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Grün+Roth=Braun?

Herz­lich will­kom­men zurück bei „Der lus­ti­ge Nazi-Ver­gleich“.

Unse­re Gäs­te heu­te: In der rech­ten Ecke … Bischof Wal­ter „Reimt sich auf … Fal­ter“ Mixa, in der ande­ren rech­ten Ecke … Grü­nen-Che­fin Clau­dia Roth.

Und das kam so: Der Augs­bur­ger Bischof sprach am 2. Okto­ber beim Diö­ze­san­ko­mi­tee in Regens­burg und sag­te unter ande­rem Fol­gen­des:

Hin­ter einer fami­li­en­freund­li­chen Pro­pa­gan­da, bei der von Wahl­frei­heit und Kin­des­wohl die Rede ist, ver­birgt sich in Wirk­lich­keit ein staat­li­ches Umer­zie­hungs­pro­gramm für Frau­en und Müt­ter, mit dem jun­ge Frau­en in ers­ter Prio­ri­tät auf exter­ne Erwerbs­tä­tig­keit und Berufs­kar­rie­re statt auf Fami­li­en­ar­beit und ihre Beru­fung als Mut­ter ein­ge­stellt wer­den sol­len.

*RINGELINGELING!*

Er hat „Umer­zie­hung“ gesagt, er hat „Umer­zie­hung“ gesagt! Das ist bestimmt wie­der so ein Nazi-Begriff!

Oh, ist es nicht.

Aber Clau­dia Roth wäre nicht Clau­dia Roth, wenn ihr nicht spon­tan doch noch etwas dazu ein­ge­fal­len wäre:

Wenn Mixa mit Blick auf die drin­gend nöti­ge Ver­bes­se­rung des Krip­pen­an­ge­bots von einem ‚Umer­zie­hungs­pro­gramm’ redet, dann spielt er mit der sprach­li­chen Nähe zu Ver­bre­chen von Gulag bis Pol Pot. Er ver­höhnt Men­schen, die Opfer von schlim­men Unta­ten wur­den und dis­kre­di­tiert das Enga­ge­ment für bes­se­re Kin­der­be­treu­ung auf abso­lut uner­träg­li­che Wei­se.

Die Rus­sen! Kam­bo­dscha! Mal eine völ­lig neue Rich­tung.

Was kommt wohl als nächs­tes?

Nun, zunächst ein­mal kam zwei Wochen lang gar nichts. Dann sprach Clau­dia Roth ges­tern beim bay­ri­schen Lan­des­par­tei­tag der Grü­nen und die Medi­en kol­por­tie­ren wie folgt:

Bischof Wal­ter Mixa sei ein „durch­ge­knall­ter, spal­te­ri­scher Ober­fun­di aus Augs­burg“, sag­te die Bun­des­vor­sit­zen­de der Grü­nen.

(Quel­le: sueddeutsche.de)

Sie hat tat­säch­lich „Spal­ter!“ gesagt. Höre ich ein „Jeho­va!“?

Foul in Augs­burg:

Ein Spre­cher des Bischofs erwi­der­te, die­se Wort­wahl Roths erin­ne­re „in erschre­cken­der Wei­se an die Pro­pa­gan­da-Het­ze der Natio­nal­so­zia­lis­ten gegen die Katho­li­sche Kir­che und ihre Reprä­sen­tan­ten“.

Und gleich noch mehr:

Der Öffent­lich­keits­re­fe­rent der Diö­ze­se Augs­burg, Dirk Her­mann Voß, hat­te zuvor gesagt, er erken­ne in den per­sön­li­chen Atta­cken Roths gegen Ver­tre­ter der Kir­che und in ihrem Ver­such, sich selbst zur „Zen­sur­be­hör­de“ der gesell­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on in Deutsch­land zu machen, „seit lan­gem schon beun­ru­hi­gen­de faschis­to­ide Züge“. Die Grü­nen sei­en damit „auf allen Ebe­nen für Chris­ten nicht wähl­bar“.

Oha, da wurd’s aber schnell all­ge­mein: „für Chris­ten nicht wähl­bar“. Und nu? Alle Grü­nen-Wäh­ler kom­men in die Höl­le? Exkom­mu­ni­ka­ti­on für Grü­nen-Wäh­ler? Und was sagen die ande­ren christ­li­chen Ver­ei­ne dazu, dass der Öffent­lich­keits­re­fe­rent der Diö­ze­se Augs­burg gleich für ihre Leu­te mit­spricht?

Leu­te, mal im Ernst: Geht’s nicht ’ne Num­mer klei­ner? Ihr seid nicht das Use­net oder die Blogo­sphä­re, Ihr seid Poli­ti­ker und Kir­chen­leu­te. Ihr müsst nicht sofort mit völ­li­ger rhe­to­ri­scher Ohn­macht reagie­ren, wenn jemand mal ande­rer Mei­nung ist als ihr – was ziem­lich genau immer der Fall sein dürf­te. Ihr redet über Fami­li­en­po­li­tik und benehmt Euch so, wie sich Drei­jäh­ri­ge im Sand­kas­ten beneh­men wür­den.

Dabei kann ich nur wenig Unter­schie­de fest­stel­len zwi­schen

Roth for­der­te in ihrer Rede beim baye­ri­schen Grü­nen-Lan­des­par­tei­tag in Deg­gen­dorf, Fami­li­en bräuch­ten end­lich eine ech­te Wahl­frei­heit, ob sie ihre Kin­der selbst beauf­sich­ti­gen woll­ten oder sie in Kin­der­krip­pen zur Betreu­ung geben.

und

Statt­des­sen müs­se staat­li­che Fami­li­en­po­li­tik die Ent­schei­dung von Eltern, ihre Kin­der selbst zu erzie­hen und nicht in staat­li­che Betreu­ungs­ein­rich­tun­gen zu geben, in glei­cher Wei­se för­dern wie den Aus­bau von Krip­pen­plät­zen, for­dert der Bischof.

Die wol­len doch bei­de das Glei­che, oder nicht?

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Uschis Spy Kids

Lan­ge nichts mehr von der Bun­des­re­gie­rung gehört, was? Um dar­an zu erin­nern, dass es immer noch eine gibt, hat Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en der über­rasch­ten Welt­öf­fent­lich­keit einen neu­en Vor­schlag unter­brei­tet: Kin­der und Jugend­li­che soll­ten als „ver­deck­te Ermitt­ler“ in Geschäf­ten aus­pro­bie­ren, ob man ihnen Alko­hol, Ziga­ret­ten oder „Gewalt­vi­de­os“ ver­kau­fen wür­de.

Das Ziel der Akti­on ist klar und durch­aus begrü­ßens­wert: Es geht um die Ein­hal­tung des Jugend­schutz­ge­set­zes. Auch wenn ich per­sön­lich nichts gegen Alko­hol und Spiel­fil­me habe („Kil­ler­spie­le“ ste­hen sicher auch auf der Lis­te), so gibt es für all das doch bestimm­te Alters­gren­zen. Und auch wenn die­se oft belie­big erschei­nen („Mama, war­um darf ich heu­te noch kein Bier trin­ken, mor­gen aber schon?“ – „Weil der Alko­hol ab dem 16. Jah­res­tag Dei­ner Geburt weni­ger schäd­lich ist, mein Kind!“), ist ihre Ein­hal­tung schon eine okaye Sache. Mei­net­we­gen sol­len mich die Kas­sie­re­rin­nen auch mit 24 noch nach mei­nem Aus­weis fra­gen, wenn ich Bier kau­fen will – nur wenn die bär­ti­gen 15-Jäh­ri­gen nach mir ohne Pro­ble­me ihre Spi­ri­tuo­sen kau­fen kön­nen, wer­de ich etwas unge­hal­ten.

