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Was der „Süddeutschen Zeitung“ heilig ist (und was nicht)

Wenn ich das damals im Kin­der­got­tes­dienst rich­tig ver­stan­den habe, sieht der lie­be Gott alles, petzt aber nicht. Für ihn gilt das wohl umfas­sends­te Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht und was man ihm erzählt, geht nie­man­den sonst etwas an. Wenn man ihm einen Brief schreibt, ist des­sen Inhalt dar­über hin­aus noch von so etwas Welt­li­chem wie dem Brief­ge­heim­nis geschützt.

Barack Oba­ma, der sich gera­de an so eini­ges gewöh­nen muss, konn­te sich also eigent­lich auf der siche­ren Sei­te wäh­nen, als er ver­gan­ge­ne Woche in Jeru­sa­lem ein schrift­li­ches Gebet in eine Rit­ze der Kla­ge­mau­er schob. Immer­hin hat­ten das schon Mil­lio­nen von Men­schen gemacht, dar­un­ter Papst Johan­nes Paul II.

Barack Oba­ma muss­te nicht unbe­dingt damit rech­nen, dass ein Reli­gi­ons­stu­dent (aus­ge­rech­net!) sei­nen Zet­tel aus der Mau­er por­keln und an die Zei­tung Maa­riv wei­ter­ge­ben wür­de – und dass die die­sen Brief dann abdru­cken wür­de.

Nicht, dass Oba­ma Schlim­mes geschrie­ben hät­te, es geht viel mehr um Ver­trau­en und ein uraltes reli­giö­ses Sym­bol. Ent­spre­chend kann man auch den Auf­schrei ver­ste­hen, der nun durch die Medi­en geht und auch die „Süd­deut­sche Zei­tung“ erfass­te:

Der markt­schreie­ri­schen Zei­tung Maa­riv aller­dings sind offen­bar nicht alle Bot­schaf­ten hei­lig. Am Wochen­en­de ver­öf­fent­lich­te das Blatt auf sei­ner Titel­sei­te die von Oba­ma hand­schrift­lich ver­fass­te Note – und lös­te damit erheb­li­che Empö­rung aus, vor allem bei der Kla­ge­mau­er-Ver­wal­tung. Sie sieht nun ihre Glaub­wür­dig­keit in Gefahr, beson­ders bei den Beten­den, die ihre Bot­schaf­ten faxen oder mai­len.

Wie „hei­lig“ der „Süd­deut­schen Zei­tung“ Oba­mas Bot­schaft war, kön­nen Sie frei­lich dar­an able­sen, dass sie die­se gleich zwei­mal druck­te: ein­mal ins Deut­sche über­setzt und ein­mal als Foto des Ori­gi­nal­b­riefs.

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Mit „D“ wie „Provinz“

Ich habe ja, wie ich schon mehr­fach erzählt habe, die ers­ten zwan­zig Jah­re mei­nes Lebens in Dins­la­ken ver­bracht – nicht durch­gän­gig, aber eben doch „wohn­haft“.

Für Roger Wil­lem­sen war „Dins­la­ken“ eine Zeit lang ein Syn­onym für „irgend so ein total hin­ter­wäld­le­ri­sches Kaff“, und ich erin­ne­re mich, dass er das min­des­tens zwei Mal in „Wil­lem­sens Woche“ unter Beweis stell­te: Als Jörg Kachelm­ann zu Gast war, for­der­te Wil­lem­sen, das Kli­ma­phä­no­men El Niño möge doch Dins­la­ken holen, und die Sopra­nis­tin San­dra Schwarz­haupt frag­te er, war­um sie in New York Gesangs­un­ter­richt genom­men habe und nicht zum Bei­spiel in Dins­la­ken.

Jetzt scheint Dins­la­ken end­gül­tig zum Syn­onym für „irgend so ein total hin­ter­wäld­le­ri­sches Kaff“ gewor­den zu sein – wie sonst ist es zu erklä­ren, dass der Orts­na­me inner­halb weni­ger Wochen gleich in zwei Car­toons füh­ren­der deut­scher Car­too­nis­ten auf­tauch­te?

Den Anfang mach­ten „Hip­pen­stocks Stra­te­gen“ in der „Süd­deut­schen Zei­tung“ vom 5. Juli:

"In der ersten Woche teilen Sie Ihr Zimmer mit einem Ehepaar aus Dinslaken - ich denke deshalb der Rabatt"

Die Ver­wen­dung hier erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Zeich­ners Dirk Meiss­ner.

Und in der aktu­el­len „Tita­nic“ ist ein zwei­sei­ti­ger Car­toon von Katz & Goldt, in dem unter ande­rem fol­gen­des Bild vor­kommt:

"Ach je, in Dinslaken regnet's"

Die Ver­wen­dung hier erfolgt mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Comic­du­os Katz & Goldt.

[unter ande­rem via mei­nen Vater]

Nach­trag, 29. Juli: Wie ich gehört habe, soll sich der Inten­dant des Lan­des­thea­ters Burg­hof­büh­ne (aus Dins­la­ken) bei der Redak­ti­on der „Süd­deut­schen Zei­tung“ über die obe­re Kari­ka­tur beschwert haben.

Nach­trag, 5. August: Wie der Inten­dant das Lan­des­thea­ters Burg­hof­büh­ne sich bei der Redak­ti­on der „Süd­deut­schen Zei­tung“ über die obe­re Kan­di­da­tur beschwert hat (und wie man in Mün­chen dar­auf reagier­te) steht heu­te in der Lokal­aus­ga­be der „Rhei­ni­schen Post“.

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Selbstbezogen und unprofessionell

Der „Spie­gel“ hat sich eine self-ful­fil­ling pro­phe­cy gebas­telt. „Die Beta-Blog­ger“ steht drü­ber – ein Wort­spiel, das im für schlech­te Wort­spie­le bekann­ten Blog coffeeandtv.de noch vor der End­kon­trol­le den Gna­den­schuss bekom­men hät­te – und sie füllt in der mor­gen erschei­nen­den Aus­ga­be drei Sei­ten.

Egal, was man über Blog­ger schreibt, hin­ter­her wird man von ihnen doch nur ver­dro­schen, weil man nix ver­stan­den oder mit den fal­schen Leu­ten gespro­chen hat.

steht da ziem­lich zu Beginn und damit ist eigent­lich alles gesagt.

Genau­so gut könn­te da auch ste­hen „das Gan­ze nach dem Wür­zen eine hal­be Stun­de zie­hen las­sen“, oder „Schö­nes Wet­ter drau­ßen, was?“, aber das wür­de ver­mut­lich nicht dazu füh­ren, dass die­se schreck­lich selbst­re­fe­ren­ti­el­len Blog­ger hin­ter­her schrei­ben, der „Spie­gel“ hät­te nichts ver­stan­den.

Gleich drei Autoren haben an dem „Stück“ („Spiegel“-Sprech) mit­ge­strickt, was der Kohä­renz etwas scha­det, dem Text aber ansons­ten nicht hilft. Wer sich für Blogs inter­es­siert, erfährt nichts Neu­es, und wer vor­her noch nie von Blogs gehört hat­te, wird nach­her („Ist ein biss­chen so, als wür­de man sich einer Sek­te nähern, die in inter­nen Gra­ben­kämp­fen ver­sun­ken ist.“) nichts mehr davon hören wol­len.

Der Arti­kel krankt schon an der Grund­an­nah­me, die Jour­na­lis­ten jedes Mal täti­gen, wenn sie einem soge­nann­ten Mas­sen­phä­no­men gegen­über­ste­hen, das sie nicht ver­ste­hen: sie ver­all­ge­mei­nern, sche­ren alle über einen Kamm und wol­len Zusam­men­hän­ge sehen, wo kei­ne sind. Nor­ma­ler­wei­se lau­tet das Wort, das sol­che Tex­te durch­zieht „Gene­ra­ti­on irgend­was“, dies­mal heißt es „Blogo­sphä­re“.

