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Still wird das Echo sein

In mei­nem direk­ten Umfeld gibt es eini­ge Men­schen, die seit län­ge­rem glaub­haft vor­ge­ben, mich zu mögen. Sie haben mich unab­hän­gig von­ein­an­der auf­ge­for­dert, mit der Lek­tü­re von Tex­ten aus der Spar­te „Ero­tik“ auf Bild.de auf­zu­hö­ren. Irgend­was wer­de davon sicher in Mit­lei­den­schaft gezo­gen: Augen, Hirn, Rücken­mark – man ken­ne das ja.

Ande­rer­seits ist es auch immer wie­der ein Quell der Freu­de, sich die­se Tex­te vor­zu­neh­men – und sie sind häu­fig auf der Start­sei­te ver­linkt.

Zum Bei­spie­le die­ser hier über „15 selt­sa­me Lie­bes­krank­hei­ten“. Dass in dem Arti­kel irgend­wel­che gänz­lich unko­mi­schen Zita­te abge­feu­ert wer­den, die einen nicht gera­de dazu brin­gen, das Buch zu kau­fen, dem sie ent­stam­men, soll uns hier mal nicht inter­es­sie­ren.

Ent­schei­dend ist der Ein­stieg:

Paa­re beneh­men sich manch­mal schon selt­sam: Da kon­trol­liert SIE ihren Part­ner, ob er die Spül­ma­schi­ne in ihrem Sin­ne ein­räumt. Da wird ER miss­trau­isch, wenn ihr Orgas­mus nicht mul­ti­pel ist. Manch­mal ant­wor­ten ER und SIE frei­mü­tig vor Freun­den auf nicht gestell­te Fra­gen zu ihrem Sex­le­ben. Und dann

Ich unter­bre­che da gera­de mal und fra­ge Sie, wie es wohl wei­ter­geht mit jenem Satz, der da mit „Und dann“ durch­aus span­nungs­taug­lich anmo­de­riert wird.

Naa, haben Sie eine Idee?

Tada­aa:

Und dann wie­der star­ren bei­de schwei­gend in einen kar­gen Misch­wald.

Ich fürch­te, ich wer­de heu­te die gan­ze Nacht wach lie­gen und mich fra­gen, was das nun wie­der soll …

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Klickbefehl (25)

[…] Ich bin der Sohn eines Grie­chen, der wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur nach Deutsch­land emi­griert ist, und nach dem Ende der Jun­ta in den grie­chi­schen Staats­dienst gegan­gen ist, weil er gelernt hat, dass Demo­kra­tie etwas ist, das man sich jeden Tag erar­bei­ten muss. Und ich habe in mei­nem gan­zen Leben noch nie einen Men­schen getrof­fen, der auch nur annä­hernd so viel arbei­tet wie mein Vater. Heu­te liest er offe­ne Brie­fe in der Bild-Zei­tung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Jour­na­lis­ten Deutsch­land zur rei­chen Tan­te fan­ta­sie­ren, die jetzt aber streng mit ihrem fre­chen Nef­fen sein muss, weil der so unver­ant­wort­lich mit ihrem Geld her­um­wirft. Ich bin selbst Jour­na­list und ich schä­me mich, wenn ich dar­an den­ke, dass mein Vater das liest. […]

Ich kann die Ver­ach­tung nicht in Wor­te fas­sen, die ich für die Kol­le­gen mit ihren offe­nen Brie­fen emp­fin­de, die sich ohne jede Recher­che einen demü­ti­gen­den Witz nach dem ande­ren aus den Fin­gern gesaugt haben, die sehen­den Auges Vor­ur­tei­le bis hin zum ras­sis­ti­schen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den ent­spre­chen­den Invest­ment­ban­ken noch ein biss­chen in die Hän­de zu spie­len. […]

Mich­a­lis Pan­te­lou­ris, Ham­bur­ger Jour­na­list mit grie­chi­schen Vor­fah­ren, schreibt in sei­nem Blog Print Würgt über die media­le Het­ze von „Bild“ und Kon­sor­ten.

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Digital Leben

Hang On To Your IQ

Als ich bei CT das radio anfing, gab es eine fes­te Regel: Pro Nach­rich­ten­block wur­de eine Welt­nach­richt, eine Deutsch­land­nach­richt, eine aus NRW/​Ruhrgebiet und eine aus dem Hoch­schul­we­sen benö­tigt. Hoch­schul­nach­rich­ten began­nen meist mit der For­mu­lie­rung „For­scher der Ruhr-Uni­ver­si­tät haben her­aus­ge­fun­den …“ und ende­te nicht sel­ten mit schla­fen­den Hörern. 1 Manch­mal auch mit schla­fen­den Nach­rich­ten­spre­chern.

