Autor: Lukas Heinser
Verschwör dich gegen dich
Kommt ein BILDblogger in die Buchhandlung und stolpert über ein Buch mit dem Untertitel „Was 2007 nicht in der Zeitung stand“. Er blättert ein wenig darin, denkt „Das hört sich ja ganz interessant an“, fragt sich, woher ihm der Name Gerhard Wisnewski bekannt vorkommt und zahlt den sympathischen Preis von sechs Euro.
Und damit lag „Verheimlicht, vertuscht, vergessen“ (von nun an: „VVV“) vor mir. Im Vorwort erklärt Wisnewski die Intention seines „kritischen Jahrbuchs“:
Mein Ziel war es, bekannte Themen nochmals unter die Lupe zu nehmen und unbekannte Themen aufzudecken, um das Geschichtsbild dieses Jahres ein wenig zu korrigieren.
Ein hehres Ziel, wenngleich er einen Absatz später immerhin einräumt, nicht im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Gute 300 Seiten später weiß der Leser, wo Wisnewski Korrekturbedarf sieht: Es gibt keine vom Menschen verursachte globale Erwärmung, keine Vogelgrippe und kein Aids; die Anschläge des 11. Septembers 2001 wurden von den Amerikanern selbst geplant (wobei einige Medien im Vorfeld informiert waren) und mit Hilfe von Al Gore soll eine „Klimaplanwirtschaft“, eine „Diktatur mit lächelndem Gesicht, aber mit eisernen Fesseln“ installiert werden um die Macht der USA in der Welt weiter auszubauen.
Uff! Da sollte man sich vielleicht erst mal noch mal anschauen, wer dieser „bekannte Erfolgsautor und Enthüllungsjournalist“ (so der Verlag) Gerhard Wisnewski eigentlich ist. Er ist Jahrgang 1959, hat Politikwissenschaften studiert, als Journalist gearbeitet und mehrere Sachbücher geschrieben. Zum Beispiel „Lügen im Weltraum“ (die Mondlandung hat es so nicht gegeben), „Das RAF-Phantom“ (die dritte Generation der RAF hat es so nicht gegeben), „Mythos 9/11“ und „Operation 9/11“ (den 11. September hat es so nicht gegeben). Über den 11. September hat Wisnewski sogar einen Dokumentarfilm für den WDR gedreht: „Aktenzeichen 11.9. ungelöst“ wurde vom „Spiegel“ derart zerpflückt, dass der WDR anschließend eine weitere Zusammenarbeit mit Wisnewski und seinem Co-Autor ausschloss.
Vorsichtig ausgedrückt sind Wisnewskis Theorien also mit Vorsicht zu genießen. Und in der Tat sind manche Beweisführungen so krude, manche Quellen so dubios und manche handwerklichen Fehler so offensichtlich, dass es der Glaubwürdigkeit des Buches erheblich schadet. Das ist tragisch, denn in „VVV“, das die Ereignisse von Oktober 2006 bis September 2007 behandelt, gibt es durchaus Kapitel, die lesenswert sind. So ist zum Beispiel eine kurze Rückschau auf die verschiedenen Bundesminister des Inneren in den letzten Jahrzehnten hochinteressant, weil hier eindrucksvoll aufgelistet wird, wie es um die Verfassungs- und Gesetzestreue der jeweiligen Herren so bestellt war. Auch Wisnewskis Kritik an Wahlautomaten, ePässen und RFID-Chips ist weitestgehend fundiert und sinnvoll, seine statistischen Vergleiche der Gefahren von Vogelgrippe und internationalem Terrorismus mit denen im Straßenverkehr sind angenehm Hysterie-bremsend. Einige der Kapitel über ungelöste Kriminalfälle laden zumindest zu einer näheren Beschäftigung mit den Quellen ein, sorgten aber auch dafür, dass ich mich nach der Lektüre fühlte wie als Vierzehnjähriger nach dem „Akte X“-Gucken, als ich bei eingeschaltetem Licht einschlafen musste.