Von der Ley­ens Vor­schlag aber ist aus meh­re­ren Grün­den schwie­rig: Ers­tens wür­den die Kin­der die Händ­ler direkt zu einer Straf­tat anstif­ten, da sie ohne ech­te Kauf­ab­sicht an die Kas­se gehen. Klar, die Händ­ler dür­fen nicht an an zu jun­ge Per­so­nen ver­kau­fen, wenn sie es doch tun sind sie im Prin­zip „selbst schuld“. Aber ich sehe zumin­dest einen mora­li­schen Unter­schied zwi­schen einem Geset­zes­ver­stoß und einem pro­vo­zier­ten Geset­zes­ver­stoß. Das ist ja, als ob einen Zivil­po­li­zis­ten nachts auf einer ent­le­ge­nen Stra­ße ver­fol­gen, bedrän­gen und einen anschlie­ßend wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung anhal­ten.

Viel schwe­rer wiegt aber, dass der Vor­schlag bes­tens ins Gesamt­bild der Bun­des­re­gie­rung passt, im Land ein Kli­ma der Angst zu schü­ren. Über­all wird man von Video­ka­me­ras über­wacht, der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter will wis­sen, wann man wie lan­ge mit wem tele­fo­niert hat, und bald soll man nicht mal mehr Kin­dern trau­en kön­nen? Die Voll­endung des Über­wa­chungs­staa­tes stün­de kurz bevor.

Und was, wenn Kin­der erst­mal erfolg­reich Ver­stö­ße gegen das Jugend­schutz­ge­setz auf­de­cken? Was, wenn dann der nächs­te Poli­ti­ker vor­schlägt, man könn­te Kin­der doch auch als „Lock­vö­gel“ im Kampf gegen Kin­der­por­no­gra­phie ein­set­zen? Das dien­te doch auch der „guten Sache“ …

Noch was:

Wer einem Min­der­jäh­ri­gen in Zukunft Schnaps, Ziga­ret­ten oder ein Gewalt­vi­deo ver­kauft, muss danach mit Geld­bu­ßen bis zu 50.000 Euro rech­nen.

(Quel­le: sueddeutsche.de)

Nun ist es gene­rell mög­lich, dass die For­mu­lie­rung „in Zukunft“ irgend­wie von den Agen­tu­ren in die Mel­dung rein­ge­dich­tet wor­den ist und nicht aus dem Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um selbst stammt. Wir wol­len es hof­fen, denn im Jugend­schutz­ge­setz (Abschnitt 6: Ahn­dung von Ver­stö­ßen, § 28 Buß­geld­vor­schrif­ten) steht schon seit län­ge­rem:

(5) Die Ord­nungs­wid­rig­keit kann mit einer Geld­bu­ße bis zu fünf­zig­tau­send Euro geahn­det wer­den.

Nach­trag 21:59 Uhr: Jens weist in den Kom­men­ta­ren dar­auf hin, dass der Vor­schlag schon wie­der vom Tisch ist. Jetzt „regie­ren“ die schon schnel­ler als ich blog­gen kann …

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Im Stechschritt in den Fettnapf

Ich woll­te nichts mehr über Eva Her­man schrei­ben, wirk­lich nicht. Die Frau war für mich unter DBDDHKPUAKKU1 ein­sor­tiert und ich woll­te zum Tages­ge­schäft über­ge­hen. Doch dann stol­per­te ich bei den Ost­hes­sen News über einen Ton­mit­schnitt ihrer Rede beim Forum Deut­scher Katho­li­ken, die ja auch schon für etwas Wir­bel gesorgt hat­te.

Um nicht als bös­wil­lig, sinn­ent­stel­lend und gleich­ge­schal­tet zu gel­ten, habe ich mir mit den Zäh­nen in der Tisch­plat­te die gan­ze Rede ange­hört. Danach wuss­te ich zumin­dest, war­um sie bei Ker­ner nicht auf die Argu­men­te der ande­ren Gesprächs­part­ner ein­zu­ge­hen ver­moch­te: Sie woll­te gera­de ihre Rede vom Wochen­en­de aus­wen­dig auf­sa­gen und war nicht auf Impro­vi­sa­tio­nen ein­ge­stellt.

Aus der Rede wird eines deut­lich, noch deut­li­cher als aus ihrem Auf­tritt bei Ker­ner: Eva Her­man wird nie als gro­ße Rhe­to­ri­ke­rin in die Geschich­te ein­ge­hen. Da beschwert sie sich erst, ein Halb­satz von ihr sei falsch und sinn­ent­stel­lend zitiert wor­den und sie wür­de ja eh immer schnell in die rech­te Ecke gerückt, und dann sagt sie allen Erns­tes Sät­ze wie die­se:

„Wir mar­schie­ren im Stech­schritt durch einen anstren­gen­den All­tag vol­ler Wider­sprü­che. Wir seh­nen uns ver­zwei­felt nach Gebor­gen­heit, Heim und Fami­lie, und kämp­fen täg­lich unser ein­sa­mes Gefecht in der männ­lich gepräg­ten Arbeits­welt.“

„Mar­schie­ren“! „Im Stech­schritt“! „Ein­sa­mes Gefecht“! Wer auch immer der Frau sei­nen Meta­phern-Duden gelie­hen hat: Er soll­te ihn schnells­tens zurück­for­dern.

Kei­ne zwei Minu­ten spä­ter:

„Sofern jemand das Wort erhebt und sich für die­se Wer­te ein­setzt, wird er bom­bar­diert, es wird Nazi­lob in ihn pro­je­ziert und gleich­zei­tig wird er als Sym­pa­thi­sant die­ser Ideo­lo­gie öffent­lich ver­ur­teilt.“

Er wird „bom­ba­diert“? Ja hal­lo, geht’s denn noch? Muss sich eine Frau, der die brau­ne Kacke nur so am Schuh klebt, denn auch noch hin­stel­len und aus dem rie­si­gen Strauß sprach­li­cher Bil­der aus­ge­rech­net die­je­ni­gen her­aus­pi­cken, auf denen „Explo­si­ve devices, do not touch“ steht?

Ali­ce Schwar­zer bezeich­net sie als „Chef-Femi­nis­tin“, die mit­ver­ant­wort­lich sei für eine der „bei­spiel­lo­ses­ten Abtrei­bungs­kam­pa­gnen auf die­ser Erde“ und man freut sich, dass man sich an dem Super­la­tiv der Bei­spiel­lo­sig­keit fest­bei­ßen kann und gar nicht erst auf die inhalt­li­che Ebe­ne hin­un­ter­klet­tern muss.

Frau Her­man fürch­tet allen Erns­tes, dass „wir“ aus­ster­ben und ange­sichts der immer schnel­ler wach­sen­den Welt­be­völ­ke­rung müss­te sie sich eigent­lich fra­gen las­sen, wer zum Hen­ker denn da aus­ster­ben soll. Sie kann von Glück reden, dass gera­de kein böser, gleich­ge­schal­te­ter Jour­na­list vor­bei­kam, der ihr zyni­scher­wei­se „das deut­sche Volk“ unter­stel­len woll­te.

Bald sieht sie sich und die Ihri­gen gar ver­folgt und spä­tes­tens in die­sem Moment wäre ich wohl auf­ge­sprun­gen und hät­te sie los­ge­schickt, mal fünf Minu­ten mit jeman­dem zu reden, der wirk­lich ver­folgt wur­de oder wird. Egal ob im Drit­ten Reich, in der DDR oder in Chi­na.