Dabei ist die Blogo­sphä­re weder eine Gemein­schaft von Gleich­ge­sinn­ten, noch ist sie völ­lig zer­strit­ten – sie ist eine völ­lig alber­ne Modell­vor­stel­lung, deren Sinn­lo­sig­keit einem klar wird, wenn man das Wort ein­fach mal durch „Gesell­schaft“ ersetzt. In Wahr­heit heißt Blogo­sphä­re näm­lich: die schie­re Sum­me aller Men­schen, die blog­gen.

Es gibt blog­gen­de Jour­na­lis­ten, blog­gen­de Haus­frau­en, blog­gen­de Schü­ler, blog­gen­de Bestat­ter und blog­gen­de Hartz-IV-Emp­fän­ger – man könn­te von einer blog­gen­den Gesell­schaft spre­chen. Und all die­se Men­schen haben so viel oder wenig gemein­sam, wie Jour­na­lis­ten, Haus­frau­en, Schü­ler, Bestat­ter und Hartz-IV-Emp­fän­ger im All­tag gemein­sam haben. Blogs sind ein Medi­um, ein Mit­tel zum Zweck. Man wird unter Blog­gern auf ähn­li­che vie­le net­te Men­schen, auf ähn­lich vie­le Arsch­lö­cher tref­fen, wie in der Welt da drau­ßen – viel­leicht gibt es unter Blog­gern über­durch­schnitt­lich vie­le Men­schen mit einem gewis­sen Mit­tei­lungs­be­dürf­nis, aber das ist dann auch schon alles.

Natür­lich gibt es Blog­ger, die akti­ver sind und sich bei­spiels­wei­se regel­mä­ßig tref­fen – aber auch das gibt es in Form von Stamm­ti­schen, Ver­ei­nen und Freun­des­krei­sen in der Wirk­lich­keit und hat viel­leicht mehr mit den ent­spre­chen­den Leu­ten zu tun als mit ihrer Pro­fes­si­on.

Ich kann das Bedürf­nis ver­ste­hen, all das Tol­le, Klu­ge, Beun­ru­hi­gen­de, Absto­ßen­de und Neue, das man in Blogs so fin­den kann, irgend­wie einer grö­ße­ren Leser­schaft zu vor­stel­len zu wol­len. In Blogs kann man meis­tens für eine klar umris­se­ne Ziel­grup­pe mit Vor­kennt­nis­sen schrei­ben, aber Jour­na­lis­mus braucht Pro­to­ty­pen und des­halb ist Keith Richards Rock’n’Roll, Kurt Cobain Grunge und Gerard Way Emo (wenn nicht gera­de Han­ni, Nan­ni und Kaf­fee­kan­ni Emo sind).

Also setzt man sich hin, schreibt alles auf, was einem dazu ein­fällt (BILD­blog, Don Alphon­so, Poli­ti­cal­ly Incor­rect, Huf­fing­ton Post) und guckt im Tele­fon­buch unter „B“ wie „Blog­ger“ nach. Nur wird man dem The­ma Blogs damit unge­fähr so gerecht wie ein Blog­ein­trag über Jour­na­lis­mus, der von „Bild“, „Spie­gel“ und irgend­ei­ner Schü­ler­zei­tung han­delt und bei dem Roger Wil­lem­sen, Gün­ther Jauch und Tho­mas Leif was über Jour­na­lis­mus sagen dür­fen. Es ist letzt­lich wie mit den Blin­den und dem Ele­fan­ten.

Jeder Blog­ger schreibt über die The­men, die ihn inter­es­sie­ren, und wenn sich nie­mand zur „glo­ba­len Finanz­kri­se“, dem „Min­dest­lohn“ oder der „Ver­ar­mung des Mit­tel­stands“ äußern will, dann tut das halt nie­mand. Natür­lich tut es trotz­dem jemand, denn auch in den Leser­brief­spal­ten und Call-In-Sen­dun­gen der Radio­sta­tio­nen äußern sich ja Leu­te zu die­sen The­men, von denen sie kei­ne Ahnung haben. Es braucht kei­ne Vor­schrif­ten und kei­ne Lis­ten, was in deut­schen Blogs falsch läuft.

Der Ver­gleich mit ame­ri­ka­ni­schen Blogs (also den rele­van­ten, nicht denen bei MySpace) ist natür­lich nahe­lie­gend, aber auch unfair: die Unter­schie­de zwi­schen Deutsch­land und den USA sind ein­fach zu groß. In den USA gibt es Main­stream-Medi­en mit extre­men Posi­tio­nen, die eine Gegen­öf­fent­lich­keit brau­chen. Wir könn­ten uns ja glück­lich schät­zen, wenn deut­sche Medi­en über­haupt irgend­wel­che Posi­tio­nen ver­trä­ten. Außer­dem gibt es hier­zu­lan­de ein­fach kei­ne Debat­ten­kul­tur, die man digi­tal fort­set­zen könn­te.

Für mich gilt außer­dem: Ich will gar kei­ne gesell­schaft­li­che Rele­vanz haben. Ich schrei­be, weil mir Schrei­ben Spaß macht, seit ich den­ken kann – sogar schon län­ger, als ich eigent­lich schrei­ben kann. Statt ortho­gra­phisch frag­wür­di­ger Geschich­ten über einen „Baua“, der „in Unmacht fellt“, und die mei­ne Eltern lesen (und loben) muss­ten, kann hier heu­te jeder, den es inter­es­siert, lesen, wel­che Musik mir gefällt und was mich alles am der­zei­ti­gen Zustand des deutsch­spra­chi­gen Jour­na­lis­mus stört. Ich habe auch immer schon lus­ti­ge klei­ne Video­fil­me gedreht – frü­her muss­ten die Freun­de mei­ner Eltern deren Vor­füh­rung durch­lei­den, heu­te kann das via You­Tube jeder, der will. Das Inter­net ist das ein­fachs­te Mit­tel, den Kram, den ich sonst für mich selbst machen wür­de, unver­bind­lich einem grö­ße­ren Publi­kum zur Ver­fü­gung zu stel­len. Das erfolgt für bei­de Sei­ten frei­wil­lig (wer’s nicht lesen mag, muss nicht, und wenn ich kei­nen Bock hab, schreib ich nichts) und kos­ten­los.

Und natür­lich wer­den jetzt jede Men­ge Blog­ger über den Arti­kel schrei­ben und sich aus die­sem oder jenem Grund dar­über auf­re­gen. Wer sich für Blogs inter­es­siert, erfährt dar­aus nichts Neu­es, und wer vor­her noch nie von Blogs gehört hat­te, wird es sowie­so nicht lesen. Durch die stän­di­ge Gegen­über­stel­lung der Begrif­fe „Blog­ger“ und „Jour­na­list“ ent­steht der Ein­druck, es gin­ge um zwei unver­ein­ba­re Lager und Blog­ger wür­den Jour­na­lis­ten grund­sätz­lich has­sen (was zumin­dest auf mich nicht zutrifft). Es gibt kei­nen Kampf, des­we­gen wird es auch kei­ne Gewin­ner und Ver­lie­rer geben. Außer natür­lich die „Spiegel“-Autoren, die am Ende Recht behal­ten mit ihrer Vor­her­sa­ge.

(Immer­hin steht vor dem Wort „Blog“ jedes Mal der Arti­kel „das“. Man wird ja beschei­den.)

Nach­trag, 21. Juli: Den Arti­kel gibt’s jetzt auch bei „Spie­gel Online“. Dabei hät­te ich es tau­send Mal lus­ti­ger gefun­den, einen Arti­kel über Blogs nur off­line zu ver­brei­ten.

