Kategorien
Gesellschaft

Nichts Wissen macht nichts

Als im Früh­jahr 2000 die ers­te „Big Brother“-Staffel in Deutsch­land lief (die selt­sa­mer­wei­se nicht zum erwar­te­ten Unter­gang des Abend­lan­des führ­te), geis­ter­te für kur­ze Zeit eine Mel­dung durch die Medi­en, die auch die Men­schen erreich­te, die „Big Brot­her“ nie gese­hen hat­ten: Der Kan­di­dat Zlat­ko Trp­kov­ski1 hat­te nicht gewusst, wer Wil­liam Shake­speare war. Ich erin­ne­re mich dar­an, wie mei­ne Fami­lie sich beim Oster­kaf­fee­trin­ken dar­über echauf­fier­te: dass man sowas nicht wis­se, sei doch „beschä­mend“. Lei­der war ich nicht schlag­fer­tig oder Wil­lens genug, die der­art erhitz­ten Grals­hü­ter der Kul­tur zu einem Kurz­re­fe­rat über den bri­ti­schen Dich­ter­fürs­ten auf­zu­for­dern („Nur die wich­tigs­ten Lebens­da­ten und Wer­ke – und sag nicht ‚Romeo und Julia‘ und ‚Ham­let‘!“) – ich bin mir sicher, es wäre „beschä­mend“ gewor­den.

Das Argu­ment, mit dem die Kri­ti­ker von einem Auto­me­cha­ni­ker basa­le Lite­ra­tur­ken­nt­nis­se ein­for­dern woll­ten, ist das glei­che, mit dem man in Abitur­prü­fun­gen ange­hen­de Bank­kauf­leu­te zur Pho­to­syn­the­se befragt, Theo­lo­gen zur Sto­chas­tik und Medi­zi­ner zum Expres­sio­nis­mus: „All­ge­mein­bil­dung“.

Nun ist gegen eine ordent­li­che All­ge­mein­bil­dung an sich nichts ein­zu­wen­den: Es ist auch für Auto­me­cha­ni­ker, Tech­ni­ker des Kampf­mit­tel­räum­diens­tes und Super­markt­kas­sie­re­rin­nen nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen, dass sie mal in Situa­tio­nen gera­ten, in denen es von Vor­teil sein kann, Wis­sen über den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, die Theo­rien eines Adam Smith oder die Fil­me Jean-Luc Godards ein­zu­streu­en. Aller­dings wird ihnen in 85% der Fäl­le Gün­ter Jauch oder einer sei­ner Klo­ne gegen­über­sit­zen und sie um die Ant­wort „A“, „B“, „C“ oder „D“ bit­ten – oder ein poten­ti­el­ler Chef, der sich gezwun­gen sieht, die Anzahl der Stel­len­be­wer­ber mas­siv zu dezi­mie­ren. Man stel­le sich im Gegen­zug mal den Auf­schrei vor, der durchs Land gin­ge, wenn ein Biblio­the­kar im Vor­stel­lungs­ge­spräch gefragt wür­de, ob er denn auch ein biss­chen Ahnung von Stark­strom­elek­trik hät­te.

All­ge­mein­bil­dung um der All­ge­mein­bil­dung Wil­len hilft nie­man­dem. Ob einem zum Namen Wil­liam Shake­speare jetzt „Romeo und Julia“ und „Ham­let“ ein­fal­len oder gar nichts, macht eigent­lich kei­nen Unter­schied. Wer sein Abitur macht, kann in der Prü­fung viel­leicht die wich­tigs­ten Daten des ers­ten Welt­kriegs run­ter­rat­tern, aber was außer einer aus­rei­chen­den Geschichts­no­te hat er davon, wenn er mit die­sen Daten nichts ver­bin­det und sie spä­tes­tens beim Begie­ßen des Abischnitts wie­der ver­ges­sen hat?

1999 ver­öf­fent­lich­te Diet­rich Schwa­nitz sein Buch „Bil­dung – Alles, was man wis­sen muss“, das sofort ein Best­sel­ler wur­de. Auch wenn der Unter­ti­tel iro­nisch gemeint war, durch­weht das Buch doch eine ober­leh­rer­haf­te Ein­stel­lung und ein mit­un­ter bedroh­li­cher Hang zur Ver­knap­pung. Wer sich bewusst einen Über­blick über Phi­lo­so­phie, Geschich­te und Lite­ra­tur ver­schaf­fen kann, kann natür­lich eben­so beru­higt zu Schwa­nitz grei­fen wie ein ober­fläch­lich natur­wis­sen­schaft­lich inter­es­sier­ter Leser zu Bill Bry­son oder jeder ande­re zur Wiki­pe­dia. Wen aber nichts der­glei­chen inter­es­siert, der wird auch mit noch so guten „Ein­füh­run­gen“ nichts anzu­fan­gen wis­sen.

Das „Recht auf Bil­dung“ ist kei­ne Pflicht. Zwar erleich­tert es die Ein­ord­nung gesell­schaft­li­cher Vor­gän­ge, wenn man mit den Gedan­ken von Kant, Hob­bes oder Les­sing ver­traut ist, die blo­ße Nen­nung von kate­go­ri­schem Impe­ra­tiv, „Levia­than“ und „Nathan der Wei­se“ hin­ge­gen ist nicht son­der­lich hilf­reich. Aber Halb­wis­sen ist mitt­ler­wei­le nicht nur gesell­schaft­lich akzep­tiert, son­dern wird gera­de­zu gefor­dert2. Fast jeder Radio­sen­der hat Call-in-Sen­dun­gen, in denen die Hörer erzäh­len sol­len, was sie von Mafia­mor­den in Deutsch­land oder der glo­ba­len Erwär­mung hal­ten. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass immer wie­der Men­schen mit nur unzu­rei­chen­der Kennt­nis der Sach­la­ge von diver­sen Medi­en als „Exper­te“ in die Öffent­lich­keit gezerrt wer­den und sich dort den Ruf rui­nie­ren.

1 Ich wuss­te ohne Nach­zu­schla­gen, wie man die­sen Namen schreibt.
2 Spre­chen Sie eine belie­bi­ge Per­son auf die The­men „Glo­ba­li­sie­rung“, „Islam“ oder „Online-Durch­su­chung“ an und ren­nen Sie schrei­end weg!

Kategorien
Rundfunk Gesellschaft

Das Ende der Herman-Schlacht

Manch­mal bin ich doch über­rascht von der Schnel­lig­keit eines öffent­lich-recht­li­chen Sen­ders.

Da schreibt das „Ham­bur­ger Abend­blatt“ am Frei­tag als ein­zi­ge anwe­sen­de Zei­tung dar­über, dass Eva Her­man bei der Prä­sen­ta­ti­on ihres neu­en Buches „Das Prin­zip Arche Noah“ die „Wert­schät­zung der Mut­ter“ im Natio­nal­so­zia­lis­mus als „sehr gut“ bezeich­net habe (mehr zur „rela­tiv ein­ge­schränk­ten“ Wert­schät­zung der Mut­ter bei den Nazis gibt’s bei wirres.net) und schon am Sonn­tag ver­mel­det „Welt Online“ Voll­zug:

Vol­ker Her­res, NDR-Pro­gramm­di­rek­tor Fern­se­hen, sag­te: „Frau Her­mans schrift­stel­le­ri­sche Tätig­keit ist aus unse­rer Sicht nicht län­ger ver­ein­bar mit ihrer Rol­le als Fern­seh­mo­de­ra­to­rin und Talk-Gast­ge­be­rin. Dies ist nach ihren Äuße­run­gen anläss­lich einer Buch­prä­sen­ta­ti­on in der ver­gan­ge­nen Woche deut­lich gewor­den.“

Im Gegen­satz zu 3,7 Mil­lio­nen ande­ren Arbeits­lo­sen in Deutsch­land wird Frau Her­man auch ohne ihren Pos­ten als freie NDR-Mit­ar­bei­te­rin gut ver­die­nen, denn ver­mut­lich wird gera­de die­se Geschich­te den Erfolg ihres Buches noch wei­ter vor­an­trei­ben.1 Trotz­dem fin­de ich es beru­hi­gend, dass Per­so­nen, die der­art unre­flek­tiert über die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus spre­chen, nicht wei­ter durch Fern­seh­ge­büh­ren finan­ziert wer­den.

