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Musik Rundfunk

Swim for the music that saves you

In der von mir hoch­ver­ehr­ten „Dai­ly Show“ mit Jon Ste­wart sind Musik­gäs­te eher eine Sel­ten­heit. Wenn ich nie­man­den ver­drängt habe, gab es in den drei Jah­ren, die ich die Show jetzt sehe, genau zwei Musi­kacts: Cold­play und Bruce Springsteen.

Ohne Andrew McMa­hon zu nahe tre­ten zu wol­len: Sei­ne Band Jack’s Man­ne­quin gehört eher nicht in die Rei­he die­ser Sta­di­on­fül­len­den Super­stars. Um so über­ra­schen­der und schö­ner, dass er in der letz­ten Show vor der ein­wö­chi­gen Thanks­gi­ving-Pau­se zu Gast sein durf­te, um zwei Songs aus sei­nem (sehr, sehr guten) aktu­el­len Album „The Glass Pas­sen­ger“ (s.a. Lis­ten­pa­nik 07/​09) vor­zu­stel­len.

Bei „Swim“ hat er gegen­über der Album­ver­si­on mal eben die kom­plet­te Phra­sie­rung geän­dert, aber wer beim Satz­ge­sang kei­ne Gän­se­haut bekommt, ist mut­maß­lich schon län­ger tot:

The Dai­ly Show With Jon Ste­wart Mon – Thurs 11p /​ 10c
Jack’s Man­ne­quin – Swim
www.thedailyshow.com

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Dai­ly Show
Full Epi­so­des
Poli­ti­cal Humor Health Care Cri­sis

„The Reso­lu­ti­on“ wur­de im Fern­se­hen abge­würgt, ist im Inter­net aber erfreu­li­cher­wei­se in vol­ler Län­ge zu hören (und sehen):

The Dai­ly Show With Jon Ste­wart Mon – Thurs 11p /​ 10c
Exclu­si­ve – Jack’s Man­ne­quin – The Reso­lu­ti­on
www.thedailyshow.com

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Dai­ly Show
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Poli­ti­cal Humor Health Care Cri­sis
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Digital Gesellschaft Fernsehen

Auswärtsspiel: Einheitsbrei

Jah­re­lang war ich fest davon über­zeugt, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung vom 9. Novem­ber 1989 stammt. Jeden­falls erin­ne­re ich mich dar­an, wie Men­schen mit Häm­mern auf eine bun­te Mau­er ein­schlu­gen. Im Ver­lauf des Erin­ne­rungs­over­kills in den ver­gan­ge­nen Wochen fiel mir aller­dings auf, dass ich als Kin­der­gar­ten­kind wohl kaum Abends nach 23 Uhr vor dem elter­li­chen Fern­se­her geses­sen haben dürf­te. (Genau genom­men möch­te ich ins Blaue hin­ein ein­fach mal bezwei­feln, dass es damals über­haupt Live­bil­der gab, denn um 23 Uhr stand doch sicher schon der Sen­de­schluss vor der Tür der drei Fern­seh­pro­gram­me.)

Jeden­falls war ich sehr ent­täuscht, als ich fest­stell­te, dass mei­ne ältes­te Live-TV-Erin­ne­rung dann wohl doch eher vom Sams­tag, 11. Novem­ber 1989 stammt und wahr­schein­lich noch nicht mal eine Live-TV-Erin­ne­rung ist.

JEDENFALLS: Der 6. Jahr­gangs der elec­tro­nic media school (ems) in Pots­dam hat zum gro­ßen Mau­er­fall-Jubi­lä­um die Inter­net­sei­te einheits-brei.de gestar­tet. Für die­ses Pro­jekt wur­den auch ein paar Blog­ger gefragt, wie ihnen die dies­jäh­ri­gen Fei­er­lich­kei­ten gefal­len hät­ten und was sie in fünf Jah­ren nicht wie­der sehen wol­len. Ich war einer der Befrag­ten und bin beim Ver­such, mich auf die gewünsch­ten „drei bis vier Sät­ze“ zu beschrän­ken, mal wie­der geschei­tert.