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Stille Gefängnispost (Teil 2)

Die­ser Ein­trag ergibt nur nach der Lek­tü­re des ers­ten Teils Sinn. Wenn über­haupt.

Ich weiß nicht, ob man bei „Spie­gel Online“ heu­te über­haupt noch zum Arbei­ten gekom­men ist. War es mir ges­tern weder tele­fo­nisch noch per E‑Mail mög­lich gewe­sen, eine Stel­lung­nah­me zum „Fal­ten-Fritzl-Fall“ (Chef­re­dak­teur Rüdi­ger Ditz) zu bekom­men, gin­gen heu­te eini­ge E‑Mails von spiegel.de-Adressen bei mir ein. Gut, ein Teil davon waren Abwe­sen­heits­no­ti­zen, aber Rele­van­tes war auch dabei.

Chef­re­dak­teur Rüdi­ger Ditz selbst ant­wor­te­te am Nach­mit­tag und erklär­te, man gehe der Sache gera­de nach. Um 18:12 Uhr kam dann eine E‑Mail der Pan­ora­ma-Che­fin Patri­cia Drey­er.

Sie schrieb (wie auch im Ursprungs­ar­ti­kel steht), dass man nach Sich­tung der „Mirror“-Nachricht Kon­takt mit dem (angeb­li­chen) Zitat­ge­ber Oberst­leut­nant Huber-Günst­ho­fer auf­ge­nom­men habe. Der habe die Fra­ge, ob er mit dem „Mir­ror“ gespro­chen habe, ver­neint (was ja als gesi­cher­te Erkennt­nis gel­ten darf).

Gegen­über „Spie­gel Online“ habe Herr Huber-Günst­ho­fer gesagt, er kön­ne die „Geschich­te mit der Creme“ nicht bestä­ti­gen. Auf mei­ne Fra­ge, ob Herr Fritzl denn um Haut­creme gebe­ten habe, hat­te der Oberst­leut­nant ja geant­wor­tet, er habe die Creme gegen­über der „Kro­nen­zei­tung“ als Bei­spiel erwähnt. Was er genau zum Repor­ter der „Kro­nen­zei­tung“ gesagt hat, ist also wei­ter ein wenig unklar.

Und dann beging „Spie­gel Online“ einen klei­nen, aber ent­schei­den­den Feh­ler, der mir genau­so hät­te pas­sie­ren kön­nen:

Aus die­ser Aus­kunft Herrn Huber-Günst­ho­fers uns gegen­über zogen wir den Schluss, dass er sich nicht wie im „Mir­ror“ zitiert geäu­ßert hat­te.

Ob er mit ande­ren Medi­en über das The­ma Fritzl und Fal­ten­creme gespro­chen habe, haben wir Herrn Huber-Günst­ho­fer nicht gefragt.

Die Glei­chung „Mir­ror-Zitat falsch = Mir­ror-Zitat erfun­den“ lag ein­fach auf der Hand. Wer hät­te auch auf die Idee kom­men kön­nen, dass das „Mirror“-Zitat eine etwas holp­ri­ge Über­set­zung eines über­geig­ten „Kronenzeitung“-Zitats war?

Nun gut, „Spie­gel Online“ hät­te auf die Idee kom­men kön­nen:

Wir haben dar­auf­hin den „Mir­ror“ kon­tak­tiert, wo wir die Aus­kunft erhiel­ten, man habe die Infor­ma­ti­on einer Agen­tur­mel­dung ent­nom­men.

Und?

Wir haben kei­nen Ver­such unter­nom­men, die­se „Agen­tur­mel­dung“ selbst in Augen­schein zu neh­men, da uns nach den Äuße­run­gen des Herrn Huber-Günst­ho­fer belegt schien, dass die Mel­dung des „Mir­ror“, Fritzl ver­lan­ge nach einer Anti-Fal­ten­creme, so nicht stimm­te.

Mist!

In ihrer E‑Mail schrieb Frau Drey­er, es sei „ohne Zwei­fel ein Ver­säum­nis“, dass man den Arti­kel der „Kro­nen­zei­tung“ nicht gekannt habe. Das hät­te ande­rer­seits schon fast kri­mi­na­lis­ti­schen Ein­satz erfor­dert, denn selbst in der Agen­tur­mel­dung von Cen­tral Euro­pean News (CEN), wo man die Mel­dung aus der „Kro­nen­zei­tung“ für den eng­lisch­spra­chi­gen Markt über­setzt hat­te, fehl­te jeder Hin­weis auf die „Kro­ne“. Und in den Medi­en, die die Infor­ma­tio­nen von CEN wei­ter­ver­brei­te­ten und flei­ßig Details dazu erfan­den, fehl­te jeder Hin­weis auf CEN.

Nach Anga­ben von Frau Drey­er war­tet man bei „Spie­gel Online“ im Moment auf eine Ant­wort, von wel­chem „Gefäng­nis­ver­ant­wort­li­chen“ sich CEN die Zita­te hat­te bestä­ti­gen las­sen.

Für uns war Herr Huber-Günst­ho­fer heu­te bis Stand Absen­dung die­ser Mail nicht zu errei­chen.

Unter­des­sen hat „Spie­gel Online“ den Vor­spann des Tex­tes gekürzt und den Arti­kel mit fol­gen­der Anmer­kung ver­se­hen:

Anmer­kung der Redak­ti­on: SPIEGEL ONLINE hat eine zunächst in die­sem Arti­kel publi­zier­te For­mu­lie­rung, „Neu­ig­kei­ten“ über Fritzl wür­den „erfun­den“, ent­fernt.

Quel­le der vom „Mir­ror“ publi­zier­ten Agen­tur­mel­dung war offen­bar ein Bericht in der öster­rei­chi­schen „Kro­nen­zei­tung“, der gegen­über Erich Huber-Günst­ho­fer angeb­lich bestä­tig­te, Fritzl habe nach einer Haut­creme ver­langt – was er SPIEGEL ONLINE gegen­über aller­dings demen­tier­te.

Bleibt die Fra­ge, wel­che Rele­vanz eigent­lich die Beschaf­fen­heit der Haut des „Inzest-Mons­ters aus Amstet­ten“ („Bild“) hat. Und war­um Mel­dun­gen über ihn (es) offen­bar immer den Umweg über das Aus­land neh­men müs­sen.

[Fort­set­zung folgt bestimmt …]

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Stille Gefängnispost

Die fol­gen­de Geschich­te wird ein biss­chen kom­pli­ziert. Legen Sie also bes­ser schon mal Papier und Blei­stift bereit, wie Sie es beim Betrach­ten der „Lin­den­stra­ße“ oder beim Lesen von John-Gris­ham-Büchern tun, um den Über­blick zu behal­ten.

Josef Fritzl, das darf als gesi­cher­te Infor­ma­ti­on gel­ten, sitzt zur Zeit in der Jus­tiz­an­stalt St. Pöl­ten in Unter­su­chungs­haft. Der als „Inzest-Mons­ter aus Amstet­ten“ bekannt gewor­de­ne Mann war­tet dort auf sei­nen Pro­zess, der Ende des Jah­res begin­nen soll.

Der „Dai­ly Mir­ror“, eine die­ser gru­se­li­gen bri­ti­schen Bou­le­vard­zei­tun­gen, berich­te­te am Diens­tag, Fritzl habe den Gefäng­nis­arzt um Anti-Fal­ten-Creme gebe­ten. Noch am sel­ben Tag nahm Bild.de die Geschich­te dank­bar auf und erfand noch hin­zu, Fritzl habe „wohl kein Spiel“ der Fuß­ball-EM ver­passt.

