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Rundfunk Sport

So Long, And Thanks For All The Fish

Man stel­le sich mal vor, ein Pro­fes­sor stell­te sich vor sei­ne Stu­den­ten und sag­te:
„Ich woll­te ja eigent­lich nicht mehr über die Ver­gan­gen­heit spre­chen, aber weil da gera­de alle wie­der von anfan­gen müs­sen: Ja, ich hab als Stu­dent bei mei­nen Prü­fun­gen geschum­melt. Mei­ne Dok­tor­ar­beit war abge­schrie­ben. Aber da will ich echt nicht mehr drü­ber spre­chen, denn ich sor­ge doch heu­te an vor­ders­ter Front dafür, dass mei­ne Stu­den­ten bei ihren Prü­fun­gen nicht schum­meln. Natür­lich könn­te ich mein Amt jetzt nie­der­le­gen, aber, hey: Wenn hier einer Erfah­run­gen auf dem Gebiet hat, dann ja wohl ich, oder?“

Klingt irgend­wie idio­tisch? Okay, dann sind mei­ne Dänisch­kennt­nis­se ein­fach nicht gut genug und die reden grad im Fern­se­hen über was ganz ande­res …

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Politik Digital

Mostly Harmless

Wir alle ken­nen Godwin’s Law:

As an online dis­cus­sion grows lon­ger, the pro­ba­bi­li­ty of a com­pa­ri­son invol­ving Nazis or Hit­ler approa­ches one.

Weil die immer­glei­chen Ver­glei­che natür­lich irgend­wann lang­wei­lig wer­den und die deut­sche Geschich­te ja noch mehr dunk­le Kapi­tel auf Lager hat, heißt die neue Königs­dis­zi­plin der Kra­wall­rhe­to­rik „Sta­si-Ver­glei­che“.

So kamen der­ar­ti­ge Ver­glei­che jüngst im Zusam­men­hang mit den ein­ge­sam­mel­ten Geruchs­pro­ben von G8-Geg­nern auf (wobei die Bezeich­nung „Sta­si-Metho­den“ da gar nicht mal so abwe­gig ist, immer­hin hat die Sta­si Geruchs­pro­ben gesam­melt). Gene­ral­bun­des­an­wäl­tin Moni­ka Harms sieht aber offen­bar weder den Ver­gleich, noch die Akti­on an sich beson­ders eng:

Nur weil eine Metho­de von der Sta­si in ganz ande­rem Zusam­men­hang ein­ge­setzt wur­de, heißt das noch nicht, dass sie für uns schon des­we­gen tabu ist.

Die­ser Satz wird umso beun­ru­hi­gen­der, je öfter man ihn liest – aber so viel Zeit haben wir gar nicht, denn die neu­es­te Sta­si-Äuße­rung (hier stän­dig frisch) kommt von Sil­via Schenk, der ehe­ma­li­gen Prä­si­den­tin des Bun­des Deut­scher Rad­fah­rer:

Eine Chan­ce hat der Rad­sport nur, wenn wie bei der Sta­si rigo­ros alle Schul­di­gen aus­sor­tiert wer­den.

Da kann man ja schon froh sein, dass (noch) nie­mand „Ent­do­ping­fi­zie­rungs­la­ger“ for­dert …

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Literatur

Don’t Panic!

Heu­te (25. Mai) ist Towel Day. Bit­te ach­ten Sie – noch gründ­li­cher als sonst – dar­auf, ein Hand­tuch bei sich zu füh­ren.

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Rundfunk Politik

Lug und Trug reloaded

Als ich gera­de den Fern­se­her ein­schal­te­te, rede­te gera­de Wolf­gang Schäub­le. Ich woll­te schon ent­setzt wie­der umschal­ten, aber das, was Schäub­le sag­te, mach­te mich neu­gie­rig:

Ich bin wirk­lich erschüt­tert, dass in einem sol­chen Maß gelo­gen und betro­gen wor­den ist.

„Nanu“, dach­te ich, „was fan­gen die denn jetzt plötz­lich wie­der mit der CDU-Spen­den­af­fä­re an?“

War natür­lich Blöd­sinn: Schäub­le hat­te nur kurz im Phra­sen­le­xi­kon für Spit­zen­po­li­ti­ker nach­ge­schla­gen, um sich zu den neu­es­ten (natür­lich total über­ra­schen­den) Ent­hül­lun­gen in Sachen Doping im Rad­sport zu äußern.

