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Chips essen mit Heidi

Nun star­te­te also letz­te Woche wie­der „Germany’s Next Top­mo­del“ (GNTM), und ich habe mich drauf gefreut. Mir gefällt die­se bun­te Glit­zer­welt, die Aus­flü­ge nach Ame­ri­ka und in die gan­ze Welt, schö­ne Klei­der, hüb­sche Frau­en, tol­les Make Up, das Umsty­ling, und selbst Hei­di Klum in ihrer Pro­fes­sio­na­li­tät und ihrer Arbeits­ethik fin­de ich nicht so unsym­pa­thisch wie vie­le ande­re. Das schlech­te Gewis­sen aber nagt an mir, denn ich fra­ge mich, ob ich mich als Femi­nis­tin bezeich­nen kann und trotz­dem Spaß an die­ser Sen­dung haben darf, der ja von vie­len unter­stellt wird, die abso­lu­te Anti-Femi­nis­mus-Bewe­gung zu ver­kör­pern?

Frau­en wer­den zu Objek­ten, heißt es, und das sei nicht gut, denn sie wür­den redu­ziert auf ihre Kör­per, die sie den herr­schen­den, von Män­ner­bli­cken geform­ten, Nor­men unter­wer­fen. Das kann man eigent­lich als jemand, der sel­ber eine Frau ist, nicht gut fin­den, und als sen­si­bler Mann eben­falls nicht.

Wenn ich nun sage: Aber ich FREUE mich doch für die­se Frau­en, die so wun­der­schön sind und sich geschmei­dig bewe­gen und schö­ne Klei­der tra­gen und von denen tol­le Fotos gemacht wer­den, ich applau­die­re ihnen – dann ist das aber immer noch Objek­ti­fi­zie­rung, und als sol­che abzu­leh­nen.

Man könn­te aber auch sagen: Ich freue mich für ande­re Frau­en, wenn sie toll aus­se­hen, aber dabei blei­be ich nicht ste­hen. Ich lie­be es, wenn mei­ne Freun­din­nen so viel Zeit für sich haben, dass sie sich die Fin­ger­nä­gel lackie­ren kön­nen oder einen neu­en Lip­pen­stift haben, wenn sie toll aus­se­hen, aber dabei bleibt es dann ja nicht ste­hen. Ich sage ihnen, dass sie toll aus­se­hen, nei­ge aber immer dazu, das als Aus­druck einer inne­ren Ver­fas­sung zu sehen, näm­lich, dass es ihnen gut geht. Und ich wür­de nicht auf die Idee kom­men, es bei die­ser Objek­ti­fi­zie­rung zu belas­sen, denn immer steht ein Mensch dahin­ter, dem es zu begeg­nen gilt. Und des­we­gen glau­be ich, dass mei­ne Begeis­te­rung für GNTM nicht einer femi­nis­ti­schen Hal­tung wider­spricht.

Aber es gibt ein Pro­blem bei GNTM, das mich wirk­lich ärgert und mich umtreibt, je älter ich wer­de und das sich, seit ich das Stu­di­um been­det habe und im Beruf ste­he, zuneh­mend ver­schärft.

Ich arbei­te als Leh­re­rin an einem Gym­na­si­um und habe vie­le schlaue Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Wenn ich sie zu GNTM befra­ge, geben sie an, die Sen­dung „schon lan­ge“ nicht mehr zu schau­en oder höchs­ten mal ab und zu, kei­ne von mei­nen Schü­le­rin­nen im Leis­tungs­kurs zeigt eine Begeis­te­rung für die Sen­dung, obwohl vie­le von ihnen dar­an teil­neh­men könn­ten. Sie wol­len aber kei­ne Models wer­den, son­dern Medi­zin stu­die­ren, Mathe und Jura, sie wol­len Leh­rer wer­den und Poli­zis­tin­nen. Na bit­te. Das ist natür­lich nur ein win­zi­ger Mini-Aus­schnitt der Gesamt-Rea­li­tät, aber ich wür­de wet­ten, an vie­len ande­ren Gym­na­si­en im Land sieht es genau so aus. Model ist kein Traum­be­ruf, die Sen­dung ist eine bun­te Kulis­se, ein Traum­land, das wis­sen die Schü­le­rin­nen von heu­te. Es gilt, wei­ter­hin dar­über auf­zu­klä­ren, aber es ist nicht das päd­ago­gi­sche Haupt­pro­blem der Sen­dung.

Klas­sen­fahr­ten sind immer eine gute Gele­gen­heit, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die man vor­mit­tags unter­rich­tet, auch mal in ande­ren Situa­tio­nen zu erle­ben, und so saß ich neu­lich zwi­schen zwei­en mei­ner schöns­ten und schlau­es­ten 17jährigen Schü­le­rin­nen, die sich beim war­men Abend­brot jeweils nur die Gemü­se-Bei­la­gen hat­ten geben las­sen. Auf Nach­fra­ge sag­te die eine sehr über­zeu­gend: „Ich habe nicht so viel Hun­ger!“ und die ande­re, im Plau­der­ton: „Wegen low carb – es ist doch bes­ser, abends kei­ne Koh­le­hy­dra­te zu essen.“ Ich bin auf die­sem Gebiet nicht beson­ders bewan­dert (aber das Kon­zept ist umstrit­ten), aß schwei­gend mei­ne Pom­mes wei­ter, wäh­rend die bei­den schon wie­der über etwas ganz ande­res rede­ten. Die Bei­läu­fig­keit der Low-Carb-Bemer­kung zeig­te, dass das The­ma unter den Schü­lern ganz nor­mal und alt­be­kannt ist, und die ande­re Schü­le­rin ent­wi­ckel­te wäh­rend der gan­zen Fahrt kei­nen gro­ßen Hun­ger und blieb dis­zi­pli­niert bei ihren Bei­la­gen. Sogar abend­li­che Chips und Gum­mi­bär­chen wur­den nicht nur von den bei­den Mäd­chen ver­schmäht, wäh­rend sie mir Geschich­ten über eine ande­re, abwe­sen­de Leh­re­rin erzähl­ten, die „auch“ auf Klas­sen­fahr­ten immer ganz vie­le Chips äße (so wie ich).

Es sind sehr klu­ge jun­ge Frau­en, die im Som­mer ihr Abitur machen, und sie sind mit einer Sen­dung wie GNTM groß gewor­den. 2006, als die ers­te Staf­fel lief, waren sie noch Kin­der, für sie ist es Nor­ma­li­tät, dass es eine Sen­dung gibt, in der expli­zit Schön­heit, Erfolg und Schlank­sein gleich­ge­setzt wer­den. Aber das gilt ja nicht nur für GNTM. Auch wenn die Schü­le­rin­nen über­haupt nicht Model wer­den wol­len, wis­sen sie, dass es für eine erfolg­rei­che Kar­rie­re wich­tig sein kann, auch optisch zu ent­spre­chen. Dass man in die Stan­dard-Kon­fek­ti­ons­grö­ßen bei h&m pas­sen muss, um eine ech­te Prot­ago­nis­tin zu sein, um eine Rol­le im Leben zu spie­len. Dicke­re Men­schen kom­men ja nicht nur bei GNTM nicht vor, son­dern sind in den Medi­en gene­rell unter­re­prä­sen­tiert, und wenn, dann in den Rol­len der lus­ti­gen Dicken, die man nicht ernst neh­men muss, und deren Gewicht auch meist als pro­ble­ma­tisch the­ma­ti­siert wird. Und dann gibt es ja die soge­nann­ten „Plus-Size-Models“ (zur Pro­ble­ma­tik des Begriffs sie­he hier), die es dann sogar auf das Cover der „Sports Illus­tra­ted“ schaf­fen, was von der Zeit­schrift selbst als gro­ßer Schritt ver­kauft, aber dann vom Model selbst als „lächer­lich“ bezeich­net wird, weil sie näm­lich nicht über­ge­wich­tig ist (wel­che Ska­la man dafür auch immer neh­men will).

Jetzt beginnt also wie­der GNTM, es ist 20.39 Uhr und Hei­di isst das ers­te Mal Döner im Bus. Man sieht sie zwei Mal abbei­ßen, das reicht schon, um sub­til zu zei­gen, dass sie ganz nor­mal isst. Sieht man Hei­di eigent­lich auch mal beim Sport?
Eben lief Ana­bell, 16, durch ein Ein­kaufs­cen­ter, sie ist 1.83 Meter groß und hat ein unglaub­li­ches Gesicht, sie ist ger­ten­schlank, wie schön für sie, und sie trug eine tol­le Ket­te, und ich fand sie SO. SCHÖN.

