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„Sein“ oder nicht „sein“

Am 21. August wur­de die ehe­ma­li­ge Sol­da­tin Chel­sea Man­ning, die der Whist­le­b­lower-Platt­form Wiki­leaks gehei­me Doku­men­te zuge­spielt hat­te, von einem US-Mili­tär­ge­richt zu 35 Jah­ren Haft ver­ur­teilt.

Wobei: Das stimmt so nicht. Damals hieß Chel­sea in der Öffent­lich­keit noch Brad­ley Man­ning und galt als Mann. Erst einen Tag spä­ter ließ sie ein State­ment ver­öf­fent­li­chen, in dem es hieß:

As I tran­si­ti­on into this next pha­se of my life, I want ever­yo­ne to know the real me. I am Chel­sea Man­ning. I am a fema­le. Given the way that I feel, and have felt sin­ce child­hood, I want to begin hor­mo­ne the­ra­py as soon as pos­si­ble. I hope that you will sup­port me in this tran­si­ti­on. I also request that, start­ing today, you refer to me by my new name and use the femi­ni­ne pro­no­un (except in offi­ci­al mail to the con­fi­ne­ment faci­li­ty).

Wer glei­cher­ma­ßen auf­ge­klärt wie naiv ist, hät­te anneh­men kön­nen, dass das The­ma damit schnell been­det war: Chel­sea Man­ning ist eine Frau, die in einem männ­li­chen Kör­per gebo­ren wur­de und einen männ­li­chen Vor­na­men getra­gen hat, jetzt aber expli­zit dar­um bit­tet, mit ihrem weib­li­chen Vor­na­men bezeich­net zu wer­den.

Die „New York Times“ erklär­te dann auch in einem Blog­ein­trag, mög­lichst schnell den Namen Chel­sea Man­ning und die weib­li­chen Pro­no­mi­na ver­wen­den und zum bes­se­ren Ver­ständ­nis für die Leser auf die Umstän­de die­ser Namens­än­de­rung zu ver­wei­sen. Der „Guar­di­an“ leg­te den Schal­ter von „Brad­ley“ auf „Chel­sea“ um und schrieb für­der­hin nur noch von „ihr“.

Aber so ein­fach war das alles natür­lich nicht.

Die „Ber­li­ner Zei­tung“ fass­te das ver­meint­li­che Dilem­ma am 24. August ein­drucks­voll zusam­men:

Brad­ley Man­ning möch­te fort­an als Frau leben und Chel­sea genannt wer­den. […] Der 25 Jah­re alte Sol­dat ließ erklä­ren, er habe sich seit sei­ner Kind­heit so gefühlt. Von nun an wol­le er nur noch mit sei­nem neu­en Namen ange­spro­chen wer­den. Auch sol­le künf­tig aus­schließ­lich das weib­li­che Pro­no­men „sie“ ver­wen­det wer­den, wenn über Man­ning gespro­chen wer­de. Eine ope­ra­ti­ve Geschlechts­um­wand­lung strebt Man­ning zunächst wohl nicht an.

Mit die­sem Wunsch hat Man­ning, der gut 700000 Geheim­do­ku­men­te an die Ent­hül­lungs­platt­form Wiki­leaks wei­ter­gab, Jour­na­lis­ten in den USA ver­wirrt und vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen gestellt. In den Mel­dun­gen über Man­nings Erklä­rung war ein­mal von „ihm“ die Rede, dann wie­der von Brad­ley Man­ning, „die“ nun eine Frau sein wol­le. Die einen ver­mie­den es pein­lich, Per­so­nal­pro­no­men zu ver­wen­den. Die ande­ren erklär­ten, sie wür­den solan­ge von „ihm“ spre­chen, wie Man­ning aus­se­he wie ein Mann.

Wie es die „Ber­li­ner Zei­tung“ selbst hält, wur­de in den fol­gen­den Wochen deut­lich:

5. Sep­tem­ber:

Die von Matthew H. 2009 besuch­te Ver­an­stal­tung des Cha­os Com­pu­ter Clubs war immer­hin öffent­lich. Sein Anteil an der Ver­ur­tei­lung des Whist­le­b­lo­wers Brad­ley Man­ning ist unklar. Und auch wenn der Umgang mit Man­ning nicht unse­ren Vor­stel­lun­gen ent­spricht: Er hat mili­tä­ri­sche Geheim­nis­se ver­ra­ten. Das ist auch deut­schen Sol­da­ten ver­bo­ten.

6. Sep­tem­ber:

Wie in letz­ter Zeit in Ber­lin häu­fi­ger der Fall, ste­hen mal wie­der lee­re Stüh­le auf der Büh­ne, dies­mal nicht für den mit Aus­rei­se­ver­bot beleg­ten Fil­me­ma­cher Jafar Panahi, son­dern für Edward Snow­den und Brad­ley Man­ning, die Ulrich Schrei­ber gern dabei­ge­habt hät­te. Lei­der sind sie aus bekann­ten Grün­den ver­hin­dert.

Bei der „Süd­deut­schen Zei­tung“ gibt es offen­bar auch kei­ne Emp­feh­lun­gen und Richt­li­ni­en wie bei der „New York Times“ – und noch nicht mal eine kla­re Linie. Am 2. Sep­tem­ber schrieb die „SZ“:

Auf Trans­pa­ren­ten for­dern die Teil­neh­mer, dass US-Prä­si­dent Barack Oba­ma sei­nen Frie­dens­no­bel­preis an die Geheim­da­ten-Ent­hül­ler Chel­sea Man­ning und Edward Snow­den abtre­ten sol­le.

Und eine Woche spä­ter:

Anders gefragt: Hät­ten ame­ri­ka­ni­sche Diens­te eine sol­che Anfra­ge zuge­las­sen, wenn ein deut­scher Dienst sich um Hin­ter­grün­de zum Trei­ben eines bekann­ten ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten inter­es­siert hät­te? Da kön­nen, trotz aller Nar­re­tei­en und Ver­här­tun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik im Kampf gegen Whist­le­b­lower wie Brad­ley Man­ning oder Edward Snow­den ame­ri­ka­ni­sche Behör­den emp­find­sam reagie­ren.

Am 7. Okto­ber nun wie­der:

Schließ­lich, so schrei­ben eini­ge, sei er ein Visio­när, gleich­zu­set­zen mit der Wiki­leaks-Infor­man­tin Chel­sea Man­ning oder dem NSA-Whist­le­b­lower Edward Snow­den .

„Bild“ hat­te in ganz weni­gen Zei­len klar­ge­macht, wie wenig sich die Redak­ti­on um die Bit­te von Chel­sea Man­ning schert: In ihren „Fra­gen der Woche“ am 24. August frag­te die Bou­le­vard­zei­tung „Kommt Man­ning in den Frau­en­knast?“ und ant­wor­te­te:

Nein! Obwohl der zu 35 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teil­te Wiki­leaks-Infor­mant Brad­ley Man­ning (25) ab sofort als Frau namens Chel­sea leben und sich einer Hor­mon­be­hand­lung unter­zie­hen will (BILD berich­te­te), kam er in das Män­ner­ge­fäng­nis Fort Lea­ven­worth (US-Staat Kan­sas). Ein Armee­spre­cher sag­te, dass dort weder Hor­mon­the­ra­pien noch chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe zur Geschlechts­um­wand­lung bezahlt wer­den.