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Musik

Dinslaken, Rock City: Kukalaka

Nach­dem die VISIONS in ihrer Juni-Aus­ga­be (S. 28) Dins­la­ken als „tiefs­te Pro­vinz“ ver­un­glimpft hat (na ja, machen wir uns nichts vor: natür­lich ist Dins­la­ken tiefs­te Pro­vinz – aber das führt eben dazu, dass man Bands grün­det und gute Musik macht), ist es mal wie­der an der Zeit, das Bild gera­de­zu­rü­cken:

Dins­la­ken, Rock City
Heu­te mit: Kukala­ka

Kukalaka

Wer ist das?
Vier jun­ge Män­ner Anfang Zwan­zig, die (mit klei­nen Ände­run­gen) seit sechs Jah­ren gemein­sam musi­zie­ren. Der Band­na­me dürf­te zumin­dest treu­en Star-Trek-Fans bekannt vor­kom­men.

Was machen die?
Brit­pop jeg­li­cher Aus­prä­gung. Also das Beat­ge­den­gel der Sech­zi­ger, das Rock­brett der Sieb­zi­ger, den spa­ßi­gen Punk­song, die Oasis’sche Hym­ne und die ein oder ande­re Anlei­he an den Man­ches­ter-Rave. Das alles recht vir­tu­os gespielt und mit unwi­der­steh­li­chen Chor­ge­sän­gen ver­se­hen.

Die klin­gen ja wie …
Blur, Super­grass, Ash, XTC, Stone Roses, The Char­la­tans, Kai­ser Chiefs, Teenage Fan­club, Suede, …

War­um die?
Weil Kukala­ka eine musi­ka­li­sche Viel­falt an den Tag legen, wie man sie bei den wenigs­ten Nach­wuchs­bands fin­det. Ihre Songs sind vol­ler Quer­ver­wei­se auf 50 Jah­re Pop­mu­sik, trotz­dem bleibt ein eige­ner Stil erkenn­bar. Der Drang zum per­fek­ten Pop­song bringt Kukala­ka das ein oder ande­re Mal („Tance“, „Come On Sun“) in des­sen Nähe- außer­dem ken­ne ich nicht vie­le deut­sche Sän­ger, die so ein schö­nes Bri­tish Eng­lish hin­krie­gen wie Lars Ger­land. Die Band passt eigent­lich gar nicht rich­tig in eine von Indie- und Punk­rock gepräg­te Klein­stadt, denn ihr Sound ist (im bes­ten Sin­ne) „stu­den­tisch“. Dazu passt, dass die meis­ten Band­mit­glie­der auch gar nicht mehr in Dins­la­ken woh­nen.

Erfolgs­po­ten­ti­al
Auch die Ziel­grup­pe dürf­te eher im Stu­den­ten­mi­lieu zu fin­den sein – wobei auch die Heim­spie­le die­ser sehr guten Live­band immer ein gro­ßes Fest für alle Kon­zert­be­su­cher sind. Der gegen­wär­ti­ge Trend zum hin­ge­rotz­ten Jung­al­ko­ho­li­ker­rock kommt der Band – auch wenn sie ordent­lich rocken kann – nicht unbe­dingt ent­ge­gen, ande­rer­seits fin­det zeit­lo­se Pop­mu­sik immer ihr Publi­kum.

Jetzt will ich mir aber selbst ein Bild machen!
Here you go: bei MySpace kann man – wie es sich gehört – rein­hö­ren, auf der Web­site der Band kann man auch ihre aktu­el­le CD „Arca­de Mode“ bestel­len.

[Mehr von Dins­la­ken, Rock City.]