Hei­di Klum fand sie auch schön. Das ist ihr Job.
Sie hat kei­nen expli­zit päd­ago­gi­schen Auf­trag, sie befragt nicht die Ver­hält­nis­se, auf die sie die Mäd­chen (schein­bar) vor­be­rei­ten will. Ja, die (pri­va­ten) Medi­en erzie­hen unse­re Kin­der mit, aber nie­mand hat sie damit beauf­tragt, eine Gesell­schaft muss es aus­hal­ten, dass es eine Wer­te­viel­falt gibt. Das bedeu­tet auch, dass es Wer­te gibt, die z.B. ich als Päd­ago­gin nicht ver­tre­ten wür­de. Was Hei­di Klum ver­mit­telt, ist Anpas­sung an alle Anfor­de­run­gen, und mögen sie noch so absurd sein.
Das ist nichts neu­es, aber mei­ne Unzu­frie­den­heit damit wächst. Mei­net­we­gen spielt doch allen vor, dass das Model­busi­ness aus span­nen­den Foto­shoo­tings besteht, aus hüb­schen Kla­mot­ten, alber­nen Wer­be­spots, Rei­sen um die Welt. Das kann alles Thea­ter sein, das fin­de ich nicht schlimm (im Gegen­teil), da muss Auf­klä­rung geleis­tet wer­den, und die Schü­le­rin­nen, die ich ken­ne, sind dar­über auch gut infor­miert.

Aber war­um steht die­se Welt nur den schlan­ken Grö­ße 32 Frau­en zur Ver­fü­gung? Unser Begriff von Schön­heit steht in enger Bezie­hung zu dem, was uns immer und immer wie­der als „schön“ ver­kauft wird. Hei­di Klum steht jetzt da, wo sie nie­mand mehr stür­zen kann, sie kann machen, was sie will.
War­um unter all den schö­nen Mäd­chen nicht mal eine mit Klei­der­grö­ße 38, Klei­der­grö­ße 40, für den Anfang, und dann dar­über hin­aus? Ein­fach meh­re­re nicht schlan­ke Mäd­chen in die Sen­dung ein­bau­en und das viel­leicht nicht mal the­ma­ti­sie­ren? Und dann essen alle zusam­men Döner, Chips, Gum­mi­bär­chen und Pom­mes und lachen über den gan­zen Quatsch mit dem low carb, weil das Leben kurz ist und es wich­tig ist, zu genie­ßen. Zei­gen, dass Kör­per nicht stän­dig gebän­digt wer­den müs­sen und im Zaum gehal­ten durch das Essen von Bei­la­gen, und dass sat­te und zufrie­de­ne Men­schen sehr glück­lich und damit auch sehr schön und damit auch erfolg­reich sein kön­nen? (Ich hat­te, was das angeht, gro­ße Hoff­nun­gen in Gui­do Maria Kret­sch­mars Sen­dung „Deutsch­lands schöns­te Frau“ gesetzt, die aber lei­der ent­täuscht wur­den, tref­fend dar­ge­stellt auf sueddeutsche.de.)

Eine Freun­din von mir sag­te, das wür­de nie­mand mehr sehen wol­len, wenn auf ein­mal die Frau­en im Fern­se­hen „echt“ wären. Zumin­dest für mich gilt das nicht. Ich will vie­le schö­ne Frau­en im Fern­se­hen sehen, die nicht alle super­schlank sind. Ich will nicht, dass mir und mei­nen Freun­din­nen und mei­nen Schü­le­rin­nen stets ein Schön­heits­ide­al vor­ge­setzt wird, dem über­haupt nur 2% aller Men­schen ent­spre­chen kön­nen.
Ich will nicht, dass mei­ne Schü­le­rin­nen sich über Kon­zep­te wie „low carb“ unter­hal­ten, denn das nimmt ihnen Zeit und gedank­li­che Kapa­zi­tät, sich über ande­res, wich­ti­ge­res Gedan­ken zu machen. Ich will nicht, dass sich völ­lig nor­ma­le Schü­le­rin­nen als „zu fett“ bezeich­nen, ich will auch nicht, dass ein über­ge­wich­ti­ges Mäd­chen sich auf­grund sei­ner Kör­per­lich­keit als Mensch wert­los fühlt.

Aber dazu trägt Hei­di Klums Sen­dung defi­ni­tiv bei, aber ALLE ANDEREN SENDUNGEN AUCH. Ich möch­te mehr Viel­falt der Kör­per in den Medi­en. Denn unse­re Kin­der wer­den auch durch die Medi­en erzo­gen, und es ist wich­tig, ihnen auch hier zu zei­gen, dass man auch ohne Grö­ße 32 schö­ne Klei­der tra­gen kann, glück­lich sein kann, Kar­rie­re machen kann, lie­ben und geliebt wer­den kann, dass man die Prot­ago­nis­tin des eige­nen Lebens sein kann.

Die Orga­ni­sa­ti­on „pink stinks“ (mit blö­dem Namen, aber den rich­ti­gen Zie­len) hat sich genau das zur Auf­ga­be gemacht und tourt als ers­te Orga­ni­sa­ti­on ihrer Art durch die Schu­len, um auf die­ses Pro­blem auf­merk­sam zu machen.

Sie wer­fen unter ande­rem fol­gen­de Fra­gen auf: „War­um zeigt die Wer­bung nur extrem schlan­ke Models? War­um pro­tes­tie­ren wir nicht dage­gen? Wer ver­dient an die­sem uner­reich­ba­ren Ide­al?“
und schrei­ben wei­ter: „Es ist ver­rückt, dass wir auf­ar­bei­ten müs­sen, was Pro­Sie­ben ver­ur­sacht.“ Aber es ist nicht nur Pro Sie­ben, es sind doch alle Sen­der, es sind die Frau­en­zeit­schrif­ten, die ihre Lese­rin­nen heim­lich has­sen, es ist die Wer­bung, es sind wir sel­ber.

Ich gucke wei­ter GNTM, ich lie­be die Illu­si­on, das Wun­der­land, das in der Sen­dung vor­ge­gau­kelt wird. Dafür darf man mich ger­ne blöd fin­den, ist mir egal.
Ich neh­me mir nächs­ten Don­ners­tag eine Tüte Chips zur Hand und lackie­re mir die Fin­ger­nä­gel und gehe frei­tags wie­der in die Schu­le, wo ich den Schü­le­rin­nen nur vor­le­ben kann, gegen Hei­di Klum und die Gesell­schaft, für die sie sym­bo­lisch steht, dass ich auch mit nicht-Grö­ße-32 lie­bens­wert und wert­voll und schlau bin.

Wäre ich opti­mis­tisch, könn­te ich den Arti­kel damit been­den, dass ich sage, ich glau­be, dass sich die Gesell­schaft lang­sam zum bes­se­ren wan­delt und dass wir auf hal­bem Weg sei­en. Immer­hin ist die Debat­te über die­ses The­ma ja ange­sto­ßen und wird geführt.
Wäre ich pes­si­mis­tisch, wür­de ich sagen, dass sich zumin­dest bei GNTM nichts in die­ser Hin­sicht geän­dert hat und das auch nie pas­sie­ren wird.

Aber ich möch­te ger­ne opti­mis­tisch blei­ben, und des­we­gen blei­ben die Kom­men­ta­re unter die­sem Arti­kel auch geschlos­sen.

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Lucky & Fred: Episode 8

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Wir bli­cken zurück auf das Jahr 2014 und sei­ne bizarrs­te Bewe­gung: Pegi­da. Nach­dem wir uns von die­sem Schock erholt haben, spre­chen wir über Udo Jür­gens, das Medi­en­exil und das Wort des Jah­res 2015.

(Wir haben die Sen­dung vor den trau­ri­gen Ereig­nis­sen in Paris auf­ge­zeich­net.)

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Wette sich, wer kann

Die Nach­richt, dass die Unter­hal­tungs­sen­dung „Wet­ten, dass..?“ nach 33 Jah­ren ihren Geist auf­ge­ben wür­de, war der Redak­ti­on von „Spie­gel Online“ am Abend des 5. April sogar eine Brea­king News wert. Aut­op­sie und Trau­er­fei­er waren da bereits in vol­lem Gan­ge.