Irgend­wann wur­den die gelang­weilt abge­le­se­nen Mit­tei­lun­gen der Uni-Pres­se­stel­len zum Hor­mon­haus­halt von Karp­fen und zur Anzie­hungs­kraft weit ent­fern­ter Pla­ne­ten in ein eige­nes Pro­gramm­seg­ment ver­frach­tet, des­sen Bum­per 2 den Hörern deut­lich macht, dass sie jetzt gefahr­los zwei Minu­ten auf Klo gehen kön­nen, ohne ihren aktu­el­len Lieb­lings­song zu ver­pas­sen. Aber was will man tun? Hoch­schul­nach­rich­ten gehö­ren halt zum Sen­de­auf­trag von Cam­pus­ra­di­os …

Medi­en gehen kaum weni­ger lieb­los mit den Ent­de­ckun­gen und Erkennt­nis­sen gro­ßer For­scher um: Wis­sen­schaft­li­che Inhal­te sind nur dann span­nend, wenn „wir“ 3 mal wie­der Nobel­preis „sind“ oder sich zu kna­cki­gen Schlag­zei­len im „Panorama“-Ressort bürs­ten las­sen.

In den letz­ten Wochen also in etwa so:

Studie: Niedriger IQ schlecht fürs Herz

Herz-Kreislauf-Erkrankung durch niedrigen IQ - Gesundheitszustand vom IQ abhängig

Areale im Gehirn - Wo die Intelligenz sitzt

Und wenn man Ursa­che und Wir­kung ver­tauscht, kommt schon mal so etwas her­aus:

Die neu­es­ten Erkennt­nis­se sind auch wie­der beru­hi­gend:

Intelligenz und Evolution - Konservative haben geringeren IQ

Sato­shi Kana­za­wa von der Lon­don School of Eco­no­mics and Poli­ti­cal Sci­ence will eine gan­ze Men­ge her­aus­ge­fun­den haben:

In the cur­rent stu­dy, Kana­za­wa argues that humans are evo­lu­tio­na­ri­ly desi­gned to be con­ser­va­ti­ve, caring most­ly about their fami­ly and fri­ends, and being libe­ral, caring about an inde­fi­ni­te num­ber of gene­ti­cal­ly unre­la­ted stran­gers they never meet or inter­act with, is evo­lu­tio­na­ri­ly novel. So more intel­li­gent child­ren may be more likely to grow up to be libe­rals.

Mehr noch:

„Humans are evo­lu­tio­na­ri­ly desi­gned to be para­no­id, and they belie­ve in God becau­se they are para­no­id,“ says Kana­za­wa. […] „So, more intel­li­gent child­ren are more likely to grow up to go against their natu­ral evo­lu­tio­na­ry ten­den­cy to belie­ve in God, and they beco­me athe­ists.“

Und schließ­lich:

And the theo­ry pre­dicts that more intel­li­gent men are more likely to value sexu­al exclu­si­vi­ty than less intel­li­gent men, but gene­ral intel­li­gence makes no dif­fe­rence for women’s value on sexu­al exclu­si­vi­ty.

All die­se Erkennt­nis­se 4 gerin­nen bei den Online-Medi­en des Axel-Sprin­ger-Ver­lags schließ­lich zu Schlag­zei­len wie die­sen:

Britischer Forscher behauptet: Fremdgeher haben einen niedrigeren IQ!

Sex-Studie: Fremdgeher haben niedrigen IQ

Hmmmm. Was könn­te wohl pas­sie­ren, wenn es die Mel­dung bis nach Öster­reich schafft?

Untreue Männer sind dümmer

Ob die im Volks­mund weit ver­brei­te­te The­se, wonach Dumm bes­ser ficke, auch für Män­ner gilt, steht lei­der nicht im Arti­kel.