„So bit­te nicht mehr!“ auf einheits-brei.de

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Wüstenbeschimpfungen

Viel­leicht hat „Bild“ da am Don­ners­tag ver­se­hent­lich das eige­ne Gesamt­werk in 336 Zei­chen zusam­men­ge­fasst: Den gan­zen Sexis­mus, die gan­ze Into­le­ranz gegen­über ande­ren Mei­nun­gen, die gan­ze Scha­den­freu­de und das gan­ze Aus-nichts-eine-Mel­dung-machen-Müs­sen.

Und alles nur, weil sie Sahra Wagen­knecht zum „Ver­lie­rer“ machen woll­ten:

Ausriss: "Bild" vom 12. November 2009

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99 Kriegsminister

Falls Sie heu­te noch nicht am Kiosk waren: Las­sen Sie’s! Es lohnt sich nicht.

Fol­gen­des hät­te Sie in etwa erwar­tet:

Titelseite "Süddeutsche Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Der Tagesspiegel", 13. November 2009

Titelseite "Berliner Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Welt Kompakt", 13. November 2009

Titelseite "Braunschweiger Zeitung", 13. November 2009

Titelseite "Ruhr Nachrichten", 13. November 2009

Gut, es geht natür­lich auch … anders:

Titelseite "Bild", 13. November 2009

Titelseite "Hamburger Morgenpost", 13. November 2009

Titelseite "Berliner Kurier", 13. November 2009

Zwei Titel­ge­schich­ten zum Preis von einer bekom­men nur die Leser der „Abend­zei­tung“:

Titelseite "Abendzeitung", 13. November 2009

[Alle Titel­sei­ten via Mee­dia]

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Rundfunk Print Sport

Sprachlosigkeit: Die nächsten Tage

Edi­to­ri­sche Notiz: Die­sen Ein­trag habe ich ges­tern Nacht und heu­te Mor­gen kon­zi­piert. Als er fer­tig war, war er schon lan­ge über­holt. Ich ver­öf­fent­li­che ihn trotz­dem.

11. Novem­ber
Die ARD eröff­net ihren Abend mit einem „Brenn­punkt“ zum Tode Robert Enkes, es mode­riert Rein­hold Beck­mann. Weil die DFB-Pres­se­kon­fe­renz fast schon in gan­zer Län­ge in der „Tages­schau“ zu sehen war, unter­hält sich Beck­mann für den Rest der Sen­dung mit „Kicker“-Chefredakteur Rai­ner Holz­schuh. Zu Gast bei „Stern TV“ sind Ex-Natio­nal­tor­hü­ter Eike Immel, irgend­ein Psy­cho­lo­ge und „Super­nan­ny“ Katha­ri­na Saal­frank, die erklä­ren soll, wel­che Per­spek­ti­ven ein acht Mona­te altes Mäd­chen hat, deren Adop­tiv­va­ter sich gera­de umge­bracht hat. Gün­ther Jauch ver­spricht, dass man sich für die nächs­te Aus­ga­be um den Zug­fah­rer bemü­hen wer­de, der zur Zeit lei­der noch unter Schock ste­he. Zu Gast bei „Mar­kus Lanz“ ist Ex-Natio­nal­tor­hü­ter und ZDF-Exper­te Oli­ver Kahn, der zum The­ma „Sport­ler und Emo­tio­nen“ lei­der wenig bei­zu­tra­gen hat.

12. Novem­ber
„Bild“ macht mit einem ganz­sei­ti­gen Foto von der Pres­se­kon­fe­renz von Enkes Wit­we auf. Auf Sei­te 6 ist ein Fak­si­mi­le des Abschieds­briefs abge­bil­det, dar­über: „So sieht der BILD-Zeich­ner die letz­ten Sekun­den im Leben von Robert Enke.“ Die „ZDF-Repor­ter“ haben „aus gege­be­nem Anlass“ mal unter­sucht, wie leicht man eigent­lich auf so Bahn­glei­se gelan­gen kann. Bei „Harald Schmidt“ par­odiert man die Medi­en­hys­te­rie, indem man im Ver­lauf der Sen­dung gan­ze 19 Mal zu einem Repor­ter schal­tet, der neben dem Ein­gang zur Stu­dio­toi­let­te steht.