Wisnewski ist davon überzeugt, dass sich die Weltwirtschaft unter amerikanischer Führung gerade im Zusammenbruch befindet (was ich als Wirtschaftslaie nach den Ereignissen vom Montag nicht mal ausschließen kann), vermutet hinter den Vogelgrippe-Fällen in Deutschland eine Verschwörung von Pharma-Industrie, Geflügelgroßbetrieben und dem Friedrich-Loeffler-Institut und wärmt die alte Verschwörungstheorie um die BBC am 11. September 2001 wieder auf. Ihn zu widerlegen erscheint in den meisten Fällen unmöglich, da es ja zum Wesen jeder besseren Verschwörungstheorie gehört, dass ihre Verbreiter dem Rest der Welt unterstellen, selbst Verschwörer oder deren Opfer zu sein. Offizielle Quellen gelten eh nicht, unabhängige Sachverständige sind Teil der Verschwörung und wer die „Gegenbeweise“ kritisiert gehört zu denen. Unter dieser Prämisse kann natürlich keine Seite irgendwas beweisen – oder es haben einfach beide Recht.
Ich tue mich schwer damit, „VVV“ pauschal als substanzlose Verschwörungstheorie und albernes Gewäsch abzutun, weil in dem Buch einige interessante Denkansätze auftauchen. Auf der anderen Seite steht darin aber auch viel Quark, der bei mir teils für Gelächter, teils für Wutanfälle gesorgt hat:
- Die alberne RTL-Comedy „Freitagnachtnews“ lobt Wisnewski gleich an zwei Stellen als „Satiresendung“ bzw. die „zusammen mit Sieben Tage, sieben Köpfe […] einzige Sendung, die man sich im Deutschen Fernsehen überhaupt ansehen konnte“.
- Das Kapitel über den unter mysteriösen Umständen verstorbenen Felix von Quistorp beginnt Wisnewski mit dem Hinweis, dass in Deutschland jährlich etwa 50.000 Kinder als vermisst gemeldet werden – um ein paar Zeilen später auf Fälle von verwahrlosten und misshandelten Kindern zu sprechen zu kommen und zwischendurch noch Madeleine McCann zu erwähnen, die nun kaum zu den in Deutschland vermissten Kindern zählen dürfte.
- Wisnewski will Murat Kurnaz dessen Folterbeschreibungen nicht glauben, weil diesem „selbst die Beschreibung schlimmster Folterpraktiken“ „keine Gefühlsregungen“ entlocke. Eine etwas dünne Logik, wenn man sich vorstellt, welche psychischen Folgen solche Folter auslösen muss.
- Im Fall des Amoklaufs von Blacksburg zweifelt er die offizielle Version mit der Begründung an, es habe ja gar keine Verbindung zwischen dem vermeintlichen Täter und seinen Opfern gegeben. Dabei dachte ich immer, diese Willkür gehöre zum Konzept des Amok.
- Das Kapitel über Mark Medlock (bzw. die Praktiken von RTL bei der telefonischen Abstimmung) beginnt er mit dem Klischeesatz jedes Kulturpessimisten
Das deutsche Showgeschäft erreicht einen neuen künstlerischen und ästhetischen Tiefpunkt.
um hinzuzufügen, Medlock sehe „schlecht“ aus, singe „schlecht“ und spreche „schlecht“:
Dem Wahren, Schönen, Guten setzt DSDS das Unwahre, Hässliche und Schlechte entgegen.
- Völlig unreflektiert zitiert Wisnewski einen Wissenschaftler, der das „befürchtete Übergreifen der Seuche [Aids, Anm. des Bloggers] auf die heterosexuelle Bevölkerung“ in Abrede stellt.
- Den Status der „Bild“-Zeitung als Hofberichterstatterin im „Arbeiter- und Merkelstaat“ will Wisnewski allen Ernstes mit einer Meldung über die Qualität von Billig-Sonnencremes belegen.
