­misch.

05. Snow Pat­rol – Shut Your Eyes
Snow Pat­rol sind eine recht ordent­li­che Band. Man kann jedes Mal beto­nen, dass „Final Straw“, das Album vor dem Durch­bruch, deut­lich bes­ser war als das Durch­bruch­s­al­bum „Eyes Open“ selbst. „Cha­sing Cars“ war eine Mör­der­hym­ne, aber „Shut Your Eyes“ hat zu wenig Melo­die, zu wenig Span­nung, zu wenig Song. Ein­fach nur öde.

04. Incu­bus – Love Hurts
Ich hab Incu­bus immer schon für eine schwa­che Red-Hot-Chi­li-Pep­pers-Tri­bu­te-Band gehal­ten und die­se Sin­gle bestä­tigt mich in mei­nem Glau­ben. Green Days „Bou­le­vard Of Bro­ken Dreams“ auf Vali­um.

03. Razor­light – Befo­re I Fall To Pie­ces
Razor­light sind ein wei­ches Ziel, noch extre­mer als Kea­ne: kein Musik­jour­na­list wür­de je öffent­lich zuge­ben, die Band um den Fünf-Minu­ten-Liber­ti­nes-Bas­sis­ten John­ny Bor­rell auch nur ansatz­wei­se gut zu fin­den – trotz­dem war „Ame­ri­ca“ ein net­ter Pop­song. „Befo­re I Fall To Pie­ces“ ist jetzt aber eine ster­bens­lang­wei­li­ge Rock’n’Roll-Par­odie, die selbst gegen Neun­zig­jäh­ri­ge nicht ankommt.

02. Den­de­mann – End­lich Nicht­schwim­mer
Bis hier­her waren die Songs nur öde, jetzt wer­den sie ner­vig – und das rich­tig schnell und ganz doll. Der „Blues­sän­ger auf Abwe­gen“ Den­de­mann rappt sich durch Uralt­beats und Dicke-Hose-Stro­phen und krönt den Track mit einem der ner­vigs­ten Refrains ever.

01. Boundzound – Lou­der
Wenn das eigent­lich sehr gute Musi­ker­kol­lek­tiv See­ed mal gera­de Betriebs­fe­ri­en hat, machen die diver­sen Mit­glie­der was ande­res. Ob es unbe­dingt Musik sein muss, ist zumin­dest im Fall von Sän­ger Dem­ba Nabé eine berech­tig­te Fra­ge, denn die ers­te Sin­gle sei­nes Pro­jekts Boundzound ist nerv­tö­ten­der als vier Stun­den Nach­bars Alarm­an­la­ge hören – aber ähn­lich repe­ti­tiv und melo­di­ös. Sel­ten reagie­re ich kör­per­lich auf unlieb­sa­me Musik, hier ste­he ich kurz vor Schüt­tel­krämp­fen. Das Lied ist so doof, dass ich mir sogar den unglaub­li­chen Wort­witz von wegen Lei­ser­dre­hen spa­re.

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Rundfunk Radio

I’m A Yesterday Man

Am Don­ners­tag star­te­te in den deut­schen Kinos „Robert Altman’s Last Radio Show“ (was – ange­denk der Tat­sa­che, dass Regis­seur Robert Alt­man inzwi­schen ver­stor­ben ist – ein über­ra­schend pas­sen­der „deut­scher“ Titel für „A Prai­rie Home Com­pa­n­ion“ ist). In dem höchst ver­gnüg­li­chen Revue­film mit Star­be­set­zung geht es um eine tra­di­ti­ons­rei­che ame­ri­ka­ni­sche Radio­show, die nach vie­len Jah­ren ein­ge­stellt wer­den soll.

Radio ist heu­te ein sog. Neben­bei­me­di­um, d.h. die Radio­ma­cher sind der Ansicht, ihre Hörer hör­ten ihnen sowie­so nicht zu, wes­we­gen sie ihr Pro­gramm so gestal­ten, dass ihnen auch wirk­lich nie­mand mehr zuhö­ren will: Über­dreh­te Gute-Lau­ne-Maschi­nen aus dem Pri­vat­ra­dio, die eine Hek­tik ver­brei­ten wie ein Hams­ter, der ein Kilo Ecsta­sy gefut­tert hat, könn­te ich nicht mal „neben­bei“ ertra­gen, und die ehe­ma­li­gen Qua­li­täts­sen­dun­gen der öffent­lich-recht­li­chen Sen­der sind inzwi­schen auch im „For­mat­pro­gramm“ ange­kom­men (zwei belie­bi­ge Pop­songs; ein Stu­dio­ge­spräch, das auf kei­nen Fall län­ger als andert­halb Minu­ten dau­ern darf und mit einem ner­vi­gen „Musik­bett“ unter­legt ist; zwei belie­bi­ge Pop­songs; eine kur­ze, poin­ten­lo­se Zwi­schen­mo­de­ra­ti­on; zwei belie­bi­ge Pop­songs; Wer­bung – dazu alle drei Minu­ten der Hin­weis, wel­chen Sen­der man gera­de noch mal ein­ge­schal­tet hat­te).

Da grenzt es fast an ein Wun­der, dass es auch im deut­schen Radio noch eine rich­ti­ge Radio­show im bes­ten, im klas­si­schen Sin­ne gibt: sie heißt „Yes­ter­day“, läuft seit 1995 auf WDR 2 und wird von ihrem Erfin­der Roger Handt mode­riert. Frü­her hieß sie „Yes­ter­day – Die Oldie-Show“ und genau das ist sie eigent­lich auch: In der ers­ten Stun­de der drei­stün­di­gen Sen­dung wer­den Hörer­wün­sche erfüllt (als „Oldie“ gilt ein Song, der vor mehr als zehn Jah­ren erschie­nen ist, d.h. spä­tes­tens Ende die­ses Jah­res kön­nen wir mit „Angels“ von Rob­bie Wil­liams rech­nen), in den zwei dar­auf­fol­gen­den Stun­den fin­det das „Yes­ter­day-Quiz“ statt, bei dem je zwei Hörer in zwei Run­den und einem Fina­le gegen­ein­an­der antre­ten.

