Die Ursachenvermutung von Köln

Von Lukas Heinser, 4. März 2009 16:53

Gestern hat ein Haus in Köln das getan, was Häuser nicht tun sollten, wozu sie aber doch immer mal wieder neigen: Es ist eingestürzt. Über den Versuch, das Ganze medial zu featuren, habe ich mich bereits in meinem Blog auf freitag.de ausgelassen.

Statistisch gesehen ist die zweithäufigste Beschäftigung von Häusern nach „Rumstehen“ wohl „Einstürzen“. Die Geschichte, ja sogar die Literaturgeschichte ist voll von Mauern, Türmen und Häusern, die eingestürzt sind. Meistens fand sich irgendein Grund, der nicht selten recht banal war.

Gestern hatte sich der Staub noch nicht gelegt, da mutmaßten die ersten Menschen schon, es könne ja eigentlich nur am Bau der neuen Kölner U-Bahn-Linie liegen. Es war von Tagesbrüchen die Rede (die sich bisher nicht bestätigt zu haben scheinen) und von schiefen Kirchtürmen.

Nun ist die Geschichte der Kölner Nord-Süd-Bahn tatsächlich eine Geschichte vieler, vieler Zwischenfälle, die die Frage aufkommen lassen, ob da eigentlich vorher mal jemand nachgeguckt hat, durch was für ein Erdreich man die Tunnel zu schlagen gedenkt und ob das möglicherweise Folgen haben könnte (Grundwasser, Verdrängung, man kennt das ja).

Trotzdem habe ich mit der sofortigen Schuldzuweisung so meine Probleme, was daran liegen könnte, dass ich einer Familie entstamme, die seit Generationen Landschaften unterhöhlt und Häuser baut. Millimeterbreite Risse in den Wänden können die Vorboten einer nahenden Katastrophe sein — oder millimeterbreite Risse, die sich bis zur Wiederkehr Christi kaum verändern. Hinterher weiß man es immer genau.

Es verwundert, dass niemand (nicht einmal der aufgekratzte Moderator bei n-tv) die Frage stellte, ob ein Terroranschlag auszuschließen sei. Immerhin gäbe es doch gute Gründe, 2000 Jahre Stadtgeschichte einer erzkatholischen Stadt, in der im letzten Jahr ein Anti-Islam-Kongress stattfinden sollte, einfach mal so eben wegzupusten. Aber Terrorismus, das war die Welt A.O. (Ante Obama), heutzutage hat die Bundesregierung ja ein viel wirkungsvolleres Schreckgespenst gefunden, um Grundrechte einzuschränken: Kinderpornographie. Die hat auch den Vorteil, dass man da nicht mehr mit „Kulturen“ und „Unterdrückung“ argumentieren muss und es selbst in linken Kreisen unüblich ist, damit auch nur heimlich zu sympathisieren. Jeder, der die Verbreitungswege von Kinderpornographie nicht brutalstmöglich einschränken will, ist selbst ein halber Kinderschänder — sagt zumindest Ilse Falk, die einzige Politikerin der Welt, die sich auch heute noch traut, George W. Bush zu zitieren.

Doch zurück zum Terrorismus, zurück zum U-Bahn-Bau: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei aus einem Volk von 80 Millionen potentiellen Fußballbundestrainern eines von 80 Millionen Islam- und Terrorismusexperten geworden, hat der Kabarettist Volker Pispers mal gesagt. Heute sind es vermutlich 80 Millionen Tunnelbau-Ingenieure, die alle ganz genau wissen, warum das schief gehen musste.