Wäre aber doch ein schö­ner Aus­gleich, denn:

Wer einen niedrigen IQ hat, stirbt früher

Mit Dank auch an Peter B., Lukas S. und noir

  1. Mut­maß­lich, für eine Media-Ana­ly­se fehl­te das Geld.[]
  2. Fach­be­griff für „Eine gut gelaun­te Stim­me ruft den Namen der Rubrik, dann läuft jene Hin­ter­grund­mu­sik, die die ver­rück­ten Radio­men­schen ‚Bett‘ nen­nen …“[]
  3. Also Sie, ich und Kai Diek­mann – das gan­ze deut­sche Volk halt.[]
  4. Ein höhe­rer IQ führt zu mehr Pro­gres­si­vi­tät, weni­ger Reli­gio­si­tät und höhe­rer Mono­ga­mie.[]
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Musik Digital

Songs For The Dumped

Aus Anlass des heu­ti­gen Valen­tins­tags haben sich die Macher der bes­ten Musik­show der Welt, „All Songs Con­side­red“, mal was beson­de­res ein­fal­len las­sen: Nach­dem es im letz­ten Jah­re ein paar weni­ger bekann­te Lie­bes­lie­der gab, geht es dies­mal um break­up songs, also Lie­der rund um Bezie­hungs­en­den.

Sym­pa­thi­scher­wei­se ist es wie­der ein­mal eine Show in gro­ßer Run­de, das heißt neben Stan­dard-Mode­ra­tor Bob Boi­len sind auch Pro­du­zent Robin Hil­ton, sowie die Redak­ti­ons­kol­le­gen Ste­phen Thomp­son und Car­rie Brown­stein mit dabei. Wie immer, wenn die Vier gemein­sam eine Sen­dung schmei­ßen, sind die Dia­lo­ge und die zwi­schen­mensch­li­chen Necke­rei­en fast genau­so schön wie die Musik.

Die Song­aus­wahl schwankt zwi­schen nahe­lie­gend und abwe­gig. Die gan­zen wüten­den Abrech­nun­gen (s. Über­schrift) wur­den weg­ge­las­sen, dafür gibt es viel Herz­schmerz – und eine musi­ka­li­sche Band­brei­te, die von den Ramo­nes zu Jus­tin Tim­ber­la­ke, von Stars zu Vic Ches­nutt reicht. Dazwi­schen: Beck und The Repla­ce­ments.

Ein biss­chen posi­ti­ver geht es dage­gen beim Valen­tins-Geschenk von Enno Bun­ger wei­ter: Deren schmu­cke Sin­gle „Herz­schlag“ kann man heu­te (ganz ohne Anmel­dung) kos­ten­los her­un­ter­la­den.

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Literatur Digital

Die Arroganz der Jungen, die Ignoranz der Alten

Wir müs­sen dann lei­der noch mal auf „Axolotl Road­kill“ zurück­kom­men, das lite­ra­ri­sche Hype-The­ma der Stun­de. Nicht, dass ich das Buch inzwi­schen gele­sen hät­te, aber: Das von der Lite­ra­tur­kri­tik auf Laut­stär­ke 11 gefei­er­te Werk von Hele­ne Hege­mann (17) weist in etli­chen Pas­sa­gen erstaun­li­che Ähn­lich­keit mit einem ande­ren Buch auf.

Deef Pir­ma­sens hat in sei­nem Blog Die Gefühls­kon­ser­ve eine Gegen­über­stel­lung von Text­stel­len aus „Axolotl Road­kill“ und aus dem Buch „Stro­bo“ des Ber­li­ner Blog­gers Airen ver­öf­fent­licht, das im ver­gan­ge­nen Jahr erschie­nen war. Um es vor­sich­tig aus­zu­drü­cken: Da kommt schon Eini­ges an Auf­fäl­lig- und Ähn­lich­kei­ten zusam­men.

Als gelern­ter Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ste­he ich die­sen Ent­hül­lun­gen etwas schul­ter­zu­ckend gegen­über: Mon­ta­gen und Inter­tex­tua­li­tät gibt es seit kurz nach Erfin­dung der Schrift­spra­che – Georg Büch­ners Novel­le „Lenz“ ist knapp zur Hälf­te aus Auf­zeich­nun­gen des Pfar­rers Johann Fried­rich Ober­lin über­nom­men, Johann Wolf­gang von Goe­the hat sich mehr als ein­mal mas­siv von ande­ren Tex­ten inspi­rie­ren las­sen. Auf den Platz in der Lite­ra­tur­ge­schich­te hat­te das für die bei­den Her­ren kei­ne Aus­wir­kun­gen, aber über den ent­schei­det nahe­lie­gen­der­wei­se die Nach­welt und nicht der Zeit­ge­nos­se. Über­haupt gilt ja, was Oscar Wil­de zuge­schrie­ben wird, der gemei­ne Pop-Kon­su­ment (also ich) aber erst seit Toco­tro­nic weiß: „Talent bor­rows, geni­us ste­als“.

