Programmdirektor spielen (Nachtrag)

Von Lukas Heinser, 23. Mai 2007 15:58

Ich bin großer Fan der „Daily Show“ mit Jon Stewart. Der Start von Comedy Central Deutschland hat sich allein deshalb schon gelohnt, weil man die jeweils aktuellste Folge der großartigen amerikanischen Satiresendung dort online schauen kann. In den vergangenen Wochen habe ich mich des öfteren gefragt, ob ein solches Format wohl auch in Deutschland funktionieren würde. Nachdem der Name Jon Stewart kürzlich auch in unseren Kommentaren und damit in räumlicher Nähe zum Namen Stefan Raab auftauchte, habe ich den Gedanken mal zu Ende gedacht:

„Lustige Nachrichtensendungen“ haben in Deutschland eine lange Tradition: Begonnen hat es (wie immer) mit Rudi Carrell und seiner „Tagesshow“, es gab die „Wochenshow“ auf Sat 1 und zuletzt die „Freitag Nacht News“ bei RTL. Diese Reihenfolge ist nicht nur die chronologisch korrekte, sondern auch eine nach Qualität absteigende. Im Gegensatz zur „Daily Show“, die die Politik in den USA auch (oder vor allem) inhaltlich auseinander nimmt, handelten Witze in den „Freitag Nacht News“ hauptsächlich von Angela Merkels Frisur. Das deutsche Äquivalent der „Daily Show“ müsste also mittig zwischen Comedy und politischem Kabarett platziert werden – und zwar, ohne auch nur auf einen Vertreter der beiden Genres zurückzugreifen.

Als Moderator kann ich mir von den bekannteren Vertretern ihrer Zunft deshalb eigentlich nur Dieter Moor vorstellen. Der hat in der Vergangenheit mit den brillanten Sendungen „Canale Grande“ (Vox) und „Ex! Was die Nation erregte“ (SWR/ARD) bewiesen, dass er ein sehr feines Gespür für Ironie hat und intelligente Interviews führen kann. Ihm würde man (nicht zuletzt wegen einer gewissen optischen Ähnlichkeit mit Jon Stewart) den Anchorman einer Nachrichtensendung abnehmen. Alternativ könnte man es auch mit einem jungen, unverbrauchten Gesicht versuchen.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob in Deutschland überhaupt genug passiert, um eine tägliche Satiresendung an vier Wochentagen mit Inhalten zu versorgen. In den USA gibt es einige Dutzend Nachrichtensender, fünfzig Bundesstaaten, hundert Senatoren, 435 Abgeordnete im Repräsentantenhaus und eine Regierung, deren Mitglieder bei so ziemlich jedem öffentlichen Auftritt so viel sagt (oder nicht sagt), dass man damit mehrere „Daily Shows“ füllen könnte. Für wöchentliche Satiresendungen wie die WDR-2-„Zugabe“, den „Wochenrückblick“ von Peter Zudeick oder – mit Abstrichen – „Extra 3“ reicht aber auch das in Deutschland verzapfte Material aus, Satireseiten im Internet wie die „Schandmännchen“ oder die der „Titanic“ haben sogar täglich Material. Die wenigen guten politischen Kabarettisten (also Volker Pispers und die, die bei „Neues aus der Anstalt“ und den „Mitternachtsspitzen“ auftreten) schaffen es auch, noch in jeder Suppe, die der Politik dem Volk aingebrockt hat, diverse Haare zu finden. Mithilfe einiger guter Autoren (also nicht die, die demnächst bei „Harald Schmidt“ freigesetzt werden) sollte es möglich sein, eine wenigstens wöchentliche Sendung zusammenzustellen, die gleichzeitig über Hintergründe informiert und die Aussagen von Politikern und sonstigen „hohen Tieren“ auseinandernimmt. Außerdem haben wir Politiker wie Wolfgang Bosbach und Guido Westerwelle (gibt’s den eigentlich noch?), die mit nahezu jeder Äußerung um satirische Würdigung flehen. Und dann gibt es ja auch noch Wolfgang Schäuble