Das ZDF wur­de für sei­ne Pres­se­mit­tei­lungs­for­mu­lie­rung der „geän­der­ten Seh­ge­wohn­hei­ten“ mit Häme über­zo­gen – über­wie­gend von Men­schen, die ger­ne ame­ri­ka­ni­sche TV-Seri­en auf Com­pu­tern und Tablets schau­en und sich Sonn­tags­abends online ver­ab­re­den, um gemein­schaft­lich eine ein­zel­ne deut­sche TV-Serie schei­ße zu fin­den. Mar­kus Lanz und die Redak­ti­on wur­den zu den Allein­schul­di­gen erklärt, was auch Quatsch war: Zwar hat­ten der jovia­le Bau­markt­er­öff­nungs­ch­ar­meur und sei­ne Trup­pe im Hin­ter­grund, die es auch schon mal für eine gute Idee gehal­ten hat­te, sich völ­lig ohne Grund eine aus­schwei­fen­de Ras­sis­mus­de­bat­te an den Hals zu holen, tat­säch­lich kei­nen guten Job gemacht, aber das Pro­blem lag auch woan­ders. In einer Zeit, wo wirk­lich jeder durch Cas­ting­show und You­Tube zum „Star“ wer­den kann, braucht der Nor­mal­bür­ger kei­ne absei­ti­gen Bega­bun­gen mehr, um für einen Abend im Ram­pen­licht zu ste­hen. Man kann es jetzt zu mit­tel­fris­ti­ger TV-Pro­mi­nenz brin­gen, ohne Wärm­fla­schen auf­zu­pus­ten oder die Post­leit­zah­len aller deut­schen Städ­te benen­nen zu kön­nen. 1 Frank Elst­ner mel­de­te sich auf Twit­ter zu Wort und vie­ler­orts las man wie­der von Elst­ner, klei­nen Kin­dern in der Bade­wan­ne und im Bade­man­tel. 2

Immer wie­der kam das Bild auf, das Flo­ri­an Illies 2000 beschrie­ben hat­te: Wie er als Kind Sams­tags­abends, frisch geba­det und im Bade­man­tel auf der Couch sit­zen und „Wet­ten, dass..?“ mit Frank Elst­ner gucken durf­te. Illies beschrieb dies in sei­nem Best­sel­ler „Gene­ra­ti­on Golf“, des­sen Titel schon Teil des Pro­blems ist, zu dem wir gleich noch kom­men, und je mehr deckungs­glei­che Wort­mel­dun­gen in den Sozia­len Netz­wer­ken auf­schlu­gen, des­to boh­ren­der wur­de die Fra­ge: Hat­ten wir – das Per­so­nal­pro­no­men ist hier beson­ders wich­tig – wirk­lich so ähn­li­che Kind­heits­er­leb­nis­se oder brach sich hier gera­de die Erin­ne­rungs­ver­fäl­schung Raum, die sonst ger­ne auch schon mal ger­ne dafür sorgt, dass Men­schen sich detail­reich dar­an erin­nern, wo sie bei der Mond­lan­dung, der Ermor­dung John F. Ken­ne­dys, dem Mau­er­fall, dem Unfall­tod von Dia­na Spen­cer und am 11. Sep­tem­ber 2001 waren – nur, dass das oft gar nicht stimmt.

Ich für mei­nen Teil bin zum Bei­spiel zu jung, um jemals bewusst „Wet­ten, dass..?“ mit Frank Elst­ner gese­hen zu haben. Ich erin­ne­re mich an eine Aus­ga­be, in der jemand mit­hil­fe hand­li­cher Schrott­bal­len sagen konn­te, um was für ein Auto es sich zuvor gehan­delt hat­te. Es mag mein ers­ter bewuss­ter Kon­takt mit der Sen­dung gewe­sen sein, der Mode­ra­tor war wohl schon Tho­mas Gott­schalk und wenn es da drau­ßen jeman­den gibt, der auf Anhieb sagen kann, ob das stimmt, wann die Sen­dung lief und aus wel­cher Mehr­zweck­hal­le die Sen­dung damals kam, dann ist es jetzt zu spät, um aus die­ser Insel­be­ga­bung noch Kapi­tal zu schla­gen.

Frank Elst­ner, das war für mich der Mode­ra­tor von „Nase vorn“, dem viel­leicht über­am­bi­tio­nier­tes­ten Unter­hal­tungs­show­ver­such, bis es ProSiebenSat1 mit der „Mil­lio­närs­wahl“ ver­such­te, und der teil­wei­se live von der Trab­renn­bahn in Dins­la­ken über­tra­gen wur­de, in deren buch­stäb­li­cher Wurf­wei­te unse­re dama­li­ge Woh­nung lag. Mit gro­ßem Eifer glotz­te ich damals jede Sams­tag­abend­show weg, die das öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen Ende der 1980er, Anfang der 1990er auf die Gebüh­ren­zah­ler los­ließ, 3 zur Not zwang ich mei­ne Groß­el­tern (und nicht anders­her­um), mit mir den „Musi­kan­ten­stadl“ zu schau­en – es war eben Sams­tag­abend, ich war da und woll­te unter­hal­ten wer­den! Am Liebs­ten aber die „Rudi Car­rell Show“ 4 und spä­ter „Geld oder Lie­be“ mit Jür­gen von der Lip­pe, das ich im Nach­hin­ein ger­ne zur bes­ten Sams­tag­abend­show aller Zei­ten ver­klä­re. Wenn es mir gelän­ge, heu­te etwas ähn­lich harm­los-anar­chisch-unter­halt­sa­mes zu kon­zi­pie­ren, wäre ich ein gemach­ter Mann.

„Wet­ten, dass..?“, jeden­falls, ist im Begriff, sehr bald Geschich­te zu sein, und all jene, die damals tat­säch­lich oder gefühlt im Bade­man­tel zuge­schaut hat­ten, gaben sich dem hin, was seit „Gene­ra­ti­on Golf“ All­ge­mein­gut ist: der fra­ter­ni­sie­ren­den, leicht aniro­ni­sier­ten Nost­al­gie derer, die für ech­te Nost­al­gie nicht nur zu jung sind, son­dern auch zu wenig erlebt hat­ten. Und weil die Ver­tre­ter die­ser … nun ja: Gene­ra­ti­on heu­te an den ent­schei­den­den Stel­len bun­des­deut­scher Online­diens­te und Medi­en­sei­ten sit­zen, kann man die­se Erin­ne­run­gen über­all lesen, wo sie von Men­schen mit den glei­chen tat­säch­li­chen oder gefühl­ten Erin­ne­run­gen kom­men­tiert wer­den, auf dass sich auch die Nach­ge­bo­re­nen damit infi­zie­ren und sich spä­ter fel­sen­fest dar­an erin­nern, wie sie damals selbst auf der Couch …

„Kids today get­tin‘ old too fast /​ They can’t wait to grow up so they can kiss some ass /​ They get nost­al­gic about the last ten years /​ Befo­re the last ten years have pas­sed“, hat Ben Folds mal gesun­gen. Das ist inzwi­schen neun Jah­re her und die Ent­wick­lung der Sozia­len Netz­wer­ke hat seit­dem nicht gera­de zu einer Ent­span­nung der Situa­ti­on bei­getra­gen. „Throw­back Thurs­day“ nen­nen sie es, wenn Men­schen am Don­ners­tag beson­ders pein­li­che 5 Fotos von sich selbst in einem jün­ge­ren Zustand auf Face­book oder Twit­ter pos­ten, was beson­ders reiz­voll ist, wenn die Men­schen Anfang Zwan­zig und die Fotos selbst noch nicht mal im Grund­schul­al­ter sind. Jan Böh­mer­mann 6 sorg­te im Früh­jahr mit einem „So waren die 90er“-Video für Furo­re im deutsch­spra­chi­gen Inter­net, 90er-Par­ties erfreu­en sich schon seit eini­ger Zeit wach­sen­der Beliebt­heit und ich saß auch schon stock­nüch­tern inmit­ten unter­schied­lich alko­ho­li­sier­ter Men­schen auf Par­ties, starr­te auf einen Lap­top­bild­schirm und nahm einen You­Tube-Rei­gen von Mr. Pre­si­dent, Take That, Echt und Tic Tac Toe mit einer stets wech­seln­den Mischung aus Fas­zi­na­ti­on, Abscheu, Nost­al­gie, Fas­sungs­lo­sig­keit und Begeis­te­rung zur Kennt­nis. Es waren Men­schen mit ansons­ten ver­mut­lich tadel­lo­sem Musik­ge­schmack, aber nie­mand kam auf die Idee, wenigs­tens mal zur Abwechs­lung Inter­pre­ten wie Nir­va­na, Oasis oder Pearl Jam in die Run­de zu wer­fen. Das war auch nicht mehr mit dem lei­di­gen The­ma Über­i­ro­ni­sie­rung zu erklä­ren.

Mein Vater ver­ab­scheut heu­te mit gro­ßer Hin­ga­be vie­les, was sich auf den angeb­lich reprä­sen­ta­ti­ven Hit-Sam­plern sei­ner Jugend fin­det, 7 trotz feh­len­den Alters wal­tet bei mir eine erschüt­tern­de Mil­de: Ich könn­te jeder­zeit aus­führ­lich und fun­diert begrün­den, war­um Sun­ri­se Ave­nue gro­ße Grüt­ze sind, wür­de mich aber im Zwei­fels­fall ver­mut­lich dazu hin­rei­ßen las­sen, „What Is Love?“ von Had­da­way wort­reich gegen jed­we­de Kri­tik zu ver­tei­di­gen.

