Die Nachricht vom Tode Franz Josef Wagners hat mich traurig gemacht.
Noch im Juli hatte ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über ihn geschrieben und darüber, wie er im Alter eher nachdenklicher, offener und interessierter wurde als umgekehrt.
Zu seinem Gedenken lese ich Wagners vielleicht besten Text — zweifellos aber einen der bemerkenswertesten Briefe an eine Kuh, der je in einer deutschen Tageszeitung gedruckt wurde:
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Nachtrag, 18.48 Uhr: Ich hab bei Übermedien noch ein bisschen mehr über Wagner geschrieben.
Die ARD wird beim deutschen Vorentscheid zum ESC 2026 nicht mit Stefan Raab kooperieren. Das hat der Senderverbund gestern der Deutschen Presse Agentur (dpa) bestätigt.
„Spiegel Online“ nahm diese Meldung unter einer Überschrift auf, die so rätselhaft, referenziell und fremdsprachig ist, dass ich für einen Moment dachte, ich hätte sie vielleicht geschrieben:
Der Text schließt mit diesem Absatz:
Der letzte Satz ist Quatsch.
In den bald 70 Jahren des ESC hat es viele unterschiedliche Voting-Verfahren gegeben und das aktuelle, das seit 2016 gilt, ist tatsächlich ein bisschen unübersichtlich, deswegen erkläre ich es gern noch einmal in Ruhe: Zunächst wird der Reihe nach in die Teilnehmerländer (dieses Jahr: 37) geschaltet, wo eine sogenannte spokesperson die Jurypunkte aus dem jeweiligen Land bekannt gibt — und zwar namentlich nur für das Land, das zwölf Punkte erhalten hat; der Rest (1–8 und 10 Punkte) wird eingeblendet. Danach verlesen die Moderator*innen die akkumulierten Publikumspunktefür jedes einzelne Land — und zwar in der umgekehrten Reihenfolge des Jury-Ergebnisses.
Dieses Jahr hatte Island keinen einzigen Jurypunkt bekommen, war also als erstes mit den Publikumspunkten dran:
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
Nun ist es möglich, dass ein Land keinen einzigen Publikumspunkt bekommt (was nicht bedeutet, dass niemand für dieses Land abgestimmt hat, sondern dass es nirgendwo auch nur einmal in die Top 10 des Publikums gekommen ist, denn jedes Land gibt immer nur den beliebtesten zehn Songs/Acts/Ländern Punkte). In diesem, für alle Beteiligten unschönen, Fall müssen die Moderator*innen dann so etwas sagen wie: „Country XY, we’re sorry, but you received zero points!“. Es folgen kurz fassungslose Stille, dann Buhrufe, dann frenetischer Aufmunterungsapplaus. (Ich weiß, wovon ich spreche, ich saß 2021 in der deutschen Kommentatorenkabine in der Ahoy Arena von Rotterdam, als vier Länder in Folge null Punkte bekamen.)
Für Deutschland ist der Fall der öffentlich verkündeten null Publikumspunkte in neun Jahren bisher erst zweimal eingetreten: 2019 und 2021.
Dass man „häufig »zéro point pour l’Allemagne«“ hören könnte, ist beim aktuellen Voting-Verfahren ausgeschlossen, denn dessen Prozedere führt dazu, dass es pro Song Contest maximal exakt ein Mal vorkommen kann, dass ein Land „zero points“ erhält. Übrigens ausschließlich auf Englisch.
Vor zwei Wochen haben wir den 18. Geburtstag dieses Blogs gefeiert, jetzt können wir schon das nächste Jubiläum begehen. Heute vor zehn Jahren habe ich das abgesetzt, was mein erfolgreichster Tweet (eine Kategorie, bedeutend trauriger als „Viertbester Torschütze der Rückrunde in der Kreisliga C“) werden sollte:
Ich bin mir relativ sicher, mich erinnern zu können (und wir wissen alle, was das bedeutet), wie ich diesen Tweet zwischen „Warten am Bochumer Hauptbahnhof“ und „Einsteigen in den Regionalexpress nach Köln“ geschrieben und abgeschickt habe (deswegen auch die etwas merkwürdige Positionierung des Adverbs „eigentlich“ vor dem Akkusativ-Objekt, die mich seit dem ersten Moment stört), aber ich bin etwas ratlos, welche damals aktuellen Debatten ich damit kommentieren wollte. Die „Tagesschau“ vom Vorabend ist schon mal keine Hilfe.
Die Themen „Religion“ und „Meinungsfreiheit“ mögen mit den Anschlägen auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ sieben Wochen zuvor zusammenhängen, auch wenn es aus heutiger Sicht einigermaßen unvorstellbar erscheint, dass ein Ereignis derart lange medial ventiliert wird. „Impfen“ hat, wie ich jetzt ergoogeln konnte, wahrscheinlich etwas mit einem Masernausbruch zu tun, zu dem sich der Bundesgesundheitsminister, offenkundig ein Mann mit dem Namen Hermann Gröhe, am gleichen Tag äußerte.
Wie es so oft ist: Man kann nicht vorhersagen oder kontrollieren, was „viral geht“. So erreichte meine etwas nebulöse Gesellschaftskritik schon in den ersten Stunden Hunderte „Retweets“ und „Likes“ und ich bekam meine weitere gerechte Strafe in Form eines eigenen Artikels bei „Focus Online“. Ich entnehme meinen Aufzeichnungen, dass ich offenbar einigen unerwünschten Zuspruch von Rassisten auf Facebook bekommen habe, und der „Focus Online“-Text deutet an, wie diese Leute auf die falsche Fährte kommen konnten:
In der Tat liegt Heinser nicht falsch: Der Islam und wie der Westen mit ihm umgehen soll, ist nicht erst seit der Pegida-Bewegung ein heiß diskutiertes Thema in Deutschland.
Meine flapsig wegformulierte Äußerung lässt natürlich auch verschiedene Deutungen zu — das ist ja eines der vielen Elende von maximal verknappten Online-Debatten. Meine Blog-Einträge und Newsletter sprengen nicht selten die 10.000-Zeichen-Marke, Twitter erlaubte damals offenbar nicht mehr als 140. Wie hätte ich da gleichzeitig Besorgnis ausdrücken sollen über Personen, die ihre Religion so ernst nehmen, dass sie dafür Menschen ermorden, und gleichzeitig einer fremdenfeindlichen Pauschalkritik eine Absage erteilen? Ich weiß ja nicht mal mehr, worum es mir genau ging, außer, dass ich von Evolutionsbremsen genervt war.