Inzest-Drama von Amstetten: Josef Fritzl verlangt im Knast nach Anti-Falten-Creme

Fast zeit­gleich berich­te­te „Spie­gel Online“ über den „Mirror“-Artikel und war­te­te mit einem über­ra­schen­den Twist auf:

Der Gefäng­nis­spre­cher weiß nichts davon. Auf Nach­fra­ge von SPIEGEL ONLINE sag­te Huber-Günst­ho­fer, er habe nie mit dem „Dai­ly Mir­ror“ gespro­chen.

Er kön­ne sich nicht erklä­ren, wie die bri­ti­sche Zei­tung dazu kom­me, ihn zu zitie­ren.

An die­sem Punkt wäre es eine schö­ne Geschich­te fürs BILD­blog gewe­sen: „Bild.de schreibt eine Falsch­mel­dung des ‚Dai­ly Mir­ror‘ ab“.

So ein­fach aber war es nicht: der „Mir­ror“ war längst nicht das ein­zi­ge bri­ti­sche Medi­um, das über die Anti-Fal­ten-Creme berich­tet hat­te. Neben diver­sen Bou­le­vard­me­di­en fand sich die Mel­dung auch beim renom­mier­ten „Dai­ly Tele­graph“ – und die wer­den ja kaum unge­prüft aus dem „Mir­ror“ abschrei­ben.

Über­haupt stand ja schon bei „Spie­gel Online“:

Mit die­ser Aus­sa­ge kon­fron­tiert, teilt der „Dai­ly Mir­ror“ mit, man habe die Infor­ma­tio­nen „einer Agen­tur­mel­dung“ ent­nom­men.

Eine Nach­fra­ge beim „Tele­graph“ ergab: Die Agen­tur, die die­se Mel­dung ver­brei­tet hat­te, heißt „Cen­tral Euro­pean News“ (CEN) und sitzt in Wien. Kein deut­scher Jour­na­list hat je von ihr gehört. Dort war man sehr freund­lich und koope­ra­tiv und teil­te mir mit, die Nach­richt aus der öster­rei­chi­schen „Kro­nen­zei­tung“ zu haben.

Und dort stand am 12. Juli 2008:

Kurze Spaziergänge im Hof - Einziger Wunsch: Hautcreme - Häftling Fritzl verpasst keinen Bericht über seine Horrortaten!

„Der ein­zi­ge Extra­wunsch von Josef Fritzl war bis­her eine Haut­creme“, so Oberst­leut­nant Erich Huber-Günst­ho­fer von der Jus­tiz­an­stalt St. Pöl­ten.

Bevor CEN die Mel­dung an den „Dai­ly Mir­ror“ schick­te, habe man extra noch mal bei den Gefäng­nis­ver­ant­wort­li­chen nach­ge­fragt und sich die Zita­te bestä­ti­gen las­sen, so die Agen­tur. Ent­spre­chend über­rascht sei man des­halb auch über den Arti­kel bei „Spie­gel Online“ gewe­sen: zwar stimmt es ja wohl, dass der Gefäng­nis­spre­cher nicht mit dem „Dai­ly Mir­ror“ gespro­chen hat – aber das muss­te er ja auch nicht, weil es sich ja eigent­lich um eine Mel­dung der „Kro­nen­zei­tung“ gehan­delt hat­te. Und mit deren Repor­ter hat Oberst­leut­nant Huber-Günst­ho­fer dann schon gespro­chen, wie er mir auf Anfra­ge bestä­tig­te. Die viel­zi­tier­te Haut­creme habe er aller­dings schon im Gespräch mit der „Kro­nen­zei­tung“ eher bei­spiel­haft genannt, um auf die All­täg­lich­keit von Fritzls Wün­schen hin­zu­wei­sen.

Die Behaup­tun­gen („Kro­nen­zei­tung“, „Dai­ly Mir­ror“, „Bild“), dass Fritzl vor allem oder aus­schließ­lich Berich­te über sich selbst lese oder schaue, bezeich­ne­te Erich Huber-Günst­ho­fer im Übri­gen als über­trie­ben: Die Fern­se­her in den Zel­len ver­füg­ten über 22 Pro­gram­me und da es kei­ne 24-Stun­den-Über­wa­chung gebe, wüss­te auch die Gefäng­nis­ver­wal­tung nicht, was sich ein Gefan­ge­ner da genau anse­he. Glei­ches gel­te für Zei­tun­gen: „Ob er die Wit­ze­sei­te oder den Sport­teil liest, kann ich Ihnen nicht sagen.“

Es blei­ben frei­lich immer noch ein paar Fra­gen offen:

  • Wie­so muss eine Mel­dung der öster­rei­chi­schen „Kro­nen­zei­tung“ erst einen Umweg über Eng­land neh­men, ehe sie von „Bild“ auf­ge­grif­fen wird?
  • War­um hat „Spie­gel Online“ nicht nach der Agen­tur­mel­dung gesucht, auf die sich der „Dai­ly Mir­ror“ beru­fen hat?
  • Wie wur­de eigent­lich aus der „Haut­creme“ (Huber-Günst­ho­fer, „Kro­nen­zei­tung“) die „Anti-Fal­ten-Creme“ („Bild“)?

Ach, letz­te­res lässt sich ganz leicht durch einen klei­nen Über­set­zungs­feh­ler bei CEN erklä­ren, den der „Dai­ly Mir­ror“ ahnungs­los auf­ge­grif­fen und Bild.de eben­so ahnungs­los zurück­über­setzt hat:

Incest mons­ter Josef Fritzl is a fre­quent visi­tor to the pri­son doc­tor to com­plain about aches and pains and has asked for a sup­p­ly of anti aging face cream.

Meh­re­re Ver­su­che, mit den Ver­ant­wort­li­chen bei „Spie­gel Online“ Kon­takt auf­zu­neh­men, ver­lie­fen erfolg­los. Unter­des­sen hat Bild.de den Arti­kel off­line genom­men und CEN hat ange­kün­digt, sich wegen fal­scher Unter­stel­lun­gen bei einer ent­spre­chen­den Stel­le (falls es so etwas wie eine „Ger­man Press Asso­cia­ti­on“ gibt) über „Spie­gel Online“ beschwe­ren zu wol­len.

Mit Dank an die vie­len BILD­blog-Hin­weis­ge­ber!

Nach­trag, 18. Juli: Zur Stel­lung­nah­me von „Spie­gel Online“ bit­te hier ent­lang!

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Kennste einen, kennste alle

Ges­tern Abend star­te­te im ZDF mit Woo­dy Allens „Match Point“ die sech­zehn­te Auf­la­ge der „Som­mer­nachts­phan­ta­sien“. In die­ser Film­rei­he zeigt der Sen­der seit 1993 im – Sie ahnen es – Som­mer ero­ti­sche Fil­me.

Viel­leicht hät­te man das dem Men­schen mit­tei­len sol­len, der bei „RP Online“ über die Rei­he schrei­ben muss­te:

Der Vor­stoß des „Zwei­ten“ kommt uner­war­tet. Eigent­lich passt die Serie eher zu Sen­dern wie RTL II oder Vox. Den­noch wagt sich nun auch der als züch­tig bekann­te Sen­der mit sechs mehr oder weni­ger ero­ti­schen Strei­fen wie Woo­dy All­ans „Match­point“ oder Clé­ment Vir­gos „Mein ers­ter Mord“ in neue Gebie­te vor.

Auch sonst wirkt der Arti­kel, der natür­lich von einer 20-teil­i­gen Bil­der­ga­le­rie mit Sze­nen­bil­dern aus den Fil­men der „Som­mer­nachts­phan­ta­sien“ beglei­tet wird, selt­sam schlecht gelaunt und … bie­der:

Auch wenn die Fil­me alle samt nicht aus Deutsch­land stam­men, so hal­ten zumin­dest hie­si­ge Bei­spie­le wie Char­lot­te Roche und ihr Best­sel­ler „Feucht­ge­bie­te“ oder Skan­dal-Rap­pe­rin Lady „Bitch“ Ray mit ihrem tabu­lo­sen Auf­tritt bei „Schmidt & Pocher“ als Argu­men­te für mehr Ero­tik und Sex im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen her.