Als jemand, der mit dem Schrei­ben von Tex­ten sei­nen Lebens­un­ter­halt zu erwirt­schaf­ten ver­sucht, sehe ich es natur­ge­mäß kri­ti­scher, wenn jemand (mut­maß­lich) gutes Geld mit Inhal­ten ver­dient, die zumin­dest zu einem nicht ganz uner­heb­li­chen Teil aus dem Werk eines Ande­ren stam­men.

Die Gren­zen zwi­schen Zitat und Dieb­stahl geis­ti­gen Eigen­tums sind flie­ßend – der Unter­schied zwi­schen den Groß-Zitie­rern Quen­tin Taran­ti­no und Die­ter Wedel besteht letzt­lich auch nur dar­in, dass Taran­ti­nos Fil­me cool sind und Wedels spie­ßig. Und dass die Über­nah­me bestimm­ter Wor­te oder gan­zer Text­pas­sa­gen noch mal ein biss­chen was ande­res ist als das zufäl­li­ge Wie­der-Erstel­len einer bereits kom­po­nier­ten Melo­die (man erin­ne­re sich nur an die rund tau­send Songs, von denen Cold­play ihr „Viva La Vida“ samt und son­ders abge­pinnt haben sol­len), lässt sich einer­seits mit den unter­schied­li­chen Mate­ri­al­la­gen (zehn­tau­sen­de Wör­ter vs. zwölf Töne) erklä­ren, ist aber ande­rer­seits auch nur Geschmacks- und Defi­ni­ti­ons­sa­che.

Man könn­te also Hele­ne Hege­mann und Die­ter Wedel zu Peter Slo­ter­di­jk und Rüdi­ger Safran­ski ins „Phi­lo­so­phi­sche Quar­tett“ set­zen und eine Stun­de lang über Blues-Moti­ve und Bas­tard­pop, Wil­liams Shake­speare und Hei­ner Mül­ler dis­ku­tie­ren las­sen und hät­te am Ende viel­leicht ein biss­chen Erkennt­nis­ge­winn oder wenigs­tens was zum drü­ber auf­re­gen. Man wür­de sich womög­lich dar­auf eini­gen, dass Zita­te, Remi­xe und Mas­hups Teil unse­rer (Pop-)Kultur sind, es aber nur höf­lich wäre, wenigs­tens sei­ne Quel­len zu benen­nen und nicht Ander­erleuts Gedan­ken als eige­ne aus­zu­ge­ben.

Aber das sind phi­lo­so­phi­sche und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Gedan­ken all­ge­mei­ner Art. Der „Fall Hege­mann“ dage­gen ist lei­der der Super-GAU der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung, weil er sich genau an der (lei­der immer noch von vie­len Men­schen auf bei­den Sei­ten ima­gi­nier­ten) Ver­wer­fung zwi­schen ana­lo­ger und digi­ta­ler Welt ereig­net hat: Da hat also so eine Ber­li­ner Künst­ler­toch­ter abge­schrie­ben – und zwar bei einem Blog­ger! Hur­ra, der Klas­sen­kampf beginnt erneut, auf die Bar­ri­ka­den!

Jetzt krie­gen die Lite­ra­tur­kri­ti­ker, denen man sicher vie­les vor­wer­fen kann, ernst­haft um die Ohren gehau­en, sie hät­ten ja mal Goo­geln kön­nen.

Goo­geln. Einen Roman! Dabei erzählt Deef Pir­ma­sens, dem die gan­zen text­li­chen Par­al­le­len als Ers­tem auf­ge­fal­len waren, im Inter­view mit sueddeutsche.de, dass ihm bei der Lek­tü­re von „Axolotl Road­kill“ bestimm­te Wor­te bekannt vor­ge­kom­men sei­en – weil er „Stro­bo“ gele­sen hat­te. Beim Erken­nen von unge­nann­ten Quer­ver­wei­sen hilft es also offen­bar immer noch, das Ori­gi­nal zu ken­nen. Dass lan­ge Zeit nie­man­dem auf­ge­fal­len ist, dass eine ande­re Text­stel­le aus dem Song „Fuck U“ von Archi­ve über­nom­men wur­de, spricht dann eben lei­der nicht für die Popu­la­ri­tät der Band.

Der Kampf der Wel­ten endet in Sät­zen wie die­sen:

In Wirk­lich­keit scheint sich als Abwehr­hal­tung des Feuil­le­tons her­aus­zu­kris­tal­li­sie­ren: Es ist nicht so schlimm, von einem weit­ge­hend unbe­kann­ten Medi­um aus dem Web geklaut zu haben – Hege­mann kann zur Not noch als Tran­skri­bis­tin vom Inter­net ins Buch gefei­ert wer­den.

