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Musik Digital

Wenn ein Königreich zerfällt

Zum ers­ten Mal habe ich vor acht Jah­ren von Leo­na Naess gehört, als ihr Album „Coma­tis­ed“ erschien. Ihr fast per­fek­ter Pop­song „Charm Attack“ hat es auf zahl­rei­che Kas­set­ten­mäd­chen­kas­set­ten geschafft, die ich über die Jah­re auf­ge­nom­men habe. Dann habe ich lan­ge nichts mehr von ihr gehört (also von Leo­na Naess jetzt, obwohl: auch von vie­len Mix­tape-Emp­fän­ge­rin­nen).

Schon der ers­te Satz in ihrem Wiki­pe­dia-Ein­trag klingt nach der ganz gro­ßen, ganz wei­ten Welt. Man möch­te sie sofort ken­nen­ler­nen:

Naess was born in New York City and rai­sed in Lon­don. She is the daugh­ter of Filip­pa Kum­lin D’Orey, a Swe­dish-Bra­zi­li­an inte­ri­or desi­gner and Arne Næss, Jr., a Nor­we­gi­an moun­tai­neer and busi­ness magna­te.

Jetzt stel­le ich fest, dass sie in der Zwi­schen­zeit eini­ge Alben auf­ge­nom­men und sie vor fünf Jah­ren mal mit Ryan Adams ver­lobt war – und mit dem zusam­men hat sie eine beson­de­re Ver­si­on ihres Songs „Lea­ve Your Boy­fri­end Behind“ („nor­ma­le“ Ver­si­on hier) auf­ge­nom­men. Das Ergeb­nis kann man sich bei spin.com anhö­ren.

Es ist ein span­nen­der Song, der zwi­schen Jazz in den Stro­phen und Coun­try im Refrain schwankt und der eine unglaub­li­che Dra­ma­tik ent­wi­ckelt, wenn man um den per­sön­li­chen Hin­ter­grund der bei­den Künst­ler weiß.

Oder wie Peter Gas­ton bei spin.com schreibt:

„We’­re not rea­dy,“ Leo­na Naess and Ryan Adams har­mo­ni­ze. „We’­re not even clo­se.“ It’s one of tho­se powerful lines that a sad­den­ed lover might post as a Face­book sta­tus update, or as an AIM away mes­sa­ge.

But when sung by a form­er­ly smas­hing cou­ple, it weighs a ton.

Ich mag den Ver­weis auf die Sta­tus­nach­rich­ten bei Face­book, die heut­zu­ta­ge all das Her­um­te­le­fo­nie­ren und „Aber sag’s erst mal keinem“-Sagen im Freun­des­kreis abge­löst haben. Irgend­wann steht dann da „… is no lon­ger lis­ted as in a rela­ti­onship“ und die Sache ist zwar noch lan­ge nicht durch, aber doch fast so offi­zi­ell wie die schrift­li­che Ver­kün­dung ihrer Ver­lo­bung, die mei­ne Groß­el­tern vor 54 Jah­ren noch an 500 Adres­sa­ten ver­schickt haben. (Ich habe dazu übri­gens auch noch einen lesens­wer­ten Arti­kel zum The­ma rela­ti­onship sta­tus gefun­den.)

Doch ich gera­te aus dem Glei­se: Kau­fen kann man die Duett-Ver­si­on von „Lea­ve Your Boy­fri­end Behind“ lei­der nur als Bonus­track im ame­ri­ka­ni­schen iTu­nes-Store. Auf der CD-Ver­si­on, die auch in Deutsch­land erhält­lich ist, fehlt sie.

[via Visi­ons]

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Musik Gesellschaft

A Different Beat

Ich gebe zu, ich hat­te nicht mit­be­kom­men, dass sich Boy­zo­ne zu einer Reuni­on zusam­men­ge­fun­den hat­ten. East 17: klar, Take That: sowie­so, aber Boy­zo­ne, die immer­hin auf Platz 3 mei­ner ima­gi­nä­ren Lis­te der okay­en Boy­bands der Neun­zi­ger stan­den: nee, ver­passt.

Dabei hat die Band im Okto­ber mit „Back Again … No Mat­ter What“ ihre immer­hin sechs­te Grea­test-Hits-Com­pi­la­ti­on auf den Markt gebracht (zum Ver­gleich: in den Neun­zi­gern kamen drei regu­lä­re Alben raus). Am 8. Dezem­ber erscheint die Sin­gle „Bet­ter“, die reich­lich öde ist und des­halb bes­te Chan­cen hat, Christ­mas No. 1 in Groß­bri­tan­ni­en zu wer­den.

All das wäre nicht der Rede wert, wenn … ja, wenn das Video nicht eine klei­ne Sen­sa­ti­on dar­stell­te: wäh­rend sei­ne vier Band­kol­le­gen eine Frau zum Ansin­gen und ‑schmach­ten haben, kuschelt Ste­phen Gate­ly mit einem Mann.

"Better"-Video: Stephen Gately und ein anderer MannGenau genom­men ist das nur kon­se­quent, denn Gate­ly war 1999 auch das ers­te akti­ve Boy­band-Mit­glied, das sei­ne Homo­se­xua­li­tät öffent­lich mach­te. Aber wäh­rend t.A.T.u. und Katy Per­ry mit Les­ben-Chic koket­tie­ren und „Bild“ ernst­haft (also, so weit man bei „Bild“ von Ernst spre­chen kann) „War­um ist les­bi­sche Lie­be plötz­lich so schick?“ fragt, waren kuscheln­de Jungs und Män­ner im Main­stream der Pop­kul­tur bis­her nicht mal eine Aus­nah­me, son­dern schlicht nicht exis­tent.

Es stimmt also durch­aus, wenn Caro­li­ne Sul­li­van im „Guar­di­an“ schreibt, das Boy­zo­ne-Video sei „rather ground­brea­king“. Aller­dings schränkt sie auch ein, man sol­le nicht zu vie­le Nach­ah­mer erwar­ten:

With less to lose than an ascen­dant new band, it was easy for Boy­zo­ne to do the right thing by Gate­ly. The few other estab­lished groups with open­ly gay mem­bers tend to tread light­ly around the sub­ject.