Der Unter­schied zum „Spie­gel“ ist da aller­dings mar­gi­nal:

Man­ning fühlt sich schon län­ger als Frau, nach sei­ner Ver­ur­tei­lung will er auch so leben. […] Am Mitt­woch ver­ur­teil­te ihn ein Mili­tär­ge­richt dafür zu 35 Jah­ren Gefäng­nis, abzu­sit­zen in Fort Lea­ven­worth, Kan­sas. Zwar kann Man­ning auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung hof­fen – doch bis dahin steht ihm eine har­te Zeit bevor: Sei­ne Mit­in­sas­sen sind aus­nahms­los Män­ner, eine Ver­le­gung in ein Frau­en­ge­fäng­nis ist nicht geplant.

Die Deut­sche Pres­se-Agen­tur tat sich anfangs noch schwer mit dem Geschlecht. Am 4. Sep­tem­ber schrieb die dpa:

Die Mis­si­on des angeb­li­chen US-Agen­ten soll dem Bericht zufol­ge öffent­lich gewor­den sein, nach­dem er im Juni die­ses Jah­res als Zeu­ge im Pro­zess gegen den Whist­le­b­lower Brad­ley Man­ning vor einem ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ge­richt in Mary­land auf­ge­tre­ten sei. Man­ning wur­de spä­ter zu 35 Jah­ren Haft ver­ur­teilt, weil er Wiki­Leaks rund 800.000 Geheim­do­ku­men­te über­ge­ben hat­te. Der Ex-Sol­dat war eine Art Zeu­ge der Ankla­ge der Mili­tär­staats­an­wäl­te.

Im Rah­men ihrer Bericht­erstat­tung zum Frie­dens­no­bel­preis letz­te Woche schrieb die dpa dann:

Unter den bekann­ten Kan­di­da­ten in die­sem Jahr ist auch Chel­sea Man­ning (frü­her Brad­ley Man­ning). Dem eins­ti­gen US-Whist­le­b­lower räumt der Prio-Direk­tor aber wenig Chan­cen ein. „Es gibt kei­nen Zwei­fel, dass die Ent­hül­lun­gen sehr zur inter­na­tio­na­len Debat­te über Über­wa­chung bei­getra­gen haben“, sagt Harp­vi­ken. Ethisch und mora­lisch reflek­tie­re Man­ning aber zu wenig, was sie getan habe.

Tat­säch­lich hat­te die Agen­tur in der Zwi­schen­zeit die Ent­schei­dung getrof­fen, zukünf­tig immer von „Wiki­leaks-Infor­man­tin Chel­sea Man­ning“ zu schrei­ben und im wei­te­ren Text­ver­lauf mög­lichst schnell zu erklä­ren, dass Chel­sea als Brad­ley Man­ning vor Gericht gestan­den habe. Wie mir ihr Spre­cher Chris­ti­an Röwekamp auf Anfra­ge erklär­te, hat die dpa nach Abstim­mung mit ande­ren Agen­tu­ren am 6. Sep­tem­ber eine ent­spre­chen­de Pro­to­koll­no­tiz in ihr Regel­werk „dpa-Kom­pass“ auf­ge­nom­men, in dem sonst etwa die Schreib­wei­sen bestimm­ter Wör­ter gere­gelt wer­den.

Der Evan­ge­li­sche Press­dienst epd war da offen­bar nicht dabei. Er schrieb am 11. Okto­ber:

Gute Chan­cen auf den Frie­dens­no­bel­preis wur­den auch dem frü­he­ren US-Prä­si­den­ten Bill Clin­ton, dem Wiki­Leaks-Infor­man­ten Brad­ley Man­ning und der afgha­ni­schen Men­schen­recht­le­rin Sima Samar ein­ge­räumt.

Wie ein­fach es eigent­lich geht, hat­te die „FAZ“ am 9. Sep­tem­ber bewie­sen:

Der Umgang mit Chel­sea (vor­mals Brad­ley) Man­ning, die Cau­sa Snow­den mit trans­at­lan­ti­scher Sip­pen­haft gegen ihn unter­stüt­zen­de Jour­na­lis­ten und der Umgang mit den Geheim­dienst- und Mili­tär-Whist­le­b­lo­wern ins­ge­samt zeigt über­deut­lich, welch unkon­trol­lier­te Macht der „deep sta­te“ der Diens­te mitt­ler­wei­le hat und wie unbe­rührt von öffent­li­chem Pro­test er agiert.

Am 5. Okto­ber schrieb die „FAZ“ dann aller­dings wie­der:

Ohne die von Brad­ley Man­ning an die Ent­hül­lungs­platt­form Wiki­leaks gelie­fer­ten gehei­men Regie­rungs­do­ku­men­te hät­te Maz­zet­ti man­che Zusam­men­hän­ge nicht rekon­stru­ie­ren kön­nen.

Nun zäh­len die The­men­fel­der Trans­gen­der und Trans­se­xua­li­tät im Jahr 2013 immer noch zu den etwas außer­ge­wöhn­li­che­ren, sind aber zumin­dest immer mal wie­der in Sicht­wei­te des Main­streams. Bali­an Busch­baum etwa, der als Yvonne Busch­baum eine erfolg­rei­che Stab­hoch­sprin­ge­rin war, ist häu­fi­ger in Talk­shows zu Gast und wird dort mehr oder weni­ger augen­zwin­kernd angel­anzt, wie das denn jetzt so sei mit einem … hihi: Penis. Der Ame­ri­ka­ner Tho­mas Bea­tie durf­te als „schwan­ge­rer Mann“ die Kurio­si­tä­ten­ka­bi­net­te der Bou­le­vard­me­di­en fül­len. Mina Capu­to wur­de mal Keith genannt und war als Sän­ger von Life Of Ago­ny bekannt und Lau­ra Jane Grace von der Band Against Me! begann ihre Kar­rie­re als Tom Gabel – was die Komi­ker von „Spie­gel Online“ sei­ner­zeit zu der pie­tät­vol­len Über­schrift „Gabel unterm Mes­ser“ inspi­riert hat­te.

Vie­le haben in ihrem Bekann­ten­kreis kei­ne Trans­men­schen (oder wis­sen nichts davon) und wis­sen nicht, wie sie mit einem umge­hen soll­ten. Für Jour­na­lis­ten, die aus der Fer­ne über sie schrei­ben, ist es aber mei­nes Erach­tens erst ein­mal nahe­lie­gend, die Namen und Per­so­nal­pro­no­mi­na zu ver­wen­den, die sich die betref­fen­den Per­so­nen erbe­ten haben. Und Chel­sea Man­ning hat dies expli­zit getan.

In ver­gleichs­wei­se all­täg­li­chen Situa­tio­nen schei­nen Jour­na­lis­ten übri­gens weni­ger über­for­dert: Muham­mad Ali und Kareem Abdul-Jab­bar waren schon bekann­te Sport­ler, als sie zum Islam kon­ver­tier­ten und ihre neu­en Namen annah­men. Durch Ehe­schlie­ßun­gen und ‑schei­dun­gen wech­sel­ten Schau­spie­le­rin­nen wie Robin Wright, Poli­ti­ke­rin­nen wie Kris­ti­na Schrö­der und Schmuck­de­si­gne­rin­nen wie Ales­san­dra Pocher ihre Namen und die Pres­se zog mit. Und der Fern­seh­mo­de­ra­tor Max Moor hieß bis zum Früh­jahr die­ses Jah­res Die­ter, was – nach einem kur­zen Moment des Nase­rümp­fens und Drü­ber­lus­tig­ma­chens – inzwi­schen auch kei­nen mehr inter­es­siert.