Die Kan­di­da­ten, meist 55jährige Leh­rer aus Essen, müs­sen (manch­mal recht simp­le, manch­mal wirk­lich kniff­li­ge) Fra­gen zu einem bestimm­ten Jahr­zehnt beant­wor­ten, dazwi­schen gibt es vie­le Musik­ti­tel, die – auch das ist im Radio inzwi­schen eine Sel­ten­heit – fast immer aus­ge­spielt wer­den. Als es im Janu­ar um die Neun­zi­ger Jah­re (des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts) ging, fühl­te ich mich plötz­lich sehr, sehr alt. Ein­mal im Monat fin­det die Sen­dung vor einem Liv­e­pu­bli­kum statt, das mit­un­ter meh­re­re Jah­re auf sei­ne Ein­tritts­kar­ten war­ten muss­te, und was „Yes­ter­day“ (neben der vie­len Musik, die heu­te kaum noch im Radio gespielt wird, und den durch­aus inter­es­san­ten Quiz­run­den) so beson­ders macht, ist die Art, mit der Roger Handt sie mode­riert: es gibt kei­nen strik­ten Sen­de­plan, kei­ne Andert­halb-Minu­ten-Rege­lun­gen, kei­ner­lei Hek­tik.

Die Vor­stel­lung der Kan­di­da­ten nimmt so viel Zeit in Anspruch, wie ande­re Sen­dun­gen gera­de mal einem Star­in­ter­view (inkl. Musik­ti­tel) ein­räu­men wür­den. Handt kann sich minu­ten­lang mit einem kauf­män­ni­schen Ange­stell­ten aus dem Sie­ger­land über den Ein- und Ver­kauf von Schrau­ben („für den Tro­cken­bau, für Holz“) unter­hal­ten oder sich von einer Haus­frau aus Köln über ihre Kin­der berich­ten las­sen, ohne dass es auch nur ansatz­wei­se lang­wei­lig wird. Er inter­es­siert sich für sei­ne Anru­fer (und wohl für alle sei­ne Hörer) und die freu­en sich, „end­lich mal durch­ge­kom­men“ zu sein – ob sie hin­ter­her etwas gewin­nen (es geht um CDs und Kon­zert­kar­ten), ist den meis­ten fast egal. Handt ist locker im posi­ti­ven Sinn, ohne dabei ins Jovia­le (s. Tho­mas Gott­schalk) oder Über­dreh­te (s. Früh­stücks­mo­de­ra­to­ren auf jedem ver­damm­ten Sen­der) abzu­rut­schen, und er sagt Sachen wie „Schon komisch, dass so ein Franz Becken­bau­er mal Plat­ten ein­ge­sun­gen hat. Obwohl: Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen singt ja auch …“

Die Sen­dung läuft Sams­tag­abends ab 19 Uhr und sorgt damit regel­mä­ßig dafür, dass man sich beim Abend­essen fest­hört und das abend­li­che Fern­seh­pro­gramm ein­fach igno­riert. Roger Handt kennt jeden Song, den er spielt, und weiß, wer ihn wann (wahr­schein­lich auch wo) geschrie­ben, und wer ihn Jah­re spä­ter auf der B‑Seite wel­cher Sin­gle geco­vert hat – und wer dabei die Lead­gi­tar­re spiel­te, obwohl er gar nicht in den Liner Notes auf­tauch­te. Soll­te er sich doch mal einen gro­ben Schnit­zer erlau­ben, weist er hin­ter­her ganz zer­knirscht dar­auf hin.

Roger Handt ist kein deut­scher John Peel. Der legen­dä­re eng­li­sche Radio-DJ ent­deck­te bis zu sei­nem plötz­li­chen und viel zu frü­hen Tod 2004 noch wöchent­lich neue Plat­ten und fei­er­te Musi­ker, die sei­ne Enkel­kin­der hät­ten sein kön­nen. Handt, der 1945 und damit sechs Jah­re nach Peel gebo­ren wur­de, sagt heu­te in Inter­views Sät­ze wie

Ich muss mich nur noch für das inter­es­sie­ren, was mich inter­es­siert.

und dass Fred­dy Quinn ein paar geist­rei­che­re Sachen gesun­gen habe als Xavier Naidoo. Das ist sein gutes Recht, und gera­de bei sol­chen Ver­glei­chen wagt man – schon wegen man­geln­der Werk­kennt­nis bei­der Künst­ler – kaum zu wider­spre­chen.

„Yes­ter­day“ ist ech­te Radio­un­ter­hal­tung. Man kann sich irre jung („Das war Karl Schil­ler, Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter von 1966 bis 1972.“) und wahn­sin­nig alt („Und als nächs­tes hören wir Han­son mit ‚MMM­bop‘!“) füh­len. Bei mir erzeugt die Sen­dung das, was schon lan­ge kei­ne Fern­seh­show mehr erreicht: das Gefühl der Gebor­gen­heit, so wie vor vie­len Jahr­zehn­ten die Illies’sche Bade­wan­ne vor „Wet­ten dass …?“

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Lost In The Supermarket

Es kommt nicht häu­fig vor, dass mir ein Zei­tungs­ar­ti­kel aus dem Her­zen spricht. Gera­de war es aber soweit: Ralph Mar­tin, ein Ame­ri­ka­ner in Deutsch­land, fragt sich in der FAZ, war­um alle Deut­schen so begeis­tert zu Aldi ren­nen und offen­bar nie­mand in die­sem Land mehr bereit ist, für Qua­li­tät auch sog. anstän­di­ge Prei­se zu bezah­len.

Was das für die Gesamt­ge­sell­schaft bedeu­tet, wur­de mir klar, als ich las, dass die reichs­ten Deut­schen nicht die Hohen­zol­lerns oder Thurn und Taxis sind, son­dern die Brü­der Albrecht, die sich mit 32 Mil­li­ar­den Euro in der glei­chen Kate­go­rie bewe­gen wie Bill Gates oder die Erben von Sam Walt­on, der Wal-Mart grün­de­te.