Das eigent­lich Erstaun­li­che an dem Video – neben der Fra­ge, war­um es zuerst schwu­le Bür­ger­meis­ter und Par­tei­vor­sit­zen­de gab und dann erst kuscheln­de Män­ner in Musik­vi­de­os – ist die fast schon neben­säch­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der zwi­schen den vier Man­n/­Frau-Paa­run­gen die­se zwei Män­ner ste­hen: kein Schock­ef­fekt, kein „Seht her, zwei Schwu­le!“ wie damals in der „Lin­den­stra­ße“. Es ist die­ses Plä­doy­er für Nor­ma­li­tät, die die­ses durch­schnitt­li­che Video für ein lang­wei­li­ges Lied zu etwas Außer­ge­wöhn­li­chem macht. Im Jahr 2008.

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Musik

Track by track: Tomte – Heureka

Ich habe die­sen Text wochen­lang vor mir her­ge­scho­ben, aus einem ein­zi­gen Grund: Ich konn­te mich nicht ent­schei­den, ob ich einen Dis­clo­sure set­zen soll oder nicht.

Wenn ich schrie­be, dass ich schon seit län­ge­rem rie­si­ger Tom­te-Fan bin, mit Tom­te-Sän­ger Thees Uhl­mann schon eini­ge Male ver­schie­de­ne Alko­ho­li­ka zu mir genom­men habe, und ihm eine Demo der Kili­ans zuge­steckt habe, wor­auf­hin er die Band ganz groß raus­ge­bracht hat, könn­te mir das leicht als eit­le Prot­ze­rei aus­ge­legt wer­den.

Wenn ich es nicht schrie­be, käme aber garan­tiert jemand an, der mir noch enge­re Bezie­hun­gen zu Band, Sän­ger und Label unter­stel­len und mich als Bei­spiel für die Ver­lo­gen­heit und den Inzest im Musik­jour­na­lis­mus hin­stel­len wür­de.

Suchen Sie sich also aus, ob Sie die nun fol­gen­de Track-by-track-Ana­ly­se des neu­en Tom­te-Albums „Heu­re­ka“ mit oder ohne Dis­clo­sure im Hin­ter­kopf lesen wol­len.

Wenn Ihnen die Text­zei­len

Und wir heben unser Glas in Demut
Ich erin­ner‘ mich an alles und jeden
Such Dir jeman­den, der Dir nicht weh­tut
Du nennst das Pathos, und ich nenn‘ es Leben

aller­dings schon Zuviel des Guten sind, soll­ten Sie aber sowie­so nicht wei­ter­le­sen.

Und jetzt fan­ge ich end­lich an:

Heu­re­ka
Einen Titel­track auf einem Tom­te-Album gab es zuletzt auf „Eine son­ni­ge Nacht“, aber die­se Infor­ma­ti­on hat allen­falls sta­tis­ti­schen Wert, denn „Heu­re­ka“ beginnt mit einem Kla­vier. Thees Uhl­mann singt Zei­len, die aus­schließ­lich aus Voka­len bestehen, und hört damit in den nächs­ten 51 Minu­ten nicht mehr auf. „Du bist nicht gestor­ben: Heu­re­ka!“, jubi­liert er im Refrain und schließt mit „Man ver­misst, was einen jeden Tag umgibt“. Die küchen­psy­cho­lo­gi­sche Deu­tung: trotz aller Wid­rig­kei­ten und Umbe­set­zun­gen sind Tom­te immer noch da und jetzt wol­len sie wei­ter­ma­chen.

Wie ein Pla­net
Iggy Pops „Pas­sen­ger“ klopft sehr deut­lich an, ehe Herr Uhl­mann erst­mal lei­den darf. Im Refrain schwingt es im Vier-Vier­tel-Takt Six­ties-mäßig vor sich hin. „Das ist die Zeit, das Leben sei schön“, heißt es im Refrain und aus die­ser Jetzt-erst-Recht- und Das-passt-schon-alles-Umar­mung kommt der Hörer auch nicht mehr raus.

Der letz­te gro­ße Wal
Die Sin­gle. Nach einer Ein­ge­wöh­nungs­pha­se ein unglaub­lich gro­ßer Song. Der letz­te Über­le­ben­de in einer Welt, in der sich alles geän­dert hat: Thees Uhl­mann? Vie­len Musi­kern wür­de ich so viel Selbst­ver­trau­en und Ich-Bezo­gen­heit übel neh­men, bei Uhl­mann passt das ein­fach: man weiß, dass er unge­schützt hin­ter jedem „Ich“ steht, dass er meint, was er singt. Ande­rer­seits ist spä­tes­tens jetzt die Gele­gen­heit, das ers­te Mal Den­nis Becker zu loben, den ver­mut­lich bes­ten Gitar­ris­ten des Lan­des.

Wie sieht’s aus in Ham­burg?
Auf „Buch­sta­ben über der Stadt“ ging es noch um „New York“, jetzt ist’s eine Num­mer klei­ner: Der zurück­ge­las­se­ne Freund in Ham­burg bekommt das Denk­mal gebaut, das er ver­dient hat. Der Refrain schrammt mit Akus­tik­gi­tar­re, Kla­vier und Satz­ge­sang haar­scharf an der Chee­syn­ess vor­bei, dann kommt ein zwei­stim­mi­ges Gitar­ren­so­lo. Das wird ja über Uhl­mann und sei­ne Tex­te gern ver­ges­sen: wie gut die alle als Musi­ker sind.

Vor­an vor­an
Orgel. Bedeu­tungs­schwe­re. Cold­play-Gefühl. Und dann plötz­lich Elek­tro­beats. Spä­tes­tens jetzt wird klar, dass Tobi­as Kuhn (Ex-Miles, Mon­ta) als neu­er Pro­du­zent genau den fri­schen Wind gebracht hat, den eine Band auf dem fünf­ten Album braucht. Der Refrain ist so sehr Sta­di­on­hym­ne, dass man die geschwenk­ten Feu­er­zeu­ge förm­lich rie­chen kann. „Ich zie­he das durch“, singt Uhl­mann und wer hät­te das Recht, das in Fra­ge zu stel­len.