Hof­fent­lich braucht es weni­ger als 35 Jah­re, bis Chel­sea Man­nings Bit­te von den deut­schen Medi­en erhört wird.

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Rundfunk Politik

Schwarz-grün ist die Haselnuss

Ja, es war die Halb­zeit­pau­se des Fuß­ball­län­der­spiels Schwe­den – Deutsch­land, in die das „Heu­te Jour­nal“ ges­tern Abend hin­ein­sen­den muss­te. 9,3 Mil­lio­nen saßen vor dem Fern­se­her (oder, rea­lis­ti­scher: lie­ßen den Fern­se­her an, als sie gera­de erst zum Klo und dann zum Kühl­schrank gin­gen) und soll­ten sich jetzt, nach einer aus deut­scher Sicht eher ent­täu­schen­den ers­ten Halb­zeit, auf so kna­cki­ge The­men und Fremd­wör­ter wie „Son­die­rungs­ge­sprä­che“ ein­las­sen.

Mari­et­ta Slom­ka tat also lie­ber mal so, als wür­de sie mit einem Erst­kläss­ler spre­chen, des­sen Ent­wick­lung noch etwas hin­ter der sei­ner Alters­ge­nos­se hin­ter­her­hinkt. Bei den Gesprä­chen zwi­schen Uni­on und SPD am Mon­tag wur­de, so Frau Slom­ka, „nicht mehr mit Wat­te­bäusch­chen gewor­fen – es soll sogar rich­tig laut gewor­den sein“. Das mache die heu­ti­gen Son­die­rungs­ge­sprä­che mit den Grü­nen „natür­lich noch inter­es­san­ter“.

Es sei auf jeden Fall „eine span­nen­de Par­tie“, augen­zwin­ker­te Mari­et­ta Slom­ka noch. Dann ging’s los:

Hin­ter den zuge­zo­ge­nen Vor­hän­gen sit­zen sie noch immer: Schwar­ze und Grü­ne. Ein Spiel dau­ert 90 Minu­ten, heißt es, Koali­ti­ons­son­die­run­gen aber viel, viel län­ger.

Es sah ein biss­chen so aus, als wür­den zwei Mann­schaf­ten den Platz betre­ten. Vor über vier Stun­den, vor dem, ja: Ent­schei­dungs­spiel über eine mög­li­che schwarz-grü­ne Koali­ti­on.

Als würden zwei Mannschaften den Platz betreten (Screenshots: ZDF).

Wahr­schein­lich muss man froh sein, dass das „Heu­te Jour­nal“ ges­tern nicht in der Ring­pau­se eines Box­kampfs oder zwi­schen zwei Fol­gen irgend­ei­ner skan­di­na­vi­schen Kri­mi­se­rie lief. Aber das macht es ja nicht bes­ser.

Ob Absicht oder nicht: Das Fuß­ball-Fee­ling wur­de noch ver­stärkt durch einen lei­der nicht unter­ti­tel­ten O‑Ton des baye­ri­schen Grü­nen-Poli­ti­kers Anton Hof­rei­ter, von dem man als Nicht-Bay­er ent­spre­chend wenig ver­stand.

Also wei­ter im Off-Text:

Die Chan­cen, dass die Grü­nen­spit­ze sich für eine schwarz-grü­ne Koali­ti­on aus­spricht, sind indes gering. Zu groß die Unter­schie­de zur Uni­on, etwa bei der Kli­ma­po­li­tik, beim Umgang mit Flücht­lin­gen. Auf bei­den Sei­ten aber will sich nie­mand dem Vor­wurf aus­set­zen, die neue Macht­paa­rung nicht wirk­lich geprüft zu haben.

Klingt soweit meta­phern-unver­däch­tig, wenn ZDF-Repor­ter Tho­mas Reich­art beim Wort „Macht­paa­rung“ nicht die Anfüh­rungs­zei­chen, die Kur­siv­set­zung und Fet­tung aus dem Skript mit­ge­spro­chen hät­te.

Dann schwang er sich wie­der auf sein von vor­ne her­ein ziem­lich ange­schla­ge­nes Meta­phern-Pferd:

Bei den Grü­nen gehen sie trotz­dem davon aus, dass es am Ende wohl zur Gro­ßen Koali­ti­on kommt, auch wenn Scharz und Rot ges­tern mit­ein­an­der ein eher rup­pi­ges Spiel hat­ten.

Das Werk schließt mit den Wor­ten:

Solan­ge die Vor­hän­ge zuge­zo­gen sind, ist schwarz-grün noch im Spiel. Es hat aber: nur noch Außen­sei­ter­chan­cen.

Das „Heu­te Jour­nal“ in der ZDF-Media­thek.

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Digital Rundfunk

Olympiasieger im Hindernissaufen

In die­sem Blog ist in den letz­ten Mona­ten noch weni­ger los als in den Mona­ten davor. Das liegt dar­an, dass ich seit Anfang Juni für die WDR-Sen­dung „Tages­schaum“ arbei­te, die ich auch dann sen­sa­tio­nell fin­den wür­de, wenn ich nicht als „Social-Media-Beauf­trag­ter“ Teil des Teams wäre.

Das bedeu­tet zum Glück nicht, dass ich vor­le­sen muss, was die Zuschau­er bei Twit­ter geschrie­ben haben, oder unent­wegt das Wort „Hash­tag“ sagen muss, son­dern, dass ich Vide­os wie die­se aus der Sen­dung raus­fle­xen und hoch­la­den darf:

Hier kli­cken, um den Inhalt von You­Tube anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von You­Tube.

Falls Sie „Tages­schaum“ noch nie gese­hen haben, wird es lang­sam knapp, denn die Sen­dung läuft nur noch bis zum 20. Sep­tem­ber – mon­tags, diens­tags, don­ners­tags und frei­tags um 23.15 Uhr im WDR Fern­se­hen. Alle bis­he­ri­gen Fol­gen kön­nen Sie sich aller­dings auch auf You­Tube anse­hen.

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Literatur Digital

Geliefert, (fast) wie bestellt

Vor rund zwei Mona­ten hat­te ich mir hier im Blog gewünscht, Ama­zon wür­de – ana­log zum neu­en „Auto Rip“-Angebot, bei dem man die Musik frisch bestell­ter CDs direkt als MP3s her­un­ter­la­den kann – auch die Tex­te gedruck­ter Bücher zusätz­lich noch als Datei aus­lie­fern.

Heu­te hat Ama­zon reagiert und „Kind­le Match­book“ vor­ge­stellt, mit dem man die digi­ta­le Fas­sung von Büchern her­un­ter­la­den kann, die man seit 1995 bei Ama­zon gekauft hat.

Zunächst in den USA.
Für einen Preis zwi­schen 0 und 2,99 Dol­lar.
Falls der jewei­li­ge Ver­lag mit­macht.

Aber ich fin­de, das ist schon mal ein ganz guter Anfang.

[via @Atmos_CH bei Twit­ter]

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Und sie war 16

Die Sprin­ger-Bou­le­vard­zei­tung „B.Z.“ ver­öf­fent­licht heu­te den ers­ten Teil ihrer Bücher-Edi­ti­on „Klas­si­ker der Welt­li­te­ra­tur, mit Fleisch­wurst nach­emp­fun­den“:

Die Hertha-Lolita

Wenn Sie sich jetzt fra­gen: „Wor­um geht’s?“, hilft Ihnen die „B.Z.“ ger­ne mit einem rhe­to­ri­schen Fra­gen­ka­ta­log wei­ter:

Wor­um geht es? Um Sex? Ja. Sex mit einer 16-Jäh­ri­gen? Ja. Sex, auch mit einem ver­hei­ra­te­ten Mann? Ja. Sex im Kin­der­zim­mer, wäh­rend unten die klei­nen Geschwis­ter spiel­ten? Ja.