- Zu Eva Herman fällt ihm ein, sie sei Opfer eines böswilligen Komplotts geworden. Ihr viel gescholtenes Zitat sei doch „eindeutig“ gewesen. Dabei hatte ich gehofft, man könnte sich inzwischen wenigstens darauf einigen, dass das ganze Elende dieser unseligen Debatte nur entstanden ist, weil sich Frau Herman im freien Vortrag in ihren Nebensätzen verheddert hatte und sich hinterher zu fein war, diese Möglichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. Wir haben gesehen, dass man Hermans berühmten Satz in zweierlei Richtungen auslegen kann und genau das sollte doch wohl ein Kriterium für Uneindeutigkeit sein.
- Wisnewski macht aber zwischendurch auch noch mal selbst die Herman, wenn er die „erheblichen“ Unterschiede im Verhalten von Jungen und Mädchen am folgenden Beispiel beweisen will:
Während Mädchen im Handarbeitsunterricht brav sticken, schweifen Jungen gedanklich ab und gucken aus dem Fenster.
Solche Bücher machen mich ganz gaga, weil ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin, mich selbst zu fragen, ob ich dem Autor bei diesem oder jenem Thema überhaupt noch zustimmen kann, wenn ich an anderen Stellen nicht nur nicht seiner Meinung bin, sondern sein Vorgehen mal für falsch, mal für gefährlich halte. Natürlich kann ich das, denn letztlich muss ja sowieso jeder für sich selbst entscheiden, was er glaubt und was nicht. Die Quintessenz der Lektüre kann also nur lauten, allen Quellen mit einer gewissen Grundskepsis zu begegnen. Für diese Erkenntnis brauche ich aber keine 300 Seiten Text.
Der BILDblogger fand dann übrigens zumindest doch noch was: Im Kapitel über die Haftentlassung Brigitte Monhaupts zitiert Wisnewski die „sehr empfehlenswerte, Bild-kritische Website www.bildblog.de“.
Zitatenstrauß: Claus Kleber
Claus Kleber musste gestern im „Heute Journal“ einen Beitrag anmoderieren, in dem es um den Prozessauftakt zum Berliner „Koma-Trinken“ ging. Er begann überraschend, aber klug:
Es hat da ja jeder seine eigenen Erfahrungen, aber ich denke, dass bei uns über kein anderes Thema – nicht mal über Sex – so scheinheilig gelogen wird wie über Alkohol. Besonders zwischen älteren und jungen Leuten: Da wird schwadroniert, wie toll das war, als Onkel Jürgen kaum noch zum Auto laufen konnte, und dann werden – nüchtern betrachtet – die üblichen Warnungen mit ernstem Ton von oben herab verteilt.
Ich weiß schon, warum ich Claus Kleber für einen der Besten im deutschen Fernsehen halte.
Hitl, hitler, am hitlsten
So, da hatte also DJ Tomekk, der zunächst wahnsinnig unsympathische, dann aber immer knuffiger werdende Dschungelcamp-Bewohner, vor zehn Tagen in einer australischen Hotelhalle den rechten Arm gehoben und die erste Strophe des Deutschlandlieds (die übrigens nicht „verboten“ ist, liebe Viva-Mitarbeiter) angestimmt. Gestern tauchte das Video dann urplötzlich auf und wurde von „Bild.de“ veröffentlicht. Dass man die Erstveröffentlichung des Videos mit dem Off-Kommentar „Dieses Skandalvideo schockiert Deutschland!“ versehen hatte, spricht entweder für eine Lücke im Raum-Zeit-Kontinuum oder für das Selbstverständnis von „Bild“.
Und „Bild“ sollte recht behalten: Schon im eigenen Artikel hatte man die gut geölte Empörungsmaschinerie in Gang gebracht. Gut möglich, dass Dieter Graumann, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, weder wusste, wer DJ Tomekk war, noch das Video gesehen hatte, als „Bild“ ihn anrief und um einen Kommentar bat. Aber „Wer Hitler feiert, muss geächtet werden“, kann man ja immer sagen.