Küss mich wach Glo­ria
Musi­ka­lisch ist es Eng­land zwi­schen den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern, trotz­dem braucht das Lied gut zwei­ein­halb Minu­ten, um aus dem Quark zu kom­men. Das oben auf­ge­führ­te Pathos-Zitat stammt hier­her und ich kann mir gut vor­stel­len, dass man die­ses Lied unglaub­lich schlimm und prä­ten­ti­ös fin­den kann. Nur: ich mag es. Uhl­mann braucht halt sei­ne per­sön­li­chen „Live Fore­vers“.

Es ist so dass Du fehlst
Akus­tik­gi­tar­ren, Drei­vier­tel­takt, Ein­sam­keit. Irgend­wie klingt auch das nach Cold­play, aber nach deren Debüt. Melan­cho­lie und Zuflucht, „Du bist das Beil, ich bin der Wald“. Schön, aber ein biss­chen was fehlt dann doch.

Und ich wan­der
„Du schlägst Dich durch Dein Leben wie ein Koli­bri fliegt“ ist natür­lich auch wie­der so ein Zitat, bei dem es sehr dar­auf ankommt, von wem es stammt. Die Musik klingt genau­so wie die besun­ge­ne Wan­de­rung („durch die war­me Nacht“) und wenn man die­ses Lied unter­wegs auf dem MP3-Play­er hört, fühlt man sich so ver­stan­den und beschützt.

Du bringst die Sto­ries (Ich bring den Wein)
Schon musi­ka­lisch ist es Lied unglaub­lich _​uplifting_​. Dass Uhl­mann offen­bar ein­mal mehr eine Män­ner­freund­schaft besingt, wirft die Fra­ge auf, ob Frau­en Tom­te eigent­lich genau­so schät­zen. „Wenn Du nichts mehr hast, hast Du immer noch mich, denn ich pla­ne zu blei­ben, mein Freund!“ – Was müs­sen das für glück­li­che Men­schen sein, die sol­che Lie­der geschrie­ben bekom­men?

Das Orches­ter spielt einen Wal­zer
Als ich „Heu­re­ka“ zum ers­ten Mal hör­te, ging ich zu Fuß durch die nie­der­rhei­ni­sche Land­schaft. Bei die­sem Lied saß ich unten am Fluss und starr­te auf das Was­ser. Inso­fern ist das Lied für mich viel­leicht mit etwas zu viel Dra­ma­tik und Bedeu­tung auf­ge­la­den, und ehr­lich gesagt ist es das schwächs­te Lied auf dem Album. Trotz­dem kommt hier die zen­tra­le Zei­le des Albums vor: „Mein Gott, ist das Leben schön“. Wenigs­tens für einen Moment soll­te die Fra­ge erlaubt sein, ob glück­li­che Künst­ler nicht uner­träg­lich sind.

Nichts ist so schön auf der Welt wie betrun­ken trau­ri­ge Musik zu hören!
Ja, die Song­ti­tel auf die­sem Album sind mit­un­ter etwas über­am­bi­tio­niert. Und mit den Tom­te-Lie­dern über Musik könn­te man ein eige­nes Album fül­len. Und über­haupt: sechs Minu­ten! Wir befin­den uns halt mit­ten in dem Teil der Plat­te, den ich objek­tiv als eher mäßig gelun­gen bezeich­nen wür­de. Wie das Lied aller­dings in der Mit­te plötz­lich los­legt und sich um sich selbst win­det, das ist schon sehr Seat­tle in den frü­hen Neun­zi­gern. Man weiß, wie es gemeint ist.

Dein Herz sei wild
Irgend­wann zwi­schen­durch hat­ten Tom­te auch mal die Back-to-the-roots-Paro­le aus­ge­ge­ben. Sie mani­fes­tiert sich in die­sem Vier­ein­halb-Minu­ten-Stück, das auch auf den ers­ten bei­den Alben hät­te sein kön­nen. Irgend­wie auch mehr ein „Pfffffff!“- als ein „Wow!“-Lied.

Vor­an vor­an (Laut)
Noch­mal „Vor­an vor­an“, dies­mal The Clash statt Cold­play. Das macht es natür­lich anders, aber auch gut. Als Raus­schmei­ßer ist die­ser Bonus­track deut­lich bes­ser geeig­net als „Dein Herz sei wild“, denn er macht die vor­he­ri­gen Hän­ger wie­der wett.

Fazit
So groß­ar­tig das Album zu Beginn ist, so sehr baut es doch nach hin­ten hin­aus ab. Zehn Songs statt 13 hät­ten es auch getan, denn dann stün­de es „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ und „Buch­sta­ben über der Stadt“ in nichts nach.

Man muss „Heu­re­ka“ aber wohl als Selbst­fin­dungs­pro­zess und Stand­ort­be­stim­mung hören. Immer­hin hat man es hier mit einer Band zu tun, die im Ver­gleich zum Vor­gän­ger­al­bum qua­si zur Hälf­te umge­stellt wur­de (Timo Boden­stein und Olli Koch raus; Max Mar­tin Schrö­der am Schlag­zeug, statt an den Key­boards; Simon Front­zek an den Key­boards), und die sich gleich­zei­tig wei­ter­ent­wi­ckeln und auf ihre Wur­zeln besin­nen will. Gemes­sen dar­an ist „Heu­re­ka“ erstaun­lich rund und stim­mig gewor­den.

Die Hym­nen sind noch ein biss­chen grö­ßer gewor­den, die Rocker wie­der ein biss­chen wüten­der. Tom­te sind immer noch da und sie pla­nen zu blei­ben. Und Thees Uhl­mann ist der letz­te gro­ße Wal.

Tomte - Heureka (Albumcover)
Tom­te – Heu­re­ka

VÖ: 10.10.2008
Label: Grand Hotel van Cleef
Ver­trieb: Indi­go

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Rundfunk Radio Musik

Merkt ja eh keiner (1)

Es ist ja nicht so, dass ich mor­gens auf­ste­he und den­ke „Was könn­te ich heu­te mal Böses über den WDR schrei­ben?“ Das machen die ja alles sel­ber.