Mit sei­nem lesens­wer­ten (und nur bedingt pole­mi­schen) Text haut Mar­tin in die glei­che Ker­be, die ich schon bei Eric T. Han­sen so span­nend fand: Ame­ri­ka­ner kom­men nach Deutsch­land, wun­dern sich und stel­len den Deut­schen dann ihr Land in der Außen­an­sicht vor (das mei­ne ich ganz ohne Iro­nie).
Als ich im ver­gan­ge­nen Dezem­ber nach drei Mona­ten USA nach Deutsch­land zurück­kehr­te, woll­te ich jedem Men­schen im Super­markt das zubrül­len, was Mar­tin auch schreibt:

Nur scheint es in Deutsch­land nie­mand zu mer­ken, wie beängs­ti­gend bil­lig Lebens­mit­tel hier im Ver­gleich zu ande­ren Indus­trie­län­dern sind.

Ich kam aber nicht dazu, weil ich mei­ne Ein­käu­fe sel­ber ein­pa­cken muss­te.

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Rundfunk Fernsehen

Keine Amnesie für Coffee And TV

Ich trat gera­de ans Hand­wasch­be­cken, um mei­ne Hän­de zu waschen, als ein Satz mei­ne Syn­ap­sen durch­zuck­te:

Als Herr von Schel­le tre­te ich viel ener­gi­scher und zacki­ger auf

Weit schlim­mer als der Satz ist sein Ursprung und vor allem die Tat­sa­che, dass ich mich dar­an erin­ne­re. Er ent­stammt näm­lich einer Über­schrift auf der Medi­en­sei­te der NRZ, die ich etwa im Jahr 1992 auf dem Küchen­fuß­bo­den mei­ner Eltern las. Gesagt hat ihn die inzwi­schen ver­stor­be­ne, damals aber noch quick­le­ben­di­ge Anne­ma­rie Wendl, die in der belieb­ten ARD-Serie „Lin­den­stra­ße“ die Haus­meis­te­rin Else Kling spiel­te. In einer Fol­ge die­ser Serie muss­te sich Else Kling als Mann (eben jener Herr von Schel­le) ver­klei­den, da sie – und hier wird mei­ne Erin­ne­rung bruch­stück­haf­ter – einen Auf­ent­halt auf einer Well­ness Farm (die damals noch nicht „Well­ness Farm“ hieß) gewon­nen hat­te, es sich aller­dings um eine Well­ness Farm für Män­ner han­del­te und sie des­halb unter Pseud­onym teil­ge­nom­men hat­te und nun auch so dort anrei­sen muss­te.
Da man sich auf einer Well­ness Farm eher sel­ten voll beklei­det auf­hält, will mir die­se Erklä­rung heu­te, knapp 15 Jah­re spä­ter, irgend­wie völ­lig däm­lich und weit her­ge­holt erschei­nen, aber ich bin mir recht sicher, dass es sich so oder so ähn­lich abge­spielt hat. Der der­art über­schrie­be­ne Arti­kel dreh­te sich ent­spre­chend um die Erfah­run­gen, die Frau Wendl bei den Dreh­ar­bei­ten in dis­gu­i­se gemacht hat­te.
Lei­der fin­de ich heu­te kei­ner­lei aus­sa­ge­kräf­ti­ge Quel­len mehr zu dem The­ma, aber ich bin bereit, einem Gedächt­nis, das einen sol­chen Satz über Jahr­zehn­te ver­wahrt, auch die Begleit­um­stän­de zu glau­ben – sei­en sie auch noch so dif­fus und unsin­nig.

Das Besorg­nis­er­re­gends­te an die­ser Geschich­te aber ist: ich habe die „Lin­den­stra­ße“ nie bewusst geguckt.

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Digital

Null-Blog-Generation (2)

Man kann ja ein durch­aus gespal­te­nes Ver­hält­nis zu Web 9 3/​4 und der Blogo­sphä­re haben. Irgend­wie sind wir hier ja auch ein Teil davon, aber trotz­dem kann ich nicht alles nach­voll­zie­hen und ver­ste­hen, was da vor sich geht. Muss und will ich aber auch gar nicht.

So ver­ste­he ich zum Bei­spiel nicht so ganz, war­um man sich als Ver­tre­ter eines digi­ta­len Medi­ums mit all des­sen Vor- und Nach­tei­len aus­ge­rech­net im Real Life tref­fen muss, um in einem Raum zu sit­zen und dann doch wie­der haupt­säch­lich den Lap­top auf dem Schoß zu haben. Aber wie man aller­or­ten lesen kann, schei­nen die Men­schen auf der re:publica durch­aus ihren Spaß gehabt und sich erfolg­reich aus­ge­tauscht zu haben. Und das wie­der­um fin­de ich gut, so wie ich Blogs an sich auch gut fin­de.

Die Macher von tagesschau.de fin­det Blogs auch gut, sonst hät­ten sie sich wohl kaum ein eige­nes ange­legt. Des­halb berich­ten sie auch groß über die re:publica und las­sen den Text sogar von jeman­dem schrei­ben, der Ahnung von der Mate­rie hat.

Nur: Wenn man im Inter­net einen Arti­kel über Blogs schreibt, der für nicht weni­ge Men­schen ein Ein­stieg ins The­ma Blogs sein könn­te, und in dem John­ny Haeus­ler, Mar­kus Becke­dahl, Sascha Lobo und Udo Vet­ter nament­lich und in ihrer Eigen­schaft als Blog­ger erwähnt wer­den, war­um in Drei­teu­fels­na­men ist dann auch hier KEIN EINZIGES Blog ver­linkt? Nir­gend­wo..

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Musik Digital

Null-Blog-Generation

Wenn ich zu Spie­gel Online gehe, erwar­te ich natür­lich nicht pri­mär kom­pe­ten­te Betrach­tun­gen zum The­ma Musik. Dass die dor­ti­gen Plat­ten­kri­ti­ken unter ande­rem von Jan Wig­ger geschrie­ben wer­den, sorgt aber immer­hin für ein biss­chen Indie Cre­di­bi­li­ty und ein paar kurz­wei­li­ge Rezen­sio­nen.