13. Novem­ber
„Enke tot, Schwei­negrip­pe und heu­te auch noch Frei­tag der 13.“, titelt „Bild“ etwas unge­lenk, aber in Hor­ror­film-Optik. Der NDR muss eine ande­re Fol­ge der „NDR-Quiz­show“ sen­den als vor­ge­se­hen, weil einem Redak­teur gera­de noch ein­ge­fal­len ist, dass es bei einer Fra­ge um den Tor­wart von Han­no­ver 96 geht. Bei „Aspek­te“ im ZDF hat man sich ent­schie­den, Peter Hand­kes „Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter“ mit ein paar Ver­satz­stü­cken anti­ker Tra­gö­di­en zu kom­bi­nie­ren.

14. Novem­ber
Nach­dem „Bild“ den vier­ten Tag in Fol­ge mit Enke auf­macht, macht sich in Fan­fo­ren Empö­rung breit. Ein­zel­ne Kom­men­ta­to­ren rufen zum Boy­kott der Zei­tung auf. Statt des abge­sag­ten Län­der­spiels Deutsch­land – Chi­le zeigt das ZDF einen Film mit Vero­ni­ka Fer­res.

15. Novem­ber
Horst-Eber­hard Rich­ter ver­han­delt in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ anhand der Bei­spie­le Robert Enke und Sebas­ti­an Deis­ler die Unmensch­lich­keit des Pro­fi­fuß­balls. Im „Dop­pel­pass“ des DSF sto­ßen Jörg Won­tor­ra und Udo Lat­tek auf das Andenken von Robert Enke an.

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Rundfunk Gesellschaft

Staatsakt

Wenn Sie der Mei­nung sind, die Ver­an­stal­tung zum 20. Jah­res­tag des Mau­er­falls heu­te Abend im ZDF sei irgend­wie wür­de­los, albern oder kla­mot­tig gewe­sen, dann haben Sie ganz sicher den Fest­akt zur Wie­der­eröff­nung des Bran­den­bur­ger Tors am 3. Okto­ber 2002 ver­ges­sen ver­drängt.

Aber da kann ich Ihnen viel­leicht kurz mit einem zeit­ge­nös­si­schen Zitat von Mar­tin Hoefs aus de.rec.tv.misc wie­der auf die Sprün­ge hel­fen:

Wenn mir jemand vor­her gesagt hät­te: „Zur Fei­er der 12jährigen Ein­heit wird ein ält­li­cher Mode­schöp­fer an einem Heli­um­bal­lon übers Bran­den­bur­ger Tor flie­gen, der­weil eine dick­li­che Opern­sän­ge­rin auf einem Hub­stap­ler vor einem Schild „Kan­dier­te Früch­te“ Film­me­lo­dien von Peter Tho­mas zum bes­ten gibt. Anschlie­ßend öff­net der flie­gen­de Mann vor dem 42ten Prä­si­den­ten der USA und ande­rer Pro­mi­nenz sei­nen (Werbe-)Reißverschluss. Nena singt als Gute-Nacht-Lied eine Cover­ver­si­on von ’99 Luft­bal­lons‘ in hal­ber Geschwin­dig­keit.“ …ich hät­te es nicht geglaubt.
[For­ma­tie­rung ange­passt]