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Rundfunk Fernsehen

Programmdirektor spielen (Nachtrag)

Ich bin gro­ßer Fan der „Dai­ly Show“ mit Jon Ste­wart. Der Start von Come­dy Cen­tral Deutsch­land hat sich allein des­halb schon gelohnt, weil man die jeweils aktu­ells­te Fol­ge der groß­ar­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen Sati­re­sen­dung dort online schau­en kann. In den ver­gan­ge­nen Wochen habe ich mich des öfte­ren gefragt, ob ein sol­ches For­mat wohl auch in Deutsch­land funk­tio­nie­ren wür­de. Nach­dem der Name Jon Ste­wart kürz­lich auch in unse­ren Kom­men­ta­ren und damit in räum­li­cher Nähe zum Namen Ste­fan Raab auf­tauch­te, habe ich den Gedan­ken mal zu Ende gedacht:

„Lus­ti­ge Nach­rich­ten­sen­dun­gen“ haben in Deutsch­land eine lan­ge Tra­di­ti­on: Begon­nen hat es (wie immer) mit Rudi Car­rell und sei­ner „Tages­show“, es gab die „Wochen­show“ auf Sat 1 und zuletzt die „Frei­tag Nacht News“ bei RTL. Die­se Rei­hen­fol­ge ist nicht nur die chro­no­lo­gisch kor­rek­te, son­dern auch eine nach Qua­li­tät abstei­gen­de. Im Gegen­satz zur „Dai­ly Show“, die die Poli­tik in den USA auch (oder vor allem) inhalt­lich aus­ein­an­der nimmt, han­del­ten Wit­ze in den „Frei­tag Nacht News“ haupt­säch­lich von Ange­la Mer­kels Fri­sur. Das deut­sche Äqui­va­lent der „Dai­ly Show“ müss­te also mit­tig zwi­schen Come­dy und poli­ti­schem Kaba­rett plat­ziert wer­den – und zwar, ohne auch nur auf einen Ver­tre­ter der bei­den Gen­res zurück­zu­grei­fen.

Als Mode­ra­tor kann ich mir von den bekann­te­ren Ver­tre­tern ihrer Zunft des­halb eigent­lich nur Die­ter Moor vor­stel­len. Der hat in der Ver­gan­gen­heit mit den bril­lan­ten Sen­dun­gen „Cana­le Gran­de“ (Vox) und „Ex! Was die Nati­on erreg­te“ (SWR/​ARD) bewie­sen, dass er ein sehr fei­nes Gespür für Iro­nie hat und intel­li­gen­te Inter­views füh­ren kann. Ihm wür­de man (nicht zuletzt wegen einer gewis­sen opti­schen Ähn­lich­keit mit Jon Ste­wart) den Anchor­man einer Nach­rich­ten­sen­dung abneh­men. Alter­na­tiv könn­te man es auch mit einem jun­gen, unver­brauch­ten Gesicht ver­su­chen.

Es stellt sich natür­lich die Fra­ge, ob in Deutsch­land über­haupt genug pas­siert, um eine täg­li­che Sati­re­sen­dung an vier Wochen­ta­gen mit Inhal­ten zu ver­sor­gen. In den USA gibt es eini­ge Dut­zend Nach­rich­ten­sen­der, fünf­zig Bun­des­staa­ten, hun­dert Sena­to­ren, 435 Abge­ord­ne­te im Reprä­sen­tan­ten­haus und eine Regie­rung, deren Mit­glie­der bei so ziem­lich jedem öffent­li­chen Auf­tritt so viel sagt (oder nicht sagt), dass man damit meh­re­re „Dai­ly Shows“ fül­len könn­te. Für wöchent­li­che Sati­re­sen­dun­gen wie die WDR-2-„Zuga­be“, den „Wochen­rück­blick“ von Peter Zudeick oder – mit Abstri­chen – „Extra 3“ reicht aber auch das in Deutsch­land ver­zapf­te Mate­ri­al aus, Sati­re­sei­ten im Inter­net wie die „Schand­männ­chen“ oder die der „Tita­nic“ haben sogar täg­lich Mate­ri­al. Die weni­gen guten poli­ti­schen Kaba­ret­tis­ten (also Vol­ker Pis­pers und die, die bei „Neu­es aus der Anstalt“ und den „Mit­ter­nachts­spit­zen“ auf­tre­ten) schaf­fen es auch, noch in jeder Sup­pe, die der Poli­tik dem Volk ain­ge­brockt hat, diver­se Haa­re zu fin­den. Mit­hil­fe eini­ger guter Autoren (also nicht die, die dem­nächst bei „Harald Schmidt“ frei­ge­setzt wer­den) soll­te es mög­lich sein, eine wenigs­tens wöchent­li­che Sen­dung zusam­men­zu­stel­len, die gleich­zei­tig über Hin­ter­grün­de infor­miert und die Aus­sa­gen von Poli­ti­kern und sons­ti­gen „hohen Tie­ren“ aus­ein­an­der­nimmt. Außer­dem haben wir Poli­ti­ker wie Wolf­gang Bos­bach und Gui­do Wes­ter­wel­le (gibt’s den eigent­lich noch?), die mit nahe­zu jeder Äuße­rung um sati­ri­sche Wür­di­gung fle­hen. Und dann gibt es ja auch noch Wolf­gang Schäub­le