Noch was rich­tig unglück­lich For­mu­lier­tes? Bit­te­schön:

„Die Sta­tis­ti­ken, die ernüch­ternd sind, die Dis­kus­si­on, die Ursa­chen und die Fol­gen der heu­ti­gen Kin­der­lo­sig­keit wer­den mich auch wei­ter­hin dazu bewe­gen, die­se Dis­kus­si­on zu füh­ren – da hilft auch kein Berufs­ver­bot.“

„Berufs­ver­bot“?! Nee, sicher: Gab’s auch alles schon vor den Nazis und hin­ter­her natür­lich auch. Zum Bei­spiel für die viel­ge­schol­te­nen Acht­und­sech­zi­ger.

In den USA wür­de man spä­tes­tens hier den Umstand beto­nen, wie toll es doch sei, in einem frei­en Land leben zu kön­nen, wo jeder frei spre­chen kön­ne – auch Eva Her­man. Und viel­leicht soll­te man wirk­lich mal die Gold­waa­ge weg­pa­cken, die sprach­li­che Ebe­ne auf der eh nichts mehr zu holen ist, ver­las­sen und sich dem Inhalt­li­chen zuwen­den.

So erzählt Eva Her­man die Geschich­te, wie sehr die Geburt ihres Kin­des ihr Leben ver­än­dert habe, und wie unver­ein­bar Fami­lie für sie plötz­lich mit einem Beruf schien. Man glaubt ihr das ja, man ahnt, dass man hier ganz nah dran ist an dem Knacks, den die­se Frau irgend­wann mal erlit­ten haben muss. Nur schließt sie dabei wie so oft von ihrer per­sön­li­chen Erfah­rung auf ande­re und selbst, wenn ihr statt 700 Katho­li­ken 700.000 zuge­ju­belt hät­ten, wür­den mir immer noch genug Frau­en ein­fal­len, die Beruf und Fami­lie unter einen Hut bekom­men haben – offen­bar ohne dar­an zu zer­bre­chen.

Man soll­te ihre Mei­nung und vor allem ihren Glau­ben respek­tie­ren, soll­te sie bemit­lei­den für die Kar­rie­re, die sie tra­gi­scher­wei­se gemacht hat, und sie beglück­wün­schen dafür, dass sie für sich die „Wahr­heit“ ent­deckt hat – so, wie man jedem Men­schen wünscht, dass er nach sei­ner Fas­son glück­lich wer­de. Aber sie macht es einem so schwer, indem sie ihre Ansich­ten als unum­stöß­li­che Fak­ten dar­stellt, das Sin­gle­da­sein als unvoll­ende­ten Schöp­fungs­wil­len betrach­tet und in einer Tour von einem „Wir“ spricht, ohne je zu sagen, wer das sein soll: Alle Frau­en, alle kon­ser­va­ti­ven Frau­en, alle para­no­iden Ex-Fern­seh­mo­de­ra­to­rin­nen?

Eva Her­mans Welt­sicht ist eine der­art ver­quas­te­te Melan­ge aus Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, Schöp­fungs­leh­re und Fort­schritts­feind­lich­keit, dass ich mir dage­gen wie ein neo­li­be­ra­ler Athe­ist vor­kom­me – und so will ich mich nie wie­der füh­len. Fast wäre man geneigt zu sagen, sie habe einen Urknall, wenn man sich nicht sicher sein könn­te, dass sie genau den nicht hat.

1 Doof bleibt doof, da hel­fen kei­ne Pil­len und auch kei­ne kal­ten Umschlä­ge.

Nach­trag 13:14 Uhr: Irgend­wie scheint der gan­ze The­men­kom­plex ver­un­glück­te Meta­phern regel­recht anzu­zie­hen. Dies­mal ist es Franz Josef Wag­ner, der Ker­ner vor­wirft, mit Her­man über­haupt über das The­ma Natio­nal­so­zia­lis­mus gespro­chen zu haben.

Mit die­sen Wor­ten:

Das Mons­ter Hit­ler sprengt unse­re Tafel­run­de.

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Mädchen, warum hast Du nichts gelernt?

Na, das hat ja alles bes­tens geklappt: Der „Raus­wurf“ der Eva Her­man bei und durch Johan­nes B. Ker­ner ist das Tages­the­ma. All­über­all ent­wi­ckeln sich lan­ge und span­nen­de Dis­kus­sio­nen (selbst bei uns), Ker­ner hat eine „Top­quo­te“ ein­ge­fah­ren und Eva Her­mans aktu­el­les Buch ist in den Best­sel­ler­lis­ten von Ama­zon flei­ßig nach oben geklet­tert (Platz 17 um 16 Uhr). Also eine Win-Win-Situa­ti­on für alle Betei­lig­ten?

Nun, Her­man dürf­te sich für län­ge­re Zeit ins Aus manö­vriert haben. Nicht, weil sie obsku­re Wer­te­vor­stel­lun­gen hat (die darf jeder haben), noch nicht ein­mal, weil sie sich vor sechs Wochen so ver­quas­tet und miss­ver­ständ­lich geäu­ßert hat. Aber weil sie ges­tern gegen die gol­de­ne Regel des Medi­en­be­triebs ver­sto­ßen hat: gegen das Recht des Publi­kums auf eine groß­an­ge­leg­te Ent­schul­di­gungs­ze­re­mo­nie.

Chris­toph Daum durf­te, nach­dem er sich wort­reich für sei­ne Koka­in-Affä­re ent­schul­digt hat­te, wei­ter als Fuß­ball­trai­ner arbei­ten; Michel Fried­man, dem auch Koka­in zum Ver­häng­nis wur­de, leis­te­te öffent­lich Abbit­te und ist heu­te wie­der in fast allen Medi­en prä­sent. Noch schnel­ler ver­zieh das Land Erik Zabel, der aus der trä­nen­rei­chen Pres­se­kon­fe­renz ging, als sei nie etwas gewe­sen, und selbst in den USA ver­zieh der Dis­ney-Kon­zern sei­nem Tee­nie­star Vanes­sa Hud­gens deren Nackt­bil­der, nach­dem sie sich dafür ent­schul­digt hat­te. Sie alle haben die Mecha­nis­men der Medi­en begrif­fen: Ein­mal zer­knirscht und am Bes­ten unter Trä­nen vor die Pres­se tre­ten, dann ist irgend­wann alles wie­der gut – egal, ob man das eige­ne Ver­hal­ten jetzt wirk­lich als Feh­ler ansieht, egal ob es über­haupt ein Feh­ler war.

Die­je­ni­gen, die kei­ne Feh­ler ein­räu­men und sich nicht ent­schul­di­gen woll­ten, wer­den im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis unter „unbe­lehr­bar“, „ver­rückt“ oder gar „para­no­id“ ein­sor­tiert. Ihre Namen lau­ten Jür­gen W. Möl­le­mann, Die­ter Bau­mann oder Jan Ull­rich. Das Gemei­ne an die­ser Situa­ti­on: Wir wis­sen nicht, ob Die­ter Bau­manns Zahn­pas­ta mit Doping­mit­teln ver­setzt wur­de, wir wis­sen nicht, ob Jan Ull­rich nicht viel­leicht wirk­lich unschul­dig ist. Wir wis­sen ja auch nicht, ob Daum und Fried­man ihr Dro­gen­kon­sum wirk­lich leid tut, aber wir müs­sen es glau­ben, weil es durch die Medi­en ging.