Nun, es mag sicher einigermaßen geschmacklos sein, als Deutscher im Ausland den Hitler-Gruß zu zeigen, aber … Moment, „Deutscher“? Tomekk wurde als Tomasz Kuklicz in Krakau geboren, sein Mutter ist Polin, sein Vater Marokkaner – für Roland Koch und erst recht für Neonazis macht ihn das wohl zu einem „Ausländer“. Deswegen sind Überschriften wie „Nazi-Skandal im Dschungel-Camp“ gleich doppelter Unfug.
Der „Skandal“ findet nämlich außerhalb des Camps statt, in lautstark empörten Medien, deren Leser und Zuschauer bis vor zwei Wochen nicht mal wussten, dass es einen DJ namens Tomekk geben könnte. Als wären die deutschen Medienkonsumenten zu doof, Geschmacklosigkeiten selbst zu erkennen, wird ihnen von möglichst vielen Fachleuten für Entrüstung erklärt, warum dieses oder jenes „nicht geht“. Über kurz oder lang kann das allerdings dazu führen, dass die Leute irgendwann eben nicht mehr selbständig wissen, was „schlimm“ ist.
Jan Feddersen hat bei taz.de einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht, dem ich nicht in allen Punkten zustimmen würde, der aber die Lektüre dennoch lohnt:
In Deutschland geht Nazi gar nicht. Niemals und auf ewig nicht. Ist schlimm. Politisch, ästhetisch, kulturell, unterschichtstrashig. Jeder muss wissen, dass jede semiotische Andeutung mindestens fünf Tanklaster Tränen der Empörung und der Wut und des Abscheus provoziert. Solidaritätserklärungen von Zentralräten, Gewerkschaftskreisen, Zirkeln der Opfer und Vereinen der Auchbetroffenheit in allgemeiner Hinsicht.
Klar, dass das den Lesern sauer aufstößt:
Gerade in der Taz ein Plädoyer für solche völlig unangebrachten „Scherze“ zu finden, irritiert mich gerade ziemlich.
Oder:
Ich wusste gar nicht, dass die TAZ das Bildungsfernsehen RTL und ihre trashige-debile Dschungelsenung anschaut!
Und damit wird vielleicht auch die Marschrichtung Intention der ganzen Kampagne angesprochen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ ist ja eh „Unterschichtenfernsehen“. Wenn ein dort mitmachender HipHop-Proll (HipHop ist ja eh böse, s. Bushido) also zum Nazi taugt, kann sich das Bürgertum entspannt zurücklehnen und gleich drei Sachen auf einmal scheiße finden. Das ist einfacher, als sich mit den echten Neonazis vor der eigenen Haustür zu beschäftigen.
Die wirklich spannende Frage, die Feddersens Artikel aufwirft, ist die, warum man in Deutschland eigentlich immer noch keine Witze über Nazis machen soll:
DJ Tomekk mag uns der Beweis sein: 75 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland darf über den Führer, darf über Goebbels, Hitler, über all das Nazig’schwurbel gelacht und gelästert werden.
Ich bin mir nicht ganz sicher, welche „Witze“ man über Nazis machen sollte und welche nicht. Aber werden Verbrechen der Nationalsozialisten etwa „weniger schlimm“, wenn man sich über die Anführer von damals lustig macht? Fast scheint es, als würden diese Arschlöcher heute ernster genommen als je im „Dritten Reich“.
Weiterführende Links
DJ Tomekks Reaktion und Entschuldigung im Wortlaut
Das Hitler-Blog der taz zum Thema
But still we thought we knew
Ich finde es immer einigermaßen schockierend, wenn Leute, die man aus den Medien „kannte“, in jungen Jahren versterben.
Letzte Woche Brad Renfro (25), gestern Heath Ledger (28).