Dennoch wirkt mein Tweet heute wie eine Flaschenpost aus einfacheren, fast sorglosen Zeiten: Vor dem Spätsommer 2015, in dem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen eine Schließung der deutschen Außengrenzen entschied und ihren anständigen Minimal-Humanismus mit dem Erstarken von offen fremdenfeindlichen Positionen auf Social Media und in der deutschen und europäischen Politik bezahlen musste; vor der US-Präsidentschaftskandidatur eines abgehalfterten Reality-TV-Stars; vor dem „Brexit“; vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine (aber nach der Annexion der Krim und dem Einmarsch im Donbass); vor dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023, der bis heute anhält, und dem ganz großen Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Backlash. Friedrich Merz war ein weitgehend in Vergessenheit geratener Rechtsanwalt aus Düsseldorf und die AfD stand in Wahlumfragen bei ca. 6%.
Es liegt eine besonders grobschlächtige Ironie darin, dass der Ort, an dem ich meine Gedanken damals windschief notiert habe, einer der Hauptfaktoren der Entwicklungen der nächsten Jahre war: mit Fehlinformationen zu Brexit und Hillary Clinton, zu COVID-19 und Impfungen, zu Geflüchteten — und dann kam auch noch Elon Musk, der den ganzen Bums aufgekauft und zu einem Schmelztigel für Verschwörungserzählungen, Hass und alle Arten von Menschenverachtung optimiert hat (woraufhin Mark Zuckerberg für seine Plattformen nachzog).
Zwei weitere Ironien liegen darin, dass mein Tweet ausgerechnet heute Jubiläum feiert, am dritten Jahrestag des offenen russischen Kriegs gegen die Ukraine, und am Morgen nach einer Bundestagswahl, bei der die AfD auf 20,8% kam und eine Union, die die Merkel-Ära abgeschüttelt hat wie eine ungeliebte Jacke, in der Bundesregierung den Ton angeben wird.
Wahlerfolge mit rechter Rhetorik verändern das gesellschaftliche Klima: Leute, die über Jahre (zu recht) zu feige waren, rassistische, queerfeindliche oder sonstwie xenophobe Kommentare abzugeben, fühlen sich plötzlich wieder in der Mehrheit, weil die Medien, richtige wie Soziale, voll sind mit den ganzen Ungeheuerlichkeiten (und ja auch linke, aufgeklärte Menschen sie gerne noch einmal teilen, um noch mal klar zu machen, wie ungeheuerlich sie sind).
An einem Tag wie heute fällt es schwer, hoffnungsvoll oder auch nur optimistisch zu sein: AfD-Wähler*innen werfen Nicht-AfD-Wähler*innen auf Social Media vor, dass ihnen der Tod von Opfern mutmaßlich islamistisch motivierter Terroranschläge und Morde egal sei — als ob progressive Menschen nicht gegen Totalitarismus, Patriarchat und Gewalt wären, als ob der gefährlichste Ort für Frauen nicht ihr eigenes Zuhause oder Umfeld wäre und als ob eine sofortige Schließung der Außengrenzen irgendwelche Auswirkungen hätte auf Menschen, die hier unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, unbehandelte psychische Probleme haben (womöglich als Folge von Traumatisierung in ihrer Heimat oder auf der Flucht hierher) und empfänglich sind für menschenverachtende Wir-gegen-die-Narrative, die denen der AfD gar nicht so unähnlich sind.
Jede „Migrationsdebatte“ ist immer auch der sumpfige, braune Nährboden für blanken Rassismus, für ein Überlegenheitsgefühl irgendwelcher Arschlöcher, deren arglos rausgehauenen Social-Media-Parolen die Lebenswirklichkeit meiner Freund*innen und der Freund*innen meines Sohnes bestimmen. Gleichzeitig glaube ich, dass jede Social-Media-Empörung immer auch eine endotherme Reaktion ist, dass also die ganze Zeit von außen Energie zugeführt werden muss, damit sie am Kochen bleibt. Dieses „außen“ sind natürlich in erster Linie Kräfte wie Russland, Elon Musk und der Axel-Springer-Verlag, bei denen ich aktuell keine Idee habe, wie man sie wieder los wird oder wenigstens ihren Einfluss einschränkt (also: außer „Social Media abschalten“), aber ich werde weder die Hoffnung, noch mein Engagement gegen diesen Wahnsinn der einfachen Lösungen aufgeben.
Ich bin jetzt 41 Jahre alt und ich bin seit 41 Jahren auf Demos gegen Umweltzerstörung und Nazis dabei. Ich bin es den Frauen in meiner Familie schuldig, die sich seit Generationen für die Menschen engagiert haben, die von unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt und übersehen wurden; die in Parteien und Organisationen aktiv waren und 1938 antisemitische Mitschülerinnen verdroschen haben. Das sind die Vorfahren, die ich mit meinem Tweet meinte.
Korrektur, 4. März 2025: In der ersten Version dieses Blogposts hatte ich das Wort „eigentlich“ als „Adjektiv“ bezeichnet. Im Falle des Tweets ist es aber eindeutig ein Adverb. Mit Dank an K.!
Heute vor 18 Jahren ging dieses kleine Popkultur-Blog an den Start — mit einem Kickoff-Text, der zuvor den 4. Platz beim Wettbewerb „Schüler versuchen, wie Max Goldt zu schreiben“ belegt hatte.
Das heißt: Coffee And TV ist jetzt volljährig, darf Auto fahren, harten Alkohol kaufen und wählen. Uff!
So einen Geburtstag muss man natürlich ordentlich feiern, deswegen ist heute Nacht, exakt 157.800 Stunden nach dem Stapellauf, mein Projekt 18 Jahre, 18 Songs online gegangen, das eigentlich nur eine Playlist mit ein paar Anmerkungen werden sollte und jetzt – natürlich – einer der längsten Texte der Blog-Historie ist.
Außerdem feiert die kurzlebige 2014er-Serie „Song des Tages“ eine Wiederauferstehung — und zwar exklusiv in unserem WhatsApp-Kanal. Da soll es aber extra keine Begleittexte in Roman-Länge geben, sondern einfach nur jeden Tag einen Song, der mir gerade passend erscheint — obskur oder Hit, aktuell oder uralt.
Und dann wollten wir Ihnen noch das zeigen:
Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen.
The rumours are true: Aus Anlass des 18. Geburtstags werde ich aus den schönsten Blog-Texten (oder den schönsten, die ich wiedergefunden habe) lesen!