Die Musik, die heu­te dort ange­sagt ist, wo Indie­be­reich und Main­stream klei­nen Grenz­ver­kehr pfle­gen, klingt oft, als sei sie schon min­des­tens 40 Jah­re alt. Vor zehn, fünf­zehn Jah­ren wur­den hau­fen­wei­se Fern­seh­se­ri­en der 70er und 80er fürs Kino adap­tiert, heu­te sind plötz­lich Fern­seh­se­ri­en erfolg­reich, die auf 20 Jah­re alten Kino­fil­men basie­ren. Und das ist erst der Anfang.

Der Herm frag­te letz­te Woche auf Twit­ter:

Kurz dar­auf ging dann ein neu­er „Terminator“-Trailer online.

Über das Phä­no­men der „Retro­ma­nie“ sind inzwi­schen Arti­kel und gan­ze Bücher geschrie­ben wor­den. Und, klar: Wenn Kul­tur­epo­chen nicht mehr 50 oder 100 Jah­re dau­ern, son­dern nur ein paar Mona­te 8, kön­nen sie auch schnel­ler wie­der­kom­men. Die Renais­sance rekur­rier­te noch auf ein Zeit­al­ter, das seit etwa 800 Jah­ren vor­bei war.

Und so ist in einer Zeit, in der angeb­lich alles indi­vi­du­el­ler wird 9, die Erin­ne­rung an „Dolo­mi­ti“, „Yps“ und „Rai­der“ („heißt jetzt ‚Twix‚“) das, was die Men­schen hei­me­lig zusam­men­bringt. Die Jea­nette-Bie­der­mei­er-Epo­che.

Um „Wet­ten dass..?“ wird jetzt bis zuletzt ein Gewe­se gemacht, das die Show selbst seit min­des­tens zehn Jah­ren nicht mehr gerecht­fer­tigt hat. Aber so ist das in Deutsch­land: Wir haben ja kul­tu­rell nicht so viel und wenn wir doch mal jeman­den haben, wer­den die­je­ni­gen so sehr gefei­ert, bis sie nie­mand mehr ernst­haft ertra­gen kann. Stich­wort: Til Schwei­ger, Jan Josef Lie­fers, Hele­ne Fischer, Unhei­lig. Alle vier sind am Sams­tag bei der letz­ten Sen­dung dabei.

  1. Oder ohne irgend­et­was zu kön­nen.[]
  2. Was jetzt viel­leicht ein biss­chen unglück­lich for­mu­liert ist.[]
  3. „Ver­ste­hen Sie Spaß?“ mit Pao­la und Kurt Felix! Der „Flit­ter­abend“! Die „Gold­mil­li­on“![]
  4. Ich bin unsi­cher, wann genau ich begriff, dass die Kan­di­da­ten – „gera­de noch im Rei­se­bü­ro, jetzt auf unse­rer Show­büh­ne!“ – sich gar nicht so schnell umzie­hen konn­ten, son­dern dort mit vor­ab auf­ge­zeich­ne­ten Bei­trä­gen gear­bei­tet wur­de, fürch­te aber, es ist noch gar nicht sooo lan­ge her.[]
  5. Zu irgend­ei­ner Zeit hät­te man gesagt: „affi­ge“.[]
  6. Je nach Bezugs­ge­ne­ra­ti­on der Harald Schmidt oder Ste­fan Raab sei­ner eige­nen Gene­ra­ti­on.[]
  7. Mungo Jer­ry! The Lovin‘ Spoon­ful![]
  8. Oder gar 140 Zei­chen.[]
  9. Mode- und Ein­rich­tungs­blogs spre­chen da eine etwas ande­re Spra­che.[]
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Lucky & Fred: Episode 6

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Jetzt ist es soweit: Wir wol­len Ver­fas­sungs­pa­trio­ten wer­den und schau­en mal, wie das geht. Vor­her beschäf­ti­gen wir uns mit den Grund­sät­zen der “Bun­ten”, der kol­lek­ti­ven Gewis­sens­prü­fung fürs deut­sche Volk und ergrün­den, was nack­te Schau­spie­le­rin­nen mit Hin­rich­tun­gen gemein haben.
Lucky wet­tert gegen Mit­fahr­ge­le­gen­hei­ten und Wohn­ge­mein­schaf­ten, Fred fin­det, es ist höchs­te Zeit für eine schwe­re Puber­täts­kri­se zwi­schen Deut­schen und Ame­ri­ka­nern.
Zwi­schen­durch wird viel gesun­gen und auf der Gitar­re gespielt.

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Dieser Text soll wütend machen

Ich habe ange­fan­gen, einen Text zu ver­fas­sen. Unglaub­lich, was dann pas­sier­te.

Man weiß ja eigent­lich, dass eine Sache pop­kul­tu­rell durch ist, wenn die Par­odien dar­auf anfan­gen, einem mas­siv auf den Sack zu gehen. 1 Die Num­mer mit dem „Hef­tig­style“ ist also eigent­lich durch.

Der „Hef­tig­style“ ist benannt nach dem „sti­lis­ti­schen“ Vor­bild heftig.co, einer Inter­net­sei­te, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bun­te Mel­dun­gen von ande­ren, inter­na­tio­na­len Trash-Por­ta­len zusam­men­zu­klau­ben, die­se grob ins Deut­sche zu über­set­zen und mit plum­pen Anrei­ßer­tex­ten in Sozia­len Netz­wer­ken zu streu­en. Unge­fähr alles, was man über die­se Web­site wis­sen muss, die vom guten Anstand über die Prin­zi­pi­en des Kapi­ta­lis­mus bis hin zum gerings­ten sprach­li­chen Emp­fin­den ein­fach alles belei­digt, hat der Herm schon vor drei Mona­ten auf­ge­schrie­ben. In mei­nen eige­nen Social-Net­work-Feeds tau­chen Mel­dun­gen von „Hef­tig“ auf­fal­lend sel­ten auf, was ich sehr gut fin­de, aber die Seu­che greift um sich – immer mehr (meist eben­falls unse­riö­se) Inter­net­por­ta­le beteasern ihre Arti­kel in „Heftig“-Manier. Einen gro­ben Über­blick über die­se Höl­le lie­fert der inzwi­schen schon wie­der etwas ver­waist erschei­nen­de tumb­lr „hef­tig­style“.

For­mu­lie­run­gen wie „Die­ser Elf­me­ter­schüt­ze möch­te beson­ders ange­ben. Doch was dann folgt, ist ein­fach zum Lachen.“ machen mich so unfass­bar aggres­siv wie sonst nur trop­fen­de Was­ser­häh­ne über Edel­stahl­spü­len. Ich brauch­te ein paar Wochen mit mir und mei­nen Gefüh­len um zu begrei­fen, war­um das so ist. Dann wur­de mir klar: Es ist die völ­li­ge Bevor­mun­dung des Lesers. Er soll schon vor der Lek­tü­re des gan­zen (meist lächer­lich kur­zen) Arti­kels wis­sen, wie er zu reagie­ren hat – im kon­kre­ten Fall Lachen. Mal davon ab, dass die wenigs­ten als beson­ders lus­tig ange­prie­se­nen Geschich­ten die ent­stan­de­ne Erwar­tungs­hal­tung erfül­len kön­nen, ist das für mich auf eine Art aus­ge­präg­te Men­schen­ver­ach­tung. Es ist irgend­wie noch schlim­mer als Fast-Food-Ver­pa­ckung, auf die groß „Lecker!“ gedruckt ist, es ist die maxi­ma­le Unter­for­de­rung des Rezi­pi­en­ten.

Das Law-and-Order-For­mat „Ach­tung Kon­trol­le“ auf Kabel Eins arbei­tet mit den glei­chen rhe­to­ri­schen Mit­teln, wenn die lai­en­schau­spie­lern­den Poli­zis­ten oder Steu­er­fahn­der eben­so leb- wie lieb­los Satz­kon­struk­tio­nen able­sen, die unge­fähr so gehen: „Ich habe den Mann dann noch mal auf­ge­sucht und was ich dann sah, hat mich wirk­lich über­rascht.“ Dar­auf folgt die nach­ge­stell­te Sze­ne, in der der Ord­nungs­hü­ter den Mann noch ein­mal auf­sucht und dann etwas sieht, was ihn wirk­lich über­rascht. Nor­mal ent­wi­ckel­te Fünf­jäh­ri­ge wür­den die­sen Ablauf kor­rekt ver­ste­hen und ein­ord­nen, aber für die angeb­lich erwach­se­nen Zuschau­er, die die Macher die­ser Sen­dung offen­bar für lern­be­hin­der­te Matsch­kar­tof­feln auf dem hei­mi­schen Sofa hal­ten, wird das schön erklärt – und nach der Wer­be­pau­se noch mal vom Off-Spre­cher wie­der­holt.