Auch wenn das Inter­es­se an „intel­li­gen­ter Unter­hal­tung“ immer wie­der bezwei­felt wird, ich den­ke, die Ziel­grup­pe wäre nicht ein­mal gering: Es gibt genug Leu­te, die die „Tita­nic“ lesen; genug, die sich für Sati­re inter­es­sie­ren, aber Berüh­rungs­ängs­te vor dem Leh­rer-in-Leder­wes­ten-Kaba­rett beim „Schei­ben­wi­scher“ haben. In den USA ist die „Dai­ly Show“ für vie­le (gera­de jün­ge­re) Zuschau­er inzwi­schen ein Haupt­lie­fe­rant für Nach­rich­ten gewor­den – obwohl die Macher immer wie­der beto­nen, Unter­hal­tung und kei­ne ernst­haf­ten Nach­rich­ten zu pro­du­zie­ren. Dass eine Unter­su­chung der India­na Uni­ver­si­ty den­noch zu dem Ergeb­nis kam, dass der Nach­rich­ten­ge­halt in der „Dai­ly Show“ im gro­ßen und gan­zen mit dem in „rich­ti­gen“ Nach­rich­ten­sen­dun­gen ver­gleich­bar ist, spricht eine deut­li­che Spra­che im Bezug auf die Main­stream-Nach­rich­ten, denen vie­le US-Bür­ger aus­ge­setzt sind. Dazu pas­sen aber die Ein­schalt­quo­ten im deut­schen Fern­se­hen, bei denen „RTL Aktu­ell“ immer öfter vor der „Tages­schau“ liegt.

Bleibt natür­lich die Fra­ge, wel­cher Sen­der so eine Sen­dung aus­strah­len wür­de. Wer hät­te die Eier, nicht nach drei Wochen mit nicht ganz so guten Quo­ten (denn viel­leicht irre ich mich und die rund 5.000 User, die sich die „Dai­ly Show“ online angu­cken, haben gar kei­nen Bock mehr auf das Uralt-Medi­um Fern­se­hen oder inter­es­sie­ren sich gar nicht für deut­sche Poli­tik) die gan­ze Show gleich wie­der zu kip­pen? Wer könn­te die vie­len Redak­teu­re und Autoren, die eine sol­che Sen­dung selbst mit dem bes­ten Mode­ra­tor nun mal bräuch­te, bezah­len? Hält man sich die (sicher­lich preis­güns­ti­ge­ren) Test­bal­lons vor Augen, die der WDR im ver­gan­ge­nen Som­mer in sei­nem Spät­abend­pro­gramm los­ge­las­sen hat, scheint zumin­dest etwas Expe­ri­men­tier­freu­de und Geld vor­han­den zu sein. Viel­leicht wagt es sogar ein Pri­vat­sen­der wie Vox, der ja mit hohem Anspruch gestar­tet war und sich in den letz­ten Jah­ren als erfolg­reichs­ter Fern­seh­sen­der der zwei­ten Rei­he eta­blie­ren konn­te. Ich wür­de mich freu­en und immer ein­schal­ten!

Nach­trag 29.05.: Auf mei­ne Anfra­ge (die ich bereits eini­ge Tage vor die­sem Ein­trag hier gestellt hat­te) bestä­tig­te man mir beim deut­schen Come­dy Cen­tral, dass wei­ter­hin an einer Inte­gra­ti­on der jeweils aktu­ells­ten „Dai­ly Show“ ins Fern­seh­pro­gramm gear­bei­tet wer­de. Plä­ne, eine ähn­li­che Show für Deutsch­land zu pro­du­zie­ren, gebe es bis­her aber nicht.

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Seifenoper

Seit Kha­led al-Mas­ri in der ver­gan­ge­nen Woche einen Brand in einem Groß­markt leg­te, berich­tet die Bild-„Zeitung“ in beun­ru­hi­gen­der und het­ze­ri­scher Art und Wei­se über ihn (s.a. BILD­blog).