Da stellt sich die Fra­ge, ob Jan Ull­rich nicht längst wie­der Ren­nen fah­ren (oder zumin­dest kom­men­tie­ren) dürf­te, wenn er zuge­ge­ben hät­te, gedopt zu haben – selbst, wenn er es nie getan hät­te. Ist eine trä­nen­rei­che Ent­schul­di­gung nicht in jedem Fal­le hilf­rei­cher als die Ver­brei­tung kru­der Ver­schwö­rungs­theo­rien – etwas, womit Eva Her­man ges­tern bei Ker­ner zu ihrem Unglück auch noch ange­fan­gen hat?

Sicher, das wäre schon sehr zynisch, aber zynisch ist die Welt, sind vor allem die Medi­en. Eva Her­man soll­te, nein: muss das wis­sen. Es sind die Regeln eines gro­ßen Spiels, das sich mit­un­ter um Kar­rie­ren und Men­schen­le­ben dreht. Man könn­te es ihr als per­sön­li­che Stär­ke anrech­nen, sich nicht für etwas ent­schul­di­gen zu wol­len, das sie nach eige­ner Auf­fas­sung nicht gesagt und schon gar nicht gemeint hat. Aber Johan­nes B. Ker­ner war in der Bezie­hung erstaun­lich fair: Er woll­te nicht ein­mal ein „Mir tut das alles so unend­lich leid“ hören, ihm hät­te ein „Nun ja, ich sehe ein, dass mei­ne Sät­ze in der frei­en Rede etwas kru­de und miss­ver­ständ­lich waren. Was ich sagen woll­te, ist Fol­gen­des …“ gereicht. Allein: Eva Her­man war nicht ein­mal bereit, eige­ne lin­gu­is­ti­sche Unzu­läng­lich­kei­ten ein­zu­ge­ste­hen und bezog sich mun­ter wei­ter auf die Sät­ze, die sie gesagt hat­te, und die eben wirr for­mu­liert as hell waren. Nicht ein­mal, als ihr Mar­ga­re­the Schrei­ne­ma­kers die­sen Weg vor­for­mu­liert auf­zeig­te.

Was dann folg­te, war nur noch unpro­fes­sio­nell: Sie kom­men­tier­te von oben her­ab („Wer redet heu­te noch über Dei­ne Sen­dung?“ zu Frau Schrei­ne­ma­kers, „Mit Ihnen rede ich nicht mehr!“ zum gela­de­nen Exper­ten) und es war plötz­lich völ­lig egal, dass Frau Schrei­ne­ma­kers auch schon unrühm­li­che TV-Momen­te hat­te (wobei wir wie­der nicht wis­sen, was an der gan­zen „Steu­er­af­fä­re“ eigent­lich dran war) und dass Prof. Wolf­gang Wip­per­mann nicht unum­strit­ten ist und zu Beginn der Sen­dung ziem­li­chen Quark gequas­selt hat­te. Sie rede­te von einer „Gleich­schal­tung“ der Medi­en und ver­hin­der­te jeg­li­che Dis­kus­si­on über den inhalt­li­chen Wahr­heits­ge­halt (alle schrei­ben von den Agen­tu­ren ab, die wie­der­um bei der „Bild“-Zeitung abge­schrie­ben haben), indem sie die­ses in ihrer Situa­ti­on völ­lig unglück­li­che Wort ver­wen­de­te. Es spielt kei­ne Rol­le mehr, dass Wor­te per se nicht „gut“ oder „böse“ sind, oder wer das Wort sonst noch so ver­wen­det: Es war ein wei­te­res Buz­zword auf der Nazi-Bin­go-Kar­te, die das Publi­kum in den Hän­den hielt. Und auf dem letz­ten frei­en Feld stand „Auto­bah­nen“.

Das Medi­en­ge­schäft ist ein har­tes, schmut­zi­ges, durch­aus auch zyni­sches. Vie­le ahnungs­lo­se Men­schen kön­nen sich dar­in ver­hed­dern oder dar­in ver­lo­ren gehen. Eva Her­man muss sich als lang­jäh­ri­ge Jour­na­lis­tin und erfah­re­ne Pro­vo­ka­teu­se aber vor­wer­fen las­sen muss, dass sie offen­bar nicht abschät­zen konn­te, wor­auf sie sich ges­tern Abend ein­ließ.

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Alles Elend dieser Welt

In den ver­gan­ge­nen Tagen hat die Mili­tär­jun­ta von Myan­mar, dem frü­he­ren Bur­ma, fried­li­che Pro­tes­te von bud­dhis­ti­sches Mön­chen und Zivi­lis­ten mit aller Bru­ta­li­tät nie­der­ge­schla­gen. Etwa 4.000 Mön­che sol­len in Gefäng­nis­se im Nor­den des Lan­des ver­schleppt wor­den sein, mel­det die BBC.

Es ist ein wenig über­ra­schend, dass ein Land, in dem sol­che Ver­bre­chen seit Jahr­zehn­ten an der Tages­ord­nung sind, plötz­lich doch noch in den Focus der Welt­öf­fent­lich­keit gerät. Und viel­leicht liegt es wirk­lich am Inter­net, dass sich die Welt ein Bild von dem machen kann, was in dem süd­ost­asia­ti­schen Land so vor sich geht. Zumin­dest kann man sich Bil­der­ga­le­rien wie die­se oder jene anse­hen, auch wenn das Land jetzt vom Inter­net abge­schnit­ten ist.

Für den 4. Okto­ber (also Don­ners­tag) ist im Inter­net eine Akti­on geplant, bei der Blogs, Web­sites und Web­fo­ren einen Tag lang zu allen ande­ren The­men „schwei­gen“ sol­len und so auf die Situa­ti­on in Bur­ma auf­merk­sam machen wol­len (alle Infos gibt’s hier).

Wie eigent­lich immer bei sym­bo­li­schen Aktio­nen, kommt sofort die Fra­ge auf, was das brin­gen soll. Wenn das deut­sche Volk von einer Demons­tra­ti­on gegen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung der deut­schen Bun­des­re­gie­rung in der deut­schen Haupt­stadt Dank der Kom­pe­tenz der deut­schen Nach­rich­ten­agen­tu­ren gleich­sam nichts mit­be­kommt – wie beein­druckt wer­den dann Gene­rä­le, die auf ihr eige­nes Volk schie­ßen las­sen, davon sein, dass irgend­wel­che Blog­ger in irgend­wel­chen Län­dern einen Tag lang nichts schrei­ben? Nun: Dass sie die Mili­tär­jun­ta kaum errei­chen wer­den, wis­sen die Orga­ni­sa­to­ren wohl selbst. Aber eine sol­che Akti­on kann auch Leu­te, die sich bis­her gar nicht mit Bur­ma beschäf­tigt haben (was 95% der Welt­be­völ­ke­rung sein dürf­ten), auf das Land bzw. The­ma auf­merk­sam machen. Sie kann Hin­ter­grün­de erklä­ren, z.B. wel­che Fir­men mit den Mili­tärs so Geschäf­te machen und wel­che deut­schen Unter­neh­men in dem Land ihr Geld ver­die­nen. Vor allem kann sie nicht scha­den, denn im schlimms­ten Fall ändert sich nichts, die Gene­rä­le mor­den wei­ter wie bis­her und in 41 Jah­ren steht viel­leicht Dar­fur mal für zwei Wochen im Focus der Welt­öf­fent­lich­keit.