Klar, wir Aka­de­mi­ker könn­ten uns jetzt schön zurück­leh­nen und sagen: „Das ist halt Trash-TV fürs Trash-Volk. Bil­dungs­fer­ne Schich­ten, Hartz IV, Dosen­bier – die sind halt doof.“ Also genau das, was sich die Pro­du­zen­ten sol­cher TV-Sen­dun­gen in all ihrer Über­heb­lich­keit – und der dar­aus fol­gen­den Men­schen­ver­ach­tung – auch den­ken. Aber ich wei­ge­re mich, das zu glau­ben. Bil­ly Wil­der hat mal gesagt, 2 man dür­fe den Zuschau­er nicht unter­schät­zen bzw. unter­for­dern, er sei schlau genug, eins und eins selb­stän­dig zusam­men­zu­zäh­len.

Bei „Tages­schaum“ hat­ten wir spa­ßes­hal­ber mal das Mis­si­on State­ment „Wir wol­len den Zuschau­er auf meh­re­ren Ebe­nen über­for­dern“ for­mu­liert – und die­ses Ver­spre­chen sicher­lich auch oft genug ein­ge­löst. 3 Ich habe erst mit der Zeit begrif­fen, dass es beim Fern­se­hen wirk­lich außer­ge­wöhn­lich ist, gewis­se Fak­ten als bekannt vor­aus­zu­set­zen und den Zuschau­er vor allem mal eige­ne Schlüs­se zie­hen zu las­sen. Man kann ja heu­te kaum noch eine Nach­rich­ten­sen­dung schau­en, in denen Auf­nah­men von hun­gern­den Kin­dern, ver­trie­be­nen Men­schen oder den Aus­wir­kun­gen von Natur­ka­ta­stro­phen nicht als „schlim­me Bil­der“ anmo­de­riert wer­den – ganz so, als wäre das Publi­kum nicht selbst in der Lage, das Gezeig­te als schlimm ein­zu­ord­nen.

Womög­lich bin ich da allei­ne, aber ich füh­le mich von sol­chen Erklä­run­gen immer bevor­mun­det – genau­so übri­gens wie von den meis­ten Auf­lö­sun­gen in Kri­mis. Da haben die Autoren im ers­ten und zwei­ten Akt schön ihre Fähr­ten gelegt und Hin­wei­se gege­ben, 4 und dann wird im drit­ten Akt noch mal eine Rück­blen­de abge­feu­ert, damit auch der größ­te Depp (aus Sicht der Macher: der Zuschau­er an sich) begreift, was ambach ist.

Ich möch­te hier noch mal in Betracht zie­hen, dass ich der ein­zi­ge Mensch auf der Welt bin, dem es so geht, aber ich den­ke bei Fil­men oder Roma­nen lie­ber „Das habe ich jetzt nicht ver­stan­den, da hät­te ich bes­ser auf­pas­sen müs­sen, mein Feh­ler!“ als „Ja-haaa! Ich hab’s ver­stan­den!“. Ich weiß noch, wie wütend ich beim Sehen von Quen­tin Taran­ti­nos „Ing­lou­rious Bas­ter­ds“ an einer Stel­le wur­de: In einer Gast­stät­te hat­te sich ein Bri­te als Deut­scher aus­ge­ge­ben, tadel­lo­ses Deutsch gespro­chen und war doch auf­ge­flo­gen. Er hat­te beim Bestel­len von drei Glä­sern Scotch den Zeige‑, Mit­tel- und Ring­fin­ger hoch­ge­hal­ten – ein ech­ter Deut­scher wür­de die Zahl Drei aber mit Dau­men, Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger anzei­gen. Man sieht in der Sze­ne, wie August Diehl Micha­el Fass­ben­ders Fin­ger anstarrt und sein Gehirn rat­tert. Selbst wenn man nicht mit den kul­tu­rel­len Unter­schie­den des fin­ger-coun­tings ver­traut ist, gehen an die­ser Stel­le qua­si alle Sire­nen an und der Satz „Hier stimmt etwas nicht, Ihr seid auf­ge­flo­gen!“ läuft in Lauf­schrift über Diehls Stirn. 5 Und trotz­dem hielt Taran­ti­no (womög­lich: hiel­ten die Pro­du­zen­ten) es für not­wen­dig, die Sache mit den Fin­gern spä­ter noch ein­mal im Dia­log auf­zu­lö­sen. Damit auch der Letz­te begreift, war­um die Tar­nung auf­ge­flo­gen ist.

Man hört ja immer wie­der davon, dass vie­le Men­schen, allen vor­an natür­lich Schul­kin­der, nicht mehr in der Lage sei­en, ein­fa­che Tex­te sinn­ent­neh­mend zu lesen. Klar: Wenn ich dar­an gewöhnt bin bzw. wer­de, dass eine über­ra­schen­de Wen­dung als sol­che gekenn­zeich­net wird oder dass trau­ri­ge Musik anschwillt, wenn etwas trau­ri­ges pas­siert, dann wird es schwie­rig, wenn sich plötz­lich der Asphalt vor mir auf­tut und der Tage­bruch nicht „Über­ra­schung!“ schreit und die Musik aus­bleibt, wenn der Hams­ter stirbt. Da bedarf es schon ein biss­chen Vor­wis­sen und Trans­fer­leis­tung, um das von sel­ber auf die Ket­te zu krie­gen.

Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker wür­den jetzt erklä­ren, dass es Wunsch und Auf­trag von Regie­rung und/​oder Wer­be­kun­den sei, das Volk dumm zu hal­ten, aber ich fürch­te, die Erklä­rung ist wie so oft viel ein­fa­cher, also schlim­mer: Irgend­wel­che Con­trol­ler haben in irgend­wel­chen Umfra­gen her­aus­ge­fun­den, wie man mit noch weni­ger eige­nem Auf­wand noch mehr Leu­te errei­chen kann, die sich schon so sehr dar­an gewöhnt haben, für Toast­brot gehal­ten zu wer­den, dass es sie gar nicht mehr auf­regt.

  1. Das ist in der Regel der Moment, in dem Radio­sen­der anfan­gen, die betref­fen­de Sache in ihr „Comedy“-Repertoire auf­zu­neh­men.[]
  2. Sinn­ge­mäß, ich fin­de das Zitat lei­der auf die Schnel­le nicht mehr wie­der, es ist aber irgend­wo im Wil­der-Buch von Hell­muth Kara­sek zu fin­den.[]
  3. Und, klar: Unse­re Quo­ten konn­ten nicht mit denen von „Ach­tung Kon­trol­le“ mit­hal­ten.[]
  4. Inzwi­schen muss man ja schon froh sein, wenn das noch halb­wegs natür­lich geschieht und nicht irgend­wel­che Ein­blen­dun­gen auf­pop­pen, auf denen „Ach­tung! Die­se Infor­ma­ti­on wird gleich noch wich­tig!“ steht.[]
  5. Damit wir uns nicht falsch ver­ste­hen: August Diehl macht in die­sem Film einen phan­tas­ti­schen Job. Ich fand ihn fast noch bes­ser als Chris­toph Waltz.[]
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Lucky & Fred: Episode 5

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Es hat wie­der ein biss­chen län­ger gedau­ert, aber wir hat­ten unse­re Grün­de. Jetzt sind wir wie­der da und stel­len uns die ent­schei­den­de Fra­ge: „Was macht eigent­lich Jockel Gauck?“ Wir wid­men uns der Schei­ße am Fuß vom ZDF, spre­chen über Geld und Poli­tik, wer­fen einen Blick auf die (trau­ri­ge) Medi­en­land­schaft im Ruhr­ge­biet und erle­ben die Geburts­stun­de der Heinser’schen Hack­fres­sen­theo­rie.
Außer­dem: Fred hat ein neu­es Tele­fon und kriegt merk­wür­di­ge Anru­fe und wir füh­ren den belieb­ten Cock­tail­par­ty­dia­log „Unse­re Wiki­pe­dia-Ein­trä­ge“.

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Sack Reis in China

Was macht eigent­lich Ange­la Mer­kel?

Titelseite "Süddeutsche Zeitung" vom 7. Juli 2014

Titelseite "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 7. Juli 2014

Titelseite "Welt" vom 7. Juli 2014

Titelseite "Welt Kompakt" vom 7. Juli 2014

Das ist aber trotz­dem natür­lich nur ein hal­ber Gut­ten­berg.