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Literatur Digital

Restefiktion

Ursprüng­lich hat­te ich geplant, eine Geschich­te zu erzäh­len. Sie hät­te von einem Jung­jour­na­lis­ten gehan­delt, der einen fik­tio­na­len Text über einen real exis­tie­ren­den CDU-Poli­ti­ker geschrie­ben hät­te, der sich in eine real exis­tie­ren­de Lin­ken-Poli­ti­ke­rin ver­liebt. Es wäre ein okay­er Text gewe­sen, nicht über­ra­gend, aber auch nicht schlecht. Der Jung­jour­na­list hät­te expli­zit dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich um einen fik­tio­na­len Text gehan­delt hät­te. Trotz­dem hät­ten Rechts­an­wäl­te auf die­sen Text reagiert – aber nicht die der real exis­tie­ren­den Lin­ken-Poli­ti­ke­rin, die im Lau­fe der fik­tio­na­len Geschich­te immer­hin mit einem namen­lo­sen (mög­li­cher­wei­se real exis­tie­ren­den, mög­li­cher­wei­se aber auch fik­tio­na­len) ande­ren CDU-Poli­ti­ker im Bett lan­det, son­dern die des real exis­tie­ren­den CDU-Poli­ti­kers.

Ich habe die Idee, eine sol­che Geschich­te zu erzäh­len, dann aber doch wie­der ver­wor­fen.

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Print Digital

Local Boy In The Photograph

Ihm täten Lokal­zei­tungs­fo­to­gra­fen leid, schreibt der Blog­ger Sca­ry­duck. Sie sei­en hoch talen­tiert und schwach bezahlt und wür­den los­ge­schickt, um unglück­li­che Men­schen zu foto­gra­fie­ren, die auf Hun­de­hau­fen deu­ten.

In sei­nem Blog „Angry peo­p­le in local news­pa­pers“ will Sca­ry­duck des­halb die Arbeit die­ser Foto­gra­fen fei­ern. Zu sehen gibt es wüten­de Men­schen in Lokal­zei­tun­gen.

Und das scheint ein eini­ger­ma­ßen uner­schöpf­li­ches Feld zu sein:

Screenshot: apiln.blogspot.com

Mich erin­ner­te das Pro­jekt an die Samm­lung des Foto­gra­fen Peter Pil­ler, auf den ich vor eini­gen Jah­ren durch das „Süd­deut­sche Zei­tung Maga­zin“ auf­merk­sam gewor­den war. In sei­nem „Archiv Peter Pil­ler“ zeigt er Fotos aus Lokal­zei­tun­gen, fein säu­ber­lich nach Moti­ven („durch­schnit­te­ne Ein­wei­hung­bän­der“, „in Löcher bli­cken“, „Video­stills der Geld­kar­ten­be­trü­ger“, „Tat­ort­häu­ser“, „regio­na­les Leuch­ten“, „Auto berüh­ren“, „Tanz vor Logo“, …) sor­tiert.

Beson­ders ange­tan haben es mir die „Bedeu­tungs­flä­chen“:

Screenshot: peterpiller.de

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Digital Politik

Volles Vertrauen, hier in Deutschland

In der letz­ten Zeit habe ich mit meh­re­ren Radio­leu­ten gespro­chen, die sich beklag­ten, dass vie­le Bands heut­zu­ta­ge kein Inter­view­trai­ning mehr von den Plat­ten­fir­men bekä­men und des­halb im Gespräch oft etwas kon­fus rüber­kä­men und kei­ne guten O‑Töne lie­fer­ten.

Nun könn­te man ein­wen­den, Musi­ker müss­ten ja nicht pri­mär gescheit daher reden, son­dern vor allem schö­ne Musik machen. Anders ver­hält es sich da schon bei Poli­ti­kern: Noch bevor die neue Bun­des­re­gie­rung im Amt ist, haben eini­ge Kabi­netts­mit­glie­der schon durch außer­ge­wöhn­li­che Pres­se­kon­fe­ren­zen von sich reden gemacht.

Der desi­gnier­te Außen­mi­nis­ter Gui­do Wes­ter­wel­le wei­ger­te sich, eine eng­lisch­spra­chi­ge Fra­ge eines BBC-Repor­ters anzu­hö­ren und belehr­te die­sen, dass er sich in Deutsch­land befin­de. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel kan­zel­te einen nie­der­län­di­schen Repor­ter ab, der Zwei­fel an der Kom­pe­tenz Wolf­gang Schäubles als Finanz­mi­nis­ter wegen des­sen Ver­stri­ckung in die CDU-Par­tei­spen­den­af­fä­re äußer­te.