Das däm­lichs­te und zynischs­te Argu­ment gegen sol­che Aktio­nen aber lau­tet „Es gibt so viel Elend auf der Welt, war­um kon­zen­triert man sich aus­ge­rech­net auf Bur­ma?“. Kon­se­quent zu Ende gedacht, bräuch­te man dann auch kein ein­zi­ges Buch mehr lesen (weil man eh nicht alle Bücher lesen kann), man bräuch­te nicht mehr essen (weil Res­te übrig blei­ben könn­ten und ande­re Men­schen gar nichts zu essen haben), ja, man bräuch­te nicht ein­mal mehr leben (weil ande­re Men­schen tot sind). Men­schen, die so argu­men­tie­ren, frag­ten am Mor­gen des 12. Sep­tem­ber 2001 „Und was ist mit den Kin­dern, die in Afri­ka ver­hun­gern?“, und viel­leicht ste­hen sie sogar am offe­nen Grab ihrer Mut­ter und sagen etwas wie „Nun ja, jetzt isse tot, aber wäh­rend wir hier ste­hen, ster­ben bei einem bewaff­ne­ten Kon­flikt in Süd­ame­ri­ka vier­hun­dert Men­schen.“

Als ich Thees Uhl­mann von Tom­te das ers­te Mal inter­view­te, war weni­ge Mona­te zuvor sein guter Freund, der Musik­jour­na­list Roc­co Clein ver­stor­ben. Tom­te und ande­re Bands hat­ten ein Bene­fiz­fes­ti­val orga­ni­siert, um Geld für Roc­cos Kin­der ein­zu­spie­len. Natür­lich gab es auch damals wie­der Leu­te, die mit den ver­hun­gern­den Neger­kin­dern argu­men­tier­ten und der Mei­nung waren, dass die Halb­wai­sen eines „Pro­mi­nen­ten“ schon genug Geld zum Leben haben müss­ten. Ich frag­te Thees, was er auf die­ses Gere­de ant­wor­ten wür­de, und Thees sag­te wie so oft etwas sehr, sehr Klu­ges:

Men­schen funk­tio­nie­ren so. Sie mögen das, mit dem sie zu tun haben oder hat­ten. War­um ist einem das World Trade Cen­ter näher, als wenn irgend­wo in Ruan­da 120.000 Men­schen inner­halb von 90 Tagen abge­mor­det wer­den? Weil Ruan­da abs­trakt ist. In Ame­ri­ka war jeder schon mal. Und wenn er nicht da war, dann kennt er jeman­den, der da war. So funk­tio­nie­ren Men­schen. Und das ist schlimm oder egal oder gut, aber das ist ein­fach so.

Ich weiß noch nicht, ob ich mich an die­ser Blog­ger-Akti­on betei­li­gen wer­de. Aber ich weiß, dass ich Respekt habe vor denen, die sowas pla­nen, die sich Gedan­ken machen. Es liegt nun mal offen­bar in der Natur des Men­schen, dass er nicht an alles Elend der Welt gleich­zei­tig den­ken kann – aber wür­den wir nicht auch wahn­sin­nig, wenn wir es könn­ten? Vor zwei Wochen wuss­ten vie­le nicht, dass ein Land namens Myan­mar exis­tiert, heu­te machen sie sich für die Men­schen dort, von denen sie ver­mut­lich kei­nen ein­zi­gen je ken­nen­ler­nen wer­den, stark. Das mag man als Aktio­nis­mus sehen, aber dann dürf­te man auch bei den Advents­samm­lun­gen der Kir­chen kein Geld mehr geben und müss­te Medi­ka­men­te und Schu­len ver­bie­ten, weil sie die Chan­cen­gleich­heit („Alle haben kei­ne Chan­ce“) der Men­schen ver­zer­ren. Wer so argu­men­tiert, ver­fügt über die nöti­ge Por­ti­on Zynis­mus und Men­schen­ver­ach­tung, um einem Mili­tär­re­gime anzu­ge­hö­ren.

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Leben Gesellschaft

Irrtum mütterlicherseits

Babies Of The 80

Ich bin immer sehr vor­sich­tig mit die­sem Gere­de von einer „Gene­ra­ti­on XY“. Einer­seits fin­de ich es absurd, dass alle (oder vie­le) Men­schen, die alle gleich alt sind, mehr gemein haben müss­ten als ihr Geburts­da­tum; ande­rer­seits sind gewis­se äuße­re Ein­flüs­se zu einem bestimm­ten Zeit­punkt natür­lich nicht von der Hand zu wei­sen.

So wür­de ich mal davon aus­ge­hen, dass vie­le (inzwi­schen nicht mehr wirk­lich jun­ge) Män­ner, die Anfang der Acht­zi­ger Jah­re gebo­ren wur­den, unter ande­rem mit fol­gen­den Ansa­gen groß gewor­den sind: Atom­kraft ist doof; Frau­en kön­nen alles genau­so gut wie Män­ner; Kör­ner­bröt­chen sind gesün­der als Toast; man bie­tet alten Men­schen und schwan­ge­ren Frau­en sei­nen Sitz­platz in der Stra­ßen­bahn an; man steht auf, wenn man jeman­dem die Hand gibt; es ist als Mann völ­lig in Ord­nung, zu sei­nen Gefüh­len zu ste­hen, man darf auch ger­ne lan­ge Haa­re haben, aber nie­mals und auf gar kei­nen Fall pin­kelt man im Ste­hen oder lässt die Klo­bril­le hoch­ge­klappt.

Zumin­dest letz­te­res hat man mei­nen Mit­be­woh­nern offen­bar nie erzählt.

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Politik Gesellschaft

Kein Gebot vom Kaiser Augustus

Es gibt ver­mut­lich kei­ner­lei ech­ten Zusam­men­hang, aber das Timing ist trotz­dem merk­wür­dig: Weni­ge Tage vor der gro­ßen Demo gegen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung in Ber­lin beschließt der Bun­des­tag eine neue Volks­zäh­lung. Nach allem, was die Staats­si­cher­heits­po­li­ti­ker der CDU/​CSU in den letz­ten Wochen und Mona­ten so gefor­dert haben, dürf­te nie­mand mehr ernst­lich über­rascht sein, wenn aus ihrer Rich­tung plötz­lich der Vor­schlag käme, die der­art erho­be­nen Daten doch nicht zu anony­mi­sie­ren und zu löschen wie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­dert, son­dern sie direkt für die Füt­te­rung der zen­tra­len Anti­ter­ror­da­tei wei­ter zu ver­wen­den. Das wäre ja auch prak­tisch, wenn man die Daten für 450 Mil­lio­nen Euro eh schon mal erho­ben hat.

Ich bin­ein biss­chen über­rascht, dass es in Zei­ten digi­ta­ler Kar­tei­en und umfas­sen­der Ver­net­zung wirk­lich noch Daten gibt, die der Staat nicht von sei­nen Bür­gern kennt, und man noch mal los­zie­hen muss, um die Leu­te zu befra­gen. Aber offen­bar rei­chen Ein­woh­ner­mel­de­re­gis­ter und Hoch­rech­nun­gen nicht aus, wie die Finan­cial Times Deutsch­land dpa zitiert:

Sta­tis­ti­ker for­dern schon seit län­ge­rem eine neue Daten­ba­sis. Nach ihrer Schät­zung leben in Deutsch­land rund 1,3 Mil­lio­nen Men­schen weni­ger, als auf Basis der Volks­zäh­lung von 1987 fort­ge­schrie­ben wur­de. Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt geht der­zeit von 82,3 Mil­lio­nen Ein­woh­nern aus. Auch die Zahl der Aus­län­der wur­de nach Schät­zun­gen wahr­schein­lich zu hoch geschätzt.