[via Pott­blog]

1 Auch wenn ich glau­be, dass ihre Bücher mehr gekauft und weni­ger gele­sen wer­den.

Kategorien
Gesellschaft

Wir nennen es Arbeitsplatz

Nach­dem mein Com­pu­ter vor­ges­tern kaputt gegan­gen ist, sit­ze ich nun schon den zwei­ten Tag in Fol­ge in der Uni-Biblio­thek. Es ist wie­der der glei­che PC wie ges­tern (nur die Jalou­sien sind heu­te wegen erheb­li­cher Bewöl­kung und Regens die gan­ze Zeit über oben) und ich füh­le mich schon fast ein biss­chen, als sei das hier mein Arbeits­platz. Neben mir arbei­ten ande­re jun­ge Men­schen an ihren Semi­nar­ar­bei­ten, ab und an fliegt eine Tau­be gegen die Fens­ter­front und gleich wer­de ich mal sehen, was die Kaf­fee­bar im Erd­ge­schoss so zu bie­ten hat.

Kurz­um: Smells like Groß­raum­bü­ro und gere­gel­ten Arbeits­zei­ten. Und soll ich Euch was sagen, Ihr digi­ta­len Bohé­mi­ans? Ich fin­de das super!

End­lich gehe ich Abends wie­der ins Bett, wenn ich müde bin, und nicht erst, wenn Feed­rea­der und ICQ wirk­lich abso­lut gar nichts mehr her­ge­ben. Ich trin­ke mei­nen Kaf­fee am Früh­stücks­tisch (wo einer mei­ner Mit­be­woh­ner heu­te freund­li­cher­wei­se sogar eine Zei­tung, na gut: die „Welt kom­pakt“ hin­ter­legt hat­te) und nicht vor dem Moni­tor, in gefähr­li­cher Schlab­ber­nä­he zur Tas­ta­tur. Ich wer­de heu­te Abend nach Hau­se gehen und mich mit den Wor­ten „Schatz, ich bin wie­der da-ha!“ mei­nem Fern­se­her wid­men. Oder etwas in der Art.

Ich über­le­ge in Zukunft, wenn mein Com­pu­ter wie­der läuft, eine klei­ne Besen­kam­mer anzu­mie­ten, wo ich ihn rein­stel­len kann. So muss ich zwi­schen­durch an die fri­sche Luft und mein Zim­mer ist nicht mehr ein Büro mit Bett, son­dern ein Wohn­zim­mer. Viel­leicht reicht es aber auch, wenn ich mich ein­fach dazu zwin­ge, das doo­fe Ding, das so unglaub­lich prak­tisch ist, ein­fach mal aus­zu­schal­ten oder aus­zu­las­sen.

Kategorien
Gesellschaft

„Grüß dich ins Knie!“

Tho­mas Knü­wer schrieb heu­te Mor­gen über Star­bucks, die Hass­lie­be jedes auf­rech­ten Kof­fe­in-Jun­kies, und den dor­ti­gen Ser­vice. Es dau­er­te exakt vier Kom­men­ta­re, bis sich die Ers­te über „die­se dröh­nen­de Supi-ich-hab-dich-lieb-Kun­de-Fröh­lich­keit“ beklag­te, und obwohl ich nach wie vor nicht viel von Bezeich­nun­gen wie „typisch deutsch“ hal­te, wuss­te ich augen­blick­lich, dass ich mal wie­der auf ein klas­sisch deut­sches Dilem­ma gesto­ßen war: Freund­lich­keit macht den Deut­schen miss­trau­isch. Edu­ard Zim­mer­mann und Ali­ce Schwar­zer haben ihre jewei­li­gen Lebens­wer­ke dar­auf ver­wen­det, dass man in Deutsch­land immer damit rech­net, gleich über­fal­len oder ver­ge­wal­tigt zu wer­den, sobald mal jemand freund­lich zu einem ist.

Spricht man mit Men­schen über die Dienst­leis­tungs­men­ta­li­tät in Deutsch­land (führt also eine eher hypo­the­ti­sche Dis­kus­si­on), wird man häu­fig von der „auf­ge­setz­ten Freund­lich­keit der Ame­ri­ka­ner“ hören. Wie so oft bei anti­ame­ri­ka­ni­schen Vor­ur­tei­len ver­ste­hen die Kri­ti­ker ame­ri­ka­ni­schen Umgangs­for­men nicht und/​oder waren selbst noch nie in den USA. Und, zuge­ge­ben: Als ich im letz­ten Jahr drei Mona­te in San Fran­cis­co leb­te, war ich anfangs auch genervt von „Hi, how are you?“ und „Have a nice day“, bis mir däm­mer­te, dass die­se Freund­lich­kei­ten tat­säch­lich mei­ner Lau­ne zuträg­lich waren. Der Vor­wurf „Das inter­es­siert doch kei­nen, wie es einem geht“, mag ja stim­men, nur inter­es­siert das in Deutsch­land auch nie­man­den. Auch auf die Gefahr hin, Sie schwer zu ent­täu­schen: Solan­ge es sich nicht um Ihre bes­ten Freun­de, aus­ge­wähl­te Fami­li­en­mit­glie­der oder Ihren The­ra­peu­then han­delt, inter­es­siert es kei­ne Sau, wie es Ihnen geht. Also machen Sie sich nicht die Mühe, an Ihr aktu­el­les Befin­den zu den­ken, an das gan­ze Elend, das sie gera­de durch­ma­chen – ver­drän­gen Sie’s und sagen Sie „Bes­tens, Dan­ke! Und selbst?“

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird“, lau­tet ein Sprich­wort und ange­denk des­sen, was man sich in man­chen Super­märk­ten, Beklei­dungs­fach­ge­schäf­ten und Elek­tro­märk­ten als zah­len­der Kun­de bie­ten las­sen muss, könn­te man fast anneh­men, die Läden sei­en in Wahr­heit gut­ge­tarn­te Light-Vari­an­ten eines Domi­na-Stu­di­os. „Wer ficken will, muss freund­lich sein“, lau­tet ein ande­res Sprich­wort und der auf­merk­sa­me Beob­ach­ter wird fest­stel­len, dass an mög­li­che Bett­part­ner somit deut­lich höhe­re Anfor­de­run­gen gestellt wer­den als an Ver­käu­fe­rin­nen. Trotz­dem haben mehr Leu­te Sex als einen Arbeits­platz im Dienst­leis­tungs­sek­tor.1

Beson­ders kon­ser­va­ti­ve Zeit­ge­nos­sen wer­den – „Freund­lich­keit hin oder her!“ – auch die Mei­nung ver­tre­ten, die­se „Boden­stän­dig­keit“ lie­ge nun mal im Wesen des Deut­schen, lächeln hin­ge­gen nicht. Nun weiß ich nicht, wie viel Pro­zent des Frem­den­ver­kehrs in Deutsch­land auf Leu­te ent­fal­len, die extra hier­her kom­men, um einen brum­me­li­gen Ber­li­ner Taxi­fah­rer oder einen pam­pi­gen Köbes in einem Köl­ner Brau­haus zu begu­cken. Aber wür­de man sol­che Leu­te über­haupt ken­nen­ler­nen wol­len?