Sie fin­den die Erwäh­nung von Char­lot­te Roches Roman­erfolg „Feucht­ge­bie­te“ ein wenig arg bemüht? Nun, unter Medi­en­jour­na­lis­ten scheint er gera­de schwer in Mode zu sein, denn auch im „Köl­ner Stadt Anzei­ger“ steht zum Start der „Som­mer­nachts­phan­ta­sien“:

Woo­dy All­ans „Match­point“ ist heu­te (22.15 Uhr) der sof­te Auf­takt der „Som­mer­nachts­fan­ta­sien“, die sich in die­sem Jahr wei­ter in jene „Feucht­ge­bie­te“ wagen, von denen man annahm, sie wür­den näch­tens nur von Pri­vat­sen­dern betre­ten: die blon­de Schau­spie­le­rin Nola (Scar­lett Johans­son) zieht den schö­nen Ten­nis­leh­rer Chris (Jona­than Rhys Mey­ers) in einen Stru­del von Begehr­lich­kei­ten.

Und in der „Welt“ steht über „Match Point“:

Es ist ein eher sof­ter Auf­schlag für eine Film­rei­he, die sich immer wei­ter in Regio­nen vor­wagt, von denen man dach­te, sie wür­den eher von RTL II beackert wer­den. Das ZDF hat die so genann­ten „Feucht­ge­bie­te“ ent­deckt.

Jetzt sagen Sie natür­lich zu Recht, die bei­den Zita­te klän­gen ein wenig ähn­lich. Das könn­te dar­an lie­gen, dass die Arti­kel in der „Welt“ und im „Köl­ner Stadt Anzei­ger“ bei­de von Ant­je Hil­de­brandt geschrie­ben wur­den. Die klei­nen Umfor­mu­lie­run­gen, die die bei­den Arti­kel anfangs unter­schei­den, hören irgend­wann auf, bis bei­de Arti­kel eini­ger­ma­ßen wort­gleich enden.

Wie gesagt: die Arti­kel bei „Welt“ und „Köl­ner Stadt Anzei­ger“ stam­men bei­de von der glei­chen frei­en Jour­na­lis­tin, was man mora­lisch dis­ku­tie­ren könn­te, urhe­ber­recht­lich aber ein­wand­frei ist. Der Arti­kel bei „RP Online“ hin­ge­gen, der sprach­lich und struk­tu­rell an die bei­den ande­ren erin­nert, den hat Frau Hil­de­brandt nach eige­nen Anga­ben nicht geschrie­ben.

Schau­en wir uns die letz­ten drei Absät­ze bei „RP Online“ doch ein­mal im direk­ten Ver­gleich zu den (ins­ge­samt wesent­lich län­ge­ren) Hil­de­brandt-Tex­ten an:

„RP Online“ „Welt“ „Köl­ner Stadt Anzei­ger“
Rich­tig schlüpf­rig wird es dage­gen erst im letz­ten Teil am 11. August. Dann sen­det das ZDF in „Lie­be Mich“ („Lie with me“) einen Strei­fen, der schon bei der Erst­aus­strah­lung auf der Ber­li­na­le 2006 unter ande­rem Auf­se­hen erreg­te. Als „schärfs­tes“ Bett­hup­ferl ver­kauft ZDF-Redak­teu­rin Doris Schren­ner jedoch den kana­di­schen Film „Lie with me“ (auf deutsch: „Lie­be mich!“), der auf der Ber­li­na­le 2006 erheb­li­ches Auf­se­hen erreg­te – in ers­ter Linie wegen sei­ner expli­zi­ten Sex­sze­nen. Als „schärfs­tes“ Bett­hup­ferl bewirbt ZDF-Redak­teu­rin Doris Schren­ner den kana­di­schen Film „Lie with me“ („Lie­be mich!“), der auf der Ber­li­na­le 2006 Auf­se­hen erreg­te – in ers­ter Linie wegen sei­ner expli­zi­ten Sex­sze­nen:
Das ZDF ver­weist in der Dis­kus­si­on um die schärfs­ten „Som­mer­nachts­phan­ta­sien“ in der 16-jäh­ri­gen Geschich­te der Rei­he unter­des­sen auf die Frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le (FSK). Die­se erteilt den Fil­men eine Frei­ga­be ab 16 Jah­ren und stellt dem ZDF damit die Erlaub­nis für eine Aus­strah­lung nach 22 Uhr aus. Fragt man Doris Schren­ner aus der ZDF-Spiel­film­re­dak­ti­on, nach wel­chen Aspek­ten sie und ihr Kol­le­ge Man­fred Etten die Fil­me für die Rei­he „Som­mer­nachts­fan­ta­sien“ aus­wäh­len, ver­weist sie auf das Güte­sie­gel der Frei­wil­li­gen Selbst­kon­trol­le der Film­wirt­schaft (FSK): Frei­ge­ge­ben ab 16 Jah­ren. Fragt man Doris Schren­ner aus der ZDF-Spiel­film­re­dak­ti­on, nach wel­chen Aspek­ten sie und ihr Kol­le­ge Man­fred Etten die Fil­me für die Rei­he „Som­mer­nachts­fan­ta­sien“ aus­wäh­len, ver­weist sie auf das Güte­sie­gel der Frei­wil­li­gen Selbst­kon­trol­le der Film­wirt­schaft (FSK): Frei­ge­ge­ben ab 16 Jah­ren.
Außer­dem errei­che den Sen­der nur äußerst sel­ten Beschwer­de­post wegen zu frei­zü­gi­gen Auf­nah­men. Ein ech­tes Phä­no­men – wenn es dabei bleibt. Beschwer­den, nein Beschwer­den über all­zu frei­zü­gi­ge Auf­nah­men erreich­ten den Sen­der nur sel­ten. Beschwer­den über all­zu frei­zü­gi­ge Auf­nah­men erreich­ten den Sen­der nur sel­ten.

Sogar die fal­sche Schreib­wei­se von Woo­dy Allens Namen in Frau Hil­de­brandts Arti­keln („Allan“) taucht im Text von „RP Online“ wie­der auf.

Mei­ne Fra­ge, wie man sich die­se frap­pie­ren­den Ähn­lich­kei­ten erklä­ren kön­ne, hat „RP Online“ noch nicht beant­wor­tet.

Nach­trag, 17:53 Uhr: Jetzt kam doch noch eine Ant­wort aus der Online-Redak­ti­on. Hier der voll­stän­di­ge, von Gruß­for­meln berei­nig­te Wort­laut:

[S]icherlich hat unser Autor einen Text zu einem The­ma geschrie­ben, das auch Frau Hil­de­brandt bear­bei­tet hat. Ich wüss­te nicht, was dage­gen spricht.

Nach­trag, 9. Juli 2008, 17:05 Uhr: Sie ahnen nicht, wie „RP Online“ jetzt doch noch auf die­sen Blog-Ein­trag (und des­sen Ver­lin­kung bei Ste­fan Nig­ge­mei­er) reagiert hat:

Woo­dy Allan heißt jetzt Allen.

Also dann: „Mein ers­ter Mord“ ist von Nick Gut­he und nicht, wie von Euch behaup­tet, von Clé­ment Vir­go. Die Zeit läuft …

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Nicht wütend genug

Auch bevor er sei­nen Kopf ver­lo­ren hat­te, war der Ber­li­ner Wachs-Hit­ler seit Tagen in der Pres­se. „Bild“ sah mal wie­der eine „Empö­rung in ganz Deutsch­land“ (bei der Abstim­mung auf Bild.de sind der­zeit 77% der Leser der Mei­nung, dass Hit­ler als Wachs­denk­mal „o.k.“ sei) und Michel Fried­man sprang mal wie­der über ein Stöck­chen, das „Bild“ ihm hin­ge­hal­ten hat­te.