18 Jahre Coffee And TV
Freitag, 7. März 2025, 20 Uhr (anschl. Party) Goldkante, Alte Hattinger Str. 22, 44789 Bochum
Eintritt frei, hinterher geht ein Hut rum
Das wird super, ich freu mich!
Mein besonderer Dank geht heute an die anderen Gründungs-Autor*innen Kathrin, Oliver, Stephan, Daniel, Marta, Thomas und Gordian, die gleichzeitig meine ersten Leser*innen waren, und an Annika, Markus, Stefan, Katharina, Basti, Lisa, Tommy, Tom, Friedrich, Dominik, Sarina, Sue, Selma, Peter, Jens, Thorsten und Justus, die später zu diesem Blog beigetragen haben! They called us the pop kids.
Zugegeben: Es gab schon mal Zeiten, in denen es einfacher erschien, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Selbst jene Social-Media-Plattformen, die ursprünglich mal dazu gedacht waren, Urlaube, Sonnenuntergänge und fancy Getränke zu posten, um das gute Leben zu feiern, sind voll mit irgendwelchen Ungeheuerlichkeiten, die irgendwelche Dritten irgendwo anders ins Internet geschrieben haben. Mal davon ab, dass die Betreiber dieser Plattformen ungefähr so sympathisch und zukunftsweisend sind wie Mineralölkonzerne.
Also: Raus aus den sogenannten Sozialen Netzwerken, zurück in die Blogs und ein paar Leuchtfeuer anzünden!
Der Kollege Dirk von Gehlen, dessen ungebrochenen Glauben an das Internet als Werkzeug der Aufklärung ich vorsichtig skeptisch bewundere, hat etwas gemacht, was man früher „ein Blog-Stöckchen werfen“ nannte: sowas ähnliches wie in der Schule in ein Freundschaftsbuch einzutragen. Ich hab noch nie bei so etwas mitgemacht, aber extreme Zeiten erfordern extreme Maßnahmen!
Drei Dinge, für die ich mich engagiere:
Umweltschutz. Ich war zehn Wochen alt, als meine Eltern mich zu einem der ersten Grünen-Parteitage mitgenommen haben, und war in den Jahren danach auf zahlreichen Demos gegen Atomkraft, FCKW und Steinkohleverstromung. Ich kann nicht fassen, dass ich 40 Jahre später immer noch deshalb auf die Straße gehen muss, aber gut: Am 14. Februar ist die nächste „Fridays For Future“-Demo in Bochum.
Eine offene, freie Gesellschaft. Ich war noch keine sechs Jahre alt, als meine Eltern mich zu einer Gedenkveranstaltung mitnahmen: 50 Jahre Ausbruch des 2. Weltkriegs. Es war noch vor Rostock-Lichtenhagen, aber wenige Monate, nachdem die Republikaner bei der Europawahl in Deutschland 7,1 % erreicht haben. Ich kann nicht fassen, dass ich 35 Jahre später immer noch deshalb auf die Straße gehen muss, aber gut: Am 14. Februar ist auch die nächste Demo gegen rechts in Bochum.
Gutes Verstärken. Es ist meine tiefste Überzeugung, Dinge, die mir Freude bereiten, mit anderen Menschen teilen zu wollen. Deswegen mache ich sowas wie „5 Songs, die Ihr im Januar gehört haben solltet“, deswegen betreibe ich immer noch dieses Blog, deswegen schreibe ich für Zeitungen und meinen Newsletter. Es macht mich immer ein bisschen fertig, wenn ich z.B. Musik auf Social Media teile und die Künstler*innen, ob sie meine Freund*innen sind oder wir uns gar nicht kennen, sich dann überschwänglich bedanken. Ich meine: Lieb, dass sie das tun, aber es sollte doch verdammt noch mal selbstverständlich sein, Dinge, die man gut findet, teilen und verbreiten zu wollen!
Zwei Phänomene, die mich positiv stimmen:
Künstler*innen, die weiter für Fortschritt kämpfen: Lady Gaga hat ihren Gewinn bei den gestrigen Grammys genutzt, um sich für Transrechte stark zu machen; Beyoncé ist die erste Schwarze Frau, die den Grammy für das beste Country-Album gewonnen hat.
Sonne. In Bochum ist seit Tagen strahlend blauer Himmel und das ändert doch meine Perspektive auf die Welt schon merklich.
Ein Zitat, das mir hilft:
„And so now I’d like to say – people can change anything they want to. And that means everything in the world. People are running about following their little tracks – I am one of them. But we’ve all got to stop just following our own little mouse trail. People can do anything – this is something that I’m beginning to learn. People are out there doing bad things to each other. That’s because they’ve been dehumanised. It’s time to take the humanity back into the center of the ring and follow that for a time. Greed, it ain’t going anywhere. They should have that in a big billboard across Times Square. Without people you’re nothing. That’s my spiel.“ (Joe Strummer)
Ich muss zugeben: Ich habe noch keine Minute der aktuellen Champions-League-Saison in diesem neuen Modus gesehen. Zum einen, weil ich kein DAZN habe (zu teuer und zu schlecht), zum anderen, weil sich weder der VfL Bochum noch Borussia Mönchengladbach hatten qualifizieren können.
Muss ich aber auch nicht, denn Tobias Ahrens und Max Dinkelaker haben gestern für „11 Freunde“ den letzten Spieltag der Vorrunde getickert, bei dem 18 Spiele (um mal meinen verstorbenen Großvater zu zitieren: „in Worten: achtzehn“) gleichzeitig stattfanden („36 Mannschaften, also circa 720 Fußballer, 123 Trainer und Betreuer, 7.000.000 Fans im Stadion“).
Und so konnte ich heute Morgen entspannt nachlesen, wie irrlichternd, hektisch, überfordernd und schlicht unverarbeitbar der gestrige Abend gewesen sein muss. Es ist ein großartiges journalistisches Werk, das mutmaßlich unterhaltsamer ist als die Veranstaltung selbst.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat heute in einer – zugegebenermaßen schön bebilderten – Presseerklärung bekanntgegeben, wie ihr „Wort des Jahres 2024“ lautet: „Ampel-Aus“.
Gemeint ist damit das Scheitern der Bundesregierung aus SPD (rot), FDP (gelb) und Grünen (nun …), die im sogenannten Volksmund als „Ampel-Koalition“ oder schlicht als „Ampel“ bekannt war.
Nun zögere ich als studierter Linguist, die GfdS (nicht zu verwechseln mit dem „Verein Deutsche Sprache“, einer Art Vorfeld-Organisation der AfD) zu kritisieren, aber ich bin der Meinung, dass mit dieser Auszeichnung eine zunehmende Infantilisierung der Polit-Kommunikation gewürdigt und damit auch weiter vorangetrieben wird.