Sex im Him­mel­bett und Satz­bau aus der Höl­le? Aber hal­lo!

Nichts davon ist so ver­bo­ten, wie es sich anhört. Deut­sches Recht.

Und nichts davon soll sich so sab­bernd anhö­ren, wie es ist. Deut­scher Jour­na­lis­mus.

Im sieb­ten Absatz sind die „B.Z.“-Autoren immer noch damit beschäf­tigt, ihr The­ma weit­räu­mig zu umfah­ren:

Es geht um eine Cli­que von Fuß­ball­pro­fis, die das Herz und den Kör­per einer 16-Jäh­ri­gen unter­ein­an­der tausch­ten wie Schul­hof-Jun­gen ihre Pani­ni-Bil­der.

Die ers­ten Leser dürf­ten an die­ser Stel­le bereits aus­ge­stie­gen sein, denn die „B.Z.“ hat da bereits erklärt, dass sie kei­ne Namen nen­nen wird:

Wir müs­sen und wol­len das Mäd­chen schüt­zen. Wir dür­fen die Her­tha-Spie­ler nicht nen­nen – aus juris­ti­schen Grün­den.

Die Fuß­bal­ler hei­ßen des­halb „Her­tha-Spie­ler 1“, „Her­tha-Spie­ler 2“ und „Her­tha-Spie­ler 3“. „Einer ist ver­hei­ra­tet, einer hat eine Freun­din.“

Die „B.Z.“ schreibt von einem „bizar­ren Rei­gen“, den sie mit genug schmut­zi­gen Eck­da­ten anrei­chert, um den Leser bei der Stan­ge zu hal­ten, von dem sie sich aber auch immer wie­der mit Wer­tun­gen („Macho-Stolz“) zu distan­zie­ren ver­sucht.

Und auch wenn die „B.Z.“ vie­le ver­meint­li­che Details nennt („über Face­book zum Sex auf­ge­for­dert“, „1000 Euro für Oral­sex“, „Es gibt einen Schreib­tisch, eine Couch, ein Bett, einen gro­ßen Flach­bild­fern­se­her in der Ecke“), bleibt eine Fra­ge übrig: Was ist das eigent­lich für eine jun­ge Frau, die mit drei Fuß­ball­pro­fis in die Kis­te steigt – und dann mit die­ser Geschich­te zur „B.Z.“ rennt und den sym­pa­thi­schen Repor­tern „über 20 Sei­ten Text und neun Fotos“ zusteckt?

Die­se Fra­ge wird auch durch die­se Kurz­cha­rak­te­ri­sie­rung nicht beant­wor­tet, mit der die „B.Z.“ neben den skan­dal­gei­len und den fuß­ball­gei­len Lesern offen­sicht­lich auch noch ganz ande­re anspre­chen will:

Zum Tref­fen mit der B.Z. kommt das Mäd­chen in Hot­pants und Trä­ger­shirt. Es ist sich, kei­ne Fra­ge, sei­ner sexu­el­len Aus­strah­lung voll bewusst – und wirkt den­noch wie ein Kind. Die ver­schie­den­far­big lackier­ten Fin­ger- und Zehen­nä­gel, ihre Mäd­chen­stim­me.

„Mein Gott, ich höre mich an wie eine Schlam­pe“, sagt das Mäd­chen mit­ten im Inter­view und schlägt die Hän­de vor sein Gesicht. „Ich schä­me mich dafür.“

Ich wäre ver­sucht zu behaup­ten, das Ren­nen um den ekligs­ten Text des Jah­res sei damit ent­schie­den, aber:

Lesen Sie im nächs­ten Teil: Die Sache mit dem Mäd­chen spricht sich in Her­tha-Krei­sen her­um. Immer mehr Spie­ler mel­den sich – mit ein­deu­ti­gen Ange­bo­ten.

Nach­trag, 29. August: Die Fort­set­zung der – offen­bar kom­plett erfun­de­nen – Geschich­te gibt’s im BILD­blog.

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Digital Literatur

cmd+F „Nachtigall“

Ver­gan­ge­ne Woche hat der Inter­net­ver­sand­händ­ler Ama­zon (bekannt für den Ver­sand von Inter­neten) in Deutsch­land sein Ange­bot „Auto­Rip“ gestar­tet. Die Idee dahin­ter: Wer bei Ama­zon eine CD bestellt, kann sofort die MP3-Ver­si­on des Albums her­un­ter­la­den, schon bevor der eigent­li­che Ton­trä­ger per Post zuge­stellt wur­de.

Kei­ne ganz neue Idee, aber auch kei­ne schlech­te: Gera­de der ehe­ma­li­ge Com­pu­ter­her­stel­ler Apple ist ja inzwi­schen dazu über­ge­gan­gen, sei­ne Gerä­te ohne CD/DVD-Lauf­wer­ke aus­zu­lie­fern, so dass man die Musik gar nicht mehr ohne wei­te­res auf den Rech­ner, den MP3-Play­er oder das Mobil­te­le­fon bekommt.

Ich habe noch einen rich­ti­gen Com­pu­ter (also einen mit Lauf­werk), wes­we­gen „Auto­Rip“ für mich eher einen theo­re­ti­schen Nut­zen hat. Mir greift das Kon­zept aber auch noch nicht weit genug – ich will das Glei­che für Bücher!

Ich gehe davon aus, dass ich mich nie­mals mit soge­nann­ten E‑Book-Rea­dern und Tablets anfreun­den wer­de. Dafür mag ich Bücher ein­fach zu sehr. Aber Bücher sind lei­der nicht voll­text­durch­such­bar.

Zwar ist mein Gehirn ganz gut dar­in, sich grob zu mer­ken, was ich wo gele­sen habe – aber die Suche nach der exak­ten Text­stel­le ist häu­fig anstren­gend und nicht sel­ten gar erfolg­los. Wie prak­tisch wäre es da, alle Bücher, die ich im Regal habe, auch noch mal als PDF auf der Fest­plat­te zu haben: Ich müss­te nur noch wis­sen, nach wel­chen Wör­tern ich suchen muss, und könn­te die ent­spre­chen­de Text­stel­le sekun­den­schnell fin­den und die ent­spre­chen­de Pas­sa­ge sogar direkt per Copy & Pas­te wei­ter­ver­ar­bei­ten! Und wenn ich nicht mehr wüss­te, in wel­chem der vie­len Bücher von Dou­glas Adams oder Max Goldt die­se oder jene Stel­le jetzt vor­kam, könn­te ich buch­über­grei­fend danach suchen! Das wäre mir bei Büchern ein bis zwei zusätz­li­che Euro wert!

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Rundfunk Politik

Ich bin ein Kalauer

Eines ist schon mal sicher: US-Prä­si­dent Barack Oba­ma wird heu­te Nach­mit­tag in Ber­lin eine his­to­ri­sche Rede hal­ten. Drun­ter geht nicht, sonst ist Kai Diek­mann ent­täuscht.