19 Kommentare

  1. Muschelschubserin
    4. März 2009, 18:27

    Ich finde, du (ich sag jetzt einfach du) hast Recht, sowohl hier, als auch in deinem Freitag-Blog. Geredet wird bei solchen Anlässen viel, gesagt wird eigentlich erstmal nix. Wie auch, man kann ja niemandem einen Vorwurf machen, so kurz nach einem Ereignis. Weil man aber gestern zum Beispiel nichts zu Opferzahlen, Vermissten etc. sagen konnte, zappte man immer wieder zum Thema Suchhunde, zum Thema Inhalt des Archivs und zum Thema U-Bahn-Bau in Köln (ich hab’s nur kurz auf WDR verfolgt, aber da war’s so).
    Damit werden Assoziationen geschaffen, die nicht folgenlos bleiben, wie du ja auch schreibst. Erstens scheint es schon so gut wie sicher zu sein, dass der U-Bahn-Bau Schuld war und zweitens – und das finde ich extrem tragisch – vergisst man viel zu schnell, dass vielleicht in genau diesen Minuten Menschen sterben oder sich quälen müssen, dass andere Menschen sich um sie Sorgen machen oder wie gestern ihr zu Hause verloren haben. Und das während man unbedingt ganz nah dran sein will und nach jedem noch so kleinen Informations-Happen lechzt.
    Gestern wie auch beim Flugzeug-Unglück in Holland ging es erstmal nur um Schuld / Ursache, um Sensation, um Rundherum-Fakten, ums näher dran kommen, um das erste, zweite und dritte Foto (und ich erwischte mich beinahe dabei, zu denken, „Hm, brennt ja nicht einmal da“) – nur um überhaupt irgendwas zu verbreiten.
    Ich finde auch: Wir überwerfen uns langsam in Sachen Schnelligkeit, Sensationsgier und Aktualität. Was nützen mir all diese Info-Häppchen, von denen 80 Prozent ohnehin nicht stimmen, wenn ich das Ganze ein paar Stunden später vernünftig aufbereitet und recherchiert nachlesen oder -gucken kann?

    Viele Grüße aus Do.

  2. tumulder
    4. März 2009, 19:20

    Bauingenieure denken wahrscheinlich ersteinmal an das Gewicht der Archive, die vielleicht mit der Zeit zu schwer für das Gebäude wurden. In die Richtung habe ich noch gar nichts gelesen.

  3. Sebastian S.
    4. März 2009, 20:05

    Bei Galileo haben sie heute eine uralte Doku zum U-Bahn-Bau in Berlin ausgegraben (’99 oder so), jedoch neu vertont. Jeder zweite Satz lautete in etwa: Wenn man den Tunnel mit zuviel Kraft bohrt, kann es zu Rissen in umliegenden Gebäuden kommen, die einstürzen könnten – so wie gestern in Köln.

    Das ist ja nicht einmal sachlich falsch. Ein Haus stürzt ein, so wie gestern auch eins in Köln eingestürzt ist – die Suggestivleistung ist schon beachtlich.

  4. Boje
    4. März 2009, 20:40

    Ausnahmsweise kann ich mich hier mal äussern zu einem Thema, von dem ich tatsächlich Ahnung habe. Mein erster Gedanke gestern (und auch der eines Kollegen mit dem ich später sprach) war:“Die werden wohl die Regale zu voll gepackt haben.“. Ehrlicherweise habe ich erst danach an die möglichen Opfer gedacht, für die und deren Angehörige das tatsächlich eine Katastrophe ist.
    Katastrophal fand ich allerdings auch die Berichterstattung: In Ermangelung jeglicher Fachkenntnisse und Fakten wurde aufs gratewohl gemutmaßt. Logisch, dass unser WDR eine Sondersendung einschob (es passierte ja auch in Köln). Und wie immer, wenn über ein Thema berichtet wird, in dem ich mich ausskenne, war ich erschrocken über die schlechte Qualität. mich tröstet es nur, dass ich blauäugig genug bin zu glauben, dass bei anderen Themen fundierter berichtet wird. Naja.
    Aber andererseits bestärkt es mich in der Überzeugung, besser auf das Fernsehen zu verzichten.

  5. Ponte
    4. März 2009, 21:22

    Häuser neigen zum Einstürzen. Schöne Formulierung.