Ges­tern war Thees Uhl­mann zu Gast im „1Live Kas­set­ten­deck“, das vom Kon­zept her eine Super-Radio­sen­dung ist und des­halb um Mit­ter­nacht lau­fen muss: Ein Pro­mi (meist Musi­ker) stellt eine Stun­de lang Songs vor, die ihm sein Leben lang oder gera­de jetzt im Moment wich­tig sind. Ges­tern also der Sän­ger der „umstrit­te­nen Band Tom­te“ (O‑Ton welt.de, wo man auch nicht nach gutem Musik­jour­na­lis­mus suchen soll­te).

Thees erzähl­te also und spiel­te Songs (Rod Ste­wart, Kool Savas, Esca­pa­do) und sag­te nach jedem Lied, wer er ist und was wir da hören (ist ja Radio). Und dann kün­dig­te er wort­reich „Rain On The Pret­ty Ones“ von Ed Har­court an, zitier­te noch aus dem Text („I’m the Chris­ti­an, that can­not for­gi­ve“, „I’m the hun­ter, who’s kil­led by his dog“) und sag­te „Hier ist Ed Har­court mit ‚Rain On The Pret­ty Ones‘ “.

Und was lief? Ed Har­court mit „Late Night Part­ner“. Auch schön, sogar vom glei­chen Album, aber ein ganz ande­rer Song. Auch, wenn er von Thees mit „Das war Ed Har­court mit ‚Rain On The Pret­ty Ones‘ “ abmo­de­riert wur­de.

Nun ist es ja nicht so, dass da ges­tern Nacht ein über­näch­ti­ger Thees Uhl­mann im 1Li­ve-Stu­dio geses­sen und unbe­merkt den fal­schen Track gefah­ren hät­te: Weil man einen Pro­mi kaum eine Stun­de im Stu­dio hal­ten kann (dich­ter Pro­mo-Zeit­plan!), lässt man ihn ein­fach alle Mode­ra­ti­ons­tex­te hin­ter­ein­an­der auf­sa­gen, wenn er eh grad mal für ein Inter­view da ist. Dann gibt er einen Zet­tel mit der Play­list ab und irgend­je­mand muss die Songs zwi­schen die Mode­ra­tio­nen schnei­den. Und die­ser Jemand hat offen­bar einen Feh­ler gemacht.

Das ist kein gro­ßes Dra­ma, kein Skan­dal und kein Eklat. Es ist nur ein Bei­spiel, war­um es mir so schwer fällt, Medi­en­schaf­fen­de in die­sem Land ernst zu neh­men: Weil sie ihre Arbeit selbst nicht ernst neh­men.

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Musik

Aber hier leben? Nein, Danke!

Aus dem aktu­el­len Toco­tro­nic-News­let­ter:

Lie­be Freun­dIn­nen,
es ist unfass­bar: Anläß­lich des Tages der Deut­schen Ein­heit hat der ansons­ten von uns hoch­ge­schätz­te Musik­vi­deo­sen­der MTV auf sei­ner Inter­net­sei­te unter der Über­schrift „Hei­mat­me­lo­dien“ (!) ein Voting für den bes­ten deut­schen Song­text („Deutsch­land – Land der Dich­ter und Den­ker“) gestar­tet. Auch unse­re Grup­pe, Toco­tro­nic, ist dort mit dem Text zu dem Lied „Imi­ta­tio­nen“ ver­tre­ten. Wir möch­ten aus­drück­lich dar­auf hin­wei­sen, dass wir nichts, aber auch gar nichts von unse­rer Teil­nah­me an die­ser höchst zwei­fel­haf­ten Akti­on gewußt haben und wir auch nichts von sol­chen hei­mat­du­se­li­gen Lyrik­wett­be­wer­ben hal­ten. Im Gegen­teil: Eine sol­ches Voting reprä­sen­tiert so ziem­lich das genaue Gegen­teil der von uns pro­pa­gier­ten Inhal­te. Dies nur mal so neben­bei.
Vie­le Grüs­se
Toco­tro­nic

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Musik

Best Imitation Of Himself

Ben Folds und Band live

Ben Folds hat­te immer schon einen beson­de­ren Humor: die ers­te EP sei­ner Band Majo­sha hieß „Par­ty Night: Five Songs About Jesus“ und beinhal­te­te vier Songs, von denen natür­lich kei­ner von Jesus han­del­te. Eigent­lich logisch, dass das Trio, mit dem er schließ­lich inter­na­tio­nal bekannt wur­de, Ben Folds Five hieß.

Sein neu­es Album, das Ende Sep­tem­ber erschei­nen soll, wird „Way To Nor­mal“ hei­ßen, was für Folds-Ver­hält­nis­se fast schon ein lang­wei­li­ges Wort­spiel ist. Wer das Album bereits jetzt ille­gal aus Tausch­bör­sen her­un­ter­la­den will, wird mit hoher Wahr­schein­lich­keit auf neun Songs sto­ßen, die nicht wirk­lich das neue Album sind – aber irgend­wie doch.

In einer Mischung aus Dieb­stahl­si­che­rung und Wahn­sinn hat­ten sich Folds, sein Bas­sist Jared Rey­nolds und sein Schlag­zeu­ger Sam Smith im Juli für acht Stun­den in einem iri­schen Stu­dio ein­ge­schlos­sen und sechs Fake-Songs auf­ge­nom­men. Sie haben (fast) die glei­chen Titel wie die Songs von „Way To Nor­mal“, sind aber kom­plett ande­re Lie­der. Ange­rei­chert wer­den sie mit den Sin­gles „Hiro­shi­ma“ und „You Don’t Know Me“ (gemein­sam mit Regi­na Spec­tor), sowie einer Alter­na­tiv-Ver­si­on von „Colo­gne“, einem Song, des­sen Ent­ste­hung ich und alle ande­ren Besu­cher von Folds‘ letzt­jäh­ri­gem Köl­ner Kon­zert bei­woh­nen durf­ten.