Haben Sie noch einen schö­nen Tag!

1 Inwie­weit der inne­re Zwang eini­ger Deut­scher, immer und über­all rau­chen zu wol­len, damit zusam­men­hängt, möge ein jeder bit­te selbst ergrün­den.

Kategorien
Digital Gesellschaft

Auf nach Nordkorea!

Ken­nen Sie die Fir­ma Cal­lac­ti­ve? Cal­lac­ti­ve ist eine Ende­mol-Toch­ter, die Anruf­spiel­shows pro­du­ziert, die nachts im Fern­se­hen lau­fen.

Ich hät­te (wie vie­le ande­re ver­mut­lich auch) nie im Leben von Cal­lac­ti­ve gehört bzw. mir die­sen Fir­men­na­men nie gemerkt, wenn Cal­lac­ti­ve nicht den Betrei­ber des kri­ti­schen Web­fo­rums call-in-tv.de vor Gericht zitiert und es damit auch in ein Main­stream-Medi­um wie „Spie­gel Online“ geschafft hät­te. Oder wenn Cal­lac­ti­ve nicht Ste­fan Nig­ge­mei­er, einen der meist­ge­le­se­nen deut­schen Blog­ger, abge­mahnt hät­te (für Kom­men­ta­re, die Leser abge­ge­ben hat­ten), was dann sogar dem öster­rei­chi­schen „Stan­dard“ eine kur­ze Mel­dung wert war.

Als ahnungs­lo­ser, nai­ver Zuschau­er (des Gesche­hens, nicht der Sen­dun­gen) sit­ze ich vor sol­chen Mel­dun­gen und fra­ge mich, ob man es im Umfeld von Cal­lac­ti­ve wirk­lich für klü­ger hält, im Kon­text der Pro­zes­se von renom­mier­ten Medi­en als „der umstrit­te­ne Gewinn­spie­le­ver­an­stal­ter Cal­lac­ti­ve“ bezeich­net zu wer­den, als die Kri­tik der Web­kom­men­ta­to­ren (auch wenn die­se mit­un­ter etwas über­spitzt for­mu­liert sein mag) ein­fach zu igno­rie­ren. Immer­hin dürf­ten call-in-tv.de und das Blog von Ste­fan Nig­ge­mei­er (durch­schnitt­lich 5.000 Besu­cher täg­lich) deut­lich weni­ger Leser haben als die Anrufsen­dun­gen Zuschau­er und die Schnitt­men­ge bei­der Ziel­grup­pen dürf­te ver­schwin­dend gering sein.

Jeden­falls: Cal­lac­ti­ve hat Ste­fan Nig­ge­mei­er ein wei­te­res Mal abge­mahnt – wie­der geht es um einen Leser­kom­men­tar:

Es geht um einen Kom­men­tar, den ein Nut­zer am ver­gan­ge­nen Sonn­tag um 3.37 Uhr früh unter die­sem Ein­trag abge­ge­ben hat. Ich habe die­sen Kom­men­tar unmit­tel­bar, nach­dem ich ihn gese­hen habe, gelöscht: Das war am Sonn­tag um 11.06 Uhr.

Zunächst ein­mal fällt auf, dass man Ste­fans Blog bei Cal­lac­ti­ve offen­bar mit Argus­au­gen beob­ach­tet – wem sonst wäre ein mit­ten in der Nacht geschrie­be­ner und am Sonn­tag­vor­mit­tag gelösch­ter Kom­men­tar zu einem Blog­ein­trag, der zuvor wäh­rend Ste­fans Urlaub und mei­nes Blog­sit­tings zehn Tage lang für Kom­men­ta­re gesperrt gewe­sen war, auf­ge­fal­len?

Dann fällt auf, dass da offen­bar end­lich Klar­heit geschaf­fen wer­den soll auf dem Gebiet der immer noch recht schwam­mi­gen Foren­haf­tung. Eine Klar­heit, die Ste­fan so sieht:

Hät­te Cal­lac­ti­ve mit die­sem Vor­ge­hen Erfolg, wäre das mei­ner Mei­nung nach das Ende der offe­nen Dis­kus­si­on in Foren und Blogs, in den Leser­kom­men­ta­ren von Online-Medi­en und im Inter­net über­haupt. Selbst Bei­trä­ge, die unmit­tel­bar nach ihrem Erschei­nen vom Sei­ten­be­trei­ber gelöscht wer­den, könn­ten dann kos­ten­pflich­ti­ge Abmah­nun­gen nach sich zie­hen; sämt­li­che Kom­men­ta­re müss­ten vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung über­prüft wer­den.

Man möch­te hin­zu­fü­gen: Und selbst, wenn der Betrei­ber eines Forums oder Blogs alle Kom­men­ta­re vor der Ver­öf­fent­li­chung über­prü­fen und nur die ihm unbe­denk­lich erschei­nen­den frei­schal­ten wür­de, könn­te er hin­ter­her immer noch belangt wer­den, falls sich irgend­ei­ne abwe­gi­ge Inter­pre­ta­ti­on des Geschrie­be­nen fin­den und vor Gericht durch­drü­cken lie­ße.

Mit die­ser Angst müss­ten aber nicht nur Blog­ger leben, auch die Kom­men­tar- und Dis­kus­si­ons­funk­tio­nen nam­haf­ter Online-Medi­en wie „Spie­gel Online“, „sueddeutsche.de“ oder „FAZ.net“ könn­ten allen­falls noch mit einem enor­men Per­so­nal­auf­wand auf­recht­erhal­ten wer­den. Bewer­tungs­por­ta­le wie Ciao, Qype, ja: selbst Ama­zon müss­ten stän­dig in Sor­ge sein über das, was ihre User und Kun­den da an (gewünscht sub­jek­ti­ven) Ein­trä­gen ver­fas­sen.

Mit ande­ren Wor­ten: Es gin­ge schnell nicht mehr „nur“ um Mei­nungs- oder Pres­se­frei­heit, es gin­ge auch ganz knall­hart um wirt­schaft­li­che Aspek­te, denn kein Unter­neh­men begibt sich bereit­wil­lig auf juris­ti­sche Minen­fel­der. Es geht, lie­be Poli­ti­ker, auf lan­ge Sicht um Steu­er­gel­der, das Brut­to­in­lands­pro­dukt und – *tat­aaaa* – Arbeits­plät­ze. Deutsch­land könn­te irgend­wann wie Nord­ko­rea sein, nur ohne Kim Yong-Il. Das will sicher nie­mand, auch nicht die Poli­ti­ker, die jeden Tag aufs Neue zu bewei­sen ver­su­chen, dass sie von den sog. neu­en Medi­en nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Um vom Abs­trak­ten wie­der zum Kon­kre­ten zu kom­men: Cal­lac­ti­ve dürf­te es mit der jüngs­ten Akti­on gelun­gen sein, das Blogo­sphä­ren-The­ma die­ser Tage zu wer­den: Bei Spree­blick, einem der ande­ren viel­ge­le­se­nen Blogs in Deutsch­land, ist man The­ma, aber auch hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Eigent­lich ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis auch die „klas­si­schen“ Medi­en das The­ma für sich ent­de­cken.