Wir haben also in den letz­ten Tagen jede Men­ge über den fal­schen Füh­rer in Ber­lin gehört, gese­hen und gele­sen. Wie üblich durf­te sich jeder, des­sen Empö­rung nur glaub­wür­dig genug vor­ge­tra­gen war, zum The­ma äußern.

Aber ist Ihnen in den letz­ten Tagen und in die­sem Zusam­men­hang mal der Name Ste­phan Kra­mer begeg­net? Ste­phan Kra­mer ist Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land und hat­te sich bereits vor gut einem Monat im Gespräch mit der „Net­zei­tung“ zu dem The­ma geäu­ßert:

Kra­mer sag­te zwar, Hit­ler sol­le in Ber­lin kei­ne Tou­ris­ten­at­trak­ti­on wer­den. «Wenn eine sol­che Aus­stel­lung jedoch dabei hilft, unse­re Sicht auf Hit­ler zu nor­ma­li­sie­ren und ihn zu demys­ti­fi­zie­ren, dann soll­te man es ver­su­chen.»

Dazu gehört für den Zen­tral­rat auch die Beschäf­ti­gung mit der His­to­rie: «Zu ver­su­chen, Hit­ler aus der Geschich­te zu löschen, funk­tio­niert nicht und ist kon­tra­pro­duk­tiv», sag­te Kra­mer. Dies mache die Opfer des Holo­caust nicht leben­dig und besei­ti­ge nicht die ver­ur­sach­ten Schä­den und began­ge­nen Ver­bre­chen.

Klingt eini­ger­ma­ßen mode­rat, nicht? Und mög­li­cher­wei­se schlicht zu unspan­nend für die Pres­se, die ja immer auf den gro­ßen Skan­dal aus ist.

dpa und epd haben Kra­mers wich­tigs­te Aus­sa­gen noch am glei­chen Tag geti­ckert, in deut­lich ver­kürz­ter Form tauch­te die Mel­dung Anfang Juni auch in der Ber­li­ner „Bild“ auf. Als es jetzt kurz vor der Erin­ne­rung heiß her ging, erin­ner­te sich kaum noch jemand an Kra­mers libe­ra­le Posi­ti­on.

So stieß ich auf den Namen Ste­phan Kra­mer und sei­ne Mei­nung zum Wachs-Hit­ler in einem Bericht der BBC über die Köp­fung (aus Ste­phan wur­de dort aller­dings Ste­phen).

Dort blieb von der „Empö­rung in ganz Deutsch­land“ auch nur noch ein Neben­satz übrig:

Despi­te some cri­ti­cism in the media, Ste­phen Kra­mer, gene­ral secre­ta­ry of the Cen­tral Coun­cil of Jews in Ger­ma­ny, said he did not object to Hit­ler being shown, as long as it was done pro­per­ly.

Eine kur­ze Recher­che bei Goog­le News ergab, dass Kra­mer in die­sen Tagen genau zwei Mal von der deut­schen Pres­se zum The­ma zitiert wor­den war: heu­te Mor­gen in der „Mär­ki­schen All­ge­mei­nen“ und nach dem Über­griff in der „Erleb­nis-Com­mu­ni­ty“ „Kwick!“

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Das Kaiserreich verliert (mal wieder)

Ach ja, lie­be „WAZ“ in Bochum, wie war das noch mal mit der deut­schen Fah­ne?

Ab 18.30 Uhr wurde es eng. Auch hier alles schwarz-weiß-rot gestimmt, spanische Trikots und die rot-gelbe Flagge der Iberer sah man nur vereinzelt.

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Frau im Spiegel

Viel­leicht wer­den wir nie genau erfah­ren, was eigent­lich vor­ge­fal­len ist in den Redak­ti­ons­räu­men von „Emma“. War­um sich Lisa Ort­gies, die gera­de als neue Chef­re­dak­teu­rin ein­ge­ar­bei­tet wer­den soll­te, nicht „für die umfas­sen­de Ver­ant­wor­tung einer Chef­re­dak­teu­rin“ „eig­net“. War­um eine Fern­seh­jour­na­lis­tin, die „bis dahin noch nie als Redak­teu­rin oder Res­sort­lei­te­rin, geschwei­ge denn als Chef­re­dak­teu­rin gear­bei­tet“ hat­te, „ganz und gar über­ra­schend für alle“ „die Fal­sche zu sein scheint“. Ob der Satz „Im Sin­ne von Lisa Ort­gies wird es hier­zu kei­ne wei­te­re Stel­lung­nah­me von EMMA geben“ viel­leicht das bös­ar­tigs­te Arbeits­zeug­nis aller Zei­ten dar­stellt. Und war­um man bei „Emma“ – ent­ge­gen der eige­nen Ankün­di­gung – immer noch nach­tre­ten muss.

Aber wenigs­tens erklärt uns Ali­ce Schwar­zer jetzt, war­um die­se Per­so­na­lie so hoch­ge­kocht wur­de:

Auf­merk­sa­men Zeit­ge­nos­sIn­nen wird es nicht ent­gan­gen sein: Im Klei­nen lau­fen die­se Hetz­kam­pa­gnen gegen Ali­ce & EMMA ritu­ell alle paar Jah­re, im Gro­ßen etwa im Zehn-Jah­res-Rhyth­mus. Der Anlass ist belie­big, jeder Vor­wand ist will­kom­men. Zum Bei­spiel eine Per­so­na­lie, die bei jedem ande­ren Ver­lag ein Drei­zei­ler oder eine ein­ma­li­ge klei­ne Glos­se wäre.

Ent­schul­di­gung. Den letz­ten Satz habe ich unvoll­stän­dig zitiert. Frau Schwar­zer hat näm­lich noch ein kna­cki­ges Bei­spiel parat:

Zum Bei­spiel eine Per­so­na­lie, die bei jedem ande­ren Ver­lag ein Drei­zei­ler oder eine ein­ma­li­ge klei­ne Glos­se wäre (wie im Fal­le Spie­gel vor eini­gen Mona­ten).

[via]

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Barfuß im Quark

Okay, die Idee lag nahe, viel­leicht zu nahe.

Aber ich fin­de, man kann einen Arti­kel über den heu­te begin­nen­den Lie­fer­streik der Milch­bau­ern durch­aus so beti­teln, wie es die „Frank­fur­ter Rund­schau“ getan hat:

Bauern im Ausstand: No Milk today

Und wo wir gera­de dabei sind:

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Klappe zu, Affe tot

Düs­sel­dorfs Ober­bür­ger­meis­ter Joa­chim Erwin ist in der Nacht zum Diens­tag ver­stor­ben und da er bereits seit län­ge­rem schwer krank war, lagen die Nach­ru­fe natür­lich schon fer­tig getippt in der Schub­la­de.