FDP und Grü­ne ent­hiel­ten sich bei der gest­ri­gen Abstim­mung ihrer Stim­men, nur die Links­par­tei stimm­te dage­gen. Da sogar der Daten­schutz­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung Peter Schaar nichts gegen die Akti­on ein­zu­wen­den hat­te, ist es eher unwahr­schein­lich, dass noch ein­mal ein Auf­ruhr durchs Volk geht wie bei der letz­ten Volks­zäh­lung in den Acht­zi­ger Jah­ren. Die Men­schen, die sich damals gegen den „glä­ser­nen Bür­ger“ wand­ten, haben schließ­lich mitt­ler­wei­le alle ihre Kun­den- und Rabatt­kar­ten und geben so fast an jeder Super­markt­kas­se mehr von sich preis, als der Staat damals wis­sen woll­te.

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Leben Gesellschaft

Nimm mich, holdes Marzipan

Werbeplakat am Union Square, San Francisco, CA (November 2006)

Es ist wie­der soweit: In den Super­märk­ten ste­hen Leb­ku­chen, Spe­ku­la­ti­us und Mar­zi­pan­kar­tof­feln zur Abho­lung bereit und die Men­schen ste­hen davor und sagen: „Guck mal, Heinz, es gibt schon wie­der Weih­nachts­ge­bäck!

Das wirft die Fra­ge auf, wo die­se Men­schen die letz­ten drei Wochen Ein­kau­fen waren, denn Weih­nachts­ge­bäck gibt es bereits seit Ende August wie­der zu kau­fen. Ich habe schon meh­re­re Pake­te Leb­ku­chen­her­zen, ‑ster­ne und ‑bre­zeln gekauft und die­se mit Freu­den ver­speist. Das Wet­ter passt, mir schmeckt das Zeugs ein­fach und ich habe als (noch) frei­er Bür­ger wenig Lust, mir von plan­wirt­schaft­lich ope­rie­ren­den Back­wa­ren­kon­zer­nen vor­schrei­ben zu las­sen, wann ich wel­che Art Gebäck ver­zeh­ren möch­te. Außer­dem gehe ich durch früh­zei­ti­gen Ver­zehr sicher, dass mir Prin­ten, Domi­no­stei­ne und Pfef­fer­nüs­se spä­tes­tens zu Niko­laus zum Hal­se raus­hän­gen und ich mich in der eigent­li­chen Weih­nachts­zeit voll und ganz auf den Ver­zehr fet­ter Bra­ten, dicker Klö­ße und haus­ge­mach­ter Apfel­kom­pöt­te kon­zen­trie­ren kann.

Da sich der Erst­ver­kaufs­tag der Weih­nachts­ge­bä­cke in den letz­ten Jah­ren nur mini­mal nach vor­ne ver­scho­ben haben dürf­te, besteht indes kein Grund, in die­sem Jahr wie­der Kolum­nen und Edi­to­ria­le mit dem Hin­weis zu fül­len, dass es ja schon im Sep­tem­ber Leb­ku­chen und Stol­len zu kau­fen gäbe und ob das nicht etwas früh sei. Die­ses The­ma ist so aus­ge­lutscht wie die Toma­ten­saft­glos­se der Neun­zi­ger Jah­re. Wenn Ihr irgend­was Wit­zi­ges „aus dem Leben“ ver­ar­bei­ten wollt, müsst Ihr wohl oder übel mal Eure Schreib­stu­ben ver­las­sen, lie­be Kol­le­gen, und mal eine Vier­tel­stun­de real life aus­che­cken. Super­markt­kas­sen sind da z.B. eine töf­te Inspi­ra­ti­ons­quel­le – aber bit­te nicht dar­über schrei­ben, dass man immer in der lang­sa­me­ren Schlan­ge steht!

Was mich am vor­weih­nacht­li­chen Geschäfts­ge­ba­ren irri­tiert, ist etwas völ­lig ande­res: Letz­tes Jahr fiel mir erst­mals auf, dass diver­se Mode­ket­ten und Ver­sand­häu­ser, aber auch Kaf­fee­rös­ter, etwa ab Novem­ber die Innen­städ­te mit leicht­be­klei­de­ten Frau­en zupla­ka­tier­ten. Auf rie­si­gen Pla­kat­wän­den und in Schau­fens­tern wur­de die Sor­te Damen­un­ter­wä­sche ange­prie­sen, die eigent­lich nur schreit „Hal­lo Schatz, sieh mal, ich hab mich hübsch gemacht und jetzt nimm mich, hol­der Recke!“ Mir war zuvor nie auf­ge­fal­len, dass Weih­nach­ten ein der­art pla­ka­tiv ange­gan­ge­nes Sex-Spek­ta­kel sein könn­te – auch wenn das erklä­ren wür­de, war­um so vie­le Freun­de von mir im Sep­tem­ber Geburts­tag haben.

Die­se Jahr, jeden­falls, schmü­cken die Push-Up-BHs, Hemd­chen, Hös­chen, Tan­gas, Hot Pants und Kor­sa­gen schon im Sep­tem­ber die Schau­fens­ter völ­lig seriö­ser Beklei­dungs­ge­schäf­te und wer sagt, das sei sexis­tisch, hat natür­lich völ­lig Recht: Über­all nur halb­nack­te Frau­en und nir­gends wer­den Pro­duk­te für den Herrn ange­bo­ten, der sich hübsch machen will.

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Politik Gesellschaft

Rollenspiel

Stel­len Sie sich bit­te für einen Moment mal vor, Sie wären Ange­la Mer­kel. Das mit dem Gesicht und der Fri­sur über­las­sen wir schön den Kol­le­gen vom Pri­vat­fern­se­hen, dort macht man ja auch noch Namens­wit­ze.

Sie wären viel­mehr die ers­te Kanz­le­rin in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik und beliebt wie nur sonst was. Sie hät­ten in die­sem Jahr als weib­li­ches Gegen­stück zu Al Gore den Kli­ma­wan­del gestoppt und sogar die „New York Times“ hät­te gera­de groß über Sie und Ihren Rück­halt im Vol­ke berich­tet. Natür­lich wären Sie auch so beliebt, weil Sie in fast zwei Jah­ren Regie­rung nichts getan hät­ten und die gan­zen unbe­que­men Refor­men, die jetzt zu wir­ken begön­nen, alle noch auf das Kon­to der Vor­gän­ger­re­gie­rung gin­gen, aber das könn­te Ihnen ja im Prin­zip egal sein. Die ein­zi­gen Sor­gen, mit denen Sie sich bis jetzt hät­ten rum­schla­gen müs­sen, wären eine miss­glück­te Gesund­heits­re­form, leich­te Wider­stän­de gegen das „Eltern­geld“ Ihrer Fami­li­en­mi­nis­te­rin und das gan­ze Thea­ter um die Sicher­heit beim G8-Gip­fel gewe­sen.

Und dann hät­te irgend­je­mand ein paar Türen in ein paar Minis­te­ri­en nicht ord­nungs­ge­mäß ver­schlos­sen und zwei Minis­ter wür­den plötz­lich mit dem Bol­ler­wa­gen durch die deut­sche Medi­en­land­schaft zie­hen um dem letz­ten Bun­des­bür­ger klar zu machen, dass Sie Ihr Kabi­nett über­haupt nicht unter Kon­trol­le hät­ten.