In eini­gen Blogs sind inzwi­schen sogar Kom­men­ta­to­ren auf­ge­taucht, die sich „Cal­lac­ti­ve“ nen­nen und den angeb­li­chen Satz, um den sich dies­mal alles dreht, zitie­ren (er wur­de inzwi­schen von den Blog-Betrei­bern unkennt­lich gemacht). Soll­te die­ser Kom­men­tar echt sein (was Cal­lac­ti­ve gegen­über dem Blog­ger Valen­tin Toma­schek zu bestä­tigt haben scheint), wäre das höchst inter­es­sant: Ers­tens wäre es recht offen­sicht­lich, dass Cal­lac­ti­ve das Inter­net sehr genau auf mög­li­che Erwäh­nun­gen des Fir­men­na­mens über­wacht (was natür­lich ihr gutes Recht ist), und zwei­tens hät­te Cal­lac­ti­ve den Satz, den zuvor nie­mand kann­te und des­sen wei­te­re Ver­brei­tung man mit der Abmah­nung an Ste­fan ver­hin­dern woll­te, damit laut­stark in die Welt getra­gen. Außer­dem ver­weist der Kom­men­tar auf den ein­zi­gen halb­wegs Nig­ge­mei­er-kri­ti­schen Blog­ein­trag zum The­ma bei F!XMBR, was wie­der­um Chris von F!XMBR dazu brach­te, sich von der loben­den Erwäh­nung sei­nes Blogs in den ver­meint­li­chen Cal­lac­ti­ve-Kom­men­ta­ren zu distan­zie­ren.

Es könn­te inter­es­sant sein, sich heu­te Abend doch mal Cal­lac­ti­ve-Sen­dun­gen (auf Viva, Nick und Come­dy Cen­tral) anzu­se­hen …

Kategorien
Politik Gesellschaft

Stopf den Tisch oder ich butter dir die Bremen

Auch wenn uns poli­tisch wenig bis gar nichts ver­band, war Hel­mut Kohl immer „mein“ Kanz­ler. Er war schon Kanz­ler, als ich auf die Welt kam, und als er es plötz­lich (nach 16 Jah­ren!) nicht mehr war, war ich ver­wirrt. Sag­te der Nach­rich­ten­spre­cher „Bun­des­kanz­ler“, ver­voll­stän­dig­te ich im Geis­te „Hel­mut Kohl“. In mei­ner Erin­ne­rung wird Kohl immer zu glei­chen Tei­len die „Hur­ra Deutschland“-Gummipuppe und der Fels in der Bran­dung sein. Er war der gro­ße „Aus­sit­zer“, die sprich­wört­li­che deut­sche Eiche, die es nicht im min­des­ten inter­es­sier­te, wel­che Sau sich gera­de wie­der an ihr rieb. Kohl hat sie alle über­stan­den: Schmidt, Strauß, Möl­le­mann. Es gab Bücher vol­ler Kohl-Wit­ze und ich wür­de ihm zutrau­en, dass er, wenn ihm mal jemand ein sol­ches Buch geschenkt hät­te, die­ses demons­tra­tiv auf dem Fens­ter­brett der Gäs­te­toi­let­te sei­nes Oggers­hei­mer Bun­ga­lows plat­ziert hät­te, um zu zei­gen, wie wenig ihn das alles anfocht. Wenn er doch mal die Con­ten­an­ce ver­lor, wie als er sich in Hal­le auf einen Mann stürz­te, der ihn mit Eiern bewor­fen hat­te, dann zeig­te er in einer sol­chen Sze­ne Mensch­lich­keit, phy­si­sche Prä­senz und den Wil­len, sich not­falls selbst zu ver­tei­di­gen. Die Hal­len­ser Eier­wurf-Geschich­te ist eine Epi­so­de in der an Epi­so­den nicht armen Außen­wir­kung Kohls. Sei­ne inne­re Ruhe geht so weit, dass ihn auch die Bon­ner Staats­an­walt­schaft nicht davon über­zeu­gen kann, sein Ehren­wort zu bre­chen.

Kohls Nach­fol­ger als Bun­des­kanz­ler war Ger­hard Schrö­der, der unter ande­rem dadurch in die Geschich­te und das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis ein­ging, dass er gericht­lich gegen die Behaup­tung vor­ging, sein gleich­mä­ßig dunk­les Haupt­haar sei gefärbt. Etwa fünf Jah­re spä­ter setz­te Schrö­ders Gat­tin gericht­lich durch, dass der „Stern“ nicht behaup­ten darf, sie habe die Idee gehabt, eine Neu­wahl des Bun­des­tags mit­tels Ver­trau­ens­fra­ge zu erwir­ken. Hel­mut Kohl wur­de zu die­ser Zeit, allen Ehren­wor­ten zum Trotz, als Kan­di­dat für den Frie­dens­no­bel­preis gehan­delt.

Eben­falls einen Pro­zess gewann im Jahr 2005 Schrö­ders dama­li­ger Ver­kehrs­mi­nis­ter Man­fred Stol­pe. Er darf seit­dem nicht mehr als „ehe­ma­li­ger Sta­si-Mit­ar­bei­ter“ oder „IM“ bezeich­net wer­den, auch wenn Stol­pe selbst sagt, er habe als Sekre­tärs des Bun­des der Evan­ge­li­schen Kir­che der DDR „zu vie­len staat­li­chen Stel­len Kon­takt gehal­ten, dar­un­ter auch zur Staats­si­cher­heit“, und der Birth­ler-Behör­de Akten vor­lie­gen, die den Ver­dacht erhär­ten, Stol­pe sei als Infor­mel­ler Mit­ar­bei­ter „gewor­ben“ wor­den. Die soge­nann­te „Stol­pe-Ent­schei­dung“ des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts besagt im Kern, dass es bei einer mehr­deu­ti­gen Äuße­rung aus­rei­che, wenn nur eine mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on die­ser Äuße­rung die Per­sön­lich­keits­rech­te des Klä­gers ver­let­ze.

Natür­lich möch­te nie­mand Unwahr­hei­ten oder Belei­di­gun­gen über sich selbst lesen und selbst­ver­ständ­lich gibt es einen Unter­schied zwi­schen der Aus­sa­ge „Lukas hat­te Kon­tak­te zu Apfel­die­ben (weil er in der Grund­schu­le neben einem saß)“ (Saß ich nicht, bzw. ich wüss­te nichts davon. Es ist ein Bei­spiel, lie­be frü­he­ren Mit­schü­ler!) und „Lukas war/​ist ein Apfel­dieb“. Nur haben die Ver­fas­sungs­rich­ter mit die­sem Grund­satz­ur­teil die Büch­se der Pan­do­ra geöff­net, denn mehr­deu­tig und inter­pre­tier­bar ist eine gan­ze Men­ge: Eine ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung für Fern­seh­an­sa­ge­rin­nen, die auch als abwer­ten­de Bezeich­nung für das weib­li­che Geschlecht ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ ist mit Euch (und sorgt dafür, dass sowohl die ver­ul­ken­de Berufs­be­zeich­nung, als auch die Fern­seh­an­sa­ge­rin erst­mals einem grö­ße­ren Publi­kum bekannt wer­den). Eine Beschrei­bung für Men­schen, die im Fern­se­hen anru­fen, dann aber nichts oder völ­lig unpas­sen­des Zeug sagen, die auch als Unter­stel­lung den Ange­ru­fe­nen gegen­über ver­stan­den wer­den könn­te? Die „Stol­pe-Ent­schei­dung“ hilft.