Bei­de Ant­wor­ten hät­ten sich vor weni­gen Jah­ren noch ver­sen­det – heut­zu­ta­ge wur­den sie inner­halb weni­ger Stun­den ein paar Tau­send Mal auf You­Tube ange­schaut und via Inter­net wei­ter­ver­brei­tet. Für vie­le User scheint sich zu bestä­ti­gen, was die Illus­trier­te „Der Spie­gel“ heu­te aus der Kris­tall­ku­gel berich­tet: Schwarz/​Gelb wird ein Desas­ter.

Ich habe Fritz Goer­gen, der frü­her Stra­te­gie­be­ra­ter füh­ren­der FDP-Poli­ti­ker war und heu­te als frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter arbei­tet, nach sei­ner Ein­schät­zung des The­mas gefragt und er war so freund­lich, einen klei­nen Gast­bei­trag zu ver­fas­sen:

Poli­tik? Bit­te inter­net­ter.

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Digital

Auswärtsspiel: „Und, wie war das damals bei dir?“

Hol­ger Froh­loff betreibt das Blog 5minutenpause, in dem er gera­de die Serie „Und, wie war das damals bei dir?“ gestar­tet hat. Ja, ich hab anfangs auch gedacht, dass das was mit Dr.-Sommer-Themen zu tun hät­te, aber dar­um geht’s gar nicht.

Im ers­ten Teil erklärt Hol­ger selbst, wie sein ers­ter Kon­takt mit dem Inter­net war, im zwei­ten Teil darf ich ran.

Lesen Sie, wofür 12-Jäh­ri­ge im Jahr 1996 das Inter­net nut­zen, wie mei­ne Eltern mich jah­re­lang mit einem arschlang­sa­men Inter­net­zu­gang quäl­ten und war­um ich heu­te noch vor die Tür gehe.

Das alles exklu­siv auf 5minutenpause.com

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Print Gesellschaft

No matter what the end is

Richard Wag­ner ist Redak­teur bei der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ und hat am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in sei­ner Kolum­ne „Das war’s“ fol­gen­den … Nach­ruf ver­fasst:

Rät­sel­haft blieb, war­um der unap­pe­tit­li­che Tod des höchs­tens mit­tel­mä­ßi­gen soge­nann­ten Sän­gers Ste­phen Gate­ly der längst abge­half­ter­ten soge­nann­ten Boy­group „Boy­zo­ne“ auf der in noch ande­rer Hin­sicht unap­pe­tit­li­chen Insel Mal­lor­ca den Weg in die respek­ta­ble Öffent­lich­keit fand.

[via Ste­fan Nig­ge­mei­er]

Wenn man mal von den gan­zen Unver­schämt­hei­ten Zynis­men Adjek­ti­ven absieht, 1 steht da eine gar nicht mal so unin­ter­es­san­te Fra­ge: War­um ver­schaff­te sein Tod Ste­phen Gate­ly eine Auf­merk­sam­keit, die er – wenn über­haupt – zuletzt vor zehn Jah­ren bekom­men hat­te, als er in der „Sun“ sein (mil­de erzwun­ge­nes) Coming Out hat­te?

Ganz banal gesagt fängt es natür­lich mit der Öffent­lich­keit – das Wort „respek­ta­bel“ muss Wag­ner beim wahl­lo­sen Adjek­tiv-Ein­set­zen rein­ge­rutscht sein – an, die grö­ßer ist als je zuvor. Was frü­her Gesprächs­the­ma auf dem Pau­sen­hof oder in der Tee­kü­che war, fin­det jetzt für jeden wahr­nehm­bar im Inter­net statt. Es gibt Twit­ter, Blogs, Pinn­wän­de bei Face­book, MySpace und last.fm und Bou­le­vard­zei­tun­gen, die qua­si rund um die Uhr erschei­nen. Alles bekommt heu­te mehr Auf­merk­sam­keit als vor zehn Jah­ren – viel­leicht mit Aus­nah­me eini­ger wich­ti­ger Din­ge, aber dar­über sol­len Kul­tur­pes­si­mis­ten wie Richard Wag­ner nach­grü­beln.