Der neu­es­te „Bild“-Artikel zum The­ma ruft mal wie­der nach einer gan­zen Men­ge nega­tiv behaf­te­ter Adjek­ti­ve und der Fra­ge, war­um man dies­mal eine Kam­pa­gne gegen einen wehr­lo­sen Mann fährt, der schon lan­ge am Boden liegt – und nicht, wie sonst üblich, gegen Schau­spie­le­rin­nen, Poli­ti­ker und Fuß­ball­trai­ner. (Nicht, dass das bes­ser wäre, aber Demon­ta­ge macht doch eigent­lich nur „Spaß“, wenn das Opfer über eine gewis­se Fall­hö­he ver­fügt, oder?)

Eines aber kann man „Bild“ nicht vor­wer­fen: dass sie ihre Arti­kel nicht bis ins kleins­te Detail recher­chiert hät­ten.

Er kauft drei blaue Kanis­ter für je 5,69 Euro, betankt sie, bezahlt und rauscht um 3.58 Uhr davon.

Der Rest des Arti­kels legt zwar den Ver­dacht nahe, dass aus­schließ­lich kleins­te Details recher­chiert und ande­re Sachen ein wenig außer Acht gelas­sen wur­den, die­ser Satz aber qua­li­fi­ziert die zustän­di­gen Autoren für das Gol­de­ne Sei­fen­stück.

Das „Gol­de­ne Sei­fen­stück“ lei­tet sei­nen Namen aus einem „Spiegel“-Artikel über den 11. Sep­tem­ber 2001 ab, in dem aus­ge­führt wur­de, dass sich Moham­med Atta viel­leicht mit einem 28,3 Gramm schwe­ren Stück Sei­fe gewa­schen habe, bevor er zum Flug­ha­fen fuhr, um ein Flug­zeug zu ent­füh­ren und ins World Trade Cen­ter zu steu­ern (nach­zu­le­sen auch in die­sem Buch). Es wird seit­dem in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den für beson­ders detail­lier­te, aber völ­lig sinn­lo­se Recher­che­tä­tig­kei­ten von Jour­na­lis­ten ver­lie­hen. Von mir.

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„You can say ‚you‘ to me!“

Die Anre­de im Eng­li­schen öff­net Miss­ver­ständ­nis­sen Tür und Tor. Da ist zum einen die Sache mit den Vor­na­men, die kürz­lich in mei­nem neu­en Lieb­lings-Blog USA Erklärt sehr anschau­lich beschrie­ben wur­de (nun ja, ‚anschau­lich‘ ist das fal­sche Wort für einen Sach­ver­halt, der in sei­ner Kom­ple­xi­tät der Kern­spal­tung in nichts nach­steht – dann eben ‚gut beschrie­ben‘). Zum ande­ren ist da die Sache mit dem Per­so­nal­pro­no­men „you“, das Deut­sche schon mal als „Du“ ver­ste­hen, und sich des­halb freu­en oder wun­dern, dass sich die Nati­ve Spea­k­er des Eng­li­schen alle duzen. Die Wahr­heit ist ungleich kom­ple­xer. Ganz knapp: Der eng­li­schen Spra­che ist das „Du“ („thou“/„thy“) im Lau­fe der Jahr­hun­der­te abhan­den gekom­men und exis­tiert heu­te nur noch in Shakespear’schen Dra­men, der Bibel und ähn­li­chen Tex­ten frü­he­rer Tage.

War­um die­se läng­li­che Ein­lei­tung aus dem Bereich der Sprach­wis­sen­schaf­ten? Zum einen habe ich vor weni­gen Tagen einen Stu­di­en­ab­schluss in Anglis­tik erlangt, zum zwei­ten muss man sich die­se Situa­ti­on vor Augen füh­ren, wenn es um die schwie­ri­ge Arbeit der Inter­view-Über­set­zung in deutsch­spra­chi­gen Redak­tio­nen geht.