Bei dem legendär-öden Pressetermin in der Bayerischen Vertretung in Berlin, auf dem er Friedrich Merz mit einem mittel-enthusiastischen „Ich bin damit fein“ zum Kanzlerkandidaten der Union kürte, sprach Markus Söder mehrfach vom „Ampelschaden“, als sei er ehrenamtlicher Bürgermeister einer Kleinstadt, die über eine einzige Kreuzung verfügt. Dem Adjektiv „staatstragend“ kam der bayerische Ministerpräsident damit so nahe wie der Wachtmeister Dimpfelmoser, aber den würde Söders Kernzielgruppe, der Stammtisch (bzw. dessen Bewohner), wahrscheinlich auch nach zwei Maß Bier noch freundlich grüßen.
Die „Ampel“, das ist für Menschen, die auf Social Media gerne erklären, dass sie „selbst denken“, die Vorstufe zu „rot-grün-versifft“, zum „Kinderbuchautor“ Robert Habeck, zum müffeligen Namenswitz „Greta Thunfisch“: eine vermeintlich originelle Formulierung, die man irgendwo zwischen „Welt“-Kommentarspalte, Gabor Steingarts Lebenswerk und Facebook aufgelesen hat, die man als Erkennungszeichen für Gleichgesinnte vor sich herträgt und die ihre eigene Replik gleich mitbringt: „Okay, Boomer!“
„Ampelzoff“ war schon 2023 unter den „Wörtern des Jahres“ gewesen, was eine gewisse Fixierung auf Wörter der Duden-Kategorie „veraltend“ nahelegt (Kunden, die „zoffen“ kauften, interessierten sich auch für „pennen“, „funzen“ und „bumsen“), andererseits sprechen die meisten weiteren Begriffe aus den Top 10 nicht dafür, dass sich die Gesellschaft für deutsche Sprache an das Luther’sche Diktum hält, dem Volk aufs Maul zu schauen: „Klimaschönfärberei“, „kriegstüchtig“, „Rechtsdrift“, „generative Wende“, „SBGG“, „Life-Work-Balance“, „Messerverbot“, „angstsparen“ und „Deckelwahnsinn“ wirken jedenfalls nicht, als könnten sie – um mal ein beliebiges Wort zu verwenden, das 2024 tatsächlich viel zu hören war – das popular vote gewinnen.
Von Guido Westerwelle ist ein überraschend poetischer (auch Joachim Ringelnatz und Ernst Jandl sind Poesie) Moment überliefert, in dem er einmal erklärte: „Wir gehen in keine Ampel, Schwampel und andere Hampeleien sind mit uns nicht zu machen.“ Das ist allerdings so lange her, dass der Fußballverein, für den Kevin Kampl heute spielt, noch gar nicht gegründet war.
Die allererste Regierungskoalition der Bundesrepublik aus CDU/CSU, FDP und DP hatte keinen Spitznamen, der sich bis heute erhalten hätte, was auch daran gelegen haben mag, dass man die Farben der Deutschen Partei (schwarz-weiß-rot) jetzt vielleicht nicht mehr als unbedingt nötig hervorheben wollte. 1953 wurde diese Koalition noch um den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten erweitert, wirklich in Erinnerung blieb aber eh nur der Bundeskanzler: Konrad Adenauer. Der konnte von 1957 bis 1961 alleine (also: mit absoluter Mehrheit für die Union) regieren und saß ab 1961 einer Koalition vor, die man heute „schwarz-gelb“ nennen würde (oder, für die Teilzeit-Komiker der Hauptstadtpresse: „BVB“), damals aber nicht, weil die FDP Gelb erst seit 1972 einsetzt. Entsprechend regierte sie mit der SPD zusammen auch als „sozial-liberale Koalition“, was heute geradezu rührend aussagekräftig wirkt, wo man derlei Inhaltsangaben nur noch in bizarren Schwundstufen wie dem „Gute-Kita-Gesetz“ begegnet. Die Regierungen von 1966–1969, 2005–2009 und 2013–2021, die aus Union und SPD bestanden, nannte man „große Koalition“, weil sie – zumindest anfangs – eine erhebliche Mehrheit der Abgeordneten abdeckte.
In den 1980er Jahren begann das Farbenspiel. Das hat wenig mit dem gleichnamigen Album von Helene Fischer zu tun, wohl aber mit ihrem Namensvetter Joschka. Einer der vielen ungeschriebenen Artikel meines Jahres hätte deshalb die Geschichte dieses Begriffs zurückverfolgen sollen (denn ich liebe wenig mehr an meiner journalistischen Arbeit, als mich stundenlang durch Archive zu wühlen, eine erstaunliche Menge Beifang mit meinen peers zu teilen und daraus hinterher einen Text zu schnitzen, bei dem die Redaktion kritisch eine Augenbraue hebt und sagt: „Das ist jetzt selbst für Deine Verhältnisse extrem nerdig!“), bis in die frühen 1990er Jahre und zu einem Mann namens Björn Engholm, der für kurze Zeit das war, was nach ihm viele waren: Der schnell vergessene Hoffnungsträger der SPD.
Vorbei die Zeiten wie im November 1992, als die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb:
Fertig ist sie, die ‚Ampelkoalition‘, die wir deshalb in Gänsefüßchen setzen, weil wir uns unter diesem Gebilde technisch nichts vorstellen können.
Dass Naturwissenschaften im öffentlichen Diskurs eher eine Nebenrolle spielen, wissen wir spätestens seit der Covid-19-Pandemie, und zu den Dingen, die über Eure Vorstellungskraft gehen, gehört allenfalls eine Bobmannschaft aus, genau: Jamaika.
In der medialen Dauer-Erregung schon lang vergessen ist das Wort „Schwampel“ (für: „schwarze Ampel“), das Jörg Schönenborn am Wahlabend 2005 mit besorgniserrgendem Verve in den aktiven Wortschatz seiner Gesprächspartner*innen und Zuschauer*innen überführen wollte. Es klingt, als würde es etwas sehr, sehr Ekliges beschreiben — mutmaßlich das knorpelige Stück Fleisch, das man beim Mittagessen bei der „feinen“ Oma plötzlich im Mund hat und sich nicht auszuspucken traut (was, seien wir ehrlich, andererseits nah dran ist an dem, was man von einer schwarz-gelb-grünen Koalition erwarten kann).