Nun hat man Ende let­zen Jah­res bei SpOn fest­ge­stellt, dass es ja seit ein paar Jah­ren das sog. Inter­net und somit auch die­se hyper­mo­der­nen, völ­lig flip­pi­gen „Blogs“ gibt, von denen sich nicht weni­ge mit Musi­kern befas­sen, die noch nicht so bekannt sind. Auf der Suche nach hip­pem und preis­güns­ti­gem con­tent muss man also nur noch ein paar ein­schlä­gi­ge Blogs durch­le­sen oder sich auf der ein oder ande­ren Web­site her­um­trei­ben und *schwups* hat man ein Bün­del Neu­ent­de­ckun­gen unterm Arm, über die noch nie­mand sonst geschrie­ben hat man sich aus­las­sen kann.

Und in der Tat: Was Hei­ko Behr (Redak­ti­ons­mit­glied beim intro) bis­her zusam­men­ge­tra­gen hat, reicht von hei­mi­schen Geheim­tipps (Ich Jetzt Täg­lich, Gis­bert zu Knyphau­sen, Polar­kreis 18) über Soon-To-Be-Super­stars (Amy Wine­house und Mika), bis hin zu Künst­lern, die zwar schon län­ger bis lan­ge dabei sind, aber zumin­dest in Deutsch­land noch auf den gro­ßen Durch­bruch warte(te)n (Joseph Arthur, The Shins). Drum­her­um fin­den sich noch jede Men­ge ande­re Künst­ler und Bands, die ein mehr oder weni­ger genau­es Hin­hö­ren Wert sind.

Nur: Wenn man bei SpOn die Kate­go­rie „Top of the Blogs“ nennt und Zei­len wie

gleich meh­re­re Blogs begin­nen ihre Lobes­hym­nen über das Quin­tett mit iden­ti­schen Zei­len

ein­flie­ßen lässt, wenn man in jedem zwei­ten Satz die Vor­zü­ge der welt­wei­ten Ver­knüp­fung von Inhal­ten unter­ein­an­der anpreist, war­um in Drei­teu­fels­na­men ist dann KEIN EINZIGES Blog ver­linkt? Nir­gend­wo.

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BILDung für alle – und zwar umsonst

Das Som­mer­se­mes­ter hat begon­nen. Das erkennt man an der Ruhr-Uni Bochum unter ande­rem dar­an, dass noch mehr jun­ge Men­schen als sonst schon ver­wirrt durch die Gegend ren­nen und Gebäu­de, Räu­me oder ein­fach nur ihre Mama suchen. Selbst­ver­ständ­lich ist die Roll­trep­pe an der U‑Bahn-Hal­te­stel­le wie­der ein­mal defekt (was aller­dings kein Semes­ter­be­ginn­spe­zi­fi­sches Pro­blem ist: die Trep­pe fährt ein­fach grund­sätz­lich nicht, wenn vie­le Leu­te da sind) und diver­se Fir­men ver­su­chen auf dem Cam­pus, Neu­kun­den zu ködern.

Immer vor­ne mit dabei: Zei­tungs­ver­la­ge, die einem Gra­tis­aus­ga­ben ihrer Pro­duk­te in die Hand drü­cken und einen damit zum Abschluss eines sog. preis­re­du­zier­ten Stu­den­ten­abos bewe­gen wol­len. An die­sen Abos ver­die­nen die Ver­la­ge (fast) gar nichts mehr, aber gegen­über ihren Wer­be­kun­den kön­nen sie mit höhe­ren Abon­nen­ten­zah­len prot­zen. In der Ver­gan­gen­heit waren es vor allem die Qua­li­täts­zei­tun­gen FAZ und Süd­deut­sche, die sich vor­nehm­lich an die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler her­an­schmis­sen – wel­che das wil­lig über sich erge­hen lie­ßen.

Als ich heu­te um kurz vor Zwei (also zu bes­ter Stu­den­ten­zeit) Rich­tung Uni schlurf­te, stan­den dort Men­schen in mit­leid­erre­gend war­men roten Regen­ja­cken und drück­ten den vor­bei­zie­hen­den Scha­ren Papier­bün­del in die Hand: die „Bild“-Zeitung. Nun ist „Bild“ eine Bou­le­vard­zei­tung, die es aus­schließ­lich in Kios­ken, Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen, Auto­ma­ten, Tank­stel­len und ver­ein­zel­ten Bäcke­rei­en, jedoch (im All­ge­mei­nen) nicht im Abo, gibt. Da klopft natür­lich die Fra­ge an, was es dem Axel-Sprin­ger-Ver­lag bringt, Tau­sen­de Aus­ga­ben „Bild“ kos­ten­los an Men­schen zu ver­tei­len, die nicht unbe­dingt als Kern­ziel­grup­pe der Zei­tung bekannt sind.

Vie­le Stu­den­ten lehn­ten das Geschenk dann auch irgend­wo zwi­schen höf­lich und schroff ab, eini­ge weni­ge nah­men wort­los ein Exem­plar an und zer­ris­sen es sofort unter den Augen der Ver­tei­ler, aber vie­le grif­fen auch dan­kend zu und schlepp­ten die Zei­tun­gen bis in den Semi­nar­raum, in dem bezeich­nen­der­wei­se ein (dezent über­füll­tes) Semi­nar zum The­ma „Mas­sen­kul­tur“ statt­fand. Nun kann man natür­lich sagen: „Ach, das sind alles auf­ge­klär­te Stu­den­ten, die wer­den schon wis­sen, was sie da für einen Mist lesen, die ste­hen da intel­lek­tu­ell drü­ber und sehen in der Lek­tü­re die­ses Pro­le­ta­rier­blat­tes eine bewuss­te iro­ni­sche Bre­chung, sozu­sa­gen eine Stipp­vi­si­te aus dem Elfen­bein­turm im Dixi-Klo.“