Die Tex­te sind mit­un­ter extrem albern, ent­stan­den sie doch bin­nen kür­zes­ter Zeit und ent­stam­men zum Teil der Feder des Schlag­zeu­gers (ein Vor­ge­hen, das bei Ben Folds Five damals immer­hin zum groß­ar­ti­gen „Song For The Dum­ped“ geführt hat­te), aber musi­ka­lisch ist Folds fast bes­ser als auf sei­nem letz­ten rich­ti­gen Album „Songs For Sil­ver­man“. Wenn die ech­ten Songs so gut wer­den wie die fal­schen, wird „Way To Nor­mal“ ein Fest.

Folds ist natür­lich nicht der Ers­te, der auf die Idee kam, ein gefälsch­tes Album über Tausch­bör­sen zu ver­tei­len: Olli Schulz, eben­falls für sei­nen Humor bekannt (gefürch­tet), hat­te etwas sehr ähn­li­ches bereits vor gut zwei Jah­ren gemacht.

Mehr zu den Hin­ter­grün­den des fal­schen „Way To Nor­mal“ und einen Track-by-Track-Ver­gleich gibt’s beim ame­ri­ka­ni­schen „Rol­ling Stone“.

Wer das geschenk­te, fal­sche Album her­un­ter­la­den will, ohne ver­se­hent­lich das rich­ti­ge zu klau­en, ist bei der Fan­site wokeupwaytoolate.com an der rich­ti­gen Adres­se.

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Musik Digital

Warum Fran Healy so gut schläft

Ich bin seit Jah­ren gro­ßer Fan von Tra­vis. Nicht nur, dass die Musik (bei­na­he) immer toll ist, Fran Hea­ly sagt auch von Zeit zu Zeit sehr klu­ge Sachen, von denen man sich wünscht, es wür­den die betref­fen­den Leu­te zuhö­ren.

Zum Bei­spiel aktu­ell zu einem Fall, den man bei torrentfreak.com nach­le­sen kann: Tra­vis hat­ten zur Ver­brei­tung des neu­en Songs „J. Smith“ per MP3 auf­ge­ru­fen – wie man das eben heut­zu­ta­ge so macht. Plötz­lich mel­de­te sich die IFPI, die Inter­na­tio­nal Fede­ra­ti­on of the Pho­no­gra­phic Indus­try, bei Kevin, der den Song in sei­nem Blog So Much Silence gehos­tet hat­te, und for­der­ten ihn zur Löschung auf. (Das heißt: genau genom­men for­der­ten sie ihn auf, einen Song von Her­cu­les And Love Affair zu löschen, weil sie sich da wohl irgend­wie mit der Zuord­nung ver­tan hat­ten.) Kevin schrieb Fran Hea­ly an, der prompt reagier­te und klar stell­te, dass der Song wei­ter ver­brei­tet wer­den soll. Die IFPI, die ja angeb­lich im Namen der Künst­ler gegen das Unrecht in der Welt kämpft, muss­te zuge­ben, von einer sol­chen Geneh­mi­gung nichts mit­be­kom­men zu haben.

Und auf Anfra­ge von torrentfreak.com leg­te Fran dann rich­tig los:

With a view to music, the inter­net is like radio. The only major dif­fe­rence is that, at the moment, I don’t get a PRS pay­ment ever­y­ti­me my song is lis­ten­ed to.

The pro­blem is, the busi­ness is try­ing to fit old rules on a new model. Like try­ing to fit the squa­re peg in the round hole. I think someone has to sit down and re-wri­te the rules for the new model.

[…]

As far as ille­gal file­sha­ring goes. The­re are peo­p­le who will buy albums and peo­p­le who will record them off fri­ends. If you took away the Inter­net this would still hap­pen so I don’t lose any sleep. Good­night.

Jetzt müss­te er das nur noch irgend­wie sei­nen Plat­ten­bos­sen ver­kli­ckern.

Ach, und run­ter­la­den kön­nen Sie „J. Smith“ jetzt hier – ganz legal und mit Ein­wil­li­gung des Künst­lers. (Das Album „Ode To J. Smith“ kön­nen Sie sich bei Gefal­len dann ab dem 26. Sep­tem­ber kau­fen.)

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Digital Kultur

Kunstpause

Wid­men wir uns zur Abwechs­lung doch mal etwas Erfreu­li­chem: Mei­ne gute Freun­din Mar­ti­na Dri­gnat hat ihre Inter­net­sei­te taubenstrasse.de gere­launcht.

Möwen auf taubenstrasse.de (Foto: Martina Drignat)

Dort fin­den Sie „Medi­en­kunst & Foto­gra­fie“ und wenn Sie sich dar­un­ter nichts vor­stel­len kön­nen: Mar­ti­na hat unter ande­rem die Web­site von kett­car gestal­tet, das Art­work der Kili­ans-CD (womit ich nichts zu tun hat­te!) und das Lay­out Logo des sehr emp­feh­lens­wer­ten Inter­net­mu­sik­ma­ga­zins mainstage.de. Außer­dem kön­nen Sie sich dort – je nach Geschmack – Fotos von Kat­zen, Scha­fen und Stop­pel­fel­dern anse­hen, sowie Por­träts und Liv­e­fo­tos von zahl­rei­chen Musi­kern.

Ich wür­de mich freu­en, wenn Sie dort mal vor­bei­schau­en und sich zumin­dest durch einen Teil der paar­hun­dert Bil­der kli­cken wür­den. Schließ­lich sind das end­lich mal Bil­der­ga­le­rien, die kei­ne IVW-Zah­len und Wer­be­ein­nah­men hoch­trei­ben.

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Musik

Meeting Ben Folds

Heu­te machen wir’s mal so rich­tig Dog­ma-mäßig: Auf Sie war­tet ein eng­lisch­spra­chi­ges Inter­view, unge­schnit­ten, gedreht in einer nicht wirk­lich ruhi­gen Hotel­lob­by, mit einem Cam­cor­der mit etwas ver­schmutz­ten Bild- und Ton­köp­fen.

War­um Sie sich das antun soll­ten? Nun, es ist ein Inter­view mit Ben Folds.

Teil 1:

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Digital

Klickbefehl (12)

Es ist ein trau­ri­ges Schau­spiel, das online zu beob­ach­ten ist. Titel: Wie nut­ze ich das Inter­net, um mei­ne Wut zu offen­ba­ren. In einer der Haupt­rol­len: Udo Ulfkot­te, pro­mi­nen­ter Ver­tre­ter der ver­netz­ten Islam­kri­ti­ker, ver­ant­wort­lich für die Sei­te „akte-islam“ und Grün­der der Bür­ger­be­we­gung pax-euro­pa samt dazu­ge­hö­ri­ger Home­page.