Eine ande­re prag­ma­ti­sche Ant­wort wäre: Weil die Frau­en, die heu­te die „People“-Ressorts und Online-Redak­tio­nen rund um den Erd­ball beset­zen, mit Boy­zo­ne auf­ge­wach­sen sind. Die Ant­wort ist aber so schlicht, dass man sie Wag­ner tat­säch­lich anbie­ten wür­de, wenn man ihn irgend­wo zwi­schen Tür und Angel trä­fe.

Aber man kann ja mal ver­su­chen, ein biss­chen tie­fer zu gehen: Erst ein­mal erzeugt ja der Tod eines Pro­mi­nen­ten 2 immer media­le Auf­merk­sam­keit – je vor­zei­ti­ger, des­to grö­ßer. Es gilt, was Nada Surf 1999 in „River Phoe­nix“ 3 san­gen:

We did­n’t know Jackie O
She was one of the peo­p­le that we did not know
Nor did we care about her hair
Her pill­box hat and her savoir fai­re
But still we thought we knew

Man nimmt halt irgend­wie am Leben von Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens teil – heu­te noch sehr viel mehr als vor zehn Jah­ren: Ste­phen Gate­ly hat­te einen Twit­ter-Account, der ja als das Sym­bol der Annä­he­rung zwi­schen Stars und ihren Fans gilt.

Als Anna Nico­le Smith, eine Frau, die aus sehr viel schlich­te­ren Grün­den berühmt war als Ste­phen Gate­ly, im Febru­ar 2007 starb, erklär­ten eini­ge Men­schen aus mei­nem Umfeld etwas irri­tiert, dass sie die­ser Todes­fall doch irgend­wie betrof­fen mache – und ich war ganz froh, dass es nicht nur mir so ging. Fünf Mona­te zuvor hat­te Smith ihre Toch­ter zur Welt gebracht, ihr Sohn Dani­el war beim Besuch am Kinds­bett gestor­ben. Das wünscht man kei­nem, auch kei­ner gro­tes­ken Medi­en­fi­gur, deren Leben von Anfang an unstern­ver­folgt schien.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Grund, war­um sich die Öffent­lich­keit und die Medi­en so sehr auf Gate­lys Tod stürz­ten, sind die „unap­pe­tit­li­chen“ Umstän­de – oder das, was die Klatsch­jour­na­lis­ten ger­ne dar­in sehen woll­ten: Erst hieß es, er sei an sei­nem eige­nen Erbro­che­nen 4 erstickt, was ja Rock­startod #1 wäre (vgl. Jimi Hen­drix, Bon Scott). Die Rede war von einer wil­den Par­ty­nacht mit sei­nem ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner und einem drit­ten Mann.

Denn, machen wir uns nichts vor: Die Tat­sa­che, dass Gate­ly schwul war, gibt der Geschich­te natür­lich noch mal eine gewis­se Wür­ze. Einer­seits ver­leiht es der Auf­stiegs­ge­schich­te vom Arbei­ter­sohn zum Pop­star ein gewis­ses tra­gi­sches Moment, dass sich Gate­ly jah­re­lang ver­stel­len muss­te, ande­rer­seits gibt es den völ­lig Enthirn­ten Gele­gen­heit zu Über­schrif­ten wie „Homo-Sän­ger erstickt am eige­nen Erbro­che­nen“. Und dann die­ser 25-jäh­ri­ge bul­ga­ri­sche „Par­ty­boy“, 5 der beim Paar in der Woh­nung war – da ist natür­lich der Phan­ta­sie zahl­rei­cher Redak­teu­re und Leser freie Bahn gelas­sen.