Ich bin kein Jurist und juris­tisch mögen die­se Urtei­le auch völ­lig logisch begründ­bar sein. Lin­gu­is­tisch sind sie es nicht. Wer sagt, dass eine Wort­neu­schöp­fung irgend­et­was bedeu­ten könn­te, und ein Wort syn­onym für ein ande­res ste­hen könn­te (das aber wohl in kaum einem Fall sinn­voll), stellt die Grund­kon­ven­ti­on in Fra­ge, auf der jede Spra­che auf­baut. Es besteht zum Bei­spiel die Kon­ven­ti­on, dass das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen unten­drun­ter „Tisch“ genannt wird. Nur so weiß der klei­ne Peter, was die Leh­re­rin meint, wenn sie sagt „Peter, kle­be doch bit­te Dein Kau­gum­mi nicht unter Dei­nen Tisch“. Und das gilt – Sie haben es bereits erra­ten – nicht nur für das Wort bzw. das Kon­zept „Tisch“, son­dern für jedes Wort des Sat­zes und der gesam­ten Spra­che. Für die Wis­sen­schaft, die sich mit der Bedeu­tung von Wor­ten befasst, gibt es, welch Iro­nie, zwei ver­schie­de­ne Begrif­fe: Wort- oder lexi­ka­li­sche Seman­tik. Wer tie­fer in die­se Mate­rie ein­stei­gen will, kommt bei­spiels­wei­se um Fer­di­nand de Sauss­u­re kaum her­um.

Die Annah­me, ein Wort kön­ne auch für etwas völ­lig ande­res ste­hen (und wir reden hier natür­lich nicht über Hom­ony­me, sog. „Tee­kes­sel­chen“ wie „Ball“ [run­des Sportobjekt/​Tanzveranstaltung] oder „Bank“ [Geldinstitut/​Sitzmöbel]), hat etwas post­struk­tu­ra­lis­ti­sches. Denkt man den Gedan­ken zu Ende, könn­te alles buch­stäb­lich alles bedeu­ten. Nicht weni­ge Leu­te, die regel­mä­ßig Brie­fe schrei­ben oder erhal­ten (z.B. Leser­brief­schrei­ber), wis­sen, dass die Gruß­for­mel „Hoch­ach­tungs­voll“ auch etwas ganz ande­res bedeu­ten kann. Etwas, bei des­sen öffent­li­cher Aus­spra­che man immer beto­nen muss, Goe­thes „Götz von Ber­li­chin­gen“ zu zitie­ren. Kann ich also jedes alte Ömma­cken, das noch gelernt hat, was sich gehört und wie man Brie­fe schreibt, ver­kla­gen, weil sie mich mit ihrem „Hoch­ach­tungs­voll“ belei­digt haben könn­te?

Ja, wie­so denn eigent­lich nicht? Ich kann doch auch sagen, das Ding mit der Plat­te aus Holz und den vier Bei­nen drun­ter nen­ne ich jetzt „Brot“, und das Zeugs aus Kör­nern, wo man sich mor­gen sei­ne Nuss­nou­gat­creme draufstreicht, nen­ne ich „Wal­de­mar“. Wenn ich das kon­se­quent durch­zie­he, ver­steht mich bald nie­mand mehr, aber ich habe eine neue inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, näm­lich Wor­te durch ande­re zu erset­zen. Und da eini­ge Per­so­nen die inter­es­san­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, ande­re Leu­te juris­tisch zu belan­gen, aus den USA impor­tiert haben, ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass es in Zei­tungs­ar­ti­keln, Blog­ein­trä­gen und auch in der All­tags­spra­che bald von „Du weißt schon wer„s und „He who must not be named„s wim­meln könn­te. („Wobei das natür­lich gar nichts bräch­te, weil man ja anneh­men könn­te, wer mit die­sen Chif­fren gemeint sein soll­te“, sag­te das Uni­ver­sum und lös­te sich in einem Logik­wölk­chen auf.)

Spra­che ist etwas, mit dem jeder jeden Tag zu tun hat. Wirk­lich jeder und über­all (die Aus­nah­men müss­ten so kon­stru­iert sein, dass man ihnen schon wie­der Bos­haf­tig­keit unter­stel­len könn­te), des­we­gen denkt offen­bar auch jeder, er ken­ne sich damit aus. Nur von Fuß­ball haben noch mehr Deut­sche Ahnung (näm­lich alle außer dem jeweils aktu­el­len Bun­des­trai­ner) als von Spra­che. Wer­den Lin­gu­is­ten um Gut­ach­ten gebe­ten, wer­den die­se meist schlicht igno­riert. Man stel­le sich nur mal vor, ein Rich­ter sage dem Dekra-Sach­ver­stän­di­gen, der gera­de erklärt hat, ein Auto kön­ne nicht inner­halb von 1,8 Sekun­den von 250 km/​h zum Still­stand gebracht wer­den (und das in einem Ver­kehrs­be­ru­hig­ten Bereich), es sei ja ganz schön, was er da gera­de von sei­ner put­zi­gen Wis­sen­schaft aus sei­nem schmu­cken Elfen­bein­turm berich­tet habe, aber er fah­re ja sel­ber Auto und kön­ne daher durch­aus befin­den, dass das sehr wohl gehe. Mit Geis­tes­wis­sen­schaft­lern, die­sem Pack, das nur Bücher liest und kei­ne neu­en Auto­mo­to­ren oder Atom­bom­ben ent­wi­ckelt, und auch kei­ne Kon­zep­te zur Ein­spa­rung von 30.000 Arbeits­kräf­ten bei gleich­zei­ti­ger Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät erar­bei­ten kann, mit denen kann man offen­bar alles machen.

Was? Ich schwei­fe ab, ich ertrin­ke in Wel­ten­schmerz und wer­de über Gebühr sar­kas­tisch? Nein, das müs­sen Sie irgend­wie falsch inter­pre­tiert haben.

Kategorien
Rundfunk Gesellschaft

Die Hitze dauert an

Ich bin nie­mand, der sich som­mer­li­che Tem­pe­ra­tu­ren wünscht und dann meckert, sobald die Son­ne mal drei Tage am Stück scheint. Wenn es nach mir gin­ge, müss­te das Ther­mo­me­ter nie über 18, naja: 23°C klet­tern. Zwar bin ich durch­aus bes­ser gelaunt, wenn es drau­ßen mal nicht reg­net, aber die­se gute Lau­ne ver­fliegt nach drei Minu­ten, denn inten­si­ver Son­nen­schein macht mich wahn­sin­nig: Man kann noch schlech­ter vor die Tür gehen als bei Regen, weil einen nichts wir­kungs­voll vor den hohen Tem­pe­ra­tu­ren und der Son­nen­ein­strah­lung schützt. Man kann nachts nicht rich­tig schla­fen, weil die gan­ze Woh­nung auf­ge­heizt ist. Man ist über­all mit Mücken­sti­chen über­sät, weil die klei­nen Blut­sauger ins Zim­mer flie­gen, sobald man nur kurz das Licht ein­schal­tet, um hei­len Fußes von der Zim­mer­tür zum eige­nen Bett zu kom­men.