Für sie nun: Nada Surf mit „River Phoenix“.
Die Normalität des Bösen
Udo Vetter hat im Lawblog eine sehr interessante MP3 verlinkt. Zu hören ist Angela Merkel bei ihrem gestrigen Auftritt in der Stadthalle Osnabrück, wo sie den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff im Wahlkampf unterstützte.
Dieser gut einminütige Ausschnitt ist bemerkenswert – sprachlich wie inhaltlich. Und deshalb gehen wir die wesentlichen Stellen mal gemeinsam durch.
Sie werden sich erinnern, die Älteren unter Ihnen, wie viele Schlachten wir schon geschlagen haben.
Warum ausgerechnet Frauen immer so eine martialische Sprache an den Tag legen müssen, habe ich mich schon bei Eva Herman gefragt. Aber das ist hier nur ein unwichtiges Detail …
Heute hätten wir weder die libanesischen Kofferbomber gefunden, noch hätten wir die Schlägereien des alten Mannes in der U‑Bahn in München so schnell aufklären können, und heute findet jeder Videoüberwachung auf großen Plätzen, öffentlichen Plätzen ganz normal.
Mit den „Kofferbombern“, die auch von seriösen Medien nur unter Aufbietung von Anführungszeichen so genannt werden, war es so: Der erste Verdächtige wurde nach Hinweisen des libanesischen Geheimdienstes festgenommen, der zweite stellte sich im Libanon selbst. Und die beiden jungen Männer, die in München einen Rentner zusammengeschlagen haben (Ist die Formulierung „die Schlägereien des alten Mannes“ nicht irgendwie drollig?) wurden mithilfe eines kurz zuvor gestohlenen Mobiltelefons überführt.
Auch die Behauptung, „jeder“ fände die Videoüberwachung „normal“, halte ich für sehr gewagt – Frau Merkel aber bekanntlich nicht.
Wenn es die Union nicht gewesen wäre, die dafür gekämpft hätte, dass das notwendig ist, hätten wir heute noch keine Videoüberwachung.
Es mag eine leichte Unsicherheit in der freien Rede sein, aber finden Sie es nicht auch irgendwie merkwürdig, dass die Union dafür „kämpft“, dass etwas „notwendig“ ist? Entweder etwas ist notwendig, oder es ist es nicht.
Wir werden nicht zulassen, dass technisch manches möglich ist, aber der Staat es nicht nutzt, dafür aber die Verbrecher und Täter und Terroristen es nutzen, das ist nicht unser Staat, der Staat muss hier hart sein.
„Technisch möglich“ sind auch die Folter mit Elektroschocks, die gezielte Tötung von Verdächtigen oder andere, gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßende Maßnahmen. Will der Staat die zukünftig auch nutzen?
Wie weit will „der Staat“ (Wer soll das überhaupt sein? Sie? Ich? Merkelschäublezypries?) beim Wettrüsten mit den bösen Jungs gehen? „Die machen das, also machen wir das auch“, halte ich für eine sehr gefährliche Argumentation, mit der man den Boden des Rechtsstaats schon nach kurzer Zeit verlässt.
Und: Wer sind „die Verbrecher und Täter und Terroristen“? Ab dem Verdacht zu welcher Straftat will Frau Merkel da welche technischen Möglichkeiten ausreizen? Wirklich erst ab Terrorismus, oder vielleicht doch schon bei Ladendiebstahl? Sicher doch auch gegen Kinderpornographie, nicht? Da war die Staatsanwaltschaft doch erst kürzlich so mega-erfolgreich.
Frau Merkels Ansichten sind beunruhigend, ihre Sprache verräterisch.
Ich weiß nicht, welche geistigen Voraussetzungen man erfüllen muss, um Programmplaner bei einem (Privat-)Fernsehsender zu werden. Logisches Denken oder gesunder Menschenverstand jedenfalls scheinen Ausschlusskriterien für den Job zu sein.