[alle Titel­bil­der via „Mee­dia“]

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Das „Zeit Magazin“ schreibt sich um Kopf und Fuß

Frü­her war die Welt noch klar auf­ge­teilt: In der Tages­zei­tung am Früh­stücks­tisch und der Wochen­zei­tung oder dem Maga­zin im Ohren­ses­sel infor­mier­te man sich über Poli­tik, Wirt­schaft und Kul­tur (letz­te­re zumeist mit dem etwas hoch­nä­si­gen Prä­fix „Hoch“) und wenn man beim Arzt oder dem Fri­seur auf die Ver­rich­tung war­te­te, blät­ter­te man mit spit­zen Fin­gern in den soge­nann­ten Illus­trier­ten und las skan­da­lö­se Geschich­ten aus dem ver­meint­li­chen Pri­vat­le­ben von angeb­li­chen Pro­mi­nen­ten, die einem zumeist unbe­kannt und egal waren. Als ich in mei­ner Schul­zeit regel­mä­ßig zur Kran­ken­gy­mastik muss­te, war ich bes­tens über die Gescheh­nis­se der deut­schen Schla­ger­sze­ne infor­miert.

Heut­zu­ta­ge ist es schwer, irgend­wo hin­zu­le­sen, ohne mit skan­da­lö­sen Geschich­ten aus dem ver­meint­li­chen Pri­vat­le­ben von angeb­li­chen Pro­mi­nen­ten behel­ligt zu wer­den. „Spie­gel Online“ hat den Irr­sinn per­fek­tio­niert, belang­lo­se Mel­dun­gen nach­zu­er­zäh­len, die in ame­ri­ka­ni­schen Klatsch­blogs stan­den und deren Prot­ago­nis­ten, zumeist irgend­wel­che ame­ri­ka­ni­schen Tee­nie- oder Rea­li­ty-Stars, den eige­nen deut­schen Lesern zunächst umständ­lich vor­ge­stellt wer­den müs­sen.

Als die Ehe­leu­te Gwy­neth Palt­row (Oscar-Preis­trä­ge­rin) und Chris Mar­tin (Cold­play-Sän­ger) das Ende ihrer Bezie­hung mit einem Blog­ein­trag unter der Über­schrift „Con­scious Uncou­pling“ öffent­lich gemacht haben, war das vie­len the­ma­tisch sonst eher anders auf­ge­stell­ten Medi­en eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Betrach­tung der Kon­zep­te „Ehe“ und „Tren­nung“ wert.

Im „Zeit“-Magazin gibt es eine Rei­he, die sich „Über das ech­te Leben“ nennt und sich unter dem augen­zwin­kern­den Rubrum „Gesell­schafts­kri­tik“ mit dem Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten aus­ein­an­der­setzt. Der Blick­win­kel ist dabei – „Zeit“ halt – von oben her­ab, was schon des­halb ein biss­chen witz­los ist, weil ja selbst die schrot­tigs­ten Bou­le­vard­res­te­ram­pen die Objek­te ihrer Betrach­tun­gen nicht mehr umschwär­men, son­dern am liebs­ten ver­spot­ten, ger­ne auch post­hum.

Die­se Woche darf Peter Dau­s­end, im unech­ten Leben poli­ti­scher Kor­re­spon­dent der „Zeit“ in Ber­lin, ran. Er wid­met sich den Gerüch­ten, dass die Schau­spie­le­rin Uma Thur­man („Kill Bill“, „Pulp Fic­tion“) und der Regis­seur Quen­tin Taran­ti­no („Kill Bill“, „Pulp Fic­tion“) seit Neu­es­tem ein Paar sein sol­len (vgl. die übli­chen Klatsch­pos­til­len Bild.de, Bunte.de, Gala.de und Stern.de).

Er beginnt mit der Beschrei­bung einer Sze­ne aus „Kill Bill“, in der Uma Thur­mans nack­te Füße zu sehen sind, und doziert:

Nun muss man wis­sen, dass Quen­tin Taran­ti­no, der Kill Bill-Regis­seur, eine Vor­lie­be für Frau­en­fü­ße im All­ge­mei­nen und für die von Uma Thur­man im Beson­de­ren hat. Sie sei­en die schöns­ten, so hat er mal gesagt, die er je gese­hen habe.

Wer sich ein biss­chen inten­si­ver mit dem Werk Taran­ti­nos aus­ein­an­der­ge­setzt hat, weiß davon eben­so wie von dem Umstand, dass Thur­man für ihn lan­ge Jah­re das war, was daher­ge­lau­fe­ne Bil­dungs­bür­ger­feuil­le­to­nis­ten als „Muse“ bezeich­nen. 1

Quen­tin Taran­ti­no und Uma Thur­man sind jetzt ein Paar, 21 Jah­re nach­dem sie zusam­men Pulp Fic­tion gedreht haben. Das erscheint auf den ers­ten Blick ganz wun­der­bar, zeigt es doch, dass der still lie­ben­de Mann immer auf ein Hap­py End hof­fen darf.

Das klingt auf den ers­ten Blick bei­na­he roman­tisch, kriegt dann aber doch ganz schnell die Kur­ve ins Gehäs­si­ge:

Wenn dann das Objekt der Begier­de einen Mil­li­ar­där aus Genf oder was ähn­lich Lang­wei­li­ges abschießt, muss man nur noch den eige­nen Über­gangs­part­ner ver­ab­schie­den – und schon kann man bis ans Lebens­en­de glück­lich sein.

Dass sich außer einem soge­nann­ten „Insi­der“ im bri­ti­schen Klatsch­ma­ga­zin „Clo­ser“ noch nie­mand zu den Gerüch­ten um Thur­man und Taran­ti­no geäu­ßert hat, ficht Dau­s­end nicht an. Ihm geht es um ganz ande­re Gerüch­te:

Ja, natür­lich gibt es Gerüch­te. Dass Taran­ti­no und Thur­man das Paar­sein nur simu­lie­ren, um für Vor­ab-PR zu sor­gen. Denn Taran­ti­no, so raunt man sich zu, möch­te dem­nächst den zwei­ge­teil­ten Kill Bill unter dem Titel Kill Bill: The Who­le Bloo­dy Affair als vier­stün­di­ges Gesamt-Rache­epos in die Kinos brin­gen.

Für einen kur­zen Moment scheint es, als hät­te Dau­s­end erkannt, wie egal das alles ist. Mit­ten in sei­nem Text schim­mert mono­li­thisch das Man­tra des Bou­le­vard­jour­na­lis­mus:

Ob die Gerüch­te nun stim­men oder nicht, spielt kei­ne Rol­le.

Aber er muss ja sei­ne merk­wür­di­ge Kolum­ne fül­len und tritt des­halb aufs Gas­pe­dal – und dahin, wo’s sonst noch weh tut:

Wir geben den bei­den sowie­so kei­ne Chan­ce. Unter­wür­fi­ge Bewun­de­rung, lie­bes­tol­les Hin­ter­her­he­cheln, hün­di­sche Unter­wer­fung, wie es Män­nern nach lan­gem Schmach­ten eigen ist – dafür hat der Star sei­ne Fans, nicht sei­nen Part­ner.

Wenn schon die Bezie­hungs­exper­ten vom renom­mier­ten deut­schen „Zeit Maga­zin“ den bei­den kei­ne Chan­ce geben, kön­nen die’s natür­lich gleich blei­ben las­sen – immer vor­aus­ge­setzt, es gibt über­haupt etwas, was sie blei­ben las­sen könn­ten.

Aber Frau­en­ver­ste­her Dau­s­end scheint sich ja eh bes­tens aus­zu­ken­nen:

Thur­man wird einen glücks­be­seel­ten Taran­ti­no nicht lan­ge ertra­gen. Wir freu­en uns jetzt schon auf den Film, mit dem der blut­ver­sprit­zen­de Rache­en­gel Taran­ti­no den Lie­bes­trot­tel in sich über­win­det und das Schei­tern sei­nes Lebens­trau­mes ver­ar­bei­tet. Und haben ein wenig Angst um Umas Füße.

Das ver­meint­lich pri­va­te Glück frem­der Men­schen als Witz­vor­la­ge für eine lau­ni­ge Kolum­ne. Das ist das „Zeit Maga­zin“.

  1. In den letz­ten Jah­ren scheint die­se inspi­rie­ren­de Son­der­rol­le ein wenig auf den Schau­spie­ler Chris­toph Waltz über­ge­gan­gen zu sein, was man ein­fach mal im Hin­ter­kopf behal­ten soll­te, wenn man den Rest von Dau­s­ends Aus­füh­run­gen liest.[]
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Musik Digital

Programmhinweis: Bloggenhagen

Ich bin heu­te Mor­gen um 4.50 Uhr auf­ge­stan­den und nach Kopen­ha­gen geflo­gen. Was ich da so erlebt habe und – vor allem – was ich dort in den nächs­ten Tagen als Mit­glied der deut­schen Dele­ga­ti­on beim Euro­vi­si­on Song Con­test erle­ben wer­de, kön­nen Sie in mei­nem klei­nen Video­ta­ge­buch sehen, das ich täg­lich für eurovision.de pro­du­zie­re:

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Mor­gen sind dann – wie­der zu einer etwas unchrist­li­chen Zeit – die ers­ten Pro­ben von Elai­za, am Abend gibt es die tra­di­tio­nel­le Wel­co­me Recep­ti­on, die auch immer ein ganz beson­de­res Ereig­nis ist. Nur, dass Ste­fan dies­mal nicht mit dabei sein wird (und Lena Mey­er-Land­rut und Dirk Elbers auch nicht).