Die „taz“ (seit Mon­tag übri­gens mit RSS-Feed und daher inzwi­schen auch von mir regel­mä­ßig gele­sen) schaut sich in den isla­mo­pho­ben Hass­blogs von „Poli­ti­cal­ly Incor­rect“ bis „Akte Islam“ um und ver­linkt sogar eini­ge davon.

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Autor Leif ver­tei­digt sich. Zu SPIEGEL ONLINE sagt er: „Ich wür­de ent­schie­den bestrei­ten, the­sen­ori­en­tiert zu arbei­ten.“ Schließ­lich sei­en in sei­nem Film auch der Chef des Bun­des der Zei­tungs­ver­le­ger in Deutsch­land und ande­re Ver­le­ger zu Wort gekom­men.

„Spie­gel Online“ berich­tet, dass sich der Fern­seh­aus­schuss des SWR-Rund­funk­rats mit Beschwer­den über Tho­mas Leifs unfass­bar pein­li­chen Pro­pa­gan­da­film „Quo­ten, Klicks und Koh­le“ befas­sen muss.

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As more and more Ame­ri­cans weigh can­ce­ling their sum­mer vaca­ti­on becau­se of the hig­hest gaso­li­ne pri­ces sin­ce the dino­saurs gave their lives to form the stuff, while airlines–charging to check a bag, inter­minable delays, pla­nes as packed as the Tokyo subway–seem deter­mi­ned to make get­ting away as unp­lea­sant as pos­si­ble, psy­cho­lo­gists recom­mend doing all you can to pre­ser­ve at least a short geta­way.

Sharon Begley erklärt in „News­week“, war­um Sex im Urlaub bes­ser ist als zuhau­se. Das klingt weder nach neu­en, noch nach spek­ta­ku­lä­ren Erkennt­nis­sen, aber der Text ist (s.o.) durch­aus gewitzt for­mu­liert.

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Why? Why the huge respon­se? Some of it was the topic — so many peo­p­le wro­te me of their expe­ri­en­ces. This has con­tin­ued right up until this past weekend, when a teen­aged girl told me she had been a vic­tim of child abu­se and that she real­ly iden­ti­fied with the cha­rac­ter. This was asto­nis­hing to me — that so many peo­p­le from so many cul­tures from all over the world, inclu­ding here in Ame­ri­ca, iden­ti­fied with the cha­rac­ter. I had belie­ved it was about a small per­so­nal issue, but Ron had been cor­rect: it was about a huge social one.

Suzan­ne Vega erklärt im „Mea­su­re For Mea­su­re“-Blog der „New York Times“, wie es zu ihrem Welt­erfolg „Luka“ kam, und war­um sie mit dem Ruf eines two-hit won­ders leben kann.

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Melodien für Melonen

In der aktu­el­len Musik­welt gibt es kaum ein wei­che­res Ziel als Cold­play. Okay: Kea­ne, Brit­ney Spears und Razor­light viel­leicht, aber bei denen (zumin­dest den bei­den letzt­ge­nann­ten) ist das ja auch berech­tigt. Die einen jam­mern, die Band sei ja „frü­her mal“ gut gewe­sen, die ande­ren regen sich dar­über auf, dass die Leu­te, die die Band „frü­her mal“ gut gefun­den hät­ten, die­se jetzt wie­der gut fän­den, wo das neue Album doch ganz klar schei­ße sei. Ihnen allen ist gemein, dass sie Cold­play vor­wer­fen, zu den zwei­ten U2 gewor­den zu sein – als wäre das schon das Schlimms­te, was einer Band pas­sie­ren kann, und nicht etwa die zwei­ten Sta­tus Quo, die zwei­ten Oce­an Colour Sce­ne oder die zwei­ten Razor­light zu sein. 1

Cold­play haben bis heu­te kein schlech­tes Album auf­ge­nom­men, dar­an ändert sich auch mit „Viva La Vida“ nichts. Zwar konn­ten sie nie mehr die durch­gän­gig hohe Qua­li­tät ihres Debüts errei­chen, dafür sind auf allen fol­gen­den Alben ein­zel­ne Songs drauf, die bes­ser sind als jeder des Debüts. 2 Dass ihre Kon­zer­te von Fri­seu­sen und Medi­zin­stu­den­tin­nen besucht wer­den, kann man der Band auch nicht anlas­ten: als Oasis-Fan weiß man dar­über hin­aus um die mit­un­ter erschüt­tern­de Erkennt­nis, dass sehr merk­wür­di­ge Men­schen die glei­chen Bands ver­eh­ren kön­nen wie man selbst.

Zuge­ge­ben: Cold­play machen es einem nicht leicht. Nicht nur, dass sie seit Jah­ren die Welt ret­ten wol­len (s. U2), ihr neu­es Album heißt fast wie ein Ricky-Mar­tin-Song 3 und hat dar­über hin­aus ein völ­lig durch­ge­nu­del­tes Cover­bild: das 180 Jah­re alte „La Liber­té gui­dant le peu­ple“ von Eugè­ne Delacroix. Um Frank­reich geht’s in dem Album aber weni­ger, um Revo­lu­ti­on schon sehr viel mehr und letzt­lich auch um Roman­tik.

Aber reden wir über das ein­zi­ge, was zählt: die Musik. Mit dem instru­men­ta­len Ope­ner „Life In Tech­ni­co­lor“ haben Cold­play bei mir schon einen Bro­cken im Brett: es plu­rrt, zirpt und schep­pert, als hät­ten Angels & Air­wa­ves und Arca­de Fire einen gemein­sa­men Track von Jim­my Tam­bo­rel­lo remi­xen las­sen. Das muss an Bri­an Eno lie­gen, der das Album mit­pro­du­ziert hat. Für das gan­ze Album muss man Refe­ren­zen von Arca­de Fire über Death Cab For Cutie bis Pink Floyd, von Stars über Radio­head bis … äh: Tim­ba­land her­an­zie­hen, nach U2 klin­gen immer nur die hal­li­gen Gitar­ren. Nach Cold­play klingt dafür jeder Song, was wohl an der prä­gnan­ten Stim­me von Chris Mar­tin lie­gen dürf­te.