Dann hat irgendjemand den Flaggen-Atlas seines Kindergartenkindes mit in irgendeine Redaktion gebracht und nach intensivem Studium und sicherlich tagelangen Konferenzen wurde beschlossen, fürderhin den Begriff „Jamaika-Koalition“ zu verwenden. Heute könnte man über die Gleichsetzung der Begriffe „schwarze Ampel“ und „Jamaika“ noch mal ganze post-koloniale, rassismuskritische Diskurse aufsperren, aber der Gelbe Wagen, er ist inzwischen in jeder Hinsicht weitergerollt, und es liegt eine feine Ironie darin, dass die Cannabis-Legalisierung eben nicht von einer Jamaika-Koalition beschlossen wurde. (Als Led Zeppelin einen Reggae-lastigen Song aufnahmen, nannten sie ihn „D’yer Mak’er“, was man [dʒəˈmeɪkə] aussprechen sollte, also wie den Inselstaat, was The Hold Steady in ihrem Song „Joke About Jamaica“ noch mal thematisieren, uns aber leider gerade nirgendwohin bringt.)
Der Flaggen-Atlas blieb in der Redaktion und erwies sich als praktisch, als schwarz-rot-grüne Regierungsbündnisse gebildet und benamt werden mussten: „Afghanistan“ hatte einen in vieler Hinsicht unglücklichen Beiklang (und nach Gras auch noch Opium in die politische Kommunikation einzuführen, hätte vielleicht auch merkwürdig gewirkt — eine „Kolumbien“-Koalition aus SPD, FDP und AfD scheint wenigstens erstmal ausgeschlossen), weswegen sich die Medien mehrheitlich auf „Kenia“ verständigten.
Die weiteren tektonischen Ereignisse in der Parteienlandschaft stellen Redaktionen und Parteien vor immer neue Probleme: Für schwarz-rot-lila hatte nichtmal mehr Sheldon Cooper eine Flagge parat, weswegen sich Berichte aus Thüringen nun um eine „Brombeer-Koalition“ ranken. Und anstatt dass irgendjemand mal innehält und sich (und bestenfalls auch andere) fragt, ob das nicht langsam alles ein bisschen albern wird, wird wahrscheinlich schon wertvolle Arbeitszeit mit der Frage verschwendet, was – zum Henker – eigentlich rot-grün-lila sein könnte oder schwarz-gelb-lila (Menschen mit Gastro-Erfahrungen wissen: Erbrochenes nach Weihnachtsmarkt-Besuch).
Angesichts der angeblichen Polarisierung der Gesellschaft (auch hier hilft ein Blick in Zeitungen von, sagen wir mal: 1968) und der damit einhergehenden Schwarz-Weiß-Einteilung bietet sich als nächste Eskalationsstufe vielleicht eine „Panda-Koalition“ an. Oder einfach, denn jetzt ist auch alles egal: eine „Koalalition“.
Zu Beginn der Fußball-Europameisterschaft der Herren ging eine Schalte des britischen „Sky Sports“-Reporters Kaveh Solhekol viral, in der dieser ein gewisses Unverständnis über die Zustände im Spielort Gelsenkirchen zum Ausdruck brachte. Sky Sports nahm das Video recht schnell wieder offline, ich habe bis heute keine Kopie davon finden können, aber die Berichterstattung (inkl. backlash und zu erwartender trauriger Repliken lokaler Medien und Persönlichkeiten) war enorm. Neben der tristen Innenstadt hatte Solhekol auch bemängelt, dass man fast nirgendwo mit Karte (gemeint war: mit Kreditkarte) zahlen könne.
Nun war ich aus offensichtlichen Gründen lange nicht in Gelsenkirchener Gastronomien unterwegs, aber für die Nachbarstadt Bochum kann ich berichten: Hier kann man inzwischen fast in allen Cafés, Eisdielen, Bäckereien und Bratwurstbuden mit Kreditkarte zahlen, idealerweise per Apple Pay – Handy dranhalten, fertig! Es ist – neben der völligen Abwesenheit von Terminen – eine der wenigen guten Sachen, die uns die COVID-19-Pandemie gebracht hatte: Der Alltag ist inzwischen derart durch-digitalisiert, dass sich Bochum fast wie Schweden, England oder weite Teile der Niederlande anfühlt, was die Ankunft in der Gegenwart angeht. Man kann sogar Eintrittskarten für die Bochumer Freibäder vorab online kaufen (was wir erst erfahren haben, nachdem wir 20 Minuten in der Mittagssonne in einer Kassenschlange gestanden hatten, aber: nun gut)!
Kaveh Solhekol und die angereisten Fußball-Fans sollten sich glücklich schätzen, wenn sie nicht auf Gebieten mit der deutschen Interpretation des Konzepts „Digitalisierung“ in Kontakt gekommen sind, die über das Bezahlen von Essen und Getränken hinausgehen.
Ich fühle mich wie ein Fensterrentner, der mit einem Behördenschreiben in die Kamera des Fotografen der Lokalzeitung wedelt, aber die RTL-Verbrauchersendung „Wie bitte?!“ wurde vor 25 Jahren eingestellt, von daher müsst Ihr jetzt mit meinen länglichen, anekdotischen Empörungen leben:
Ende April wurden im Bochumer Stellwerk Kupferkabel geklaut. Um irgendwie zur Arbeit nach Köln zu kommen, nahm ich ein Taxi zum Essener Hauptbahnhof und schickte die Quittung über 65 Euro gut gelaunt an die Deutsche Bahn. Weil angeblich noch Unterlagen fehlten, bekam ich ein Anschreiben per Post, auf das ich auch nur per Post antworten konnte (die Unterlagen waren frei verfügbar im Internet einzusehen, ich habe sie also ausgedruckt und physisch verschickt), und vier Wochen später eine Ablehnung, weil angeblich weitere Unterlagen fehlten, nach denen die DB Dialog GmbH am Anfang gar nicht gefragt hatte. Ich habe also mit der Hotline telefoniert, wo die freundliche, aber auch etwas hilflose Mitarbeiterin und ich in rund zehn Minuten immerhin das Rätsel lösen konnten, was mit „Fehlende Angaben und Belege“ eigentlich gemeint sei (ich konnte die Angaben überraschend per Telefon übermitteln), und bekam dann gestern ein Schreiben der Bahn, dass die Bearbeitung meines Falls noch ein bisschen dauern könne. Die bezaubernden Begründungen: Hochwasser und eine „angespannte Betriebsqualität“, was natürlich einerseits perfekt zu einem Konzern passt, der einen regelmäßig mit Sprachneuschöpfungen wie „Verzögerungen im Betriebsablauf“ erfreut, andererseits kaum etwas anderes bedeuten kann als: „Für uns ist alle siebte oder achte Stunde, wir gehen komplett auf dem Zahnfleisch, die Einsparungen werden uns alle töten, bitte helfen Sie uns!“
Anderes Beispiel: Die Deutsche Post hatte zwei Briefe verloren/nicht zugestellt, in denen die Firma Congstar mir eine SIM-Karte zustellen wollte (das ist noch mal ein eigenes Thema für sich, einigen wir uns auf: die Adressierung war missverständlich). Man kann, wenn man ein bisschen danach sucht, bei der Post online eine sog. „Briefermittlung“ beauftragen und bekommt dann auch eine Bestätigung per E‑Mail – alles fein. Bis ich dann – passenderweise am gleichen Tag wie den letzten Brief der Deutschen Bahn – zwei Briefe der Post im Briefkasten hatte. Darin, jeweils: Ein Schreiben mit der Bestätigung, dass ich eine Briefermittlung beauftragt hatte inkl. Entschuldigung und Bitte um Geduld, auf der Rückseite ein Vordruck, den ich nutzen könne, falls der vermisste Brief inzwischen angekommen sei – und ein Rückumschlag, mit dem ich den Vordruck dann postalisch zurück an die Deutsche Post schicken könnte.