Alle Fol­gen fin­den Sie auf You­Tube, außer­dem pos­te ich bei Twit­ter unter @eurovisionde wei­te­re Ein­drü­cke von hin­ter den Kulis­sen.

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Rundfunk

Eine unglückliche Frau

Manch­mal, wenn mein Blut­druck so nied­rig ist, dass ihn nicht mal die Mel­dun­gen der „Tages­schau“ auf Tou­ren brin­gen kön­nen, schal­te ich gegen 20 Uhr Vox ein, wo eine Frau namens Con­stan­ze Rick all­abend­lich über das Pri­vat­le­ben von Pro­mi­nen­ten doziert und urteilt.

Man könn­te die­se Sen­dung als „ver­film­te ‚Bild‘-Zeitung“ oder „ver­film­te ‚Bun­te‘ “ bezeich­nen, aber das trifft es nicht ganz. So viel geball­te Über­heb­lich­keit und Men­schen­ver­ach­tung fin­det man nicht mal bei Sprin­ger und Bur­da. Wäh­rend zeit­gleich in der ARD mög­lichst sach­lich die welt­po­li­ti­sche Lage refe­riert wird, hecheln sie bei Vox das durch, was die ein­schlä­gi­gen Pro­mi-Sei­ten im Inter­net unge­fähr einen Tag zuvor berich­tet hat­ten – nur nicht ganz so seri­ös.

Wenn man die­ses For­mat ein paar Mal gese­hen haben, fällt einem auf, wie weit sich die Redak­ti­on von klas­si­schen Fern­seh­kon­ven­tio­nen ver­ab­schie­det hat: Da ist etwa die Mode­ra­to­rin, die durch Stra­ßen und men­schen­lee­re Räu­me streift, wäh­rend sie gleich­zei­tig aus dem Off spricht (aber dar­über haben Ste­fan und Peer schon vor Jah­ren geschrie­ben), oder der Umstand, dass ein Bei­trag erst ange­teasert wird – und dann direkt danach anfängt, weil in den 15 Minu­ten Sen­de­zeit gar nicht so vie­le Wer­be­blö­cke lau­fen kön­nen, wie es die umständ­li­che „Sehen Sie gleich“-Formatierung ver­langt.

Auch das Prin­zip „Schnitt­bil­der“ wird hier auf die Spit­ze getrie­ben, weil es das Aller­meis­te, was im Off-Kom­men­tar beschrie­ben wird, gar nicht als Bewegt­bild gibt. Anders als ihre Print-Kol­le­gen haben die Macher von „Pro­mi­nent“ also das Pro­blem, jeden ein­zel­nen ihrer süf­fi­san­ten Sät­ze bebil­dern zu müs­sen. Des­halb sieht man dann mehr­mals hin­ter­ein­an­der, wie der 80-jäh­ri­ge Karl Lager­feld von Papa­raz­zi bedrängt ins Stol­pern gerät, oder die Wit­we von Phil­ip Sey­mour Hoff­man, die mit den gemein­sa­men Kin­dern zur Trau­er­fei­er anreist, in End­los­schlei­fe.

Als ich am Mitt­woch ein­schal­te­te, ging es um den Tod von L’W­ren Scott. Scott war eine nam­haf­te Mode­de­si­gne­rin, aber auch die Freun­din von Mick Jag­ger. Und sie hat sich das Leben genom­men.

Was das für die inter­na­tio­na­le Bericht­erstat­tung bedeu­tet, hat Jane Mar­tin­son für den „Guar­di­an“ sar­kas­tisch so kom­men­tiert:

What makes a beau­tiful, suc­cessful and extre­me­ly rich woman take her own life? In lieu of any sort of evi­dence, the suspec­ted sui­ci­de of desi­gner L’W­ren Scott is as baff­ling as it is heart­brea­king for anyo­ne who belie­ves that depres­si­on is the sole pre­ser­ve of the poor and ugly.

Unless, of cour­se, you belie­ve that a child­less, unmar­ried woman has every reason in the world to be depres­sed.

Das „New York Maga­zi­ne“ hat ein biss­chen doku­men­tiert, wie sich die Medi­en vor allem auf Scott als Frau an Jag­gers Sei­te kon­zen­triert haben, und erklärt:

In one sen­se, to tho­se who fol­low cele­bri­ty and music as oppo­sed to fashion, yes, Scott was the long­time part­ner of Jag­ger. But in life, she defi­ned hers­elf as not a han­ger-on, not as a fame-who­re, not just as one half of a rela­ti­onship, but as L’Wren Scott, a woman who pul­led hers­elf up by her incre­di­bly chic boot­straps and beca­me an entre­pre­neur.

Und damit zurück zu „Pro­mi­nent“, wo Con­stan­ze Rick in dem ihr eige­nen Ton­fall über ver­färb­te Archiv­auf­nah­men und einen dicken Strei­cher­tep­pich spricht:

Eigent­lich hat­te Mick Jag­gers Freun­din alles: Sie sah gut aus, hat­te eine Kar­rie­re als Star-Desi­gne­rin, ein Luxus­le­ben und einen berühm­ten Freund. Doch jetzt sagt L’W­ren Scotts Schwes­ter: sie war eine unglück­li­che Frau.

Sie genoss das Blitz­licht, lächel­te in die Kame­ras und prä­sen­tier­te sich immer als star­ke, selbst­be­wuss­te Frau an der Sei­te eines eben­so star­ken Man­nes: L’W­ren Scott und Mick Jag­ger, vor fünf Mona­ten in New York. Ihr letz­ter gemein­sa­mer Auf­tritt — als glück­lich wir­ken­des Paar. Doch das war viel­leicht nur Fas­sa­de. Hier muss es der 49-Jäh­ri­gen schon schlecht gegan­gen sein, von Dämo­nen und Depres­sio­nen ist die Rede.

Sie war unglück­lich, behaup­tet jetzt auch ihre Schwes­ter Jen: „Ein­mal sahen wir uns in die Augen und sie sag­te: Ich benei­de Dich. Ich frag­te: War­um benei­dest Du aus­ge­rech­net mich? Und sie ant­wor­te­te trau­rig: Du hast all die­se Kin­der, du hast eine Fami­lie.“ All das hat L’W­ren nicht.

Na dann!

Es folgt ein „Rück­blick“, also eine Art kurz­re­fe­rier­ter Wiki­pe­dia-Ein­trag, über die fami­liä­ren Hin­ter­grün­de von Scott. Dar­in die­se Bild­be­spre­chung:

Hier ein 14 Jah­re altes Fami­li­en­fo­to: L’W­ren steht in der letz­ten Rei­he, ihre Schwes­ter und ihre Mut­ter sit­zen mit­ten­drin. Mick Jag­ger ist hier noch kein The­ma, erst ein Jahr spä­ter ver­lie­ben sie sich.

Dann ging es aber end­lich auf­wärts mit dem Leben in der letz­ten Rei­he: Frau Scott wur­de die Freun­din des Rol­ling-Stones-Front­manns.

Aber eben nur sei­ne Freun­din, 13 Jah­re lang. Nie sei­ne Ehe­frau. Auch nicht die Mut­ter sei­ner Kin­der. Ein Grund für einen Selbst­mord?

Das fragt Con­stan­ze Rick wirk­lich. Im glei­chen Ton­fall, in dem nor­ma­le Men­schen „Noch was Kaf­fee?“ fra­gen wür­den.

Es folgt dann noch mal ein mut­maß­li­ches Zitat der Schwes­ter der Ver­stor­be­nen, das – wie das ers­te – aus dem „Dai­ly Mir­ror“, also einer für Bou­le­vard­jour­na­lis­ten voll ver­trau­ens­wür­di­gen Quel­le stammt. „Ich wür­de alles dafür geben, noch ein­mal mit ihr reden zu kön­nen“, sagt die Schwes­ter da und Con­stan­ze Rick kom­men­tiert gefühl­voll:

Dafür ist es zu spät. Am Mon­tag stran­gu­lier­te sich L’Wren Scott mit einem Schal. Die Frau, die ver­meint­lich alles hat­te.