Dirk Peitz hat für jetzt.de ein Inter­view mit Fran Hea­ly und Dou­gie Pay­ne von Tra­vis geführt. Die Musi­ker wer­den sich mit „Hi, I’m Fran“ bzw. „Hel­lo, I’m Dou­gie“ vor­ge­stellt haben (obwohl sie davon aus­ge­hen kön­nen, dass ein Inter­view­er wenigs­tens die Namen sei­ner Gesprächs­part­ner kennt – sie sind eben gut erzo­gen) und im Gespräch wird man sich, wie all­ge­mein üblich, mit „you“ ange­spro­chen haben. Da Inter­views grund­sätz­lich in über­setz­ter Form gedruckt wer­den, muss­te nun das eng­li­sche Gespräch in einen deutsch­spra­chi­gen Text umge­wan­delt wer­den, und irgend­je­mand kam bei der frü­he­ren Jugend­bei­la­ge der SZ auf die Idee, man kön­ne doch die Musi­ker in der Über­set­zung ein­fach mal sie­zen.

Das kann man machen, um sich so von vor­ne­her­ein vom Vor­wurf der Anbie­de­rung frei­zu­ma­chen. Man kann es auch machen, um sei­nen Gesprächs­part­nern den nöti­gen Respekt zu erwei­sen (schon Max Goldt hat sich in sei­nem Text „Was man nicht sagt“ dafür aus­ge­spro­chen, Musi­ker nicht als „Jungs“ und „Mädels“ zu bezeich­nen – sie zu sie­zen wäre also auch nur kon­se­quent). Man kann es sogar machen, um zu bewei­sen, dass man das mit dem „Du“ und „Sie“ im Eng­li­schen sehr, sehr gut ver­stan­den hat. Aber egal, wie die Grün­de gelau­tet haben mögen, sie wer­den bei den (zumeist jugend­li­chen) Lesern Ver­wir­rung aus­lö­sen:

SZ: Sie haben sich fast vier Jah­re Zeit gelas­sen, um Ihr neu­es Album auf­zu­neh­men. Was haben Sie so lan­ge getrie­ben?

Fran Hea­ly: Es gibt die­ses Sprich­wort im Musik­ge­schäft: Für dein ers­tes Album brauchst du 23 Jah­re, doch für jedes wei­te­re geben dir die Plat­ten­fir­men nur noch sechs Mona­te.

„Mut­ti, war­um siezt der Jour­na­list die­sen ver­eh­rens­wer­ten Musi­ker und die­ser Rock­star-Stof­fel duzt dann ein­fach zurück?“, wer­den natür­lich die wenigs­ten Zahn­span­gen­trä­ge­rin­nen mor­gen am Früh­stücks­tisch ihre Stu­di­en­rä­tin-Mut­ter fra­gen. Täten sie es nur! Die Mut­ti wür­de erst den gan­zen Ser­mon, den ich oben schon geschrie­ben habe, wie­der­ho­len, und dann erklä­ren, dass „you“ ja auch für „man“ ste­hen kann und das Sprich­wort von wirk­lich umsich­ti­gen Redak­teu­ren des­halb mit „Für sein ers­tes Album braucht man 23 Jah­re, doch für jedes wei­te­re geben einem die Plat­ten­fir­men nur noch sechs Mona­te“, über­setzt wor­den wäre. Viel­leicht wür­de sie aber auch nur sagen: „Gabrie­le, iss Dei­ne Cerea­li­en und frag das Dei­nen Eng­lisch­leh­rer, den fau­len Sack!“

Absur­der als das auf­ge­führ­te Bei­spiel ist übri­gens die Ange­wohn­heit der Redak­ti­on des sehr guten Inter­view­ma­ga­zins Galo­re, jede auf­kom­men­de Anre­de in ein „Sie“ umzu­wan­deln. Die­se auto­ma­ti­sier­te Anglei­chung flog spä­tes­tens auf, als Cam­pi­no, der ja nun wirk­lich jeden duzt, den Inter­view­er plötz­lich mit „Sie“ ansprach.
Noch absur­der war der Auf­tritt von Jan Ull­rich bei Rein­hold Beck­mann. Aber das lag nicht nur an der Schief­la­ge in den Anre­den.

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Rundfunk Print Fernsehen

Perpetuum Mobile

Letz­te Woche befass­te sich Ste­fan Nig­ge­mei­er in sei­ner FAS-Kolum­ne „Tele­text“ mit Max Schra­din, einem lau­ten und nur bedingt sym­pa­thi­schen End­zwan­zi­ger, der beim umstrit­te­nen Anrufsen­der 9live dafür zustän­dig ist, auf halb­her­zig bekrit­zel­te Flip­charts zu zei­gen und in nicht näher nach­voll­zieh­ba­ren Inter­val­len sehr laut von Zehn bis Null zu zäh­len.