Am Ende sind es vermutlich wieder die immer gleichen Gründe aus der Bürokratiehölle („Dokumentenechtheit“, „Datenschutz“, „Haben wir immer schon so gemacht“), aber es ist ja nicht nur die fehlende Digitalisierung, die mich hier verzweifeln lässt: Da wurden fünf Din-A-4-Blätter bedruckt, zwei kleine Rückantwort-Kuverts in größere Briefumschläge gesteckt und das alles wurde quer durch Deutschland transportiert. Am Ende vielleicht immer noch umweltschonender als ein AI-Chatbot, aber eben doch nicht wirklich ökologisch. Und während ich annehme, dass die Deutsche Post ihre eigenen Briefe kostenlos zustellt, zahlt die Bahn auf alle Fälle Porto – bzw. natürlich nicht die Bahn selbst, sondern wir alle, indem wir immer teurer werdende Bahntickets kaufen.
Wir schreiben das Jahr 2024, 95 Prozent der Deutschen nutzen das Internet „zumindest selten“, selbst bei den Personen über 70 sind es 80 Prozent. Das größte außeramerikanische Softwareunternehmen, die Nummer 3 der Welt, kommt aus Deutschland und es gibt sicherlich auch jede Menge Software-Firmen, die Lösungen anbieten, die für alle Beteiligten Vorteile bieten.
Ich kann es selbst kaum fassen, dass ich die folgenden Worte, die auch in einen FDP-Mitgliedsantrag passen könnten, schreibe, aber: Sobald man sich nur einen Schritt von gewinnorientierten Unternehmen entfernt, die in einem echten Wettbewerb am Markt bestehen müssen, muss in diesem Land immer noch (fast) alles ausgedruckt werden. (Keine Angst, ich werde natürlich nicht und auf gar keinen Fall in die FDP eintreten. Die stellt ihre Kompetenz im Bundesministerium für Digitales und Verkehr ja selbst am Besten unter Beweis.)
Und es ist ja nicht so, dass die Deutsche Bahn ein besonderes Herz für jene Leute zeigen würde, die sich ohne Smartphone durchs Leben bewegen: Die Bahncard gibt es zum Beispiel nur noch digital. Es sind diese mixed signals, die alles noch schlimmer machen.
Die gute Nachricht, natürlich: Immerhin lebe ich nicht in Gelsenkirchen.
It’s the most wonderful time of the year: In Malmö findet der 68. Eurovision Song Contest statt und unser Team wagt eine kleine Vorschau. Selma Zoronjić und Lukas Heinser sprechen über ihre persönlichen Favoriten, die unterschiedlichsten Arten von Folklore und die besten Songs für Ü50-Parties.
Dann begrüßen sie special guest Thorsten Schorn, der dieses Jahr erstmalig den ESC kommentieren wird, und sprechen mit ihm über Kindheitsträume, langwierige Verletzungen und sein Selbstverständnis als deutscher Kommentator.
Einen besonderen Blick in die Kommentatorenkabine beim ESC gibt es auch dieses Jahr wieder auf Lukas‘ Instagram-Account.
Kurt Cobain war tot, damit wollen wir beginnen. Grieselige TV-Bilder einer Garage in Seattle haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wann.
Ich habe ein sehr merkwürdiges Gedächtnis. Ein „gutes“, würden viele sagen, weil ich mich an so vieles erinnern kann: Daten, Namen, Begebenheiten, Dialoge – alles semantisch miteinander verknüpft und immer auch verbunden mit Bildern. Letzte Woche fielen mir die Namen von Freunden meiner Eltern wieder ein, die ich vor 35 Jahren zwei‑, dreimal getroffen hatte. Ich fände es aber hilfreicher und mithin „gut“, mir die Namen von Menschen merken zu können, die ich aktuell brauche.
Die TV-Bilder, also: Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie auf dem Grundig Monolith im sogenannten „Bauernzimmer“ meines Großelternhauses sah. Meine Großeltern hatten – die Sentenz von Harald Schmidt bestätigend, dass Geld und Geschmack nur selten Hand in Hand einhergehen – sich in den 1970er Jahren durchaus hochwertige, massivste Bauernmöbel andrehen lassen: einen Esstisch, an dem die Ritter der Tafelrunde alle Platz gefunden hätten, nebst passender Stühle; ein Buffet, in das rund die Hälfte der Teller des Hausstandes passten (und das waren viele); darüber ein Hängeregal, das zur Präsentation von Ziertellern gedacht war (was Bauern halt so tun) und sogar ein Beistelltischchen, auf dem immer die „Kirche + Leben“ und die „Hörzu“ der nächsten Woche lagen (die „Hörzu“ der aktuellen Woche lag meist im richtigen Wohnzimmer, da wo auch die Sofas und Sessel um einen tonnenschweren Couchtisch standen). In diesem „Bauernzimmer“, wo meist zu Abend gegessen wurde, stand der treffend so betitelte Monolith, damit mein Großvater während des Abendessens die „Heute“-Nachrichten und/oder die „Tagesschau“ sehen und so nebenbei die essenden, bitte schweigenden Enkelkinder mit Bildern des hingerichteten Nicolae Ceaușescu, aus den Jugoslawienkriegen und anderen Krisenregionen verstören konnte.
