The Geek (Must Be Destroyed)

Von Lukas Heinser, 15. Juni 2007 1:41

Uni-Seminare über Massenkultur haben den Vorteil, dass man sich „im Auftrag der Wissenschaft“ Fernsehserien anschauen kann, deren Kenntnis man ansonsten vehement abstreiten würde. Ich habe also die erste Folge von „Das Model und der Freak“ gesehen und geriet darüber in eine schwere Grübelei.

Das Konzept der Serie lautet: Zwei mir völlig unbekannte Models (Gottseidank, es ist ProSieben, da können es keine „Topmodels“ sein, denn das sind die Sieger von Heidi Klums Casting Show) sollen zwei „Freaks“ in „Topmänner“ verwandeln. „Freaks“, das sind in der Welt von ProSieben Leute, die Tennissocken, alte Sweatshirts und unmodische Frisuren tragen, an Computern herumschrauben und vielleicht auch noch bei ihrer Mutti wohnen. Vor wenigen Jahren, vor dem Siegeszug der Metrosexualität, hätte man sie schlicht „Männer“ genannt.

Diese Männer, die der Off-Sprecher mit ekelerregender Penetranz als „Freaks“ bezeichnet, werden zunächst ein bisschen öffentlich vorgeführt, dann machen die Models mit ihnen ein „Selbstbewusstseinstraining“, das jeder Heizungsmonteur glaubwürdiger hinbekommen hätte, und schließlich werden sie „umgestylt“.

Zugegeben: Nach ihren Friseurbesuchen sahen die beiden Kandidaten wirklich deutlich ansprechender aus und wirkten auch gleich ganz anders – eine Szene, die mich doch darüber nachdenken ließ, mein Gestrubbel auch mal wieder von denen richten zu lassen, die das können, was nur Friseure können. Möglicherweise war das, was man bei Tobias (21) und Thomas (27) sah, sogar echte Selbstsicherheit, die da plötzlich aufkeimte. Ich würde es ihnen wünschen, denn die beiden wirkten sehr sympathisch (und auch am Ende noch recht natürlich).

Zuvor hatten die beiden aber mehrfach meinen Beschützerinstinkt geweckt und in mir das Bedürfnis aufkommen lassen, den Zynismus dieser bunten Fernsehwelt zu geißeln. Was für eine „Moral“ soll das denn bitteschön sein, wenn junge Fernsehzuschauer, die gesellschaftlich aus was für Gründen auch immer außen stehen und die wir „Nerds“, „Geeks“ oder „Informatiker“ nennen wollen (ProSieben nennt sie bekanntlich „Freaks“), vermittelt bekommen, man müsse sich nur auf Kosten eines Fernsehsenders ein bisschen herausputzen lassen und schon lernt man die Frau fürs Leben kennen oder kann endlich von Mutti wegziehen?

Da mache ich gerne mal einen auf Evangelische Landeskirche, oder wie hauptberufliche Bedenkenträger sonst heißen, und stelle ein paar Vokabeln zur Selbstmontage einer lautstarken Empörung zur Verfügung: „zynisch“, „menschenverachtend“, „oberflächlich“, „innere Werte“, „materialistische Gesellschaft“, „geschmacklos“, „Gleichschaltung“, „öffentliche Zurschaustellung“, …

Im Ernst: Ich weiß nicht, was ich von dieser Sendung halten soll. Wenn sich die Kandidaten am Ende wirklich wohl in ihrer Haut und den fremden Klamotten fühlen, war es für sie vielleicht ein Erfolg. Andererseits besteht die Gefahr, dass man auch auf die optisch gerelaunchten Männer zeigen wird, wenn man sie in der Stadt erblickt, und sagen wird: „Mutti, sieh mal: Da ist der Freak aus dem Fernsehen!“ Die Aufmachung der Sendung ist mit „grenzwertig“ ganz gut charakterisiert und das (nicht mal neue) Konzept dahinter viel zu schwarz/weiß.

Ich bin jetzt Wir-Sind-Helden-Hören: „The geek shall inherit the earth“.