Aber selbst wenn zwei Drit­tel der neu­ge­won­ne­nen „Bild“-Leser einen BILD­blog-Abon­nen­ten­aus­weis besä­ßen (der den Trä­ger ja bekannt­lich berech­tigt, „auch in der Öffent­lich­keit die ‚Bild‘-Zeitung zu lesen, ohne sich dafür blö­de anma­chen las­sen zu müs­sen“), ein unwoh­les Gefühl bleibt bei der Sache: Mal ganz davon ab, dass wir inzwi­schen 500 Euro Stu­di­en­ge­büh­ren zah­len und somit eigent­lich wer­be­freie Pay Edu­ca­ti­on erwar­ten dürf­ten, zählt die „Bild“-Zeitung defi­ni­tiv zu den Pro­duk­ten, die ich am aller­we­nigs­ten in mei­nem direk­ten Umfeld haben möch­te. Da bin ich doch mal gespannt, wie sich AStA und ande­re links-alter­na­ti­ve Stu­den­ten­grup­pen dar­über das Maul zer­rei­ßen wer­den …

Nach­trag, 15. April 2007: Kat­ti hat sich so eine Zei­tung auf­schwat­zen las­sen und doku­men­tiert auch detail­liert das Bei­blatt, auf dem sich „Bild“ selbst vor­stellt („Gestat­ten, Bild!“).
Außer­dem gibt es bei indymedia.org eine – wie zu erwar­ten – „aus­ge­wo­ge­ne“ Aus­ein­an­der­set­zung mit der Geschich­te. Dort gibt es auch ein Wie­der­se­hen mit Tsang’s Law („Die Stu­die­ren­den for­dern …“).

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Musik Digital

The Sellf Fullfilling Prophecies

Darf man sich eigent­lich selbst zitie­ren? Wenn es dar­um geht, selbst auf­ge­stell­te und in der Wirk­lich­keit beleg­te The­sen zu unter­mau­ern, wohl schon, oder?

Jeden­falls ist es vier Tage her, dass ich die fan­tas­ti­sche New­co­mer­band Kili­ans abfei­er­te. Neben diver­sem Lob für die Band hat­te ich in mei­nem Text auch eini­ge Sät­ze der Kri­tik an die Adres­se von Musik­jour­na­lis­ten und ‑kon­su­men­ten ver­steckt. Die­se waren nicht extra gekenn­zeich­net, lau­te­ten aber:

Wer den Kili­ans vor­wirft, sie mach­ten “Sound, Auf­tre­ten und Song­wri­ting” der Strokes nach, der macht sich ver­däch­tig, außer den Strokes nicht all­zu vie­le ande­re Bands zu ken­nen.

und

Was man den sym­pa­thi­schen und krea­ti­ven jun­gen Män­nern jetzt nur noch wün­schen kann ist […], dass die Leu­te ler­nen, den Band­na­men rich­tig zu schrei­ben: ohne “The” und mit einem L.

Nun gehe ich natür­lich nicht davon aus, dass man bei den Opi­ni­on Lea­dern von Eins Live und Visi­ons unser klei­nes Blog liest und sich dann auch noch an dem ori­en­tiert, was ich glau­be, der Mensch­heit so mit­zu­tei­len zu haben. Aber es hät­te ja sicher auch ande­re Grün­de (bei­spiels­wei­se ästhe­ti­sche oder gram­ma­ti­sche) gege­ben, einen Satz wie die­sen zu ver­hin­dern:

Dank pro­mi­nen­ten Befür­wor­tern wie Thees Uhl­mann und per­ma­nen­tem tou­ren – unter ande­rem mit Kett­car und The Coo­per Temp­le Clau­se – spricht es sich lang­sam rum, dass sich die Ant­wort des Nie­der­rheins auf die Strokes The Kili­ans nennt.

Jetzt ist natür­lich die Fra­ge, wel­che PR-Grund­re­gel man in die­sem Fall zückt: „Jede Pres­se ist gute Pres­se“ oder doch lie­ber „Call me m***erf***er but spell my name cor­rect­ly“?

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Musik Digital

„Die Kunst ist dazu da, beim Zuhörer Jammern und Schaudern zu erwecken.“

Manch­mal ist es schreck­lich, Musik­jour­na­list zu sein und Musi­ker zu inter­view­en: Sie sind aus irgend­wel­chen Grün­den schlecht gelaunt, ant­wor­ten nur sehr knapp oder gar nicht und am Ende hat man viel­leicht drei, vier Sät­ze, mit denen man etwas anfan­gen kann.

Manch­mal ist es schreck­lich, Musi­ker zu sein und von Musik­jour­na­lis­ten inter­viewt zu wer­den: Sie haben sich kul­tur­theo­re­tisch kom­ple­xe Fra­ge­blö­cke aus­ge­dacht, stel­len völ­lig ver­que­re Fra­gen oder schwei­gen plötz­lich ein­fach.

Sven Rege­ner von Ele­ment Of Crime, der sehr gute Sachen sagt, wenn man ihm die rich­ti­gen Fra­gen stellt, beweist in einem Inter­view mit der Net­zei­tung, dass er fast noch bes­se­re Sachen sagt, wenn man ihm die fal­schen Fra­gen stellt:

War­um heißt es in einem Song, «Wo Dei­ne Füße ste­hen, ist der Mit­tel­punkt der Welt»?

Ja, war­um denn nicht. Weil es rich­tig ist und weil es zu dem­je­ni­gen gehört, des­sen Rol­le er ein­nimmt.

Ste­pha­nie Weiß, die sich sicher irre vie­le Gedan­ken gemacht hat, was sie den von ihr hoch­ver­ehr­ten Musi­ker so fra­gen könn­te, fragt sich um Kopf und Kra­gen – bis sie schließ­lich gar nichts mehr sagt:

(Lan­ges Schwei­gen)

Ja, ich mei­ne, INTERVIEW, Frau Weiss! Haben Sie noch Fra­gen?