Es ist ein will­kom­me­ner Anlass, mich einem Trau­ma zu wid­men, das mich seit fast zwan­zig Jah­ren ver­folgt: Im Som­mer 1994 hat­ten mir mei­ne Eltern anläss­lich der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in den USA erlaubt, wäh­rend der gro­ßen Feri­en einen Fern­se­her in mei­nem Kin­der­zim­mer auf­zu­stel­len. 1 Da nicht die gan­ze Zeit Fuß­ball lief, ich den Fern­se­her wäh­rend der sechs Wochen aber aus­gie­big nut­zen woll­te, muss­te ich mich auch an die ande­ren Inhal­te der damals sechs frei emp­fang­ba­ren Pro­gram­me her­an­ar­bei­ten. Ich sah also alle Fol­gen der Wie­der­ho­lung der inzwi­schen völ­lig in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen TV-Serie „Wenn die Lie­be hin­fällt“ mit Bri­git­te Mira, die RTL-Late-Night-Show von Tho­mas Koschwitz und auch ein eher tra­shi­ges ZDF-For­mat mit dem dama­li­gen In-ein-Bana­nen-Mikro­fon-Spre­cher und heu­ti­gen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker Ken Jeb­sen, das offen­bar „Mond­schein­show“ hieß.

Ich erin­ne­re mich an weni­ge Inhal­te die­ser Sen­dung, aber ich erin­ne­re mich dun­kel, dass ich sie schon als Zehn­jäh­ri­ger ziem­lich doof fand. Fern­seh­pro­du­zen­ten wären also gut bera­ten, die alten Bän­der noch ein­mal raus­zu­su­chen – die glei­chen Inhal­te kann man ja heu­te sicher noch mal auf die Zuschau­er los­las­sen, wenn man sie nur mil­de über­for­dern will.

Jeden­falls fiel in die­sen Som­mer auch der Besuch von US-Prä­si­dent Bill Clin­ton in Ber­lin. Bei Koschwitz war ein Schü­ler­zei­tungs­re­por­ter zu Gast, der ein Inter­view mit Clin­ton geführt hat­te, und in der „Mond­schein­show“ alber­te sich Jeb­sen im Vor­feld durch Ber­lin und such­te nach deutsch­spra­chi­gen Sät­zen, die Clin­ton in der Tra­di­ti­on von Ken­ne­dys „Ich bin ein Ber­li­ner“ zum Bes­ten geben könn­te. 2

Die Idee, mit der er am Ende selbst ankam, hat sich seit­dem in mei­nem Hirn fest­ge­fres­sen:

Ber­lin ist schön, so steht’s im Skript. Ich, Clin­ton, hab es nicht getippt!

Was macht eigent­lich Oli­ver Pocher heu­te?

  1. Die WM ist noch nicht das Trau­ma, aber nah dran.[]
  2. Ich mer­ke gera­de: Die stets der Zukunft zuge­wand­ten Leu­te von der „Bild“-Zeitung haben sich offen­bar die alten Bän­der kom­men las­sen.[]
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Digital Politik

Alles Könner

Erin­nern Sie sich noch an die Zeit, kurz bevor und kurz nach­dem Barack Oba­ma zum US-Prä­si­den­ten gewählt wur­de? Die Men­schen in aller Welt waren von einer eigen­tüm­li­chen Eupho­rie beseelt – und von einer schwe­ren lin­gu­is­ti­schen Demenz, die sich als äußerst anste­ckend erwies. Oba­mas Wie­der­wahl im ver­gan­ge­nen Novem­ber wur­de da schon in jeder Hin­sicht reser­vier­ter auf­ge­nom­men.

Ich hat­te mein Blog mit den gesam­mel­ten Oba­ma-Tritt­brett­fahr­ten schon fast ver­ges­sen. Und dann kam ges­tern die­se E‑Mail:

Lie­be Blog­ge­rin­nen und Blog­ger,

Jugend­li­che aus der You­Tube-Com­mu­ni­ty waren in den letz­ten Wochen auf­ge­for­dert, ihre Bewer­bungs­vi­de­os für die You­Tube-Kanz­ler­schaft 2013 zu pro­du­zie­ren und online zu stel­len. Über 5000 User haben jetzt gewählt und fünf Spit­zen­kan­di­da­ten ins Ren­nen geschickt. Bei der fina­len Poli­tik-Game­show „Yes, You Kanz­ler!“ wer­den die Jugend­li­chen von nam­haf­ten Politiker/​innen gecoacht; durch den Abend führt Pro­Sie­ben-Mode­ra­to­rin Had­net Tes­fai. Wir laden Blogger/​innen herz­lich ein über das gro­ße Wahl­fi­na­le zu berich­ten und per­sön­lich vor­bei­zu­kom­men.

Bei Inter­es­se fin­den Sie wei­te­re Infor­ma­ti­on hier.

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Rundfunk Musik

Von Stimmen und Tassen

Wenn Sie eine Drei­vier­tel­stun­de Zeit und ein biss­chen was für Musik übrig haben, soll­ten Sie sich die­se Key­note anse­hen, die Dave Grohl, „the unof­fi­ci­al Mayor of Rock ’n‘ Roll“ (Ste­phen Thomp­son), ver­gan­ge­ne Woche beim South By Sou­thwest Music Fes­ti­val in Aus­tin, TX gehal­ten hat:

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Ich mag ja die­se ame­ri­ka­ni­sche Art, die­se Mischung aus Lako­nie und Pathos, und ich muss­te schon stark an mich hal­ten, nicht sofort die E‑Gitarre ein­zu­stöp­seln und mei­nen Nach­barn mei­ne immer noch kläg­li­chen Ver­su­che, das „Mon­key Wrench“-Riff nach­zu­spie­len, um die Ohren zu hau­en.

Und wenn Sie dann noch etwas Zeit haben und noch ein wenig mehr Inspi­rie­ren­des über Musik zu sich neh­men wol­len, dann lesen Sie bit­te die­sen Blog­ein­trag, den Anke Grö­ner ver­gan­ge­ne Woche dar­über geschrie­ben hat, was es für sie bedeu­tet, „Tos­ca“ 1 zu sin­gen:

Ich habe einen unge­heu­ren Respekt vor dem Mann bzw. vor sei­nen Wer­ken, und des­we­gen dau­ert es jede blö­de Woche immer ein biss­chen, bis ich mich wirk­lich traue, den ers­ten Ton von mir zu geben. Das ist so, als ob du als Rie­sen-Bie­be­ris­ta das ers­te Mal vor ihm stehst und nur „Hal­lo“ sagen willst, aber dich irgend­wie nicht traust, denn man kann ja nicht ein­fach so als klei­ner Fan dem Super­star „Hal­lo“ sagen. Im Kopf glau­be ich immer, dass so ziem­lich alle Töne, die ich sin­ge, total schief sind und kräch­zig und schlimm und dass noch kein Fens­ter zer­sprun­gen ist, wenn ich das b“ sin­ge, ist eh ein Wun­der. Aber da ist plötz­lich das „Hal­lo“: Ich kann das b“ näm­lich sin­gen. Und es strengt nicht mal an. Jeden­falls brau­che ich kei­ne Kraft dafür.