Da lief vergangene Woche mit „Die Anwälte“ die erste RTL-Eigenproduktion seit Ewigkeiten an, die mir gefällt (genauer: seit „SK Babies“ – und die fand ich bestimmt auch nur gut, weil ich damals zwölf Jahre alt war), und – Zack! – wird diese nach nur einer einzigen Folge abgesetzt.
Sicher, die Quoten waren nicht so doll, dafür aber die Kritiken. Wer vom Start der Serie nichts mitbekommen hatte (also beispielsweise Leute, die sonst nie RTL gucken, für eine gute Serie mit Kai Wiesinger aber mal eine Ausnahme machen würden), aber durch Kritiken oder Erzählungen im Freundeskreis neugierig geworden war, hat jetzt aber nicht mal mehr die Gelegenheit, sich selbst ein Bild zu machen. Stattdessen läuft nun „CSI“, das ja regelmäßig hohe Quoten einfährt – wenn es denn in den TV-Zeitschriften angekündigt wird.
Deutsches Fernsehen wird von Menschen gemacht, die ihr Programm und ihre Zuschauer hassen. Man sollte diese Leute dringend in psychologische Behandlung schicken. Und darüber keine Dokusoap drehen.
PS: „Herzog“ fand ich übrigens auch gut, RTL. Der Eintrag, in dem ich diese sensationelle Häufung von einheimischen Qualitätsserien auf Eurem Sender loben wollte, war schon in der Produktion.
Nachtrag 6. Februar: … und mit beeindruckender Konsequenz hat RTL jetzt auch Herzog gekillt.
Jetzt frage ich mich doch wirklich, ob man etwas werden kann, das man bereits ist.

[Ausrisse: mtv.de]
Ich wünsche mir eine Diskussionsrunde mit Bastian Sick und Peter Sloterdijk, die dieser Frage auf den Grund geht.
Noch fraglicher ist allerdings, wie mtv.de zu diesem Satz kam:
Die Einser-Schülerin, die einen Platz an der Eliteuniversität Harvard in Aussicht hat, sei sich ganz sicher, so ihr Vater der britische Fußball-Boss Sir Alex Ferguson: ‚Das Baby ist von Pete, da besteht gar kein Zweifel!‘
Denn erstens ist Ferguson nicht der Vater (father), sondern der Patenonkel (godfather) der schwangeren Frau und zweitens hat sich der Fußballmanager noch gar nicht zu dem Thema geäußert – und wird es wohl auch bleiben lassen, wenn er einigermaßen klug ist.
Ypsilanti, al-Wazir
und die Kommunisten stoppen!
Mit diesem, auf den ersten Blick schlichten Zweizeiler hat sich der bisher unbedeutende Nachwuchsliterat Roland Koch vergangene Woche in den Olymp der Politlyrik katapultiert.
Die erste Zeile besteht aus einem seltenen Paion (mit Betonung auf der dritten Silbe) und einem Anapäst und klingt daher schon allein durch ihr Versmaß exotisch. Diese Wirkung unterstreicht der Dichter mit der Verwendung zweier Familiennamen aus dem südöstlichen Mittelmeerraum und dem Gebiet der arabischen Halbinsel.
Der Name „Ypsilanti“ stammt aus dem Griechisch-Phanariotischen und bezeichnete schon griechische Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Sein Klang erinnert an den vorletzten Buchstaben des lateinischen Alphabets, der erst im zweiten vorchristlichen Jahrhundert aus dem Griechischen übernommen wurde und hier für etwas Unfertiges, Unbedeutendes steht. Der Name „al-Wazir“ leitet sich ab vom persischen „wazir“ und bezeichnet ab dem 10. Jahrhundert den mächtigsten Mann in einem Kalifenstaat – die deutsche Schreibweise ist „Wesir“. Mit nur sieben Silben gelingt es Koch so, eine Brücke über Vorderasien in den Orient zu schlagen.