Das erstaun­li­che an die­sem Inter­view ist zum Einen, dass es offen­bar nicht „glatt­ge­bü­gelt“ wur­de, d.h. die Inter­viewe­rin ihre Fra­gen im fer­ti­gen Text nicht fre­cher oder intel­lek­tu­el­ler (bzw. in die­sem Fall: weni­ger intel­lek­tu­ell) for­mu­liert oder für sie unvor­teil­haf­te Stel­len und Ant­wor­ten ent­fernt hat. Ein sol­ches Doku­ment des eige­nen Schei­terns öffent­lich zu machen, erfor­dert Mut und ver­dient Respekt. Zum Ande­ren funk­tio­niert das Inter­view aber trotz sol­cher Sze­nen und diver­ser Wie­der­ho­lun­gen immer noch erstaun­lich gut. Es gibt Künst­ler, die wären irgend­wann ein­fach gegan­gen und hät­ten das Gespräch damit wohl auto­ma­tisch einer media­len Ver­wer­tung ent­ris­sen. Sven Rege­ner aber blieb und for­mu­lier­te zum drit­ten, vier­ten, fünf­ten Mal (als Ant­wort auf die drit­te, vier­te, fünf­te Fra­ge zum The­ma) sein Anlie­gen, den Hörern kei­ne Inter­pre­ta­ti­on sei­ner Tex­te vor­schrei­ben zu wol­len:

Kunst kennt kei­ne Bei­pack­zet­tel. Wenn man ein Kunst­werk schafft, dann kann man den Leu­ten nicht sagen, so oder so habt ihr es zu ver­ste­hen.

Nach der Lek­tü­re glaubt man zu wis­sen, war­um Sven Rege­ner so groß­ar­ti­ge Tex­te und auch so fan­tas­ti­sche Bücher („Herr Leh­mann“, „Neue Vahr Süd“) schreibt: Er hat ein­fach ein Gespür für Spra­che und denkt einen Moment län­ger als ande­re dar­über nach, wie er etwas for­mu­liert.

Netzeitung.de: Ein wei­te­rer Erklä­rungs­ver­such: Sie schaf­fen es, mit einer schwe­ren Leich­tig­keit oder leich­ten Schwe­re aktu­el­le Befind­lich­kei­ten zu tref­fen.

Rege­ner: Das Wort Befind­lich­keit fin­de ich gar nicht gut.

Netzeitung.de: Ist Zeit­geist bes­ser?

Rege­ner: Nein.

Netzeitung.de: Hm (Schwei­gen)

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Hype aus deutschen Landen: die Kilians klopfen an

Wenn man mich in einer fer­nen oder auch nähe­ren Zukunft ein­mal bäte, Deutsch­land am Oster­wo­chen­en­de 2007 zusam­men­zu­fas­sen, so wären mei­ne Wor­te wohl: „Alte Män­ner sag­ten dum­me Din­ge, mein Lieb­lings­ver­ein stand mal wie­der kurz vor dem Abstieg (ich hof­fe aber immer noch, den Halb­satz „der aber mal wie­der in letz­ter Sekun­de abge­wen­det wer­den konn­te“ nach­schie­ben zu kön­nen) und die wich­tigs­te Per­son im gan­zen Land war ein jun­ger Eis­bär. Aber ich war den­noch guter Din­ge, denn ich hör­te Musik, die mich sehr glück­lich mach­te.“

Die Musik ist die „Fight The Start“-EP der Kili­ans, die man hier bereits jetzt (und damit zwei Wochen vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung) hören kann.

Die Geschich­te dazu geht so: Vor ziem­lich genau andert­halb Jah­ren sag­te mein klei­ner Bru­der zu mir: „Hör Dir das mal an, das sind Freun­de von mir …“ Ich hör­te mir ein paar MP3s an und was ich hör­te, mach­te mich schlicht und ergrei­fend sprach­los. Die sechs Songs klan­gen, als kämen sie direkt aus einem schimm­li­gen Pro­be­raum in Lon­don oder New York, jeden­falls über­haupt gar nicht nach einer Schü­ler­band aus Dins­la­ken. Aber genau das war es.

Ein paar Wochen spä­ter hat­te sich die Band end­lich auf einen Namen geei­nigt: The Kili­ans. Bei CT das radio beka­men sie mit „Jea­lous Lover“ ihren ers­ten Air­play und wur­den zur Abstim­mung für die Cam­puscharts vor­ge­schla­gen. 2006 begann mit Platz Vier in eben jenen Cam­puscharts und einem ein­sei­ti­gen Arti­kel im Dins­la­ke­ner Lokal­teil der „Rhei­ni­schen Post“. Eine Woche spä­ter ging der Song auf Platz 3 (hin­ter Franz Fer­di­nand und Tom­te) und drei Wochen spä­ter hat­te Thees Uhl­mann das Demo gehört und für gut befun­den. Für so gut, dass er sei­ne Band­kol­le­gen über­zeug­te, die fünf Jungs (ein­mal, ein ein­zi­ges Mal darf man eine Band als „Jungs“ bezeich­nen – zumin­dest, wenn der jüngs­te gera­de erst 18 ist), die er noch nie zuvor auf der Büh­ne gese­hen oder auch nur getrof­fen hat­te, für sie­ben Aben­de im Vor­pro­gramm mit­zu­neh­men.

Die Tour wur­de ein Erfolgs­zug son­der­glei­chen. Publi­kum und Haupt­band schlos­sen die Frisch­lin­ge, die zuvor gera­de eine Hand­voll Kon­zer­te im wei­te­ren Bekann­ten­kreis gespielt hat­ten, sofort in ihre Her­zen. Die am hei­mi­schen PC gebrann­ten EPs gin­gen noch vor der Hälf­te des Wegs aus und muss­ten im Tour­bus und noch in der Kon­zert­hal­le auf zusam­men­ge­lie­he­nen Lap­tops nach­ge­brannt wer­den. Am Ende einer Woche waren über 700 Stück ver­kauft, was bei einer Media-Con­trol-Erfas­sung locker für die deut­schen Sin­gle­charts gereicht hät­te. Und Thees Uhl­mann ließ kaum noch eine Gele­gen­heit aus, sei­nen neu­en Freun­de über den grü­nen Klee zu loben.