Schra­din reagier­te dar­auf mit dem über­ra­schen­den Vor­ha­ben, die­sen Text über sich live im Fern­se­hen zu dekla­mie­ren und mit eige­nen Anmer­kun­gen zu ver­se­hen. Dass er dabei eini­ge beson­ders kri­ti­sche Text­stel­len über­ging, war sicher der Auf­re­gung geschul­det, zum ers­ten Mal bei 9live einen Text vor­tra­gen zu müs­sen, in dem Sub­jekt, Prä­di­kat und Objekt, sowie eini­ge Neben­sät­ze zwei­ter Ord­nung vor­ka­men. Die­ser, in jeder Hin­sicht bemer­kens­wer­te, Vor­trag ist bei seven­load zu sehen und wur­de selbst­ver­ständ­lich auch in Ste­fans Blog hin­rei­chend gewür­digt.

Ich konn­te natür­lich mal wie­der mei­ne Klap­pe nicht hal­ten und schrieb in den Kom­men­ta­ren:

Zur Stei­ge­rung der media­len Rekur­si­on wür­de sich das Gan­ze aber auch als Tel­e­dia­log in der FAS ganz gut machen.

Und obwohl ich mei­nen Ein­fluss auf die Inhal­te einer der wich­tigs­ten und bes­ten Sonn­tags­zei­tun­gen des Lan­des bis heu­te Mor­gen als sehr gering ein­ge­schätzt hät­te (und dies auch nach wie vor tue), ver­spür­te ich doch ein leich­tes Ste­chen im Hirn, als ich die heu­ti­ge Aus­ga­be der FAS auf­schlug und den aktu­el­len „Tel­e­dia­log“, der in Erman­ge­lung eines Gesprächs­part­ners aus­nahms­wei­se „Tele­mo­no­log“ heißt, sah. Denn (natür­lich) haben die kun­di­gen Medi­en­re­dak­teu­re der FAS dort einen Teil des­sen abge­druckt, was Max Schra­din so von sich gab, wäh­rend er aus der FAS vor­las – inklu­si­ve der Zita­te aus der FAS-Kolum­ne der letz­ten Woche.

Nun hof­fe ich ein­fach mal, dass Schra­dins Hang zur Post­mo­der­ne ähn­lich groß ist wie die Gewinn­chan­cen eines 9li­ve-Anru­fers, denn die Vor­stel­lung, dass in der nächs­ten Woche in der FAS ein Text auf­taucht, der wider­spie­gelt wie Max Schra­din aus einem FAS-Text vor­liest, der eine Mit­schrift sei­ner Vor­le­sung aus einem FAS-Text ist (in dem Schra­din bereits ori­gi­när zitiert wur­de), macht mich ganz schwin­de­lig.

Und da sage noch einer, die Blogo­sphä­re sei rekur­siv …

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Leben

Die Tiere sind unruhig

Ich war immer schon sehr fas­zi­niert von der Tat­sa­che, dass Tie­re Erd­be­ben und ähn­li­che Kata­stro­phen „vor­her­sa­gen“ kön­nen.

Des­we­gen bin ich jetzt irgend­wie beun­ru­higt:

Wie wird da wohl die Schlag­zei­le der mor­gi­gen „Bild am Sonn­tag“ aus­se­hen?

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Musik Leben

Imagine all the people

Yoko Ono hat schon vor eini­ger Zeit die Rech­te sämt­li­cher John-Len­non-Solo­songs zur Ver­fü­gung gestellt, auf dass sie von nam­haf­ten Künst­lern geco­vert und zu Guns­ten von Amnes­ty Inter­na­tio­nal online ver­kauft wer­den kön­nen. Die Idee ist natür­lich inso­fern bril­lant, als durch den Onlin­ever­kauf die gan­zen Kos­ten­fak­to­ren wie Press­werk, Ver­trieb und Ein­zel­han­del völ­lig ver­nach­läs­sigt wer­den kön­nen. Zuletzt haben z.B. R.E.M. (in Ori­gi­nal­be­set­zung) „Dream #9“ geco­vert und Green Day „Working Class Hero“. Ers­te­res ist (wie zu erwar­ten war) ziem­lich fan­tas­tisch gewor­den, letz­te­res eher grenz­wer­tig. Da aber auch zuletzt schon die Manic Street Pre­a­chers an dem Song schei­ter­ten, könn­te man sich viel­leicht dar­auf eini­gen, dass „Working Class Hero“ schon im Ori­gi­nal nicht zu den bes­ten Len­non-Songs gehört.