  6. Raventhird
    4. März 2009, 21:26

    Ja, wirklich gut, dass diesesmal niemand direkt den Terrorismus auspackte. Deswegen muss Coffee and TV das auch dringend nachholen, oder wie? Ehrlich: So einen polemischen Artikel wie den hier habe ich schon länger nicht mehr bei euch gelesen. Ich bitte um Besserung.

  7. Val
    4. März 2009, 21:35

    Wirklich interessant fand ich die Pressekonferenz heute Vormittag: Zum einen, weil dort genau die Informationen herausgegeben wurden, die seither in allen Medien verunstaltet werden, zum anderen die Fragen der anwesenden Reporter, die gut zur Hälfte auch anhand von Informationen zu beantworten waren, die die KVB seit Jahren im Netz stehen hat.

    Man muß den Schluß ziehen, daß den meisten Medien die Frage „U-Bahn-Bau sofort einstellen oder erst morgen?“ wichtiger ist als die Frage, was da eigentlich genau passiert ist. Letztere wurde nämlich auf der PK weitgehend (wenn auch nicht vollständig) erklärt, was aber in der Berichterstattung keinerlei Widerhall fand.

  8. Nummer 9
    4. März 2009, 22:00

    Gekonnt das platte Wortspiel mit den einstürzenden Neubauten umschifft.

  9. Kasulja
    4. März 2009, 22:56

    Naja,so ganz abbügeln würde ich das nicht.Ich wohne,oh schande,oh schande, in köln und habe schon länger kritische stimmen vernommen.Auch von Leuten, die sich auskennen.

  10. Lukas
    4. März 2009, 23:20

    @Nummer 9: Siebziger-Jahre-Bau. Nicht mehr wirklich neu.

    @Kasulja: Ausschließen will ich einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Untertunnelung eines auf Trümmern und Sand stehenden Viertels auch nicht. Aber das sollen dann bitte die Fachleute in den nächsten Wochen und Monaten klären.

    Und, mal ehrlich: Ob nun 18 oder 26 Regalkilometer Archiv — das dürfte schon ganz schön was gewogen haben. (Andererseits dürfte das ja vorher klar gewesen sein.)

  11. Hirngabel
    4. März 2009, 23:55

    Also den Kritikhebel bei den Vermutungen anzusetzen finde ich unangebracht.

    Dazu ist die Geschichte mit dem Ausbau der Nord-Süd-Bahn einfach ZU belastet hier in Köln.
    Da gab es natürlich den schiefen Turm von Köln 2004, der ja durch alle Medien ging, aber eben auch noch dutzende anderer historischer und nicht-historischer Gebäude im näheren Umfeld der Bauarbeiten, bei denen sich in den Jahren seit Baubeginn, die Schäden (Risse, Absenkungen) zunehmend gehäuft haben.

    Dass man dann bei einem solchen Unglück, bei dem ein Gebäude zusammenstürzt, dass quasi direkt über einer U-Bahn-Haltestelle dieser neuen Linie steht, finde ich da nur logisch und absolut nicht kritikwürdig.

    Mal ganz davon abgesehen, dass es aber mal sowas von menschlich ist, dass man wenn irgendetwas negatives passiert, erst einmal nach dem Warum fragt! War bei mir auch direkt der zweite oder dritte Gedanke.

    Achja, und so wie es ausschaut war der Grund wohl eine eingebrochene Stützwand an eben genau dieser KVB-Baustelle… Aber das nur so am Rande.

  12. Lukas
    5. März 2009, 12:25

    @Hirngabel: Der WDR-Artikel ist vom 04.03.2009, 20:06 Uhr und damit 30 Stunden nach dem Einsturz des Archivs entstanden. Wenn sich die Fachleute schon mal ein bisschen an der Unglücksstelle umsehen konnten und es eindeutige Hinweise gibt: Klar, kein Problem. Aber wenn Bürger und Journalisten zwei Stunden nach dem Einsturz in Kameras mutmaßen, dann muss ich das nicht haben.