Ohne Som­mer gäbe es kei­ne „Som­mer­in­ter­views“ im Fern­se­hen, bei denen die Poli­ti­ker ankün­di­gen, wel­chen Irr­sinn sie in den nächs­ten Mona­ten in Geset­zes­tex­te gie­ßen wol­len. Es gäbe kei­ne 14. Wie­der­ho­lung irgend­wel­cher uralter Fil­me (lief die „Zurück in die Zukunft“-Trilogie eigent­lich schon?) und kei­ne Som­mer­pau­se in der Fuß­ball­bun­des­li­ga zwei­ten Liga. Es gäbe kei­nen Feri­en­ver­kehr und somit kei­ne „Superstaus“ und Ben­zin­preis­er­hö­hun­gen.

Mich wür­de mal inter­es­sie­ren (und ich bin sicher, irgend­ei­ne Unter­neh­mens­be­ra­tung hat das längst aus­ge­rech­net), wie groß der volks­wirt­schaft­li­che Scha­den ist, der jedes Jahr durch min­des­tens zwei Mona­te Hit­ze und Unter­be­set­zung ent­steht. Allein ich kann mich ja kaum dar­auf kon­zen­trie­ren, einen neu­en Blog-Ein­trag zu schrei­ben …

Kategorien
Politik Gesellschaft

Muse auf dem Straßenstrich

Heu­te waren also die Gut­ach­ter der Eli­te­u­ni­be­schau­kom­mis­si­on an unse­rer … äh: schö­nen Ruhr-Uni unter­wegs. Das erklärt so eini­ges:

  • Seit Wochen wer­den Beton­de­cken und ‑wän­de neu gestri­chen. Das Weg­wei­ser­sys­tem ist auf den neu­es­ten Stand gebracht und das Pflas­ter gerei­nigt wor­den. Sogar die Wasch­be­ton­plat­ten auf dem Cam­pus wur­den ange­ho­ben und neu ver­legt, wodurch sie ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Klap­pern ver­lo­ren haben. Und wenn irgend­wel­che krass coo­len Sty­ler die frisch gestri­che­nen Flä­chen mit Eddings getaggt haben, wur­den die eben noch mal gestri­chen.
  • Die sog. Stu­den­ten­ver­tre­ter, denen ich seit jeher skep­tisch gegen­über­ste­he und von denen ich mich fast genau­so schlecht ver­tre­ten füh­le wie von unse­ren Poli­ti­kern, ver­tei­len Fly­er, pla­ka­tie­ren auf den frisch gerei­nig­ten Flä­chen und lau­fen mit Trans­pa­ren­ten umher, die sinn­ge­mäß aus­sa­gen: „Eli­ten sind doof“.
  • Heu­te stand die Poli­zei (nicht Toto & Har­ry, das muss man in Bochum ja immer dazu­sa­gen) auf dem Cam­pus und las „Bild“-Zeitung.

Mir fehlt das Hin­ter­grund­wis­sen zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le einer Eli­te­uni­ver­si­tät“ (und weder mei­ne Stu­den­ten­ver­tre­ter noch mei­ne Uni­ver­wal­tung waren in der Lage, mir die­se dar­zu­le­gen) und ich fin­de es natür­lich auch lus­tig, wenn die mit­un­ter reich­lich her­un­ter­ge­kom­me­ne Ruhr-Uni plötz­lich so raus­ge­putzt wird.

Ich fin­de es aber auch schön, dass sie so raus­ge­putzt wird, denn ich gehe lie­ber über einen raus­ge­putz­ten, als über einen ver­wahr­los­ten Cam­pus. Des­halb fin­de ich es auch nicht schön der Uni, den Stu­den­ten und den Hand­wer­kern gegen­über, wenn frisch raus­ge­putz­te Flä­chen wie­der mit irgend­wel­chen aus­sa­ge­lo­sen Schmie­re­rei­en bekra­kelt wer­den. Auch aus­sa­ge­vol­le Schmie­re­rei­en soll­ten aus Grün­den der Ästhe­tik und der Höf­lich­keit woan­ders unter­ge­bracht wer­den.

Ich kann zum The­ma Uni aber noch hin­zu­fü­gen, dass es in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ [via Der Mor­gen] und in der „Net­zei­tung“ zwei recht auf­schluss­rei­che Arti­kel über die Fol­gen der Bache­lor-/Mas­ter­stu­di­en­gän­ge für das Bil­dungs­we­sen und die Gesund­heit der Stu­den­ten zu lesen gibt. Und ver­mut­lich soll­te mir das auch etwas zum The­ma „Vor- und Nach­tei­le von Eli­te­uni­ver­si­tä­ten“ ver­ra­ten …

Kategorien
Digital Gesellschaft

Nicht immer gut

Wer guckt sich eigent­lich die­se alber­nen Bil­der­ga­le­rien auf den Start­sei­ten diver­ser Web­mail-Diens­te an? Ich, zum Bei­spiel, wenn ich mich gera­de mal wie­der ver­klickt habe.

Und so stieß ich bei gmx.de auf eine Gale­rie, die wie folgt vor­ge­stellt wur­de:

GMX glaubt, dass manche Prominentenoutings der Karriere geschadet haben.
(Screen­shot: gmx.de)

Mal davon ab, dass auch hier mal wie­der mun­ter die Begrif­fe „Outing“ und „Coming-Out“ durch­ein­an­der gewor­fen wer­den, ist die Lis­te der Pro­mi­nen­ten (Hape Ker­ke­ling, Elton John, Pink, Peter Pla­te, Micha­el Sti­pe, Geor­ge Micha­el, Lilo Wan­ders, Tho­mas Her­manns, Klaus Wowe­reit, Melis­sa Ether­idge, Hel­la von Sin­nen, Jür­gen Domi­an, Dirk Bach, Vera Int-Veen und Ellen de Gene­res) unge­fähr so span­nend wie eine Fla­sche Pro­sec­co, die seit dem letzt­jäh­ri­gen Chris­to­pher Street Day offen rum­steht – man fragt sich eigent­lich nur, wer Georg Uecker und Maren Kroy­mann ver­ges­sen hat.

Natür­lich könn­te man sich jetzt fra­gen, bei wel­cher der genann­ten Per­so­nen sich das Coming-Out/Ou­ting denn als „nicht gut“ für die Kar­rie­re erwie­sen habe. „Na, für Ellen de Gene­res zum Bei­spiel“, ruft da gmx.de:

Als sie sich in einer Epi­so­de als lebisch outet, wird der Sen­der von Geld­ge­bern unter Druck gesetzt und setzt die Sen­dung ab.

Nein, ich weiß auch nicht, was „lebisch“ ist und ob sowas die Kar­rie­re zer­stö­ren kann. Aber wenn wir der Wiki­pe­dia trau­en kön­nen, schob man es bei ABC wohl auch eher auf die schwä­cheln­den Quo­ten und den Druck reli­giö­ser Orga­ni­sa­tio­nen nach de Gene­res‘ Coming-Out, als man „Ellen“ 1998 aus­lau­fen ließ.