Ich wer­fe bei­de Tex­te, Dave Groh­ls Key­note und Anke Grö­ners Blog­ein­trag, jetzt ein­fach mal zusam­men, was viel­leicht ein biss­chen unzu­läs­sig ist, aber letzt­lich geht es bei­de Male dar­um, sei­ne Stim­me und damit den eige­nen Platz in der Welt zu fin­den. Und wenn Dave Grohl sagt, dass es nur dar­auf ankom­me, wie man selbst sei­ne Stim­me fin­de, dann hat er ver­dammt recht. Es soll­te Phil­ipp Poi­sel, Max Her­re oder Ben Howard sehr, sehr egal sein, dass ich mit ihren Stim­men so rein gar nichts anfan­gen kann. Selbst, dass ich ihre Songs nicht hören mag, soll­te für sie völ­lig uner­heb­lich sein. Ich habe da die­se etwas hip­pie­mä­ßi­ge Ein­stel­lung, dass Musik ihre Berech­ti­gung hat, wenn sie nur einer Per­son etwas bedeu­tet – ein­zi­ge Aus­nah­me: Nazi-Rock.

Und natür­lich hat Grohl des wei­te­ren recht, wenn er sagt, man kön­ne den „Wert“ von Musik nicht ein­fach so bestim­men – und als kna­cki­ge Bei­spie­le ein­fach mal „Gang­nam Style“ und Atoms For Peace auf­führt. Ich hat­te auf mei­ner Lis­te der bes­ten Songs 2012 ja an rela­tiv pro­mi­nen­ter Stel­le „Call Me May­be“ von Car­ly Rae Jep­sen auf­ge­führt, wofür ich mir von man­chen Freun­den Fra­gen nach mei­nem Geis­tes­zu­stand gefal­len las­sen muss­te. 2 Dabei lie­be ich den Song noch heu­te und er berei­tet mir deut­lich mehr Freu­de, als irgends­o­ei­ne ange­sag­te neue Indie­band aus Eng­land. Und nur dar­um soll­te es gehen: Wel­che Musik einem Freu­de berei­tet, nicht, wel­che Musik man hören „soll­te“, um irgend­wo dazu zu gehö­ren.

Ich möch­te, weil ich ein­mal in Fahrt bin, nun völ­lig unzu­läs­si­ger­wei­se auch noch einen Text von Alex­an­der Gor­kow aus der heu­ti­gen „Süd­deut­schen Zei­tung“ 3 hin­zu­zie­hen, der vor­der­grün­dig von dem geschei­ter­ten Inter­view­ver­such von Hin­nerk Baum­gar­ten an Kat­ja Rie­mann han­delt. Es geht aber dann rela­tiv schnell und auch rela­tiv furi­os um sehr viel mehr, kurz um Clint East­wood (auch „schwie­rig“) und dann um unge­fähr alles:

Im Umgang vie­ler Medi­en mit unse­ren Künst­lern nun aber offen­bart sich eine über­aus deut­sche Betrach­tung des Künst­ler­tums an sich – und so eben auch des Künst­lers oder der Künst­le­rin: Es regiert bei uns en gros eine mit­tel­al­ter­li­che, min­des­tens klein­staat­li­che, mit­nich­ten renais­sance­haf­te, geschwei­ge denn auf­klä­re­ri­sche Sehn­sucht, wenn es um die Publi­kums­kunst geht.

Es regiert statt­des­sen, gespeist durch alle Arten von Medi­en, vor allem aber durch die Unter­hal­tungs­blät­ter und eben die TV-Sen­der, die urdeut­sche Vor­stel­lung vom Künst­ler als fah­ren­dem Schar­la­tan, der mit Schna­bel­schu­hen und Schel­len­müt­ze dafür zu sor­gen hat, einer furcht­ba­ren Ansamm­lung trü­ber, ver­blö­de­ter Tas­sen – der soge­nann­ten Bevöl­ke­rung – die Zeit bis zum Exitus zu ver­trei­ben.

Es ist, gera­de im dar­stel­len­den Gewer­be und befeu­ert von den gro­ßen auch öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­an­stal­ten, der aller­dümms­te Eska­pis­mus, der der Maxi­me zu fol­gen hat, dass jene Bevöl­ke­rung nicht zu über­for­dern sei. Die vie­len sen­sa­tio­nel­len deut­schen Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler haben des­halb nicht etwa in ers­ter Linie gut zu sein. Gin­ge es danach, wäre Vero­ni­ca Fer­res kein Star, sie wür­den auf einer Brettl­büh­ne her­um­knö­deln. Deut­sche Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler haben, zumal ihnen fast immer zu Unrecht uner­mess­li­cher mate­ri­el­ler Reich­tum ange­dich­tet wird („die Rei­chen und die Schö­nen“), zu parie­ren.

Die Hal­tung dahin­ter lau­tet: Bring mir Freu­de, oder ich bring dich um.

Wie konn­te es jetzt pas­sie­ren, dass ich von den durch­weg posi­ti­ven Tex­ten von Dave Grohl und Anke Grö­ner so schnell bei die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Wut­an­fall von Alex­an­der Gor­kow gelan­det bin? Es sind wohl irgend­wie zwei Sei­ten einer Medail­le, der Spaß an der Kunst und deren mit­un­ter uner­freu­li­che Rezep­ti­on auf der ande­ren Sei­te.

Da ich posi­tiv enden möch­te, hier ein­fach noch schnell ein Song einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings­bands, des­sen Bot­schaft mei­ne lin­ke Wade ziert!

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  1. Für alle, deren Musik­zeit­strahl auch erst mit den Beat­les beginnt: „Tos­ca“ ist laut Wiki­pe­dia eine Oper von Gia­co­mo Puc­ci­ni aus dem Jahr 1900.[]
  2. Dabei müss­ten die doch am Bes­ten wis­sen, wie ich so drauf bin.[]
  3. Online nicht ver­füg­bar.[]
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Rundfunk Print

„New York Times“ richtet „Wetten dass ..?“ hin

Es reicht den deut­schen Medi­en nicht, über „Wet­ten dass ..?“ zu schrei­ben, wenn eine neue Aus­ga­be der Sams­tag­abend­show ansteht, live gesen­det wird oder gera­de aus­ge­strahlt wur­de. Die Zeit zwi­schen den Sen­dun­gen wird mit der Wie­der­auf­be­rei­tung weit­ge­hend bekann­ter Fak­ten gefüllt oder – ganz aktu­ell – mit der Sen­sa­ti­ons­mel­dung, dass nun sogar die „New York Times“ über die Sen­dung geschrie­ben habe.

Das „Han­dels­blatt“ erklärt in sei­ner Online-Aus­ga­be, die „Times“ „ver­rei­ße“ die Sen­dung, laut Bild.de („Mögen die Amis unse­re Shows nicht?“) und „Spie­gel Online“ „läs­tert“ die „Times“ und stern.de nennt den Arti­kel „wenig schmei­chel­haft“.

Nun kann es natür­lich an mir lie­gen, aber ich fin­de in dem Arti­kel „Stu­pid Ger­man Tricks, Wea­ring Thin on TV“ vom Ber­lin-Kor­re­spon­den­ten Nicho­las Kulish wenig, mit dem sich die­se fröh­li­chen Eska­la­tio­nen („Nanu, was haben die Amis bloß gegen ‚Wet­ten, dass..?‘ “, Bild.de) begrün­den las­sen. Aber ich hat­te ja schon nicht ganz ver­stan­den, wo genau Tom Hanks und Den­zel Washing­ton nach ihren Auf­trit­ten über die Sen­dung „geläs­tert“ haben sol­len: Hanks hat­te gesagt, er ver­ste­he die Sen­dung nicht, und Washing­ton hat­te erklärt, die Sen­dung sei ein „Show­for­mat aus einer ande­ren Zeit“. Wer das ernst­haft bestrei­tet, hat die Sen­dung noch nie gese­hen – was ihn natür­lich ander­seits dafür qua­li­fi­zie­ren wür­de, im Inter­net sei­ne Mei­nung dar­über kund zu tun.