Die zweite Zeile beginnt mit einem Jambus, der auf eine deutlich geordnetere Struktur hindeutet, überrascht dann aber mit einem weiteren Paion und einem Trochäus. Der in der ersten Zeile gemachte Ausflug in fremde Länder wird nicht weiter ausgeführt – man erfährt nicht, welche Aufgaben die derart herbeizitierten Entscheidungsträger fremder Hochkulturen für den weiteren Verlauf des Gedichts haben. Koch beendet die Aufzählung mit dem deutlich unpersönlicheren Begriff „Kommunisten“, der durch den Zeilenumbruch und die Verwendung der Konjunktion „und“ und des Artikels „die“ zusätzlich deutlich von den ersten beiden Begriffen abgegrenzt ist. Statt einer Handlung innerhalb des Gedichts endet es mit einem Imperativ, das Ausrufezeichen unterstreicht den appellativen Charakter des Zweizeilers.
Koch gelingt es, diese sechs Worte mit einer immensen Bedeutung aufzuladen. In einem fast flehentlichen Ton fordert der nicht näher spezifizierte Sprecher einen unbekannten Adressaten zu einer Handlung („Stoppen“) auf, während er selbst weder aktiv noch passiv in Erscheinung tritt. „Gestoppt“ werden sollen die durch die Namen repräsentierten (vorder-)orientalischen Hochkulturen (wobei der Verweis auf Griechenland auch für die Antike und die Wiederaufnahme ihrer Ideale in der Aufklärung stehen kann) und „die Kommunisten“, die einen überraschenden politischen Aspekt in das Gedicht bringen. Betrachtet man diese doch recht unterschiedlichen Gruppierungen und die Werte, für die sie stehen, und ihre offensichtliche Opposition zum Sprecher, so wird klar, dass dieser ein christlich-konservatives, möglicherweise anti-aufklärerisches Weltbild vertreten soll. Das ungewöhnliche, allen ästhetischen Regeln widersprechende Versmaß und der fehlende Reim spiegeln die innere Aufruhr des Sprechers wieder, die weibliche Kadenz am Ende der zweiten Zeile drückt seine Resignation aus. Zwar fehlen wesentliche Informationen, da das Hauptgeschehen außerhalb des Gedichts stattzufinden scheint, aber die Intention des Werks wird klar: es steht in der Tradition großer mittelalterlicher Kampf- und Spottschriften und muss wie diese unabhängig von der politischen Intention für seine literarischen Qualitäten wertgeschätzt werden.
Roland Koch ist ein ausdrucksstarkes Gedicht voller Brisanz gelungen, das gleichzeitig sehr vielschichtig ist und doch keine klare Aussage trifft. Es ist dem Dichter zu wünschen, dass er in Zukunft noch mehr Zeit für seine lyrischen Arbeiten finden wird.
Ein Script sie zu knechten
[via Fabian]
Was läuft da eigentlich im Online-Angebot der deutschen „Vanity Fair“ schief? Also, von den üblichen Problemen mal ab.

(Die Startseite von vanityfair.de im Firefox)

(Die gleiche Seite im Internet Explorer)
Wenn der Beat losgeht

Der Umstand, dass heute Sonntag ist, ermöglicht es mir, mal Branchendienst zu spielen und quasi eine Exklusivmeldung rauszuhauen: Tomte-Schlagzeuger Timo Bodenstein hat die Band nach über zehn Jahren verlassen.
Timo Bodenstein und Tomte haben beschlossen, von nun an getrennte Wege zu gehen. Timo übergibt das Staffelholz an Max, Simon Frontzek (a.k.a. Sir Simon Battle) wird uns künftig als Keyboarder begleiten. Einiges wird anders, und wir machen weiter wie bisher. Alles Gute für alle.
Eure Tomte
Damit ist Sänger Thees Uhlmann jetzt das letzte aktuelle Bandmitglied, das schon beim Debütalbum „Du weißt, was ich meine“ dabei war.