  13. Hirngabel
    5. März 2009, 16:50

    Schon klar, dass der Artikel erst 30 Stunden nach dem Einsturz entstanden ist (und die ersten fundierten Meldungen dazu auch erst mind. 24 Stunden nach Einsturz erschienen sind).
    Und es ging mir ja auch gar nicht darum also ums „Rechthaben“ bei der Theorie.

    Ich bin lediglich der Meinung, dass es nur absolut natürlich ist, wenn man quasi als eine der ersten Reaktionen, die Frage nach dem „Warum?“ stellt.
    Und hier ist es nun mal so, dass ein Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau einfach extremst auf der Hand lag (gerade bei oben schon angedeuteter Vorgeschichte) und sich die Medien dann eben darauf schnell einschossen.

    Daran finde ich wirklich nichts verwerfliches.

  14. Alberto Green
    5. März 2009, 18:27

    Wir können uns ja darauf einigen, dass es nachvollziehbar ist, dass sich Passanten die Warum-Frage stellen und beantworten, aber verwerflich, dass die Nachrichtenmenschen das aufgreifen und zitieren a la „aus gut informierten Kreis hören wir, dass das und das Schuld am Unglück gewesen sein soll ist.“

  15. Hirngabel
    6. März 2009, 2:19

    Nein, darauf will ich mich eben nicht einigen. Ich wüsste nicht, warum Nachrichten-Menschen nicht die Fragen stellen sollten, die sich nicht auch die „normalen“ Menschen unmittelbar nach einem solchen Ereignis stellen.

    Dass sie sich dann auf eine Vermutung konzentrieren ist vielleicht nicht bester journalistischer Stil aber in diesem Fall eben in Anbetracht der Umstände und der Historie des Bahnausbaus derart von auf der Hand liegend, dass ich es eben albern finde hier ein (verhältnismäßig großes) Faß aufzumachen.

  16. berall Tunnelbau-Experten | stohl.de
    6. März 2009, 8:07

    […] Husern die nicht nur rumstehen und 80 Millionen Tunnelbau-Ingenieure: Die Ursachenvermutung von Kln. Nein, es war kein […]

  17. henker
    11. März 2009, 0:53

    „Räusper“ habs grad erst gelesen, aber kann sagen liegt nix an zu schweren archiven und so. die herren kvb hätten nur mal ein ordentliches geologisches gutachten machen sollen. in jedem geologischen insitut in nrw gibt es ausfürhlich kartenmaterial zur bodenbeschaffenheit, nein nicht nur dort auch unsere gute alte rwe (weltmeister im löcher graben) hat so ziemlich jeden guadratzentimeter des rheinlandes bis ins bergische und westfälische hinein untersucht (vorallem zwecks wirtschaftlichen gründen) und ein neues zeitnahes gutachten hätte nicht nur diese katastrophe, nein auch eine explosion der baukosten verhindern können. und nunja bauingeneure sind keine bodenexperten (das weiß man nach 3 semestern geographie und geologie wie ich auch wenn man ein bisschen aufpasst). leider werden solche gutachten oftgenug von den auch im text genannten bauingeneuren ausgeführt. weltbekanntes architektonisches beispiel: klinikum aachen (auf sand gebaut); die damals ebenerdige notaufnahme erreicht man am aufzug heutzutage 5m tiefer. man hätte auch aus vorfällen nicht nur reden sollen, nein auch lernen sollen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/M....._Planungen
    http://de.wikipedia.org/wiki/S.....st_(Köln)

  18. Coffee And TV: » Der neue Hitler
    3. April 2009, 13:55

    […] ein paar Wochen hatte ich geschrieben, Kinderpornographie habe Terrorismus als … äh: Totschlagargument bei der Einschränkung von […]

  19. Coffee And TV: » Ein Loch ist im Dach
    13. Januar 2010, 14:42

    […] der Schalker Veltins-Arena ist – möglicherweise in Folge der hohen Schneelast, 80 Millionen Experten spekulieren schon wieder – ein Teil des Glasfaserdachs […]