Nun zieht also Kulish angeb­lich über die Sen­dung her, auch wenn sich sein Arti­kel für mich wie eine leicht fas­sungs­lo­se Sze­ne­rie­be­schrei­bung liest, die mit ein paar Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Zita­ten ver­se­hen wur­de. „Repor­ta­ge“ hät­ten wir das frü­her in der Schu­le genannt.

„Spie­gel Online“ schreibt:

In dem Arti­kel bekom­men alle – Mar­kus Lanz, die Wet­ten und auch die Live-Dol­met­scher – ihr Fett weg. Vor allem über das Herz­stück der Show, die Wet­ten, mokiert sich Kulish: „Schrul­lig“ nennt er sie und ver­gleicht sie mit „Stu­pid Human Tricks“, einem bekann­ten Ele­ment aus David Let­ter­mans „Late Night Show“, das aller­dings dort eine weni­ger gro­ße Bedeu­tung hat – und iro­nisch gemeint ist.

Noch mal: Es kann alles an mir lie­gen. Mir fehlt offen­bar das für Jour­na­lis­ten not­wen­di­ge Gen, in jedem Ereig­nis einen Eklat, in jedem Adjek­tiv eine Wer­tung und in allem, was ich nicht ver­ste­he, den Unter­gang des Abend­lan­des zu wit­tern. Aber ist „schrul­lig“ („wacky“) wirk­lich so ein wirk­mäch­ti­ges Qua­li­täts­ur­teil oder ist es nicht ein­fach eine Beschrei­bung des­sen, was da vor sich geht? Ich mei­ne: In der betref­fen­den Sen­dung ver­such­te offen­bar ein Mann mit einem Gabel­stap­ler, Mün­zen in eine Milch­fla­sche zu bewe­gen!

Aber wei­ter im Text:

Lanz selbst muss in dem Arti­kel mit eher wenig Platz aus­kom­men – und ohne ein Zitat. […]

Neben meh­re­ren deut­schen Medi­en – auch DER SPIEGEL wird aus­gie­big zitiert – kommt in dem „NYT“-Artikel auch Film- und TV-Regis­seur Domi­nik Graf zu Wort, als ein­zi­ger Bran­chen­ma­cher.

Hier die Nicht-Zita­te von Mar­kus Lanz:

„Some peo­p­le say that if any­thing could sur­vi­ve a nuclear strike, it would be cock­roa­ches and ‚Wet­ten, Dass …?,‘ “ said its host, Mar­kus Lanz, in an inter­view after the show wrap­ped. […]

„If only the Greeks were so careful with their money,“ Mr. Lanz said.

Und hier die aus­führ­li­chen „Spiegel“-Zitate:

Com­pli­ca­ting mat­ters fur­ther, the lea­ding Ger­man news­ma­ga­zi­ne, Der Spie­gel, repor­ted last month that Mr. Gottschalk’s brot­her may have had ques­tionable busi­ness dealings with seve­ral com­pa­nies who­se pro­ducts appeared on the show. […]

Der Spie­gel asked in its latest issue, „Why are Ger­mans the only ones slee­ping through the future of TV?“ The maga­zi­ne cal­led Ger­man pro­grams „fain­the­ar­ted, harm­less, pla­ce­bo tele­vi­si­on.“

Der, wie ich fin­de, schöns­te Satz aus Kulishs durch­aus lesens­wer­tem Arti­kel wird lei­der nir­gends zitiert. Dabei fasst er den Gegen­stand viel­leicht am Bes­ten zusam­men:

On a giant screen over­head a mon­ta­ge of movie clips show­ed the young film star Mat­thi­as Schweighöfer’s bare backside.

Mit Dank auch an Ulli.

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Musik Rundfunk

Schwänze an Wänden

Ich habe das Gefühl, „The Sound Of The Life Of The Mind“, das Come­back-Album von Ben Folds Five, immer noch nicht aus­rei­chend gewür­digt zu haben. Vor allem nicht das fan­tas­ti­sche „Draw A Crowd“, das mit der viel­leicht bes­ten Lied­zei­le die­ses Jahr­zehnts daher­kommt: „If you can’t draw a crowd, draw dicks on a wall“. Das kann man nicht über­set­zen, weil der Witz dann nicht mehr funk­tio­niert, aber ich bin mir sicher, Sie ver­ste­hen es auch so.

Aber das kann ich ja jetzt ändern, denn Ben Folds Five waren die­se Woche zu Gast bei Conan O’Bri­en und haben „Draw A Crowd“ live gespielt:

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Leser fragen, Horst Seidenfaden belehrt

Vor zwei Mona­ten berich­te­ten wir im BILD­blog über unge­kenn­zeich­ne­te Nivea-Wer­bung im Inter­net­auf­tritt der „Hessischen/​Niedersächsischen All­ge­mei­nen“ (HNA). Der Kol­le­ge Mats Schö­nau­er hat­te dafür auch einen Fra­gen­ka­ta­log an den Chef­re­dak­teur der Zei­tung, Horst Sei­den­fa­den, geschickt.

Sei­den­fa­dens Ant­wort fiel etwas unter­kühlt aus:

Sehr geehr­ter Herr Schö­nau­er,

ich ken­ne Sie nicht, erken­ne auch kei­nen Hin­weis auf eine seriö­se Tätig­keit, fin­de das Vor­ge­hen bemer­kens­wert unpro­fes­sio­nell und wüss­te nicht, war­um ich mei­ne Zeit für Ihre Anfra­ge spen­den soll­te.

Gruß
Horst Sei­den­fa­den

Ich weiß nicht, ob es Mats trös­tet, aber das war offen­sicht­lich kein Ein­zel­fall.

Die HNA hat auf ihrer Inter­net­sei­te ein neu­es Pro­jekt gestar­tet, das sie als „Fra­gen zum Redak­ti­ons­all­tag der HNA“ bezeich­net:

Anre­gun­gen, Kri­tik, Fra­gen – was immer Sie auf dem Her­zen haben, schrei­ben Sie uns eine E‑Mail an online@hna.de – wir lei­ten die­se an Horst Sei­den­fa­den wei­ter. Er steht Ihnen Rede und Ant­wort.

Wer schon ein­mal in einer Redak­ti­on gear­bei­tet hat, weiß, dass dort mit­un­ter sehr, sehr merk­wür­di­ge Post von Lesern ankommt. In der Regel set­zen sich Leu­te ja nicht hin, um die wie­der mal gelun­ge­ne oder wenigs­tens okaye Bericht­erstat­tung zu lob­prei­sen, son­dern um zu kri­ti­sie­ren und Ein­bli­cke in tie­fe Abgrün­de zu gewäh­ren. Man tut gut dar­an, auf sol­che Zuschrif­ten nicht zu reagie­ren – beson­ders, wenn die Alter­na­ti­ve eine Ant­wort von Horst Sei­den­fa­den ist.