Auch wenn das Interesse an „intelligenter Unterhaltung“ immer wieder bezweifelt wird, ich denke, die Zielgruppe wäre nicht einmal gering: Es gibt genug Leute, die die „Titanic“ lesen; genug, die sich für Satire interessieren, aber Berührungsängste vor dem Lehrer-in-Lederwesten-Kabarett beim „Scheibenwischer“ haben. In den USA ist die „Daily Show“ für viele (gerade jüngere) Zuschauer inzwischen ein Hauptlieferant für Nachrichten geworden – obwohl die Macher immer wieder betonen, Unterhaltung und keine ernsthaften Nachrichten zu produzieren. Dass eine Untersuchung der Indiana University dennoch zu dem Ergebnis kam, dass der Nachrichtengehalt in der „Daily Show“ im großen und ganzen mit dem in „richtigen“ Nachrichtensendungen vergleichbar ist, spricht eine deutliche Sprache im Bezug auf die Mainstream-Nachrichten, denen viele US-Bürger ausgesetzt sind. Dazu passen aber die Einschaltquoten im deutschen Fernsehen, bei denen „RTL Aktuell“ immer öfter vor der „Tagesschau“ liegt.

Bleibt natürlich die Frage, welcher Sender so eine Sendung ausstrahlen würde. Wer hätte die Eier, nicht nach drei Wochen mit nicht ganz so guten Quoten (denn vielleicht irre ich mich und die rund 5.000 User, die sich die „Daily Show“ online angucken, haben gar keinen Bock mehr auf das Uralt-Medium Fernsehen oder interessieren sich gar nicht für deutsche Politik) die ganze Show gleich wieder zu kippen? Wer könnte die vielen Redakteure und Autoren, die eine solche Sendung selbst mit dem besten Moderator nun mal bräuchte, bezahlen? Hält man sich die (sicherlich preisgünstigeren) Testballons vor Augen, die der WDR im vergangenen Sommer in seinem Spätabendprogramm losgelassen hat, scheint zumindest etwas Experimentierfreude und Geld vorhanden zu sein. Vielleicht wagt es sogar ein Privatsender wie Vox, der ja mit hohem Anspruch gestartet war und sich in den letzten Jahren als erfolgreichster Fernsehsender der zweiten Reihe etablieren konnte. Ich würde mich freuen und immer einschalten!

Nachtrag 29.05.: Auf meine Anfrage (die ich bereits einige Tage vor diesem Eintrag hier gestellt hatte) bestätigte man mir beim deutschen Comedy Central, dass weiterhin an einer Integration der jeweils aktuellsten „Daily Show“ ins Fernsehprogramm gearbeitet werde. Pläne, eine ähnliche Show für Deutschland zu produzieren, gebe es bisher aber nicht.

9 Kommentare

  1. Onkel Peppy
    23. Mai 2007, 19:55

    Da habe ich mir auch schon 2-3 Gedanken drüber gemacht. Ich finde beispielsweise Extra 3 kommt, wie du schon sagtest mit Abstrichen, bei manchen Beiträgen schon sehr gut in diese Richtung.
    Es sollte allerdings keine 1-zu-1 Kopie sein, falls doch, würde sich auch Comedy Central Deutschland anbieten, die haben zumindest die Lizenz.
    Produktionskosten halten sich wohl stark in Grenzen, würde ich sagen.
    Und gute Autoren gibt es genug, man sollte vielleicht nicht immer auf dieselben zurückgreifen. Diverse Blogger beispielsweise würden sich da ja auch durchaus anbieten.
    Einschalten würde ich jedenfalls auch. Oder auch mitmachen.

  2. Zapp
    23. Mai 2007, 20:10

    Eine sehr gute Idee, insbesondere Dieter Mohr als Moderator kann ich mir auch sehr gut vorstellen. Der ist momentan eh viel zu selten im Fernsehen zu sehen.
    Als Sender käme für mich noch 3sat in Frage, eventuell erst mal als Rubrik in der Kulturzeit. Nur die Finanzierung dürfte dort schwierig sein.