Dort hatte ich, seit wir nebenan wohnten (I’m glad you asked: meine Eltern waren mit uns am 30. Januar 1993 umgezogen – das „Zeitzeichen“ auf WDR 2, das ich an jenem Morgen im besagten Bauernzimmer im Radio gehört hatte, hatte das Thema „60 Jahre Machtergreifung“ gehabt), viele Stunden vor dem Fernseher verbracht. Meine Großeltern hatten nämlich ‚anders als meine Eltern, damals schon Satellitenfernsehen gehabt – wobei sich meine Fernseh-Diät, von MTV Europe mal ab, eigentlich auf die Programme beschränkte, die ich auch bei meinen Eltern hätte gucken können: „Hit-Clip“, das WDR-Surrogat für MTV, und „Elf 99“, ein Jugendmagazin, das im September 1989 ursprünglich im Fernsehen der DDR gestartet war, sich dort als durchaus regierungskritisch erwiesen und nach dem Ende des DFF eine kleine Odyssee durch die westdeutschen Sender hinter sich hatte. „Elf 99“ lief seit Mitte November 1993 auf Vox, dem kleinen, sympathischen Privatsender, der mit seinem erratischen, oft anspruchsvollen Programm (allem voran das Medienmagazin „Canale Grande“ mit dem damals noch Dieter genannten Max Moor) wie geschaffen war für einen zehnjährigen Jungen, der sich medial gerne zwei, drei Gewichtsklassen über der eigenen bewegte.
Dafür, dass „Elf 99“ nur wenige Monate auf Vox lief, habe ich wirklich viele Erinnerungen daran – womöglich habe ich fast alle Ausgaben dort gesehen. Ich erinnere mich, dass ein dicker, langhaariger, damals mutmaßlich noch junger Dieter Gorny zu Gast war, um das Konzept seines bald startenden Musiksenders Viva vorzustellen (den wir allerdings noch nicht mal bei unseren Großeltern sehen konnten, weil er anfangs per Kabel ausgestrahlt wurde); an Sendungen, in denen man per Anruf so lange für oder gegen den aktuell laufenden Act abstimmen konnte, bis die Negativstimmenstimmen in der Mehrheit waren (am Längsten liefen – in einer Jugendsendung im Jahr 1993 – Phil Collins und Genesis); an die Ausgabe mit den größten Hits des Jahres 1993, die zwar ausgiebig mit „Go West“ von den Pet Shop Boys betrailert worden war, das dann aber in der schlussendlichen Sendung gar nicht vorkam (auf Platz 1 landeten, wenn ich mich recht erinnere, die damals schon von mir für schrecklich befundenen Ace Of Base).
Anfang des Jahres 1994 war „Elf 99“ vom spätnachmittäglichen Sendeplatz auf einen längeren am Samstagvormittag gewechselt. Hier erinnere ich mich vage an ein Take-That-Special, aber nicht viel mehr. Es ging auch nur einige Wochen gut, dann wurde „Elf 99“ in „Saturday“ umbenannt. Und ab hier wird es kompliziert.
Schließlich wurde der Sendeplatz auf den Samstagnachmittag gelegt und im März 1994 eine Umbenennung in Saturday beschlossen. Tatsächlich lief nur eine Ausgabe unter dem neuen Namen am 26. März 1994. Denn im März 1994 hatten sämtliche Anteilseigner des Senders VOX ihre Beteiligungen gekündigt und eine Finanzierung des Programmbetriebs über den 31. März hinaus in Frage gestellt. Somit fiel neben mehreren Sendungen auch Elf 99/Saturday der VOX-Krise zum Opfer. Ein Neustart auf einem anderen Sender erfolgte nicht mehr.
Ich bin mir absolut sicher (im Sinne von: „ich könnte schwören“), dass ich die grieseligen TV-Bilder in den VOX-Nachrichten sah, die vor „Saturday“ liefen, und dort vom Tode Kurt Cobains hörte. Ich meine mich zu erinnern, dass ich einigermaßen geschockt war, denn Nirvana waren mir natürlich ein Begriff gewesen: Das Video zu „Smells Like Teen Spirit“ hatte ich – auch Jahre nach Veröffentlichung – häufig bei „Hit-Clip“ gesehen, wo die Grunge-Band aus Seattle einigermaßen gleichberechtigt zwischen East 17, 2 Unlimited und Billy Joel vorgekommen war, und auch an das Anton-Corbijn-Video zu „Heart-Shaped Box“ meine ich mich aus jener Zeit erinnern zu können. Mir war wohl auch als 10-Jährigem schon klar gewesen, dass es sich um „andere“, irgendwie sperrigere Musik gehandelt hatte als bei den meisten anderen Videos, die bei „Hit-Clip“ liefen, aber von dem Nihilismus, der Verzweiflung und dem ganzen „Generation X“-Vibe, von dem die deutschen Medien dann nach Cobains Suizid berichteten, hatte ich keine Vorstellung, als ich die Nachricht zum ersten Mal hörte – bei Vox. Und ich könnte schwören, dass zu Beginn der dann folgenden „Saturday“-Ausgabe, deretwegen ich Fernseher und Sender ja eingeschaltet hatte, zwei Moderatoren vor ein Studiopublikum traten, von denen der eine seine Nirvana-Konzertkarte (ich glaube, sie war gelb) vor laufender Kamera zerriss, was der andere mit der Frage kommentierte, ob er eigentlich bescheuert sei, diese Karte hätte doch einmal sehr wertvoll werden können. Aber all das würde ja keinerlei Sinn ergeben, wenn die Wikipedia Recht hätte und die Sendung am 26. März eingestellt worden wäre – Kurt Cobains Leiche wurde bekanntlich am 8. April 1994 entdeckt.
Der hier klaffende Widerspruch beschäftigt mich seit einiger Zeit, aber zum 30. Jahrestag wollte ich ihn endlich in Angriff nehmen. Mein erster Kontakt galt der Vox-Pressestelle, wobei ich eigentlich schon in meiner Anfrage die Segel strich, als ich schrieb, ich wisse, dass bei Vox damals chaotische Zustände geherrscht hätten und vermutlich auch einiges aus dieser Zeit nicht sehr gut dokumentiert sei, was mir die nette Pressesprecherin in weniger als 24 Stunden bestätigte.