Aus der Sicht deut­scher Musik­fans beson­ders inter­es­sant sind viel­leicht die hei­mi­schen Bands, die sich an dem Pro­jekt betei­li­gen: Tokio Hotel haben es tat­säch­lich geschafft, eine gar nicht mal so unspan­nen­de Ver­si­on von „Instant Kar­ma“ auf­zu­neh­men, und auch MIA. ret­te­ten „Mind Games“ gekonnt in ihren eige­nen Klang­kos­mos.

Ganz neu dabei sind Tom­te, denen es – wie zuvor schon die Baren­aked Ladies – gelang, aus der eher unspan­nen­den Nabel­schau „Oh Yoko“ ein wun­der­ba­res Klein­od her­aus­zu­de­stil­lie­ren. Es wird viel­leicht doch mal Zeit, dass Tom­te ihr – seit lan­gem immer mal wie­der lose ange­kün­dig­tes – eng­lisch­spra­chi­ges Album auf­neh­men …

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Sport Print

„Es gibt doch nichts Schlimmeres als nervende B‑Promis.“

Wie jeder Fuß­ball- und Nicht-Bay­ern-Fan, so habe natür­lich auch ich eine ordent­li­che Abnei­gung gegen den FC Bay­ern Mün­chen. Wie vie­le ande­re Nicht-Bay­ern-Fans hege aber auch ich gro­ße Sym­pa­thien für Meh­met Scholl. Der Mit­tel­feld­spie­ler, der sich auch als Sam­pler-Kom­pi­lie­rer einen Namen gemacht hat, been­det heu­te sei­ne Kar­rie­re als Pro­fi­fuß­bal­ler.

Grund genug für die Süd­deut­sche Zei­tung, noch ein­mal ein aus­führ­li­ches Inter­view mit ihm zu füh­ren – auch wenn er sonst ungern Inter­views gibt:

Ich woll­te mich eben nur dann äußern, wenn ich auch etwas zu sagen habe. Ich woll­te das Gefühl haben, dass mir jemand zuhört. Vie­le Leu­te geben Inter­views nicht, weil sie was zu sagen haben, son­dern weil sie wo erschei­nen möch­ten. Sie bezie­hen ihren Markt­wert daher und wer­den mit Wer­be­ver­trä­gen belohnt. Das ist in Ord­nung. Aber nichts für mich.

Es ist ein Anek­do­ten­rei­ches, selbst­kri­ti­sches und ver­söhn­li­ches Inter­view, das ein­mal mehr das Bild bestä­tigt, das man von Meh­met Scholl all­ge­mein so hat: Ein Typ, den man in einer Knei­pe erst auf den zwei­ten Blick ent­deckt, dem man ein Bier aus­ge­ben und sich nett mit ihm unter­hal­ten wür­de.

Mir ging es um den Erhalt einer gewis­sen Lebens­qua­li­tät – und zudem dar­um, den Leu­ten nicht auf die Ner­ven zu gehen. Es gibt doch nichts Schlim­me­res als ner­ven­de B‑Promis.

Es ist aber auch nicht zuletzt des­halb ein tol­les Inter­view, weil man sich die Sze­ne­rie (zwei­ein­halb Stun­den im Restau­rant, am Neben­tisch sitzt Ste­fan Effen­berg nebst Gat­tin) so leb­haft vor­stel­len kann – inklu­si­ver der ungläu­bi­gen Bli­cke der SZ-Redak­teu­re bei die­ser Sze­ne:

Meh­met Scholl: Stellt’ euch mal vor, ich täusch’ an und lau­fe auf Uli Hoe­neß auf. Dann sin­ke ich wie die Tita­nic!

SZ: Das will ja kei­ner. Wo wer­den Sie dann künf­tig Ihren Spiel­trieb aus­le­ben?

Meh­met Scholl: Kegeln wer­de ich.

SZ: KEGELN?

Ich wün­sche Meh­met Scholl, dass er heu­te noch mal ein Tor schießt (es wäre sein ers­tes in die­ser Sai­son) – und nur sei­net­we­gen dür­fen die Bay­ern heu­te aus­nahms­wei­se mal gewin­nen.