Apro­pos Wiki­pe­dia: die scheint bei der Recher­che für den Arti­kel die Bild­be­gleit­tex­te eine wich­ti­ge Rol­le gespielt zu haben. So heißt es bei Ernie Rein­hardt (Lilo Wan­ders):

… im Zweifelsfall war’s die Wikipedia
(Screen­shot: gmx.de, Her­vor­her­bung: Cof­fee & TV)

Viel Arbeit war also offen­bar nicht von­nö­ten, um die Lis­te zu erstel­len und ein paar Fak­ten zusam­men­zu­tra­gen. Und trotz­dem kann man auch an so einer Auf­ga­be noch schei­tern:

Die meis­ten Men­schen ver­bin­den Elton John nur mit jener schwer ver­dau­li­chen Bal­la­de „Cand­le in the wind“, die 1997 zu Ehren der ver­stor­be­nen Lady Di in jedem Radio-Sen­der der Welt run­ter­ge­lei­ert wur­de. Trotz des Prä­di­kats „meist­ver­kauf­te Sin­gle aller Zei­ten“ muss sich der mitt­ler­wei­le geadel­te Sir Elton John für die­sen Schmacht­fet­zen auch heu­te noch Kri­tik gefal­len las­sen.

wird dem Leben ’n‘ Werk von Elton John jetzt viel­leicht nicht so ganz gerecht, ist aber harm­los ver­gli­chen mit dem, was bei Hape Ker­ke­ling steht:

Der 1964 gebo­re­ne Come­dy-Star oute­te sich Anfang der 90er-Jah­re als homo­se­xu­ell

Ist das jetzt nur unglück­lich for­mu­liert oder bewuss­tes Ver­schlei­ern der Tat­sa­che, dass Ker­ke­ling (wie auch Alfred Bio­lek) 1991 von Regis­seur Rosa von Praun­heim in der RTL-Sen­dung „Explo­siv – Der hei­ße Stuhl“ geoutet wur­de? Eine Pra­xis, die unter ande­rem der Bund les­bi­scher und schwu­ler Jour­na­lis­tIn­nen ver­ur­teilt.

Aber was soll so ein Para­dies­vo­gel-Sam­mel­al­bum unter dem Titel „Pro­mi­nen­te auf dem CSD? Die­se Stars könn­ten Sie dort tref­fen“ über­haupt? Und wer guckt sich die­se alber­nen Bil­der­ga­le­rien auf den Start­sei­ten diver­ser Web­mail-Diens­te eigent­lich an?

Gerüch­ten zufol­ge „könn­te“ man auf „dem CSD“ (gemeint ist ver­mut­lich der Chris­to­pher Street Day in Ber­lin am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de, Köln kommt aber z.B. auch noch) auch hete­ro­se­xu­el­le Pro­mi­nen­te tref­fen. Und homo- oder bise­xu­el­le Nicht-Pro­mi­nen­te. Und hete­ro­se­xu­el­le Nicht-Pro­mi­nen­te. Und und und …

Kategorien
Digital Politik Gesellschaft

Hot Turkey

An meh­re­re mei­ner zahl­rei­chen E‑Mail-Adres­sen ging im Lau­fe des Tages eine E‑Mail mit dem Betreff „AN ALLE TUERKEN: Lasst den Jun­gen (Mar­co) frei. Euer Tours­tik-Auf­schwung ist in Gefahr. DIE EU-MITGLIEDSCHAFT AUCH“. Die E‑Mail ist von sie­ben, mir unbe­kann­ten Per­so­nen unter­schrie­ben, und ich soll sie an „alle TUERKEN“, die ich ken­ne, „oder Leu­te, die aus die­sem Land kom­men oder dort Urlaub machen wol­len“ wei­ter­lei­ten. Es geht (natür­lich) um den in der Tür­kei inhaf­tier­ten deut­schen Schü­ler Mar­co W., dem vor­ge­wor­fen wird, eine 13jährige Bri­tin miss­braucht zu haben, und dar­in steht unter ande­rem fol­gen­des:

Seid Ihr noch ganz nor­mal, einen 17 Jah­re alten Jun­gen ein­zu­sper­ren, nur
weil er eine jun­ge Frau ken­nen­ge­lernt hat?
Das Gesetz ist doch nur geschaf­fen wor­den, damit es zu kei­nen Zwangs­ehen
kommt. Aber des­halb muss man doch
kei­nen 17 Jah­re alten Jun­gen, der in Eurem Land Urlaub macht, mona­te­lang
ein­sper­ren. Und das noch bei Euren
mise­ra­blen Haft­be­din­gun­gen? DAS IST UNMENSCHLICH! SCHLUSS DAMIT. SOFORT!

Ein Unding in einer zivi­li­sier­ten Welt, die Euch noch leid tun wird, wenn
nicht bald Schluss damit ist!

(Kata­stro­pha­le Zei­len­um­brü­che über­nom­men)

Hui, da weiß man ja gar nicht, wo man anfan­gen soll!

Ver­su­chen wir es mal so: Nach­dem anfangs von einem „Urlaubs­flirt“, dann von einer „Knut­sche­rei“ die Rede war, hat inzwi­schen offen­bar auch Mar­co W. „sexu­el­le Kon­tak­te“ ein­ge­räumt. Damit hät­te sich Mar­co W., wie im Law­blog aus­ge­führt wird, auch in Deutsch­land straf­bar gemacht – auch wenn das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um offen­bar Gegen­tei­li­ges ver­laut­ba­ren lässt.
Dafür, dass „das Gesetz“ nur geschaf­fen wur­de, „damit es zu kei­nen Zwangs­ehen kommt“, fin­det sich in der gesam­ten Bericht­erstat­tung zu der Geschich­te kein ein­zi­ger Anhalts­punkt. Ich bin kein Exper­te für tür­ki­sche Geset­ze, möch­te aber anneh­men, dass sich ein sol­ches Detail wenigs­tens in einem Teil der Arti­kel wie­der­ge­fun­den hät­te.
Auch will mir der Hin­weis „der in Eurem Land Urlaub macht“ nicht so ganz ein­leuch­ten: Soll die tür­ki­sche Poli­zei etwa davon abse­hen, Tou­ris­ten zu inhaf­tie­ren, weil die ja so nett sind, das Geld ins Land zu brin­gen, oder was?
Kom­men wir zu den Haft­be­din­gun­gen: Die sind, nach allem (nun ja: fast allem), was man liest, in der Tat „mise­ra­bel“ – aber wohl für alle Gefan­ge­nen. Wenn die (sicher­lich berech­tig­te) Auf­re­gung dar­über dazu füh­ren wür­de, dass sich jetzt ein paar Hun­dert Leu­te bei Amnes­ty Inter­na­tio­nal enga­gie­ren, wäre das ein posi­ti­ves Signal, das man dem gan­zen Fall abge­win­nen könn­te – ich glau­be aber lei­der nicht dar­an.

Natür­lich darf man Mit­leid mit einem 17jährigen haben, der in einem frem­den Land ins Gefäng­nis gesteckt wor­den ist. Ich will auch nicht über Schuld, Unschuld, mora­li­sche Vor­stel­lun­gen oder gar den ver­meint­li­chen Tat­her­gang dis­ku­tie­ren.
Aber an die­sem Fall wun­dert mich doch so eini­ges:

  • War­um dau­er­te es nach der Fest­nah­me des Jun­gen am 11. April über zwei Mona­te, bis der Fall letz­te Woche in der deut­schen Pres­se ankam?
  • Wie wür­de die deut­sche Bevöl­ke­rung, die deut­sche Pres­se reagie­ren, wenn sich der tür­ki­sche Außen­mi­nis­ter Abdul­lah Gül laut­stark für die Frei­las­sung eines tür­ki­schen Staats­bür­gers in Deutsch­land, dem ähn­li­ches vor­ge­wor­fen wird, aus­spre­chen wür­de?
  • Wo war Frank-Wal­ter Stein­mei­er, als das letz­te Mal ein deut­scher Staats­bür­ger unter extre­men Bedin­gun­gen im Aus­land inhaf­tiert war? Oh, Moment, das wis­sen wir ja …
  • Wel­chen Zweck sol­len sol­che E‑Mails erzie­len?