Es ist jener pas­siv-aggres­si­ve Ton, gepaart mit dem Hin­weis, dass das Inter­net immer noch etwas ande­res sein soll als der Rest der Welt, der den genau­so ver­bohr­ten Men­schen im Kul­tur­be­trieb dann wie­der als Vor­la­ge dient, wenn es dar­um geht, über die Mecke­rei­en und das merk­wür­di­ge Selbst­be­wusst­sein (bzw. offen­sicht­lich des­sen Feh­len) der Blog­ger zu läs­tern. Ich fra­ge mich, ob die Geschich­te in der deutsch­spra­chi­gen Netz­welt genau­so hohe Wel­len geschla­gen hät­te, wenn der „beraub­te“ Autor nicht gleich­zei­tig Blog­ger wäre, und lie­fe­re mir die Ant­wort gleich selbst: „Ver­mut­lich nicht“. Statt sich also auf den kon­kre­ten Vor­gang zu kon­zen­trie­ren, wird mal wie­der das übel rie­chen­de Fass „wir Blog­ger gegen die Nichts­bli­cker bei den Tot­holz­me­di­en“ auf­ge­macht und es grenzt an ein Wun­der, dass sich die „#fail„s bei Twit­ter bis­her in Gren­zen hal­ten.

Der Ver­le­ger von „Stro­bo“ klingt da im Gespräch mit Spree­blick wesent­lich ent­spann­ter. Der glei­che Ver­le­ger übri­gens, der mun­ter erzählt, wann Vater Hege­mann das Buch für sei­ne Toch­ter gekauft hat:

Wäh­rend Hege­mann sagt, dass sie das Buch nicht ken­ne, kann der Ver­lag SuKuL­Tur einen Beleg vor­wei­sen, aus dem her­vor­geht, dass Carl Hege­mann den Roman Airens am 28. August 2009 über Ama­zon Mar­ket­place bestellt und an sei­ne Toch­ter Hele­ne hat lie­fern las­sen.

[via otterstedt.de]

Wenn’s um die gute eige­ne Sache geht, ist das mit dem Daten­schutz – sonst die Domä­ne der Netz­ge­mein­de – offen­bar auch nicht mehr ganz so wich­tig.

Die Über­schrift die­ses Ein­trags, übri­gens, die stammt von Vir­gi­nia Jetzt!

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Digital

I’m just a crosshair. Not!

Fritz­chen Mül­ler (inzwi­schen 9 1/​2), lang­jäh­ri­ger Chef-Gra­fi­ker von turi2.de und zwi­schen­zeit­lich bei „RP Online“ beschäf­tigt, hat einen neu­en Job. Bei Bild.de:

Mit Dank an Gre­gor K.

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Restposten der spätkindlichen Infantilgesellschaft

Ich weiß nicht, ob Sie’s mit­be­kom­men haben, 1 aber es gibt da ja gera­de eine neue deut­sche Lite­ra­tur­sen­sa­ti­on, die die gro­ßen jun­gen deut­schen Lite­ra­tur­sen­sa­tio­nen der ver­gan­ge­nen Deka­den, „Cra­zy“ und „Feucht­ge­bie­te“ kurz­schließt: „Axolotl Road­kill“ von Hele­ne Hege­mann (17).

Gele­sen habe ich das Buch noch nicht, 2 aber allein der Titel ist schon mal toll. „Axolo­tol“, die­se Bezeich­nung für einen mexi­ka­ni­schen Lurch, der sein Leben lang Kind bleibt, stand näm­lich immer auf der Lis­te der außer­ge­wöhn­li­chen Wor­te, die mein bes­ter Freund und ich zu Schul­zei­ten geführt haben. 3

Über Hele­ne Hege­mann jeden­falls ist schon viel geschrie­ben wor­den, meist in der übli­chen ahnungs­lo­sen Begeis­te­rung, mit der sich Erwach­se­ne, die nicht als früh­ver­greist gel­ten wol­len, der Welt und der Spra­che von Jugend­li­chen nähern. Wer lan­ge genug sucht, wird sicher eine Rezen­si­on fin­den, in der früh­neu­hoch­deut­sche Begrif­fe wie „geil“ oder „Bock haben“ vor­kom­men.