Dass Wolf­gang Schäub­le seit Mona­ten immer tie­fe­re Ein­schnit­te in die Grund­rech­te der Bür­ger, Ihrer Wäh­ler, for­dert, wäre den meis­ten Betrof­fe­nen noch total egal gewe­sen. Doch plötz­lich wür­de der Mann alle noch mal über­ra­schen und mun­ter her­umer­zäh­len, er hiel­te es ja nur noch für eine Fra­ge der Zeit, bis mal ein Ter­ro­rist daher­kom­me und eine Atom­bom­be zün­de.1

Fast zeit­gleich wür­de sich Ihr Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter hin­stel­len und einen Vor­schlag der Vor­gän­ger­re­gie­rung, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt hät­te, wie­der her­vor­ho­len und öffent­lich ankün­di­gen, im Zwei­fels­fal­le auf Ver­fas­sung und Gericht zu schei­ßen und auf ent­führ­te Flug­zeu­ge zu schie­ßen. In den „Tages­the­men“ wür­de er auf die Fra­ge, ob sein Vor­stoß über­haupt mit Ihnen abge­spro­chen sei, ant­wor­ten, er und der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter sei­en die bes­ten Bud­dies über­haupt und die Fra­ge ansons­ten unbe­ant­wor­tet las­sen. Poli­ti­ker diver­ser ande­rer Par­tei­en und die Bun­des­luft­waf­fe wür­den sich gegen sei­nen Vor­schlag weh­ren und in Deutsch­land herrsch­te eine Auf­ruhr, als habe gera­de jemand Hit­lers Fami­li­en­po­li­tik gelobt oder Kunst als „ent­ar­tet“ bezeich­net.

Was wür­den Sie, der Sie ja Ange­la Mer­kel wären, jetzt tun?

1 Dass Schäub­le meint, wir soll­ten uns „die ver­blei­ben­de Zeit“ nicht auch noch „ver­der­ben, weil wir uns vor­her schon in eine Welt­un­ter­gangs­stim­mung ver­set­zen“, anstatt end­lich mal das zu tun, was er die gan­ze Zeit vor­gibt zu wol­len, näm­lich die Sicher­heit der Bür­ger zu schüt­zen, ist eigent­lich einen eige­nen Wut­an­fall wert.

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Gesellschaft

Nächste Woche: Autobahnen

Der Lie­be Gott hat in Köln ein sehr schö­nes Haus, aber der aktu­el­le Haus­meis­ter ist ein Pro­blem:

Dort, wo die Kul­tur vom Kul­tus, von der Got­tes­ver­eh­rung abge­kop­pelt wird, erstarrt der Kult im Ritua­lis­mus und die Kul­tur ent­ar­tet.

(Zitiert nach „Spie­gel Online“)

Nach dem Raus­wurf von Eva Her­man fragt man sich jetzt natür­lich, ob und wie Katho­li­sche Kir­che, gleich­sam die ARD unter den Glau­bens­ge­mein­schaf­ten die­ser Welt, auf Kar­di­nal Meis­ners Ent­glei­sung reagie­ren wird.

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Digital Gesellschaft Rundfunk

Wo die Maus die Locken hat

Ich bin der Mei­nung, wir hat­ten die­se Woche noch nicht genug Puber­täts- und Nacke­dei­con­tent. Das lässt sich aber ganz schnell ändern:

Letz­ten Frei­tag ver­öf­fent­lich­te „Spie­gel Online“ einen Arti­kel unter der Über­schrift „Wir­bel um Vanes­sa Hud­gens: Die Tee­nie­stars und das sehr pri­va­te Foto“. Wir­bel um mir per­sön­lich völ­lig unbe­kann­te Men­schen fin­de ich immer inter­es­sant und so erfuhr ich, dass Vanes­sa Hud­gens in dem pop­kul­tu­rel­len Ereig­nis unse­rer Zeit mit­ge­spielt hat, das völ­lig an mir vor­bei­ge­gan­gen ist: „High School Musi­cal“. Der „Wir­bel“ um das „sehr pri­va­te Foto“ bestand dar­in, dass im Inter­net ein Foto auf­ge­taucht war, das die 18jährige Schau­spie­le­rin unbe­klei­det zeigt. Eine Situa­ti­on, die einer nicht gera­de gerin­gen Zahl ihrer (nicht pro­mi­nen­ten) Alters­ge­nos­sin­nen eben­falls dro­hen könn­te.

Nun ist es ja sowie­so schon mal ein inter­es­san­ter Ansatz, über einen „US-Shoo­ting­star“ zu berich­ten, der 98% der eige­nen Ziel­grup­pe völ­lig unbe­kannt sein dürf­te. Noch cle­ve­rer ist natür­lich, im Inter­net über Nackt­fo­tos im Inter­net zu berich­ten – man muss die Bil­der ja nicht mal zei­gen oder ver­lin­ken, die Leser wer­den sie schon von ganz allei­ne fin­den. Und sie­he da: Jo, es gibt ein Nackt­fo­to, man kann es an vie­len Orten fin­den und es ist, um es vor­sich­tig aus­zu­drü­cken: unspek­ta­ku­lär. In Deutsch­land fin­det man das in jedem Bio­lo­gie­buch der ach­ten Klas­se und jede Woche in der „Bra­vo“, in den USA halt eher nur auf den Fest­plat­ten von Teen­agern und irgend­wann dann halt im Inter­net.1

Man kann den sonst aus­schlach­tungs­wü­ti­gen US-Medi­en noch nicht mal vor­wer­fen, sie hät­ten son­der­lich auf­brau­send über den Fall berich­tet. Miss Hud­gens ent­schul­dig­te sich für den Vor­fall (bzw. dafür, die Bil­der je ange­fer­tigt zu haben) und auch als das Gerücht die Run­de mach­te, sie habe die­se oder ähn­li­che Bil­der vor ein paar Jah­ren per E‑Mail an den (in Deutsch­land nun völ­lig unbe­kann­ten) Nickel­ode­on-Star Dra­ke Bell geschickt, sagt der Dis­ney Chan­nel in einer Erklä­rung nur:

„Vanes­sa has apo­lo­gi­zed for what was obvious­ly a lap­se in judgment. We hope she’s lear­ned a valuable les­son.“

„Spie­gel Online“, denen die Geschich­te wirk­lich am … äh: Her­zen lie­gen muss, schrieb ges­tern dann:

Soll­te Hud­gens ihre Rol­le wei­ter spie­len dür­fen, könn­te das Sau­ber­mann-Image des Kon­zerns Scha­den neh­men. Schließ­lich könn­ten, so spe­ku­liert das Blatt, wei­te­re ähn­li­che Bil­der auf­tau­chen. Die Alter­na­ti­ve wäre, die Aktri­ce aus der Show zu wer­fen. Doch dann müss­ten Mil­lio­nen Eltern in ganz Ame­ri­ka ihren Kin­dern erklä­ren, war­um ihr Lieb­ling nicht mehr im drit­ten Film mit­spielt – und das könn­te für Dis­ney ein noch grö­ße­res Desas­ter wer­den.

Es scheint also zumin­dest so, dass Dis­ney die Zug­kraft von Vanes­sa Hud­gens für das fran­chise höher ein­schätzt als die „ver­stö­ren­de Wir­kung“ der Bil­der. Das fin­det nicht nur der Blog­ger McCaf­fer­ty bemer­kens­wert:

With that, an enorm­ous scan­dal sim­ply eva­po­ra­ted. Dis­ney respon­ded in a matu­re and adult man­ner, and the rest of Hol­ly­wood said, “Oh…”

I just do not get it! Hol­ly­wood exe­cu­ti­ves beha­ving in a com­ple­te­ly civi­li­zed way. What is our world coming to?

If this type of beha­vi­or were to con­ti­nue, who knows what else might hap­pen or might have hap­pen­ed? Ima­gi­ne Geor­ge Bush in 2002–2003 tel­ling the nati­on that he real­ly wan­ted to inva­de Iraq, but his inspec­tors were not able to find wea­pons of mass des­truc­tion. Would Geor­ge real­ly have said, “Let’s avo­id a blood bath and spend our time fight­ing the real war on ter­ror.”