Dabei spricht wenig dafür, dass Gate­ly ein exzes­si­ves Leben geführt hat. Per­so­nen aus sei­nem Umfeld wer­den damit zitiert, dass er nur sel­ten Alko­hol trank und auch sonst nicht stän­dig auf Par­ty aus war. Aber sol­che Aus­sa­gen tau­gen längst nicht für so knal­li­ge Schlag­zei­len – und wenn man schon kaum etwas über sein Pri­vat­le­ben weiß und die Serio­si­tät der Quel­len eh nicht ein­schät­zen kann, dann bezieht man sich natür­lich lie­ber auf die Erzäh­lun­gen, die skan­da­lö­ser wir­ken und beim geneig­ten Leser zur Schluss­fol­ge­rung „Selbst schuld, der Herr Pop­star!“ füh­ren.

Aber all das reicht natür­lich nicht zum Pop­startod des Jah­res, nicht im Jahr 2009. Hät­te man am 20. Juni mit „Beat It“ allen­falls ein paar beson­ders Tanz­wü­ti­ge zum Bei­ne­schüt­teln bewe­gen kön­nen, waren die Tanz­flä­chen eine Woche spä­ter voll, als die ers­ten Tak­te erklan­gen. Die Anteil­nah­me – auch die eige­ne – am Tode Micha­el Jack­sons dürf­te die meis­ten Men­schen über­rascht haben. Wie ernst es wirk­lich war, merk­te ich, als mei­ne Groß­el­tern, deren größ­te Annä­he­rung an die Pop­kul­tur sonst im „Tatort“-Gucken am Sonn­tag­abend besteht, 6 mich frag­ten, was ich denn zum Tod von Micha­el Jack­son sagen wür­de. Ja, was sagt man da?

Jack­son hat­te halt irgend­wie irgend­wann ein­mal das Leben von fast jedem Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten berührt – und wenn sich das bei man­chen nur in der Ansicht nie­der­schlug, Jack­son sei wahn­sin­nig und (s.o.) an allem selbst schuld. Aber obwohl Jack­son eigent­lich spä­tes­tens seit sei­nem Pro­zess wegen Kin­des­miss­brauchs im Jahr 2005 als Witz­fi­gur galt, war das bei den Meis­ten – natür­lich nicht bei den Medi­en – schnell ver­ges­sen und es stand nur noch die Musik und die Tra­gik sei­nes Lebens im Vor­der­grund.

Und tra­gisch im eigent­li­chen Sin­ne sind in sol­chen Fäl­len ja meist das Leben des Ver­stor­be­nen (Jack­son), der Zeit­punkt (noch mal Jack­son, so kurz vor dem geplan­ten Come­back) oder die wei­te­ren Umstän­de (ver­folgt von Papa­raz­zi wie Prin­zes­sin Dia­na) des Todes – die Todes­fäl­le selbst sind fast alle­samt banal. Mehr Che­mie im Kör­per, als der ver­ar­bei­ten kann, führt zu schlich­tem Funk­ti­ons­ver­sa­gen. Wenn ein betrun­ke­ner Fah­rer viel zu schnell durch einen Tun­nel rast, kann das zur Kol­li­si­on mit einem Tun­nel­pfei­ler füh­ren, eine Geschwin­dig­keits­über­tre­tung unter Alko­hol­ein­fluss auf dem Heim­weg schnell zum Abflug, wie bei Jörg Hai­der.

Nur akzep­tie­ren will die Öffent­lich­keit natür­lich nie, dass ein Star letzt­lich mensch­lich und damit sterb­lich ist. Des­we­gen müs­sen Erklä­rungs­ver­su­che unter­nom­men wer­den, und sei­en sie noch so abwe­gig und absurd. Dann war es halt die Mafia, ein Geheim­dienst oder irgend­wel­che Ver­schwö­rer. Wenigs­tens ein Selbst­mord, damit es nicht ein­fach ein all­täg­li­cher Unfall war! Nur in sel­te­nen Glücks­fäl­len wird ein erfolg­rei­cher, jun­ger Poli­ti­ker, der eine hüb­sche Frau und süße Kin­der hat, aber Hol­ly­wood­stars und Sekre­tä­rin­nen vögelt, unter völ­lig uner­klär­li­chen Umstän­den in aller Öffent­lich­keit erschos­sen – wobei man nun wirk­lich nicht behaup­ten kann, dass die­ser Fall frei von Ver­schwö­rungs­theo­rien sei.