Der Text, den Simo­ne Mei­er für die „Bas­ler Zei­tung“ geschrie­ben hat, ist anders. Er stellt die media­le Figur Hele­ne Hege­mann in Fra­ge, haut auf den ande­ren Feuil­le­to­nis­ten rum und knallt mit vol­ler Wucht ein paar For­mu­lie­run­gen raus, die man so ger­ne mal in Büchern lesen wür­de:

Das Selbst­be­wusst­sein und der Mut zum Lei­den sind glei­cher­mas­sen unge­heu­er, man hat die Hor­mo­ne im Kopf und den Wahn­sinn im Her­zen. Und man kann eine Pose so lan­ge und so betö­rend repro­du­zie­ren, bis es zu viel wird und man sie auto­ma­tisch wie­der erbricht. Selbst­fin­dung in der Puber­tät ist gewis­ser­mas­sen eine anhal­ten­de Buli­mie halb garer Hal­tun­gen und Gefüh­le.

Frau Mei­er stei­gert sich fast in einen grund­sym­pa­thi­schen Welt­hass Bernhard’scher Prä­gung, wenn sie in einem Absatz mal eben den hal­ben deut­schen Kul­tur­be­trieb, ach: die hal­be deut­sche Gesell­schaft umreißt:

Es scheint, als habe Hele­ne Hege­mann mit all ihren wie rasend her­ge­stell­ten, aus­ge­kotz­ten klei­nen Wer­ken wirk­lich einen wah­ren Kern gefun­den. So etwas wie den häss­li­chen Boden­satz der Ber­li­ner Bohè­me, mit dem sich die Kin­der der Gene­ra­ti­on Selbst­ver­wirk­li­chung her­um­schla­gen müs­sen. Es ist ein Boden­satz, in dem sich alle glei­chen, weil Kind­heit längst nicht mehr den Kin­dern gehört, son­dern zum Fetisch der Erwach­se­nen gewor­den ist. Das Erstaun­lichs­te an „Axolotl“ ist näm­lich dies: dass hier ein Teen­ager schreibt, als wäre er einer jener auf dem Dance­f­lo­or hän­gen geblie­be­nen Mitt­dreis­si­ger oder Anfangs­vier­zi­ger. Dass er zwei Gene­ra­tio­nen kurz­schliesst: die­je­ni­ge des früh­rei­fen Wun­der­kinds und jene der Rest­pos­ten aus der spät­kind­li­chen Infan­til­ge­sell­schaft.

Dass Frau Mei­er es schafft, einen Text, der der­art offen auf sei­ne Sub­jek­te ein­schlägt, ver­söhn­lich enden zu las­sen, spricht für die bei­den.

Aber lesen Sie selbst:

„Die Schön­heit des kaput­ten Kin­des“ von Simo­ne Mei­er

  1. Haha­ha­ha­ha.[]
  2. Ich bin gera­de – leicht ande­re Bau­stel­le – mit „The Wild Things“ von Dave Eggers beschäf­tigt.[]
  3. Eben­falls auf der Lis­te: „Wadi“, „semi­per­meable Mem­bran“ und „Aum“. Irgend­wann wer­den sich auch damit noch mal The­ra­peu­ten befas­sen müs­sen.[]
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Gute Frage

Seit eini­ger Zeit stellt die „Rhei­ni­sche Post“ in ihren Lokal­tei­len die „Fra­ge des Tages“: Mehr oder weni­ger gut auf­ge­hängt an einen Arti­kel der aktu­el­len Aus­ga­be müs­sen sich die Leser für „Ja“ oder „Nein“ ent­schei­den. Die Fra­gen rei­chen von all­ge­mein („Inter­es­sie­ren Sie sich für die Geschich­te Ihrer Hei­mat­stadt?“, „Sind Sie ver­är­gert über den Win­ter­dienst?“) bis hin zu für Außen­ste­hen­de unver­ständ­lich („Bedeu­tet das Abschnei­den der Musik­schü­ler beim Wett­be­werb Jugend musi­ziert einen Image­ge­winn für Wesel?“, „Begrü­ßen Sie die den Beschluss des RAG-Regio­nal­ra­tes?“).

Am nächs­ten Tag wird das Ergeb­nis des Vor­ta­ges bekannt gege­ben (ohne Nen­nung der Teil­neh­mer­zahl) und die nächs­te ega­le Fra­ge gestellt. So sind jeden Tag ein paar Qua­drat­zen­ti­me­ter Zei­tung sicher gefüllt und „RP Online“ bekommt auch noch ein paar Klicks ab.