Womög­lich ste­hen die Absen­der die­ser begin­nen­den Ket­ten­mail Mar­co W. nahe. Sie haben natür­lich das Recht, besorgt und ver­zwei­felt zu sein. Sie haben aber kein Recht, Halb- und Unwahr­hei­ten zu ver­brei­ten, und dif­fu­se Dro­hun­gen („die Euch noch leid tun wird“) aus­zu­sto­ßen.

Und wie immer, wenn Men­schen mit Inter­net­an­schluss besorgt sind und irgend­was tun wol­len, wird es auch dies­mal nur eine Fra­ge der Zeit blei­ben, bis es dazu eine Stu­diVZ-Grup­pe geben wird …

Nach­trag 28. Juni, 00:58 Uhr: Cars­ten Heid­böh­mer ruft in sei­nem Kom­men­tar bei stern.de zu weni­ger Hys­te­rie in Sachen Tür­kei (und Polen) auf. Soll­te man gele­sen haben.

Nach­trag 29. Juni, 18:35 Uhr: Bei mein Ding ist man weni­ger optimistisch/​naiv als ich:

Das kommt mir vor wie ein Ablen­kungs­ma­nö­ver, um den Anschein zu erwe­cken, es sei ein Appell von Freun­den des Inhaf­tier­ten.

Kategorien
Gesellschaft

Lektionen in Unmut

Wenn man sich sel­ber zwei Mit­be­woh­ner aus­su­chen darf, deren ein­zi­ge Vor­aus­set­zung man mit „Nicht­rau­cher“ fest­legt, soll­te man sich nicht wun­dern, wenn man nach weni­gen Wochen fest­stellt, dass man vor lau­ter Fokus­sie­rung auf das Nicht­rau­chen so Aus­schluss­kri­te­ri­en wie „Ein­zel­kin­der“ („räu­men nie auf und kön­nen nicht put­zen“) über­se­hen hat­te.

Wenn die­se Mit­be­woh­ner aber zwei Jah­re spä­ter stän­dig rau­chend auf dem Bal­kon vor dem eige­nen Zim­mer ste­hen und einen so auch bei som­mer­li­chem Wet­ter zum Geschlos­sen­hal­ten der Fens­ter zwin­gen, dann hat ent­we­der die Ziga­ret­ten­in­dus­trie erheb­li­che Erfol­ge bei der Akqui­rie­rung neu­er Kun­den­schich­ten erzielt („Was für eine bril­lan­te Idee: unse­re neue Ziel­grup­pe sind die Nicht­rau­cher!“) oder man muss sich vor­wer­fen las­sen, in Sachen Men­schen­kennt­nis irgend­wie noch Nach­hol­be­darf zu haben …

Kategorien
Fernsehen Rundfunk Gesellschaft

The Geek (Must Be Destroyed)

Uni-Semi­na­re über Mas­sen­kul­tur haben den Vor­teil, dass man sich „im Auf­trag der Wis­sen­schaft“ Fern­seh­se­ri­en anschau­en kann, deren Kennt­nis man ansons­ten vehe­ment abstrei­ten wür­de. Ich habe also die ers­te Fol­ge von „Das Model und der Freak“ gese­hen und geriet dar­über in eine schwe­re Grü­be­lei.

Das Kon­zept der Serie lau­tet: Zwei mir völ­lig unbe­kann­te Models (Gott­sei­dank, es ist Pro­Sie­ben, da kön­nen es kei­ne „Top­mo­dels“ sein, denn das sind die Sie­ger von Hei­di Klums Cas­ting Show) sol­len zwei „Freaks“ in „Top­män­ner“ ver­wan­deln. „Freaks“, das sind in der Welt von Pro­Sie­ben Leu­te, die Ten­nis­so­cken, alte Sweat­shirts und unmo­di­sche Fri­su­ren tra­gen, an Com­pu­tern her­um­schrau­ben und viel­leicht auch noch bei ihrer Mut­ti woh­nen. Vor weni­gen Jah­ren, vor dem Sie­ges­zug der Metro­se­xua­li­tät, hät­te man sie schlicht „Män­ner“ genannt.

Die­se Män­ner, die der Off-Spre­cher mit ekel­er­re­gen­der Pene­tranz als „Freaks“ bezeich­net, wer­den zunächst ein biss­chen öffent­lich vor­ge­führt, dann machen die Models mit ihnen ein „Selbst­be­wusst­seins­trai­ning“, das jeder Hei­zungs­mon­teur glaub­wür­di­ger hin­be­kom­men hät­te, und schließ­lich wer­den sie „umge­stylt“.

Zuge­ge­ben: Nach ihren Fri­seur­be­su­chen sahen die bei­den Kan­di­da­ten wirk­lich deut­lich anspre­chen­der aus und wirk­ten auch gleich ganz anders – eine Sze­ne, die mich doch dar­über nach­den­ken ließ, mein Gestrub­bel auch mal wie­der von denen rich­ten zu las­sen, die das kön­nen, was nur Fri­seu­re kön­nen. Mög­li­cher­wei­se war das, was man bei Tobi­as (21) und Tho­mas (27) sah, sogar ech­te Selbst­si­cher­heit, die da plötz­lich auf­keim­te. Ich wür­de es ihnen wün­schen, denn die bei­den wirk­ten sehr sym­pa­thisch (und auch am Ende noch recht natür­lich).

Zuvor hat­ten die bei­den aber mehr­fach mei­nen Beschüt­zer­instinkt geweckt und in mir das Bedürf­nis auf­kom­men las­sen, den Zynis­mus die­ser bun­ten Fern­seh­welt zu gei­ßeln. Was für eine „Moral“ soll das denn bit­te­schön sein, wenn jun­ge Fern­seh­zu­schau­er, die gesell­schaft­lich aus was für Grün­den auch immer außen ste­hen und die wir „Nerds“, „Geeks“ oder „Infor­ma­ti­ker“ nen­nen wol­len (Pro­Sie­ben nennt sie bekannt­lich „Freaks“), ver­mit­telt bekom­men, man müs­se sich nur auf Kos­ten eines Fern­seh­sen­ders ein biss­chen her­aus­put­zen las­sen und schon lernt man die Frau fürs Leben ken­nen oder kann end­lich von Mut­ti weg­zie­hen?

Da mache ich ger­ne mal einen auf Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che, oder wie haupt­be­ruf­li­che Beden­ken­trä­ger sonst hei­ßen, und stel­le ein paar Voka­beln zur Selbst­mon­ta­ge einer laut­star­ken Empö­rung zur Ver­fü­gung: „zynisch“, „men­schen­ver­ach­tend“, „ober­fläch­lich“, „inne­re Wer­te“, „mate­ria­lis­ti­sche Gesell­schaft“, „geschmack­los“, „Gleich­schal­tung“, „öffent­li­che Zur­schau­stel­lung“, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von die­ser Sen­dung hal­ten soll. Wenn sich die Kan­di­da­ten am Ende wirk­lich wohl in ihrer Haut und den frem­den Kla­mot­ten füh­len, war es für sie viel­leicht ein Erfolg. Ande­rer­seits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gere­launch­ten Män­ner zei­gen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: „Mut­ti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fern­se­hen!“ Die Auf­ma­chung der Sen­dung ist mit „grenz­wer­tig“ ganz gut cha­rak­te­ri­siert und das (nicht mal neue) Kon­zept dahin­ter viel zu schwarz/​weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Hel­den-Hören: „The geek shall inhe­rit the earth“.