Wäh­rend die „Rhei­ni­sche Post“ in sal­bungs­vol­len Wor­ten auf das Leben und Wir­ken zurück­blickt, wäh­rend sogar poli­ti­sche Geg­ner loben­de Wor­te für den wirk­lich nicht unum­strit­te­nen Ver­stor­be­nen fin­den, ent­schied sich die „Neue Rhein Zei­tung“ („NRZ“) für einen ganz ande­ren, eher gewag­ten Weg: über dem Arti­kel des Düs­sel­dor­fer Redak­ti­ons­lei­ters Frank Preuss prangt zwar das Wort „Nach­ruf“, aber eigent­lich han­delt es sich um eine ver­mut­lich lan­ge geplan­te Abrech­nung:

Wer, schwerst­krank und abge­ma­gert, die Öffent­lich­keit wis­sen lässt, dass er am Tag der Arbeit mit Ver­kehrs­pla­nern in sei­nem Gar­ten dis­ku­tiert, löst nicht Bewun­de­rung aus, son­dern Mit­leid. Das gilt auch für den, der immer wie­der ver­kün­det, wie vie­le Urlaubs­ta­ge er der Stadt doch schen­ke. Wenn es um Düs­sel­dorf ging, dann ging es vor allem um ihn: Vor­schlä­ge, die ande­re mach­ten, hat­ten kaum Über­le­bens­chan­cen. Und Erwin genoss über sei­ne gesam­te Amts­zeit die Mär, dass ohne ihn nichts funk­tio­nie­ren kön­ne in die­ser Stadt.

[…]

Erwin, Schnell­den­ker mit stoi­ber­scher Akten­kennt­nis, enor­mem Fleiß und unbrems­ba­rer Ent­schei­dungs­freu­de, aber auch unbe­herrscht und ohne Kor­rek­tiv, war einer, der sich noch selbst ver­göt­ter­te, wenn ande­re ihn längst gelobt hat­ten. Dem es nicht lang­te, Sie­ge still und damit stil­voll zu genie­ßen: „Ich schwim­me auf einer Woge der Begeis­te­rung”, dik­tier­te er Jour­na­lis­ten Ende 2000. Sei­ne Eigen­wer­bung nahm bald krank­haf­te Züge an. Sich selbst zu hin­ter­fra­gen, lag nicht in sei­nem Uni­ver­sum, Kri­ti­ker bügel­te er in oft klein­ka­rier­ter Form ab. Dass erst Sou­ve­rä­ni­tät Grö­ße aus­macht, hat sich ihm nie offen­bart.

Nie Fra­gen, nur Lek­tio­nen

Und als er Rudi Assau­er, dem Mana­ger des FC Schal­ke 04, beim Anblick der Gel­sen­kir­che­ner Are­na einen Vor­trag dar­über hielt, wie man so etwas bes­ser bau­en kön­ne, teil­te der stau­nend Belehr­te das Schick­sal aller Gesprächs­part­ner Erwins: Der glaub­te nicht nur alles bes­ser zu wis­sen, er glaub­te es auch bes­ser zu kön­nen. Joa­chim Erwin stell­te nie Fra­gen, er erteil­te Lek­tio­nen.

Eine Cha­rak­ter­schwä­che, die den Ruf der Lan­des­haupt­stadt in der Nach­bar­schaft als Heim­statt der Groß­spu­ri­gen zemen­tier­te und Ver­su­che regio­na­ler Zusam­men­ar­beit oft im Keim erstick­te. Nie­mand hat­te Lust, sich vor­füh­ren zu las­sen. „Wer nur geliebt wer­den will, kann nichts gestal­ten”, begrün­de­te Erwin und gewähr­te sich so Asyl.

Die Lis­te derer, die er men­schen­ver­ach­tend behan­del­te und belei­dig­te, ist lang. Letz­tes Opfer: die von ihm nicht erwünsch­te Umwelt­de­zer­nen­tin. Mit Medi­ka­men­ten voll­ge­pumpt wur­de er selbst im Ange­sicht des Todes nicht ent­spann­ter, nur im Ton sanf­ter. Man müs­se auch „mal hören, dass man ein Arsch ist”, hat er bei einem Vor­trag einst gesagt. Nur: Wer hät­te sich das in einem Kli­ma der Angst getraut?

In den Kom­men­ta­ren ent­sponn sich sogleich eine aus­gie­bi­ge Dis­kus­si­on (so also kriegt Der­Wes­ten sei­ne Com­mu­ni­ty ans Lau­fen), ob man denn sowas machen kön­ne: ein­tre­ten auf einen, des­sen Leich­nam noch nicht mal kalt ist.

Es gibt Lob für die muti­ge Ent­schei­dung:

Es gibt und gab nicht vie­le Jour­na­lis­ten die sich trau­en einen Teil der Wahr­heit über Herrn Erwin zu schrei­ben. Einer davon war Herr Preuss.

Die meis­ten ande­ren haben geschwie­gen.

Es gibt böse Kom­men­ta­re, die sogar extra das Wort „Schrei­ber­ling“ aus dem „Rat­ge­ber für erzürn­te Leser­brief­schrei­ber“ her­aus­ge­sucht haben:

Der Mann, der da geschrie­ben hat ist ein völ­lig uner­träg­li­cher Mensch, der von nor­ma­len mit­tel­eu­ro­päi­schen Umgangs­for­men offen­sicht­lich noch nie etwas gehört hat. Kein Aus­hän­ge­schild für die Zei­tung, son­dern ein­fach nur ein erbärm­li­cher, medio­krer, klei­ner Schrei­ber­ling, der an das Niveau eines Joa­chim Erwin nie­mals her­an­rei­chen wird.

An die­sem sehr kon­kre­ten Bei­spiel kann man eine zen­tra­le Fra­ge dis­ku­tie­ren, die nicht nur für den Jour­na­lis­mus, son­dern für unse­re gan­ze Kul­tur wich­tig ist: Wie geht man mit Ver­stor­be­nen um, über die man bedeu­tend mehr Schlech­tes als Gutes sagen könn­te? Streng genom­men könn­te man lob­hu­deln­de Nach­ru­fe als unjour­na­lis­ti­sche Lügen­ge­schich­ten brand­mar­ken und sich über die Auf­rich­tig­keit von „Schrei­ber­lin­gen“ wie Frank Preuss freu­en. Ande­rer­seits fal­len Sät­ze wie „eigent­lich war er ja schon ’n Arsch“ für gewöhn­lich frü­hes­tens beim drit­ten Schnaps nach dem Beer­di­gungs­kaf­fee und nicht unbe­dingt am offe­nen Grab.

Das Geheim­nis dahin­ter heißt Pie­tät und sorgt unter ande­rem dafür, dass man die Fra­ge „Wie sehe ich aus?“ mit­un­ter nicht ganz wahr­heits­ge­mäß beant­wor­tet. Wer das für Lügen hält, fin­det es ver­mut­lich auch „auf­rich­tig“, wenn er von unfreund­li­chen Super­markt­kas­sie­re­rin­nen ange­pflaumt wird.

Letzt­lich muss wohl jeder für sich selbst beant­wor­ten, was schlim­mer ist: Ein Nach­ruf, der die For­mu­lie­rung „den wären wir los“ nur unter Anstren­gung ver­mei­det, oder die Staats­trau­er-Ambi­tio­nen von „RP Online“ (nicht unter „Düs­sel­dorf ver­liert sein Herz“ zu haben), „Cen­ter TV“ und WDR. Viel­leicht auch ein­fach bei­des.

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Fischen im Netz

Das Inter­net hat die Arbeit von Jour­na­lis­ten erheb­lich ver­ein­facht: Bin­nen weni­ger Sekun­den kann man Agen­tur­mel­dun­gen auf ihren Wahr­heits­ge­halt über­prü­fen (vor­aus­ge­setzt, man will), uralte Tex­te aus obsku­ren Archi­ven her­aus­su­chen und per E‑Mail Ansprech­part­ner in aller Welt kon­tak­tie­ren. Vor allem aber hat man blitz­schnell Infor­ma­tio­nen über jun­ge Leu­te zur Hand, über die zuvor noch nie­mand geschrie­ben hat – außer sie selbst.