8 Kommentare

  1. Sebastian
    16. Juni 2007, 12:51

    Ich hab was ziemlich ähnliches geschrieben, aber der Trackback hat nicht hingehauen. Ich setz den mal manuell ;-)

    http://abfallkalender.wordpres.....der-freak/

  2. Robin
    19. Juni 2007, 22:00

    Irgendwie ist das doch das Extrem eines Trends, der mit BigBrother begonnen hat. Da hat man auch gerne geguckt wie Christian, ein absolutes Ekel, über seine „Mitbewohner“ hergezogen hat. Dieter Bohlen (vor dem ich, nachdem ich ihn bei Wer wird Millionär, doch einen gewissen Respekt habe) hat es dann bei DSDS noch weiter auf die Spitze getrieben – spätestens seit seine verbalen Entgleisungen im Teaser liefen und Frau „Ich hab die Brüste schön“ eingeladen wurden, war klar, was der Käse auf der Quotenmausefalle ist:

    Die Erniedrigung von Menschen.
    Vor Big Brother wäre eine Sendung wie „Das Model und der Freak“ undenkbar gewesen, inzwischen ist sie gesellschaftlich akzeptiert. Ich hab in der Sendung noch keinen anderen Aspekt erkannt, der zum zuschauen animiert und anscheinend bin ich nicht der einzige, dem es so geht.

    Nur: Was soll man machen? Ich spar mir deutsches TV an 5 von 7 Tagen – da guck ich lieber Heroes in 720p.

    Robin

    PS: Als ich die beiden Damen bei TV Total gesehen habe, musste ich auch mal überlegen, wer denn jetzt genau der Freak ist – Artikulation und Wertevorstellung war bei den beiden Kandidaten (die nicht gesprochen haben) um einiges besser.

  3. Jens
    28. Juni 2007, 23:41

    Und… gerade auch gesehen?

  4. Lukas
    29. Juni 2007, 0:34

    Ja. Fand ich irgendwie noch schlimmer als sonst.

    Aber mir gefiel diesmal die finale Ironie: Da werden die zwei Typen tagelang herumgescheucht, um „besser auf Frauen zu wirken“, und dann ist der eine am Ende schwul.

  5. Jens
    29. Juni 2007, 0:39

    Ironisch fand ich das „Umherscheuchen“ – der eine wohnt in Berlin und muß wieder nach Berlin um aufgestylt zu werden. Sowas bekommt man auch in München hin…

    Das der Hibbelige schwul war konnte man sich aber irgendwie ab der Kick Boxen-Passage denken, jedenfalls aufgrund der Aussage der Stimme aus dem Off („hat noch später eine Bedeutung“).

  6. Lukas
    29. Juni 2007, 2:26

    Da muss eine Störung auf meinem Gaydar gewesen sein, ich hab’s erst später bemerkt.

    Den Flug nach Berlin fand ich auch etwas wirr – aber der Bauer ist ja da zum ersten Mal geflogen, vielleicht deshalb.

    Gott, warum diskutieren wir hier über sowas? Haben wir nichts besseres zu tun?????ß

  7. Jens
    29. Juni 2007, 2:32

    Sicher war ich mir nicht, aber was sollte er sonst gravierendes sagen was mit der ganzen Chose (aufstylen für Mädels) zu tun hat und was anscheinend so bedeutungsvoll war, dass das erstmal ohne Kamera erfolgen konnte. Und dann halt diese Aussage „das wird noch Thema werden“ – okay, es hätte auch kein Schreinemakers-Fetisch sein können („Ich mag nur ältere Frauen, die kieksig sprechen!“), aber das habe ich ausgeschlossen. ;)

    Besseres zu tun:
    Wenn ich überlege was ich gerade ’ne Stunde geschrieben habe: NEIN, das ist nicht besser. ;)

    PS:
    Der „Link“ bzw. die URL zum Subscription-Manager haut ein bißchen das Layout kaputt.

  8. missmarnip
    6. September 2007, 21:35

    war vor 2 wochen in den uk und da lief die sendung auch gerade an. positiv ist vielleicht, dass deutschland nicht mehr 1 1/2 jahre braucht um trend aufzunehmen. negativ, ist die auswahl WAS man hier aufnimmt. ist doch ätzend, diese sendung. wenn mein kleiner bruder sich mehr für computer als frisuren interessiert und diese sendung sieht, könnten aus den genialen Programmentwickler von morgen schon heute ein ein model werden! na toll!
    ein riesenunterschied in dem format, ist wohl, wie die länder es für sich auslegen. in den uk waren die models (so an die 8 stück bereits in der 1.sendung) nämlich auch „geeks“: eindeutig hübsch UND dumm. während die männer auch durchaus ROLEmodel sein konnten (supererfolgreiche entwicklungstypen mit riesengagen und wohnen nicht mehr bei mutti).
    vielleicht hat das dt. team hier was falsch verstanden? oder mit absicht?