Heu­te stellt die Lokal­re­dak­ti­on Dins­la­ken end­lich mal eine Fra­ge zur Abstim­mung, die nicht ganz so egal ist:

Frage des Tages: Ja Nein Abschicken

Nach­trag, 11.50 Uhr: Ange­regt durch die­sen Ein­trag hat „RP Online“ die Fra­ge nach­ge­reicht. Sie ist nur min­der­phi­lo­so­phisch, für Außen­ste­hen­de unver­ständ­lich und lau­tet:

Fin­den Sie es gut, dass die Toi­let­ten­an­la­ge im Burg­thea­ter erneu­ert wird?

Und: Nein, es geht nicht um Wien.

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Adam and Steve

Heu­te wird die Fir­ma „Apple“ (die mei­nen defek­ten iPod übri­gens nach nur zwei Mona­ten aus­ge­tauscht bekom­men hat) offen­sicht­lich ein Gerät vor­stel­len, das – wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe – über einen Flux-Kom­pen­sa­tor, einen Warp-Antrieb und ein Auto­ra­dio ver­fü­gen wird, das aus­schließ­lich gute Musik spielt. (Okay: Letz­te­res wird ver­mut­lich tech­nisch unmög­lich sein.)

Bevor es aber so weit ist, möch­te ich Ihnen zwei Tex­te zum The­ma emp­feh­len.

Der eine beschäf­tigt sich mit dem Ver­hält­nis zwi­schen Jour­na­lis­ten und Apple:

Der Jubel von heu­te abend ist seit Tagen bereits zu hören – er hat in den Blät­tern und Sen­dern längst begon­nen. Und wenn auch das in den Fan­blogs und Maga­zi­nen für Video­ga­mer nichts Neu­es ist: In der Tages- und Wochen­pres­se ist es zumin­dest in den aktu­el­len Aus­ma­ßen unge­wohnt, um nicht zu sagen ver­ant­wor­tungs­los.

„Ste­ve Jobs als Mes­si­as einer Bran­che“ von Peter Senn­hau­ser

Der ande­re stammt von einem Mann, der nicht gera­de oft durch eine beson­ne­ne und ver­nünf­ti­ge Kom­men­tie­rung der Welt auf­fällt. Aber er sorgt mit sei­ner ver­zerr­ten Wahr­neh­mung der Welt durch­aus für einen Moment des Inne­hal­tens:

Ich lie­be es, wenn der Post­bo­te bei mir läu­tet, mei­ne Abo-Hör­zu auf dem Fern­se­her liegt, mein Nach­bar mich fragt, wie es mir geht und ich die alte Dame im drit­ten Stock über den eis­glat­ten Geh­weg zum Gemü­se­tür­ken beglei­te

„Lie­ber Ste­ve Jobs (Mr. Apple)“ von Franz Josef Wag­ner

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Print Digital

Online vs. Print (Umzugs-Edition)

Pro Print
In Online-Arti­kel kann man kei­ne Tas­sen und Glä­ser ein­schla­gen.

Pro Online
Online-Tex­te fär­ben nicht ab.

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Digital

Ein Loch ist im Dach

Bei der Schal­ker Veltins-Are­na ist – mög­li­cher­wei­se in Fol­ge der hohen Schnee­last, 80 Mil­lio­nen Exper­ten spe­ku­lie­ren schon wie­der – ein Teil des Glas­fa­ser­dachs ein­ge­ris­sen.

Damit man sich selbst ein Bild der Lage machen kann, hat „Der Wes­ten“, das Online-Por­tal der WAZ-Medi­en­grup­pe, eine klei­ne Bil­der­ga­le­rie zusam­men­ge­stellt, die das Aus­maß des Scha­dens zeigt:

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Das Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, Spielstätte des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04, ist in einem Teilbereich über der Haupttribühne eingebrochen. Foto: Martin Möller / WAZ FotoPool

Ent­we­der der Foto­graf hat sich (bei Tem­pe­ra­tu­ren um den Gefrier­punkt) kei­nen Mil­li­me­ter bewegt, wäh­rend er die Bil­der gemacht hat – oder „Der Wes­ten“ zeigt ein­fach sechs Mal das glei­che Bild in einem ande­ren Aus­schnitt.

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Musik Digital

Winning In The Name Of

Es ging im Dezem­ber durch alle Medi­en: Rage Against The Machi­ne waren „Christ­mas No. 1“ in den bri­ti­schen Charts. Die wich­tigs­te Chart­plat­zie­rung des Jah­res war in den letz­ten Jah­ren sonst gera­de­zu tra­di­tio­nell an die Gewin­ner der Cas­ting­show „X Fac­tor“ gegan­gen, aber 2009 war es die 17 Jah­re alte Schmu­se­bal­la­de „Kil­ling In The Name Of“ der Alter­na­ti­ve-Polit­ro­cker aus L.A. – einer „Gue­ril­la-Akti­on“ bei Face­book sei Dank.