Nun kann man hin­ter der gan­zen Akti­on natür­lich einen geschick­ten PR-Schach­zug ver­mu­ten, denn immer­hin ken­nen Sie und ich nun Vanes­sa Hud­gens (mög­li­cher­wei­se sogar bes­ser, als uns lieb ist). Ande­rer­seits dürf­te der der­zei­ti­ge Aus­gang der Geschich­te so kaum zu erwar­ten und das Risi­ko des­halb enorm gewe­sen sein.

Die Eltern­ver­bän­de, die jetzt viel­leicht noch ein biss­chen ran­da­lie­ren wer­den, fal­len unter die Rubrik „Brauch­tum“ und ihre Mit­glie­der wären bes­ser bera­ten, ihren eige­nen Kin­dern ein paar Grund­re­geln in Sachen E‑Mail-Ver­sand von Fotos bei­zu­brin­gen.

Und falls Dis­ney sie doch noch raus­schmeißt: Vanes­sa Hud­gens soll ein Ange­bot über 500.000$ von „Girls Gone Wild“ vor­lie­gen.

1 Das Phä­no­men einer wach­sen­den Zahl jun­ger Leu­te, die Halb­nackt- oder Nackt­bil­der von sich selbst ins Inter­net stel­len, wer­de ich zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zu behan­deln ver­su­chen.

Nach­trag 14. Sep­tem­ber: „Spie­gel Online“ hat an dem The­ma wirk­lich einen Nack­ten Nar­ren gefres­sen und bringt heu­te schon die drit­te Mel­dung über Vanes­sa Hud­gens: Sie habe ihren Auf­tritt in der Tonight Show mit Jay Leno abge­sagt.

Der Text kul­mi­niert in die­sem Absatz:

Hud­gens ist bereits die zwei­te Jung­schau­spie­le­rin, die in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit dem TV-Tal­ker Jay Leno einen Korb gege­ben hat. Erst im Juli hat­te sich Lind­say Lohan nach einer Trun­ken­heits­fahrt gewei­gert,
bei Leno auf­zu­tre­ten (mehr…).

Der arme Jay Leno …

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Digital Gesellschaft

Brust oder Keule?

Im Juni wur­de die Netz­ge­mein­de die­ses Jahr nett durch­ge­schüt­telt. Grund: flickr sperr­te für eini­ge Län­der Fotos mit angeb­lich schlüpf­ri­gem Inhalt, unter die­sen Län­dern auch das sonst doch so welt­of­fe­ne und auf­ge­klär­te Deutsch­land. Was folg­te war gro­ßes Buhei, frus­trier­te User, Pro­tes­te. Wirk­lich gelernt haben die gro­ßen Kon­zer­ne wohl nicht dar­aus, zumin­dest Inter­net­an­bie­ter Arcor könn­te man das vor­wer­fen.

Wie im Forum von gulli.com und dann heu­te auch bei golem zu lesen war, hat Arcor näm­lich heim­lich, still und lei­se Sei­ten wie sex.com, youporn.com und privatamateure.com für die Nut­zer gesperrt. Eine schö­ne Begrün­dung hat­te man da dann auch direkt parat: Auf den Sei­ten wer­den por­no­gra­fi­sche Inhal­te ange­bo­ten, die ohne vor­he­ri­ge Alters­prü­fung offen zugäng­lich sind. Kei­ne gericht­li­che Anord­nung hat zur Sper­rung geführt, aber natür­lich wur­den die Ange­bo­te gericht­lich geprüft. Wie die Sper­rung rein tech­nisch mach­bar ist? Das will Arcor natür­lich nicht ver­ra­ten.

Mut­ma­ßen könn­te man wohl eher, dass Arcor Wind bekom­men hat von dem Brief, den der Ver­band der Video­the­ka­re an die Lan­des­me­di­en­an­stalt in Bay­ern, genau­er gesagt die dort ansäs­si­ge Komis­si­on für Jugend­me­di­en­schutz, geschickt hat. Die For­de­rung: Inter­net­pro­vi­dern sol­le unter­sagt wer­den, You­Porn zugäng­lich für alle zu machen. Die Sei­te selbst ste­he seit März auf dem Index eben jener Prüf­stel­le, und trotz­dem könn­ten Min­der­jäh­ri­ge auf sie zugrei­fen. Aller­dings dürf­te die Sor­ge um den Jugend­schutz ange­sichts der immensen Umsatz­ein­bu­ßen, die den Video­the­ken durch kos­ten­lo­se Por­no-Ange­bo­te im Inter­net dro­hen, eher ein vor­ge­scho­be­nes Argu­ment sein.

Durch­sich­ti­ger ist da schon, wie Face­book und MySpace bei ihrer ganz eige­nen Art der Inhalts­kon­trol­le vor­ge­hen. Wie eini­ge soge­nann­te „Lak­ti­vis­tin­nen“ in ihren Blogs berich­ten, haben die bei­den Social-Net­work-Por­ta­le näm­lich Fotos von Frau­en gesperrt, die sich beim Stil­len ihres Nach­wuch­ses haben ablich­ten las­sen. Dass bei die­ser natür­lichs­ten aller Füt­te­rungs­me­tho­den ein gewis­ses weib­li­ches Kör­per­teil nun­mal betei­ligt ist, ist nicht von der Hand zu wei­sen. Trotz­dem war den Betrei­bern der Sei­te die­ser Inhalt etwas so zwei­fel­haft.

Face­book-Spre­che­rin Mer­edith Chin erklär­te dem „Syd­ney Mor­ning Herald“ ganz genau, war­um die­se Bil­der ent­fernt wur­den: „Fotos, die eine ent­blöß­te Brust beinhal­ten, ver­let­zen unse­re Nut­zungs­be­din­gun­gen und wer­den ent­fernt.“ Stellt sich für mich die Fra­ge: Wo fängt pre­kä­rer Inhalt an und wo hört er auf? Oder, wie es eine Lak­ti­vis­tin aus­drückt: „Wo hört das Stil­len auf und wo fängt die Brust an? Bei dem kleins­ten Anzei­chen von Nip­pel?“

Bei MySpace liegt ein ver­gleich­ba­rer Fall schon etwas län­ger zurück. Nichts­des­to­trotz passt er sich schön in die Rei­he hier ein.

Breast is best

Die­ses Foto zeigt Mel aus Taco­ma (oder zumin­dest eines ihrer sekun­dä­ren Geschlechts­merk­ma­le) beim Ein­satz am Kind. Sie selbst hat­te das Bild nichts­ah­nend auf ihren MySpace-Account gestellt, und es wur­de sei­tens MySpace drei­mal ent­fernt, zuletzt mit der Droh­nung, ihren Account zu sper­ren. Mit der Begrün­dung, die­ses Foto ver­let­ze die MySpace-Grund­satz gegen „Nack­heit“ und „sexu­ell anre­gen­de“ Bil­der. Wie viel da über­haupt noch zu sehen ist, muss jeder selbst ent­schei­den. Ich seh da jeden­falls nicht mehr Obs­zö­ni­tät als bei einem Par­ty­fo­to von halb­nack­ten Mädels. Und die sind nach wie vor im Über­fluss bei MySpace zu finden.In bei­den Fäl­len, sowohl bei Face­book als auch bei MySpace, stand für die Frau­en übri­gens eines im Vor­der­grund: Der Akti­vis­mus für das Stil­len. Für mehr Akzep­tanz auch in der Öffent­lich­keit.