Kloog­schie­ter (Nick­na­me des Ver­fas­sers, die E‑Mail-Adres­se ist der Redak­ti­on bekannt) woll­te Fol­gen­des wis­sen:

„Mich wür­de sehr ernst­haft inter­es­sie­ren, war­um sich die deut­sche Jour­na­lie so schwer damit tut, ver­meint­li­che Tabu­the­men auf­zu­grei­fen, gleich ob dies eine unkon­trol­lier­te Zuwan­de­rung, Son­der­rech­te für Juden und Mus­li­me, Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät o.ä. betrifft. Stän­dig auf die 12jährige deut­sche Geschich­te hin­zu­wei­sen kann da ja wohl nicht ziel­füh­rend sein, zumal dies heu­te kei­nen mün­di­gen Bür­ger mehr hin­ter dem Ofen her­vor­lockt.“

Horst Sei­den­fa­den: Jour­nail­le bezeich­net in des Wor­tes Bedeu­tung eine hin­ter­häl­tig-gemei­ne Art von Jour­na­lis­ten und Zei­tun­gen. Da ich weder die HNA noch ihre Mit­ar­bei­ter dazu zäh­len kann, kann ich zu der Anmer­kung auch nichts sagen.

Okay, das ist viel­leicht nicht der glück­lichs­te Auf­takt für eine drei­tei­li­ge Fra­ge-Ant­wort-Rei­he.

Nächs­te Fra­ge:

Kai Boed­ding­haus stell­te die­se Fra­ge:

Was ist da dran? http://www.bildblog.de/43907/niveau-ist-keine-hautcreme‑5/. Mich ken­nen Sie ja, des­we­gen dürf­te ange­sichts Ihrer Trans­pa­renz­of­fen­si­ve eine Beant­wor­tung kein Pro­blem sein. Die Fra­gen der BILD­blog-Betrei­ber in die­sem Kon­text sind tat­säch­lich genau auch die mei­nen. Ich freue mich sehr auf Ihre Ant­wort und bedan­ke mich schon jetzt für Ihre Bemü­hun­gen.

Horst Sei­den­fa­den: Hal­lo, Herr Boed­ding­haus, zunächst eine klei­ne, aber für mich nicht unwich­ti­ge Kor­rek­tur: ich ken­ne Sie nicht – ich weiß ledig­lich, wer Sie sind.

*seufz*

Aber Horst Sei­den­fa­den, der über­ra­schen­der­wei­se nie als Stu­di­en­rat gear­bei­tet hat, kommt ja dann doch noch zur … äh: Sache.

Die Fra­gen aus dem Bild­blog sind ja eini­ge Tage alt, schön, dass auch Sie mitt­ler­wei­le drauf gesto­ßen sind. In der Tat haben wir in die­sem Bereich unse­rer Web­site einen Feh­ler gemacht, den wir – auf­merk­sam gewor­den durch die­sen Hin­wies – mitt­ler­wei­le kor­ri­giert haben. das ist mei­nes Wis­sens auch den Bild­blog-Machern durch unse­re Online-Redak­ti­on mit­ge­teilt wor­den, wir ach­ten künf­tig ver­stärkt auf die Tren­nung von kom­mer­zi­el­len und redak­tio­nel­len Inhal­ten. Da wir den Feh­ler ja zuge­ge­ben haben und unse­re Leh­ren dar­aus zie­hen erüb­rigt sich auch die Beant­wor­tung der Fra­gen. Ziel eines sol­chen Blogs soll­te es ja sein, Din­ge zu ver­bes­sern – das ist erfolgt.

Mit zuneh­men­der Lek­tü­re drängt sich der Ein­druck auf, dass die Redak­teu­re von hna.de ihren Chef­re­dak­teur nicht son­der­lich mögen. Sonst hät­ten sie ihm sei­ne alt­klu­gen Ein­lei­tungs­sät­ze ein­fach vor Ver­öf­fent­li­chung aus den Ant­wor­ten getilgt.

So muss sich der Leser, der eine Fra­ge zur Urhe­ber­nen­nung bei abge­druck­ten Fotos gestellt hat­te, von Sei­den­fah­ren „zunächst ein­mal“ beleh­ren las­sen, dass es kein „Deut­sches Pres­se­ge­setz“ gebe – das sei Län­der­sa­che. Dem Leser, der frag­te, wie die HNA-Redak­ti­on Feh­ler ver­mei­de bzw. kor­ri­gie­re, erklärt der Chef­re­dak­teur, „zunächst ein­mal“ sei „jeder Redak­teur für sei­nen Text oder den eines frei­en Mit­ar­bei­ters, den er bear­bei­tet, ver­ant­wort­lich“.

Ande­rer­seits muss­te er sich von sei­nen Lesern auch ganz schön was anhö­ren:

Jür­gen Töll­ner merk­te Fol­gen­des an:

Scha­de, dass die HNA nicht über­par­tei­lich ist, sie­he auch 1,5 Sei­ten „Lobes­hym­ne Mer­kel“ vor der Nie­der­sach­sen­wahl und teil­wei­se auf Bild­zei­tungs­ni­veau agiert. Aber solan­ge Sie Herr Sei­den­fa­den die Fäden in der Hand hal­ten, wird sich dar­an nichts ändern. Wegen feh­len­der Alter­na­ti­ve bin ich noch HNA-Leser, aber nicht mehr lan­ge.

Ich ken­ne die HNA zu wenig, um die Kri­tik des Lesers beur­tei­len zu kön­nen, aber in die­sem Fall ist Horst Sei­den­fa­den mal so freund­lich, mir und allen ande­ren sein Blatt genau­er vor­zu­stel­len:

Horst Sei­den­fa­den: Die HNA war im ver­gan­ge­nen Jahr von der Abo-Ent­wick­lung her die erfolg­reichs­te Zei­tung in Hes­sen. Unser Online-Auf­tritt hat bei den Besu­chen noch ein­mal 15 Pro­zent zuge­legt. Der Spit­zen­wert war 177.000 Visits am Tag. Mit ande­ren Wor­ten: So falsch kann das Kon­zept nicht sein – dass dies nicht jedem passt, liegt in der Natur der Sache.

Auch Zei­tun­gen sind Kon­sum­pro­duk­te und wenn sie so pola­ri­sie­ren, wie wir es vor allem in unse­ren Lokal­tei­len ver­su­chen, gibt es auch man­chen, dem die Sup­pe nicht schmeckt. Das ist übri­gens Bestand­teil des Kon­zepts. Ich ken­ne nur ein Print-Pro­dukt, dass mit dem Kon­zept, everybody’s dar­ling zu sein, Erfolg hat: Die Aste­rix-Hef­te. Wie auch immer – das Mer­ke-Inter­view als Lobes­hym­ne zu bezeich­nen hal­te ich schon für eine sehr grob gepi­xel­te Betrach­tung. Wenn eine Regio­nal­zei­tung wie die HNA zum ers­ten Mal in ihrer Geschich­te die Chan­ce hat, ein Exklu­siv-Inter­view mit der Regie­rungs­chefin zu machen, dann muss man dar­aus kei­nen 60-Zei­len-Arti­kel machen.

Und was die grund­sätz­li­che Beur­tei­lung des Blat­tes betrifft: Die HNA gilt in der Bran­che in Deutsch­land als eine der füh­ren­den Zei­tun­gen was Inno­va­ti­on, Leser­ori­en­tie­rung, Inter­ak­ti­vi­tät und Mul­ti­me­dia­li­tät betrifft. Aber bei man­chen gilt der Pro­phet im eige­nen Lan­de eben nichts. Natür­lich kön­nen wir Ihre Kri­tik­punk­te auch gern näher bespre­chen – wenn Sie wol­len, rufen Sie mich ein­fach an.

Ich neh­me an, Horst Sei­den­fa­den fährt ein Auto mit Hybris-Antrieb.