Letzt­lich mach­te es aber kei­nen Unter­schied, ob Cas­ting­star Joe McEl­der­ly oder RATM auf Platz 1 gin­gen: Bei­de Künst­ler ste­hen bei Sony unter Ver­trag. Im Gegen­teil dürf­te der her­auf­be­schwo­re­ne Kul­tur­kampf der Major-Plat­ten­fir­ma über­durch­schnitt­lich hohe Ver­kaufs­zah­len beschert haben, weil Unter­stüt­zer bei­der Sei­ten inten­siv gekauft bzw. her­un­ter­ge­la­den haben, um ihren Favo­ri­ten vor­ne zu sehen.

Das Online-Musik­ma­ga­zin Crud hat bereits im Dezem­ber auf­ge­schrie­ben, dass es ein paar auf­fäl­li­ge Ver­bin­dun­gen zwi­schen Jon Mor­ter, dem Grün­der der Face­book-Grup­pe „RAGE AGAINST THE MACHINE FOR CHRISTMAS NO.1“, und Sony zu geben scheint – und erin­ner­te gleich­zei­tig dar­an, dass es auch im Weih­nachts­ge­schäft 2008 eine „Gras­wur­zel­be­we­gung“ um die Weih­nachts-Num­mer‑1 gab: Damals gab es den Ver­such (eben­falls u.a. mit Hil­fe einer Face­book-Grup­pe), Jeff Buck­leys Ver­si­on von Leo­nard Cohens „Hal­le­lu­jah“ auf Platz 1 zu kau­fen, damit nicht die Inter­pre­ta­ti­on des sel­ben Songs von „X Factor“-Siegerin Alex­an­dra Bur­ke gewinnt. 2008 ging das noch schief, Bur­ke stand mit ihrem Song an Weih­nach­ten ganz oben, der 1997 ver­stor­be­ne Buck­ley nur auf Platz 2. Bei­de Songs erschie­nen auf Labels (Buck­ley: Colum­bia, Bur­ke: Epic), die letzt­lich zu Sony gehö­ren – und wenn Leo­nard Cohen selbst Nr. 1 gewor­den wäre, hät­te es wie­der­um Colum­bia getrof­fen.

Im Zuge der Regie­rungs­kri­se in Nord­ir­land, wo Iris Robin­son, die Frau des Regie­rungs­chefs, eine Affä­re mit einem deut­lich jün­ge­ren Mann hat­te und auch Geld­zah­lun­gen eine Rol­le spie­len, hat­ten die Medi­en schnell die pas­sen­de musi­ka­li­sche Unter­ma­lung gefun­den: „Mrs. Robin­son“ von Simon & Gar­fun­kel, der Titel­song zum Film „The Gra­dua­te“, in dem eine älte­re Mrs. Robin­son eine Affä­re mit einem deut­lich jün­ge­ren Mann hat. Prompt soll auch der Song mal wie­der auf Platz 1 gekauft wer­den. Der Sound­track war 1968 bei Colum­bia erschie­nen, das seit 1988 zu Sony gehört.

Nun soll­te man die­se Indi­zi­en nicht über­be­wer­ten: Ein Rie­sen­kon­zern wie Sony hat immer vie­le Eisen im Feu­er – und wenn ich Ihnen hier rate, Kili­ans- oder Toco­tro­nic-CDs zu kau­fen, lan­det Ihr Geld letzt­lich beim sel­ben Major (Uni­ver­sal), wie wenn Sie – was Gott ver­hü­ten möge – CDs von Aura Dio­ne oder Brun­ner & Brun­ner erwür­ben. RATM-Gitar­rist Tom Morel­lo, ein Mann mit eini­ger­ma­ßen gesun­den Grund­sät­zen gegen Glo­ba­li­sie­rung und Kapi­ta­lis­mus, hat dann auch alle Ver­schwö­rungs­theo­rien brüsk zurück­ge­wie­sen und ver­mut­lich lie­ße sich für jeden ande­ren Major eine ähn­li­che Samm­lung Lis­te anle­gen.

Man soll­te sich nur im Kla­ren dar­über sein, dass die­ses gan­ze Web‑2.0‑ige „Guerilla“-Ding dann letz­ten Endes doch wie­der Geld in die Kas­sen der nicht mehr ganz so gro­ßen big play­er spült. Die bericht­erstat­ten­den Medi­en schei­nen das ein biss­chen zu über­se­hen.

Mit Dank auch an Mar­tin L.