  3. Lukas
    24. Mai 2007, 0:19

    Produktionskosten halten sich wohl stark in Grenzen, würde ich sagen.

    Kommt drauf an, was man macht: Wenn man nur Nachrichtenausschnitte kommentiert und diese lustigen Bluebox-„Schalten“ bringt, geht das in einer Kölner Hinterhofgarage. Aber richtige Einspieler und Reportagen gehen da natürlich finanziell schon ein bisschen drüber hinaus. Aber vielleicht kann man ja aus dem gleichen Rohmaterial einen ernsthaften Beitrag für die „Tagesthemen“ und einen für die Satiresendung machen.

  4. Thomas
    24. Mai 2007, 10:24

    bitte keine 1-zu-1-kopie. das wird doch dann nur ein billiger abklatsch. lukas hat einige sehr nette ideen gebracht, die ich mir in einem guten format bei einem etablierten sender (und ja, dazu zähle ich auch vox) bestens vorstellen kann. auch ich würde einschalten!

  5. Onkel Peppy
    24. Mai 2007, 10:40

    Klar, wenn man Reportagen und Beiträge dreht, dann wird das was kosten. Mit in Grenzen halten meine ich ja auch eher im Gegensatz zu anderen momentan produzierten Serien.
    Wenn man wenig Geld zur Verfügung hat, muss man eben kreativ damit umgehen und genau das sollte doch im Vordergrund stehen.
    Die Daily Show wird, glaube ich, mit einem sehr geringen finanziellen Aufwand gedreht. Der Grossteil besteht aus Zusammenschnitten aus anderen Sendungen, gefakten Aussenkorrespondenzen, einem Studiogast und einer Reportage, die widerrum meistens aus Interviews besteht.
    Kreativität und gute Autoren stehen da halt vor Effekthascherei.

  6. Tim
    24. Mai 2007, 19:50

    Problem für so eine Show in Deutschland: Die Ächtung des Worts „Infotainement“, es ist gleichgesetzt mit „Abfällig“. Das hat mit unserer Kultur zu tun. Einer, der ernste Themen anspricht, muss das ernst tun. Humor ist im Bierzelt (Ausnahme: Kabarett). Über diesen Unterschied in den Kulturen bitte auch den großartigen Eintrag im Blog USAerklärt lesen: http://usaerklaert.wordpress.c.....-im-ernst/

  7. OliverDing
    25. Mai 2007, 11:38

    „quer“ anyone? Es ist überraschend genug, daß das deutsche Format, das die Idee z.T. schon umsetzt, von allen öffentlich-rechtlichen Sendern beim Bayerischen Rundfunk läuft.

  8. OliverDing
    25. Mai 2007, 13:27

    „quer“ anyone? Ist eigentlich die einzige Sendung hierzulande, die wenigstens ansatzweise in diese Richtung geht. Außerdem hat Christoph Süß entfernte Ähnlichkeit mit Dieter Moor. Daß ein solches Format aber – of all places – beim Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird, überrascht dann doch.

  9. Coffee And TV
    10. Juni 2007, 1:58

    “Ich habe gelacht, als meine Regierung verspottet wurde”

    Es gibt sicher viele Gründe, politisches Kabarett doof zu finden (und weil man bei solchen Sätzen wenigstens einen Grund nennen sollte, sag ich mal: “Scheibenwischer”). Es gibt aber auch politisches Kabarett, dem ich mich freiwillig ausse…

  10. Coffee And TV
    10. März 2008, 11:50

    Bananenrepublik Deutschland…

    Ich hatte ja schon das eine oder andere Mal geschrieben, dass ich mir ein deutsches Äquivalent zur “Daily Show” wünsche. Im Moment bräuchte man dafür noch nicht mal Autoren, man müsste nur die Zeitung aufschlagen:
    In den letzten drei W…