Nach einer Fol­ge „Pro­mi­nent“ muss ich erst mal zwei Stun­den Tier­ba­by­vi­de­os gucken.

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Digital Politik

Lucky & Fred: Episode 2

Es ist ganz schön was pas­siert in der Welt seit unse­rer ers­ten Fol­ge: Die Krim-Kri­se regt Jour­na­lis­ten zu wil­den His­to­ri­en-Ver­glei­chen an. Wir erklä­ren, war­um wir uns über einen Rück­tritt von Innen­mi­nis­ter Hans-Peter Fried­rich mehr gefreut hät­ten als über den von Land­wirt­schafts­mi­nis­ter Hans-Peter Fried­rich.

Die Ver­ur­tei­lung von Uli Hoe­neß ist der Start­schuss für das Brei­ten­sport­pro­jekt „Deutsch­land übt Kaba­rett”. Wir wer­fen einen Blick auf all das, was man ja wohl noch sagen dür­fen kön­nen muss, und for­dern Frei­heit für Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re.

Auf einer all­täg­li­che­ren Ebe­ne spre­chen wir über zu dicke Flie­sen­spie­gel, gekühl­te Super­märk­te und Taxitel­ler:

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Internetmäander

Ich habe ein wich­ti­ges Jubi­lä­um ver­passt: Irgend­wann Ende Novem­ber, Anfang Dezem­ber muss es sich zum 15. Mal gejährt haben, dass der ers­te von mir geschrie­be­ne Text im World Wide Web ver­öf­fent­licht wur­de. 1 Es han­del­te sich um eine Kri­tik zum Film „Jackie Chan ist Nobo­dy“, an den ich mich heu­te kein biss­chen erin­nern kann, und sie erschien auf „Schrö­ders klei­ne Film­sei­ten“. Weil das Inter­net damals noch ver­ges­sen konn­te, müss­te ich die NSA um eine Siche­rungs­ko­pie des Tex­tes bit­ten, wenn ich ein ent­fern­tes Inter­es­se dar­an hät­te, mei­ne Rezen­si­on noch ein­mal nach­zu­le­sen.

Das heißt auch: In ein paar Mona­ten wer­de ich mein hal­bes Leben ins Inter­net schrei­ben.

Ich glau­be nicht, dass ich das Inter­net damals als Offen­ba­rung, Chan­ce oder Sen­sa­ti­on begrif­fen habe. Mir war damals klar, dass die Zahl mei­ner Leser nicht signi­fi­kant stei­gen wür­de, ver­gli­chen mit den Tex­ten, die ich in den sie­ben, acht Jah­ren zuvor in mei­ne Schreib­ma­schi­ne gehackt habe. Und mei­ne Ver­wand­ten in den USA hät­ten mei­ne Tex­te ja auch lesen kön­nen, wenn ich sie ihnen gefaxt hät­te. Das Inter­net wur­de erst rich­tig cool, als ich begriff, dass ich dort Fotos von mei­nen Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen und obsku­re B‑Seiten mei­ner Lieb­lings­bands her­un­ter­la­den konn­te. Ich fand den Ein­gangs­ka­nal immer beein­dru­cken­der als den Aus­gangs­ka­nal.

Dar­an hat sich auch in den vie­len Jah­ren, die ich auf ver­schie­dens­ten Platt­for­men im Inter­net publi­ziert habe und in denen ich damit teil­wei­se mei­nen Lebens­un­ter­halt bestrit­ten habe, nicht groß geän­dert. Natür­lich weiß ich theo­re­tisch, dass die mehr als 70.000 Zugrif­fe, die etwa unse­re Oslog-Fol­ge mit Lena Mey­er-Land­rut und Hape Ker­ke­ling hat­te, deut­lich mehr sind als die maxi­mal 50, 60 Zuschau­er, die mei­ne Freun­de und ich im Jahr 1999 mit unse­ren selbst gedreh­ten Action­fil­men errei­chen konn­ten. Und 2.000 Zuhö­rer hät­te ich mit mei­nen Bands auch nie erreicht. Aber ich hab die­se Sachen ehr­lich gesagt immer in ers­ter Linie für mich gemacht – ob sie hin­ter­her auch Rezi­pi­en­ten fin­den, war min­des­tens zweit­ran­gig.

Ich habe ins Inter­net geschrie­ben, bevor ich je das Wort „Blog“ gehört hat­te. Mei­ne Schul­freun­de und ich hat­ten eine Sei­te, auf der wir uns über unse­re Erleb­nis­se aus­ge­tauscht haben, lan­ge bevor wir wuss­ten, was ein „Social Net­work“ ist, und bevor Face­book – oder auch nur MySpace 2 – gegrün­det wur­de. Für mich ist das Inter­net so selbst­ver­ständ­lich wie flie­ßend Warm­was­ser und elek­tri­scher Strom und ich habe nie ver­stan­den, war­um man­che ein gro­ßes Gewe­se dar­um machen, das Inter­net zu kri­ti­sie­ren oder zu ver­tei­di­gen. Man kann mit Was­ser sei­ne Hän­de waschen oder sein Kind in der Bade­wan­ne erträn­ken und man kann mit elek­tri­schem Strom Kar­tof­fel­sup­pe nach altem Fami­li­en­re­zept kochen oder „Taff“ auf Pro­Sie­ben gucken – und so ist das Inter­net auch genau das, was man draus macht.

Viel­leicht ist das auch der Grund, war­um ich nie so ein Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl ent­wi­ckelt habe, wie es auf Bar­camps und Tref­fen wie der re:publica 3 zele­briert wird. Ich habe das Inter­net immer für ein sehr prak­ti­sches Werk­zeug gehal­ten und ich fin­de es schön, dass ich dort Din­ge machen und kon­su­mie­ren kann, die nie im Fern­se­hen oder Radio lau­fen und nie von einem Ver­lag gedruckt wer­den wür­den, aber ich hal­te auch mein Schwei­zer Taschen­mes­ser, 4 mei­nen Staub­sauger und mei­nen Dosen­öff­ner für sehr prak­ti­sche Werk­zeu­ge und wür­de den­noch nie zu einem Tref­fen von Taschenmesser‑, Staub­sauger- oder Dosen­öff­ner­fans gehen. 5

Ich will das hier jetzt gar nicht im Ein­zel­nen auf­drö­seln, aber wenn ich sehe, was Geheim­diens­te, Regie­run­gen und Anwalts­kanz­lei­en mit dem Inter­net ver­an­stal­ten, macht mich das betrof­fen und wütend. Der Gene­ral­ver­dacht gegen­über der Bevöl­ke­rung, der sich in der Samm­lung qua­si aller Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten mani­fes­tiert, ist uner­träg­lich und auch irgend­wie unlo­gisch: Schon seit Jahr­zehn­ten wer­den Häm­mer ver­kauft, mit denen man wahl­wei­se Rega­le zusam­men­bau­en oder jeman­den erschla­gen kann, 6 von der viel­sei­ti­gen Ein­satz­mög­lich­keit von Mes­sern und Autos ganz zu schwei­gen. Ich bin nicht der Mei­nung, dass man alles über­wa­chen muss, weil Ter­ro­ris­ten „Tech­nik nut­zen“, und ich hän­ge auf der staats­theo­re­ti­schen Ebe­ne der huma­nis­ti­schen Idee an, die Tim Ber­ners-Lee kürz­lich for­mu­liert hat:

Any demo­cra­tic coun­try has to take the high road; it has to live by its prin­ci­ples. I’m very sym­pa­the­tic to attempts to increase secu­ri­ty against orga­nis­ed crime, but you have to distin­gu­ish yours­elf from the cri­mi­nal.

Und weil Tim Ber­ners-Lee der Mann ist, der das World Wide Web erfun­den hat, nut­ze ich die­sen Zir­kel­schluss, um zum Schluss zu kom­men:

Ich mag das Inter­net, macht es nicht kaputt!

  1. Die lächer­li­chen „Home­pages“, die mei­ne Freun­de und ich in den Mona­ten zuvor bei AOL bzw. Tri­pod (Kin­der, fragt Eure Groß­el­tern, was das war) hoch­ge­la­den hat­ten, zäh­len nicht als Text.[]
  2. Kin­der, bit­te wie­der die Groß­el­tern fra­gen.[]
  3. Allein die Schreib­wei­se schon![]
  4. Seit Weih­nach­ten 1994 in mei­nem Besitz.[]
  5. Das mag frei­lich auch damit zusam­men­hän­gen, dass ich ein grund­sätz­li­ches Pro­blem damit habe, Teil einer Grup­pe zu sein.[]
  6. In eini­gen Haus­hal­ten soll es zu Situa­tio­nen gekom­men sein, wo bei­des mehr oder weni­ger zeit­gleich statt­ge­fun­den hat.[]