Also schrieb ich allen Menschen, die ich kenne und die mal irgendwas mit Musikfernsehen zu tun hatten. Nilz Bokelberg, der damals beim Viva-Start dabei war, brachte mich auf die (zugegebenermaßen nicht soooo abseitige) Idee, nach zeitgenössischen Quellen zu suchen – und lieferte gleich einen online verfügbaren Artikel der „Berliner Zeitung“ vom 16. März 1994 mit, in dem stand:
Nach viereinhalb Jahren kommt das Aus für das ELF-99-Magazin. Wie die ELF-99-Medienproduktion und Vermarktung GmbH gestern mitteilte, wird das Jugendmagazin am 26. März zum letzten Mal bei VOX zu sehen sein. Am 2. April soll als Nachfolger die Sendung ’saturday‘ auf VOX starten.
Ha! Das ist natürlich etwas ganz anderes, als die Wikipedia behauptet! Und die „Frankfurter Rundschau“ schrieb noch am 28. April 1994:
Seit Ostern produziert die Berliner Firma Elf 99 für Vox das Jugendmagazin „saturday“. Nur bis Ende April ist die Planung sicher. Danach sieht es für „saturday“ nach Sonntag aus. Bertram Schwarz, Geschäftsführer von Elf 99, hält den Wechsel eines eingeführten „Produkts“ von einem Sender zum anderen für zu schwierig.
[Ostersonntag war 1994 am 3. April]
Okay. Also liegt die Wikipedia falsch. Aber das bestätigt ja immer noch nicht meine Erinnerungen.
Ich habe versucht, Kontakt zum damaligen Redaktionsleiter von „Saturday“ aufzunehmen. Ich habe Menschen (bzw. deren Management) kontaktiert, die laut eigener Aussage „Saturday“ moderiert haben – erfolglos.
Je länger ich über diesen Samstagvormittag nachdenke, desto eindringlicher erscheinen mir meine Erinnerungen: Ich bin mir sicher, dass ich noch ganz nah vor dem Fernseher stand, den ich gerade erst eingeschaltet hatte, und mich noch nicht hingesetzt hatte. Ich sehe das Licht durch die Terrassentür fallen und spüre die Fernbedienungen des Fernsehers in meiner Hand. Klar: Die habe ich ja auch hunderte Male in der Hand gehalten – aber auch am 9. April 1994? Man hört ja immer wieder von falschen Erinnerungen, von Zeugenaussagen, die nicht stimmen können. Aber wo kommen wir hin, wenn wir unseren eigenen Erinnerungen nicht mehr trauen können? Und ist eine Erinnerung, die wir nicht mit Quellen belegen können, überhaupt real?
Eines der legendärsten Zeitdokumente ist dieser Ausschnitt aus den „Tagesthemen“ vom 9. April 1994 (die – wenig hilfreich – in der YouTube-Beschreibung als „Tagesschau“ vom 8. April bezeichnet werden):
Als man noch auf Facebook war und dort lustige Links teilte, tat dieses Video mindestens einmal im Jahr das, was man damals „viral gehen“ nannte, weil es auf so beeindruckende Art die geballte Ahnungslosigkeit und Bräsigkeit deutscher Medien zusammenzufassen scheint – und das nicht 1968, sondern 1994: Da ist die konsequent falsche Aussprache von Cobains Nachnamen (die ARD-Aussprachedatenbank empfiehlt inzwischen – ich weiß aber nicht, seit wann – /koʊʹbeɪn/), die falsche „Übersetzung“ der „Lithium“-Textzeilen und dann die Zusammenfassung „Kurt Cobains Lieder sind Ausdruck einer jugendlichen Subkultur; einer Jugend ohne Hoffnung, ohne Job, drogenabhängig und kriminell“, die nicht nur grammatikalisch auf dünnem Eis unterwegs ist. Sowohl der damalige Washington-Korrespondent der ARD, Jochen Schweizer (Jahrgang 1938), als auch Moderatorin Sabine Christiansen (Jahrgang 1957) bemühen sich, so etwas wie Emphase und Faszination auszudrücken, aber der ganze Beitrag strahlt gleichzeitig so viel Alarmismus und Verachtung für „Jugendkulturen“ (falls es irgendjemand vergessen haben sollte: Cobain war 27, als er starb) aus, dass es denkbar erscheint, dass Tausende deutsche Eltern danach Tipper-Gore-mäßig in die Jugendzimmer ihrer Kinder rannten und sicherheitshalber die Nirvana-CDs in den Müll warfen.
Nachdem ich diesen Ausschnitt für diesen Text hier zum wiederholten Male gesehen hatte, beschlich mich das Gefühl, jene „Tagesthemen“-Ausgabe damals, am 9. April 1994, womöglich selbst gesehen zu haben – mit meiner Mutter in ihrem Nähzimmer, in dem sie damals abends oft saß, im Anschluss an „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe. Es scheint zumindest plausibel.
Spotify setzt uns im Juni vor die Tür. Das ist doof, aber nicht überraschend.
Lukas fordert erst zum Sturz der Tech-Konzerne auf und macht dann trotzdem das Beste draus, indem er neue Songs von seinen Lieblingsbands Pet Shop Boys und Crowded House spielt, von Maggie Rogers und Kacey Musgraves und vielen anderen Acts.
Man vergisst das angesichts immer neuer Verfahren gegen Donald Trump, angesichts von sich überschlagenden und ineinander verkeilender Krisen, schnell, aber es gab mal einen US-Präsidenten, der Barack Obama hieß. Sein (erfolgreicher) Wahlkampf 2008 gründete unter anderem auf dem von Bob, dem Baumeister, entlehnten Slogan „Yes, we can“, der als Mem eine zeitlang die digitale und vor allem analoge Welt beherrschte.
Bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben sie ein gutes Gedächtnis (oder Archiv), denn so sah am Montag der Sportteil aus:
Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. VerstandenMehr erfahren
Privacy & Cookies Policy
Privacy Overview
This website uses cookies to improve your experience while you navigate through the website. Out of these, the cookies that are categorized as necessary are stored on your browser as they are essential for the working of basic functionalities of the website. We also use third-party cookies that help us analyze and understand how you use this website. These cookies will be stored in your browser only with your consent. You also have the option to opt-out of these cookies. But opting out of some of these cookies may affect your browsing experience.
Necessary cookies are absolutely essential for the website to function properly. This category only includes cookies that ensures basic functionalities and security features of the website. These cookies do not store any personal information.
Any cookies that may not be particularly necessary for the website to function and is used specifically to collect user personal data via analytics, ads, other embedded contents are termed as non-necessary cookies. It is mandatory to procure user consent prior to running these cookies on your website.