Melo­dien waren bei Cold­play schon immer nur in Aus­nah­me­fäl­len cat­chy 4, „Trou­ble“ kann man auch nach acht Jah­ren noch nicht aus dem Stand sin­gen. Inso­fern braucht das Album Zeit und mög­li­cher­wei­se auch grö­ße­re Gewit­ter oder Voll­mond­näch­te zur Unter­ma­lung. Die Song­struk­tu­ren sind kom­ple­xer gewor­den, mit­un­ter wer­den zwei Lie­der in einem Track ver­eint, was auch nur im Fall „Lovers In Japan/​Reign Of Love“ auf der offi­zi­el­len Track­list ver­merkt wird. „42“ besteht aus min­des­tens drei ver­schie­de­nen Tei­len und wirkt ein biss­chen, als hät­ten sich a‑ha „Para­no­id Android“ von Radio­head vor­ge­nom­men. 5

Bei den ers­ten Hör­durch­gän­gen von „Viva La Vida“ hat­te ich das Gefühl, der Band gehe in der Mit­te die Luft aus: der Span­nungs­bo­gen fällt ab, das Gefühl, alles schon ein­mal gehört zu haben, nimmt zu. Aber dann grät­schen bei „Yes“ plötz­lich bal­ka­ni­sche Strei­cher ins Lied, ganz so, als habe man noch Chan­cen auf eine erfolg­rei­che Grand-Prix-Teil­nah­me wah­ren wol­len.

Spä­tes­tens beim Titel­track hat mich die Band dann aber wie­der: Four-To-The-Flo­or-Beats fin­de ich außer­halb ihres natür­li­chen Lebens­raums Kir­mes­tech­no fast immer gut und Stak­ka­to-Strei­cher, Glo­cken und Pau­ken haben auf mich genau die Aus­wir­kun­gen, die ihnen Edmund Bur­ke in sei­ner Ästhe­tik des Erha­be­nen zuschreibt. Für die Par­al­le­len, die die ame­ri­ka­ni­sche Band Cre­aky Boards zwi­schen „Viva La Vida“ und einem ihrer Songs erkannt haben will, bin ich hin­ge­gen taub. An „Vio­let Hill“, die Vor­ab­sin­gle, hat man sich inzwi­schen so gewöhnt, dass es nicht wei­ter stört, „Straw­ber­ry Hill“ lässt kurz vor Schluss schon mal die Füße sanft ent­schlum­mern, ehe „Death And All His Fri­ends“ und das ange­häng­te „The Esca­pist“ den Rest des Kör­pers ins Reich der Träu­me über­füh­ren.

„Viva La Vida“ ist ein gutes, wenn auch kein genia­les, Album und nach dem ufer­lo­sen Vor­gän­ger „X&Y“ mit 45 Minu­ten auch wie­der schön kom­pakt gera­ten. Ich kann mir vor­stel­len, dass man Cold­play wegen die­ses Albums has­sen kann 6, aber mir gefällt es zufäl­li­ger­wei­se. Und wenn Fri­seu­sen und Medi­zin­stu­den­tin­nen der­art anspruchs­vol­len Pop hören statt die neu­es­te DSDS-Grüt­ze, ist das doch auch schon mal was.

Coldplay - Viva La Vida (Albumcover)
Cold­play – Viva La Vida

VÖ: 13.06.2008
Label: Par­lo­pho­ne
Ver­trieb: EMI

  1. Chuck Klos­ter­man hat mal über die frü­hen Cold­play geschrie­ben, sie klän­gen wie ein mit­tel­mä­ßi­ge Kopie von Tra­vis, die wie­der­um wie eine mit­tel­mä­ßi­ge Kopie von Radio­head klän­gen. Wir sind nicht immer einer Mei­nung.[]
  2. Das hört sich nur kom­pli­ziert und wider­sprüch­lich an: Stel­len Sie sich das Debüt als durch­gän­gig 90% gut vor, wäh­rend Songs wie „The Sci­en­tist“, „In My Place“, „Fix You“ oder „Talk“ Wer­te von 93% bis 98% errei­chen, die durch 60%-Nummern wie „Speed Of Sound“ oder „God Put A Smi­le Upon Your Face“ wie­der aus­ge­gli­chen wer­den.[]
  3. In Wahr­heit stammt der Titel von einem Gemäl­de von Fri­da Kahlo, das auch die humor­vol­le Über­schrift die­ses Blog-Ein­trags erklärt.[]
  4. Zum Bei­spiel, wenn sie von Kraft­werk über­nom­men waren.[]
  5. Über­haupt a‑ha: So eini­ges auf „Viva La Vida“ erin­nert an die chro­nisch unter­schätz­te nor­we­gi­sche Band, zu deren Kon­zer­ten Fri­seu­sen und allen­falls ehe­ma­li­ge Medi­zin­stu­den­tin­nen gehen. Hören Sie sich deren letz­tes Album „Ana­lo­gue“ an – was Sie sowie­so tun soll­ten – und Sie wer­den ver­ste­hen, was ich mei­ne.[]
  6. Über die mit­un­ter recht gewag­ten Tex­te haben wir ja noch gar nicht gespro­chen.[]
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Timbalandsmannschaften

Der Grand Prix ist vor­bei und schon wird wie­der dis­ku­tiert, dass das ja alles wie­der eine „Ost­block-Ver­schwö­rung“ gewe­sen sei, denn immer­hin hat mit Russ­land schon das fünf­te Land seit dem Jahr 2000 gewon­nen, das frü­her hin­ter dem „eiser­nen Vor­hang“ lag. Auch bei Ste­fan geht es in den Kom­men­ta­ren wie­der rund.

Mei­ne Theo­rie ist ja: Dima Bilan aus Russ­land hat gewon­nen, weil sein „Belie­ve“ von Jim Beanz pro­du­ziert wur­de, einem Mit­ar­bei­ter von Tim­ba­land.