Das fiel mir ges­tern wie­der auf, als ich auf der Inter­net­sei­te des „San Fran­cis­co Chro­nic­le“ einen Arti­kel über einen Stu­den­ten aus Ber­ke­ley las, der am frü­hen Sams­tag­mor­gen ersto­chen wur­de. Schon ohne die Fami­lie des Opfers heim­ge­sucht zu haben, konn­ten die Autoren am Sams­tag­abend eine eini­ger­ma­ßen leben­di­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung des Toten abge­ben:

Chris­to­pher W.*, who loved ’80s music, poker, base­ball and foot­ball, accor­ding to his MySpace page, would have recei­ved his under­gra­dua­te degree later this month and was going to begin gra­dua­te school in nuclear engi­nee­ring at UC Ber­ke­ley in the fall.

[…]

W.* was acti­ve in his fra­ter­ni­ty, ser­ving as vice pre­si­dent and pledge edu­ca­tor.

„Nobo­dy can have a bet­ter set of fri­ends than I do,“ he wro­te on his MySpace page. „I’m a Sig­ma Pi for life.“

W.* lis­ted on MySpace the Bible as one of his favo­ri­te books and Jesus as one of his top inte­rests.

Among his heroes, he lis­ted „Jesus, my mom, my dad, my big brot­her, real­ly wise peo­p­le.“

* Anony­mi­sie­rung von mir

Exkurs: Dass die Opfer eines Ver­bre­chens (eben­so wie die Täter) meist mit vol­lem Namen genannt und auf Fotos gezeigt wer­den, ist im angel­säch­si­schen Jour­na­lis­mus nor­mal. Anders als in Deutsch­land, wo „Bild“ und Kon­sor­ten häu­fig die unrühm­li­che Aus­nah­me dar­stel­len, sind die Prot­ago­nis­ten von Kri­mi­nal­fäl­len in Groß­bri­tan­ni­en und den USA oft auch in den soge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en voll­stän­dig iden­ti­fi­zier­bar. Ent­spre­chend war es lei­der wenig über­ra­schend, dass BBC und CNN im „Fall Amstet­ten“ zu den ers­ten Medi­en gehör­ten, die Täter und Opfer bei vol­lem Namen nann­ten, bevor deutsch­spra­chi­ge Medi­en nach­zo­gen (lesen Sie dazu auch die­sen sehr klu­gen Ein­wurf bei medienlese.com). Exkurs Ende.

Doch zurück zum Toten von Ber­ke­ley und sei­nem MySpace-Pro­fil: Immer­hin hat man beim „Chro­nic­le“ (vor­erst) dar­auf ver­zich­tet, auch Fotos von sei­ner Sei­te zu ver­öf­fent­li­chen. Es ist nicht unwahr­schein­lich, dass sie noch zum Ein­satz kom­men wer­den, denn nie war es ein­fa­cher, an per­sön­li­che Bil­der und Infor­ma­tio­nen von Betrof­fe­nen zu kom­men – „Wit­wen­schüt­teln“, ganz ohne anstren­gen­de Haus­be­su­che, bei denen man Gefahr lau­fen könn­te, im Ange­sicht der Hin­ter­blie­be­nen doch noch Gewis­sens­bis­se zu bekom­men.

Als im Janu­ar eine Bie­le­fel­der Schü­le­rin beim Ski­fah­ren töd­lich ver­un­glück­te, nutz­ten „Bild am Sonn­tag“ (s. BILD­blog) und RTL (s. Indis­kre­ti­on Ehren­sa­che) Pri­vat­fo­tos aus dem Schue­lerVZ-Pro­fil der Toten zur Illus­tra­ti­on ihrer Arti­kel und Bei­trä­ge. Bei Schue­lerVZ muss man sich – anders als bei MySpace – erst ein­mal anmel­den, um die Pro­fi­le der ande­ren Mit­glie­der ein­se­hen zu kön­nen.

Im März brach­te die „New York Times“ ein gro­ßes Por­trät über das Call­girl, das die poli­ti­sche Kar­rie­re des New Yor­ker Gou­ver­neurs Eli­ot Spit­zer been­det hat­te – wei­te Tei­le stamm­ten aus Tele­fon­in­ter­views, die die Redak­teu­re mit der jun­gen Frau geführt hat­ten, ande­re Details und Fotos waren direkt ihrer MySpace-Sei­te ent­nom­men. Patri­cia Drey­er, „Panorama“-Chefin von „Spie­gel Online“ und Ex-Unter­hal­tungs­chefin bei „Bild“, muss­te wenig mehr machen, als den „New York Times“-Artikel noch zu über­set­zen und mit indi­rek­ter Rede zu ver­se­hen, um bei „Spie­gel Online“ einen „eige­nen“ gro­ßen Arti­kel dar­aus zu machen. Wie­der inklu­si­ve aller MySpace-Fotos, die dort plötz­lich mit den Quel­len­hin­wei­sen „AP“ und „AFP“ ver­se­hen waren.

Ende März brach­te die „taz“ einen län­ge­ren Arti­kel dar­über, wie sich „Bild“ immer wie­der bei Stu­diVZ bedient und frag­te auch in der Pres­se­stel­le von Stu­diVZ nach, wie man dort eigent­lich zu dem The­ma ste­he. Die Ant­wort fiel wenig über­ra­schend schwam­mig aus:

Die jour­na­lis­ti­sche Ver­wer­tung von Bil­dern aus Stu­diVZ ist nicht in unse­rem Inter­es­se. Das steht auch ein­deu­tig in unse­ren AGB. Wird den­noch ein Foto von einem unse­rer Nut­zer zu die­sem Zweck unau­to­ri­siert ver­wen­det, so han­delt es sich hier­bei um eine Ver­let­zung der Urhe­ber­rech­te. Der Nut­zer kann gegen das ent­spre­chen­de Medi­um vor­ge­hen.

Doch noch ein­mal zurück zum „San Fran­cis­co Chro­nic­le“, der – das muss man viel­leicht noch mal erwäh­nen – durch­aus zu den ame­ri­ka­ni­schen Qua­li­täts­zei­tun­gen zählt und des­sen Redak­teu­re regel­mä­ßig mit Jour­na­lis­mus­prei­sen geehrt wer­den: In einem wei­te­ren Arti­kel auf der heu­ti­gen Titel­sei­te wer­den dort Aus­sa­gen vom Bru­der des Opfers mit Zita­ten aus dem MySpace-Blog des Toten gegen­über­ge­stellt. Die Aus­sa­ge, der Ver­stor­be­ne sei ein fried­li­cher und reli­giö­ser Mensch gewe­sen, wer­den mit hor­mon- und alko­hol­ge­schwän­ger­ten Par­ty­ge­schich­ten ver­schnit­ten, die für jeden „Chronicle“-Leser drei Maus­klicks weit ent­fernt sind.

Ich muss also mei­ne eige­ne Mei­nung zur infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung, die ich hier schon ein­mal aus­ge­brei­tet habe, etwas ein­schrän­ken: Zwar glau­be ich nach wie vor, dass per­sön­li­che Blog­ein­trä­ge und Par­ty­fo­tos eines Tages für Per­so­nal­chefs wie­der völ­lig irrele­vant sein wer­den (ein­fach, weil es sie von jedem Bewer­ber und dem Per­so­nal­chef selbst geben wird), aber es besteht eben immer die Gefahr, unfrei­wil­lig zum Gegen­stand pseu­do-jour­na­lis­ti­scher Bericht­erstat­tung zu wer­den.

Ich wür­de nicht wol­len, dass, soll­te ich mor­gen unter einem LKW lie­gen, die Zei­tun­gen über­mor­gen mein Leben und Wesen so zusam­men­fass­ten: „Lukas moch­te, wie er auf sei­nem MySpace-Pro­fil schrieb, Acht­zi­ger-Jah­re-Komö­di­en und Musik von Oasis und Phil Coll­ins.“

Nach­trag, 6. Mai: BILD­blog gibt Tipps, wie man sich halb­wegs gegen die Ver­wen­dung von Fotos schüt­zen kann.