Mit­te Juni, noch ehe Simon, Domi­nic, Arne, Gor­di­an und Micka das ein­jäh­ri­ge Band­ju­bi­lä­um fei­ern konn­ten, hat­ten sie Kon­zer­te in den Epi­zen­tren Ham­burg und Ber­lin gespielt, eine Erwäh­nung im Musik­ex­press erhal­ten und waren mit ihrer EP „Demo des Monats“ in der Visi­ons. Zwei Mona­te spä­ter waren sie in einem von Red Bull umge­spritz­ten alten Schul­bus kreuz und quer durch Deutsch­land unter­wegs, stell­ten ihr Gefährt auf den Zelt­plät­zen der wich­tigs­ten Musik­fes­ti­vals ab und spiel­ten auf dem Dach klei­ne, umfei­er­te Gue­ril­la­kon­zer­te – sofern die Poli­zei ihnen nicht gera­de den Strom abge­stellt hat­te.

Im Herbst ging es dann zu Swen Mey­er, der zuvor schon die Grand-Hotel-van-Cleef-Klas­si­ker von kett­car, Tom­te und Marr auf­ge­nom­men hat­te, ins Ham­bur­ger Stu­dio. Die ers­ten Früch­te die­ser Arbeit sind jetzt auf der EP „Fight The Start“ zu hören, die am 20. April über Ver­ti­go Ber­lin, Grand Hotel van Cleef und Uni­ver­sal in den Han­del kom­men wird – und vor­ab auf der (obli­ga­to­ri­schen) MySpace-Sei­te der Band, die sich inzwi­schen vom Arti­kel im Band­na­men getrennt hat, durch­ge­hört wer­den kann.

Die Tee­nies ras­ten aus, als hät­ten die Arc­tic Mon­keys und Tokio Hotel unehe­li­che Kin­der gezeugt, die dann auch noch sofort der Puber­tät ent­sprun­gen sind, und die Indi­en­a­zis in den ein­schlä­gi­gen Foren meckern: „unglaub­lich öde“, „Unta­len­tier­te, und vor allem iden­ti­täts­lo­se, Gören­kom­bo!“, „Für eine deut­sche Band, die ver­sucht eng­lisch zu klin­gen, viel­leicht ganz nett. Aber mehr auch nicht.“

Der Vor­wurf, dass deut­sche Künst­ler (also sol­che, die zufäl­li­ger­wei­se auf dem Stück Land gebo­ren wur­de, auf dem in Erd­kun­de­at­lan­ten immer „Deutsch­land“ steht), gefäl­ligst auch danach zu klin­gen haben (wie auch immer man sich das vor­zu­stel­len hat), schaff­te es bis in eine Arc­tic-Mon­keys-Kon­zert­kri­tik bei intro.de: „Ich hat­te schon vor­her Stoß­ge­be­te in den Him­mel geschickt: ‚Bit­te nicht schon wie­der eine Dins­la­ke­ner Band, die sich ein­bil­det in Cam­den zu woh­nen!‘ “ Ande­rer­seits auch ein ziem­lich coo­ler Satz, der zeigt, dass die Kili­ans in den Köp­fen der Kri­ti­ker ange­kom­men sind – und impli­ziert, dass Dins­la­ken noch mehr zu bie­ten hat.

Und in der Tat: für knapp 72.000 Ein­woh­ner hat Dins­la­ken eine gera­de­zu blü­hen­de Musik­sze­ne. Mit Leo Can Dive (vgl. Miles, Che­wy, Jim­my Eat World) und The Rumours (vgl. Arc­tic Mon­keys, The Liber­ti­nes, Black Rebel Motor­cy­cle Club) ste­hen gleich die nächs­ten Indie­bands zum gro­ßen Sprung bereit. Die Dorf­ju­gend enga­giert sich in Ver­ei­nen zur Sze­ne­för­de­rung und tut sich gegen­über den Kili­ans dann doch vor allem mit Neid und fast aggres­si­ver Ableh­nung her­vor. Es geht ja auch nicht an, dass man Bands, die seit dem letz­ten Jahr­tau­send vor sich hin­mu­cken, plötz­lich rechts über­holt – und das mit einer Pro­fes­sio­na­li­tät und Cool­ness, die für die Punk- und Emo­kid­dies in Erman­ge­lung eines grö­ße­ren Wort­schat­zes natür­lich nur eines sein kann: „Arro­ganz“.

Genau­so ver­hält es sich mit der Beschrei­bung der Musik: Wer den Kili­ans vor­wirft, sie mach­ten „Sound, Auf­tre­ten und Song­wri­ting“ der Strokes nach, der macht sich ver­däch­tig, außer den Strokes nicht all­zu vie­le ande­re Bands zu ken­nen. Natür­lich klin­gen die Kili­ans auch nach The Strokes, aber eben auch nach min­des­tens zwei Dut­zend ande­ren Bands der letz­ten vier­zig Jah­re. Das reg­ga­ein­spi­rier­te „Insi­de Out­side“ könn­te auch von The Liber­ti­nes (oder wenigs­tens den Dir­ty Pret­ty Things) sein, „Take A Look“ ist Blues, mit Mit­teln des Ruhr­ge­biets nach­emp­fun­den, und wo „Fool To Fool“ eigent­lich her­kommt, könn­ten wohl höchs­tens The Kooks oder – *Tadaa!* – The Beat­les erklä­ren. Und dann klingt es noch nach Franz Fer­di­nand, Oasis, Man­do Diao und diver­sen wei­te­ren Bands, aber eben immer auch ein­deu­tig nach den Kili­ans, was nicht zuletzt der beein­dru­cken­den Stim­me von Simon den Har­tog („singt als hät­te er schon alles erlebt“, Thees Uhl­mann) lie­gen dürf­te.

Ja, das ist eine Geschich­te wie aus einem Mär­chen oder wenigs­tens aus dem Mut­ter­land des Pop – und sie hat gera­de erst ange­fan­gen. Wie die Kili­ans letzt­end­lich ein­schla­gen wer­den, wird sich eben­so zei­gen wie was die Fach­pres­se davon hält. Aber schon jetzt steht fest: das ist kei­ne all­täg­li­che Geschich­te aus einem Land, in dem sich die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei einen „Pop­be­auf­trag­ten“ leis­te­te und in dem die gro­ßen Sta­di­en seit min­des­tens 15 Jah­ren von den immer­glei­chen Künst­lern gefüllt wer­den.