Denn so beliebt waren die letz­ten von Tim­ba­land pro­du­zier­ten Songs in Euro­pa:

Nel­ly Fur­ta­do – Manea­ter
#1 in Bul­ga­ri­en, Kroa­ti­en, Est­land, Ungarn, Isra­el, Por­tu­gal, Polen, UK und der Schweiz
#2 in Däne­mark, Lett­land und Litau­en
#3 in Öster­reich und Tsche­chi­en
#7 in Finn­land
#9 in Bel­gi­en
#10 in den Nie­der­lan­den

Jus­tin Tim­ber­la­ke feat. Tim­ba­land – Sexy­Back
#1 in Deutsch­land, Irland, Nor­we­gen und UK
#2 in der Schweiz
#3 in Bel­gi­en, Finn­land und Ita­li­en
#4 in Por­tu­gal und Schwe­den
#5 in Öster­reich und den Nie­der­lan­den
#8 in Frank­reich
#12 in Däne­mark

Nel­ly Fur­ta­do feat. Tim­ba­land – Pro­mis­cuous
#1 in Bul­ga­ri­en, Kroa­ti­en, Est­land, Ungarn, Isra­el, Rumä­ni­en und der Tür­kei
#2 in Däne­mark, Litau­en, Lett­land, Polen und Por­tu­gal
#3 in Nor­we­gen und UK
#4 in Finn­land
#5 in Irland
#6 in Bel­gi­en, Deutsch­land und der Schweiz
#9 in den Nie­der­lan­den
#12 in Öster­reich

Jus­tin Tim­ber­la­ke feat. T.I. – My Love
#1 in Bul­ga­ri­en
#2 in Schwe­den, der Schweiz, UK, Deutsch­land und Irland
#5 in Finn­land und den Nie­der­lan­den
#6 in Öster­reich
#7 in Por­tu­gal
#10 in Frank­reich
#12 in Ita­li­en
#19 in Bel­gi­en

Nel­ly Fur­ta­do – Say It Right
#1 in Tsche­chi­en, Frank­reich, Deutsch­land, den Nie­der­lan­den, Litau­en, Lett­land, Isra­el, Ita­li­en, Polen, Por­tu­gal, Rumä­ni­en, Slo­we­ni­en, der Slo­wa­kei, der Schweiz und der Tür­kei
#2 in Öster­reich und Nor­we­gen
#6 in Russ­land
#10 in UK
#11 in Schwe­den
#12 in Irland
#13 in Grie­chen­land

Jus­tin Tim­ber­la­ke – What Goes Around… Comes Around
#2 in Por­tu­gal
#3 in Bul­ga­ri­en und Finn­land
#4 in UK
#5 in Öster­reich, Frank­reich, Deutsch­land, Schwe­den und der Schweiz
#6 in Irland und den Nie­der­lan­den
#7 in Nor­we­gen
#8 in Bel­gi­en
#15 in Däne­mark
#19 in Ita­li­en

Nel­ly Fur­ta­do – All Good Things (Come To An End)
#1 in Öster­reich, Bel­gi­en, Tsche­chi­en, Kroa­ti­en, Deutsch­land, Ungarn, Isra­el, Ita­li­en, Lett­land, Litau­en, Nor­we­gen, Polen, Slo­we­ni­en, Spa­ni­en, der Schweiz
#2 in Est­land
#3 in der Tür­kei
#4 in UK
#5 in Schwe­den
#6 in Frank­reich
#8 in Irland

Tim­ba­land feat. Nel­ly Fur­ta­do and Jus­tin Tim­ber­la­ke – Give It To Me
#1 in Bul­ga­ri­en, Lett­land und UK
#2 in Däne­mark, Isra­el und Irland
#3 in Öster­reich, Deutsch­land, Por­tu­gal und der Tür­kei
#4 in Bel­gi­en und Nor­we­gen
#5 in Russ­land
#6 in Tsche­chi­en, Finn­land und der Schweiz
#7 in Frank­reich und den Nie­der­lan­den
#8 in Ita­li­en
#21 in Schwe­den

Tim­ba­land feat. Keri Hil­son & D.O.E. – The Way I Are
#1 in Bul­ga­ri­en, Däne­mark, Irland, Isra­el, Nor­we­gen, UK, Polen und der Tür­kei
#2 in Bel­gi­en, Frank­reich und Schwe­den
#3 in den Nie­der­lan­den und der Schweiz
#4 in Öster­reich, Finn­land
#5 in Deutsch­land, Russ­land

One­Re­pu­blic – Apo­lo­gi­ze
#1 in Öster­reich, Bul­ga­ri­en, den Nie­der­lan­den, Deutsch­land, Ita­li­en, Polen, Por­tu­gal, Spa­ni­en, Schwe­den, der Schweiz, der Tür­kei und der Ukrai­ne
#2 in Irland, Isra­el, Bel­gi­en, Tsche­chi­en, Däne­mark, Rumä­ni­en und Russ­land
#3 in UK
#4 in Finn­land
#7 in Frank­reich

Madon­na feat. Jus­tin Tim­ber­la­ke and Tim­ba­land – 4 Minu­tes
#1 in Bel­gi­en, Bul­ga­ri­en, Däne­mark, den Nie­der­lan­den, Finn­land, Deutsch­land, Grie­chen­land, Ungarn, Irland, Isra­el, Ita­li­en, Nor­we­gen, Polen, Spa­ni­en, der Schweiz, der Tür­kei, der Ukrai­ne und UK
#2 in Öster­reich, Frank­reich und Schwe­den
#3 in Rumä­ni­en und der Slo­wa­kei

Wer (wie die meis­ten Zuschau­er) 25 Songs erst­ma­lig hört, wird sich ver­mut­lich am ehes­ten an die­je­ni­gen Bei­trä­ge erin­nern (und für sie abstim­men), die ihm dif­fus bekannt vor­kom­men. Dafür spricht auch, dass der grie­chi­sche Bei­trag, des­sen Beats eben­falls nach Tim­ba­land klan­gen (auch wenn der dar­an nicht betei­ligt war), immer­hin Drit­ter gewor­den ist.

[Quel­len: Wiki­pe­dia und αcharts.us]