Der Unter­schied zwi­schen bekann­ten und unbe­kann­ten Sterb­li­chen besteht ledig­lich in der Reak­ti­on auf den Tod: Aus allen vor­ge­nann­ten Grün­den erzeugt der Tod eines Pro­mi­nen­ten eine media­le Auf­merk­sam­keit, die den Ver­stor­be­nen über­dau­ern kann. Spä­tes­tens, wenn der nächs­te Pro­mi­nen­te unter Umstän­den stirbt, die nicht „Krebs“ oder „Alter“ hei­ßen, wird Ste­phen Gate­lys Name wie­der in irgend­ei­ner Lis­te (wahr­schein­li­cher, natür­lich: in einer Bil­der­ga­le­rie) auf­tau­chen und den Musi­ker damit über­le­ben. Ob man als Fuß­no­te unsterb­lich wer­den will, ist aller­dings frag­lich.

  1. Eben­falls abse­hen soll­te man natür­lich von dem Umstand, dass da ein Band­na­me in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt ist, was mich ein­fach immer wahn­sin­nig macht. Aber das mag ein per­sön­li­ches Pro­blem sein.[]
  2. „eines soge­nann­ten Pro­mi­nen­ten“ für Richard Wag­ner.[]
  3. Benannt nach dem Schau­spie­ler, der 1993 im Alter von 23 Jah­ren an einer Über­do­sis Hero­in und Koka­in ver­starb.[]
  4. Völ­lig bizarr wäre natür­lich, mal von jeman­dem zu lesen, der an frem­dem Erbro­che­nen erstickt ist. Man könn­te aber wohl auch gut drauf ver­zich­ten.[]
  5. Wobei man über das Wort „Par­ty­boy“ ja schon fast froh und dank­bar sein muss – irgend­et­was sagt mir, dass da vor kur­zem noch „Stri­cher“ gestan­den hät­te.[]
  6. Eine Zeit lang dach­te mein Groß­va­ter, er wis­se, was eine Rap­pe­rin sei – es war die Pha­se, in der Boris Becker mit Sabri­na Set­lur liiert war.[]
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Digital

Wenn-Dehälse

Die fol­gen­de Über­schrif­ten-Samm­lung von „RP Online“ ist sicher unvoll­stän­dig:

Wenn Cheerleader zu Models werden
Wenn die Schweinegrippe das Büro erreicht
Wenn Harald Schmidt Brause leckt
Wenn Zebrafische Modell sitzen
Wenn Sportler weinen
Wenn der Fiskus zu viel zahlt
Wenn Videospiele auf Filme treffen
Wenn zwei Stars zu einem verschmelzen
Wenn der Chef die Muskeln spielen lässt
Wenn Marken siegen
Python erwürgt Halter: Wenn Tiere Menschen gefährlich werden
Wenn der Westwind weht
Chronik: Wenn Eltern ihre Kinder töten
Wenn Bulldoggen Zigarre rauchen
Wenn Menschen der Blitz trifft
Wenn Mama und Papa sich trennen
Wenn der Headhunter anruft
Wenn der Lanz powert
Wenn eine Bank ihr Geld verschenkt
Wenn das Burnout-Syndrom zuschlägt
Wenn Promis nackt für Tiere protestieren
Wenn Klimaanlagen Bakterien schleudern
Wenn aus Promi-Kerlen Mädels werden
Wenn Tiere Liebe machen
Wenn die Büro-Gerüchteküche brodelt
Wenn es mit dem Chef Zoff gibt
"Körperwelten": Wenn Leichen Fußball spielen
Wenn die Wohnung krank macht
Wenn Juristen Hartz IV brauchen
Wenn ältere Männer junge Frauen lieben
Wenn ältere Frauen junge Männer lieben

… das ist schon einen Asbach Uralt wert.