Was man den sym­pa­thi­schen und krea­ti­ven jun­gen Män­nern jetzt nur noch wün­schen kann ist (neben dem ganz gro­ßen Durch­bruch, der eigent­lich nur eine Fra­ge der Zeit sein soll­te), dass die Leu­te ler­nen, den Band­na­men rich­tig zu schrei­ben: ohne „The“ und mit einem L.

Kilians - Fight The Start

Kili­ans-Web­site
Kili­ans bei MySpace.com
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Tsang’s Law & Order

Lan­ge bevor es das Web 9 3/​4 gab, tum­mel­ten sich die Men­schen, deren Mit­tei­lungs­be­dürf­nis zwar vor­han­den, aber noch nicht auf Leser­brief­schrei­ber-Grö­ße aus­ge­wach­sen war, im Use­net. Das konn­te (und kann) alles, was Web­fo­ren und Blogs knapp zwan­zig Jah­re spä­ter auch konn­ten, kommt aber ohne jeg­li­che Kli­ckibun­ti-Ele­men­te aus.

Was ich am Use­net neben den oben beschrie­be­nen Vor­tei­len noch mag, sind die soge­nann­ten Use­net-Laws, die anzei­gen, wann eine Dis­kus­si­on den Null­punkt erreicht hat und sofort ein­ge­stellt gehört. Eines die­ser Laws heißt Tsang’s Law und geht wie folgt:

Wer die schwei­gen­de Mas­se als Kri­te­ri­um für Zustim­mung oder Ableh­nung einer Fra­ge her­an­zieht, hat auto­ma­tisch ver­lo­ren.

Die­ses Law kam mir heu­te Mor­gen in den Sinn, als ich mei­nen News­rea­der Brow­ser anwarf und bei sueddeutsche.de einen Blick auf die der­zeit hef­tigs­te Dis­kus­si­on (wir könn­ten lang­sam auch von einem Fla­me­war spre­chen) im deutsch­spra­chi­gen Real Life warf:

CSU-Gene­ral­se­kre­tär Mar­kus Söder sag­te jetzt der Bild-Zei­tung: „Die Äuße­rung ist ein Skan­dal. Sol­che Anwäl­te sind eine Schan­de für ihre Zunft.“ Stoi­ber küm­me­re sich mehr um die Opfer als um die Täter. Das sehe die Mehr­heit der Deut­schen sicher­lich genau­so.

Ähn­lich äußer­te sich der CDU-Innen­ex­per­te Cle­mens Bin­nin­ger. Der Zei­tung sag­te Bin­nin­ger: „Der Rechts­an­walt kann offen­sicht­lich nicht ver­kraf­ten, dass Stoi­ber der gro­ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung aus dem Her­zen spricht.“

Im Use­net kann man übri­gens einem unlieb­sa­me Schrei­ber ins soge­nann­tes Kill­fi­le packen und kriegt ihre Bei­trä­ge von da an nicht mehr zu Gesicht.

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Die Jugend von morgen

Mor­gen erschei­nen zwei Alben, die – auch wenn sie auf den ers­ten Blick sehr ver­schie­den sind – ein paar Gemein­sam­kei­ten auf­wei­sen: bei­de stam­men aus der Feder von jun­gen Män­nern und bei­de gefal­len mir außer­or­dent­lich gut.

Get Cape. Wear Cape. Fly – The Chro­nic­les Of A Bohe­mi­an Teen­ager
Lass uns Schub­la­den ver­bren­nen mit Sam Duck­worth. Der schnappt sich sei­ne Akus­tik­gi­tar­re und singt Melo­dien, die einen zunächst ein­mal an so rich­tig emo-mäßi­ge Songs den­ken las­sen. Aber noch bevor man „Dash­board Con­fes­sio­nal lässt grü­ßen“ in sei­nen Unter­arm rit­zen kann, schep­pern da ver­spiel­te Beats los und win­ken in Rich­tung The Pos­tal Ser­vice und Elec­tric Pre­si­dent. Anders als die bis­her gen­a­me­drop­ten Künst­ler kommt Duck­worth aus Eng­land und ist gera­de 20 Jah­re alt. Man müss­te sich arg am Meta­phern­rie­men rei­ßen, um die Lie­der nicht als Per­len zu bezeich­nen und das Album zu hören klingt wie als Kind in die Som­mer­fe­ri­en zu fah­ren. Und ehe mei­ne Hilf­lo­sig­keit, das Unglaub­li­che in Wor­te zu fas­sen, noch wei­ter um sich greift, emp­feh­le ich die Anschaf­fung des Wer­kes. Zur Not nach vor­he­ri­gem Rein­hö­ren!

Mika – Life In Car­toon Moti­on
Die fan­tas­ti­sche Sin­gle „Grace Kel­ly“, die einem auch beim hun­derts­ten Hören noch nicht völ­lig auf die Ket­ten geht, hat­te ich ja schon vor ein paar Wochen gelobt. Jetzt kommt das Album (natür­lich mit abge­run­de­ten Ecken) und da zeigt uns der 23jährige Mika, der in sei­nem Leben schon mehr erlebt hat als so man­cher mit 75, wie Pop heu­te geht. Was sage ich dazu? Seit „May­be You’­ve Been Brain­wa­shed Too“ von den New Radi­cals, nach deren Gregg Alex­an­der Mika immer wie­der klingt, hab ich kei­ne so char­mant-bun­te Pop-Plat­te mehr gehört. Wenn das Album nach zehn Songs vor­bei­ge wäre, wäre es ein ech­tes Meis­ter­werk. Mit zwölf Num­mern ist es nur eine groß­ar­ti­ge Schei­be für Freun­de des etwas bubble­gu­mi­gen Indiepops. Bit­te eben­falls kau­fen und hören!